: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Samstag, 21. Dezember 2019

Neunzehn

Das Jahr entfleucht so schnell, heute ist schon die längste Nacht, von da an geht es wieder aufwärts - bevor sich 2019 davonstiehlt, vielleicht noch ein paar Reflektionen auf einige mehr oder weniger überraschende Entwicklungen.



Viele wollen mich bekanntlich von Twitter und aus dem Netz und aus den Medien weg haben, sie wollen nicht, dass ich Einfluss habe, über sie lache oder auch nur lese - irgendwie habe ich mich an diesen reinen, exterminatorischen Faschismus von links gewöhnt, mitsamt Bildern von Kofferräumen und Leichen und was heute nun mal so an Aussagen und Andeutungen üblich ist. Was mir 2019 tatsächlich den Rest gegeben hat, hat aber nur indirekt mit mir zu tun: Im Hinterhaus steht ein rotes Rabe Tourenrad, das ich Marie Sophie Hingst geben wollte, wenn wir, wie abgesprochen, in diesem Sommer endlich zu den Wohnorten von Thomas Mann im Oberland geradelt wären.

Daraus wurde nichts, sie wurde von Medien und Personen aus dem Netz und ihrer eigenen Unfähigkeit, sich im Leben zurecht zu finden, in den Tod getrieben. Dass man bei ihr alles cum grano salis lesen musste, war mir bei ihrem literarischen Anspruch durchaus bewusst; was daraus gemacht wurde, spottete jeder Beschreibung und ist, in meinen Augen, ein ähnlich grosser Skandal für den Spiegel wie Relotius. Geschützt wird der Spiegel natürlich v0n all den Einflussreichen und Lauten, die mitmachten, bei Twitter und in den Medien, und von Leuten, die ich, leider, teilweise auch persönlich kannte. Das war teilweise mein früheres Umfeld. Der hässlichste Hashtag gegen sie kam von der Frau eines bekannten Netzgurus, die selbst labil ist. Einer der üblen Nachtritte kam von einem Erfinder der Goldenen Blogger, mit dem ich seit 2001 immer wieder, in verschiedenen Konstellationen zu tun hatte. Da denkt man sich schon, ob man früher nicht zu unvorsichtig war.



Da war ich wirklich nah dran, Twitter aufzugeben: dort ist einfach zu schlechte Gesellschaft. Dass sie gegen Ende des Jahres auch mir mit einer Kampagne ans Leder wollten - mei. Einen Autoren, einen Todeswünscher, eine Zeitung habe ich formaljuristisch den Leviticus vermittelt, weitere werden folgen, und nachdem es bislang nur Weissdeutsche betraf, wird es bald auch divers. 8 andere hat Twitter selbst gelöscht. Das läuft alles eher nebenbei, während ich schraube und schreibe: Mein gutes Leben trollt diese Leute besonders, und warum sollte ich es aufgeben, wenn es Fachpersonal gibt, das denen das Leben schlechter macht, wie es der Rechtsstaat will. Da kommt, wie gesagt, noch was, aber so generell setze ich in meinem Leben andere Schwerpunkte.

Zumal man da draussen ja auch solche und solche Erfahrungen macht - zeitgleich mit dem Goldenen Blogger, der sich als Werber sein Geld verdient, lernte ich auch jemand kennen, der mir im Frühling auf einer steilen Rampe Pecorino und Wasser entgegen trug. Da muss man halt beizeiten überlegen, was einem wichtig ist, wer die Freunde sind, und wo man besser nichts mehr investiert: Ich sage es mal so, die Idee, man könnte anderen Türen aufstossen und Chancen ermöglichen, sollte man nicht allzu oft und allzu leicht haben. Sonst wird einem im Netz - bei eigentlich ganz normalem Verhalten ohne irgendwelche Absichten - vorgeworfen, man hätte andere mit seinem Charme eingewickelt. Assistiert von Leuten, die sich in den letzten 4 Jahren vom Mann zum Nachkläffer kritischer Weissheit degeneriert haben. Vermutlich wäre da noch mehr gekommen, gäbe es nicht Bilder von denen im Cabrio und beim Urlaub, die dem Image dieser Leute bei den Richtigen in Berlin nicht helfen würde. Auch dort liebt man zwar den Verrat, aber nicht den Verräter mit fragwürdiger, nicht linientreuer Vorgeschichte.



Ich sehe das inzwischen so, dass da draussen genug andere arme Schweine sind, die heute die Basis dafür legen, von denen morgen hintergangen zu werden. Zwischen uns herrscht, sagen wir mal, ein Gleichgewicht des Schreckens, weil vieles von dem, was vor ein paar Jahren noch als normal galt - und fast überall auch heute noch als üblich betrachtet wird - in deren Umfeld halt überhaupt nicht mehr geht. Es war schön, bei der FAZ mit Leuten experimentieren zu können. Es ist aber auch schön, bei der Welt allein hinter der Paywall zu schreiben und zu wissen: Egal was ich dort tue, sie werden es nicht lesen. Und egal, was ich sonst so tue: Es gilt in meiner Welt höchstens als ein wenig exzentrisch. Man kann mit allem leben, was ich tue. Leute in Biergärten und auf dem Wochenmarkt bedanken sich für meine Arbeit: Das freut mich wirklich, obwohl ich öffentlich eigentlich gar kein Aufsehen will. Ich habe es nicht so mit gelebter Publizität.

Viel anderes lief gut bis sehr gut. Ich will hier nicht über mein Auto klagen, dessen Reparaturen auch gern günstiger hätten sein dürfen, aber von ein paar mehr oder weniger tragischen Unvermeidlichkeiten einmal abgesehen, war es ein schönes, rundes und warmes Jahr. Ich war dauernd in Italien. Ich war viel auf dem Rad. Es gibt eine sehr angenehme Normalität im Leben, weder der Körper noch die Einkünfte beschränken mich. Ich kann mich noch richtig hart quälen, und da ist nirgendwo das "in diesem Alter solltest Du besser nicht mehr"-Gefühl, das an und für sich irgendwann einsetzen sollte. Und einem, der viel härter und viel tapferer als ich ist, geht es auch wieder besser. Das sind die ganz grossen Freuden. Man muss nehmen, was man kriegen kann, man sollte nichts auslassen, denn man weiss nie, was kommt - und ich fürchte ein wenig, dass 2020 hier die Rezession kommen wird, und die Trennungsprozesse in der EU stärker werden.



Ich weiss. Allein der Umstand, dass ich nicht 10 Zeilen darüber verfasse, wie schlimm das ist, macht mich verdächtig. Aber was soll's. Reiche entstehen, Reiche werden unvermeidlich, Reiche zerfallen trotzdem, und mit ihnen Ideale und Währungen. Das ist der Lauf der Geschichte und der Fluch alter Fehler, von denen die Merkelzeit viel zu viele gemacht hat, als dass auf Dauer gut gehen kann. Mein alter Bürgermeister in Gmund hat das gesagt: Was sein soll, wenn eine Rezession kommt, wer soll das dann alles bezahlen. Nun. 2019 wurde diese Frage vermehrt gestellt, und ich denke, 2020 wird es die harten Antworten geben, die nach all den Jahren des Überzuckerns und Anweisungen für den richtigen Weg kommen müssen.

Es wird für mich da nicht ganz einfach, einen Weg zwischen den Anfeindungen zu finden, aber darum geht es auch nicht. Es wird den Brexit geben, weil die Leute ihn wollen. Trump wird bleiben, weil die Leute ihn wollen. Wenn es für Le Pen in Frankreich nicht reicht, droht Salvini in Italien. Weil die Leute es so wollen, und die Sichtweise meiner deutschen Kollegen irrelevant ist. Die SPD wird hier in Bayern bei den Kommunalwahlen absaufen. Weil die Leute es so wollen. Was soll ich einzelner da wollen? Es ist 2020, wie es 2019 war. Ein paar Wochen werde ich die juristischen Trümmer der anderen wegräumen, dann ist Wahl, und ab April ist wieder Italien. Wird schon werden. Ich habe weniger Ballast in meinem Sack. Ich bin gesund. Das ist das wichtigste.

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