Dienstag, 12. Juli 2005
Kreuzgang
200 Kilometer südlich von Berlin sollte man tunlichst nicht auf die Idee kommen, jenseits der Autobahn eine Tankstelle zu suchen. Kleinere Käffer haben allenfalls einen Bäcker oder etwas grüne Wiese, aber keine Tankstelle. Allenfalls, wenn man ohnehin vorhat, nach Naumburg zu fahren, kann man es wagen, den Tank weitegehend leer zu fahren. Naumburg hat dank seiner historischen Rolle und der intakten Altstadt, sowie einer berühmten Plastik der späten Romanik so etwas wie Fremdenverkehr, und deshalb wohl auch eine Tankstelle. Und natürlich den Dom, an dem viel zu viele auf der A8 Richtung München vorbeirasen. Mit einem schlichten, aber gelungenen spätromanischen Kreuzgang.

Der Weg zurück zur A8 führt wegen einer grösseren Baumassnahme durch Sachsen-Anhalts Pampa Richtung Osterfeld. Und dann kommen eben diese kleinen Städte, an deren Rand eine aufgelassene Fabrik den Reigen des Niedergangs eröffnet. Danach zieht sich der Zerfall Haus für Haus in den Ortskern, alles unbewohnt und marode. Niemand macht sich hier noch die Mühe, etwas zu vermieten. 15 Häuser, eins nach dem anderen, alle historische Bausubstanz, die Türen eingeschlagen, baufällig, verrottet, egal.
Am Ende dann ein Haus, in dem sich eine Werbeagentur niedergelassen hat. Noch ist sie da, in der langen Folge von Zerstörung und Aufgabe. Aber was hier beworben werden soll?
In der Zeit, als man den Kreuzgang baute, zog man die Bewohner mit speziellen Förderprogrammen in diese Region. Vielleicht sollte man den Arbeitslosen, den Faulen, den chancenlosen Kreativen ein anderes Angebot als teure Adobe-Fortbildungen anbieten. Die verlorene Generation hier herziehen lassen, steuerbefreien und die Unterkunft geschenkt, wenn sie es herrichten. Dann können sie nach ihrer Facon leben, und der Staat spart sich ganz nebenbei die Enstorgung ganzer Landstriche.
Nach Berlin sind es zwei Stunden mit dem Auto, die Lebenshaltungskosten sind niedrig, und wenn die richtigen Leute zusammenkommen, kann es eine hübsche Kolonie der Moderne im Niedergang werden. Und ich muss mich daheim am Abend dann nicht über den Munich Area Dreck ärgern, den die mir per Mail schicken. Wir haben viel Platz im Osten und viele unvermittelbare Kreative und New-Eco-Restbestände im Westen. Das gilt es zusammenzuführen. Da gibt es Synergien. Und wenn es dann so richtig gut läuft, verkloppen wir das Ganze an die Rumänen gegen ein Stück Wald in Siebenbürgen...

Der Weg zurück zur A8 führt wegen einer grösseren Baumassnahme durch Sachsen-Anhalts Pampa Richtung Osterfeld. Und dann kommen eben diese kleinen Städte, an deren Rand eine aufgelassene Fabrik den Reigen des Niedergangs eröffnet. Danach zieht sich der Zerfall Haus für Haus in den Ortskern, alles unbewohnt und marode. Niemand macht sich hier noch die Mühe, etwas zu vermieten. 15 Häuser, eins nach dem anderen, alle historische Bausubstanz, die Türen eingeschlagen, baufällig, verrottet, egal.
Am Ende dann ein Haus, in dem sich eine Werbeagentur niedergelassen hat. Noch ist sie da, in der langen Folge von Zerstörung und Aufgabe. Aber was hier beworben werden soll?
In der Zeit, als man den Kreuzgang baute, zog man die Bewohner mit speziellen Förderprogrammen in diese Region. Vielleicht sollte man den Arbeitslosen, den Faulen, den chancenlosen Kreativen ein anderes Angebot als teure Adobe-Fortbildungen anbieten. Die verlorene Generation hier herziehen lassen, steuerbefreien und die Unterkunft geschenkt, wenn sie es herrichten. Dann können sie nach ihrer Facon leben, und der Staat spart sich ganz nebenbei die Enstorgung ganzer Landstriche.
Nach Berlin sind es zwei Stunden mit dem Auto, die Lebenshaltungskosten sind niedrig, und wenn die richtigen Leute zusammenkommen, kann es eine hübsche Kolonie der Moderne im Niedergang werden. Und ich muss mich daheim am Abend dann nicht über den Munich Area Dreck ärgern, den die mir per Mail schicken. Wir haben viel Platz im Osten und viele unvermittelbare Kreative und New-Eco-Restbestände im Westen. Das gilt es zusammenzuführen. Da gibt es Synergien. Und wenn es dann so richtig gut läuft, verkloppen wir das Ganze an die Rumänen gegen ein Stück Wald in Siebenbürgen...
donalphons, 01:51h
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: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :
Freitag, 1. Juli 2005
VW-Skandal? Find ich super!
Na da schau an: Möglicherweise Schmiergelder bei den Zulieferern von VW. Ausgerechnet. Ein Stück fast normale Wirtschaft, von der ich ja privat eine gar nicht so schlechte Meinung habe. Kartelle, Preis- und Regionalabsprachen sowie relativ feste Preise sind die nicht immer schlechten Folgen - wer mal erlebt hat, wie superbilliger Stahlbau mit italienischem Eisen und drei billigen Subunternehmern mit 2 Euro Jobbern aus dem Balkan nach 10 Jahren aussieht, versteht vielleicht, was ich meine.
Nun also VW. Hehe. Ausgerechnet. Wo die doch 2001/2 mit ihren tollen Geschichten über ihren internen b2B-Marktplatz die sterbenden Dotcom-Gazetten beliefert haben. Das sei alles so grossartig transparent, das helfe, die Kosten zu minimieren, wenn sich die Zulieferer eine virtuelle, unpersönliche Preisschlecht um jeden Auftrag liefern müssen. Wie fanden das die Hypeschreiber nicht toll, endlich mal ein funktionierender Marktplatz, wie haben sie gejubelt...
Und jetzt scheint das zumindest teilweise nur Humbug gewesen zu sein. Ich sag´s ja immer: Transparenz und vollkommen freie Märkte sind Gift für den Standort Deutschland. Es ging lange Zeit ohne den virtuellen Krempel, und men hat ihn auch nicht wirklich gebraucht. Die spannende Frage ist nur, wie Bestechung eigentlich an diesem angeblich bombensicheren System vorbei passieren kann... und warum man das überhaupt angeschafft hat, wenn es noch immer über das klassische Famiglia-System abgewickelt wurde.
Nun also VW. Hehe. Ausgerechnet. Wo die doch 2001/2 mit ihren tollen Geschichten über ihren internen b2B-Marktplatz die sterbenden Dotcom-Gazetten beliefert haben. Das sei alles so grossartig transparent, das helfe, die Kosten zu minimieren, wenn sich die Zulieferer eine virtuelle, unpersönliche Preisschlecht um jeden Auftrag liefern müssen. Wie fanden das die Hypeschreiber nicht toll, endlich mal ein funktionierender Marktplatz, wie haben sie gejubelt...
Und jetzt scheint das zumindest teilweise nur Humbug gewesen zu sein. Ich sag´s ja immer: Transparenz und vollkommen freie Märkte sind Gift für den Standort Deutschland. Es ging lange Zeit ohne den virtuellen Krempel, und men hat ihn auch nicht wirklich gebraucht. Die spannende Frage ist nur, wie Bestechung eigentlich an diesem angeblich bombensicheren System vorbei passieren kann... und warum man das überhaupt angeschafft hat, wenn es noch immer über das klassische Famiglia-System abgewickelt wurde.
donalphons, 06:31h
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Freitag, 1. Juli 2005
Niemand hat es ihnen erzählt.
Was das ist, New Journalism. Maxim Biller kennen sie auch nicht, und Tempo ist ihnen kein Begriff. Vielleicht sowas wie MAD? Hunter S. Thompson sagt manchen vage etwas, und erst, als ich hier Fear and Loathung in Las Vegas erwähne, schnackelt es bei manchen. Das ist hart.
Irgendwas läuft in diesem Studium falsch. Diesem Studium, aus dem die Leute hervorgehen sollen, die ich später mal bewerten muss, deren Artikel bei mir landen. Natürlich ist Kommunikationswissenschaft eine Wissenschaft, in der es um Dinge wie Leserverhalten und Rezeptionsgewohnheiten geht. Und noch ein paar anderes Sachen, die aus keinen einen vernünftigen Schreiber macht. Aber so ein klein wenig Ahnung von der Revolution, die die 100 Zeilen Hass bedeutet haben, wäre den Leuten hier schon angemessen.

Es geht noch nicht mal um Blog oder Journalismus. Es geht nicht um Online-Werbung, Traffic und Marktpenetration. Es geht um die Freiheit, unmittelbar das zu tun und zu schreiben, was man will, im Gegensatz zu den zurchtgestutzten, kastrierten, Halbwirklichkeiten erlügenden Medien, diesem Drecksmoloch, dieser stinkenden Jauche der 4. Vergewaltigung, in der es nur noch wenig Raum gibt zwischen den Hirnficks der Zeit- und FAZ-Fäuletons und dem Infotainment-Rülpsern der RTLII-News, wo die Radischs und Schirmachers dieser inzestuös egoschwanzlutschenden Welt jeden Spass, jede Freude, jede Nichtsinnüberladenheit die Existenzberechtigung absprechen und auf der anderen Seite nur das gebracht wird, was Quote und Product Placement Fees bringt.
Dazwischen muss etwas neues entstehen, schnell, echt, subjektiv ehrlich, impulsiv und auf Augenhöhe mit den Lesern. Man kann es Blogs nennen, man kann über eine Renaissance des New Journalism debattieren, solange nur dem Infoabschaum und seinen obszönen Bizzrülpsern und PR-Stinkern etwas entgegengesetzt wird. Dass sie auch längst auf der anderen Seite versuchen, ihren Dreck zu verbreiten, liegt in der kranken Natur ihrer verkommenen Ekelbranche, aber ich denke nicht, dass sie ausser ihresgleichen Publikum dafür finden werden.
Im Limbo, in der Entwicklung noch darunter sind die Nachwachsenden, und sie haben die Freiheit, sich neben der Verwertung noch was anderes aufzubauen. Den vorgekauten Müll in ihrer privaten Publizistik beiseite zu lassen, über sich selbst zu schreiben oder was immer ihnen gefällt. Die Gargantua-Dimensionen der freien Form ausprobieren, ihre eigene Sache zu schaffen. Sie haben auch die Freiheit, es bleiben zu lassen, klar. Nur weil der eine will, muss der andere noch lange nicht. Und kann weitermachen mit dem Dienst nach Vorschrift, gerne auch mit 20 unbezahlten Überstunden.
Zu dumm nur, dass sich die Leser keine Vorschriften machen lassen. Da helfen auch keine Überstunden. Vielleicht hilft ihnen irgendwann auch einfach der Leidensdruck bei der Entscheidung. Früher musste man den als Journalist ertragen; heute kann man sich wehren. Blogs haben nichts zu verlieren – die Medien dagegen alles, ihr Monopol, damit ihre einzige Existenzberechtigung, ganz gleich, welche beknackte Jury der Bildergänzung Spiegel Online welche Preise verpasst.
Irgendwas läuft in diesem Studium falsch. Diesem Studium, aus dem die Leute hervorgehen sollen, die ich später mal bewerten muss, deren Artikel bei mir landen. Natürlich ist Kommunikationswissenschaft eine Wissenschaft, in der es um Dinge wie Leserverhalten und Rezeptionsgewohnheiten geht. Und noch ein paar anderes Sachen, die aus keinen einen vernünftigen Schreiber macht. Aber so ein klein wenig Ahnung von der Revolution, die die 100 Zeilen Hass bedeutet haben, wäre den Leuten hier schon angemessen.

Es geht noch nicht mal um Blog oder Journalismus. Es geht nicht um Online-Werbung, Traffic und Marktpenetration. Es geht um die Freiheit, unmittelbar das zu tun und zu schreiben, was man will, im Gegensatz zu den zurchtgestutzten, kastrierten, Halbwirklichkeiten erlügenden Medien, diesem Drecksmoloch, dieser stinkenden Jauche der 4. Vergewaltigung, in der es nur noch wenig Raum gibt zwischen den Hirnficks der Zeit- und FAZ-Fäuletons und dem Infotainment-Rülpsern der RTLII-News, wo die Radischs und Schirmachers dieser inzestuös egoschwanzlutschenden Welt jeden Spass, jede Freude, jede Nichtsinnüberladenheit die Existenzberechtigung absprechen und auf der anderen Seite nur das gebracht wird, was Quote und Product Placement Fees bringt.
Dazwischen muss etwas neues entstehen, schnell, echt, subjektiv ehrlich, impulsiv und auf Augenhöhe mit den Lesern. Man kann es Blogs nennen, man kann über eine Renaissance des New Journalism debattieren, solange nur dem Infoabschaum und seinen obszönen Bizzrülpsern und PR-Stinkern etwas entgegengesetzt wird. Dass sie auch längst auf der anderen Seite versuchen, ihren Dreck zu verbreiten, liegt in der kranken Natur ihrer verkommenen Ekelbranche, aber ich denke nicht, dass sie ausser ihresgleichen Publikum dafür finden werden.
Im Limbo, in der Entwicklung noch darunter sind die Nachwachsenden, und sie haben die Freiheit, sich neben der Verwertung noch was anderes aufzubauen. Den vorgekauten Müll in ihrer privaten Publizistik beiseite zu lassen, über sich selbst zu schreiben oder was immer ihnen gefällt. Die Gargantua-Dimensionen der freien Form ausprobieren, ihre eigene Sache zu schaffen. Sie haben auch die Freiheit, es bleiben zu lassen, klar. Nur weil der eine will, muss der andere noch lange nicht. Und kann weitermachen mit dem Dienst nach Vorschrift, gerne auch mit 20 unbezahlten Überstunden.
Zu dumm nur, dass sich die Leser keine Vorschriften machen lassen. Da helfen auch keine Überstunden. Vielleicht hilft ihnen irgendwann auch einfach der Leidensdruck bei der Entscheidung. Früher musste man den als Journalist ertragen; heute kann man sich wehren. Blogs haben nichts zu verlieren – die Medien dagegen alles, ihr Monopol, damit ihre einzige Existenzberechtigung, ganz gleich, welche beknackte Jury der Bildergänzung Spiegel Online welche Preise verpasst.
donalphons, 01:19h
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Sonntag, 26. Juni 2005
Radmuttern
Sie: "Hast Du schon mal ein rosa Krokodil gesehen?"
Ich (an der elterlichen Kommode lehnend, Tee trinkend, Böses ahnend): "Nein."
Sie: "Willst Du eines sehen?"
Ich: (seufzend): "Wenn es sein muss..."
Sie: (stellt grinsend ein abscheuliches rosa Handtäschchen aus Krokodilleder aus, das irgendein verkokster Modedesigner sich wohl nach rektaler Penetration mit einer Mistgabel hat einfallen lassen, anders kann man das nicht erklären)
Ich: (lege die Hände vor die Augen und denke nach, ob ich gerade die Radmuttern an ihrem Cabrio richtig angezogen habe. Und ob ich vielleicht nochmal den Schraubenschlüssel holen soll. Andererseits waren auch die Bremsbeläge übel abgefahren...)
Kann vielleicht mal bitte jemand diesen durchgeknallten Film mit rosa Krokohandtäschchen beenden, in dem ich offensichtlich gelandet bin?
Ich (an der elterlichen Kommode lehnend, Tee trinkend, Böses ahnend): "Nein."
Sie: "Willst Du eines sehen?"
Ich: (seufzend): "Wenn es sein muss..."
Sie: (stellt grinsend ein abscheuliches rosa Handtäschchen aus Krokodilleder aus, das irgendein verkokster Modedesigner sich wohl nach rektaler Penetration mit einer Mistgabel hat einfallen lassen, anders kann man das nicht erklären)
Ich: (lege die Hände vor die Augen und denke nach, ob ich gerade die Radmuttern an ihrem Cabrio richtig angezogen habe. Und ob ich vielleicht nochmal den Schraubenschlüssel holen soll. Andererseits waren auch die Bremsbeläge übel abgefahren...)
Kann vielleicht mal bitte jemand diesen durchgeknallten Film mit rosa Krokohandtäschchen beenden, in dem ich offensichtlich gelandet bin?
donalphons, 23:55h
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Freitag, 24. Juni 2005
Trümmerfrau bei der Frühstückspause
Und mit diesen Worten schaltet Ihr bitte um zu Andrea Diener und ihrer einzigartigen Haiderösiländische Hirnfick-Betrachtung unter Beteiligung altneuaktuellster Ossiinstitutsprodukte für angewandte Literaturbetriebshurerei.
donalphons, 04:21h
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Mittwoch, 22. Juni 2005
Die kürzerste Nacht des Jahres,
niemals ist das Licht, das Morgengrauen näher, und unten im Kasernenhof hat sich eine kleine Gruppe zu enttäuschender Zukunftshoffnungen versammelt, an einem Biertisch, und ihr Gekicher und die Wortfetzen dringen herauf auf die Dachterasse. Sie sitzen nicht allzu oft da unten, es gibt nicht viele Gelegenheiten durch den Druck, das Studium möglichst schnell zu absolvieren. Selbst die Freizeit ist bei denen teilweise organisiert, die Parties werden zu Events, bei denen sie Marketing üben. Das ist die Zukunft, wahrscheinlich auch an den Unis, bei denen ich war, in den Fächern, die damit nichts zu tun hatten und sich im Kampf um Awareness längst auch an diesem Eselsrennen in das hohle Gequatsche beteiligen, bis sie dann vielleicht ihren Artikel auf der SPON-Hochschulseite bekommen.

Da unten ist die Zukunft gerade im Freeze Mode, sie sitzen einfach so da, ohne die Willingness 2 do something 4 Career, die bei ihnen laut der Welt, aus der ich komme, immer abrufbar sein sollte. Es gibt diese Nacht bestenfalls vier mal während ihrer kurzen Zeit hier, und einmal lernen sie gerade für ihr viel zu frühes Diplom, mit dem sie dann, gerade mal 23 Jahre alt, eine Welt erobern wollen, die trotz Globalisierung und dem ständigen Bedarf an Conquistadores nicht unbedingt auf sie gewartet hat. Ausser vielleicht als Trainpersonal oder Hilfstruppen.
Denn da draussen hat sich die Welt gewandelt. Internet-Marketing und eCRM, zu Beginn ihres Studiums noch die Zukunft des Faches, sind heute so gut wie tot, die Spezialisten dafür sind beim Arbeitsamt. Kein Grund zum Mitleid, auch nichts anderes als die armen Schweine in NRW in ihren Bergwerken, eine sterbende Branche, mit dem kleinen Unterschied, dass dem Kumpel kein Papa den Verlegenheits-MBA in der Schweiz bezahlt. Oder dass sich die Elitesse durchringt und trotz der Ödnis von Testaten und Buchprüfung mit diesem Schwerpunkt noch einen Master dranhängt, auch wenn das so überhaupt nichts mit dem tollen Beruf mit Afterwork und Wachstumshype zu tun hat, den sie sich zum Beginn des Studiums erträumt hat.
Vielleicht kommen sie dennoch irgendwo unter. Es ist nicht wirklich schwer, denn der globalisierte Markt hat sich auf sie eingestellt. Die Gruppe der Career Starter, die früher zwischen 25 und 27 Jahre alt war, ist jetzt eben zwischen 23 und 27 Jahre alt. Ihre Zahl hat sich mal eben verdoppelt, aber die Opportunities sind gleich geblieben. Also hat man aus einer festen Stelle zwei Praktikantenjobs gemacht, und verlangt das einfach mal zum Berufseinstieg. Manager, tss, in München allein soll es etwa 6000 bis 8000 mehr oder weniger arbeitslose, ehemalige Führungskräfte geben, die meisten trauen sich nichts aufs Arbeitsamt und hoffen auf ihr Netzwerk und auf die Stellenanzeigen in der FAZ. Da sieht es für Neulinge nicht gut aus, und wenn doch, dann nur zu Sonderkonditionen. Marktwirtschaft, Baby, Angebot und Nachfrage, und Sozialstaat, Baby, kein Kind und Familie und es ist keine soziale Härte, dich zu feuern, und gerade im mittleren Management, wo du hin willst, gibt es noch eine Menge Einsparpotentiale.
Das ist nicht neu, aber bis vor vier Jahren konnte man noch gründen und von Chancen träumen. Vor vier Jahren erzählte mir einer da unten im Hof was davon, dass sie eine enorm hohe Gründerquote haben. Heute geht es nur in die Sackgasse der"Flandering Phase" "Floundering Period", der Zappelphase mit 100 bundsweiten Absagen, die so gar nicht zu den Career Days passen wollen, die an den Unis abgehalten werden. Die Wirtschaft belügt sie alle. Sie sagt: Wir helfen den Unis bei der bedarfsgerechten Ausbildung - und meint: Schafft uns eine üppige Auswahl, we take the best, was ihr mit dem Rest macht, ist euer Problem. Sie sagt: Verkürzt die Studienzeiten, und meint: Wir brauchen eine mobile, anspruchslose Reserve, die die Schnauze hält, um überhaupt irgendwas machen zu dürfen. Sie sagt: Orientiert euch an der Praxis, und meint: Nehmt uns die Kosten der betrieblichen Bildung ab. Sie sagt, die Unis müssen das im globalen Wettbewerb tun, präsentieren ihre dinkelbraunen Quoteninder und die Haarspray-Killerin aus der HR mit Westküsten-MBA als die Rollenmodelle der Zukunft, die mit schöner Regelmässigkeit scheitert, wie man an so gut wie jeder M&A-Studie sehen kann.
Und inzwischen jammert die Wirtschaft - zurecht, übrigens - über die mangelnde Qualifikation der Turbostudenten. Nicht allzu laut, denn ein Bachelor-Depp gibt immer noch einen akzeptablen Prakti ab, und Basic Competences wie Kaffe kochen kann man auch von IPO-Spezialistinnen erwarten. Da unten glauben sie an das Rennen der Besten und daran, dass sie hier auf der richtigen Startbahn sind, aber in Wirklichkeit wird sie nachher der selbe, aufreibende Verteilungskampf treffen, der uns in den nächsten Jahren bevorsteht, und man kann nur hoffen, dass sie es intern mit der ganzen unsolidarischen Härte tun, die sie sich im Kampf der sich für die Besten haltenden angeeignet haben. Zweifel gibt es nur in den ersten Semestern und später mal, wenn eine Firma die Übernahmezusage nicht eingehalten hat, aber selbst das wird nicht offen kommuniziert.
Irgendwann werden sie sich mit dem Sachbearbeiterposten in der Kreissparkasse abgefunden haben. Was dann zumindest der sichere Arbeitsplatz ist, der nach ihrer früheren Ideologie nur bedingt einer Eigenkapitalrendite von 20% auf einem globalisierten Markt und seinen stets optimierten Mechansmen zuträglich wäre. Zum Glück versteht der Mittelständler, mit dem sie dann zu tun haben, davon nichts.
So gegen ein Uhr packen sie dann unten zusammen und gehen in ihre kleinen Wohnungen. Allein, versteht sich.

Da unten ist die Zukunft gerade im Freeze Mode, sie sitzen einfach so da, ohne die Willingness 2 do something 4 Career, die bei ihnen laut der Welt, aus der ich komme, immer abrufbar sein sollte. Es gibt diese Nacht bestenfalls vier mal während ihrer kurzen Zeit hier, und einmal lernen sie gerade für ihr viel zu frühes Diplom, mit dem sie dann, gerade mal 23 Jahre alt, eine Welt erobern wollen, die trotz Globalisierung und dem ständigen Bedarf an Conquistadores nicht unbedingt auf sie gewartet hat. Ausser vielleicht als Trainpersonal oder Hilfstruppen.
Denn da draussen hat sich die Welt gewandelt. Internet-Marketing und eCRM, zu Beginn ihres Studiums noch die Zukunft des Faches, sind heute so gut wie tot, die Spezialisten dafür sind beim Arbeitsamt. Kein Grund zum Mitleid, auch nichts anderes als die armen Schweine in NRW in ihren Bergwerken, eine sterbende Branche, mit dem kleinen Unterschied, dass dem Kumpel kein Papa den Verlegenheits-MBA in der Schweiz bezahlt. Oder dass sich die Elitesse durchringt und trotz der Ödnis von Testaten und Buchprüfung mit diesem Schwerpunkt noch einen Master dranhängt, auch wenn das so überhaupt nichts mit dem tollen Beruf mit Afterwork und Wachstumshype zu tun hat, den sie sich zum Beginn des Studiums erträumt hat.
Vielleicht kommen sie dennoch irgendwo unter. Es ist nicht wirklich schwer, denn der globalisierte Markt hat sich auf sie eingestellt. Die Gruppe der Career Starter, die früher zwischen 25 und 27 Jahre alt war, ist jetzt eben zwischen 23 und 27 Jahre alt. Ihre Zahl hat sich mal eben verdoppelt, aber die Opportunities sind gleich geblieben. Also hat man aus einer festen Stelle zwei Praktikantenjobs gemacht, und verlangt das einfach mal zum Berufseinstieg. Manager, tss, in München allein soll es etwa 6000 bis 8000 mehr oder weniger arbeitslose, ehemalige Führungskräfte geben, die meisten trauen sich nichts aufs Arbeitsamt und hoffen auf ihr Netzwerk und auf die Stellenanzeigen in der FAZ. Da sieht es für Neulinge nicht gut aus, und wenn doch, dann nur zu Sonderkonditionen. Marktwirtschaft, Baby, Angebot und Nachfrage, und Sozialstaat, Baby, kein Kind und Familie und es ist keine soziale Härte, dich zu feuern, und gerade im mittleren Management, wo du hin willst, gibt es noch eine Menge Einsparpotentiale.
Das ist nicht neu, aber bis vor vier Jahren konnte man noch gründen und von Chancen träumen. Vor vier Jahren erzählte mir einer da unten im Hof was davon, dass sie eine enorm hohe Gründerquote haben. Heute geht es nur in die Sackgasse der
Und inzwischen jammert die Wirtschaft - zurecht, übrigens - über die mangelnde Qualifikation der Turbostudenten. Nicht allzu laut, denn ein Bachelor-Depp gibt immer noch einen akzeptablen Prakti ab, und Basic Competences wie Kaffe kochen kann man auch von IPO-Spezialistinnen erwarten. Da unten glauben sie an das Rennen der Besten und daran, dass sie hier auf der richtigen Startbahn sind, aber in Wirklichkeit wird sie nachher der selbe, aufreibende Verteilungskampf treffen, der uns in den nächsten Jahren bevorsteht, und man kann nur hoffen, dass sie es intern mit der ganzen unsolidarischen Härte tun, die sie sich im Kampf der sich für die Besten haltenden angeeignet haben. Zweifel gibt es nur in den ersten Semestern und später mal, wenn eine Firma die Übernahmezusage nicht eingehalten hat, aber selbst das wird nicht offen kommuniziert.
Irgendwann werden sie sich mit dem Sachbearbeiterposten in der Kreissparkasse abgefunden haben. Was dann zumindest der sichere Arbeitsplatz ist, der nach ihrer früheren Ideologie nur bedingt einer Eigenkapitalrendite von 20% auf einem globalisierten Markt und seinen stets optimierten Mechansmen zuträglich wäre. Zum Glück versteht der Mittelständler, mit dem sie dann zu tun haben, davon nichts.
So gegen ein Uhr packen sie dann unten zusammen und gehen in ihre kleinen Wohnungen. Allein, versteht sich.
donalphons, 17:31h
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Sonntag, 19. Juni 2005
Country Auction
Und dann ist der Moment da, auf den alle gewartet haben: Die Nachlieferungen. All das, was schnell in den Handel kommen musste, ohne Rücksicht auf die Preise, und das schnell gekauft werden muss, ohne es vorher studiert zu haben. Die Nummern rattern nur so durch, und weil es grosse Sammlungen sind, fällt für jeden Interessenten etwas ab. zum 1., 2., und 3., für 10 Euro an die Nummer 538.

Das bin ich. Eine von 20 Nummern Flacons, und man kann nur vermuten, dass sie, wie schon die Elfenbeinschnitzereien, aus Japan kommen. Vorher war schon ein grosses Konvolut Ständer für Asiatika im Angebot, über 100 Stück. Da war die Sammlung früher mal drauf, die jetzt zerrissen und in alle Winde zerstreut ist. Da hat sich jemand sehr viel Mühe gemacht, hat oft mit Händlern gefeilscht und sie beauftragt, nach neuen Preziosen zu suchen, und in 30 Minuten löst sich das alles in Nichts auf.
Etwas verwundert frage ich mich dann, was ich nun mit einem japanischen Glasflacon, etwa 100 Jahre alt mit delikater Hinterglasmalerei anfangen soll. Es ist eines dieser Wunderkammerstücke, die japanische Form des Buddelschiffs: Der Hals ist keine 5 Millimeter dick, und trotzdem hat der Künstler durch dieses Loch den Pinsel akkurat eingeführt und vier Vögel auf Zweigen gemalt, kaum grösser als ein Quadratzentimeter.
Wer immer das gemacht hat, muss dafür sehr lange geübt haben. Wer immer so etwas gesucht hat, musste vielleicht Jahre auf diesen Fund warten. Wer immer die Sammlung so zertrümmern hat lassen, wird mit dem Geld allenfalls ein paar Tage Urlaub machen können. Auf Malle, vielleicht.

Das bin ich. Eine von 20 Nummern Flacons, und man kann nur vermuten, dass sie, wie schon die Elfenbeinschnitzereien, aus Japan kommen. Vorher war schon ein grosses Konvolut Ständer für Asiatika im Angebot, über 100 Stück. Da war die Sammlung früher mal drauf, die jetzt zerrissen und in alle Winde zerstreut ist. Da hat sich jemand sehr viel Mühe gemacht, hat oft mit Händlern gefeilscht und sie beauftragt, nach neuen Preziosen zu suchen, und in 30 Minuten löst sich das alles in Nichts auf.
Etwas verwundert frage ich mich dann, was ich nun mit einem japanischen Glasflacon, etwa 100 Jahre alt mit delikater Hinterglasmalerei anfangen soll. Es ist eines dieser Wunderkammerstücke, die japanische Form des Buddelschiffs: Der Hals ist keine 5 Millimeter dick, und trotzdem hat der Künstler durch dieses Loch den Pinsel akkurat eingeführt und vier Vögel auf Zweigen gemalt, kaum grösser als ein Quadratzentimeter.
Wer immer das gemacht hat, muss dafür sehr lange geübt haben. Wer immer so etwas gesucht hat, musste vielleicht Jahre auf diesen Fund warten. Wer immer die Sammlung so zertrümmern hat lassen, wird mit dem Geld allenfalls ein paar Tage Urlaub machen können. Auf Malle, vielleicht.
donalphons, 01:49h
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Freitag, 10. Juni 2005
HVB
Wenn ich Sozialdemokrat wäre und was zu sagen hätte, würde ich mir die lange, peinliche Geschichte der Hypovereinsbank antun und daran erinnern, dass diese Grossbank mit all ihren Katastrophen ein gewolltes Produkt der CSU ist. Inklusive ihres wahnwitzigen Engagement im Osten und der New Economy.
Wenn mir jemand sagt, dass die Bayern immer nur kassieren: Nein. Dank HVB haben die Bayern, die bayerischen Steuerzahler, wenngleich auch nur indirekt, furchtbar im Osten geblutet. Da stehen unsere Bauruinen, unsere Wertberichtigungen, und wenn in München in den nächsten Monaten plötzlich viele überflüssige mittlere Banker beim Arbeitsamt und bei der Schuldnerberatung auflaufen, dann ist das auch ein grosses Stück langfristiger Fehlplanung der CSU-Landesregierung. Unfassbar, was in 15 Jahren aus zwei grundsoliden Banken wurde. Unfassbar, dass niemand darüber berichtet, angefangen vom Krieg der Management-Heere beider Banken bishin zu den VC-Investments und der Fondstochter Activest, die ganz plötzlich die Leute gefeuert hat...

Es ging alles so schnell, und wenn es jetzt auch schnell geht, dann kommt der "Internet ist die Zukunft" Stoiber mal wieder, schon wieder davon.
Wenn mir jemand sagt, dass die Bayern immer nur kassieren: Nein. Dank HVB haben die Bayern, die bayerischen Steuerzahler, wenngleich auch nur indirekt, furchtbar im Osten geblutet. Da stehen unsere Bauruinen, unsere Wertberichtigungen, und wenn in München in den nächsten Monaten plötzlich viele überflüssige mittlere Banker beim Arbeitsamt und bei der Schuldnerberatung auflaufen, dann ist das auch ein grosses Stück langfristiger Fehlplanung der CSU-Landesregierung. Unfassbar, was in 15 Jahren aus zwei grundsoliden Banken wurde. Unfassbar, dass niemand darüber berichtet, angefangen vom Krieg der Management-Heere beider Banken bishin zu den VC-Investments und der Fondstochter Activest, die ganz plötzlich die Leute gefeuert hat...

Es ging alles so schnell, und wenn es jetzt auch schnell geht, dann kommt der "Internet ist die Zukunft" Stoiber mal wieder, schon wieder davon.
donalphons, 19:19h
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Sonntag, 5. Juni 2005
Totes Wasser in Dessau
Es gibt an diesem See sehr viele jüngere Männer, die den ganzen Tag Zeit haben. Von Morgens bis Abends. Sie sitzen am Ufer, schauen auf ihre Köder, und an die Schönheit haben sie sich gewöhnt wie an eine Warze auf dem Rücken.

Sie sitzen rum, und wenn es zu langweilig wird, rufen sie ihre Kumpels auf der anderen seite mit dem handy an, trinken Bier, lesen Super Illu, oder gehen pinkeln. Vielleicht bringen sie am Tag ein, zwei Fische um, vielleicht auch nicht. Dann fahren sie zurück in die Stadt, vorbei an Gebrauchtwarenshops, Industrieruinen, Möbelgrossmärkten,

und dem ein oder anderem Weltkulturerbe, zurück in ihre kleinen Häuser irgendwo auf der grünen Wiese, und die Pressspanregale sind voll mit Nippsachen, teils noch Bauernkeramik von den VEBs, teils schon Plastikclowns aus Taiwan.

Sie sitzen rum, und wenn es zu langweilig wird, rufen sie ihre Kumpels auf der anderen seite mit dem handy an, trinken Bier, lesen Super Illu, oder gehen pinkeln. Vielleicht bringen sie am Tag ein, zwei Fische um, vielleicht auch nicht. Dann fahren sie zurück in die Stadt, vorbei an Gebrauchtwarenshops, Industrieruinen, Möbelgrossmärkten,

und dem ein oder anderem Weltkulturerbe, zurück in ihre kleinen Häuser irgendwo auf der grünen Wiese, und die Pressspanregale sind voll mit Nippsachen, teils noch Bauernkeramik von den VEBs, teils schon Plastikclowns aus Taiwan.
donalphons, 13:26h
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Donnerstag, 2. Juni 2005
Das Ende des Lachens, und der leichten Lügen
Das ist das Ende, meine wunderbaren Freunde, das Ende einer langen, viel zu langen Zeit, und das, was noch zu tun ist, sind ein paar Gespräche, Telefonate, während draussen vor dem Fenster des 103 ein Mädchen im beginnenden Frühherbst ihre Nieren mit zu viel Eiswürfel in der Cola ruiniert. Immerhin liest sie dabei eines der Bücher, das der Typ neben mir sicher nicht schreiben wird, ganz gleich wie sehr er nach Gigolo aussieht und der etwas zerfallenen Blondine mit der unsäglichen Chanel-Gürtelkopie überlaut von seinem kommenden literarischen Ruhm erzählt.
Irgendetwas wird aus ihnen werden, oder auch nicht, und wenn doch, ist es auch egal. Oder wird egal gemacht, denn es ist eine kalte Stadt, die alles nach unten zieht und ziehen muss. Kalt, das ist das Wort, das ich mit dieser Stadt verbinde, abweisend auch, und berührungsresistent. Gefühllos auch. Mit ein wenig Selbstbetrug kann sich hier mancher einbilden, in einem dieser seltsamen deutschen Autorenfilme zu leben, die aus allen Bildern die warmen Farben filtern und später keinen Verleih finden, mit einer Schnittfolge, die Handlungsstränge zerstückelt und künstlerische Perspektiven vergessener, kulturlastiger Krautfilmer zitiert.
Wenn man erst mal 12 Monate in Berlin war, hat Holgi gesagt, denn kommt man auch nicht mehr weg. Ich wüsste nicht, warum man bleiben sollte; jeder Tag ist einer zu viel am Ende einer historischen Sackgasse. Das die Stadt vortäuschende Slumareal hat sich seit 150 Jahren nur noch in die falsche Richtung entwickelt; die Industrialisierung mit den mühsam kontrollierten Konflikten führte direkt in den Ersten Weltkrieg, in eine Republik ohne Republikaner, in eine Diktatur, die nur Begeisterte und Tote kannte, bis dann alle tot werden konnten, zerschlagen und in Klumpen gehauen, bis sie dann am 8. Mai 45 hätte eingeebnet werden können, aber nichts da, man hat sie zerissen wieder aufgebaut, und als sie noch nicht mehr mal als zugekotzte Latrine bei den Schützengräben des Kalten Krieges taugte, hat man das Ganze den Fonds und Banken vorgeworfen, um Platz zu schaffen für die, die tatsächlich nach 12 Monaten nicht mehr gehen können.
Heute bin ich nur noch zum Besuch hier. Es ist vorbei. Meine Pflanzen, das Lebende nehme ich mit, die zusammengerafften Reste der Bürgerlichkeit, die andere nicht mehr wollten, und keinerlei schlechten Gefühle, das lohnt nicht, dazu ist mein weiteres Leben zu schade und die Monate hier zu sehr eine an sich belanglose Episode. Ein paar Menschen hätte ich gern zumindest zeuitweise mitgenommen, ich habe den Klezmorim immer gegeben und einmal einer Katze eines ihrer Leben gerettet - insofern war es nicht umsonst.
Das ist das Ende, meine Freunde. Fragt nicht, warum ich es nicht mochte, was ich falsch aufgefasst habe. Fragt euch, warum ihr hier bleibt, begraben zwischen Trümmern, Schrott, und all den grenzenlosen Möglichkeiten und der totalen Unfähigkeit, etwas davon zu nutzen.

Es ist eure freie Entscheidung, liebe Freunde, und ich weiss, dass ihr mir nicht folgen werdet, wenn ich morgen dieses kalte Berlin a. d. Spres verlassen werde.
Hier endet nach 15 Monaten der private Teil der Berliner Aufzeichnungen von Don Alphonso Porcamadonna.
Irgendetwas wird aus ihnen werden, oder auch nicht, und wenn doch, ist es auch egal. Oder wird egal gemacht, denn es ist eine kalte Stadt, die alles nach unten zieht und ziehen muss. Kalt, das ist das Wort, das ich mit dieser Stadt verbinde, abweisend auch, und berührungsresistent. Gefühllos auch. Mit ein wenig Selbstbetrug kann sich hier mancher einbilden, in einem dieser seltsamen deutschen Autorenfilme zu leben, die aus allen Bildern die warmen Farben filtern und später keinen Verleih finden, mit einer Schnittfolge, die Handlungsstränge zerstückelt und künstlerische Perspektiven vergessener, kulturlastiger Krautfilmer zitiert.
Wenn man erst mal 12 Monate in Berlin war, hat Holgi gesagt, denn kommt man auch nicht mehr weg. Ich wüsste nicht, warum man bleiben sollte; jeder Tag ist einer zu viel am Ende einer historischen Sackgasse. Das die Stadt vortäuschende Slumareal hat sich seit 150 Jahren nur noch in die falsche Richtung entwickelt; die Industrialisierung mit den mühsam kontrollierten Konflikten führte direkt in den Ersten Weltkrieg, in eine Republik ohne Republikaner, in eine Diktatur, die nur Begeisterte und Tote kannte, bis dann alle tot werden konnten, zerschlagen und in Klumpen gehauen, bis sie dann am 8. Mai 45 hätte eingeebnet werden können, aber nichts da, man hat sie zerissen wieder aufgebaut, und als sie noch nicht mehr mal als zugekotzte Latrine bei den Schützengräben des Kalten Krieges taugte, hat man das Ganze den Fonds und Banken vorgeworfen, um Platz zu schaffen für die, die tatsächlich nach 12 Monaten nicht mehr gehen können.
Heute bin ich nur noch zum Besuch hier. Es ist vorbei. Meine Pflanzen, das Lebende nehme ich mit, die zusammengerafften Reste der Bürgerlichkeit, die andere nicht mehr wollten, und keinerlei schlechten Gefühle, das lohnt nicht, dazu ist mein weiteres Leben zu schade und die Monate hier zu sehr eine an sich belanglose Episode. Ein paar Menschen hätte ich gern zumindest zeuitweise mitgenommen, ich habe den Klezmorim immer gegeben und einmal einer Katze eines ihrer Leben gerettet - insofern war es nicht umsonst.
Das ist das Ende, meine Freunde. Fragt nicht, warum ich es nicht mochte, was ich falsch aufgefasst habe. Fragt euch, warum ihr hier bleibt, begraben zwischen Trümmern, Schrott, und all den grenzenlosen Möglichkeiten und der totalen Unfähigkeit, etwas davon zu nutzen.

Es ist eure freie Entscheidung, liebe Freunde, und ich weiss, dass ihr mir nicht folgen werdet, wenn ich morgen dieses kalte Berlin a. d. Spres verlassen werde.
Hier endet nach 15 Monaten der private Teil der Berliner Aufzeichnungen von Don Alphonso Porcamadonna.
donalphons, 23:06h
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