: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Montag, 4. September 2017

Druck und Freiheit

Ich mache wieder mehr Print. Zu meinem eigenen Erstaunen, denn ich bin inzwischen völlig auf Internet eingestellt, und auf die doch recht lasche Arbeitsmoral, die da herrscht. Auf der einen Seite gibt es keine Deadlines, auf der anderen Seite zieht sich die Arbeit aber auch lang hin, je nach Neigung und Kommentaren. Print heisst: Machen, wirklich gut machen, Vorgaben einhalten, abgeben - und alles andere ist dann die Sache von anderen. Man ist nur Teil eines Prozesses und dann gar nicht mehr.



Das heisst, dass ich heute im 14.30 das fehlende Statement hatte und um 15.50 Uhr fertig war. Und weil im Keller alles ruhig ist, das Wasser noch läuft und die Handeerker erst später kommen, bin ich aufs Land gefahren und habe mir etwas Nettes angeschaut.



Genauer, einen Rokokogarten, oder noch genauer, was die Säkularisierung davon übrig gelassen hat, denn natürlich ist das alles längst nicht mehr in jener teuer erkauften und von vielen Menschen erhaltenen Pracht vorhanden, das das kleine, abgeschiedene Bistum sich im 18. Jahrhundert gerade noch so leisten konnte. Gemessen am durchschnittlichen Stadtpalast in Verona ist es wenig, aber bei uns muss man eben nehmen, was man kriegen kann.



Ohnehin muss man froh sein, dass es noch steht: In den 60er Jahren war der Garten völlig herunter gekommen, und die Pavillons bröckelten vor sich hin. Hätte sie damals jemand weggerissen, um eine Strasse oder ein Heizkraftwerk oder eine Kiesgrube zu bauen - keiner hätte sich sonderlich beklagt. Dass es heute mehr Verständnis dafür gibt, ist ein guter Aspekt des historischen Wandels der letzten Jahrzehnte. Auch heute noch verstehen wenige, was sie hier wirklich sehen. Aber die Kunst ist nicht mehr nur allein einer winzigen Oberschicht vorbehalten, und der Rest steht nicht, wie noch in den 60er Jahren, dumm und ahnungslos davor. Es gibt einfach mehr Bildung, und das ist gut.



Das gehört zu den langsamen und unbemerkten Revolutionen der letzten Jahrzehnte abseits der grossen Städte: Dass man auf das Bestehende wieder mehr aufpasst. Dass andersrum viele Orte heute schöner und sauberer sind, als sie je waren, und obendrein viel prächtiger erscheinen, als es früher denkbar war - nun, das ist historisch nicht korrekt. Aber ich wandle in meiner Freizeit nach dem Druckbeginn nun mal lieber in schön restaurierten Häusern, um nicht an das Rohr im Keller denken zu müssen, das mir gerade jede Freiheit zur Alpenfahrt nimmt.

... link (19 Kommentare)   ... comment