: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Donnerstag, 30. Dezember 2004

Die entbehrlichen Liebschaften

Ob ich sie noch attraktiv finde, will Iris zwei Stunden später wissen, direkt und ohne das Herumreden um den heissen Brei, das wir jetzt schon seit zwei Stunden an diesem opulenten Frühstückstisch praktizieren. Wir beide wissen, dass es kein Angebot ist und deshalb auch keiner Nachfrage bedarf, also sage ich einfach nur: Ja, Scheidungen machen Frauen immer schön, gewitzt und erfahrener. Und das mit der Leere in ihrem Leben wird sich mit der Zeit auch noch geben, setze ich hinzu und frage mich, ob ich sie nicht anlüge, denn...

Denn für dieses Szenario gibt es keine Erziehung und keine Erfahrungen. Unsere an sich sehr liberalen Eltern, die um 68 herum Kinder bekamen, haben im Marsch durch die Institutionen brav die Zähne zusammen gebissen, die Ehe tapfer trotz aller Agonie und Ödnis durchgestanden, allein schon wegen uns, und nach 20 Jahren war es dann auch schon zu spät für den Neuanfang; nur wenige entschieden sich hin und wieder für einen vorzeitigen Schlussapplaus, über den man aber nicht laut sprechen durfte; nur beim Kaffeeklatsch tratschen. Scheidung war einfach nicht vorgesehen, zumal ohne triftigen Gründe wie die, die heute morgen berichtet wurden. Ich wüsste gern, wie hoch die Scheidungsrate ohne Psychopharmaka wäre.

Das Zeug hilft auch bei Langeweile, Überdruss, Sinnkrise und Blicken in den Spiegel. Es hilft, das Nichts als etwas Erfüllendes zu begreifen, es verpasst der eigenen Bedeutungslosigkeit eingebildete Relevanz, es beugt dem Wissen vor, dass es in 50 Jahren auf den gleichen blöden Friedhof in das gleiche Loch geht, in dem schon 3 frühere Generationen lagen. Und dabei war die Ehe in ihrem Fall mehr als nur ein Steuersparmodell; ein Teil der Sinnsuche mit einer Erkenntnis, die sicher nicht beim Frühstück bei einem alten, lange Zeit vergessenen Freund so negativ ausfallen sollte. Es gab keinen Lover, keinen Ausrutscher, keine Begierden, keinen Skandal, keine gefährlichen Liebschaften, keine Verführung, kein heimliches Verlangen, nichts - es ging einfach in die Brüche, aus, vorbei, nicht nur die Ehe, sondern eigentlich auch ihr Leben. Und was jetzt?



Laclos verweigert am Ende seiner Liebschaften der Leserschaft sowohl das weitere, grausame Schicksal der Marquise Merteuil, als auch das tugendsame Dasein des gefallenen, aber wohl durch die Ehe geretteten Fräuleins von Volanges. Laclos sei ein kalter Geist gewesen, heisst es, er wollte das Grauen für das Monster und die Reue der Sünderin den Lesern überlassen, um deren Wirkung in ihrer Phantasie noch zu steigern.

Vielleicht hatte Laclos aber auch nur etwas Mitleid mit seinen amoralischen Gestalten, für die es so oder so keine Erlösung geben konnte, und für die das Spiel an sich die Daseinsberechtigung war, nicht dessen Ergebnis. Vielleicht wollte er nicht fortfahren, um keinen unglaubwürdigen Schluss für das dumme, kleine Ding der Volanges erfinden zu müssen - irgendwas mit einer harmonischen, sauberen Ehe.

Im Judentum, sage ich zu ihr, ist die Scheidung kein Drama wie bei Euch Christen; wenn der Mann nicht mehr in der Lage ist, die Frau zu befriedigen, soll sie sich scheiden lassen.

Das hätte ich in den Flitterwochen wissen sollen, platzt es böse aus ihr heraus, und da ist sie wieder, die alte, fiese Giftspritze, die Merteuil in ihr gräbt sich aus dem Grab des Unterbewussten ans Licht, etwas hat überlebt, und das Spiel kann wieder beginnen, denn sie hat etwas einzusetzen - sich selbst. Waaas, setzt sie später mit langem A an, machst Du eigentlich morgen Abend, an Silvester?

Ist das ein Angebot, frage ich.

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Donnerstag, 23. Dezember 2004

T-Offline mit Gmail ficken

Witzig - wenn man Gerüchten/Berichten glaubt, kann man bei manchen T-Online-Accounts nur 30 Mails am Tag verschicken, und die gehen teilweise erst recht spät raus. Das kann einem bei Gmail nicht passieren! Ich hab hier 6 neue Einladungen - entweder die Email-Adresse hier hinterlassen oder eine Mail an donalphonso |at| gmail dot com schicken.

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Samstag, 18. Dezember 2004

Warm welcome

to Florian - why didn´t anyone tell me he´s blogging? He is one of the fine reasons to love the Area and the spirit of a new economy that failed in the end and turned into a nightmare. However, someday there will be the Next Tuesday in the Munich Area.

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Samstag, 4. Dezember 2004

Kein Thinkpad, kein IBM

Outsourcen, zerschlagen, verkaufen, neue Kernkompetenzen entwickeln und dabei immer auf den Profit schauen. Ein bis zwei Milliarden will IBM für den Geschäftsbereich, der sie gross gemacht hat: Die PC- und Notebooksparte.

Zugegeben, die Margen sind niedrig, der Markt für hochwetige Produkte ist klein, und die Konkurrenz ist enorm. IBM hat den Massenmarkt der Medions, Gericoms und Acers vollkommen verloren. Es ist gar nicht mal so einfach, in den mittleren Städten noch einen IBM-Händler zu finden. Und auch im professionellen Bereich fragen sich viele, ob die Qualitäten eines Thinkpads, der problemlos 10 Jahre durchhält, angesichts der Abschreibungen und der Technologieentwicklung gerechtfertigt sind. Was nützt bei 4000 Euro Kosten der schöne, glänzend schwarze Titankörper, wenn die Innereien nach drei Jahren veraltet sind, wie bei jedem schnöden No-Name aus Taiwan?



Wahrscheinlich musste sich IBM solche Fragen zu oft anhören. Und reagiert wie eine Zeitung, die ihre Jugendseiten einstellt, weil sie zu wenig Profite abwerfen. Dabei ist der Thinkpad das, was die zukünftigen Entscheidungsträger für IBM einnimmt. Der Thinkpad ist die Demarkationslinie zwischen Amateur und Profi, zwischen Schwafler und Berater. Thinkpads stehen für Nachhaltigkeit. Das Design hat sich die letzten 15 Jahre kaum geändert, ein alter 760er sieht heute aus wie ein dickes Subnote, das war´s aber schon. Jeder Berater und jeder Schriftsteller, jeder, der täglich ein paar Stunden an dieser Tastatur sitzt, erinnert sich an den Tag, an dem er seinen ersten Thinkpad bekam. Wer als Junior Consultant oder Manager nicht mehr den satten Klang der Tastatur kennen lernt, wer nie die unverwüstliche Qualität erfahren hat, wird später seinen Kunden oder seinem Unternehmen auch keine Server von IBM empfehlen. Keine emotionale Bindung zum Produkt, kein Kauf. Keine Erfahrungen mit der Firma, und schon ist sie nur noch eine unter vielen Wettbewerbern. Gerade in Deutschland, wo sich die jüngeren Absolventen der Betriebswirtschaftslehre vielfach schockierend falsche Vorstellungen von der Dauerhaftigkeit einer Geschäftsbeziehung im Mittelstand machen.

Und IBM sollte sich schon mal die Frage stellen: Wenn sie es nicht mehr schaffen, mit einem 4000 Euro teuren modernen Klassiker auf die Schreibtische der Führungsebene kommen - wie wollen sie dann 4 Millionen Euro teuren Beratungsaufträge bei denselben Personen bekommen? Beratung macht heute jeder - Thinkpads nur IBM. Leider macht IBM mit dem Verkauf jetzt Gericom-Entscheidungen.

Warum ich das erzähle? Ich habe sieben Notebooks aus den wilden Zeiten der New Economy von 97 bis 02, alle aus der Klasse 3000 Euro aufwärts, Siemens 710, HP 4150, Compaq E500, und das sind alles nette Maschinen, mit denen man gut arbeiten kann. Aber meine Bücher schreibe ich auf den Thinkpads.

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Freitag, 3. Dezember 2004

Heute wird dieses Blog 1 Jahr alt

aber das hier versaut mir die Feier. Lass Dich von Leuten wie der Euro-City AG nicht unterkriegen, netmeier. Es gibt auch gute Hoster in den USA, da kann nichts anbrennen: 1. Amandment rules!

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Mittwoch, 1. Dezember 2004

Sie kommt nur mal vorbei

um zu sehen, wie es hier so geht. Gut, natürlich. Und sie erzählt. Von der Prüfung, die jetzt bald kommt, von den Recherchen zur grossen Arbeit, die das Ende des Studentendaseins markieren wird. Sie weiss genau, was sie dann machen will, und sie weiss auch, dass es nichts wird. Dort, wo sie im Moment als Hilfskraft arbeitet, bekommen auch die Sekretärinnen nur Zeitverträge. Deabei ist das schon Öffentlich-Rechtlich, sprich ziemlich gut finanziert.

Sie hat den Fuss in einer Tür, aber dahinter kommt nur die Besenkammer. Sie hat gute Referenzen, aber mit denen darf sie nicht mehr machen, als Gäste betreuen und kleinere Papierarbeiten machen. Ihre sagenhaft weiche Stimme muss sie am Telefon verschwenden, im Hickhack mit irgendwelchen Apparatschiks, die auf die Frühpensionierung warten, noch 10 Jahre, oder so.

Dabei ist sie sehr, sehr gut, und es wäre verdammt schade, wenn sie irgendwo in Praktika versauern würde. Hier was, da was, Cappucino-Jobber hiess das früher in der New Economy, Bohemiandasein vor 100 Jahren, heute könnte man es als Nichtsozialhilfefall bezeichnen, um es gegen die Lumpenprojektjugend abzugrenzen. Es ist so verdammt ungerecht, wenn man daran denkt, was für schludrige, unfähige Betonköpfe den Crash überlebt haben und jetzt die Stellen besetzen, an denen Leute wie sie etwas bewegen würden, wenn sie fertig sind.

Bis dahin sind es noch 10 Monate. So lange dauert es, bis sie keine Studentin mehr ist, und bereit für eine Welt, die sich nicht um sie kümmern wird. 10 Monate sind eine lange Zeit, schon in 15 Minuten kann sich die Welt verändern, heisst es im Claim von b5 aktuell, aber die Option erzwingt nicht das Ereignis, und das letzte Mal, als das passierte, war der 11. September o1.

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Montag, 29. November 2004

Warum Du in den Wedding ziehen wirst.

Na, Du Mitte-Depp? Wie hat Dir die Mietpreiserhöhung gefallen, die Du heute im versifften Briefkasten unter all den unbezahlten Rechnungen gefunden hast? Heftig, was? Aber so ist das nun mal in dem Drecksloch, in dem Du Deine 30 Quadratmeter hast, in dem der Treppenaufgang verschmiert ist und sich die Party-People auf dem Heimweg vom LSD-Viertel Erleichterung verschaffen: Dein Vermieter braucht zur Rückzahlung seiner Steuerschulden dringend die Kohle, die Du auch nicht hast. Wenn Du nur an die Zitterpartie von vorgestern Abend denkst, mit Claudia am Bankautomaten... schon fast ein Wunder, dass der noch was ausgespuckt hat, anyway, jedenfalls war es nicht genug, um Claudia damit rumzukriegen. Jetzt sitzt Du also in dem Loch, es ist kalt, der Kühlschrank ist leer, alle Zigaretten sich schon geschnorrt und draussen wird es langsam finster. Du bist allein, und bleibst es auch, denn seit gestern ist das Telefon gesperrt. Anrufen kann man aber noch; so zum Beispiel Mutti, die sicher bald einen Schreikrampf bekommt, wenn sie zu Hause die Kontoauszüge in die Finger bekommt. Dann kannst Du sie auch nicht mehr anlügen, dass das grosse Projekt jetzt schon Geld überweist, nachdem Du vor 2 Semestern das Studium in die Tonne getreten hast, weil die Chancen in Berlin ja so gross sind.

Mann, Du bist, offen gesagt, am Ende. Lass uns reden, ok? Es gibt drei Möglichkeiten. Suizid, nicht wirklich angenehm, aber nachhaltig und für Dich garantiert sorgenfrei, wenn Du auch da nicht wieder versagst. Der Gedanke geht Dir schon seit Monaten durch den Kopf, ungefähr so lange wie die Idee von Deinem Projekt, und um das mal klar zu sagen: Beide Gedanken sind gleich scheisse. Die zweite Möglichkeit ist, eine psychische Störung vorzutäuschen, mit der Du gegenüber Deinen Eltern erklären kannst, dass Du die letzten Jahre nicht zurechnungsfähig warst und sie doch bitte die Schulden ein letztes Mal begleichen. Dann gehst Du zurück in die Provinz und beginnst mit 32 die Buchhandelslehre, die Du schon nach dem Abi hättest machen sollen. Du würdest als Versager unter Deinen alten Kumpels dort den Fussabstreifer geben, haha, der Mitte-Depp auf der Fresse, hehe, war ja schon immer klar. Auch nicht prickelnd, was?

Also die dritte Möglichkeit: Hör auf, ein Mitte-Depp zu sein. Reduziere konsequent alle Ausgaben und gehe dorthin, wo es noch Chancen gibt, wo nach Neuland zu entdecken ist, wo Du Dein Schicksal endlich mal selbst in die Hand nehmen kannst, wo Dich keiner kennt, wo alles erst am auf 0 gesetzt wird zum grossen Neuanfang: Komm in den Wedding.



Genauer in den Randbereich des Weddings rüber zum Prenzlauer Berg zwischen Behmstrasse, Prinzenallee und Wollankstrasse. Und alles wird gut - warum - bitte hier lesen.

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Warum Du in den Wedding ziehen wirst.

Na, Du Mitte-Depp? Wie hat Dir die Mietpreiserhöhung gefallen, die Du heute im versifften Briefkasten unter all den unbezahlten Rechnungen gefunden hast? Heftig, was? Aber so ist das nun mal in dem Drecksloch, in dem Du Deine 30 Quadratmeter hast, in dem der Treppenaufgang verschmiert ist und sich die Party-People auf dem Heimweg vom LSD-Viertel Erleichterung verschaffen: Dein Vermieter braucht zur Rückzahlung seiner Steuerschulden dringend die Kohle, die Du auch nicht hast. Wenn Du nur an die Zitterpartie von vorgestern Abend denkst, mit Claudia am Bankautomaten... schon fast ein Wunder, dass der noch was ausgespuckt hat, anyway, jedenfalls war es nicht genug, um Claudia damit rumzukriegen. Jetzt sitzt Du also in dem Loch, es ist kalt, der Kühlschrank ist leer, alle Zigaretten sich schon geschnorrt und draussen wird es langsam finster. Du bist allein, und bleibst es auch, denn seit gestern ist das Telefon gesperrt. Anrufen kann man aber noch; so zum Beispiel Mutti, die sicher bald einen Schreikrampf bekommt, wenn sie zu Hause die Kontoauszüge in die Finger bekommt. Dann kannst Du sie auch nicht mehr anlügen, dass das grosse Projekt jetzt schon Geld überweist, nachdem Du vor 2 Semestern das Studium in die Tonne getreten hast, weil die Chancen in Berlin ja so gross sind.

Mann, Du bist, offen gesagt, am Ende. Lass uns reden, ok? Es gibt drei Möglichkeiten. Suizid, nicht wirklich angenehm, aber nachhaltig und für Dich garantiert sorgenfrei, wenn Du auch da nicht wieder versagst. Der Gedanke geht Dir schon seit Monaten durch den Kopf, ungefähr so lange wie die Idee von Deinem Projekt, und um das mal klar zu sagen: Beide Gedanken sind gleich scheisse. Die zweite Möglichkeit ist, eine psychische Störung vorzutäuschen, mit der Du gegenüber Deinen Eltern erklären kannst, dass Du die letzten Jahre nicht zurechnungsfähig warst und sie doch bitte die Schulden ein letztes Mal begleichen. Dann gehst Du zurück in die Provinz und beginnst mit 32 die Buchhandelslehre, die Du schon nach dem Abi hättest machen sollen. Du würdest als Versager unter Deinen alten Kumpels dort den Fussabstreifer geben, haha, der Mitte-Depp auf der Fresse, hehe, war ja schon immer klar. Auch nicht prickelnd, was?

Also die dritte Möglichkeit: Hör auf, ein Mitte-Depp zu sein. Reduziere konsequent alle Ausgaben und gehe dorthin, wo es noch Chancen gibt, wo nach Neuland zu entdecken ist, wo Du Dein Schicksal endlich mal selbst in die Hand nehmen kannst, wo Dich keiner kennt, wo alles erst am auf 0 gesetzt wird zum grossen Neuanfang: Komm in den Wedding.



Genauer in den Randbereich des Weddings rüber zum Prenzlauer Berg zwischen Behmstrasse, Prinzenallee und Wollankstrasse. Und alles wird gut. Schon wenn du hier die Strassen runtergehst, wirst Du Dinge sehen, die es bei Dir in Mitte nicht gibt. Hier leben Kleinbürger, und Kleinbürger stehen nun mal auf Ordnung. Es gibt weniger Grafittti, Sticker, Hundekot und Kaugummi auf den Strassen. Es ist immer noch genug, um das typische Berlinslum-Gefühl zu haben, aber Du merkst nach hundert Metern, wenn Du zum ersten mal hier bist, dass Du das eigentlich gar nicht brauchst. Ausserdem ist es still hier, und der Fensterschmuck der alten Frauen zeigt, dass hier und dort noch ein klein wenig Romantik in den Herzen ist. Du siehst es, musst an Deine arme Oma denken, die Dir jeden Monat 100 Euro in der Hoffnung schickt, dass Du sie nicht für Joints durchorgelst, und das schlechte Gewissen setzt Dir zu, beim Anblick dieses Fensters.



Zwei Schritte weiter, gleich daneben, ist die Wohnung zu vermieten. Stell Dir das mal vor: Eine nette alte Dame als Nachbarin, die Dir das Salz leiht und Dir vielleicht noch einen Lebkuchen gibt. Erinnerst Du Dich, als Du Dir bei Julia das Salz ausgeliehen hast? Die arme Sau war am Ende so malle, dass sie Waschpulver in den Salzstreuer getan hast. Ach so, der Gedanke an Julia tut weh. Klar, verstehe ich. Dass sie Dir am Abend, als sie sie geholt haben, noch vor die Tür gekotzt hat, ist kein Grund, sie nicht trotzdem mal zu besuchen, meinst Du nicht? Niemand geht gern in die Geschlossene, aber Du ... jaja, ich hör schon auf. Wie auch immer, bei der Lebkuchen-Dame würde es kein Sauerkraut mit Ariel geben. Jedenfalls, diese Wohnung ist Parterre, gross und sicher nicht allzu teuer.



Willste mal genauer fragen? Die Wohnzentrale ist gleich die Strasse runter, und preislich kann man immer was drehen. Du musst übrigens nicht so trotten. Na los, ein bisschen schneller - ach so, Du bist flau im Magen, es ist drei Uhr Nachmittags, und es gab bei Dir noch nicht mal das gestrige Abendbrot, mangels Kohle... aber komm, die 40 Cent für ein Fladenbrot hast Du sicher. Nein, ich täusche mich nicht, 40 Cent kostet das hier, he, es ist Wedding, hier würden die ganzen Feinkost-Fidschis mit ihren 80-Cent-Fladen keine Woche überlegen, da schau rein:



Das ist übrigens auch ein Nachtkauf, optimal für so Typen wie Dich. Auch die Bierpreise sind hier sehr human. Und wenn Du hier einziehst und erst mal weder Telefon noch Internet hast, weil es ja gesperrt ist, kannste das hier auch für die Hälfte von dem machen, was Du in der Kastanienallee zahlen würdest. Coffee 2 Go 4 2 Euro gibt´s hier auch nicht, aber Kaffee zum mitnehmen oder am Monitor für 50 Cent, das gibt es. Krieg Dich wieder ein, das ist normal hier. Echt. Jaja, Pberg ist nur 500 Meter weg, aber das war vor der Mauer auch schon so, dass hier die Glücklichen und drüben die Verarschten gesessen sind, nur ist es jetzt drüben kapitalistische Verarsche. Ich bring Dir was zum Futtern, dann geht´s weiter.



So, das sind also die Mietangebote. Hier kannst Du ab 200 Euro inclusive Nebenkosten was Besseres als Dein 100% teureres Loch in Mitte bekommen. Wenn Du auf 60 Quadratmeter rauf willst, zahlst Du immer noch weniger als für 30 im Prenzlberg. Du hast hier freie Auwahl, Grösse, Ausstattung, Preis, alles sofort zu beziehen, und wenn Du die 3 Monate Kaution von Deinem Loch bekommst, hast Du hier schon 2 Mieten sicher. Weisst Du, was das heisst? Du bist wieder flüssig, zumindest hört das Zittern am Automaten auf. Oder nimm was grösseres, hol Dir einen anderen Versager als Untermieter und lass ihn 70% der Kosten tragen. That´s business, wird Zeit, dass Du das lernst. Genau hier im Wedding, nicht bei den Versagern in Mitte. Und dabei bist Du von hier aus mit dem Rad in 10 Minuten in der Schönhauser Allee. Ach, Du hast kein Rad, weil es geklaut wurde? Kein Problem.



Willkommen im Mekka der An- und Verkäufer! Ist hier alles kein Drama. Rund um die Wollankstrasse sitzen ein Dutzend Wohnungsauflöser, da kann man auch gute Schnäppchen machen. Echt. Wenn Du bei meiner kleinen Schwester in die Wohnung kommst und den Korbleuchter mit den 800 Kristallen siehst, würdest Du nie glauben, dass der von hier ist. Die Grundausstattung kannst Du für 100 Tacken zusammenkaufen, und das ist auch nicht schlechter als Ikea. Sondern besser. Porzellan, Bleikristall, das kostet hier weniger als das Starterset von Ikea. Bei der Gelegenheit kannst Du auch gleich mal das Verhandeln üben. Auch das gehört zum Geschäft. Fahrrad ist ab-so-lut kein Problem. Aber Du fährst dann doch lieber Deine Schrottkarre weiter? Zumindest kannst Du Dir dann die tägliche halbe Stunde Parkplatzsuche schenken. Hier findet auch der grösste Schlitten genug Platz.



Überall frei. Und dann auch noch die Grünflächen... OK, es gibt echt hässliche Ecken im Wedding, aber nicht hier. Hier sind überall Bäume, Gärten und kleine Rasenstücke. Sehr viel mehr als in Mitte, und es sind keine Trümmergrundstücke! Das muss man sich mal vor Augen halten. Hier wurde am Rand der Westzone bis 1989 was für die Anwohner getan, und davon hat das Viertel bis heute was. Bei Licht betrachtet, ist dieses Eck vom Wedding besser restauriert, besser in Schuss, besser verkabelt und besser gegen Stromschläge gefeit als der Slum über dem Bahndamm. Klar, Suizid vertuschen ist schwieriger mit richtigen Kabeln, aber hey, Du siehst ja schon wieder ganz passabel aus, frisch renoviert. Macht die frische Luft im Grünen.



Noch was. Natürlich sind die Leute hier nicht reich, aber wenn sie mal arbeitslos werden, versuchen sie in der Regel, wieder einen Job zu bekommen, einfach, weil ihnen wenig anderes übrig bleibt. Das ist halt der Westen, im Gegensatz zu dem Sozialschmarotzertum der Projektmenschen in Mitte, die vom Staat kassieren, was geht, und falls ihr Projekt Geld brächte, wären sie die ersten, die Steuern hinterziehen würden. Hier im Wedding gibt es tatsächlich die Chance, Arbeit, einen Nebenjob, irgendwas zu finden, was zumindest etwas Geld bringt. Auf ehrliche Art und Weise. Ja, das hast Du seit 7 Jahren nicht mehr gemacht, als Du das Taxi geschrottet hast, aber es klappt bei einem Grossteil der Bevölkerung, also auch bei Dir - und sicher besser als Dein Projekt. Danach bist Du dann auch fertig und kommst nicht mehr auf die Idee, Deine Kohle in überteuerten Läden im LSD-Viertel durchzubringen. Zumal es hier Läden gibt, die es an Originalität mit jedem Szenebums aufnehmen können:



Ach so, ist Dir zu strange. Das Essen bei denen ist nicht schlecht, wenn Du auf Eingeborenenkost stehst. Zum Essen ist die Gegend sowieso zu empfehlen: Billig und gut, teuer und schlecht hätte hier einfach keine Chance gegen die Konkurrenz. Döner ab 99 Cent, beispielsweise, bis 4 Uhr morgens. Chinapfanne 1,50. Und falls mal Mama vorbeikommt, bekommst Du Gebäck wie das, das sie aus der Provinz gewöhnt ist - zum Rekordpreis und auch in quietschlila. Wie daheim, wird Deine Mama denken und glauben, dass alles in Ordnung ist.



Ist es aber doch nicht. Denn hier, nur eine U-bahn-Station vom Pberg entfernt gibt es kaum wirklich coole Locations. Eine einzige Ausnahme hat in der Behmstrasse eröffnet, aber die ist eher was für ältere Leute. Da kannst Du mit Mutti hingehen, aber nicht mit Claudia. OK, das ist ein Problem. Dann musst Du eben rübergehen. Ist auch kein Beinbruch, denn Du musst über eine Brücke, und die schaffst Du nur, wenn Du nicht zu viel gesoffen hast, sag mal, hörst Du mir überhaupt noch zu? He? Was ist? Da drüben?



Ja, die Bunte Bühne. Ist dicht. Der Name ist klasse, eigentlich, da hast Du Recht, der Schriftzug ist auch geil. Bunte Bühne, was das kostet? Keine Ahnung, erst mal nichts, 6 Monate mietfrei sind hier bei Gewerbeimmobilien im Wedding die Regel... Ob ich in eine Bunte Bühne gehen würde? Logisch. Bunte Bühne. Es gäbe auch genug junge Leute hier, die hier nichts haben ... könnte was werden ... eigentlich wäre ein Club genau das, was hier noch fehlt. Der übliche Mischmach, ein bisschen Galerie für die umliegenden Künstler, die von der Degewo gesponsort werden; die haben übrigens auch keinen Treffpunkt in der Ecke ... Blogger gibt´s hier auch ein paar, logo.

Break

Es ist Dezember 2009. Eine billige Praktikantin von der Zitty spricht bei einem Mittdreissiger vor, der als der "Kneipenpadron vom Wedding" bekannt ist. Er erzählt ihr, wie er damals, Ende November 2004, durch das Viertel spazierte, den Kopf voller Ideen, und als er dann das Fenster der netten alten Dame sah, der das gesamte Haus und noch ein paar andere gehörten, da hat sich sein Leben verändert. Er wusste, es würde das Zukunftsviertel werden. Er gab seine Wohnung in Mitte auf, zog hier her, eröffnete die Bunte Bühne, auch bekannt als die Schule der Stars, denn alle jungen Literaten haben hier gelesen, MTV machte hier seine Castings, dann machte er das legendäre Tonhaus Corso in der Heidebrinker auf, der Hexenkessel wurde schnell eine Berühmtheit weit über die Grenzen Berlins, und heute sind die wirklich coolen Leute hier, im aufstrebenden Wedding. Wenn der arbeitschscheue, zurückgebliebene Pack vom Pberg drüben bliebe, wäre das Glück hier perfekt. Sagt er, und muss darüber lächeln, dass er selbst mal so ein Mitte-Depp war. Aber inzwischen ist er Wedding, und sein Leben ist schön.

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Samstag, 27. November 2004

MTV? Viva?

Ich habe in den letzten Nächten bei meinen Eltern den Praxistest gemacht - die haben im Gegensatz zu mit noch eine Glotze, sogar eine richtig grosse mit Stereo und so. Ich habe mit der Glotze aufgehört, als Duffy Duck, der Roadrunner, Tom und Jerry und andere kindgerechte Sendungen aus den öffentlich-rechtlichen Sendern verschwanden.

Wie auch inmmer, nach den paar Nächten kann ich sagen: MTV und Viva sind auf allen 4 Kanälen jetzt schon unerträglich. Wirklich gutes kommt aber auf Platz 54 meiner Fernbedienung: Die Nachtschiene mit Bernd dem Brot bei KiKa. Es gibt nur 3 Musikvideos, aber die kann ich bis zum Abwinken gucken. Dashalb, liebe Frau Mühlemann: Ich fordere Sie zum Deathmatch gegen Bernd das Brot auf. Go Bernd go!

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Donnerstag, 25. November 2004

Bar Centrale

Ende der 80er ereignete sich in der Gastronomie der Provinzstadt ein entscheidender Wandel. Ein italienischer Gastronom hatte verstanden, dass noch eine Pizzeria etwas viel für den in andere kulinarische Ecken abschweifenden Geschmack der Provinzler war, und dass die Jugend, zumal die mit besserverdienenden Eltern, kein auch nur halbwegs akzeptables Cafe hatte. Er mietete einen langen, schlanken Raum, packte eine Theke und einen gut aussehenden, italienischen Barmann hinein, hängte Bilder des Radidols Fausto Coppi an die Wand, und schon kam die Kundschaft von Schulaus bis Ganzspätnachts.

Es war sehr angenehm, so gegen 17 Uhr in der Bar Centrale einzulaufen, während Francesco nochmal die Bar polierte, und dann zu warten, bis sich der Laden füllte; gegen 22 Uhr war dann absolut kein Platz mehr frei, und der Geräuschpegel war erheblich. Die Bar Centrale war ein Aussenposten von München. Es war die Schule der - damals hiess das noch so - Popper und Yuppies, man blieb unter sich, und wer schon studierte und nur am Wochenende kam, um seine Wäsche machen zu lassen, wusste, dass er hier die alten Freunde treffen konnte, und die neuen Geschichten aus Frankfurt, Hamburg und Köln hören würde - nein, Berlin war damals nicht dabei, das galt als unvorstellbar.



Inzwischen ist die Bar umgezogen, und das Publikum ist auch dabei. Jetzt ist es Mitte/Ende 30, und trägt in der Freizeit Jeans und Lederjacken, was Ende der 90er kaum unvorstellbar gewesen wäre, als es in der Provinz sogar noch Jean Paul Gaultiers Sublabel Bogy´s pour Gibo gab. Man könnte fragen, ob es vielleicht schon was mit der Midlife Crisis zu tun hat, aber ich kann mir das bei den Hiergebliebenen schlecht vorstellen, so selbstsicher und unreflektiert die schon immer waren. Es gibt nur eine wirkliche Veränderung: In und vor der Bar Centrale sind sehr oft Kinderwägen mit wenig dezentem Inhalt. Vermutlich redet man dort heute mehr über Windeln denn über Lebensabschnittspartner, und auch die meisten ausserehelichen Fickkombinationen der Provinzstadt dürfte man inzwischen durch haben.

Egal. Man kann sich trotzdem noch draussen hinstellen, mit dem Espresso, wenn im November die Sonne runterknallt und diese windgeschützte Südecke der Provinzstadt aufheizt, die Sonnenbrille ins Haar stecken, bevor es dann wieder in den Job geht, und am Abend dann mit den Blagen vor die Glotze. Vermute ich mal, denn ich selbst vermeide die Bar Centrale aus Unlust, dort die ein oder andere frühere Bekannte mit ihrem Ehedingsda zu sehen.

In Italien sitzen in der Bar Centrale meistens die alten Säcke, schauen im Sommer den Touristinnen hinterher und im Winter auf ihr belangloses Leben zurück. Die Bar Centrale in der Provinzstadt hat treue Kunden mit einem belanglosen Leben, und wenn das noch 30 Jahre so weiter geht, wird es auch hier das echt italienische Flair einer Ansammlung alter, desillusionierter und gelangweilter Greise geben, die auf die Jugend schimpfen, auf die Fussballübertragungen am Wochenende warten und den Elitessen der lokalen Uni hinterher schauen, die sicher glauben, dass ihr Leben mal ganz anders, spannend und aufregend wird.

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