Mehr Skalpe meiner Feinde

Mit dem Psion Revo verbinde ich eine Besprechung der besonderen Art. Das ist jetzt etwas mehr als 4 Jahre her, in diesem traumhaft warmen Frühling des Jahres 2000. Es gab so gewisse Anzeichen einer leichten Krise in der New Economy, die mich nicht besonders betrafen, denn ich war ohnehin kurzzeitig kaltgestellt. Und ich hatte für ein anderes Dasein im Ausland zu tun.

Eingeladen hatte der Vorstand eines Unternehmens, das am Neuen Markt gehandelt wurde. Es ging um Avatar-Technologien, Kooperationen mit grossen Computerherstellern und, wie damals üblich, um die Gewissheit, die Nummer Eins zu werden. Es gab 2000 etwa ein Dutzend Konkurrenten; schnell gewachsene Konglomerate, amorph, schemenhaft, schwammig wie eine giftige Qualle und in etwa so freundlich in der Wahl der Mittel. Die anwesenden Journalisten hatten fühlbar Angst vor dem Mann, der auf dem Ehrenplatz weitschweifig seine Strategie erklärte.

Rechts von mir sass eine junge Frau; eigentlich viel zu jung für den Business Suit, den sie trug, und sah aus und roch wie eine lebende Werbung für diese trockenen, kühlen Parfums, die Frauen damals nutzten, um hart und abgebrüht zu erscheinen. Sie hatte unfassbar zierliche Hände und schrieb auf dem Psion Revo mit, der genau in die aufgesetzte Jackentasche gepasst hatte.



Die schwungvolle Biegung des Revo-Gehäuses setzte sich in ihren Händen, den Armen und dem Körper fort. Der winzige Computer schien mit ihr eine Einheit zu werden, und sie hatte die Lippen beim Schreiben immer leicht geöffnet. Wenn sie innehielt, lächelte sie spöttisch, als würde sie all die schönen Worte nicht glauben.

Ich war eigentlich nur wegen des Essens gekommen. Aber der Vorstand sprach ohne Ende, und ich konnte sie lange, sehr lange anschauen. Als der Vorstand in Worten die Weltherrschaft übernommen hatte und der erste Gang aufgetragen wurde, klappte sie flink den Revo zusammen, ging vor, gab ihm ihre Visitenkarte, sprach kurz mit ihm, und ging. Sie hatte wohl keine Lust auf Networking und all das gestellte, gestelzte Pfauengetue der Szene. Sie unterwarf sich in Kleidung, Geruch und Revo, aber sie war nicht bestechlich. Eine harte, ehrliche Arbeiterin. Dachte ich.

Am nächsten Tag las ich ihren Artikel im Internet, und er passte in seiner schleimigen, hündischen Haltung nicht im Mindesten zu dem, was in meiner Phantasie mit dem Mädchen zu verbinden war. Da war ein fundamentaler Gegensatz, traurig, unfassbar, Zeichen eines Missverständnisses. Da war noch etwas anderes unter der glatten Oberfläche dieser Frau, aber wahrscheinlich lag darunter eine weitere Ebene, und die war karrieregeil, abgebrüht und in jeder Hinsicht anpassungsfähig. Vielleicht täuschte sie sich selbst gerne mit ihrem zynischen Lächeln. Vielleicht wollte sie das an Anderen verachten, was sie selbst an der Oberfläche und im Kern war. Die Vielschichtigkeit des Bösen.

Geholfen hat es ihr nicht. Ein paar Wochen später wurde das Internet-Projekt, bei dem sie gearbeitet hatte, eingestellt. In gewisser Weise wurde sie dann noch ein Vorbild für einen Charakter in meinem Buch, auch wenn sie dort keinen Revo hat - der fiel aus Gründen der leichteren Verständlichkeit einer Digitalkamera zum Opfer. Wer kennt schon einen Revo?

Letztes Wochende habe ich zufällig einen fast neuen Revo entdeckt und gekauft, als Erinnerung an die schlechten, alten Zeiten. Die Form ist immer noch sehr elegant, auch wenn er nur einen Bruchteil des früheren Preises gekostet hat. Das Mädchen, vermute ich, sieht sicher auch noch elegant aus; Hände ändern sich kaum, und vielleicht hat sie ihren Revo noch, aus dieser sagenhaften Zeit, als man für ihn - und sie - noch den hohen Originalpreis zahlen musste.

Soweit ich weiss, hat sie es nicht in einen geregelten Job geschafft. Google kennt ihren Namen nicht mehr.

Mittwoch, 2. Juni 2004, 01:17, von donalphons | |comment

 
Der kleine Unterschied
.... und seine großen Folgen: Bei einem Ludwigshavener Unternehmen, das in der Chemie Nr.1 in Europa ist und auch bleiben wird, erzählte eine äußerst toughe junge Frau in einem Versace-Anzug für Männer, wie es möglich ist, im Konzern Karriere zu machen und dass es dafür Voraussetzung sei, sich solche Flausen wie Familie gründen o.ä. aus dem Kopf zu schlagen. Mobil sein hieße, heute Ludwigshaven, morgen Tarragona und dann vielleicht 6 Monate Shanghai. Von der Ausstrahlung war diese Frau, altersmäßig kaum über dreißig, ähnlich einer Domina. Ich weiß nicht, was sie heute tut, aber im Unterschied zu der Revoträgerin dürfte sie finanziell keine Sorgen haben. Wie es innendrin aussieht, geht niemand was an.

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Genau. Ich liebe donalphonsos kleine Stories aus der Depri-Szene, aber: Es gibt Branchen in der OE, in denen die Party weitergeht, wenn auch etwas gesitteter. Irgendwo müssen ja die Milliardengewinne der Konzerne bleiben. Mittlerweile wird ja sogar wieder Ausschau nach den "besten Köpfen" betrieben. Zwar nicht mehr per Jet zum Assessment nach Tennerifa, aber trotzdem angemessen auf hohem Niveau. Ich habe mit der Medien/Crea-Szene nur am Rande zu tun. Mir kommt es aber vor, als wäre diese Branche das Sammelbecken von Suizidgefährdeten, die sich die Gruppentheraie sparen und gegenseitig bemitleiden. Kein Wille zum Erfolg (dafür müsste man ja arbeiten) - sondern ein Hang zum Weltschmerz und Fatalismus.

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Verheiratet...
...werden die meisten dieser Damen sein und demzufolge auch nicht mehr unter ihrem alten Namen fungieren. Ergo ist eine Google-Suche kaum erfolgversprechend. Und sollten sie schon wieder reich geschieden sein, müsste nach dem Doppelnamen gesucht werden.

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Wille zum Erfolg
@hella: Mir geht es partiell ähnlich, aber nur partiell. Nach einer aufregenden und interessanten Durchgangsphase in der NE bin ich in der OE gelandet, aber als PR-und Crea-Man, von daher zwischen den Stühlen und mit allseits wachen Antennen. Was die Depri-Haltung angeht: Diese Leute wurden hofiert. Ende der 90er wurden die Creatives hochgejubelt, man versprach ihnen eine goldene Zukunft (nämliches gilt für Java-Programmierer, IT-Kaufleute u.ä.). Dann haben sie in der Hypezeit großenteils sich in die Arbeit hineingesteigert bis zum Wahnsinn, 80-Stunden-Arbeitswochen und dergleichen. Der Eintritt der Arbeitslosigkeit fiel für diese Leute meist mit dem Eintreten des overtimebedingten Burnout-Syndroms zusammen. Deine Beobachtung, dass solche Leute sich im Jammern gegenseitig bestärken, stimmt wohl, aber das ist erklärlich, wenn wir sehen, wie sie dahingekommen sind. Was für mich nur unverständlich ist, ist die Tatsache, dass kaum jemand von denen es in der OE versucht.

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Die Leute leben von der Hoffnung, dass es wieder so wird, wie es war und wie es die Trendforscher prognostizieren. ... und sie leben in der Alterslosigkeit. Wenn man etwas neues anfängt, wird man gewahr, dass man kostbare Jahre in der Untätigkeit vertrödelt hat und das Alter in der OE bestimmte Karrieren versperrt.

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