Warum Du in den Wedding ziehen wirst.

Na, Du Mitte-Depp? Wie hat Dir die Mietpreiserhöhung gefallen, die Du heute im versifften Briefkasten unter all den unbezahlten Rechnungen gefunden hast? Heftig, was? Aber so ist das nun mal in dem Drecksloch, in dem Du Deine 30 Quadratmeter hast, in dem der Treppenaufgang verschmiert ist und sich die Party-People auf dem Heimweg vom LSD-Viertel Erleichterung verschaffen: Dein Vermieter braucht zur Rückzahlung seiner Steuerschulden dringend die Kohle, die Du auch nicht hast. Wenn Du nur an die Zitterpartie von vorgestern Abend denkst, mit Claudia am Bankautomaten... schon fast ein Wunder, dass der noch was ausgespuckt hat, anyway, jedenfalls war es nicht genug, um Claudia damit rumzukriegen. Jetzt sitzt Du also in dem Loch, es ist kalt, der Kühlschrank ist leer, alle Zigaretten sich schon geschnorrt und draussen wird es langsam finster. Du bist allein, und bleibst es auch, denn seit gestern ist das Telefon gesperrt. Anrufen kann man aber noch; so zum Beispiel Mutti, die sicher bald einen Schreikrampf bekommt, wenn sie zu Hause die Kontoauszüge in die Finger bekommt. Dann kannst Du sie auch nicht mehr anlügen, dass das grosse Projekt jetzt schon Geld überweist, nachdem Du vor 2 Semestern das Studium in die Tonne getreten hast, weil die Chancen in Berlin ja so gross sind.

Mann, Du bist, offen gesagt, am Ende. Lass uns reden, ok? Es gibt drei Möglichkeiten. Suizid, nicht wirklich angenehm, aber nachhaltig und für Dich garantiert sorgenfrei, wenn Du auch da nicht wieder versagst. Der Gedanke geht Dir schon seit Monaten durch den Kopf, ungefähr so lange wie die Idee von Deinem Projekt, und um das mal klar zu sagen: Beide Gedanken sind gleich scheisse. Die zweite Möglichkeit ist, eine psychische Störung vorzutäuschen, mit der Du gegenüber Deinen Eltern erklären kannst, dass Du die letzten Jahre nicht zurechnungsfähig warst und sie doch bitte die Schulden ein letztes Mal begleichen. Dann gehst Du zurück in die Provinz und beginnst mit 32 die Buchhandelslehre, die Du schon nach dem Abi hättest machen sollen. Du würdest als Versager unter Deinen alten Kumpels dort den Fussabstreifer geben, haha, der Mitte-Depp auf der Fresse, hehe, war ja schon immer klar. Auch nicht prickelnd, was?

Also die dritte Möglichkeit: Hör auf, ein Mitte-Depp zu sein. Reduziere konsequent alle Ausgaben und gehe dorthin, wo es noch Chancen gibt, wo nach Neuland zu entdecken ist, wo Du Dein Schicksal endlich mal selbst in die Hand nehmen kannst, wo Dich keiner kennt, wo alles erst am auf 0 gesetzt wird zum grossen Neuanfang: Komm in den Wedding.



Genauer in den Randbereich des Weddings rüber zum Prenzlauer Berg zwischen Behmstrasse, Prinzenallee und Wollankstrasse. Und alles wird gut - warum - bitte hier lesen.

Montag, 29. November 2004, 19:14, von donalphons | |comment

 
Stilfrage
Ich grüble schon die ganze Zeit, ob dieser Amistil der Achtziger das Richtige für die Mittekids ist? Irgendwie kommen sie mir so vor, als hätten sie schon von Vornherein keine Illusionen über sich, als sähen sie in sich sowieso die Loser und spielten alles nur. So richtig harte Erkenntnisse ständen ihnen dann gar nicht bevor. Und der Text wird ja auch mit jeder Zeile positiver. Keine Ahnung. Auf jeden Fall lese ich Tetxe in diesen Stil immer wieder gern.

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Mooooment - das war jetzt mal ein Versuch, zumindest das Umfeld, in dem ich wohne, etwas aus dem allgemeinen Moloch herauszuheben. Aber jetzt nehme ich meine Kamera und suche Bilder für den Berlin Dirt Picture Contest - in Restberlin, hähähä.

Was die Leute angeht - die haben einfach zu viel Reality bites angeschaut. Toller Film - schlimme Folgen.

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