: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Donnerstag, 30. September 2004

Mr. Hai and Friends vs. George Grosz

Als du sie anrufst, toben hinter ihr die Kinder ihrer Freundin, bei der sie in Berlin wohnt, wenn es sie mal wieder hierher verschlägt. Es ist Samstag Abend, und sie hat Zeit für dich. Sie schien Anfang des Jahrzehnts vielen wie die Verkörperung eines globalen New Economy Ideals; was die Startups als exotisches Bild auf ihre Webseiten zur Dokumentation ihrer weltweiten Ansprüche klatschten, trat mit ihr in die Realität der Munich Area ein.

Du und sie, ihr habt es fast ohne Kratzer überstanden. In gewisser Weise seid ihr beide immer noch am Drücker, ihr müsst nicht sparen, zumal es in Berlin sowieso kaum teure Restaurants gibt. Du schlägst ihr das Mr. Hai and Friends am Savigny-Platz vor; ein vietnamesisches Restaurant, das im ersten halben Jahr seines Bestehens viele Freunde gefunden hat, darunter auch dich.



Der Savigny-Platz war vor der Wende das gehobene Vegnügungsviertel Berlins, bevor dann das ganze Trendpublikum nach Mitte zog. Seitdem hat die Gegend ziemlich nachgelassen, aber mit Mr. Hai & Friends gibt es jetzt wieder einen neuen Anziehungspunkt. Es ist Samstag, und der Laden ist brechend voll. Wir fragen nach einem Tisch für zwei. Der Platz, den man uns bietet, missfällt deiner Bekannten, denn daneben sitzt weibliches TV-Plebs der C-Prominenz Marke Käferfresser. Für einen Moment verfluchst du dich, unter der Woche gibt es hier sowas nicht, und ausgerechnet jetzt - aber dann wird ein anderer Platz frei, und ihr habt ein paar Meter Freiraum. Man muss ja nicht hinschauen. Man kann sich auch am Interieur des Lokals erfreuen, das mit seinen Grün- und Brauntönen sehr gelungen ist. Rechts hinten ist die Küche mitten ins Lokal gebaut, man kann dem Koch zuschauen, und er ist eine wahrer Meister am Feuer. Manchmal züngeln die Flammen hoch und spiegeln sich in den schönen Augen deiner Bekannten.

mehr bei Restaurantville, auch zur Frage, was das alles mit George Grosz zu tun hat

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Real Life 30.9.04 - Referrer Spammer aus Deutschland?

Da gebe ich mir alle Mühe, als verbitterter alter Sack zu erscheinen - und dann werden mir die Referrer doch glatt mit hunderten netter Angebote a la Thai Trans, gay sex oder sonstige Pornodinger. Nervt natürlich. Beim Durchschauen war aber auch noch ein anderer, kleiner Spammer dabei: Die Beauty-Site Cosmoty.de. Im Impressum steht eine gewisse Stefanie Dabrowski aus Wernigerode.

Googelt man Stefanie, findet man im Schatten der mittlerweile abgeschalteten Website awm-gewinne.net dieses Fragment hier: "Ihr nudemedia-Team. stefanie dabrowski email: dabrowski|@|nudemedia.de tel: 0 39 43 - 55 32 56 bürozeit: ca. 15.00 - 02.00 Uhr, ... "

Abgesehen von den ziemlich spassigen Bürozeiten ist die Telefonnummer absolut identisch mit der bei Cosmoty angegebenen Nummer. Und die Domain wird zu Nudemedia weiterverbunden....

Und was sehen unsere Äuglein? Nudemedia - Ihrem Partner für Adultdesign! Anders gesagt, die Firma macht und bewirbt Pornoseiten. Da steht Stefanie im Impressum. Den ebenfalls verantwortlichen Ingo Wiederhold findet man auch noch ganz woanders: Als Programmierer der Tagungsstätte Kloster Drübeck. Hm. Dabei ist aber auch noch eine, hoppla! WRonline GbR unter der schon bekannten Adresse in Wernigerode. Da ist vieles nicht verfügbar, aber eine weitere Abfrage bei Google findet dann noch Adult minus Spider punkt de, die wohl auch zum Imperium in Wernigerode gehört.

Das wäre dann auch der Punkt, wo mir ein gewisser verdacht käme, von wegen, wer mir denn da ausser dem Cosmoty-Spam noch die anderen Teile verpasst haben könnte - wenn ich nicht noch das hier gefunden hätte; Ingo Wiederhold soll nämlich mit Fördermitteln des Landes Sachsen Anhalt den "Prozess der Etablierung der Unternehmen und Unternehmerinnen, insbesondere alle 21 Kleinprojekte am Markt[...] unterstützen". 21 Kleinprojekte, hm, vielleicht wie die, die Nudemedia anbietet? ;-)

Edit: Inzwischen wurden die Seiten des Klosters und von WRonline weggeleitet, wenn man von hier kommt. Hat da jemand Angst vor Öffentlichkeit? Zum Glück gibt es den Google-Cache... hier und hier.

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Mittwoch, 29. September 2004

Früher war es im August.

Und in Köln. Und es war richtig voll und wichtig. Prominenz kam auch. Kein Wunder, dass Thomas Middelhoff den Umbau von Bertelsmann zum eKonzern auf der Popkomm verkündete. Papier, Siliconscheiben, Pappe, Videokasetten, das war alles nicht mehr wert, für einen kurzen Moment im August des Jahres 2000. Middelhoff wollte das Netz erobern, und Musik war der Schlüssel dazu; digital, so schnell wie das Licht, nicht materiall, billig, omnipräsent, emotional, der Türöffner.

"Haben Sie den Mut, auch Fehler zu machen und alles komplett in Frage zu stellen. Sehen sie die Chance und nicht so sehr das Risiko", rief er in die Menge der anwesenden Music-Bizzler, und alle hörten es gerne. Denn das Fiasko der New economy war nach damaliger Lesart ein versagen unfähiger junger Leute, und die grossen Konzerne würden sich jetzt daran machen, die Trümmer aufzusammeln und das grosse Geschäft zu machen.

Es war strahlend schön, in diesem August 2000. Man hatte die Medien gut ausgehalten, man war nett, man war gut drauf. Und dann sagte Middelhoff etwas, was sich bewahrheitet hat, etwas, weshalb ich ihn immer noch achte: "Die neue Technik a la Napster ist nicht mehr zu stoppen."



Ansonsten: Middelhoff hat die Risiken wirklich nicht gesehen. Das Internet ist kein Markt, sondern für die Musikinustrie das Tor zur Hölle. Und es ist noch längst nicht vorbei. Was nicht zu stoppen ist, ist nicht die Technik - was nicht zu stoppen sind, sind die Menschen dahinter.

Jetzt ist die Popkomm in Berlin angekommen. Es geht nicht mehr ums Erobern, sondern nur noch unm den möglichst geordneten Rückzug. Man baut digitale Barrikaden und rechtliche Gräben im Netz. Der Kunde ist der Feind. Es ist fast Oktober; es regnet, es ist kalt, und wenn es am Morgen doch klaren Himmel gibt, pfeift ein eisiger Wind durch die Strassen.

Die Popkomm ist da. Bald ist sie wieder weg, und die Sozialhilfeempfänger sparen weiterhin auf die neue 200 GB-Platte, für all den Krempel aus dem Netz.

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Schimpfworte aus dem Marketing-Sumpf

"Restmarktabschöpfer" - klingt eklig, ist es auch, betrifft gedungene News-Contentzusammenklatscher, und wurde bei IT&W gefunden.

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Mittwoch, 29. September 2004

Feuern und gefeuert werden

Im Prinzip mag ich solche Typen ja, weil sie das Pseudomedium Glotze so kaputt machen, wie es nun mal ist - aber die mit der Fresse voran im Quotenstaub liegen zu sehen, turnt natürlich voll an. (via Girl)

Und wie es dem Mol ergeht, kann es auch den anderen Mo-x dieser Welt ergehen.

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Lustig

In einer Zeitschrift gut besprochen zu werden, von der man dachte, dass sie längst eingestellt wäre. Es gibt wohl noch andere Zustände als nur "lebendig" oder "tot".

Für 4 Rezensenten von Liquide war es jeweils der letzte Artikel, den sie für ihren Arbeitgeber geschrieben haben, ein anderer musste am Tag nach der Veröffentlichung auf Geheiss der grossen Bosse seine halbe Abteilung feuern. Manche mochten es wohl, weil es praktisch ihr Leben in Echtzeit erzählt hat. Mal schaun, ob sich dieser Zufall jetzt bei Blogs! zu einem veritablen Fluch ausbauen lässt, so eine Art "Der Fluch von Don ench Amunso", der vor allem die Feinde erwischt und sich beim Lesen dieser Seite überträgt. Die News Frankfurt lauert hier ja alle paar Stunden vorbei...

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Noch ein Skalp von meinen Feinden.

Der Wedding ist nicht so arm, wie es oft behauptet wird. Vielmehr fügt er sich harmonisch in den Gesamtslum ein, der diesen Vorort von Marzahn b.d. Spree ausmacht. Es gab hier wohl auch eine Oberschicht, sonst hätte der türkische Juwelier in der Badstrasse wohl nicht aus einem Nachlass das silberne Vorlegebesteck bekommen, dessen Kauf ich mir seit drei Monaten überlege. Ich hatte es mir schon angeschaut und für zu teuer befunden, und gestern war es dann aus dem Schaufenster verschwunden. Wie so oft, denkt man dann, man hätte doch, und warum war man nur so dumm und hat nicht. Nicht ganz ohne Hoffnung betrat ich den Laden, und der Besitzer erkannte mich sofort wieder. Der junge Herr mit dem Silberbesteck, jetzt doch, Moment, er hole es nur schnell von hinten, da hat er es nämlich hingetan.

Während er kurz verschwand, warf ich einen Blick auf die gebrauchten Armbanduhren in der Glasvitrine. Unter all den billigen Seikos, Dugenas und etwas besseren Tissots lag auch eine klassische, dezente Rolex Oyster Perpetual Datejust, eine Oyster wie die, damals...



Damals, in der kleinen Stadt, aus der ich stamme, gab es keine klassenlose Gesellschaft, ganz im Gegenteil. Die 10% Oberschicht, hauptsächlich Vertreter der alten lokalen Oligarchie und der vom Boom angezogenen Unternehmer, Ärzte und Manager blieb unter sich. Diese Klasse besetzte bestimmte Viertel, erträumte sich die üblichen Karrieren ihrer Kinder und traf sich zu festgesetzten Ritualen wie dem Konzertverein mit seinem Churochersterrepertoire oder den Galerien für moderner, zahnarztkompatibler Kunst, in Ermangelung eines literarischen oder sonst wie ausgeprägten kulturellen Lebens. Dafür konnte man auch schnell nach München, wenn man sich denn so anstrengen wollte. Meistens blieben sie zu Hause, erfreuten sich an Rundbögen, Kachelöfen und dem Blubbern der V8-Motoren, und bestritten, reich zu sein, weil ihnen dieser Begriff doch sehr fern lag, auch wenn sie ein paar Mietshäuser geerbt hatten.

Wenn ihre Kinder bis zum Abitur nicht in der Psychiatrie gelandet waren, sich unter Drogen vom Hochhaus gestürzt oder ohne Führerschein mit einem nicht zugelassenen Motorrad gegen die Wand pilotiert hatten, gab es immer im Mai, nach den Prüfungen zur Hochschulreife ein weiteres Ritual in dieser Gesellschaft. Die Eltern fuhren in die Stadt zum ersten Juwelier am Platz, Dürrkopp, der schon seit Generationen diese Schicht in dieser Stadt beliefert. Dort kauften sie dann für ihre Kinder Uhren. Und fast immer war es die Rolex Oyster Perpetual Datejust in Stahl für die Jungen, und mit Goldlunette und Kettengliedern für die Mädchen, auf die die Wahl der Eltern fiel. Das sind Uhren, die ein gewisses Prestige haben, aber nicht so brutal und peinlich sind wie der Brocken Submariner oder die Breitling Chronographen, die sich meine Freunde damals eigentlich gewünscht haben - und wegen der grazilen Oyster nicht bekamen.

Bei mir lag der Fall anders, ich floh sofort nach der Prüfung vor den Idioten meines Jahrgangs in die USA, und hatte einen Blankoscheck für eine sehnlich gewünschte Gruen Curvex dabei; eine legendäre Armbanduhr aus den dreissiger Jahren, die ich dann auch in Visalia/California fand. Dass ich der Rolex entging, lag aber auch an der Tatsache, dass Gruen und Rolex damals die gleiche Firma waren, was meinem Vater die Entscheidung für den Blankoscheck erleichterte.

Zurück in der Heimat, hatte ich dann eine Beziehung mit einem schnippischen Mädchen aus besserem Hause, das ebenfalls diese typische Apothekerstochter-Rolex trug, auch im Bett, und erst seitdem war diese Uhr für mich der Inbegriff dieser Generation, die das Pech hatte, nicht verloren zu gehen, sondern in der Heimat in halbwegs gesicherten Verhältnissen und vom Geld der Vorfahren vor sich hinzudämmern. Ich sah sie wieder an den Handgelenken der Startup-Söhnchen, die wenige Jahre später nichts mehr auf Sicherheit gaben und gründen wollten, die glaubten, sie könnten auf den Erfolg ihrer Eltern noch einen Success draufpacken. Bei ihnen wurde die Oyster das Garantiesiegel der Klasse, auf die VCs insgeheim mehr Wert legten als auf ein ordentliches Geschäftsmodell. Und ich sah sie an den schnell aufgestiegenen Praktis, die als Senior Irgendwas Manager nach drei Monaten sich auch so ein Teil beschafften, um mitzuhalten, wenn der Boss sich seine neue Patek aus der Schweiz mitbrachte.

Und ich sah sie hier, im Wedding, in einer nicht allzu sauberen Vitrine unter so viel Ramsch.

Die Rolex, fragte mich der Besitzer des Ladens, der den alten Lederkoffer mit dem Besteck gebracht hatte.

Ist die echt, fragte ich, und wusste sofort, dass es ein Fehler war, das zu fragen.

Natürlich, sagte er, nahm sie aus der Vitrine. Jeder fragt, ob sie echt ist, schauen Sie nur; er drehte sie um, hob den lose aufgelegten Deckel und zeigte mir das fraglos originale, gravierte Werk. Wenn Sie wollen, mache ich Ihnen einen Sonderpreis.

Nein danke, sagte ich, ich habe sie nur gesehen...

Wirklich billig, eine Gelegenheit, sagte er. Und die kommt aus gutem Besitz, der Vorbesitzer hat Probleme mit seiner Firma und der Steuer und brauchte schnell Geld, aber hier ist es schwer zu verkaufen, weil die Leute hier, die wollen nur so dicke Submariner, aber Sie verstehen was davon, nicht wahr? Ich mache Ihnen einen Vorschlag, mit dem Besteck für - und er nannte einen wirklich günstigen, sehr günstigen Preis, drückte den hinteren Deckel drauf und reichte sie mir. Für Xxxx von deinen Eltern zum Abitur 1987, ist hinten in verschnörkelten Buchstaben eingraviert.

Original, wirklich, sagte der Händler, probieren Sie. Ich legte sie an, und sie passte. OK, sagte ich, ich nehme sie. Sie passt zu meinen anderen Skalpen.

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Herbsteinkäufe

Vier Zitronen, 200 Gramm Pfifferlinge, 1 Kilo rote Trauben, 250 Gramm korsischer Bergkäse, warme dunkelbraune Schuhe, feine mittelbraune Handschuhe, eine "Mehr Skalpe meiner Feinde"-Rolex Oyster. Es wird Herbst 2004, ich will Vitamine und nicht frieren, und weil andere das auch nicht wollen, beschaffen sie sich das Geld für die Miete durch den Verkauf von Assets.

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Montag, 27. September 2004

Real Life 27.09.04 - Wenn sie mich fragen,

im Vorgespräch, warum ich denn das tue, dieses Blog, von dem sie bis letzte Woche noch keine Ahnung hatten, dass es das gibt, und ich sage, dass ich all die Geschgichten erzählen will, die Schnipsel und die Trümmer, die das Umfeld meiner Existenz ausmachen, nicht nur meiner, sondern auch ihrer, denn sie haben ja einen festen Job auf Lebenszeit bei den Öffentlichen, unkündbar, das heisst, dass irgendwo grad einer sein altes Notebook auf Ebay verscherbelt, um seine Telefonmrechnung zu bezahlen, und dass die einen im Licht stehen, im gleissenden Licht der Neonröhren in ihren Gebührenbunkern mit Stahllamellen gegen die Aussenwelt, über sie sie mal wirklich schreiben müssten, und dass die anderen eben im Dunkeln sind und da auch bleiben werden, denn mit jedem erfolgreichen Studienabsolventen kommt noch eine erfolglose Geschichte dazu, und das wird auch so bleiben für die nächsten drei jahre, dann ist da keine Betroffenheit, zumindest höre ich das nicht, obwohl ich, glaub ich, dafür inzwischen ziemlich feine Sensoren habe. Aber bei denen ist das da draussen eine andere Welt, von der sie nichts wissen wollen in ihren langen Gängen,



wo sie mit den dünnen Absätzen auf dem Marmor knallen und nach Escada riechen, und so tun, als hätten sie hier drinnen nicht alle Zeit der Welt, wo man sich die Zeit nimmt für Qualität und für einen 12-Minuten-Kommentar für ein Thema, das sehr wichtig ist für die 0,3% Hirnficker, die da noch hinterhersteigen hinter dem Versuch, die FAZ und die SZ jetzt mal volle kanne intellektsmässig auszubooten, weil es ja mit so was Schnödem wie Journalismus nichts mehr zu tun hat und auch nicht haben soll, sondern mehr ist, nämlich die Erfüllung eines gesellschaftlichen und verfassungsmässigen Auftrags.

Das hat mir mal eine öffentlichrechtliche Volontariatskarrierensau so ins Gesicht gesagt, im Interview, und ich habe mit dem schweren, stahlarmierten Sennheiser MD 421 Mikrophon nichts getan, ausser es weiterhin ganz ruhig weiterhin vor den Rüssel der Sau zu halten.

WDR war nett, heute, hab leider kein passenderes Bild. Aber die Anfrage danach war, brrrrr, wäh, ne.

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Freuden der Öffentlichkeit II

wegen der Wiederholung der leidigen Sache mit ungefragter Autorenschaft bei einer gewissen Frankfurter Billigzeitung, was ja angeblich nicht mehr vorkommen sollte. Wie sagt nicht der Lateiner so schön? Audiatur et altera pars, auch bekannt als Zulieferer:

BloggerInnen die keine Email-Adresse angeben, kann man auch keine Email senden.

Kann man (hier) so sehen. Und sagen. Und machen. Klar. Denn wer etwas ins Netz stellt, will auch gelesen und zitiert werden. Eigentlich sehr einfach. Oder so.

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Freuden der Öffentlichkeit I

hier: Geplatzte Abmahnversuche gegen Blogger.de. Nach drei Stunden Öffentlichkeit wieder zurückgezogen. Grosse Klappe, nichts dahinter.

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Sonntag, 26. September 2004

Real Life 26.09.04 - BoD (Breit on Demand)

Das Oktoberfest macht aus München einen beschissenen Ort. Um auf der nach oben offenen Unerträglichkeitsskala was entgegensetzen zu können, veranstaltet Berlin ein Literaturfestival, während dessen Laufzeit man am besten verreisen sollte. Nach Cottbus zum Beispiel. Irgendwer meinte, dass auch Gelsenkirchen Ende September im Regen und Nebel sehr reizvoll sein soll.

Ein Ex-Münchner Bekannter aus der Verlagsszene hatte in seinem Haus die Arschlochkarte gezogen und musste einen stotternden, äh-lallenden Hirnfickpornographen (HFP) durch ein Programm schleusen, das drei Dutzend Geriatrieinsassen begeistert hatte. Der HFP unterschrieb säuerlich die Taschenbuchausgaben seiner Werke aus den späten 70ies, die sein Klüngel unter den Kukidentgläsern hervorgezogen und mitgebracht hatten, verschwand im Hotel, und am nächsten Morgen im Zug Richtung Westen. Mein Bekannter, der mir von dieser Pleite erzählte, bleibt noch bis Montag, und so trafen wir uns kurzentschlossen im Ein Euro Cafe, so heisst das glaub ich, in der Veteranenstrasse.

Nicht zum Aufreissen, natürlich. Verlagsmitarbeiter und Autoren lernen schnel und blutig, dass es nichts Grauenvolleres gibt als potenzielle Bettgeschichten, die sich im Vorfeld präventiv als eine Kreuzung der literarisch unterdrückten Frauen von Brecht, Sartre und Fitzgerald aufführen. Nur falls sich das werte Publikum wundern sollte, warum Schriftsteller so oft Stammgäste in Bordellen sind und so viele Dialer auf dem Rechner haben.



Jedenfalls, mein Freund hatte schon erheblich den ein oder anderen sitzen, als ich ihn traf. Der HFP hatte auf zwei Mahlzeiten verzichtet, was hier für einen ordentlichen Affen auf Spesen für ihn und die beiden Mädchen, die neben ihm sassen, gereicht hätte. Er konnte meine beiden Namen halbwegs korrekt aussprechen, die Namen seiner Begleiterinnen hatte er schon wieder vergessen. Auf den ersten Blick buchinteressierte Germanistikirgendwasse im 12-x. Semester, und zwar aus der handfesten Creative-Writing Ecke, irgendwie ziemlich prägnant im Ausdruck, was meinereins im normalen Gespräch nur dann hinbekommt, wenn er schnöselig ist.

Trotz Alohohl war mein Freund noch so zurechnungsfähig, sich keine Möchtegern-Autorin mit 40 unveröffentlichten Kurzgeschichten über Berlin Mitte und einem ihres Erachtens bestsellerverdächtigen Romanfragment rausgesucht zu haben. Er hatte eine, wie sie sich später nannte, Kollegin von mir aufgetan, und ihre Bewunderin, sprich, eine Schriftstellerin mitsamt Privatgroupie. Das Privatgroupie soff die Spesen meines Freundes weg, und meine Kollegin machte das, was alle Kollegen tun, wenn sie nicht gerade auf meinen Verleger schimpfen, der im übrigen ein wunderbarer Verleger ist: Sie zog über den Betrieb her, den sie mit ihrem Debutband jetzt rocken würde. Hey, in Frankfurt ist sie auch, am Stand, gibt Interviews und so, und ich begann mich zu fragen, ob ich in den letzten Wochen was verpasst hatte, irgendwie kenne beruflich ich die meisten Verlagsprogramme, die Debutanten schaue ich mir meistens an, komisch das.

Sie macht Kuzgeschichten. Ah ja. Weil das die wahre Kunst ist, etwas zu sagen, ohne es zu schreiben, und das in so knapper Form, dass die Geschichte einen Roman enthält, und das ist das Leben. Darauf kommt es an. Ah ja, sagte ich und dachte mir, hey, die muss heute eine ganze Radisch gesfrühstückt haben, oder zumindest einen ergrauten Lietraturprof.

Und wenn das jetzt erst mal in den nächsten Tagen kommt, bewirbt sie sich damit auf Stipendien, und ich fragte sie ganz unschuldig, wie denn da die Unterstützung vom Verlag ist, weil, soweit mir bekannt, dessen Netzwerk da wohl ziemlich wichtig ist, aber sie meinte, das braucht sie nicht. Dazu ist der Verlag nicht da, der soll das Buch machen, Rest macht sie, das will sie so und nicht anders, deshalb hat sie auch gar nicht lang gesucht sondern ist gleich zu BoD (book on Demand).

Ich schaute meinen Freund an, aber der schaute nur sein Glas an. Das 5. oder 6. Bier, da wird einem so ziemlich alles egal, vermutlich, aber sie plapperte schon weiter, dass das mit der Pressearbeit auch locker allein geht, sie kennt ja so viele Leute hier in Berlin, die sind alle schon ganz gespannt auf das Buch, und dann drehte sie Richtung Inhaltsangabe und präsentiert mir tiefgehendes Gedankenwerk hinter ihren Geschichten, irgendwo zwischen von Kürthy, SATC und Judith Hermann angesiedelt, aber eben alles zusammen und doch weitaus mehr. Ich machte ein paar leicht sarkastische Bemerkungen, und sie ging über mit dem Zartgefühl eines Abrahm-Panzers darüber hinweg.

Wie sieht das eigentlich mit den Vorbestellern in den Buchhandlungen aus, versuchte ich es nochmal. Irgenwo musste da doch ein Stecker sein, irgendwas, das so einen minimalen Zweifel erweckte...

Das wird schon, meinte sie mit dem Selbstbewusstsein eines zugekoksten Art Directors, weil ja inzwischen BoD von den Händlern zurückgeschickt werden kann, dann nehmen die das auch.

Irgendwie muss mir heute ganz mieses Karma aus den Knopflöchern gespritzt sein, denn sie stand ziemlich unvermittelt auf und verkündete, dass sie jetzt ginge, und ob die anderen noch mitkommen. Mein Freund rappelte sich auf, meinte was, dass wir morgen, ne heute nochmal telefonieren, und übersah meinen fragenden Blick. Ab nach draussen, sie Richtung Hotel, ich Richtung nach Hause. Allein. In dieser bitterkalten Frühwinternacht.

Das kann ja heiter werden, in Frankfurt.

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Samstag, 25. September 2004

Gute 30 Jahre danach

hätte man gerne wieder solche Zustände, wild, revolutionär, anders. Vielleicht auch mit Sex, der noch etwas abenteurlich und verrucht ist. Am besten auf einem Fell vor dem Kamin, langhaarig, zottelig, Körpersaft schluckend. Nicht mehr das glatte Stäbchenparkett des frühen Jahrzehnts, auf dem Sex allein schon wegen der Härte des Bodens eine schnelle Angelegenheit wurde, aber Zeit war damals Mangelware, ich mein, hey, ficken können wir auch noch wenn wir tot sind oder den IPO geschafft haben. Gerade letzte Woche traf ich einen noch aktiven Vorstand, der meinte, wenn er einen Exit hinbekommen würde, dannn würde er sich erst mal eine Nacht im Bordell verrammeln.

Aber diese Zeiten sind vorbei. Und so eine Nacht im Bordell ist heutzutage nicht mehr finanzierbar, zumindest nicht mehr für das hart arbeiten hart feiern Publikum von damals. Also besinnt man sich auf heimische Werte und findet es schick, wenn solche verruchten Felle doch wieder zu kaufen sind.



Denn Zeit hat zumindest ein Partner im Moment ohnehin genug, da ist wieder Platz für etwas Phantasien. Und das wilde Leben vielleicht, und dazu noch eine DVD von Russ Meyer. Tal der Superhexen ist mal was anderes als die ruinenübersähte Silicon Alley, die den Alltag ausmacht.

Und wenn der Saft sein natürliches Ziel erreicht, kann man auf dem Fell das neue Buch der ehemaligen Popliteraten Sven Lager und Elke naters lesen. Das heisst "Durst Hunger Müde", beschriebt das Kinderhaben als glücklichen Zustand und hat auch so ein poppiges, oranges Blowup-Titelbild, das sich auf dem Fell blendend macht.

Jeder Revolution endet auf dem Fell.

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Einmal noch,

ein letztes Mal zu diesem Thema: Es hat natürlich eine besondere Note, dort oben zu feiern, wenn am folgenden Tag, gleich nach Arbeitsantritt, die Hoffnungsträger des vorhergehenden Hypes zusammengetrommelt in den tieferen Stockwerken werden, um ihnen mitzuteilen, dass man in Zukunft ohne sie auszukommen gedenkt.

Dadurch erst schafft der Lügenkonzern die Profite, durch die solche nobel erscheinenden Druckerzeugnisse wieder möglich sind.

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Freitag, 24. September 2004

Ich sehe mich genötigt klazustellen,

dass es sich bei diesem Text keinesfalls um einen Verriss des "Freund" von Christian Kracht handelt, wie mancherorts behauptet wird. Ich finde das Heft ganz bewundernswert. Es ist endlich wieder ein mutiges Produkt in der deutschen Publizistik, das verdient Achtung. Man mag im Gegenzug bedenken, dass andere Verleger Zeitschriften wie den Freibeuter einstellen. Es waren auch sehr viele angenehme Menschen vor Ort, wirklich. Leider hat in meinen Augen das Springer-Umfeld mit seinem teilweise niederen Verhalten die Party belastet.
Aber ich zerreisse mir darüber nicht das Maul. Ich versuche nur zu schildern, wie ich das als Angehöriger einer gewissen, ja, man kann sagen, Klasse, empfunden habe. Die Leser möchten bedenken, dass ich nicht nur so, man mag es als schnöselig oder arrogant diffamieren, sein kann, wie im Text angedeutet, sondern in derartigen Situationen auch tatsächlich so bin.



Es war sehr viel Erhabenes an diesem Ort, und viel banale Niedertracht. Aber es war weder luxuriös moch dekadent, wie auch einige Pressepinscher den Lesern vormachen wollen. Beachten sie nur den gewellten Teppich auf dem Bild! "Feinste Auslegeware", was für ein geistbitterarmer Ignorant schreibt so etwas? Cognac, Zigarren und Rehrücken sind eigentlich nichts, worüber man ein neidisches Wort verlieren dürfte. Aus dieser unterschiedlichen Wahrnehmung heraus aber eine Aversion meinerseits gegen andere, angenehme Orte und an diesem Abend anwesende Menschen ableiten zu wollen, wäre verfehlt.

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Demütigung der New Economy in der Munich Area

Es hätte eine Zeit gegeben, da wären meine Freunde lieber gestorben, als auf Veranstaltungen zu gehen, deren Räumlichkeiten diese Bedingungen erzwingen:

Bitte kommen Sie immer pünktlich um 19 Uhr. Das IHK Gebäude wird kurz nach Veranstaltungsbeginn geschlossen!
Wir bitten darum, im Gebäude nicht zu rauchen.


Es ist nicht so, dass das Verrecken meiner Freunde ein Akt unbegrenzter Ästhetik war; im Gegenteil, sie konnten nicht umhin, auch in der letzten Stunde noch so grell und peinlich zu sein, wie sie gelebt haben. Es war zum Ende hin ein makabrer Rave, der Drogenkonsum stieg reziprok zum Abbau der Beschäftigten, und nach der Insolvenzanmeldung verprassten sie die letzten 100-Euro-Scheine aus der Portokasse. Sie kannten keine Reue, aber sie waren tot, und damit hatten sie bezahlt.

Was heute noch lebt, sind die erbärmlichen Kriecher, die pünktlich genug kommen, um den Hauswärtern nicht zur Last zu fallen, die Putzfrauen nicht zu behindern und definitiv nicht rauchen. Schnupfen sowieso nicht, versteht sich von selbst. Der Tod wäre eine Erlösung für sie, aber statt dessen bieten sie grauen Kammerpräsidenten die Einrichtung von Business Blogs an, und reden von emerging markets, die sie der Industrie, former known as old economy, erschliessen wollen.

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Donnerstag, 23. September 2004

Real Life 22.0904 - Ich bin pünktlich.

Pünktlichkeit ist die elementare Höflichkeit des Gastes. Ohne Höflichkeit keine Freundschaft, sagt Castiglione, aber den hat hier wohl kaum einer gelesen. In den 19. Stock geht es mit einer sehr schönen Frau, nach Massstäben eines BWL-Studenten. Sie trägt ein dunkles Kostüm, hat eine Perlenkette um das Handgelenk geschlungen und eine unpassende Digitaluhr darunter. Ich hätte es eigentlich wissen müssen wegen der Uhr, aber die paar Sekunden hatte ich irgendwie so eine Hoffnung. Sie klingt sehr nett, wie jemand, die man küssen kann, im Aufzug nachher auf dem Weg nach unten. Jedenfalls merke ich oben, als ich ihr den Vortritt lassen will, dass man sie als Liftgirl missbraucht, für das Management-Volk des Lügenhauses, in dem ich bin.

Ich trete nach draussen, gehe zur Garderobe und lege ab. Ich trage einen schmalen, schwarzschlammgrünen Anzug und Krawatte von Armani. Es ist 19.29 Uhr, und die Räume sind fast leer. Ich finde das sehr unangenehm, denn es zeigt, dass die Gäste wenig mit den Idealen anfangen können, um die es hier heute Abend geht. Ideale deshalb, weil das Produkt garantiert nicht die Kosten dieses Abends einspielen wird, was ihm etwas wunderbar Antiquiertes verleiht. Es ist fast wie eine Erinnerung an die Ära der Dotcoms.

Ich treffe Frau S. aus meiner Heimat. Ich sage ihr, dass ich von diesem Haus wenig bis gar nichts halte. Sie stellt mich trotzdem K. vor, der hier das aktzeptablere Produkt leitet. Der von der Gossenabteilung ist auch da, wie befürchtet. Wir reden über Blogs und Transatlantisches und über Zürich, wo angeblich inzwischen fast jeder Deutsche ist, wie auch in Berlin, nur ich nicht, denn ich bin in beiden Orten. Dann hält er eine Ansprache, in der es vor allem um die Probleme des Verlagshauses mit seinem Produkt geht.

Ich meine, das ist wirklich nicht wichtig. Es ist Abend, und ich habe genug von Wirtschaft und Geld gehört. Geld ist sowieso peinlich, weil im Moment kaum jemand was hat und man sich schon fast schämen muss, wenn man einer geregelten Arbeit nachgeht, die auch noch Spass macht, während die schönen Frauen hässliche mittelalte Managertypen im Lift kutschieren müssen, statt mit mir zu plaudern, und alles nur wegen Geld, ich kann es nicht mehr hören. Dann kommen der Chefredakteur und der Herausgeber und sagen wenig Zusammenhängendes, wie immer eigentlich. Beim Ernst-Jünger-Zitat grinsen die Manager des Hauses, ist ihre Magenlektüre jeden Morgen. Sie mögen Jünger. Ich kann ihn nicht leiden, ich denke, er muss gerochen haben wie eine Schützengrabenlatrine, und seine Texte sind eigentlich nur für den Wandkalender badischer Bauern gut. Über das Produkt selbst haben sie eigentlich nichts gesagt. Aber das wird gerade verteilt, in zu geringen Stückzahlen natürlich.

Dann wird das Buffet eröffnet. Ich gehe herum, und schaue mir die nachgemachten Antiquitäten an. Die Teppiche sind, wenn man genau hinschaut, verschlissen und abgetreten, die Club Chairs sehen aus, als hätte man sie in der britischen Botschaft in Nairobi Anfang der 60er jahre ausgemustert. Metallvasen sind nur vesilbert und verbeult. Das Holz ist entweder Zirbelstübchen oder reichskanzleibraun. Ich setze mich auf einen Chair, bei dem ich einen guten Blick auf den Rücken von E. habe.

Im Produkt ist auch eine Geschichte von E.. Ich finde, E. sollte mehr Geschichten schreiben, und zwar in dem schwarzen Top, in dem ihr Rücken mit den beiden Leberflecken so gut zur Geltung kommt. Wenn E. nicht die ganze Zeit in Bangkok wäre, sondern hier mehr schreiben würde, hätten wir uns die ganzen schlechten Popliteraten sparen können. E. ist eine Frau, die alle lieben würden, glaube ich. Doch, ja. E. raucht, wie C., Salem-Zigaretten, und ich könnte sie mir gut in der Halle unseres Hauses in Bayern vorstellen, unter den Kronleuchtern, die nicht so billiges neues Zeug sind wie die Pressglasdinger hier oben. Ich mein, wenn es schon billig sein soll, aber egal, da sag ich woanders was dazu.

Ungefragt setzt sich mittleres Management zu mir. Die Teller sind mit Fleisch überfüllt, vor allem mit Riesengarnelen, die sie zu Hause nie bekommen, nur wenn sie schnell eine Garnelen-TK-Pizza schaufeln, und dazu Boeuf, und die Sauce schwappt in die Garnelen. Einer stellt seinen Teller auf das Produkt. Ich bin der höflichste Mensch von der Welt, aber hier geht es nicht anders. Ich sage Pardon und ziehe das Produkt unter seinem Teller weg. Er sagt Äh, und beginnt, die Garnelen zwei Handbreit über dem Teller in seinen Mund zu stopfen. Dabei redet er mit den anderen über Marktentwicklung für das Gossenpapier des Hauses. Ich blicke demonstrativ zum Fenster hinaus. Nach einer Weile wird es zu unangenehm. Als ich aufstehe, sehe ich, dass mindestens drei von ihnen Rolex-Uhren tragen.



In der Ecke sitzt der älteste Autor des Produkts und hat niemand zum reden. Ein Fossil, werden die Manager des Hauses denken, und würden lieber mit dem D. reden, der übrigens das Bildblog hasst. Ich hoffe, dass die ihm die Pomade vom Kopf pusten, und bringe später C. die Bücher, die die Post nicht zu ihm nach Nepal bringen wollte, und dann noch eines für I. I. ist sich sicher, dass SD in Wirklichkeit J. ist, oder J. zumindest ganz tief mit drin steckt. Ich habe beim Verlag von SD angerufen, und ein Interview wurde mir verwehrt. Wahrscheinlich haben sie Angst vor dem Skandal. J. ist nicht gekommen, sonst hätten wir ihn fragen können.

Langsam verschwinden die Manager des Lügenhauses, die müssen ja auch zu geregelten Zeiten arbeiten gehen. Die Räume werden leer. Es bleibt das Destilat der Freigeister, der Kreativen und Arbeitslosen. Es wird Zeit für die Afterpartyparty in einem Club, der woanders ist.

E. kommt und sagt, dass ich auch noch mitkomme. Aber als ich im Auto sitze, bin ich schon etwas müde, und an der Location laufe ich erst mal vorbei, weil sie gut versteckt ist. Angeblich nobel. Ich bin schon ziemlich weit weg, als zwei Paare rauskommen, das Produkt unter dem Arm, und sich laut anschreien. Ich denke, dass es dort unten nicht wirklich angenehm ist, dass ich eine Kanne Tee brauche, und so verpasse ich das, was man bei Jens Thiel lesen kann. Er hat leider nichts über den Rücken von E. zu berichten, aber ich finde, er sollte doch schreiben. Unbedingt. Und auf die Bedenken pfeifen.

Danach bin ich zu Hause und stelle nicht ohne Ironie fest, dass ich aus genau dem Silbergeschirr Tee trinke, dessen Benutzung K. in seiner Ansprache C. unterstellt hat. Tee und Silber sind exquisit, wie auch Produkt. Aber die Kritiker werden es hassen.

Edit: "Was das Heft geistig zusammenhält, ist allein die Eitelkeit, die wir alle besitzen, die hier aber dem Leser in ungewohnter Radikalität entgegentritt." resumiert der Tagesspiegel, dessen Autor allen Ernstes von einem "popliterarischen Quartett" in Bezug auf Tristesse Royal phantasiert. Damals sassen allerdings 5 Herren im Adlon, nicht 4.

Der Freund von Herrn Kracht, Dr. Nickel und Frau Obladen und leider auch Springer ist übrigens hier erhältlich.

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Jagdszenen aus dem Content-Zulieferer-Bizz

Früher, in der glückseeligen Zeit der New Economy, dachte man, Content Providing wäre das grosse Geschäftsmodell. Auf der eigenen Website die User was schreiben lassen, mit windigen AGBs den Usern das Geschriebene abnehmen, ohne einen Pfennig zu zahlen, und dann an en Gros an Content Syndicators weiter verkaufen. Der "User generated Content" sollte so eine Art Cash-perpetuum-mobile werden. Inzwischen hat sich gezeigt, dass der Content fast so wenig taugte wie die Geschäftsmodelle, weshalb die angeblich unersetzbaren Content Provider erst zu "Zulieferern" degradiert wurden, und dann pleite gingen. Edit: Bis auf ein paar letzte Hungerleider natürlich, die sich gegenseitig versichern, wie blendend es ihnen geht.

Aber jeder Historiker weiss, dass die Weisheit und Lernfähigkeit sehr begrenzte Rohstoffe auf diesem Planeten ist, und so lassen sich eben manche weiterhin auf dieses Spiel ein - nur diesmal ohne windige AGBs, und mit "Content" von anderen Websites. Juristen nennen das Verletzung des Urheberrechts, Madzia nennt es eine heisse Sache, und wenn der "Zulieferer", O-Ton Handelsblatt, gezwungen ist, solche Zitate zu liefern (hier im Kontext eines eigenen Werkes):

der text für gestern war vorproduziert und wir hatten nicht rechtzeitig eine rückmeldung, welcher text überhaupt genommen wird. moe kann dafür nichts, er wusste leider nicht einmal, dass dieser text genommen wird.

dann sollte der Zulieferer vielleicht mal drüber nachdenken, wie das Verhältnis zum Belieferten aussieht. Mir scheint, jemand wird hier als Fussabstreifer genutzt. Allein, ich kann mich natürlich auch täuschen, weil eigentlich hab ich ja gar keine Ahnung vom Netz. Oder so.

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