: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Samstag, 30. März 2013

Es ist nicht alles schlecht in Rosenheim

Zum Beispiel, dass sich die Brauherrn am Ort, wenn der Junior Englisch aus eigener Kraft überlebt hat, sich nach dem Schuljahr mit einem Kasten bedanken, und ausserdem ausrichten lassen, dass man sich noch mehr holen kann - ich sehe darin einfach keine Bestechung, das ist hier halt so. Die Abiturfeiern waren hier schon vor den amerikanischen Brauchtümern üppig, wenn ein Kind des Metzgers in der Jahrgangsstufe gewesen ist. Dieses Rosenheim ist gar nciht so schlecht. Hübsch gleich gar.



In dieser schönen Stadt gibt es einen Lokschuppen und dort drinnen oft Ausstellungen, und Anno 13 sogar eine Landesaustellung über den nicht wirklich bayerischen Alexander den Grossen. Und wie man von draussen schon sieht: Man hat sie kind-, familien- und fachfremdentauglich gemacht, was ja nicht schlecht sein muss. Verkopfte Ausstellungen für Fachpublikum sind ein Garant für quengelnde Bälger und Negativpropaganda, also wird das eher was "für die ganze Familie". Dass man hier mehr Arbeit investiert, als in die Auswahl zeitlich wirklich passender Exponate, kann ich so halbwegs nachvollziehen: Die Epoche Alexanders an sich war kurz, und auf's Jahrzehnt genau kann man sich schlecht die Funde aus dem Ärmel schütteln.



Und dass man mitunter zu einer gut gemachten frühantiken Vase greift, statt irgendwelchen hellenistischen Müll für den Export zu zeigen, kann ich auch noch irgendwo verstehen. Aber das endet irgendwie bei der Verdunkelung der Räume und bei schlecht entzifferbaren und wenig aussagekräftigen, weil nicht erklärenden Tafeln. Wenn man sich so viel Mühe für den Einbau von Trickfilmdisplays Zeit genommen hat, hätte man auch noch mehr zu den Gegenständen sagen können. Klarer Fall von falscher Strategie: Das Fachpublikum könnte man trotzdem befriedigen. Man tut es nicht, und so sonderlich gut ist der Katalog zur Ausstellung auch nicht, dass er die Schwächen beheben könnte. In zehn Jahren wird man hoffentlich mit Grauen an die Vergnügungspark-Gruselbahn-Epoche zurückdenken, die sich hier Bahn gebrochen hat.



Krasses, aber nicht einziges Beispiel ist eine gigantische, rotfigurige Halsamphora aus Unteritalien: Hier hätte man mal ein Stück aus der Alexanderzeit gehabt, das ausdrücklich die Schlacht bei Gaugamela zeigt. Die berühmten Mosaike, mit denen die Wand gegenüber bebeamt werden, sind ja römisch und drei Jahrhunderte später, was in etwa ist, als würde man die Geschichte von Ludwig XIV von der Dresdner Schule schmieren lassen: Ziemlich daneben. Die Amphora mit ihren Bildfeldern könnte das alles rausreissen, aber sie ist so im Finsteren, dass nicht mal ich sie genauer betrachten konnte. Darüber laufen Ausschnitten von Oliver Stones Film zu dieser Schlacht in Dauerschleife, 5 Meter breit und 2 Meter hoch in kurzen Schnitten, mit viel Gewalt und Tod. Man kann natürlich in der Dunkelheit versuchen, etwas zu erkennen, mit 10 gaffenden Familien dahinter, aber das ist überhaupt keine Atmosphäre für den Kundigen: Es ist Spektakel. Und es ist auch überflüssig, denn jemand hat auch für Kinderhorden vorgesorgt:



In der Garderobe sind viele grosse Käfige, in die man minndestens 100 Kinder einlagern kann. Es wäre also gar nicht nötig, man könnte besser beleuchten und bessere Texte schreiben. Man merkt, dass nicht alle bei der Umsetzung geschlafen haben, aber leider gibt es kein Hinweisschild für diese praktische Einrichtung, und so hat man Turbomütter und Quengelbälger und Vorzeigepapas sehr unentspannt zwischen Fundstücken, die den Normalen für die Halbbildung genügen. Der Fachmann wird den Eindruck nicht los, dass den Machern nach hinten hinaus die Ideen und der Multimediaplunder und die Funde ausgegangen sind, und so verlässt man das alles wie ein Essen, das aus der Ferne gut klang und sich dann als Fertiglasagne erwies. Irgendwie bekommt Bayern das Konzept der Landesausstellung nicht so hin, wie die Schwaben und Tiroler. Und weil so viele kommen, lernen sie auch nicht.

Aber die Käfige sind schon mal ein guter Ansatz.

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Freitag, 14. Januar 2011

Terminplanungsseite gesucht

.Ich bräuchte etwas:

Eine Art Terminkalender im Internet, den mehrere Leute gleichzeitig nutzen sollen.

Sie sollten sich eintragen und dabei auch Teile ihrer Arbeit einstellen können. Es sollte nicht öffentlich sein, Terminwechsel erlauben, leicht zu bedienen sein und zu keinerlei grossen Firma mit Datenspionageabteilung wie Google, Yahoo etc. gehören.

Eventuell würde ich ja ein WP-Blog anbieten, aber ich fürchte, das ist zu unübersichtlich. Hat jemand Ideen?

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Mittwoch, 8. Februar 2006

Umfrage des Tages: Sex in der Blogosphäre

1. Habt ihr schon gehabt?
2. Wollt ihr haben?
3. Habt ihr von einem Freund oder einer Freundin gehört, dass er oder sie hat?
4. Taugen Blogs als Anbandelungstool?

Und damit ihr Euch auch anonym trauen könnt, gibt es dafür einen Extra-Mitgliegsnamen: Blogfick, und das Password lautet: auja.

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Dienstag, 7. Februar 2006

Umfrage zur Blog- und Mediennutzung von Bloglesern

Liebe Leser, wenngleich es hier manchmal etwas ruppig zur Sache geht, wenn es die Kommunikationswissenschaften betrifft, so ist es doch so, dass ich das Fach an und für sich mag.

in München entsteht nun eine sehr spannende Magisterarbeit, deren Thema eine wichtige Frage ist, nämlich: Wie gehen wir mit Blogs, wie gehen wir mit Medien um und wo sind die Unterschiede. Es gibt hier eine Umfrage, die etwa 10 Minuten zum beantworten dauert, und es würde mich freuen, wenn Ihr Euch beteiligen würdet. Das Projekt ist nicht kommerziell, es werden keine Daten wie IPs gespeichert, und wer sich informieren will, findet hier das Blog der Forscherin.

Vielleicht noch was zu meiner Motivation: Ich habe sie im Institut in München bei einem Vortrag über Blogs kennengelernt, und da meinte sie, Blogs wären vielleicht so eine Art Tamagotchi für Erwachsene. Kein Respekt vor alten Säcken wie mir. Das mag ich. Das unterstütze ich :-)

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Samstag, 4. Februar 2006

Fragebogen nochmal

Schon mal ein kleiner Hinweis: Am Montag bin ich dran mit dem fragen - wäre schön, wenn Ihr Euch dann beteiligen könntet. Non Commercial, Science only.

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Donnerstag, 2. Februar 2006

Webwatching ist als HTML online

Allerdings ohne Kommentare.

Und offensichtlich war es wohl der Jahresabschlussbericht der schwarz im Sanitäranlagenbau arbeitenden Medienleute (jaja, die Medienkrise, ich verstehe), so viele Klowände werden da mehr oder weniger deutlich angesprochen. In fact, da steckt mitunter so viel an Unverständnis drin, dass mir irgendwie die Lust fehlt, mich damit auseinanderzusetzen. Wie überhaupt schon lange mit dem meisten, was Medien so über Blogs schreiben. Nicht meine Welt. Nicht mein Kulturverständnis. Kann sein, dass Blogs kaum Impact auf Medien haben. Aber Medien haben sicher keinen Impact auf Blogs.

Zu einigen schönen Seiten des Lebens auf Webwatching: Hans-Jürgen Bucher, Gundolf S. Freyermuth, Peter Glaser, mein persönlicher Favorit, Klaus Meier, Peter Praschl. Ich bin da. Ich denke, Jörg-Olaf Schäfers wird sich wohl den von einem ZEITler beklatschten Müll-Blumencron morgen vornehmen. Viel Spass, it´s like shooting fish in a barrel.

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Dienstag, 31. Januar 2006

Webwatching ist online

Hier.

Zuerst mal: Respekt vor der Leistung. Danke für das schöne Interview.

Aber: 1. Flash. Das ist schon schlimm. UPDATE: man hört aber, dass sich da was tut.

Und: 2. 19 Interviews. 19 Männer. Keine Frau.

Das ist so richtig übel.

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Freitag, 30. Dezember 2005

Was dabei herauskommt,

wenn Betriebswirtschaftler ohne geschichtliches Wissen versuchen, diesen Mangel zum Argument zu machen.

Sehr langer Artikel mit sehr vielen historischen Überlegungen, vielleicht für manche etwas zu viel, aber ich möchte ein paar Vorlagen nicht ungenutzt verstreichen lassen.

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Was dabei herauskommt,

wenn Betriebswirtschaftler ohne geschichtliches Wissen versuchen, diesen Mangel zum Argument zu machen.

Es begab sich also zum Ende der New Economy, dass manchem Verantwortlichen an einer gewissen Hochschule in St. Gallen, bei uns damals nur als "Galle" bezeichnet, der Umstand erkenntlich wurde, dass das bisherige System der Elitezucht angesichts der von Absolventen verursachten Todesraten dieser schwarzen Zeit dringend reformbedürftig war. Statt der reinen Ausbildung zum Unternehmensgründer, Consultant-Partner und Nachwuchsvorständler meinte man den jungen Leuten auch etwas Kultur mitgeben zu wollen, und kaufte dafür Kulturwissenschaftler ein, um ihnen sowas wie "soziale Intelligenz und Kreativität" mitzugeben. Eine dieser Personen ist ein guter Freund, und der meinte, frisch aus der Schweiz zurück, über die dortigen Studierenden: "Die haben zwar alle keine Ahnung, aber das können sie prima in Powerpoint umsetzen."

An diese Zeit musste ich denken, als mir dieser Versuch einer Replik auf meine Antwort auf einen Beitrag einer notorischen Puppe unterkam. Ich möchte keinesfalls bezweifeln, dass diese Person etwas Ahnung von Betriebswirtschaftslehre hat. Aber es wird offensichtlich, dass er vollkommen blank ist auf dem Feld der Geschichtsforschung, und hier nun wird diese Schlacht geschlagen.

Da freut es mich besonders, wenn dann eine Formulierung wie "Kolonialmächten, die bereits vor 1500 nicht-absolutistische Ordnungen hatten" kommt. Vor 1500 war es naturgemäss in Europa schwer, eine absolutistische Ordnung zu haben - der Absolutismus existiert im Mittelalter, also vor 1500 nicht. Im Gegenteil, das Herrschaftsprinzip des Mittelalters kennt die dafür notwendige Einrichtung des weltlichen "legibus absolutus" nicht, des Herrschers, der über den Gesetzen steht. Ironischerweise ist es denn auch das vielgelobte, "freie" England unter Henry VIII, das zu Beginn der Neuzeit sowas wie der Prototyp des Absolutismus in Europa wurde - indem Henry VIII such selbst als Oberhaupt seiner Staatskirche einsetzte und damit über allem stand. Dass es im späten Mittelalter soweit kommen konnte, "verdankt" man in England übrigens den durchaus schaurigen Rosenkriegen, die nicht wirklich die Grundlagen der bürgerlichen Freiheit waren, wie etwa in den deutschen Reichstädten. Im Gegenteil vernichtete dieser Bürgerkrieg den Einfluss der Bürger zugunsten von Warlords und in der Folge eines diktatorischen Regimes, das danach noch anderthalb Jahrhunderte Religionskriege nach sich zog.

Zu denen bemerkt nun besagter Herr: "Wenn es in Augsburg die Fuggers gab und woanders in Deutschland noch die eine oder andere weitere erfolgreiche Kaufmannsfamilie, dann wird aus diesen Einzelfällen noch keine im Hinblick auf institutionellen Wandel einflußreiche Schicht von Kaufleuten, wie es sie in England oder den Niederlanden gab."

Oh Oh. Eigentlich sollte ich hier still geniessen, wie sich da jemand argumentativ selbst meuchelt. Offensichtlich kennt da jemand das Universalreich Philipp II von Spanien nicht, zu dem Spanien, Portugal, Oberitalien, das heilige römische Reich und eben auch die vielgelobten Niederlande zählten. Sprich, das alles war damals ein Herrschaftsgebiet, und Phillip und tat militärisch alles, dass die Bürger dort nicht aus der Reihe tanzten.

Nochmal zur Verdeutlichung: Den Niederlande gelang es erst nach einer blutigen Erhebung gegen die Spanier und einem Handelskrieg im fernen Osten mit den Portugiesen, zur Handelsmacht aufzusteigen. Wobei man auch hier beachten muss, dass es nicht "die Niederlande", sondern die Patrizierschicht der Niederlande war. Davor war ihr nicht geringes Haupteinkommen der Handel mit dem Baltikum.

Und was die deutschen Kaufleute angeht: Im Mittelalter verlief die Geschichte der grossen Handelsstädte vergleichsweise ähnlich, die Händler erstritten sich Rechte, entmachteten Bischöfe und wurden reichsunmittelbar, was faktisch in eine Diktatur der Patrizier mündete, einer Art Oligarchie. Bei relativ ähnlicher Entwicklung der führenden Schichten änderten sich aber die führenden Handelsmetropolen: Im Hochmittelalter waren Köln und Regensburg führend, Regensburg beispielsweise durch das Seidenmonopol seiner jüdischen Bewohner. Im späten Mittelalter stiegen dann durch die Wollwirtschaft Erfurt, Ulm, Brügge und Konstanz auf, die allesamt, auch Brügge, in der frühen Neuzeit von Konkurrenten wie Augsburg, Nürnberg und Amsterdam überflügelt wurden. Gerade hier wäre es aber möglich, die Zusammenhänge zwischen Bürgereinfluss und wirtschaftlichem Erfolg aufzuzeigen, die Königsmacher der Fugger und die Compagnia der Bardi in Florenz sind zwei ganz famose Beispiele für die Macht der Bürger im späten Mittelalter. Insofern war es nur logisch, dass die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts allerorten die bürgerlichen Bestrebungen zerstört wurden - Florenz wurde Herzogtum, Regensburg ging pleite, Erfurt wurde in den Religionswirren zerstört, Konstanz durch Zürich vom Hinterland abgeschnitten, der Städtebund um Ulm gebrochen, die Fugger gaben nach der Erhebung in den Fürstenstand den Handel weitgehend auf, Nürnberg dagegen konnte auch im 17. Jahrhundert noch spielend mit den glanzvollsten Handelsstädten der Niederländer mithalten.

Was sagt uns das alles? Dass Geschichte extrem komplex ist, viel komplexer als irgendwelche Berechnungen. Und von einer enormen Vielzahl von Faktoren abhängt. Es ist nicht zu bestreiten, dass unter gewissen rechtlichen Bedingungen handelndes Bürgertum wirtschaftlich erfolgreicher sein kann als ein absolutistischer Staat. Allerdings kann auch ein absolutistischer Staat wie Frankreich höchst erfolgreich sein - nicht umsonst brechen die angeblich so erfolgreichen Niederlande im 18. jahrhunderte bei aller Freiheit massiv ein, als sich Frankreich politisch führend wird. Und das angeblich so erfolglose Portugal wird gleich zweimal durch seine Kolonien nochmal zum reichen Land: Ende des 18. und Ende des 19. Jahrhunderts durch den Kakaoboom. "Kann" heisst also nicht "muss". Die da von der Gegenseite geforderte Betrachtungsweise ist daher abzulehnen: "Wie viele Nicht-Ökonomen hat auch Herr Alphonso gewisse Probleme damit, reale anstelle von nominalen Veränderungen zu berücksichtigen und vom Einzelfall zu abstrahieren, um durchschnittliche Tendenzen zu erkennen."

Denn diese Forderung ist allein, wie oben erkenntlich, der Unfähigkeit der anderen Seite geschuldet, die Einzelfälle überhaupt zu kennen - da hilft es nichts zu argumentieren, das ginge am Thema vorbei. Erst deren Kenntnis erlaubt so weitreichende Schlussfolgerungen, wie sie im fraglichen Beitrag getroffen und von der anderen Seite zusätzlich überspitzt dargelegt werden. Dem Beitrag und der anderen Seite liegt ironischerweise das gleiche mechanistisch-materialistische Geschichtsbild zu Grunde, das auch einen Karl Marx in die Irre geführt hat, Stichwort "Frühbürgerliche Revolution", in der eine komplexe Situation für die jeweilige ideologie passend geprügelt wird. Marx als Kind seiner Zeit mag man vergeben, aber nicht unseren Zeitgenossen, die es besser wissen könnten und müssten.

Im Kern wird da nämlich nicht die durchschnittliche Tendenz erkannt, sondern genau andersrum die offensichtlich gut laufenden Beispiele so weit wie möglich für die Theorie eines erfolgreich agierenden "Bürgertums" im Gegensatz zu einem reglementierenden Staat zurechtgeschrieben; etwas, das man im England des 16. und 17. Jahrhunderts aber faktisch ausschliessen und bei den Niederlanden selbst nach der spanischen Besatzung im Kern auch mit einigen weiteren Faktoren erklären kann und muss. Allein schon, weil das "Bürgertum" unzulässig gleichgesetzt wird mit der wirtschaftlich erfolgreichen Schicht - kleiner Hinweis noch am Rande, Ursache für die "Bürgeraufstände" in den Niederlanden um 1570 waren vor allem eine Wirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit und in Folge dessen eine Hungersnot der Bürger, die wirtschaftlich nicht so erfolgreich waren und in der Folge versuchten, die Besitzenden auszuplündern. Die andere Seite bringt in ihren kurzen Texten einfache Gleichungen, ähnlich wie "Lohnnebenkosten runter, Arbeitslosigkeit runter", oder "Spitzensteuersatz runter, Steuerehrlichkeit rauf". Dergleichen ist immer getragen von dieser Vereinfachung, dass Wirtschaft letztlich eine simple, vernüftige Gleichung sei, die eher die Gesellschaft dominiert denn von der Gesellschaft dominiert wird - wenn das so wäre, hätte es wohl keine New Economy gegeben, keinen schwarzen Freitag, keine Flowtex und Comroad, und keinen Wirtschaftskrieg des Dritten Reiches.

Die Forderung nach Abstaktion ist da nichts anderes als der Wunsch nach unzulässiger Vereinfachung. Sicher, mit solchen Methoden kann man eine tolle Powerpoint an die Wand werfen - aber in meiner Wissenschaft sollte man mit dergleichen eher vorsichtig sein, sonst steht man schnell als unwissender Phrasendrescher da. Weniger diejenigen, die in ihrem Artikel Hypothesen aufstellen, über die man debattieren kann - als vielmehr die Person, die dergleichen als Tatsachen darstellt.

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Könnten Neoconnards lesen -

ich meine diesen Haufen, die ihren Traffic vor allem durch gegenseitige Verlinkung generieren - würde ich ihnen folgendes Buch empfehlen:

Carlo M. Cipolla, Die Odysse des spanischen Silbers

erschienen bei Wagenbach.Danach könnten sie sich ihre libertären Vorstellungen vom Aufschwung Europas ohne Kolonien gleich wieder sonstwohin stecken. Ungefähr dorthin, wo sie die Behauptung hernehmen, der ihren Verdrehungen zugrunde liegende kurze Aufsatz wäre "gerade veröffentlicht", denn es handelt sich bei

Acemoglu, Johnson, Robinson, 2002, The Rise of Europe: Atlantic Trade, Institutional Change and Economic Growth, NBER Working Paper No. w9378

wie man an der Jahreszahl bereits erkennt, um ein drei jahre altes Werk, das man übrigens seit drei Jahren auch hier als pdf herunterladen kann. Unglaublich, dass jemand, das das nicht weiss, an einer deutschen Uni was anderes bekommt als eine Kündigung.

Aber gehen wir nun ins Detail einer Arbeit, die der Frage nachgeht, wie der Raubbau an der Neuen Welt Europa beeinflusste. Ein Kernsatz der Arbeit, der dann auch bei den rechten Puppen ähnlich auftaucht, lässt einem Historiker den Mund offen stehen.

"In Britain and the Netherlands, new groups of merchants benefited from Atlantic trade and played a major role in inducing institutional change, unleashing a much larger economic potential from the rest of the society. In contrast, in Spain and Portugal, the monarchy and loyal groups with royal trading monopolies were the major beneficiaries of early profits from Atlantic trade and plunder because the monarchy was both strong and in tight control of the monopoly of trade."

Das kann man nur behaupten, wenn man vom globalen Handel der Zeit keine Ahnung hat - deshalb auch der Rat zu Cipollas vorzüglichem Buch. Vereinfacht dargestellt sieht der Export aus Übersee in der Zeit zwischen 1500 und 1800 so aus: Das wichtigste, absolut entscheidende "Exportgut" - nicht Handelsgut! - war das Silber, das die Spanier und in geringerem Masse die Portugiesen aus Amerika holten. Eine zentrale Rolle spielte dabei der Silberbergbau in Potosi im heutigen Bolivien und Zatatecas in Mexiko. Nur begannen damit auch schon die Pobleme, weshalb man über die Passage "the monarchy was both strong and in tight control of the monopoly of trade" nur lachen kann.

Spätestens 1600 ist es mit der Kontrolle vorbei, ab da gilt der Monopolhandel mit den Kolonien als vergleichsweise unlukrativ. Aber schon früher hatten andere als die Krone die Hand im Spiel: Zum einem benötigte man zur Silberproduktion Quecksilber. Und darauf hatten nicht die spanischen Könige, sondern die Fugger aus Augsburg ein Monopol - und das wiederum zeigt schön, mit welchen Methoden sich "Patrizier" und "bürgerliche Unternehmer" damals einen Vorteil verschafften - mit dem Kontrollapparat, den die Fürsten entgegen der Behauptungen im Text nicht hatten. Umgekehrt hatten die libertären Fugger auch das Monopol auf das amerikanische Guajakharz - das damailge Wundermittel gegen die Syphilisseuche und ein weiterer Quell des Reichtums von Augsburg.

Aber das Silber war entscheidend, der Wert des simplen Raubes war im 16. und 17. Jahrhundert vier bis zehn Mal so hoch wie der Wert des Handels. Neben dem theoretischen Monopol des spanischen Königs im Handel mit den atlantischen Kolonien gab es auch noch zwei andere Phänomene: Schmuggel und Piraterie. England verdankt seinen Aufstieg zu Seemacht zum grossen Teil lizensierten Unternehmerpersönlichkeiten wie dem Piraten Francis Drake. Spanier betrieben dagegen selbst den Silberschmuggel, der, wenn er denn aufflog, ca. 50% der Importe ausmachte. Cipolla spricht hier vonn einem spanischen "Volkssport", an dem sich so ziemlich alles und jeder beteiligte. Der dazu führte, dass lediglich 20-25% des "spanischen" Silbers bei der Krone und der gesamte Rest bei privaten Entrepreneuren landeten, die sich um irgendwelche Monopole und Kontrollen nicht scherten, Spanien scheint damals schon recht lockere Zöllner gehabt zu haben. Das Problem der Spanier wurde ein Zuviel an "Schwarzgeld"-Silber, das eine Inflation auslöste - sprich, die Verarmung weiter Teile Spaniens ist dem Umstand geschuldet, dass plötzlich 10 mal so viel Silbergeld da war.

Und nun zu den Holländern: Zu behaupten, dass sie aufgrund ihrer offenen Gesellschaft reicher als die Spanier wurden, blendet schlichtweg den eigentlichen Quell des Reichtums aus, der im Kern im Handelsdefizits Europas mit dem Orient begründet liegt. Und da entstand dann eine Monopolfirma namens Ostindische Kompanie, die auf Java und Sumatra praktisch eigene Kolonien unterhielt, zur Durchsetzung ihres Monopols Krieg etwa gegen die Portugiesen führten und sich schlimmer benahm als eine von Heuschrecken übernommene Ölgesellschaft bei der Ausbeutung eines korrupten afrikanischen Kleinstaates. Wenngleich als Aktiengesellschaft organisiert, war die Kompanie faktisch ein totalitäres Staatsgebilde. Was sie nicht aus den Bewohnern rausquetschen konnten, wurde mit dem spanischen Silber gekauft - Silber war das einzige "Wirtschaftsprodukt Europas", das im fernen Osten auf Interesse stiess.

Will sagen: Kann schon sein, dass die Niederlande und später England vergleichsweise wirtschaftsliberal waren - aber den Aufschwung als Handelsnationen verdanken sie brachialsten Wirtschaftsmethoden diesseits und jenseits der Atlantikroute, die auszublenden weniger der Grundfehler des fraglichen Beitrags als vielmehr der Puppen ist - wie gesagt, der eine von denen soll angeblich an einer Uni Assistent sein, es ist unfassbar, solche Leute dort zu sehen.

Inwieweit man, abgesehen davon, calvinistische Händler in den Niederlanden oder das von Religionskriegen erschütterte England, wo schon der Verdacht einer Beziehung zu den Jesuiten zur Verbrennung ausreichte, überhaupt als offene, liberale oder bürgerliche Gesellschaft bezeichnen darf, ist nochmal eine ganz andere Frage. In diesem Punkt geht mir der fragliche Beitrag viel zu schnell zur Glorious Revolution von 1688, und der erwähnte Geusenaufstand in Holland ist nicht in einer halben Zeile zu besprechen. Liest man Berichte aus der Zeit, scheint man es eher mit Gottesstaaten a la Iran zu tun zu haben. Wie auch immer, so ganz scheinen die Puppen den Text nicht gelesen zu haben, denn im Gegensatz zu ihrer Behauptung, die Gewinne - und damit das eigentlich entscheidende Kriterium - wären gering gewesen, steht im fraglichen Artikel:

"With the surge in Atlantic trade, the economic power of commercial and industrial interests grew considerably. Even though O’Brien’s (1982) estimates imply that the contribution of profits from international trade to capital accumulation was modest, the size of these profits were very large–about 5.5 to 7.5 percent of GDP. Perhaps more significantly, these profits were concentrated in the hands of a relatively small section of the bourgeoisie."

Solche Leute nennt man auch Geldadel, und wer sich mit England beschäftigt, erfährt, dass, wer immer zu Reichtum kam, danach trachtete, in den Closed Club der Adligen aufzusteigen - ich verweise da etwa auf die Bemühungen eines gewissen Londoner Immobilienspekulanten namens William Shakespeare, der so gar keine Lust auf eine offene Gesellschaft hatte, auch wenn seine Theaterstücke etwas anderes implizieren. Die gesamte Problematik dessen, was zur Profitmaximierung - gerade im Aussenhandel - geschieht, ist einfach nicht Gegenstand der Betrachtung. Zum Schluss stellen die Autoren ihren Artikel dann ohnehin so dar:

"At this point, we also must stress that the process of early modern European growth is undoubtedly multi-faceted. Any account of the history of a large and heterogeneous continent in terms of a few factors will be at best simplistic and at worst misleading. We are aware that many important aspects of the social and economic development of Western Europe are left out. It is nonetheless our hope that these hypotheses are plausible and will encourage high quality research on these topics."

Da kann man nur zustimmen. Der Artikel bringt skizzenhaft ein paar interessante Überlegungen "at large". Man müsste nun wirklich hinabsteigen auf die Geschichte einzelner Firmen und Händlergruppen, und dann nachrechnen, was entscheidend war für den Aufstieg. Man muss die Schattenwirtschaft von Krieg, Piraterie, Raub und Schmuggel mit einbeziehen. Man darf aber auch nicht ausblenden, wie die Arbeit in Potosi mit Quecksilber war, und die durch die Inflation verursachten Entwicklungen, die ihre Ursache nicht in einer kontrollierten Gesellschaft, sondern eher in der allgemeinen Unfähigkeit der Zeit im Umgang mit einer Geldschwemme haben. Man stelle sich nur vor, die EZB würde die Geldmenge von einem Tag auf den anderen vervierfachen: Dann hat man in etwa das Problem, an dem die Spanier scheiterten. Besonders das mit dem "at worst misleading" hätte man sich also zu Herzen nehmen sollen, bevor man so einen Text falsch interpretiert.

Und die Quelle im Internet nicht mal kennt, Ihr Pfeiffen.

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