: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Sonntag, 24. Juli 2005

Akklimatisation an die Area,

an die berühmte, einzigartige, traumhaft schöne, von Investoren wie Beratern und Gründern gleichermassen bevorzugte Munich Area, ein Grossraum der Superlativen und der Motor der deutschen Konjunktur - man mag es kaum glauben, aber solche Sprüche hört man auch im Jahr 5 nach dem Ende der New Economy immer noch. Wenn man dauernd drin ist in dieser Szene, gewöhnt man sich daran - das alles ist so verinnerlicht wie der Hass der palästinensischen Flüchtlinge auf Israel, on Demand abrufbar, 24/7, always on.

Es ist so wie mit der dampfenden Badewanne im Winter - man schickt erst einmal den grossen Zeh vor, um dann, wie ein Storch stehend und wie Espenlaub schwankend zu überlegen, ob man sich das antun soll. Nicht ganz umsonst habe ich nach dem Ende meiner Berliner Zeit die Tage vor allem in der Provinz zugebracht, aber langsam werden die Tage kürzer, und spätestens im Winter wird die Area wieder mein Zuhause. Vielleicht ist das alles doch nicht mehr ganz so wie damals, also ausprobiert - und ab ins Joe Penas.



Das Joe Penas ist ein weithin bekannter Texmexikaner, noch aus den grossen Zeiten des Parkcafes Anfang der 90er Jahre. Begonnen hatte das alles mit dem Hooters an der Rosenheimer Strasse, das bald wieder dicht machte, und dann zog die Crowd um ins Joe Penas mit seinem grauenvoll schlecht imitierten Texasstil, mitten ins Gärtnerplatzviertel. Irgendwie hat es der Laden geschafft, zu überleben und ganze Generationen von Dienstleistungsjobanfängern aus dem Umkreis anzuziehen.

Und nein, geändert hat sich gar nichts. Angefangen von den Mädchenkolonnen, die schon mal einmarschieren, während der Typ keinen Parkplatz findet, über die Telefonate, die Themen, die Geschichten. Es ist wie eine Zeitschleife, immer noch die Tequilaexzesse, die Versuche, es etwas auf Dirty Dancing und Latinoenthemmung zu machen, da kann das Sausalitos immer noch was lernen. Man kann 5 Stunden zuhören und alles sofort wieder vergessen, Inhalt und Bedeutung kleiner gleich Null, Dünkel und die totale Abwesenheit von Reflektion, und dann fragen auch noch die unvermeidlichen Pro7-Vertriebler, ob sie sich dazusetzen können und machen aus dem Tisch ihren verlängerten Conference Table. Ihre Mädchen zicken rum und pullen später die Erbsen aus den Enchilladas, während sie über Haartönungen sprechen. Und darüber, dass nach der Wahl alles besser wird.

Angeekelt von dem Gefühl, mit fünf CSUlern am Tisch zu sitzen, breche ich mit meiner Bekannten den Versuch ab. Und suche nach ein paar Insolvenzen aus der Munich Area.

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Fensterln

Einer meiner Hausweinstöcke beim Fensterln bei der Elitessa Officinalis Domestica.



Typisch Italiener... Dieses Jahr mit enorm vielen blauen Trauben. So ist das hier im Süden, im italienischen Vorhof, wo sich die Italiener auf Italiener über die Strasse was auf Italienisch zurufen. In acht Wochen ist dann Erntezeit.

Früher, im Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert gab es an vielen Häusern der Stadt Weistöcke; die beiden bei uns sind die letzten Exemplare in der Altstadt, was dazu führt, dass das Haus sowohl unter Denkmalschutz steht, als auch als Naturdenkmal geführt wird. Wenn ich nicht Antialkoholiker wäre, würde ich vielleicht sogar mal versuchen, meinen eigenen Hauswein zu keltern - Name hätte ich schon: Valle de Danuvia Elitessenblut.

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Samstag, 23. Juli 2005

Real Life 22.07.05 - Wenn ich nicht hier bin

bin ich auf dem Sonnendeck - und da an der Schleifmaschine. Du bist unendlich weit weg vom Netz und von allem, was auch nur ansatzweise mit Internet zu tun hat. Die New Economy, die Next Economy, Social Tagging, Wikis, Personalisation, Cluetrain, Blogs, Trends, Zukunft,das alles ist so unfassbar fern, wenn die Schleifmaschine über das Holz gleitet. So gegen 1820 wurde die Tanne gepflanzt, gegen 1925 hat man sie gefällt und gesägt, 1929 dann in ein Lagerhaus verbaut, als 4 Zentimeter dickes Brett für schwere Lasten, 2005 hat man sie dann rausgerissen und auf den Bauschutt geworfen, und da hast du sie gefunden. Ein paar kleine Risse hat das Brett, es ist nicht mehr ganz gerade, aber wenn das nach 76 Jahren alles ist, dann hält es wohl noch ein paar Jahrhunderte, auch als Küchenregal über dem Herd.

Ist das alles, ist das alles, summst du vor dich hin, während das Kreischen der Maschine die Elitessen unten beim Lernen stört. Wenn man das alles zusammenrechnet - ein Tag Arbeit für dich, zusammen sicher 3 Stunden Lernausfall bei Deutschlands kommender Wirtschaftselite, der Strom, die Lasur, dann war es volkswirtschaftlicher Blödsinn, ein Schaden für die Wirtschaft, es wäre doch so einfach gewesen, in den Baumarkt zu fahren und ein Massenprodukt für 9,95 Euro zu kaufen - so würden sie denken, wenn sie denn wüssten, was genau du mit dem Brett da oben machst.



Aber da es die einzige Art von Brett ist, die du in deiner Wohnung willst und magere Elitessen in deiner Küche ohnehin nichts Fettreduziertes finden werden, werden sie nie verstehen, warum sie so gestört wurden, an diesem traumhaft schönen Nachmittag am Rande der einzigartigen Munich Area, mit all ihren tollen Zukunftsversprechern.

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DCT-Feinde zu verkaufen!

Zumindest teilweise: Alte DCTler werden sich ja noch an die etwas zickige Firma Falk esolutions AG erinnern, deren Ableben niemand von uns besonders überrascht oder gar betrübt hätte. Nun gibt es sie immer noch, trotz gewisser Probleme und - so hört man zumindest - suboptimal verlaufener Anwaltsangriffe gegen eine gewisse kleine, feine Website.

Falls nun jamand Lust haben sollte, Aktien der börslich nicht gehandelten Falk AG zu erwerben und vielleicht mal so hübsche Dinge zu tun wie Vorstandsbeschlüsse anfechten, die Zahlen zu erfragen oder sonstwie all die lustigen Dinge zu tun, mit denen Aktionäre so einen Vorstand auf Trab halten können - dann ist hier die Gelegenheit. Geeignet natürlich auch für aufstrebende Konkurrenten und alle, die nochmal das irre Gefühl von New Economy Shares in ihren Händen spüren wollen.

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Freitag, 22. Juli 2005

Scheiss des Jahres

Nach der New Economy, ab 2001, tropfelte jedes Jahr ein Bullshit-Thema durch die Medien, intern bei mir als "Scheiss des Jahres" bezeichnet. Also irgendein Sommerloch-Dreck, der was mit Bürgerbeteiligung, menschlichen Kontakten, Technik, Internet, Personalisierung zu tun hatte. Herausragende Beispiele waren:

Multiple Internet Radio Streams (Sollte UKW ablösen)

Personalised Content Refinement (gab´s auch in anderen Bezeichnungen, kommt gerade unter dem Label RSS wieder)

Flash Mobs (tatsächlich gab es sogar ein paar gescheiterte Startup-Typen, die das auch in Deutschland probiert haben)

Bluejacking/snarfing (hat sich ja mittlerweile als Fake erwiesen)

2004 gab es nichts dergleichen, aber dieses Jahr schlägt es um so heftiger ein. Gleich drei Schlagwörter verpesten die einschlägigen Zeitungen, die in zwei Jahren neue Trends haben und sich dann für diese drei Ideen, die nicht gekommen sind, schämen werden:

1. PR-Blogs - human approach 2 customers, jaja.

2. Podcasting - Lustiges neues Wort für eine etwas ältere Geschichte, nämlich etwas aufzuschreiben, in ein in der Regel mieses Mikrophon vorzulesen, zu schneiden, und als MP3 online zu stellen - statt dem Nutzer einfach den Text zum Selberlesen zu geben, und das soll, wenn es nicht gegen das Copyright verstösst, angeblich das Radio der Zukunft sein - na, ich weiss nicht.

3. Der Überbegriff Social Software - warum reden da besonders oft Leute drüber, die ich eher beim Bedienen asozialer Software vermuten würde?

Mediale Wortwegwerfprodukte, Hypes a la Mode, sinnlose Überbegriffe zur Vereinnahmung, Tr-e-nds, und immer auf den human touch achten. Was für die Bild der deutsche Schäferhund ist, der Bridget Bardot den Brustkrebs wegleckt, ist für diesen Hurnaille-Berater-Unternehmer-Quotescheiss-Cocktail die social Software, die mit Traumrenditen im Network die Fickanbahnung nach Ansicht von Flickr-Pics erleichtert und nebenbei noch den Paarungsort vom Werbepartner mit gefälschten Empfehlungen an den Mann bringt, während via RSS die hundert lustigsten MP3-Schmuddelwitze eintrudeln - user generated und kostenpflichtig, natürlich.

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Dramatischer Himmel

zu lahmen Reden alter, tattriger Männer voller bedeutungsloser Schwafeleien, bei denen sie sich ganz toll fühlen.



Kann man das Ganze nicht irgendwie staatsoberenthaupten?

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Mittwoch, 20. Juli 2005

Baut endlich die Spree aus!

Da kommen nämlich bald viele viele stinkende, aufgequollene Kadaver aus der Springerschen Möchtegern-Blogosphäre angeschwommen. Die spannende Frage ist: Werden sie schon tot sein, wenn Springer die Mopo-Welt wegen der dauernden Verlust endlich ersäuft, oder geht das alles zusammen Richtung Fische?

Und am Isarstrand und anderswo wird ein kleiner Blogberater flennen, weil er an der Katastrophe nicht mitverdienen konnte.

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Wie soll das bitte gehen?

Die Merkel sol jetzt ihre ostdeutsche Identität im Osten mehr in den Vordergrund stellen? Ich habe ja so einige Touren in den Osten hinter mir, und zwar genau dort, wo der Osten so richtig hart ist, mit 15 kaputten Betrieben nebeneinander, 50% Einwohnerverlust, und wer jung ist und nicht wegzieht, fährt in denm Wald und macht dort komische Spielchen in selbstgefertigter schwarzbrauner Uniform, bevor es am Abend in die Stadt geht, um jemanden fertig zu machen.

Natürlich sieht die Merkel so hübsch aus wie ein einstürzender Plattenbau in Rostock, natürlich ist sie noch immer nicht in der Lage, ihren Dialekt so abzustellen, als dass nicht ein paar gequält kieksenden Ostrestgeräusche in ihrem Singsang bleiben würde. Aber ich habe da drüben kaum jemand getroffen, der etwas von der Merkel gehalten hat, mit Ausnahme ihrer Parteikollegen, die sogar versprachen, dass die Merkel die Sache mit den Nazis in den Griff kriegen würde, weil dann weniger Ausländer da wären.



Die Merkel ist nichts anderes als ein wenig attraktives PinUp an einer Partei, die im Osten wahlweise als Blockpartei und damit auch nicht anders als die PDSSEDLinke wahrgenommen wird, oder die Gallionsfigur eines Seeräuberschiffs, das ihnen nochmal was weg nimmt, nachdem ihnen laut Bauchgefühl schon so viel weggenommen wurde. Die Merkel ist schon lang keine mehr von denen, ganz im Gegensatz zu den PDS-Zellen. In Wittenberg, in Greifswald, in der Provinz muss man nur mal an die Zeitungsstände schauen: Oben ist ziemlich oft das Neue Deutschland.

Aber die CDU-Blockflöten und andere Pfeifen wollen auf keinen Fall ihren Plan der klaren Botschaften aufgeben, und deshalb werden sie auf das Gesicht von Merkel setzen, egal wie unschön und verzweifelt diese Idee sein muss. Und wenn es dann nicht geklappt hat, müssen sie doch mal anfangen, in die unklaren Details zu gehen - Mehrwertsteuer, Pendlerpauschale, Abschaffung von ABM-Massnahmen. Das sollen die da drüben mal vermitteln gegen eine PDS, die der Osten ist und das will, was dem Bauchgefühl des Ostens entspricht.

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Dienstag, 19. Juli 2005

EM.TV: Kröten statt Kermit schlucken

Oha, angesichts dieser Entscheidung würde ich als EM.TV-Manager ganz schnell die Barschaft irgendwo gut verstecken und schon mal die Rechte an den Unternehmensrand verlagern, denn wenn das Bestand hat, wird es richtig teuer. Auch andere könnten dann Probleme bekommen, wenn Ad Hoc Faälschungen nicht mehr als kleine PR-Panne gewertet werden.

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Real Life 18.07.2005 - Feigling

Vorne erklärt die Nachlassrichterin etwas Komplexes, weiter hinten, zwei Stühle weiter, erheischt er deine Aufmerksamkeit und tippt auf seine Finger, wo, für sein fortgeschrittenes Alter doch etwas heftig, in etwa so viele Ringe stecken wie an einem kolumbianischen Drogenbaron. Du verstehst gar nichts und zuckst mit den Schultern.

Er wiederholt die Geste, tippt gezielt auf einen Ring, und du wunderst dich, ob er dir vielleicht einen schenken will. Was du als gut erzogener Sprössling natürlich ablehnen würdest; mögen sie auch alt und bedeutungsgeladen sein, dein Ding sind diese Klunker nicht. Also schüttelst du begriffstutzig den Kopf... "Und wer war jetzt nochmal die Tochter von der zweiten Frau des Grossvaters mütterlicherseits, und hatte die Kinder?" - schwierig, alles.

Tipptipp auf deiner Schulter, er beugt sich rüber, deutet nochmal auf seinen Ring und dann auf deine Hand, wo nichts dergleichen ist, und fragt direkt: "Noch immer kein Ring?" - Und dann verstehst du, er meint, dass es Zeit ist zu heiraten; zumindest nach seiner Ideologie.

Nein, sagst du und schüttelst energisch den Kopf, echt nicht. Er pustet einmal auf, schaut auf seine Ringe und dreht an ihnen rum, nicht wirklich begeistert, denn es passt nicht zur vorgezeichneten Vita des Oberlandes. Wahrscheinlich würde er dir dann auch einen Ring schenken. Er schaut etwas traurig hoch, lächelt böse und sagt: "Feigling."

Du grinst, obwohl dir nicht danach ist. Lang und Breit. Er verzieht die Mundwinkel. Und mit dieser sauren Note geht für ihn und alle der grosse Oberländer Erbschaftskrieg zu Ende, vorne wird die Aufteilung verkündet. Blut fliesst zusammen, sagt man hier, alles bleibt im Clan, und es bleibt ihm wenigstens die Hoffnung, dass, wenn es einmal bei mir so weit ist, die Reste meines Vermögens dann an seine Nachfahren fallen wird. Wenn noch was übrig sein sollte. Oder seine Nachfahren nicht auch zu feige sind, sich ein Leben lang an ein und die selbe Person zu ketten und Nachkommen zu zeugen, die dann auch seine Ringe tragen werden.



Und dann geht es über die Hügel, vorbei an glücklichen Kühen und den einen oder anderen kreuzkatholischen, unglücklichen Wannabe-Erbschleicher zurück in die heimische Provinz. Es ist eine schöne Gegend hier, das tröstet.

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Dienstag, 19. Juli 2005

Sehr zu empfehlen - Hängt ihn höher!

Es war an einem verregneten Freitag Nachmittag in Berlin - so verregnet, wie Freitag Nachmittage in Berlin nun mal meistens sind. Meine kleine Schwester war gerade dem verspäteten Flugzeug aus München entstiegen und ärgerte sich, dass ihr die terroristische Gefahrenlage zwei Stunden wertvolle Shopping Time gekostet hatte. Wir fuhren zu einem grossen Nachlassgeschäft in Schöneberg, die Stimmung war nicht die Beste, und ich nahm mir vor, sie zu enterben, wenn es das ganze Wochenende so bleiben sollte. Ich bin hart im Nehmen, was Katastrophen angeht, aber Berlin und eine schlecht gelaunte kleine Schwester und Regen und jeden Tag 8 Stunden Shopping und dabei noch Chauffeur und Möbelschlepper und Spedition sein, das kann dem abgebrühtesten Theatinerstrassen Shoppingtoursurvivor die Laune verderben. Und wehe, sie kauft etwas, das ihr dann nachher nicht gefällt - dann versucht sie, es mir anzudrehen und sich im Gegenzug meines Strahlenspiegels zu bemächtigen... (hat sie dann einen Trip später tatsächlich getan)

In Schöneberg angekommen, rauschte sie in den Laden, während ich einen Parkplatz suchte. Das Ganze erwies sich letztlich als Glück, denn sie donnerte an den draussen abgestellten Lockvogelangeboten vorbei - der Trödel mit den 5-Euro-Preisen, der die Schnäppchenjäger anlockt, um ihnen dann drinnen mit mässigen Mingvasen das bayerische Fell über die Münchner Ohren zu ziehen. Mit so etwas hält sich meine kleine Schwester erst gar nicht auf. Ich schon - ich schaue mir aus Prinzip alles an. Kulturhistoriker gehen an einen Befund nun mal anders ran als Architectural Digest Leser.

Und da stand dieser Prunkspiegel, riesig, ein Monster, für sich betrachtet in jeder Hinsicht zu viel: Zu viel Ornament, zu viel Gold, zu viel übermalt, zu viele Schäden im unteren Bereich. Und, beim ersten Anheben, höllisch schwer. 30 Kilo, Vollholz, hinten mit 1 cm dicken Bohlen abgenagelt, und die Nägel erst... quadratische Köpfe, handgeschmiedet. Auch wenn der Spiegel im ersten Moment aussah wie frisch aus einem Bordell für russische Mafiosi, war er doch mindestens 100 Jahre alt. Nicht Rokoko, aber Wiener Barock, sprich 1860 bis 1880. Kein Fabrikspiegel, sondern eine massive Schreinerarbeit. Und eine Spiegelplatte so dick wie Panzerglas.

Rechts oben über meinem Trommelfell hörte ich dann ein Knirschen - die Rädchen des Gierzentrums in meinem Gehirn drehten sich in den roten Bereich. So verdammt gross, so schwer, wo soll der nur hin und wo passt das, er ist ja fast schon geschmacklos und zumindest an der Kippe, und was wird meine kleine Schwester sagen, wenn der Wagen schon nach der ersten Station voll ist und wir nochmal zurück in den Wedding müssen - wie gesagt, der Spiegel ist verdammt gross.

Ich schlos mit mir eine kleine Wette ab - wenn meine kleine Schwester eine bestimmte, gnadenlos überteuerte Vase Modell "Bayernfellabzieher" kaufen würde, dann würde ich den Spiegel nehmen, weil ein Platzerl findet sich ja immer, und für 10 Euro... da ist wirklich nichts verloren. Die Wette mit mir habe ich prompt verloren, aber weil ich nun mal auch mich selbst gern betrüge, kaufte ich ihn im letzten Moment doch noch, und handelte mir zusätzlich 10 Minuten Vorwürfe meiner kleinen Schwester ein - scheusslich, abartig, grässlich, ich hätte keinen Sinn für Qualität und wo soll sie jetzt ihre Käufe hintun - angehört. Draussen gingen Schauer nieder, ich verschloss meinen Geist und ging die Wände meines zu restaurierenden Zimmers durch, wo man dieses Monster von einem Spiegel wohl hängen könnte. So phätt, und der Raum ist so klein...

Heute morgen habe ich ausprobiert, wie er an einer Stelle symmetrisch zur Tür passt. Und was soll ich sagen:



Er hätte fast noch etwas grösser sein dürfen. Ich würde mich heute schwarz wie Merkel ärgern, wenn ich ihn damals nicht gekauft hätte. Im Licht da oben kommt das Gold ganz ordentlich, und die Schäden lasse ich so. Ich mag diese Dinge mit kleinen Macken. Und ich hasse es, wenn Antiquitäten wie neu aussehen.

Ich habe mir früher überlegt, ob ich den Raum überhaupt restaurieren soll. Die erste Idee war, die sieben verschiedenen Tapeten da abzureissen, wo sie lose sind, nur den Fussboden zu schleifen, und dann in den Verfall exquisite Möbel zu stellen. Der Frust begann beim ersten Handgriff in dem Mauerrücksprung zwischen Tür und Spiegel, wo früher ein Ölofen stand. Aus dem Kamin kam braunes Wasser, hinter der Abdeckung war alles verrostet. Das wäre trotzdem kein Problem gewesen, denn der Rücksprung wird später ein natürliches Bücherregal. Die Katastrophe kam im Anschluss: Leider hat man in den 50er Jahren die Wände mit ekelhaftem Heraklit - Platten aus gepresstem und geteerten Stroh - verkleidet und miserabel verputzt. Es kam sowieso Tapete drüber, dafür hat es gereicht. Wo heute die Tapete fehlt, bröckelt der Putz unaufhörlich, und dahinter kommen die schwarzen Fasern zum Vorschein, und entlang der Heraktitplatten enstehen gerade, horizontale Risse - Verfall in seiner hässlichsten Variante. Es gab andererseits keine Möglichkeit, das Heraklit zu entfernen. So sieht das aus der Nähe aus.



Das ist der Fluch und der Segen von alten Häusern: Man hat viele Möglichkeiten, es gibt so gut wie nichts, was man unter Bewahrung der Bausubstanz nicht damit tun könnte. Es ist unendlich viel mehr als das banale Möbelrücken, das Einrichten von modernen Häusern ist. Man kann seine Vorlagen aus Jahrhunderten der Stilgeschichte auswählen und mischen, nichts wirkt darin peinlich oder falsch, sogar so ein riesiger Prunkspiegel geht in einem kleinen Raum. Anything goes, ausser vielleicht gerade Wände, Feng Shui, Ikea, Schlichtheit und Laminatfussböden. Solche Räume brauchen etwas Prunk, um zu leben, wie die fidele Tante in ihrem alten SL-Mercedes ein Glas Sekt braucht, um auf Touren zu kommen. Aber, und das ist das Verhängnis: Man muss sich entscheiden. Eine Variante zu nehmen bedeutet, andere Varianten auszuschliessen.

Mit dem aktuellen Konzept mit Wandbespannung bin ich auf der sicheren Seite. Stoff drauf, festnageln, Stuck an die Decke, Möbel, Perser auf den Boden, Kronleuchter aufmachen und den Spiegel noch mal 7 Zentimeter höher, fertig. Kein Experiment, kein Wagemut, kein bisschen exzentrisch nach den Kriterien, die an derartige Projekte angelegt werden. Just another Hochglanzraum. Der Verfall, die wahre Geschichte dahinter wird ausgeblendet, und erst in 150 oder 200 Jahren, wenn der Stoff zu verschlissen ist, wird irgendjemand dahinterschauen und die Möglichkeit haben, auf die ich diesmal verzichte. Die Tapeten lasse ich für diese Person so. Viel Spass damit, wer immer er auch sein mag.

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Egoquote des Tages

"Journalistenblogger sind publizistische Rollstuhltänzer."

Nicht pc, na und. Getätigt von mir nach Ansicht der Tagesspiegel-Blogs.

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Montag, 18. Juli 2005

Mir ist heut nicht nach Jammertal zumut.

Beim anderen, hochverehrten Don macht sich gerade der Mittdreissigerfrust breit, und die Reaktionen zeigen, dass er beim Bohren in den tieferen Schichten wohl bei manchen auf einen Nerv gestossen ist. Draussen scheint die Sonne, die Vöglein und die Sopranistinnen zwitschern, ich finde mich fraglos teilweise in seiner Beschreibung wieder - nur nicht in den Minusgefühlen.

Diejenigen meiner Mitschüler, die sich noch nicht umgebracht haben, zu Tode kamen oder die Psychiatrie bevölkern - wofür ich übrigens angesichts dieser Stadt vollstes Verständnis habe - haben eine Biographie wie mit dem Lineal einmal senkrecht in das Rückenmark genagelt: Gerade, direkt, ohne Aussetzer und mit dem klaren Ziel vor Augen, irgendwann nach 20 Jahren Siechtum im Spital einsam an einer Maschine zu verrecken und dann in dem Loch begraben zu werden, in dem schon 4 andere, gleich hirnlose Generationen Futter für die Würmer sind. Bis dahin passiert so gut wie nichts aufregendes, sie machen Dienst und Leben nach Vorschrift, die Autos und die Kinder werden grösser und immer mal wieder gehen kaputt, manchmal kriselt die Ehe, sie haben sich nicht mehr zu sagen und Sex schon gleich gar nicht. Aber es verläuft alles in beruhigender Sicherheit, überall ist ein Netz und ein doppelter Boden. Irgendwann zwischen Abitur und Studienabbruch haben sie sich für diesen Weg entschieden, und so hocken sie jetzt rum und sind alle der Meinung, dass man beim Klassentreffen auf die jeweiligen Lebenspartner verzichten könnte - was mir leider das Problem ersparte, eine sie schockierende Auswahl aus meiner Freundin und die beiden damaligen Teilzeitgeliebten für diesen Anlass zu treffen.

Der hochverehrte Don hat Recht - der Weg in diese unterschiedlichen Betten wäre nicht ohne eine sprunghafte, mitunter unzuverlässige und stets zum Wandel bereite Persönlichkeit möglich gewesen. Ich habe auf den bürgerlichen Wertekanon meiner Schicht, der provinziellen besseren Familien verzichtet, weil ich daran ganz einfach erstickt wäre, wie auch an dem akademischen Bullshit von psychopathischen Professoren, die ihre Studenten nur nach Arschkriechertum und der Befähigung zur Differenzierung von Hallstatt D3 und La Tene A1 raussuchen. Niemand kann es da drin verstehen, wenn man ab und zu den Schleudersitz betätigt und sich da rauskatapultiert, aber wie heisst es nicht so schön? Freedom is a road seldem travelled by the multitude. Denen die Brocken vor die Füsse werfen, ihnen sagen: Fuck you, auf der schmalen Planke über den stinkenden Fischen ihrer Meinung und ihrer Zwänge eine Sarabande tanzen, und wenn es dann wieder aufwärts geht, ihnen erzählen, was einem jenseits ihrer zubetonierten Horizonte passiert ist - das ist die Freiheit, die man sich nehmen kann und muss, wenn man die fortitudo dafür hat.

Wenn man sie hat und es nicht tut... ich war heute Mittag im Konzert in der Kirche gegenüber. Ich bin in dem Alter, in dem die Leute nicht mehr in Clubs gehen und statt dessen lieber Konzertabos beantragen, und sich über die laute Musik der Kids beschweren, und feuchte Augen kriegen, wenn mal wieder Miami Vice oder Denver in der Glotze kommt. Und so treffe ich sie dann eben manchmal nach dem Konzert, so auch heute. Ein alter Schulfreund, bessere Familie, 8 Jahre nicht gesehen. Er hat mich mit 3 Sätzen über diese Zeit informiert - aufgestiegen, neues Haus gekauft, zweites Kind, das war´s, und das bei einem Menschen, bei dem ich immer dachte, dass er irgendwann Schriftsteller sein wird. Der konnte schreiben, ich nicht. Dann war ich dran. Die Gattin wartete daheim mit dem Essen, weshalb er mich nach einer halben Stunde unterbrach - und ich war noch nicht mal beim Umstand angekommen, dass ich inzwischen Literat bin. Was ist denn das bitte für ein Leben, von dem man 8 Jahre in drei Sätzen berichten kann? Ich war in den letzten 8 Jahren Journalist, Berater, Verräter, Schriftsteller, Lehrbeauftragter, Apparatschik, PR-Mensch und Investorensucher in 5 Städten in drei Ländern und noch vieles andere, und immer, wenn mich jemand gefragt hätte, was ich in zwei Jahren mache, hätte ich todsicher eine falsche Antwort gegeben. Das Leben hat mir jedes Mal ein paar Überraschungen serviert, manche waren gut, andere wirklich schlecht, ich hatte mit Betrügern, Versagern, Idioten und Spinnern zu tun wie auch mit einer ganzen Reihe wirklich grossartiger Leute, manche haben mich gehasst und andere wären ein gutes Thema für ein Sexblog, und im Ergebnis habe ich zumindest eines dadurch erworben: Die Fähigkeit, immer eine gute Geschichte erzählen zu können.

Natürlich sind die heutigen Tage keine allzu guten Zeiten für solche Menschen; Stichworte Altersvorsorge, finanzielle Sicherheit, Arbeitsplatz. Und ob es besser wird, wage ich zu bezweifeln, denn für die drohende Spiesserjunta mit ihren hässlichen Strebern, Leistungsfaschisten und elitären Sozialdarwinisten repräsentieren Menschen wie ich genau die Welt, die sie hassen. Für mich, für uns, für die Peer Group, aus der sich ziemlich viele Blogger und Leser rekrutieren, werden die keinen Finger rühren. Und damit werden sie ein getreuliches Abbild der Kultur des Landes sein, eine Unkultur, die uns die Wege verbaut, weil sie genug Arschhinhalter für den Hirnfick ihrer Staatsförderkunstmafia haben: Klagenfurt, Deutschlandradio, Bayern2, Schirrmacher-FAZ, Ostelbiersalon-Zeit und ihre TAZ-Nachwuchsbrut - immer das gleiche. Hey, zum Teufel mit denen, die werden so alt wie dir Dummheit, aber lieber am Strassengraben verhungern, als vor denen und ihren Bastarden und Cretins auf den Knien rutschend zu leben.

Es kann gut sein, dass es andere gibt, die besser sind, dass man hier und da bei seinem eigenen Weg was klauen muss, sei es literarisch oder finanziell, dass man zum Hochstapeln oder zum Dolchen gezwungen ist, beruflich oder zwischenmenschlich. Das ist mitunter nicht schön und nicht moralisch, in den Spiesservororten sorgt sie Sozialkontrolle schon dafür, dass das entweder nicht oder nur im ganz grossen Stil passiert - und niemand darüber redet. Was der Grund dafür ist, dass sie keine Geschichten haben.



Wir sind die anderen. Mit vielen Irrwegen und verpassten Chancen, aber auch mit vielen Geschichten, Erlebnissen und Leben. Wir zahlen dafür den Preis einer Sicherheit, einer Kontinuität, einer Beständigkeit im Sinne der totalitären Mehrheitsmonopole derjenigen, die keine Geschichte und Geschichten haben. Deshalb sind wir hier - weil wir die Geschichten haben, die denen fehlen. Wen will ich: Don Dahlmann oder Florian Illies? Catull oder Cicero? Cellini oder Calvin? Grimmelshausen oder Canisius? Le Sage oder Mazarin?

Also, man gehe, falls einen der Blues erwischt, nach Berlin Mitte, suche sich eine dieser abgesicherten Kotzfressen - und

man hau dem ganzen Lumpenpack
das Maul mit einer guten Geschichte kurz und klein.

Ich kann verstehen, dass man selbst dabei manchmal Selbstzweifel hat, oft ganz unten ist - aber dann geht es wieder nach oben, es ist nie das Gleiche, und immer etwas anderes als der graue Limbo der Vorstadtclons mit ihren Aktiendepots und den jährlichen 10% Rendite auf 0 Lebensfreude und Bedeutung, ohne je die Ausschüttung des unermesslichen Füllhorns zu erleben, die nur den Freien vergönnt ist, die es sehen, empfinden und erzählen können. Der Preis, den wir dafür zahlen, zahle ich - und den Text hier können sie behalten, der ist das Trinkgeld.

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Sonntag, 17. Juli 2005

Objekt der Begierde: Soooolche Erker, Mann...

Irgendwann werde ich fertig sein mit unserem Monstrum. Dann ist es Zeit, das Imperium des Clans wieder in alte Grösse zurückzuführen, nachdem von den früher mal vier Altstadthäusern nur noch zwei - Stadtpalast und Hinterhaus - im Familienbesitz sind, und der Rest zugunsten von Vorortscheusslichkeiten verkauft wurde. Es dreht mir jedesmal den Magen um, wenn ich sehe, was die verkauft haben, auch, wenn ich noch gar nicht gelebt habe, als das passierte. Wie auch immer - irgendwann, in nicht allzu langer Zeit vielleicht, wird das Haus in der Mitte zu verkaufen sein.



Man muss es sich restauriert vorstellen können. Natürlich nicht totsaniert, sondern behutsam erneuert, was unvermeidlich ist. Das Dach, die Fenster, die charakteristischen grünen Holzteile auf jeden Fall so lassen. Nur den Rost weg, das Dach ausbessern, streichen, den Putz sichern. Es hat im Verhältnis zu seiner Grösse den grössten Erker der Stadt, und schon als Kind hätte ich das gern gehabt.

Es ist sehr klein, 100 Quadratmeter, die ideale Beschäftigung für einen Sommer. Und durch die alten Scheiben hat es sicher ein wunderbares Licht in allen Räumen.

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Nachtarbeit

Im ersten Tageslicht, nach langen Wochen, war der Raum, der in wenigen Wochen meine Bibliothek sein wird, heute morgen dann zum ersten Mal fast leer.



Nicht ganz, denn: Ein Filmteam war der Meinung, dass der Raum ganz vorzüglich für einen Kurzfilm über das Leben von jungen deutschen Arbeitslosen taugen würde, und das, nachdem der Raum 30 Jahre leer und voller Gerümpel gestanden hatte. Und sie wollten ihn genau so, mit zerissenen Tapeten, 60er-Jahre-Fussboden, 50er Jahre Tische (einen wollen sie übrigens auch gleich haben, wenn möglich, so coooool), und der Resopalküche.



Es kann schon stimmen, Ingo Niermann hat in Minusvisionen einen ähnlichen Raum im Besitz von Unternehmern ohne Geld beschrieben. Damit enden aber auch schon die Gemeinsamkeiten; wenn sie morgen fertig sind, wird die Decke abgezogen, verspachtelt, und dann kommt auch schon am Montag der Stuck an die Decke. Und spätestens von da an würde es sich nicht mehr als Kulisse eignen.

Hoffen wir mal, dass die junge Regisseurin das Material wirklich im Kasten hat und nicht nachdrehen muss. Falls sie in drei Wochen auf die Idee kommt, doch nochmal einen Take zu brauchen, müssen die Charaktere irgendwie schlüssig erklären, warumn sie dann plötzlich auf Seidenteppichen auf Louis-Seize-Möbeln sitzen, und ihre Töpfe in chinesischen, hochglanzpolierten Lackschränken aufbewahren, die im Licht des Kronleuchters schimmern.

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