Auf dem Dorf.

Ich mag Bayern. Wieder. Das war nicht immer so, eigentlich war es bis Berlin nie so, und davor schien es mir nur in München erträglich, aber Bayern hat sich gewandelt. Das alte Bild, das ab und an noch transportiert wird, von den zurückgebliebenen Kaffbewohnern, die bis zum jüngsten Tag CSU wählen, ihre Kinder schlagen und Alkoholiker sind, das stimmt einfach nicht mehr. Ist zur Folklore verkommen, wird auf dem Oktoberfest nachgeäfft, von Italienern, Düsseldorfern und Australiern.

Gestern habe ich etwa zwei junge Männer kennengelernt, die an meinem ehemaligen Gymnasium Lehrer sind. Wir hatten damals einen 68er, einen netten Deutschlehrer, der sich letztlich umbrachte, und eine engagierte Englischlehrerin. Der Rest waren autoritäre Schinder zwischen Schwarz und Braun, die den alten Blödsinn mit der Ehrfurcht vor Gott noch genau nahmen und Leute, die das Schulgebet doof fanden, exterminierten. Wir hatten alte Nazis, die von SS-Uniformen schwärmten. Wir hatten Leute, die gezielt die Schnitte auf 4,5 runterkorrigierten. Wir hatten Lehrerkombinationen, da konnte man sich ausrechnen, dass man durchfallen würde. I)n Englisch stürzte ich bei einer gewissen, für ihre Heimtücke stadtweit bekannten Lehrerin um drei Notenstufen ab, um dann, als ich eine andere Lehrerin bekam, wieder drei Noten zu steigen. Der Direktor war gnadenloser CSU-Parteigänger. Die jungen Lehrer, die jetzt dort sind, hätten sich zu meiner Zeit allein schon wegen ihres Aussehens als Schüler massiven Ärger eingefangen. Es ändert sich hier alles. Sehr schnell, sehr heftig.



Solange man nicht auf die Dörfer fährt. Gestern war wieder so ein Tag, da ist mir wieder eingefallen, warum ich in den letzten Jahren in Bayern lieber Bergwandern und Bergradeln war. Wewil man nicht durch die Dörfer kommt.

Da hat das Elend der Saufparties nie aufgehört, genausowenig wie die endlose Liste der Wochenendtoten. Noch immer knattern sie mit frisierten Mopeds vorbei, noch immer ist alles voll mit tiefergelegten Polos der Motorsportfreunde Hinterschlunzing, noch immer sind die Strassen voller niedergefahrener Tiere, und einige Marters an meiner Strecke nach Nassenfels sind recht neu. Am Rande des Juras zerfallen immer noch die alten, mit Ketten abgeschlossenen Bauernhöfe, während sich davor das Elend der Toskanabunker ausbreitet. Die Gegend ist reich geworden, auch die Dörfer, jedes Kaff in 30 Kilometer Umkreis wurde gross und üppig, es geht hier nicht anders, aber bei jedem anrauschenden Vollgasdeppen merkt man die Unzufriedenheit, die Agression, das Nichts.

Und das wird sich vermutlich auch nicht so schnell ändern. Denn die niedrige bayerische Abiturientenquote kommt nicht nur aus den armen Schichten, sie kommt vor allem aus den Dörfern, zwischen den Feldern und dem Kriegerdenkmal. Und dieses Bayern wird noch lange brauchen, um sich zu ändern.

Mittwoch, 28. Juli 2010, 01:36, von donalphons | |comment

 
Was würde denn "ändern" bedeuten? Eine Abiturquote von 45% würde die Landflucht verstärken und in den Dörfern nicht nur alte abgelegene Bauernhöfe verfallen lassen. Ob das die bessere Alternative zu tiefergelegten Polos, frisierten Mopeds und alkoholgetränkten Trachtler-Festen und Zeltdiscos ist?

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Naja, die Stadt ist ohnehin überfüllt, da ist kein Platz mehr, zumindest bei uns. Ich weiss es auch nicht, aber ich finde es dort bedrückend. Gerade weil ein paar Leute aus meiner Schule aus solchen Dörfern kamen und es zeitlebens zwischen den Kulturen nicht leicht hatten.

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Abiturquote
Ha, Jahrzehnte war das Burgenland das rückständigste Bundesland in Österreich, seit Menschengedenken links regiert. Bis zum "Großen Sprung Vorwärts". Jetzt rühmt sich der linke Wahlsprengelabgeordnete einer Abitur-(Maturanten-)Quote von 49 % anlässlich der Einweihung einer neuen Feuerwehrspritze. Es ist alles eine Frage der Vorgaben und Organisation. Zum Glück gibt es keine Nachfragen, warum so mancher Nachwuchsmaturant trotz ansprechendem Zeugnis einfach nicht im Arbeitsmarkt unterzubringen ist. Aus meinem Matura-Jahrgang vor 15 Jahren hatte jeder, der sich nicht für ein Studium entschloss, spätestens zur Hälfte des Wehrdienstes einen Arbeitsplatz, die meisten hatte die Wahl zwischen zumindest zweien. Dafür wundert sich niemand, warum sich gerade dieses Bundesland gegen die Zentralmatura mit aller Macht wehrt.

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Und wo sind diese Arbeitsplätze? In Eisenstadt, Oberwart, Neusiedl, oder doch in Wien oder Graz? Oder wo ganz anders?

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In meinem Fall in Pinkafeld bei Oberwart (eine Alternative hätte ich damals auch in Bernstein - ebenfalls bei Oberwart - gehabt). Klar gingen so manche nach Wien. Nur: Heute sind die angesprochenen Nachwuchsmaturanten nicht mal dort unterzubringen und warten auf ein landesparteilich angeordnetes Not-Pöstchen.

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Vollgasdeppen hat es überall. Ich frage mich gerade immer noch, wie jemand im A8 auf meinen kleinen Spitfire über einen ganzen Kilometer hinweg fast bis auf Tuchfühlung auffahren, nach links- und rechts schwänzeln und das ganze mit Lichthupe untermauern kann, wie gestern auf der Landstraße geschehen. Und heute morgen hat einer (außer mit selbst) fast meine Hunde auf dem Gewissen, weil er unbedingt mit röhrendem Motor mitten im Dorf überholen muss, sich dabei verschätzt und mich und meine brav sitzenden Vierbeiner am Strassenrand um gerade mal 30 cm verpasst.

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Saufen, Prügeln, Autofahren - das ist leider kein bayerisches Privileg, sondern praktisch in jeder Landregion zu finden, je abgeschiedener, desto schlimmer. Auch in mir bekannten Westerwalddörfern hat jede Generation ihre Verkehrsopfer zu beklagen: tot, invalid - die Ursache immer zu schnelles Fahren nach zu schnellem Trinken.

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bei 4,5 hätten sie sich beschweren dürfen. das ist nämlich nicht rechtens. notenschnitte sind sozial genormt auf ein bestimmtes intervall der mittelmäßigkeit. da wird so lange rauf und runterkorrigiert, bis der schnitt stimmt. notfalls wird eine arbeit wiederholt (bei 4,5 wäre das wohl so, da die untergrenze in den meisten bundesländern bei 4,0 liegen dürfte), weil nicht sein darf, dass die ganze klasse aus der geliebten norm tanzt. meist werden dann solche arbeiten aber milder bewertet, weil sich lehrer den zuätzlichen stress sparen wollen.
diese verlogene regelung ist übrigens einer der vielen gründe, warum ich mich bei dem gedanken an ein referendariat immer noch erbrechen muss.

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"Am Rande des Juras zerfallen immer noch die alten, mit Ketten abgeschlossenen Bauernhöfe, während sich davor das Elend der Toskanabunker ausbreitet."
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Das ist eigentlich das Schlimmste. Schlimmer als jede Hallenparty der Burschenvereine, schlimmer als jeder "Derrennte" im GTI!

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leider erhebt auch eine abiturientenquote von 50% keinen waldschrat zum weltmann. letztlich produzierten die diversen bildungsoffensiven der letzten jahrzehnte nur kofferträger und arschkriecher für die etagen der macht. mehr als 20% eines jahrganges taugen nicht für ein ernsthaftes studium. mit vielleicht 5% würde ich gerne am tisch sitzen.

ich lebe seit zwei monaten zum ersten mal in bayern und werde wohl auch bald wieder wegziehen. besser als im tunnel zu duisburg ists hier allemal. keine bedrückende enge, bessere musik und essen. schade nur, daß man hier vom wein keine ahnung hat.

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Wenn die Menschen einmal den Mars besiedeln, werden auch dort wieder solche Gemeinwesen entstehen.
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Wählt CSU, die weiss am besten, wie man Unterschicht managt.

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Damals hatte ich auch solche Lehrer.
Vielleicht bin ich auch nur in den Beruf gegangen, um die Kinder nicht mit solchen alleine zu lassen.
Mitterweile ist mir das klar, wenn ich überlege, aus welcher Zeit diese Fossilien kamen, was sie erlebt, was angestellt hatten. Wie soll da eine gesunde Seele herauskommen.

Kleiderordnung gibt es nicht mehr, schön heute. Obwohl meine Mutter immer noch der Meinung ist, dass eine Lehrerin nur im Kostüm unterrichtsfähig sei.

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Ich hatte damals den Eindruck, dass es denen durchaus Spass macht. Zumal es oft genug weit über das hinaus ging, was eigentlich zulässig war. Spätestens da hätte man sich sagen müssen, dass es so nicht geht.

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Als ich in München 1971 auf das Gymnasium wechselte hatten wir eine Klassenstärke von 54 ! Kindern. Unsere Klassleiterin empfing uns mit der Ankündigung, dass es bis Weihnachten nur noch die Hälfte sein würden (damals noch Probezeit bis Dez. und Feb.). Sie hatte recht. Manche Extemporale wurden korrigiert nicht mehr ausgeteilt, sondern nur die Noten verlesen. Mündliche Noten wurden reihenweise nicht bekannt gegeben etc. Die so bis Dezember aussortierten konnten dann auf Wunsch zum Abschluß einen "Massentermin" beim Schulpsychologen bekommen . Dabei wurde in einem Klassenzimmer ein multiple choice test durchgeführt. Anschließend wurde meiner Mutter erklärt, warum ich zu blöd für´s Gymnasium war: Weil ich zuviel fernsehen würde. Nur, wir besassen gar keinen Fernseher.

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Die alten Nazis sind aus der Schule weg, aber die Strukturen der Schule sind ähnlich geblieben. Der Lehrer hat Macht und wer nicht angepasst ist und nicht in das Schema passt hat es schwer. War bei uns an der Grundschule auf jeden Fall so und wenn man sich nicht als Hilfslehrer engagiert fallen viele Kinder hintenrüber, das bedeutet aber ordentlich Stress für die Familien, der Anspruch an die Leistung ist schon höher als früher, es wird mehr Stoff durchgenommen und es gibt weniger Grundlagen. Im achtjährigen Gymnasium ist es der Wahnsinn, die meisten Kinder müssen jeden Tag, das schliesst das Wochenende ein, mehrere Stunden lernen. Pädagogischer Ansatz der höheren Lehranstalt: Wenn ihr zu blöd seid geht woanders hin. Und wer kein Abitur hat braucht sich bei attraktiven Lehrstellen nicht mehr zu bewerben.

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