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Sonntag, 13. Juni 2004
S-Type
Es gibt in Bayern etliche Arten, Frauen zu umschreiben, die nicht an Magersucht leiden: Pfundig, guad beinand, a richtige Frau, so, wie ses gheart. Der Bayer, und als solcher auch der Autor dieses Blogs, hat also eine ganze Reihe positiver Begriffe, um das Fehlen gemeingefährlicher, spitzer Knochen in Frauenkörpern zu umschreiben.
S. hat sich nichts davon verdient. Bei S. hatte man immer den Eindruck, dass sie für jede ihrer Niedertrachten ein Zusatzgramm richtig üblen Fettes am Leibe hatte, und ich schwöre, sie war gradraus hässlich. Zwei spitze Kegel übereinander, und auch der Kopf vom Doppelkinn bis zu den zusammengeschnürten Haaren passte sich der Linie an. Sie sah so aus, wie die typische böse Schwiegermutter einer Screwballkommödie, und ihr Stimmorgan war zum Keifen geschaffen. Sie war intrigant, hintenrum, und nur deshalb nicht bei allen verhasst, weil es an unserem Gymnasium neben ihr auch einen ganzen Schock rechter bis rechtsextremer Jugendlicher gab, deren natürliche Führerin sie sein wollte. Natürlich war sie auch bei der Jungen Union, und fand Franz-Josef Strauss, der einen ähnlichen Körperbau aufwies, super.
S. war also so ziemlich alles, was man verabscheut, wenn man ein halbwags normaler Jugendlicher mit Tanzkurs, Rennrad, Surfboard, Wackersdorf-Erfahrung und wenig Ehrgeiz in der Schule ist. S. wollte immer hoch hinaus, und zwar nach Passau, um dort BWL zu studieren. Wenn sie von einem Lehrer nicht bekam, was sie wollte, schlug ihre Arschkriecherei blitzschnell in eine Blockadehaltung um. S. war die Erste, an der ich eine Barbourjacke verabscheuen durfte, und noch heute verachte ich diese Ikone weitaus mehr wegen ihres darin befindlichen Körperklotzes denn wegen der Lobreden eines mittlerweile gefloppten Florian Illies. Sie war in meinen Augen immer das Idealbild der dummdreisten BWLerin, die sich in der Hierarchie nach oben mobt, um dann alle unter ihr zu tyrannisieren.
In der New Economy lernte ich viele vom Typ S. kennen, die bei aller wirtschaftlichen Revolte immer nur ihre neoconservative, egomane Reaktion im Kopf hatten. Aus dem Typ S. requirierten sich früher BDM-Scharführerinnen, alte Schachteln, die Falschparker anzeigen, vertrocknete, ungefickte Religions-Lehrerinnen, und in den grandiosen Tagen der New Economy vor allem viele Human-Ressources-Tanten und Marketing-Tussis. Wildgewordene Kleinbürgerinnen, die endlich mal ihre dominanten Träume ausleben durften. Und in jedem Betrieb findet sich eine Rotte, die diesen Typ S. aufs Schild hebt, um eine Frau an der Spitze ihrer schwarzbraunen Bewegung zu haben.
Letzte Woche habe ich S. dann wieder gefunden. Zufällig, beim googeln eines ganz anderen Namens. Den trägt sie jetzt, nach ihrer Heirat, und wohl auch, nachdem sie durch eine Insolvenz aus dem Erwerbsleben gekegelt wurde. Seit etwa 2 Jahren hat sie ein Kind. Weswegen sie ein Geburts- und Kinderforum aufgemacht hat. Dort werden andere Mamas gemobt, die nicht die Meinung von S. und der um sie versammelten Camarilla haben. Auf der "Über uns"-Seite ist S. sehr stolz auf ihre Idee. Sie denkt noch nicht an die Kommerzialisierung des Projekts.
Noch.
S. hat sich nichts davon verdient. Bei S. hatte man immer den Eindruck, dass sie für jede ihrer Niedertrachten ein Zusatzgramm richtig üblen Fettes am Leibe hatte, und ich schwöre, sie war gradraus hässlich. Zwei spitze Kegel übereinander, und auch der Kopf vom Doppelkinn bis zu den zusammengeschnürten Haaren passte sich der Linie an. Sie sah so aus, wie die typische böse Schwiegermutter einer Screwballkommödie, und ihr Stimmorgan war zum Keifen geschaffen. Sie war intrigant, hintenrum, und nur deshalb nicht bei allen verhasst, weil es an unserem Gymnasium neben ihr auch einen ganzen Schock rechter bis rechtsextremer Jugendlicher gab, deren natürliche Führerin sie sein wollte. Natürlich war sie auch bei der Jungen Union, und fand Franz-Josef Strauss, der einen ähnlichen Körperbau aufwies, super.
S. war also so ziemlich alles, was man verabscheut, wenn man ein halbwags normaler Jugendlicher mit Tanzkurs, Rennrad, Surfboard, Wackersdorf-Erfahrung und wenig Ehrgeiz in der Schule ist. S. wollte immer hoch hinaus, und zwar nach Passau, um dort BWL zu studieren. Wenn sie von einem Lehrer nicht bekam, was sie wollte, schlug ihre Arschkriecherei blitzschnell in eine Blockadehaltung um. S. war die Erste, an der ich eine Barbourjacke verabscheuen durfte, und noch heute verachte ich diese Ikone weitaus mehr wegen ihres darin befindlichen Körperklotzes denn wegen der Lobreden eines mittlerweile gefloppten Florian Illies. Sie war in meinen Augen immer das Idealbild der dummdreisten BWLerin, die sich in der Hierarchie nach oben mobt, um dann alle unter ihr zu tyrannisieren.
In der New Economy lernte ich viele vom Typ S. kennen, die bei aller wirtschaftlichen Revolte immer nur ihre neoconservative, egomane Reaktion im Kopf hatten. Aus dem Typ S. requirierten sich früher BDM-Scharführerinnen, alte Schachteln, die Falschparker anzeigen, vertrocknete, ungefickte Religions-Lehrerinnen, und in den grandiosen Tagen der New Economy vor allem viele Human-Ressources-Tanten und Marketing-Tussis. Wildgewordene Kleinbürgerinnen, die endlich mal ihre dominanten Träume ausleben durften. Und in jedem Betrieb findet sich eine Rotte, die diesen Typ S. aufs Schild hebt, um eine Frau an der Spitze ihrer schwarzbraunen Bewegung zu haben.
Letzte Woche habe ich S. dann wieder gefunden. Zufällig, beim googeln eines ganz anderen Namens. Den trägt sie jetzt, nach ihrer Heirat, und wohl auch, nachdem sie durch eine Insolvenz aus dem Erwerbsleben gekegelt wurde. Seit etwa 2 Jahren hat sie ein Kind. Weswegen sie ein Geburts- und Kinderforum aufgemacht hat. Dort werden andere Mamas gemobt, die nicht die Meinung von S. und der um sie versammelten Camarilla haben. Auf der "Über uns"-Seite ist S. sehr stolz auf ihre Idee. Sie denkt noch nicht an die Kommerzialisierung des Projekts.
Noch.
donalphons, 23:42h
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Leerstand
Angeblich gibt es in München ähnlich viel Leerstand wie in Berlin, sagte man mir heute.

Nun wohne ich in einer Ecke, wo es in manchen Strassen mehr geschlossene Läden gibt, als bewirtschaftete. Eine Folge einer nahen Shopping Mall. Heisst es. Obwohl diese beiden gescheiterten Läden Dinge anbieten, die es dort gar nicht gibt.
Ich vermute eher, dass in Berlin der Leerstand erst gar nicht gemeldet wird. Lohnt sich nicht, bei der Lebensdauer der hiesigen Geschäftsmodelle.

Nun wohne ich in einer Ecke, wo es in manchen Strassen mehr geschlossene Läden gibt, als bewirtschaftete. Eine Folge einer nahen Shopping Mall. Heisst es. Obwohl diese beiden gescheiterten Läden Dinge anbieten, die es dort gar nicht gibt.
Ich vermute eher, dass in Berlin der Leerstand erst gar nicht gemeldet wird. Lohnt sich nicht, bei der Lebensdauer der hiesigen Geschäftsmodelle.
donalphons, 23:03h
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: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :
Sonntag, 13. Juni 2004
A propos Berlincubate
Auch wenn das Startup Berlincubate mit seinem 600qm-Büro in Friedrichshain und seinen 5 zerstrittenen Supergründern grandios gescheitert und tot ist - die grundlegende Website gibt es immer noch. Ein Musterbeispiel für Gründungsförderung in Berlin. Ausdrucken, auswendig lernen, mit der Ich AG durchstarten.
Und immer daran denken: "Trotz größter Sorgfalt beim Überprüfen der Inhalte dieser Websites können Unrichtigkeiten nicht ganz ausgeschlossen werden. Für möglicherweise fehlerhafte Angaben und deren Folgen übernehmen wir keine Haftung."
Und immer daran denken: "Trotz größter Sorgfalt beim Überprüfen der Inhalte dieser Websites können Unrichtigkeiten nicht ganz ausgeschlossen werden. Für möglicherweise fehlerhafte Angaben und deren Folgen übernehmen wir keine Haftung."
donalphons, 01:48h
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Get down on your knees
and beg for forgiveness, New Economy!

Oder spendier wenigstens 1 Tüte Busse, wenn Du in einen Berliner Mülleimer wanderst.
Möchte man den "Heroen" dieses 24-Stunden-Dotcoms zurufen. Sowas kann man sich auch nur in Berlin trauen, ohne geteert und gefedert zu werden: Andere Suchmaschinen abfragen und das dann als "Meta-Suche" verkaufen. Und zwar, wo sonst, bei Ebay anschliessend zu versteigern. Die Macher sind Wirttschaftsinformatiker.
Da fragt man sich, was die Veranstaltung "Wizard of OS", bei der diese Missgeburt fabriziert wurde, eigentlich ist. Etwa eine Neuauflage von Berlincubate, jenes unseeligen Startup-Casting-Wettbewerbs?
Peinlich. Einfach nur peinlich.

Oder spendier wenigstens 1 Tüte Busse, wenn Du in einen Berliner Mülleimer wanderst.
Möchte man den "Heroen" dieses 24-Stunden-Dotcoms zurufen. Sowas kann man sich auch nur in Berlin trauen, ohne geteert und gefedert zu werden: Andere Suchmaschinen abfragen und das dann als "Meta-Suche" verkaufen. Und zwar, wo sonst, bei Ebay anschliessend zu versteigern. Die Macher sind Wirttschaftsinformatiker.
Da fragt man sich, was die Veranstaltung "Wizard of OS", bei der diese Missgeburt fabriziert wurde, eigentlich ist. Etwa eine Neuauflage von Berlincubate, jenes unseeligen Startup-Casting-Wettbewerbs?
Peinlich. Einfach nur peinlich.
donalphons, 01:39h
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: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :
Samstag, 12. Juni 2004
Cash and Carry
Wieder in Berlin. Überall Geschmiere an den Wänden, den Rolläden, den Türen. Das hier steht auf dem Hintereingang zu einer ehemaligen New-Economy-Klitsche in der Wolkanstrasse.

Bekommen haben sie es nicht. Die Firma ist längst weggezogen, wahrscheinlich, um dort zu sterben. Das Internet verrät nichts über sie. Verschwunden, ohne jede Spur. So viel Gier, so viele Träume, und nichts ist geblieben ausser einem zusammenhanglosen Grafitti, das vielleicht noch nicht mal dazugehört.
Es ist atemberaubend, wie schnell und total die New Economy aus dem Gedächtnis, aus den Gebäuden und aus der Öffentlichkeit verdrängt wurde. Selbst gepushte Bücher fallen durch, wenn sie auch nur den Anschein erwecken, was mit New Economy zu tun zu haben. Next Economy, von wegen. Und es wird sicher nicht besser, die nächsten 3, 4 Jahre.

Bekommen haben sie es nicht. Die Firma ist längst weggezogen, wahrscheinlich, um dort zu sterben. Das Internet verrät nichts über sie. Verschwunden, ohne jede Spur. So viel Gier, so viele Träume, und nichts ist geblieben ausser einem zusammenhanglosen Grafitti, das vielleicht noch nicht mal dazugehört.
Es ist atemberaubend, wie schnell und total die New Economy aus dem Gedächtnis, aus den Gebäuden und aus der Öffentlichkeit verdrängt wurde. Selbst gepushte Bücher fallen durch, wenn sie auch nur den Anschein erwecken, was mit New Economy zu tun zu haben. Next Economy, von wegen. Und es wird sicher nicht besser, die nächsten 3, 4 Jahre.
donalphons, 00:36h
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Tödliche Gamma-IT-Services-AG-Strahlung
Kaum in der Provinz angekommen, geht das Übel los: Kein Parkplatz. In berlin verlernt man das Parken, denn die Stadt ist kaputt, die Bewohner können sich oft keine Autos mehr leisten, und vor meiner Tür kann ich mir die Parkplätze aussuchen. Hier in der Provinz voller Autonarren ist das was anderes.
Letztlich bleibe ich dann vor dem Eingang eines der typischen Elitessen-Wohnheime stehen. Am späten Ferienabend liegt der grauorange Bau ausgestorben in der lauen Abendluft, durch die Schwalben hoch zum Stadtpalast pfeifen. Es ist ohne Zweifel ein Abend für das Gute im menschen, für Hoffnung und Glaube. Es ist einfach alles so schön...

und deshalb kann man nach vorne schauen. An die Zukunft denken. Das Alte, Kaputte, Abgelebte entsorgen. So wie es die Elitessen tun. Da liegen Tische, an denen die Nächte durchgelernt wurden, und die sie vielleicht besser in den Matratzen daneben verbracht hätten, aber letztlich ist es doch vereint und wartet auf den Abtransport. Der ganze Krempel von Ikea, Roller, von den billigen Baumärkten oder den Eltern wohlmeinend angeschleppt: Weg damit. Manche sind jetzt fertig mit dem Studium, ein neues Leben wartet, statt Ikea gibt es dann Kartell-Möbel und vielleicht auch ein paar hübsche Kolonialmöbel, der Eiche Rustikal für unsere Zeit.
mehr
Letztlich bleibe ich dann vor dem Eingang eines der typischen Elitessen-Wohnheime stehen. Am späten Ferienabend liegt der grauorange Bau ausgestorben in der lauen Abendluft, durch die Schwalben hoch zum Stadtpalast pfeifen. Es ist ohne Zweifel ein Abend für das Gute im menschen, für Hoffnung und Glaube. Es ist einfach alles so schön...

und deshalb kann man nach vorne schauen. An die Zukunft denken. Das Alte, Kaputte, Abgelebte entsorgen. So wie es die Elitessen tun. Da liegen Tische, an denen die Nächte durchgelernt wurden, und die sie vielleicht besser in den Matratzen daneben verbracht hätten, aber letztlich ist es doch vereint und wartet auf den Abtransport. Der ganze Krempel von Ikea, Roller, von den billigen Baumärkten oder den Eltern wohlmeinend angeschleppt: Weg damit. Manche sind jetzt fertig mit dem Studium, ein neues Leben wartet, statt Ikea gibt es dann Kartell-Möbel und vielleicht auch ein paar hübsche Kolonialmöbel, der Eiche Rustikal für unsere Zeit.
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donalphons, 04:50h
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: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :
Freitag, 11. Juni 2004
Dressed to kill
Mit ein bisschen Pech konnte man hier Radiomoderatoren und zweitklassige Tempo-Redakteure treffen. Das war zu der Zeit - Herr Praschl wird sich erinnern - als junge Männer in ihrer Freizeit bewusst Anzüge trugen. Wer sich Byblos und Comme de Garcon bei Holys nicht leisten konnte, musste mit seinem mickrigen 5000-Mark-Dispo hierher. Zu Annas.

Annas hatte mehrere Dependancen; zu ihrer Hochzeit unter anderem in der Leopoldstrasse, in der Herzogstrasse, beim Salvatorplatz und hier, gleich hinter dem Marienplatz. Die Auswahl war gut, die Preise moderat. Annas bot Kompromiss-Kleidung: Teuer genug, um am Tag zu wirken, aber auch billig genug, um auf einer Seehaus-Party getragen zu werden.
Dann kam Techno.
Auf der Basis von High Energy - so nannte man damals die Musik von Frankie goes to Hollywood - wurde eine neue Plastikmusik erfrickelt. Das ging eine Weile gut, es war ledersohlenkompatibel und lief im Parkcafe auf den Plattentellern von DJ Speedy. Aber so gegen 1992 wurde diese laute Musik immer mehr ein Massenphänomen, und die Kids hatten keine Lust mehr, sich von den türstehenden Grandls als der Provinzdreck auf dem Weg an die nächste Strassenbegrenzung behandeln zu lassen, der sie im Kern waren. Für dieses Volk eröffenete schlichtweg "Das Zelt", wo es keine Leute mehr gab, die den Türsteher kannten, sondern nur noch eine VIP-Lounge, bei der man zusätzlich zahlen musste.
Das Jungvolk wanderte ab, zog sich auch anders an, kam in Jeans rein und gab das Geld statt für Bogy´s lieber für Getränke aus, die nicht billiger, aber schlechter als im Parkcafe waren. Die Fashion Victims starben aus, Anzüge und Budapester wurden im Nachtleben uncool, es begann die Phase der Baseball-Käppis und Stüssi-T-Shirts, der Ziegenbärte und der, ja, es war so, Radlerhosen, die die teuren Catsuits von Dolce und Gabbana ersetzten. Sogar im BaBaLu, das sich als letzte Oase meines Umfelds halten konnte.
Für Annas wurde die Luft dünn. Die BWLer bekamen ihr Zeug billiger auch bei Konen, die verlässlich Gaultier 3 Jahre später kopierten. Es gab keinen männlichen Nachwuchs mehr. Wer es sich wirklich leisten konnte, ging und geht zu Harry´s, der damals mit Kiton und Kenzo eher einen steifen Ruf hatte. Annas ging pleite. Der zentrale Laden steht leer. Nur im Hof hängt noch die Leuchtreklame, für den Inbegriff einer Zeit, die die Grundlage für die New Economy bildete. Anything goes eben. War ein Irrtum.

Annas hatte mehrere Dependancen; zu ihrer Hochzeit unter anderem in der Leopoldstrasse, in der Herzogstrasse, beim Salvatorplatz und hier, gleich hinter dem Marienplatz. Die Auswahl war gut, die Preise moderat. Annas bot Kompromiss-Kleidung: Teuer genug, um am Tag zu wirken, aber auch billig genug, um auf einer Seehaus-Party getragen zu werden.
Dann kam Techno.
Auf der Basis von High Energy - so nannte man damals die Musik von Frankie goes to Hollywood - wurde eine neue Plastikmusik erfrickelt. Das ging eine Weile gut, es war ledersohlenkompatibel und lief im Parkcafe auf den Plattentellern von DJ Speedy. Aber so gegen 1992 wurde diese laute Musik immer mehr ein Massenphänomen, und die Kids hatten keine Lust mehr, sich von den türstehenden Grandls als der Provinzdreck auf dem Weg an die nächste Strassenbegrenzung behandeln zu lassen, der sie im Kern waren. Für dieses Volk eröffenete schlichtweg "Das Zelt", wo es keine Leute mehr gab, die den Türsteher kannten, sondern nur noch eine VIP-Lounge, bei der man zusätzlich zahlen musste.
Das Jungvolk wanderte ab, zog sich auch anders an, kam in Jeans rein und gab das Geld statt für Bogy´s lieber für Getränke aus, die nicht billiger, aber schlechter als im Parkcafe waren. Die Fashion Victims starben aus, Anzüge und Budapester wurden im Nachtleben uncool, es begann die Phase der Baseball-Käppis und Stüssi-T-Shirts, der Ziegenbärte und der, ja, es war so, Radlerhosen, die die teuren Catsuits von Dolce und Gabbana ersetzten. Sogar im BaBaLu, das sich als letzte Oase meines Umfelds halten konnte.
Für Annas wurde die Luft dünn. Die BWLer bekamen ihr Zeug billiger auch bei Konen, die verlässlich Gaultier 3 Jahre später kopierten. Es gab keinen männlichen Nachwuchs mehr. Wer es sich wirklich leisten konnte, ging und geht zu Harry´s, der damals mit Kiton und Kenzo eher einen steifen Ruf hatte. Annas ging pleite. Der zentrale Laden steht leer. Nur im Hof hängt noch die Leuchtreklame, für den Inbegriff einer Zeit, die die Grundlage für die New Economy bildete. Anything goes eben. War ein Irrtum.
donalphons, 01:58h
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Unschuld
Gebrauchskunst aus der neuen Galerie nebenan, in der Provinz: Eine Seifendose. Das ideale Geschenk für alle, die sich nicht verantwortlich fühlen, für das dicke Ende, das wir gerade erleben.

Kaum ein Fragebogen der Blogosphäre ist so erfolgreich wie der über die Kindheit. Unschuld ist wieder ein Core Asset für den modernen Menschen. Es gab zu viel Verantwortlichkeiten, am Ende auch Schulden, da ist Unschuld wirklich was Erstrebenswertwes. Unschuld schützt vor Strafe, und wenn nicht, dann kann man sich wenigstens selbst bemitleiden.
Diese Seifendose ist infantil, und deshalb werden meine Bekannten sie lieben. Ricarda Junges nächstes Buch wird "Unschuld" heissen. Sehr clever. Oder vielleicht auch nur unschuldig. Wer kann das schon sagen.

Kaum ein Fragebogen der Blogosphäre ist so erfolgreich wie der über die Kindheit. Unschuld ist wieder ein Core Asset für den modernen Menschen. Es gab zu viel Verantwortlichkeiten, am Ende auch Schulden, da ist Unschuld wirklich was Erstrebenswertwes. Unschuld schützt vor Strafe, und wenn nicht, dann kann man sich wenigstens selbst bemitleiden.
Diese Seifendose ist infantil, und deshalb werden meine Bekannten sie lieben. Ricarda Junges nächstes Buch wird "Unschuld" heissen. Sehr clever. Oder vielleicht auch nur unschuldig. Wer kann das schon sagen.
donalphons, 03:52h
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: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :
Mittwoch, 9. Juni 2004
Hiermit melde ich die Urheberschaft
auf die Wortkreation und folglich das Wort
TEXTFERKEL
an.
Gleichzeitig darf es natürlich jeder nach Gut- und Schlechtdenken verwenden.
TEXTFERKEL
an.
Gleichzeitig darf es natürlich jeder nach Gut- und Schlechtdenken verwenden.
donalphons, 19:00h
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Versuchen "WIR" es mal ehrlich.
Vorbemerkung: "WIR" im Sinne von Florian Illies- Relative junge Wohlstandskinder, deren Eltern sich nie als Oberklasse bezeichnen würden. Interessanterweise nennen sich auch die Eltern von Freunden, die nach landläufigem Sinn "reich" sind, Mittelklasse. Ich meine mit "WIR": Kinder der 1/3-Gesellschaft, der 70% des Vermögens, 80% des politischen Einflusses und 90% der sogenannten Architektenhäuser in den sogenannten besseren Vierteln gehören. Nicht, dass das ein Verdienst wäre. Es ist angeboren wie ein Klumpfuss, und das Lebensgefühl ist nicht weniger umweltbedingt als das Reifenaufstechen im Blockviertel.
"WIR" kommen nach Hause, nachdem wir die alten Verpflichtungen in der anderen Stadt eine Woche lang wahrgenommen haben. Irgendwie haben wir es nicht geschafft und auch nicht gewollt, einen Trennungsstrich zu ziehen. Denn wir wollen dorthin zurück, keine Frage. Dort sind noch unsere Freunde, unser Netzwerk, ein Teil von unserem Leben, das wir nicht missen möchten. Es war vielleicht nicht gut, aber wir waren dabei, und eine kurze Zeit war es grandios. Also haben wir uns einen Fuss in der Tür behalten, und die Wohnung nicht verkauft.
Um alle Arbeiten zu schaffen, haben wir das Wochende durchgemacht. So richtig. Mit zwei mal 24 Stunden am Stück, wie früher. Aber die Deadline hat gehalten. Kurz vor der Autobahnausfahrt in die Provinzstadt wären wir beinahe eingeschlafen, aber das Hupen des Lasters hat uns, puh, noch mal Glück gehabt. Unsere Eltern sind längst im Bett, wir schlafen sofort ein.
Am nächsten Morgen gehen wir durchs Haus, öffnen den Kühlschrank und holen und ein Yogurth. Erdbeer-Vanille. Nicht toll, aber sonst ist nichts da. Der Audi A8 von Papa ist auch weg. Wahrscheinlich einkaufen... Wir setzen uns auf die Terasse und sind, wie immer, schockiert von dem Turm, seinen Rundbogenfentern und der Krönung des Ganzen, dem Wasserspeier.
*
Mein Gott. Als Kind fanden wir das noch supercool. Das blendend weisse Haus vom Chefarzt mit seinen aussen liegenden Schornsteinen drei Strassen weiter haben wir damals hässlich gefunden, obwohl der einen berühmten Architekten hatte. "Krematorium". Heute sehen wir die Sache etwas anders und schämen uns ein wenig.
Durch das hohe Gras kommt Sabine, die Katze. Wir widerstehen der Versuchung, ein Photo von ihr zu machen und in einem Blog zu posten. Sie mauzt uns an, springt auf den Schoss und fängt an, an der Jeans rumzuzupfen. Dann merkt sie, dass wir ein neues Laack-Hemd tragen und wetzt daran ihre Krallen.
So sitzen wir also, schauen hinaus auf den Garten, im Rücken das nach unserem Weggang viel zu grosse Haus, und denken nach. Unsere Eltern werden ab Juli sechs Wochen verreisen. Sechs Wochen. Wir mussten uns eine Woche unbezahlten Urlaub von unserem Erstjob nehmen, um den unbezahlten alten Job auf die Reihe zu bekommen. Wir sehen den Katalog für den neuen SLK auf dem Tisch und ertappen uns bei dem Gedanken, dass wir dann ja vielleicht den alten A8 haben könnten. Langsam wird es Zeit für ein neues Auto, und es sieht auf dem Konto nicht so gut aus, als dass wir genug Cash für einen halbwegs anständigen Mittelklasse-Benz hätten.
Ausserdem müssen wir Papa fragen, ob wir an unser gemeinsames Depot randürfen. Wir haben die Miete in der neuen Stadt so satt, die blöde Hausverwaltung mit ihren nervigen Mahnungen, weil unser Arbeitgeber immer erst eine Rechnung von uns will, damit er die Wohnung zahlt, und wir hassen Rechnung schreiben. Wir wollen jetzt einfach eine kaufen, aus, fertig, basta. Wir haben noch nie was gemietet, unsere Eltern auch nicht und deren Eltern ebenfalls nicht. Miete. Oh Gott. Wenn wir das bekommen, was Papa für uns einbezahlt hat, dann müsste es klappen.
Ist ja nur eine Wohnung. Nicht ein Haus wie das hier. Wir werden es nie schaffen, so ein Haus zu finanzieren, wie unsere Eltern. Das wissen wir nach unseren bisherigen Erfahrungen im sogenannten "Berufsleben". Berufsverkümmern wäre treffender. Keine Ahnung, wie die das damals geschafft haben. Unser Vater würde sagen, durch hartes Arbeiten. Er ist jeden Morgen um 7 aus dem Haus, und kam nie vor 7 Uhr Abends heim, stimmt. Wir sind nie vor 10 im Büro, aber meistens um 3 Uhr morgens immer noch drin. Papa ist am Wochenende immer mit uns zum Skilaufen oder Surfen gefahren. In der Garage hängt noch unser Original Peter-Thommen-Sinker, aber das letzte freie Wochenende, so richtig frei, dass man mal genug Zeit zum Surfen hätte, das ist lang her. Jahre.
Irgendwas ist falsch gelaufen. Unsere Eltern sind in Rente, machen sich ein schönes Leben, haben Werte geschaffen - und wir wissen plötzlich, dass wir nie dieses Leben führen werden. Wir werden es nicht schaffen. Die Schweine in Berlin werden unsere Lebensarbeitszeit raufsetzen, die Löhne in unseren tollen Medienberufen werden sinken, wir werden doppelt und dreifach für diese Drecksmobilität draufzahlen, und die verfickten blöden Scheisser aus unserer Schule, die in die Fabrik gegangen sind, als Ingenieure, haben inzwischen eine Frau, ein eigenes Haus, zwei Blagen, und fühlen sich in diesem Dreckskaff hier mit seiner korrupten CSU, seinem mickrigen gesellschaftlichen Leben im Konzertverein-Abo und seinen lahmen Pseudogalerien mit Zahnarztkunst sauwohl.
Einen Moment werden wir uns fragen, ob wir nicht vielleicht neidisch sind. Vielleicht wollen wir ja hier leben, mit diesem Garten, den Rattanmöbeln draussen und den Kirschholzsesseln drinnen, gut versorgt und mit Zielvogaben, die wir einhalten können. Und mal einen faulen Vormittag, wenn man schon 2 Nächte durchgerödelt hat. Verdammt, wir müssten eigentlich schon längst unsere Mails gecheckt haben.
Sabine steht auf und geht ins Haus, auf den Perserteppich. Wir stehen auch auf, und als wir da stehen, sehen wir etwas über die Hecke, die den Garten vom öffentlichen Raum abschneidet. Draussen läuft, ist sie das, doch, draussen geht Rebecca vorbei. Rebecca. Sie hatte einen guten guten Körper, damals, sie hatte ein pinkfarbenes Kleid und einen Badeanzug mit Kirschen drauf, es war in den 80ern, und wir fanden sie damals ganz ok, auch wenn sie mit Leuten Umgang hatte, deren Eltern nur Eigentumswohnungen hatten. Rebecca wohnte eine Strasse weiter. Ihre Eltern haben auch so eine Burg.
Rebecca hat wahnsinnig zugenommen. Boah. Und was für einen Gesichtsausdruck. Total verbittert. Und der knallrote Lippenstift, der da noch was retten soll - total prolo. Hinter ihr geht eine fette männliche Sau, die dazugehört. Sie trotten den Weg entlang. Als sie am schmiedeeisernen Hoftor vorbeigehen, sehen wir ihr gebährfreudiges Brauereipferdbecken, und dass er kurze Hosen trägt, und einen Kinderwagen schiebt. Gott wie hässlich. Hinter ihm kommt ein Kind, überfüttert und mit dem dummbösen Gesichtsausdruck, der ein Core Asset, äh, eine Grundvorraussetzung, würde man hier sagen, für einen hohen Posten in der lokalen JU ist. Sie sind so krank, und trotzdem innerlich kerngesund, die haben nie einen Zweifel gehabt. Die kennen das gar nicht. Wir sind vielleicht arrogant, verdorben, was auch immer - aber nicht so.
Wir schauen uns unseren eigenen Turm an, und dann nochmal Rebecca hinterher. Nein. Echt nicht.
Lieber zwischen drei Wohnorten einen Anruf für einen Auftrag in Syrien bekommen, dort übermüdet die Karre vor den Laster knallen und bis zur Unkenntlichkeit verbrennen, als in der Provinz als fette Sau auf das Verrecken mit 97 in der Geriatrie zu warten, und dann hier in einem bescheuerten Grab mit lächerlichen Kränzen des Konzertvereins die letztze Ruhe zu finden.
Fuck Ruhe. Fuck Provinz. Fuck it. Ja, wir sind schwach geworden. Für einen Moment. Aber jetzt wissen wir wieder, dass wir unseren eigenen Weg gehen müssen. Und die Mails checken. Sofort.
* Es ist nicht das Haus meiner Eltern. Echt nicht.
"WIR" kommen nach Hause, nachdem wir die alten Verpflichtungen in der anderen Stadt eine Woche lang wahrgenommen haben. Irgendwie haben wir es nicht geschafft und auch nicht gewollt, einen Trennungsstrich zu ziehen. Denn wir wollen dorthin zurück, keine Frage. Dort sind noch unsere Freunde, unser Netzwerk, ein Teil von unserem Leben, das wir nicht missen möchten. Es war vielleicht nicht gut, aber wir waren dabei, und eine kurze Zeit war es grandios. Also haben wir uns einen Fuss in der Tür behalten, und die Wohnung nicht verkauft.
Um alle Arbeiten zu schaffen, haben wir das Wochende durchgemacht. So richtig. Mit zwei mal 24 Stunden am Stück, wie früher. Aber die Deadline hat gehalten. Kurz vor der Autobahnausfahrt in die Provinzstadt wären wir beinahe eingeschlafen, aber das Hupen des Lasters hat uns, puh, noch mal Glück gehabt. Unsere Eltern sind längst im Bett, wir schlafen sofort ein.
Am nächsten Morgen gehen wir durchs Haus, öffnen den Kühlschrank und holen und ein Yogurth. Erdbeer-Vanille. Nicht toll, aber sonst ist nichts da. Der Audi A8 von Papa ist auch weg. Wahrscheinlich einkaufen... Wir setzen uns auf die Terasse und sind, wie immer, schockiert von dem Turm, seinen Rundbogenfentern und der Krönung des Ganzen, dem Wasserspeier.
*Mein Gott. Als Kind fanden wir das noch supercool. Das blendend weisse Haus vom Chefarzt mit seinen aussen liegenden Schornsteinen drei Strassen weiter haben wir damals hässlich gefunden, obwohl der einen berühmten Architekten hatte. "Krematorium". Heute sehen wir die Sache etwas anders und schämen uns ein wenig.
Durch das hohe Gras kommt Sabine, die Katze. Wir widerstehen der Versuchung, ein Photo von ihr zu machen und in einem Blog zu posten. Sie mauzt uns an, springt auf den Schoss und fängt an, an der Jeans rumzuzupfen. Dann merkt sie, dass wir ein neues Laack-Hemd tragen und wetzt daran ihre Krallen.
So sitzen wir also, schauen hinaus auf den Garten, im Rücken das nach unserem Weggang viel zu grosse Haus, und denken nach. Unsere Eltern werden ab Juli sechs Wochen verreisen. Sechs Wochen. Wir mussten uns eine Woche unbezahlten Urlaub von unserem Erstjob nehmen, um den unbezahlten alten Job auf die Reihe zu bekommen. Wir sehen den Katalog für den neuen SLK auf dem Tisch und ertappen uns bei dem Gedanken, dass wir dann ja vielleicht den alten A8 haben könnten. Langsam wird es Zeit für ein neues Auto, und es sieht auf dem Konto nicht so gut aus, als dass wir genug Cash für einen halbwegs anständigen Mittelklasse-Benz hätten.
Ausserdem müssen wir Papa fragen, ob wir an unser gemeinsames Depot randürfen. Wir haben die Miete in der neuen Stadt so satt, die blöde Hausverwaltung mit ihren nervigen Mahnungen, weil unser Arbeitgeber immer erst eine Rechnung von uns will, damit er die Wohnung zahlt, und wir hassen Rechnung schreiben. Wir wollen jetzt einfach eine kaufen, aus, fertig, basta. Wir haben noch nie was gemietet, unsere Eltern auch nicht und deren Eltern ebenfalls nicht. Miete. Oh Gott. Wenn wir das bekommen, was Papa für uns einbezahlt hat, dann müsste es klappen.
Ist ja nur eine Wohnung. Nicht ein Haus wie das hier. Wir werden es nie schaffen, so ein Haus zu finanzieren, wie unsere Eltern. Das wissen wir nach unseren bisherigen Erfahrungen im sogenannten "Berufsleben". Berufsverkümmern wäre treffender. Keine Ahnung, wie die das damals geschafft haben. Unser Vater würde sagen, durch hartes Arbeiten. Er ist jeden Morgen um 7 aus dem Haus, und kam nie vor 7 Uhr Abends heim, stimmt. Wir sind nie vor 10 im Büro, aber meistens um 3 Uhr morgens immer noch drin. Papa ist am Wochenende immer mit uns zum Skilaufen oder Surfen gefahren. In der Garage hängt noch unser Original Peter-Thommen-Sinker, aber das letzte freie Wochenende, so richtig frei, dass man mal genug Zeit zum Surfen hätte, das ist lang her. Jahre.
Irgendwas ist falsch gelaufen. Unsere Eltern sind in Rente, machen sich ein schönes Leben, haben Werte geschaffen - und wir wissen plötzlich, dass wir nie dieses Leben führen werden. Wir werden es nicht schaffen. Die Schweine in Berlin werden unsere Lebensarbeitszeit raufsetzen, die Löhne in unseren tollen Medienberufen werden sinken, wir werden doppelt und dreifach für diese Drecksmobilität draufzahlen, und die verfickten blöden Scheisser aus unserer Schule, die in die Fabrik gegangen sind, als Ingenieure, haben inzwischen eine Frau, ein eigenes Haus, zwei Blagen, und fühlen sich in diesem Dreckskaff hier mit seiner korrupten CSU, seinem mickrigen gesellschaftlichen Leben im Konzertverein-Abo und seinen lahmen Pseudogalerien mit Zahnarztkunst sauwohl.
Einen Moment werden wir uns fragen, ob wir nicht vielleicht neidisch sind. Vielleicht wollen wir ja hier leben, mit diesem Garten, den Rattanmöbeln draussen und den Kirschholzsesseln drinnen, gut versorgt und mit Zielvogaben, die wir einhalten können. Und mal einen faulen Vormittag, wenn man schon 2 Nächte durchgerödelt hat. Verdammt, wir müssten eigentlich schon längst unsere Mails gecheckt haben.
Sabine steht auf und geht ins Haus, auf den Perserteppich. Wir stehen auch auf, und als wir da stehen, sehen wir etwas über die Hecke, die den Garten vom öffentlichen Raum abschneidet. Draussen läuft, ist sie das, doch, draussen geht Rebecca vorbei. Rebecca. Sie hatte einen guten guten Körper, damals, sie hatte ein pinkfarbenes Kleid und einen Badeanzug mit Kirschen drauf, es war in den 80ern, und wir fanden sie damals ganz ok, auch wenn sie mit Leuten Umgang hatte, deren Eltern nur Eigentumswohnungen hatten. Rebecca wohnte eine Strasse weiter. Ihre Eltern haben auch so eine Burg.
Rebecca hat wahnsinnig zugenommen. Boah. Und was für einen Gesichtsausdruck. Total verbittert. Und der knallrote Lippenstift, der da noch was retten soll - total prolo. Hinter ihr geht eine fette männliche Sau, die dazugehört. Sie trotten den Weg entlang. Als sie am schmiedeeisernen Hoftor vorbeigehen, sehen wir ihr gebährfreudiges Brauereipferdbecken, und dass er kurze Hosen trägt, und einen Kinderwagen schiebt. Gott wie hässlich. Hinter ihm kommt ein Kind, überfüttert und mit dem dummbösen Gesichtsausdruck, der ein Core Asset, äh, eine Grundvorraussetzung, würde man hier sagen, für einen hohen Posten in der lokalen JU ist. Sie sind so krank, und trotzdem innerlich kerngesund, die haben nie einen Zweifel gehabt. Die kennen das gar nicht. Wir sind vielleicht arrogant, verdorben, was auch immer - aber nicht so.
Wir schauen uns unseren eigenen Turm an, und dann nochmal Rebecca hinterher. Nein. Echt nicht.
Lieber zwischen drei Wohnorten einen Anruf für einen Auftrag in Syrien bekommen, dort übermüdet die Karre vor den Laster knallen und bis zur Unkenntlichkeit verbrennen, als in der Provinz als fette Sau auf das Verrecken mit 97 in der Geriatrie zu warten, und dann hier in einem bescheuerten Grab mit lächerlichen Kränzen des Konzertvereins die letztze Ruhe zu finden.
Fuck Ruhe. Fuck Provinz. Fuck it. Ja, wir sind schwach geworden. Für einen Moment. Aber jetzt wissen wir wieder, dass wir unseren eigenen Weg gehen müssen. Und die Mails checken. Sofort.
* Es ist nicht das Haus meiner Eltern. Echt nicht.
donalphons, 05:09h
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: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :
Dienstag, 8. Juni 2004
Prozent Ungaro
Das Wetter ist wunderbar, also in etwa so, wie man es von der einzigartigen Munich Area erwarten kann. Es riecht nach Abgasen aus BMW-Roadstern, und um die Ecke zur Prannerstrasse, hinter dem Bayerischen Hof, brabbelt ein neuer SLK wie eine Marketingfrau mit Überdosis. Und wäre da nicht dieses Schaufenster schon Anfang Juni

könnte man glauben, alles rund in der Munich Area. Aber dieses Schaufenster gehört zu einem Geschäft, das sich nicht an verhungerte Online-Redakteusen wendet, sondern an Frauen mit Männern aus guten Verhältnissen. Ich wage mit meiner Schwester zu behaupten, dass keine Frau, die sich ihr Geld selbst verdient, sich diese langweiligen Fetzen von Ungaro kaufen würde.
Noch nicht mal heute, wo das puschelige Zeug schon mit 40% Nachlass zu haben ist. Ungaro kommt nicht mehr richtig an, obwohl er sich eigentlich an den innersten Kulturreferentinnen-zum- Latte-treffen-und-dann-mit-Janine-ins-Mövenpick-fahren-und-Strafzettel-am-Porsche-Cabrio-bekommen-Kern der Münchner Gesellschaft wendet.
Denn der Freistaat muss sparen. Die Zeit, wo jeder schnell ein paar Millionen für die Ansiedlung eines dummen Technologiegelaberladens bekam, sind vorbei. Ungaro reagiert darauf früh in der Saison - aber, angesichts des Provinzprolostils dieses Jahres, zu spät. Er sollte es vielleicht in Pfaffenhofen versuchen - dort gibt es noch reiche Hopfenbauern. So Typen, auf die ein Haffa lange Zeit herabgesehen hat.

könnte man glauben, alles rund in der Munich Area. Aber dieses Schaufenster gehört zu einem Geschäft, das sich nicht an verhungerte Online-Redakteusen wendet, sondern an Frauen mit Männern aus guten Verhältnissen. Ich wage mit meiner Schwester zu behaupten, dass keine Frau, die sich ihr Geld selbst verdient, sich diese langweiligen Fetzen von Ungaro kaufen würde.
Noch nicht mal heute, wo das puschelige Zeug schon mit 40% Nachlass zu haben ist. Ungaro kommt nicht mehr richtig an, obwohl er sich eigentlich an den innersten Kulturreferentinnen-zum- Latte-treffen-und-dann-mit-Janine-ins-Mövenpick-fahren-und-Strafzettel-am-Porsche-Cabrio-bekommen-Kern der Münchner Gesellschaft wendet.
Denn der Freistaat muss sparen. Die Zeit, wo jeder schnell ein paar Millionen für die Ansiedlung eines dummen Technologiegelaberladens bekam, sind vorbei. Ungaro reagiert darauf früh in der Saison - aber, angesichts des Provinzprolostils dieses Jahres, zu spät. Er sollte es vielleicht in Pfaffenhofen versuchen - dort gibt es noch reiche Hopfenbauern. So Typen, auf die ein Haffa lange Zeit herabgesehen hat.
donalphons, 17:11h
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: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :
Montag, 7. Juni 2004
Da fällt mir ein:
Wie vermehren sich eigentlich ungefickte Brotspinnen?
donalphons, 22:39h
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Real Life 7.4.04 - Projektleitung
Eine wunderbare Mappe. Liest sich gut. Alle Achtung. So viele Referenzen. So viele grosse Namen. Jünger als ich, und ich frage mich, wieso ich, der ich hier zufällig und ohne mich je beworden zu haben gelandet bin, hier sitze - und sie arbeitslos ist. Äh, sich beruflich neu orientieren möchte. Denn, wie ich aus anderen Quellen weiss, hat man ihr und ein paar anderen Leuten nahegelegt, die Sachen doch als Freie zu machen. Ohne Auftragsgarantie, wie sie jetzt wahrscheinlich mitbekommt. Aber ihr Arbeitgeber hat sich mit ihrem Gutdünken einen Prozess erspart.
Weiter unten dann das entscheidende Wort, bei dem die HR immer misstrauisch wird - "Projektleitung". Will sie gemacht haben, als sie noch auf einer anderen Seite stand. Für eine Firma, die ich kenne. Kann sie ja nicht wissen. Aber ich weiss, dass diese Firma zu diesem Zeitpunkt schon keine Teams mehr hatte, die zu leiten waren. Das war mitten im Downturn, die Besitzer hatten ohnehin nur noch freie Mitarbeiter. Eine 1-Personen-Projektleitung also.
Eine schöne Mappe. Etwas ehrlicher wäre besser gewesen.
Weiter unten dann das entscheidende Wort, bei dem die HR immer misstrauisch wird - "Projektleitung". Will sie gemacht haben, als sie noch auf einer anderen Seite stand. Für eine Firma, die ich kenne. Kann sie ja nicht wissen. Aber ich weiss, dass diese Firma zu diesem Zeitpunkt schon keine Teams mehr hatte, die zu leiten waren. Das war mitten im Downturn, die Besitzer hatten ohnehin nur noch freie Mitarbeiter. Eine 1-Personen-Projektleitung also.
Eine schöne Mappe. Etwas ehrlicher wäre besser gewesen.
donalphons, 15:54h
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Es gab dieses Mädchen
das mit ihren optischen Vorzügen - etwa ein Grübchen, wenn sie lächelte - wie geschaffen schien, die äussere Hülle für die literarische Umsetzung dieser Person zu werden. Ich hatte wenig Bedenken, sie dafür zu nehmen, denn zu diesem Zeitpunkt war zwischen uns Funkstille.
Als ich dann die 276 Din A4 Seiten ausgedruckt hatte, meldete sie sich wieder. Um nicht zu enden wie Maxim Biller oder Nicolai Herbst, mit einer fein geschliffenen Klage im Rücken, gab ich ihr es zum Lesen und bat sie, das Manuskript zu billigen.
Ihre "paar Sachen" waren dann weitaus tiefgreifender, als das Lektorat des Verlags, und das, obwohl die Figur keine der drei Hauptfiguren ist. Wir sassen auf meinem Sofa, und eine abstrakte Dame von Matotti grinste auf meine erfolglosen Versuche herab, mein Werk zu verteidigen. Sie mochte diese Figur nicht, versuchte aber, sie irgendwie netter zu machen, was ich keinesfalls wollte. Diese Frau durfte nicht gut oder unschuldig sein, denn sonst hätte die Handlung nicht geklappt.
An einer Stelle sucht die Romanfigur alte Unterlagen einer Firma, die sie verrät, und findet sie in einer Schuhschachtel unter dem Bett. Der Vorschlag des Mädchens auf dem Sofa war nun, statt einer anonymen Schuhschachtel eine von Manolo Blahnik zu nehmen. Nicht, dass sie so Schuhe hatte. Aber sie wollte es. Letztlich scheiterte es dann daran, dass der Lektor des Verlags meinte, niemand würde diesen Typen kennen.
Wie dieses PDF zeigt, hatte das Mädchen wahrscheinlich recht - und der Lektor unrecht. Vielleicht sollte ich mal auf eine von diesen Visitenkarten-Parties gehen. Zur Recherche.
Als ich dann die 276 Din A4 Seiten ausgedruckt hatte, meldete sie sich wieder. Um nicht zu enden wie Maxim Biller oder Nicolai Herbst, mit einer fein geschliffenen Klage im Rücken, gab ich ihr es zum Lesen und bat sie, das Manuskript zu billigen.
Ihre "paar Sachen" waren dann weitaus tiefgreifender, als das Lektorat des Verlags, und das, obwohl die Figur keine der drei Hauptfiguren ist. Wir sassen auf meinem Sofa, und eine abstrakte Dame von Matotti grinste auf meine erfolglosen Versuche herab, mein Werk zu verteidigen. Sie mochte diese Figur nicht, versuchte aber, sie irgendwie netter zu machen, was ich keinesfalls wollte. Diese Frau durfte nicht gut oder unschuldig sein, denn sonst hätte die Handlung nicht geklappt.
An einer Stelle sucht die Romanfigur alte Unterlagen einer Firma, die sie verrät, und findet sie in einer Schuhschachtel unter dem Bett. Der Vorschlag des Mädchens auf dem Sofa war nun, statt einer anonymen Schuhschachtel eine von Manolo Blahnik zu nehmen. Nicht, dass sie so Schuhe hatte. Aber sie wollte es. Letztlich scheiterte es dann daran, dass der Lektor des Verlags meinte, niemand würde diesen Typen kennen.
Wie dieses PDF zeigt, hatte das Mädchen wahrscheinlich recht - und der Lektor unrecht. Vielleicht sollte ich mal auf eine von diesen Visitenkarten-Parties gehen. Zur Recherche.
donalphons, 15:02h
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: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :
Sonntag, 6. Juni 2004
Perser in der Provinz
Niemand liest hier die AD oder die Elle Decoration, die den handgeknüpften Teppich schon vor Jahren ausrangiert haben. Trotzdem sind Perserteppiche etwas aus der Mode gekommen. Gerade die jungen Leute, die in München gescheitert sind und jetzt zurückkommen, wollen lieber Parkett, oder Laminat. Weil es einfacher zum Reinigen ist, nicht wegen der Kinderarbeit. Und ausserden, für 4 Quadratmeter Perser bekommt man schon 15 Quadratmeter Parkett, so richtig schön helles, wie Ikeamöbel.
Ältere Leute hingegen, für die der Perser noch eine Selbstverständlichkeit ist, wie das schwarzglänzende Klavier, der Viertwagen für die Tochter und eine Sammlung schöner Stiche aus dem Rom des 18. Jahrhunderts über den Biedermeierkommoden, haben berits ihre Teppiche. Seit vielen Jahrzehnten. Nachdem sie damals nicht die billigen, sondern die vergleichsweise günstigen nahmen, die in etwa so teuer wie ein Kleinwagen kleiner Leute waren, brauchen sie bislang keinen Ersatz.
Die Katzen, die Kinder haben sie zu schätzen gerlernt; als unerschöpflicher, guter Kratzbaum oder als herrlich verruchten Ort, um Nachbars Nichte auf Sommerfrische flachzulegen, die inzwischen aber auch schon Kinder hat. Der Teppich besteht, und wenn die Tochter dann in ihre 110 Quadratmeter Altbau über der Isar zieht, dann wird das teure Fischgrätparkett mit diesen alten Teppichen zugedeckt, denn Luxus kauft man sich nicht, man überdeckt ihn mit den Spolien der eigenen Familiengeschichte. Wenn man zu dergestalt normalen, oder wie man in der Provinz sagt, anständigen Leuten gehört.
Natürlich verpflichtet das dazu, selbst ein Gefühl für diese Form des subtilen, mit Füssen getretenen Reichtums zu entwickeln. Wenn ich also in der Provinz bin, gehe ich oft am ersten Haus am Platz vorbei und begutachte das Angebot.

Diesmal steht dort ein Eheppar, vielleicht 10 Jahre älter als ich, mit einem dieser typischen Post-68-Torschlusspanik-Einzelkinder. Es sind, das erkenne ich sofort, auch anständige Leute. Sie betrachten das Angebot.
Ihr Sohn zeigt aufgeregt auf einen sehr feinen, kleinen Seidentäbriz im Schaufenster. Den will er haben. Und den Medaillonteppich da hinten an der Wand. Ein wirklich guter Sarough, denn hier gibt es nichts Schlechtes. Das Ehepaar sieht den Jungen an, und ich weiss, dass sie morgen mit dem wahrscheinlich schwarzen RS4 Kombi der Mutter vorfahren werden, und das kaufen, was der Knabe will. Das sind die Reste der antiautoritären Erziehung nach dem Marsch durch die Institutionen. Er hat Geschmack, das muss man ihm lassen. Er wird sicher auch mal ein anständiger Mensch.
Meine Eltern haben mich damals übrigens auch mitentscheiden lassen. Ich kann sagen, dass meine Wahl gut war.
Und bald, da bin ich mir sicher, wird AD wieder das Zeitalter der Teppiche ausrufen. Und die Laminatdeppen werden sich dann billige marrokanische Imitationen der Stücke kaufen, die anständige Leute schon immer hatten.
Ältere Leute hingegen, für die der Perser noch eine Selbstverständlichkeit ist, wie das schwarzglänzende Klavier, der Viertwagen für die Tochter und eine Sammlung schöner Stiche aus dem Rom des 18. Jahrhunderts über den Biedermeierkommoden, haben berits ihre Teppiche. Seit vielen Jahrzehnten. Nachdem sie damals nicht die billigen, sondern die vergleichsweise günstigen nahmen, die in etwa so teuer wie ein Kleinwagen kleiner Leute waren, brauchen sie bislang keinen Ersatz.
Die Katzen, die Kinder haben sie zu schätzen gerlernt; als unerschöpflicher, guter Kratzbaum oder als herrlich verruchten Ort, um Nachbars Nichte auf Sommerfrische flachzulegen, die inzwischen aber auch schon Kinder hat. Der Teppich besteht, und wenn die Tochter dann in ihre 110 Quadratmeter Altbau über der Isar zieht, dann wird das teure Fischgrätparkett mit diesen alten Teppichen zugedeckt, denn Luxus kauft man sich nicht, man überdeckt ihn mit den Spolien der eigenen Familiengeschichte. Wenn man zu dergestalt normalen, oder wie man in der Provinz sagt, anständigen Leuten gehört.
Natürlich verpflichtet das dazu, selbst ein Gefühl für diese Form des subtilen, mit Füssen getretenen Reichtums zu entwickeln. Wenn ich also in der Provinz bin, gehe ich oft am ersten Haus am Platz vorbei und begutachte das Angebot.

Diesmal steht dort ein Eheppar, vielleicht 10 Jahre älter als ich, mit einem dieser typischen Post-68-Torschlusspanik-Einzelkinder. Es sind, das erkenne ich sofort, auch anständige Leute. Sie betrachten das Angebot.
Ihr Sohn zeigt aufgeregt auf einen sehr feinen, kleinen Seidentäbriz im Schaufenster. Den will er haben. Und den Medaillonteppich da hinten an der Wand. Ein wirklich guter Sarough, denn hier gibt es nichts Schlechtes. Das Ehepaar sieht den Jungen an, und ich weiss, dass sie morgen mit dem wahrscheinlich schwarzen RS4 Kombi der Mutter vorfahren werden, und das kaufen, was der Knabe will. Das sind die Reste der antiautoritären Erziehung nach dem Marsch durch die Institutionen. Er hat Geschmack, das muss man ihm lassen. Er wird sicher auch mal ein anständiger Mensch.
Meine Eltern haben mich damals übrigens auch mitentscheiden lassen. Ich kann sagen, dass meine Wahl gut war.
Und bald, da bin ich mir sicher, wird AD wieder das Zeitalter der Teppiche ausrufen. Und die Laminatdeppen werden sich dann billige marrokanische Imitationen der Stücke kaufen, die anständige Leute schon immer hatten.
donalphons, 16:17h
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