: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Mittwoch, 1. Juni 2005

15 Dinge, die ich gestern gelernt habe

1. Ohne Freunde bist Du tot. (Danke, wirklich)

2. Es ist wie beim Rennradfahren: Die Muskeln übersäuern erst, wenn man danach ganz langsam zum Essen geht.

3. Ein Marzipanröllchen der Bäckerei Stern reicht nicht wirklich als Tagesration, wenn Du Besitzer von einem Dutzend Teppichen bist, die bewegt werden müssen.

4. Ein klein wenig zeitliche Schludrigkeit bei der Wohnungsabnahme würde dem wie immer pünktlichen Hausdienst mitunter gut zu Gesicht stehen, dann stehst Du nicht mitten im Chaos, wenn er kommt

5. Der Wagen ist zu klein, da passen die Spiegel und der Schrank, die du holen musst, nicht mehr rein.

6. Man sollte die Perserteppiche nicht zu weit vorne verstauen, für den Fall, dass man noch drei grosse Spiegel zwischen 1730 (aus Schloss Limburg) und 1840/60 (venezianisch) abholt, und dort kein Verpackungsmaterial ist - sonst muss man die Teppiche wieder rauszerren.

7. Afghanen und kurdische Teppiche aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ganz ganz hinten unten im Auto sind zum Verpacken besser geeignet als der Täbriz oder der Nain mit dickem Flor weiter vorne, mit dem Du die ersten Versuche gemacht hast.

8. Wenn Herr Miri sagt, dass die Spiegel noch reingehen, dann fällt Punkt 5. aus - sie gehen noch rein.

9. Herr Miri sagt dann, dass der Wagen zu klein ist und ein Schrank keinesfalls mehr reinpasst.

10. Der grosse Regenschauer kommt garantiert, wenn man den grossen Schrank in den Wagen bugsieren will.

11. Wenn Herr Miri sagt, dass der Wagen zu klein ist, stimmt das offensichtlich - zumal 40 Kilo Kirschholz um 1830 auch bei Regen nicht einlaufen.

12. Den halben Wagen beim Wolkenbruch nochmal umräumen ist auch zu dritt nicht wirklich ein Vergnügen.

13. Wenn Herr Miris Kollegen sagen, dass der Schrank auch noch reinpasst, fällt Punkt 9. aus - kaum zu glauben, aber es geht.

14. Vor dem Losfahren ist es tatsächlich sinnvoll, nochmal um den Wagen zu laufen und darauf zu achten, dass nicht der sensibelste venezianische Spiegel noch am Auto lehnt, was beim Losfahren Folgen gehabt hätte, die allenfalls die Volldeppen funktionalen Analphabeten interessieren, die das Blog hier Scheisse finden und es trotzdem lesen.



15. Berlin an der A 100 aus Richtung Süden ist nochmal eine Ecke hässlicher als im Norden. Und wie kriegen die da eigentlich immer diesen Chlorgas-Himmel hin?

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Donnerstag, 26. Mai 2005

Kleine Frage, off Topic

Kennt jemand ein gutes, ruhiges, nettes Hotel in Berlin, mittlere bis gehobene Preisklasse, am besten im Zentrum oder im Norden von Berlin?

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Donnerstag, 19. Mai 2005

In einer traurigen, düsteren Ecke

eines unscheinbaren Wohnungsauflösers in der Brüsseler Strasse im Wedding - ein Drama:



Kleiner, blaublütiger Norditaliener aus allerbester venezianischer Familie such neues Zuhause. Und wird es auch bei einer schönen, manchmal leicht einsamen Frau bekommen.

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Mit freundlichen Grüssen von Ihrer LBS

So bewirbt man Immobilien im Osten zeitgemäss:

481 m² Wohnfläche in 8 Wohnungen – „Hartz IV gerecht“

Und dabei geht das Gebäude noch nicht mal bei 100.000 Euro weg - mal schaun, wann der Texter dieser Anzeige selbst Hartz IV gerichtet wird.

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Mittwoch, 11. Mai 2005

In the VIP

Eine blaue Kunststoffverkleidung, darauf einige Buzzwords wie in einem Menu einer Website, und natürlich ein Name, der viel verspricht: VIP Promotion. Agentur halt. Mit vielen Dienstleistungen. Zumindest früher. Zum Ausblenden der Realität waren da, wo jetzt die orangen Zu-Vermieten-Schilder sind, blickdichte Jalousien.



Es erinnert mich stark an all die kleinen als "Corporate Blogger" firmierenden Halbarbeitslosen und Poser hierzulande, die kleinen Webkreaturen, die angebliche "A-Lister" dissen, damit mal ein Schwung Leute ihre kruden Touri-Suffkopp-Marketing-Literaturprojekte entdeckt, all die 1-Personen-Läden, die das "wir" in der Firmenbeschreibung pflegen, die Open-BC-Sickos mit ihren Wellness-Beratungs-Coaches, die eigentlich versteckte Prostitution betreiben, und an all die Business-Metastasen, die an der realen Wirtschaft wuchern wollen. Es ist soviel leichter, im Virtuellen den Schein aufrecht zu erhalten, aber ich kenne Euch, Ihr kleinen Pinscher: Genau so erbärmlich seht ihr aus, das seid Ihr, wenn man Euch in die Realität zerren würde.

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Freitag, 6. Mai 2005

Partei der Besserhaueverdienenden

Ach, der Guido. Den kenne ich noch ganz von früher. So aus den ersten Tagen meiner journalistischen Tätigkeit. Da war er in München und hat eine Rede ausgerechnet im Nachtcafe gehalten - das war noch vor der New Economy. Aber damals sassen genau die Abzocker im Publikum, die ich später jeden Tag sehen sollte. Alle in Schwarz oder dunkel, draussen auf der Terasse, mit einer enormen Perlenkettchendichte, wie beim Auflaufen der Deutschen Bank in Witten-Herdecke. Ins nachtcafe geht man zum Aufreissen, aber in dieser Nacht hätte es nur zu einem Ehevertrag gereicht. Unfickbar. Alle.

Und immer die gleichen Fressen. Die ersten, die wegen Beihilfen und Förderung vor Gericht ziehen. Diejenigen, die mit der New Economy die teuerste ABM-Massnahme in privater Verantwortung durchgezogen haben. Diejenigen, die so lange steuerlich optimieren, bis sie vor der Fahndung genauso viel Angst haben, wie früher um ihr Geld. Ein Saal voller asozialem Pack, dagegen ist die CSU-Mittelstandsvereinigung eine caritative Organisation.

Und da trat Guido auf. Das Nachtcafe ist nicht so gross, dass man brüllen müsste. Aber weil es München war, und er noch keine so grosse Nummer unter Kohl, meinte Guido, jetzt mal so richtig aufdrehen zu müssen. Ein paar Tage vorher war ich bei Gauweiler in einem Bierzelt, wo man mich netterweise eingeladen hatte, mich doch gleich aufs Podium zu setzen.

Gauweiler war netter - im Vergleich fast schon sympathisch. Guido ist der typische immer zu kurz gekommene, ängstliche kleine Kläffer, der letztlich immer auf die Fresse kriegt. Als er dann Möllemann ins Guidomobil gefolgt ist und antisemitisch mitgerülpst hat, hätte seine Partei ihn eigentlich gleich mitabschiessen sollen, den Spitzenkadidaten. Mit ihm werden sie es wohl wieder auf unter 5% schaffen; auch eine Art, den Edimerkel zu verhindern.

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Dienstag, 3. Mai 2005

Ehemaliges Jung von Matt/Isar Gebäude, Munich Area

Der Zerfall der New Economy manifestiert sich, im Gegensatz zu Industrieregionen, in der Regel nicht in Ruinen und verkommenen Gebäuden. Die New Economy war standortunabhängig, mobil und flexibel. Die Produktionsmittel - in der Regel Rechner und Server - waren klein und innerhalb weniger Stunden an einem neuen Ort aufgestellt. Das galt als eine Grundvorraussetzung für dynamisches Wachstum. Eigene Immobilien wären da nur ein Klotz am Bein gewesen, die obendrein die Rendite geschmälert hätten - selbst in München mit den steigenden Preisen. Was bingt einem 5% Wertzuwachs von Mauern, wenn die Firma nach einem Jahr mit 5.000% Wertzuwachs an die Börse geht?

Während also früher das Industriegebäude ein Alleinstellungsmerkmal war, Zeichen für Erfolg und Repräsentation, oft stolz auf den Aktien abgebildet wurde, standen für die Bauten der New Economy andere Merkmale im Vordergrund. Sie sollten flexibel teil- und erweiterbar sein, günstig, schnell erreichbar, und in einem kreativen Umfeld, das unter dem Schlagwort "Mediencluster" Austausch, Kooperationen und gegenseitige Verstärkung einer Zukunftsbranche versprach. Die Folge waren neue Komplexe wie die Oberbaum City in Berlin oder das Siemens Business Center of E-Excellence am Münchner Flughafen. Andere zog es ironischerweise in alte, brach liegende Industriebauten und Lofts früherer Gründerzeiten wie 1871, 1900, 1924 und 1948, die nach den Anforderungen der New Economy flexibel umgestaltet wurde. Beispiele sind die Hanauer Landstrasse in Frankfurt, die Brotfabrik in Berlin und die Media Works Munich an der Rosenheimer Strasse.

Überall ging dort ab 2000 der Dotcomtod um - die Folge waren sinkende Mietpreise, die Ansiedlung gar nicht mehr so zukunftsträchtiger Dienstleisten, und viel Leerstand. Aber kein sichtbarer Zerfall. Wann immer eine dieser Firmen drauf ging, reichte ein Container für den Müll aus. Die meisten Möbel waren praktisch neu, schick, und landeten in Geschäften wie etwa diesem Gebrauchtmöbelhändler in Münchens Gabelsberger Strasse, die Rechner waren ohnehin oft nur geleast. Man wollte schliesslich schlanke Strukturen und sich allein aufs Business konzentrieren, alles andere wurde outgesourced.

Die New Economy hat es in der Folge tatsächlich geschafft, zumindest in ihrem Untergang fast vollkommen virtuell zu bleiben. Die virtuellen Produkte wurden gelöscht und von den Servern geschmissen, die Hardware landete bei den Verwertern, und die Gebäude, die sie für ein paar Jahre wie Kakerlakenschwärme überfielen, sind jetzt von ihnen gereinigt, als ob es sie nie gegeben hätte. Keine Trümmer, keine Ruinen, keine Brandschicht. Nur dort, woher die folgenden Bilder stammen.



Wir befinden uns im nördlichen Schwabing, dem berühmten Künstlerviertel von München, in der ehemaligen Stettenkaserne an der Schwere-Reiter-Strasse. Die ist noch innerhalb des Mittleren Rings, aber die bevorzugten Wohngegenden, das klassische Schwabing der Türken- und Theresienstrasse, das eigentlich "Maxvorstadt" heisst, oder die Leopoldstrasse und der englische Garten sind weit weg von hier. Die Stettenkaserne lag in den 20er Jahren am nördlichen Stadtrand von München, und hier war genügend Platz für ein grosses Militärareal. Nach dem zweiten Weltkrieg wurde die Anlage konsequent erweitert, bis sie nach dem Ende des kalten Krieges aufgegeben wurde. Gerade rechtzeitig für den Boom der New Economy übernahm die Stadt München das Gelände, und förderte die Ansiedlung junger, innovativer Firmen. Im Zufahrtsbereich steht das obige Gebäude; eine ehemalige Werkhalle, die früher unter anderem Jung von Matt an der Isar beherbergte. Und heute? Bitte hier lang.

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Montag, 2. Mai 2005

München, gestern Abend

Die Stadt kann sehr schön sein.



Wenn man nicht alle fünf Meter auf Reste der schlimmen Zeit 97-02 stossen würde, wenn man nicht dauernd daran erinnert werden würde, mit wem man mal wo war und was aus ihnen wurde - langweilige Mütter, wenn sie Glück hatten, 2 qm Souterrain-Wohnungen in nicht allzubester Lage in den Heimatstädten für die nächsten Jahrzente, wenn sie viel Pech hatten. Und viel dazwischen. Aber nichts von dem, was man sich 99 gewünscht hätte.

Es ist eine schöne Stadt. Ohne diese Stadt hätte es die New Economy so nicht gegeben. Diese Stadt ist teuer und fordert die Menschen. Ohne Leistung fliegt man raus. Man dachte, dass grosse Leistung am richtigen Ort zur richtigen Zeit einen einzigartigen Flug macht. Diese Strasse da oben war die Startbahn für ein halbes Dutzend Startups. Und auch ihre Absturzstelle.

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Consultantnewbankingmainhatten/Donau

Die Stadt, aus der ich komme, hat eine gut 700 Jahre alte Tradition als Festungsstadt. An dieser Stadt bissen sich die Schweden und Protestanten im 30-jährigen Krieg die Zähne aus. beinahe hätten sie hier den Schwedenkönig abgeknallt. Sowas macht stolz. Und anfällig. Für Militärarschitektur. Weshalb jetzt die Sparkasse statt ihres alten, unpassenden Hochhauses an einem totsanierten Rathausplatz jetzt einen zeitgemässen Sperrriegel gebaut hat, wie er im Lehrbuch für den barocken Festungsbau steht.



Da spielen natürlich noch mehrere Faktoren mit rein. Ein guter Teil ortstypischer "Wer ko, der ko"-Haltung. Auch der in Diktaturen und lokalen Bürgermeistereien nicht unübliche Wunsch, sich frühzeitig ein Denkmal zu setzen.

Aber diese Scharten - die gleichen sind am völlig überzogenenen und heute nicht wirklich überfüllten Deloitte-Gebäude in München zu sehen. Die flache Form ist auch bei Siemens in München beim Headquarter - nur ist daneben eine breite Strasse, und keine mittelalterliche Gasse. In Frankfurt hat man das auch probiert, und in der Nacht ist es ein Teil des Drogenstrichs. Überhaupt Frankfurt, die Dominanz der Banken im öffentlichen Raum: Wenn man hier schon nicht hoch darf, dann eben in die Breite. Aber es gefällt den Stadtoberhäuptern. Weiss, sachlich, modern. Wie in der Munich Area.

Und, auch wenn es ihnen nicht aufgefallen ist: Auf einer Achse mit der weissen Kirche und dem langgestreckten Gebäude dahinter. Das ist das alte Spital meiner Heimatstadt, gegründet gegen 1320 von Kaiser Ludwig dem Bayern. Zur Unterbringung der Verrückten. Wie man sieht, bauen sich die heute die Erweiterung selbst.

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Donnerstag, 28. April 2005

Heim als Fremder

Von den Leuten, mit denen ich mich in der New Economy in der Munich Area blendend verstanden habe - allesamt ein weinig zynisch, witzig, auch in schlimmen Stunden noch gelassen und menschlich - sind vier inzwischen nicht mehr da; drei davon sogar im Ausland. Die andere Seite ist noch da, verbissen, verbittert, voller selbstgerechtem Schmerz, und immer noch uneinsichtig.

Vielleicht sollte ich ganz aus den Metropolen wegziehen. Im Prinzip kann man das, was ich tun muss, mit DSLund Telefon überall machen. Nichts gegen Cluster, nichts gegen Areas, aber ich denke, dass die verbliebenen Reste in München keine besonders schöne Lebensumgebung sind. Ganz München ist nur noch ein grosser OpenBC-Stammtisch. Extreme Schulterklopfing ist das Zukunftsgeschäft. Auf allen Freiberuflerseiten wird "wir" stehen, auch wenn der Boss gleichzeitig die Putzfrau ist und das Office nicht besucht werden sollte, weil es daheim ist.

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