Altes Europa

Ich finde in Österreich oft sehr viel schauderhaftere Ecken als im überrestaurierten Prag. Wien zum Beispiel ist ein einziger Albtraum, nichts von wegen wie schön wäre Wien ohne Wiener - wenn man es den Türken gelassen hätte, wie man Berlin den Russen hätte schenken sollen, mit Marshallförderung obendrauf, wäre es auch nicht schlechter gewesen. Aber auch Salzburg und Innsbruck haben Nachts so ihre Ecken, die man vermutlich nur als Eingeborener nicht als bedrohlich und kafkaesk begreift.









Dass ich doch eine Nacht hier war, hat mit den spontanen Einfällen von Leuten auf der Durchreise zu tun; Innsbruck hat sich da als Treffpunkt angeboten, denn in München hatten sie keine Zeit, und nach Italien wollte ich dann auf die Schnelle doch nicht. Da waren wir dann, und als mein Husten in der kalten Luft nicht wirklich besser wurde, fragten sie, ob wir nicht besser zurück ins Hotel sollten. Und ich sollte doch nicht so nachlässig mit meiner Gesundheit sein, das könnte einen bei ihnen - in den USA - schnell ruinieren. Trotz Krankenversicherung.

Nun habe ich mit der dortigen Nichtversorgung von Kranken schon mal einschneidende Erfahrungen gemacht, und würde ich aus politischen Gründen nicht hinfahren, würde ich das Land auch wegen der Risiken in Sachen Gesundheit eher meiden. Aber dass Leute auch mit Versicherung noch mit hochansteckenden Krankheiten in die Arbeit gehen, weil sie sich sonst die Medikamente für ihre andere, chronische Krankheit nicht leisten können...

You're kidding?

No.

But you can't go to the office! Everyone else will get sick!

Well.

Auskurieren. Das muss man sich dort erst mal leisten können. Gar nicht so einfach in einem Land, in den praktisch jeder Schulden in erklecklicher Höhe hat.









Dieses alte Europa, es sieht mitunter bedrohlich aus. Es mag knirschen und bröckeln, die Währung steht nicht gut da, und es gibt genug Probleme, die schnell ausgeräumt werden müssen. Es gibt sogar Leute, die krank in die Firma rennen, nur um als hart und leistungsbereit zu gelten.

Aber bevor man daran krepiert, wird einem hier geholfen. Unsere Krise ist besser als deren Normalität. Daran sollte man immer denken, bei den guten Ratschlägen aus Amerika.

Mittwoch, 9. November 2011, 23:31, von donalphons | |comment

 
"Unsere Krise ist besser als deren Normalität. Daran sollte man immer denken, bei den guten Ratschlägen aus Amerika."

Allerdings! Dürfte ich dieses um "... guten Ratschlägen aus aus der anglo-amerikanischen Welt" erweitern?

Es ist teils eklatant, wie sich insbesondere seit einigen Wochen der Tonfall auch und besonders im Netz, und da wiederum in diversen bekannten Blogs sehr unangenehm verändert hat, hin zu einer Art der Schreibe, die von verklärend nationalistisch und überpatriotisch über europafeindlich bis extrem antideutsch reicht, letzteres insbesondere ist sehr deutlich bemerkbar im Zuge der Finanz"probleme" letzthin. Zwischenzeitlich "riecht" es im Netz an nicht eben wenigen Stellen englischer und US-amerikanischer Provenienz unangenehm nach 1914 und 1939, vor allem 1939, wenn man sich da so durchwühlt. Vor allem die Deutschen scheinen grad ... nun ... extrem unbeliebt zu sein und in punkto Finanzkrise und diesbezügliches Handeln für eigentlich alles und jedes Ungemach verantwortlich gemacht zu werden. Um es sehr dezent auszudrücken.

Aber nun, so ist das wohl, wenn's eng wird und arg. In der Liebe und im Kriege ist bekanntlich alles erlaubt.

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Ja, das hat so etwas von "wenn ihr nicht brav seid kommen wir wieder und machen 4 Zonen aus Euch". Wobei man es fast verstehen kann: Da gehen die einen unter und die anderen sitzen auf dem geld, die einen zahlen 7% Zinsen und die anderen 1,7 - das nervt.

Ausserdem wissen wir ja auch, was gut für die wäre und warum sie krepieren.

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@ frau jott:
Seit einigen Wochen erst? Das wurde bereits in der Bush-Ära unerträglich, ab 9/11 wurde gegen alles gegeifert, ohne daß große Unterschiede gemacht wurden, in den Anfangszeiten des Irak-Kriegs wurde es noch unerträglicher (man erinnere sich an Freedom Fries).

Spätestens seit den Minderwertigkeitskomplexen ob des verlorenen Irak-Krieges (Vietnam war eh schon schlimm genug) und der Finanzkrise durfte man jeden Immigration Officer mit innerlich aufgepflanztem Bajonett erwarten und einem Bataillon der Homeland Security in Lauerstellung dahinter. Ahnungslosigkeit, Desinformation und Hysterie ergänzen sich da große Klasse.

Wer einmal einen Tag lang Fox anschauen musste, ist als Europäer bedient. Unsere amerikanischen Freunde werden damit 365 Tage im Jahr eingenebelt, und da die anderen Stationen auch nicht besser sind (je kleiner, je evangelikaler und je weiter im Landesinneren, desto schlimmer), muß man sich nicht wundern. Die Vorliebe für die ganz einfache Lösung zeigt sich eben nicht nur in One-Pagern.

Als trotzdem-Freund dieses Kontinents bricht's einem das Herz, und Geraderücken von schiefen Meinungsbildern ist sowas von aufwendig, daß man es nach einiger Zeit lieber läßt - jedes Wort kann gegen einen verwendet werden, und bloß nicht die Klassifizierung 'Liberal' verwenden, damit holt man die McCarthys aus den Mauselöchern.

@donalphons
Das Problem der Krankheitskosten-Absicherung ist für mich eines der größten in den Staaten überhaupt. Da es nicht flächendeckend ist und nicht wie bei uns als Solidarpakt ausgelegt ist, sind selbst dort Versicherte gekniffen, wenn es richtig aufwendig wird. Und unseren lieben Touristenfreunden kann man nur dringend raten , auch für einen Kurzurlaub drüben eine tragfähige Auslandskrankenversicherung abzuschließen. Ich erinnere mich an einen Beinbruch in New York, der mal eben 20.000 $ kostete. Und ohne Kreditkarte (mindestens) werden sie als Ausländer erst garnicht vernünftig behandelt.

Ich bedaure zutiefst, daß Obama es bis jetzt nicht geschafft hat (erwartungsgemäß) eine wirklich Allgemeine Krankenversicherung auf die Beine zu stellen. Man würde ihm - wenn die üblichen zehn Jahre der Verteufelung vorbei sind - an jeder Ecke dafür ein Denkmal errichten.

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