Donnerstag

Meine ersten journalistischen Schritte habe ich mir bei einem linken Bürgerradio beigebracht. Einfach, weil da keiner war, der einem was beibrachte. Es gab eine sehr gute Schwulensendung, da konnte ich mir etwas abschauen. Es gab sehr viel Raum für Fehler und Berichtigung, wenn man wollte. Das Problem war, dass die anderen nicht wirklich Lust auf Verbesserung hatten. Die anderen, das waren die Gründer des Radios und ihre Palladine, und sehr viel hatte sich dort in Sachen Menschlichkeit seit dem Niedergang der K-Gruppen nicht getan. Sie haben das Radio gegen den Willen der CSU durchgeboxt, damit waren sie zufrieden, und hörten, wenn man Glück hatte, auf. Oder, wenn man Pech hatte, versuchten sie, ihre Vision vin Radio durchzudrücken. Bei der es nicht auf die Qualität, sondern nur auf den Inhalt ankam, oder was sie dafür hielten. Da wurde dann schon mal ein auf der Revox gebauter, aktueller Beitrag verschoben, weil ein Gründer ein 18-Minuten-Interview mit einem seiner Kumpels führte, und die Hörer mit jeder akustischen Folge seiner Rauchsucht erfreute.

Freitag war immer besonders schlimm. Freitag kam die Zeitung Freitag, ein lausig geschriebenes Sektiererblatt, bei dem sich alle Beiträge so lasen, als würden deren Autoren jeden Pfennig für Seife einsparen, um sich feindliche linke Zeitschriften zu kaufen und die dann zu verurteilen. Dummdreiste, hirnlose, linke Dogmatik aus Berlin. Und ein unerschöpfliches Reservoir des Sendergründers, der die ellenlangen und vollkommen radiountauglichen Sermone entweder selbst vorlas oder Leute vorlesen liess, die es ähnlich mies machten. Das sind die Momente, in denen man weiss: Danach kann man den besten Beitrag der Welt bringen, aber da draussen hört keiner mehr zu. Zur Freitag gab es einen erbärmlichen Werbespot, dessen Ausstrahlung das Gegengeschäft für Abo und Nutzungsrechte war. Ich denke, dass die Freitag allein deshalb in München nie eine Chance hatte. Glücklicheweise war danach die Schwulensendung, und ich sass mit deren Mitarbeitern zusammen und lästerte über den alten Psychopathen und seine miesen Nummern, mit denen er jeden rausdrückte, der aus dem Programm etwas besseres machen wollte. Vorlesen aus der Freitag ist so eine Art Holzhammer auf das liberallinke Stammhirn.

Und ich glaube nicht, dass sich da mit dem Relaunch der Freitag unter Herrn Augstein viel geändert hat. Du meine Gute, da braucht eine Bank Geld, die müssen Verbrecher sein. Hauptsache, die linke Weltsicht stimmt, Fakten können nachkommentiert werden. Oder dieser mit Aurufezeichen verseuchte Schulaufsatz zum Papst. Roma Aeterna, kann ich da nur sagen. Ich habe mir wirklich Mühe gegeben, irgendetwas zu finden, was nicht dröge wie tazblogs ist, und ich bin gescheitert. Dafür gibt es 3x2 Einztrittkarten zu Häuslers PR-Show re:publica. Ich habe kein einziges mal gelacht, auch nicht, falls dieses Verschwörungsgeblubber lustig gemeint sein sollte. Ich wurde absolut nicht unterhalten. Lauwarmer, links angehäufter Wortbrei, bitte mit dem Löffel reinschaufeln, Hauptsache die linke Magenhällfte ist voll, Geschmack ist bürgerlich-dekadent, Genosse.

Ich lese eigentlich nur Texte von Menschen, bei denen ich den Eindruck habe, dass sie in ihren Bereichen mehr wissen, amüsant oder generell klüger sind. Meine Ansprüche sind gerade mal so hoch, dass ich Spiegel Online nicht anschaue - es ist also machbar. Aber nicht für den Freitag. Da ist kein einziger Autor, bei dem ich sagen würde: Der sticht da heraus, der ist richtig gut, der überrascht und begeistert, der versteht sich auf Ambivalenz oder Ironie. Und es ist schockierend, wenn das alles ist, was ein wahrlich nicht armer Mensch mit publizistischer Erfahrung auf die Reihe bekommt. Arme, dumme Linke. Man könnte sie immer noch ausdrucken und über ein Radio vorlesen, um damit Schwule zu ärgern, die auf ihre Sendung warten.

Das Radio nach einer Weile und einem Verweis wegen "bildungsbürgerlicher Dekadenz" - ich hatte ein Buch über hochgotische Gewölbe besprochen - zu verlassen, war eine sehr gute Entscheidung.

Montag, 9. Februar 2009, 20:43, von donalphons | |comment

 
Mit Verlaub, der Sonneborn-Artikel zum Parteibuch ist okay.
Man kann über die TITANIC denken was man will, aber dieses Land braucht die Jungs ganz dringend.

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Nein. Dieses Land bräuchte erheblich bessere Jungs. Wenn die Linke kein Geld hat, muss sie wenigstens mehr Hirn haben.

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Weiß nich', fand die Freitag auch immer etwas dröge. Aber es gibt so einen Haufen Kommentatoren, da sind zwangsläufig auch Bessere dabei. Und die linke Medien-/Zeitungslandschaftist ohnehin so miserabel (man siehe sich nur die Jungle World an...), dass nach diesen Maßstäben der Freitag durchaus lesbar ist, will man eine grundsätzlich andere, kritische Perspektive.

Aber gut, dieser verwechselbare Internetauftritt muss wirklich nicht sein. Da gefiel mir die alte sehr einsnullige Version deutlich besser.

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Die Linke hat mehr Hirn, sie kann es nur nicht so zeigen.

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Tatsächlich einfach langweilig und banal

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Also, mir hat's gefallen.

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Köhler, Kurz, Fülberth sind lesenswert und zwar nicht wegen Originalität oder Ablachfaktor, sondern weil sie stoisch ein Feld beackern, das andere mit revisionistischer Jauche befluten. Aber Augstein scheint die auch langsam auszusieben.

Der Relaunch ist wirklich scheisse.

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Keine Ahnung, aus welcher Zeit Deine Bekanntschaft mit dem Freitag herrührt, aber der Freitag der frühen 90er war für mich eine durchaus niveauvolle linksintellektuelle Zeitung. Zu diesem Zeitpunkt war aber auch die Erbmasse des "Sonntag" noch deutlich spürbar.
Es gab um die Wiedervereinigung herum und eine Weile danach noch eine ganze Reihe interessante journalistische Projekte; ich erinnere mich z.B. noch sehr deutlich an die Ost-taz.

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98/99. Ich fand das alles sehr verkniffen, gehaltlos und theorielastig.

Und die taz empfinde ich zunehmend als Ärgernis, seitdem ich deren Blogversuche und gewisse Kotzfressen erlebt habe.

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Gut, das war dann deutlich später. Der "Sonntag", aus dem der Freitag ja hervorging, war in der DDR die Zeitung des Kulturbundes gewesen. Der Kulturbund war eine der berühmten "Nischen", in denen sich z.B. ein gewisses Maß an Bürgerlichkeit konservierte. Das schlug sich dann auch im "Sonntag" nieder und fand sich im frühen "Freitag" ebenfalls. Aber so ab ca. 1993 habe ich das dann etwas aus den Augen verloren.

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ja, der kulturbund.

das waren die, die auch mitmachten, das aber nicht so deutlich zeigen wollten*) . man kennt sich dort übrigens noch immer, war doch nicht alles schlecht in der ddr.
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*) war vermutlich auch die absicht der sed, eben diese leute mit angenehmen posten zu ködern, um sie dann umso besser im auge behalten und verwenden zu können. über die besetzung von chefredakteursposten entschied der ministerrat der ddr.

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Unter den tazblogs möchte ich den Aushilfshausmeister ausnehmen (wenngleich ich ihn nur sporadisch lese). Hoeges Stil des kumulativen Exzesses kultiviert Biologien der Phänomene, die in wilder Interaktion zu bizarren Bildern und exorbitanten Einsichten führen. Immer mitlaufend ein fading out, das die eigenen Thesen entsorgt. Hoege hat für Unterschichten geleistet, was Gastgeber an Oberschichten vorführt.

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Bekannt wurde Hoege Mitte der 70er Jahre durch die drei Bände "Neues Lotes Folum", neben den "Schwarzen Protokollen" die wichtigste Dekonstruktion der seinerzeitigen Partei- bzw. Guerilla-Aufplusterungen.

Hoege besass ein Pferd, um, wie er sagte, den Kontakt zur Realität nicht zu verlieren. Mit seinem Pferd zog er vom Vogelsberg Richtung Südfrankreich und verdingte sich bei Bauern. Dies wird im dritten Band beschrieben.

Als in Kronberg ein Wohnwagencamp aufschlug und gleichzeitig im Frankfurter Ostpark ein Zigeunerkhan beerdigt wurde, streifte ich als Hoegeforscher zwischen beiden Plätzen hin und her. Josef Wintjes veröffentlichte meine Recherche in seinem Ulcus Molle Info.

Wie sich kurz darauf heraus stellte, waren Hoege und ich auf derselben Route unterwegs. Er besaß eine geniale Bibiothek, deren Gewicht sich durch Anstreichungen und Tabakspuren verdoppelt hatte. Ich bin noch heute für die damaligen Lektüren dankbar.

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Ich verstehe sowieso nicht, warum sich ein umgekrempeltes Medium die ganze olle, lange und wirklich nicht gute Geschichte antun muss. Abos mitnehmen, Beuanfang, Tabula Rasa, und statt alter Strukturen neue Hoffnungsträger. Kann schon sein, dass ich etwas überlesen habe, aber wenn dem so ist: nach vorne mit dem Guten und nach hinten mit dem Brei.

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Und was den Hausmeister angeht: Die Natürlichkeit des Berliner Niedergangs deprimiert mich nur. Ich mag das nicht lesen. Ich mag Geschichten satter Menschen, ich mag dicke Männer um mich und keine kriminellen Albaner. Und ich denke, meine Welt hat auch ein Recht auf Aussendarstellung.

(selbst wenn sie sich mit manikürten Händen dagegen wehrt)

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In seiner Hegelianisierung Ricardos hatte Marx die Zauberformel gefunden, eine nichtsbesitzende allesproduzierende Klasse könne eine klassenlose gesamtarbeiterische Menschheitsgesellschaft erzeugen.

Da der marxsche Moment historisch versäumt, besser, schon immer fragwürdiges theoretisches Konstrukt gewesen war(d), haben wir es stattdessen mit, krisenbedingt wachsenden, aus der gesellschaftlichen Reproduktion herausfallenden Unter- und Oberschichten zu tun, deren Verwahrlosung, vom Ambiente abgesehen, ziemlich spiegelbildlich ausfallen dürfte. Da die Unterschichten ihre ökonomische Basis seit den 70er Jahren einbüßten, sind sie den Oberschichten um 30 Jahre voraus. Hält die Albanisierung der Oberschichten dreißig Jahre an, sind verheerendere Auswirkungen zu befürchten, als von Unterschichten bereits entwickelt.

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exurbia,

da bin ich mit dem alten kauft kämme, es kommen lausige zeiten ein geradezu unverschämter optimist.

ich wollte ja schon wissen, wohin die reise geht. könntest du deine allgemein gehaltene aussage etwas präzisieren, bitte?

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Die Krise nimmt wieder mächtig Fahrt auf. Von UBS und RBS reden wir schon nicht mehr. Sondern gleich von US- und Osteuropa-Dämmerung. Großbritannien spricht offiziell von mindestens 15 Jahren Krise. Vergangenes Jahr büßten die Oberschichten weltweit an die 100 Billionen Dollar ein. Das rückt deren Reaktionsweisen, wie Don sie beschreibt, ins Zentrum des Interesses.

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Helmut Höge? Der Mann ist jenseits von Gut und Böse. Im Januar hatte ich das Pech, einen unfassbaren Text von dem Typen zu lesen, in dem er Richard Dawkins als „Goebbels der Darwinisten“ und nebenbei als „arme Sau“ bezeichnete. Eine unfassbare Mischung aus wissenschaftlichem Volldeppentum, evolutionsbiologischer Ignoranz, Überheblichkeit und Obszönität. Und das kam sowohl in der Zeitung als auch im Blog. Nein danke.

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Jetzt klick ich da halt wo hin und da steht "der blog" und ich klick auch schon wieder weg.
Aber vielleicht kriegt es der Jakob ja hin. Die Print-Version hab ich nicht gesehen, online ist es eher ein pallawatsch.

Und dafür
Arme, dumme Linke. Man könnte sie immer noch ausdrucken und über ein Radio vorlesen, um damit Schwule zu ärgern, die auf ihre Sendung warten.

vielen Dank.
So lauthals in den Computer gelacht hab ich schon lang nicht.

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der Blog

Yep - das war der Moment in dem ich auch dachte "Herrgottsakrakruzifix, kann denen nicht mal jemand beibringen, daß es immer noch das Blog heißt"? Ach so - soll ein Gag sein, weil es so gut zu "Der Freitag" paßt? Nein, geht auch nicht. Geht gar nicht.

Ansonsten habe ich auch noch nichts weltbewegendes gefunden (jedenfalls online nicht, die Print-Version habe ich auch nicht).

Nachtrag: Technisch gibt es wohl auch noch einige Probleme - nach jedem Seitenwechsel meldet mir der Fuchs ein nicht antwortdendes Skript... kommentieren funktioniert nur scheinbar... der "mehr" - Link am unteren Blogrand erzeugt einen "internal server error"... eieiei - die haben noch gut zu tun würde ich sagen.

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meinetwegen könnten die auch photostrecken bringen wie sie auf gandhi-bilder masturbieren. fände ich auch noch gut. die "linke" presse in deutschland dagegen, ich will kotzen. bis auf dieses gremliza blatt. wie hiess das nochmal. husthust.

um es kurz zu fassen, ein jämmerlicher witz, was da alles firmiert. zwischen abgefuckten sektierern und ökofaschistischen neomitläufern gibts nix. da freut man sich doch über jede verstärkung.

oder sehe ich das doch zu.... "agitiert" ?

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Nein, man darf das unter Freunden. Tucholsky sagt:

Die Wahrheit ist ein Ding, hart und beschwerlich,
und in höchstem Masse feuergefährlich.
Brenn damit nieder, was da morsch ist,
und wenn´s Dein eigner Bruder Schorsch ist.

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Mir ist ganz und gar schleierhaft, wie Du jemandem beipflichten kannst, der die maximal linksextreme "konkret" gut findet (das "Gremliza-Blatt"), wie Du auf der anderen Seite aber den viel liberaleren Freitag für "dummdreiste linke Dogmatik" halten kannst. Wirklich.

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wäre überhaupt einmal eine gesonderte betrachtung wert, die kinder der milliardäre als finanziers der linken presse unter besonderer berücksichtigung des vaterkomplex.

herr reemtsma ist so einer, der sich in eine zeitschrift einkaufte, weil er veröffentlichen wollte. der augstein jakob ist auch so ein fall, er kann es sich eben leisten, ein marodes blatt zu übernehmen. ist sein geld und seine chance, sich als blattmacher zu beweisen.

ideen hat er, oder lässt sie haben. die integration blatt - internet-auftritt geht hier weiter als irgendwo sonst. billigere mitarbeiter als die blogger und kommentatoren, die da so freundlich um mitwirkung gebeten werden, gibt es kaum. vielleicht ist das tatsächlich die zukunft, von der presse zur community.

was abschreckt, sind weniger die beiträge, das mit der zusammenarbeit mit dem guardian war mehr als ein scoop, als vielmehr das, was im impressum steht:

Verleger Jakob Augstein
Herausgeber Daniela Dahn, György Dalos, Frithjof Schmidt, Friedrich Schorlemmer


wer und was eigentlich steckt hinter dem "hintergrund", den ein verlag selbrund in ffm herausgibt?

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Tscha - die FAZ ist der Freitag natürlich nicht ...

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..überzogen
Die Kritik am vergangenen Freitag finde ich aufs gröblichste überzogen. Neben vielen Langweilern, die es hier auch gibt, waren ungewöhnlich viele Autoren/Beiträge mit ganz ungewohnten Perspektiven auf die Dinge enthalten. Kein Blog, eher eine Zeitschrift im Internet, aber einige Autoren ausgezeichnet.

Und so sehr ich diesen Blog schätze: zum Niveau eines Otto Köhler fehlen Lichtjahre...

Helmut Hoege ist auch einer meiner Lieblingsautoren. Ich kenne sonst Niemanden mit dieser Art von lakonischer Konsequenz und der Fähigkeit, scheinbar weit auseinander liegende derart zueinander in Beziehung zu setzen, dass man zu ganz neuen Einsichten kommt.

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Mon Dieu, Kotzfressen ... Kann sein. Kennen Sie Detlef Kuhlbrodt, ich mein jetzt nicht persönlich, sondern als taz-Blogger. Das ist sehr Berlin, kultiviert so ein bisschen die beautiful looser. Schlägt poetisches Kapital aus Resten + Ruinen. (Zwar keine silbernen Teekannen, sondern verwaiste Fahrräder, den Unterschied macht vielleicht eher das Milieu als die Haltung zur Welt, oder?) Wo Don Alphonso lustvoll auf die Pauke haut, schlägt er die Triangel + wundert sich. Apropos Musik, er ist schon sehr geprägt von den achtzigern, von diesem ganzen PopundDiskursgedöns, aber darauf kommts nicht an. Es ist die Haltung. Häufig hat er wohl keine Lust zu schreiben, deshalb empfehl ich allerwärmstens Morgens leicht, später laut, eine Sammlung von - müsst ich jetzt nachschauen - Blogbeiträgen oder Zeitungstextchen. Gleich am Anfang übrigens findet sich "Allein als Hase", auch ein wunderbarer Kommentar zu Kunstfiguren etc., so ungefähr: "Man fühlt sich ja auch immer etwas unpassend im albernen Kostüm seiner selbst."

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