: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Dienstag, 11. April 2006

La Primavera é arrivata!

Kalt noch, aber der Regen ist zumindest vorbei.



Und der Berlusconi versucht schnell noch, die Stimmen der Auslandsitaliener für ungültig erklären zu lassen, und Nachzählungen durchzusetzen. Allein, es ist zu spät.

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Und nun zur Berliner Republik

Sage bitte keiner, dass man zwischen Spreebogen und Alex nicht lernfähig ist: Immerhin verzichtet das neoliberale Kampforgan Spiegel Online diesmal darauf, nochmal die schwerste Krise der Sozialdemokratie in ihrer Nachkriegsgeschichte auszurufen, nur weil der Vorsitzende geht. Sowas, hat man wohl begriffen, ist heute nicht mehr so schlimm wie in den 70er Jahren, als der Vorsitzende noch der unumschränkte Herrscher war. Natürlich ist es kein Spass für die SPD, wenn man sich jetzt schon wieder auf einen Neuen einstellen muss, zumal auf einen Ausdenfugengeher, der nicht nur optisch an einen gewissen Kohl erinnert - der Neue hat letztlich auch dessen Prinzipienlosigkeit und Opportunismus. Beck ist parteipolitisch eine gute Wahl, aber leider auch Ausdruck des Problems, an dem die SPD leidet: Da ist keiner, der programmatisch anpackt und mit klaren Vorstellungen die Partei, brutal gesagt, ihrer alten Säcke entledigt.

Das wäre eine schlimme Sache und vielleicht auch eine Krise, hätten wir ansonsten andere Parteien im Parlament. Haben wir aber nicht. Die Union, die bei der letzten Wahl das Debakel schlechthin eingefahren hat, die nur noch die Altersheime und ein paar Lobbyisten bedient, wollte eigentlich nach der Wahl mit einer Erneuerung beginnen: Ran an junge Familien, an Leistungseliten, aber auch an Arbeiter und Angestellte, die Sicherheit wollen. Statt dessen macht sie in Uropas Blubo-Theorien, Bundeswehr im Inneren, Kernkraft und hofft auf die Fussball-WM. Der Laden ist schlichtweg zu feige, sich mit den hausgemachten Problemen zu beschäftigen, und von einer alten Tante wie der Vorsitzenden kann man diese Impulse auch nicht erwarten. Der zweiten Reihe von Koch bis Ede ist das Kochen schwarzbrauner Ideologiesuppen wichtiger als Politik für die Menschen. Ist einfacher, als sich gedanken um das Land zu machen.

Und dann gibt es angeblich ja noch sowas wie eine Opposition. Bestehend aus einer liberalen Partei, die jetzt irgendwie nochmal vier Jahre bis zur Regierungsbildung und den neuen Fleischtöpfen rumbringen will. Wo die Melange aus Hoppe-Antidemokraten, halbfaschistischen Marktwirtschaftsverehrern und Reste der FPÖ-Kopisten die traditionellen Zahnärzte verschrecken und sich Grabenkriege liefern (übrigens auch in den Blogs, wo es vor kurzem in diesem Klientel zwischen einem Assi, einem börsenspekulierenden Lokalpolitiker gekracht hat). In der FDP war alles auf die Regierungspolitik ausgerichtet, für das Versauern in der Opposition hat man keine Konzepte, und der Anwalt Westerwelle lässt sich vom Anwalt Schröder auch noch gerichtlich unterbuttern - so macht das denen sicher keinen Spass, und diese demotivierte Grundhaltung der an der Bar versauernden, hässlichen Pickelfressen merkt man auch als Wähler. Konzepte? Neue Perspektiven als Liberale Partei zwischen Schwarz und Grün? Nix.

Dabei wäre der Zustand der Grünen mit ihrem zu Apparatschiks verkommenen System eigentlich reif für einen Frontalangriff. Die verlogene Bande, die inzwischen zur Rentnerpartei geworden ist und jungen Leuten die Chancen eines abgeschlossenen Jesuitenkollegs bietet, hat es sich bequem gemacht. Dergestalt als Funktionselite fett und faul haben sie noch immer nicht begriffen, dass Öko allein heute auch nicht mehr die 5% der Stimmen garantiert, die sie brauchen, um keine FDP-Zitternummer zu werden. Die Sorgen braucht die PDS nicht zu haben, dank der nützlichen Idioten der WASG und einer Verwurzelung im Osten, die allen politischen Analysen von vor 17 Jahren Hohn spricht. Da will man keine neuen Impulse, es soll so bleiben wie es war, nur etwas anders und mehr Jobs, bitteschön.



Wenn eine Partei dann in ein paar Monaten zwei Vorsitzende zerschleisst, ist das fast schon ein Lebenssignal aus der Pathologie von Berlin Mitte. Da zuckt noch was. Aber nicht genug, als dass ich nicht froh wäre, dort raus zu sein und nicht mehr als Korrespondent das Geschnarche vermitteln zu müssen.

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Prodi hat gewonnen

Sowohl die Kammer als auch der Senat gehen an die Mitte-Links-Koalition: Im Senat gewinnt Prodi mit 158 zu 156 Stimmen, in der Kammer mit 341 zu 277. Dabei hatte Berlusconi nach Stimmen den Senat deutlich gewonnen und in der Kammer extrem knapp verloren. Grund für den Sieg Prodis trotz der suboptimalen Ergebnisse: Das von Berlusconi durchgepeitschte neue Wahlrecht, das auch bei einer Minderheit der Stimmen Berlusconi den Wahlsieg bringen sollte.

Eine Opera Buffa, wenn man so will.

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Montag, 10. April 2006

Der österreichische Standard, [UPDATED]

der ohnehin schon seit 7 Jahren zu meinen Lieblingsmedien im Netz gehört, hat eine Art aktuelles Wahlblog zur Lage in Italien eingerichtet. Über die politische Ausrichtung muss man sich keine Illusionen machen, der Standard wird über das Ende von Silvio B. sicher nicht weinen. Allerdings ist der Standard schon seit Monaten an dem Thema weitaus dranner als die deutschen DPA-Tickerlutscher.

Es darf schon mal gefeiert werden: Während bei der RAI und beim Corriere die Server schmoren, sind die Exit Polls da: Prodi 50-54% im Parlament und Senat, die braune Dreckschleuder 45-49%. Ciao Cretino!

Der Senat ist schon eine gmahte Wiesn, wie man in Bayern sagt: 159-170 Sitze für Prodi/Ulivo, 139-150 für die Rechte. Da geht nix mehr für den Glotzengossen-Möchtegernnapoleon. Auf St. Helena wäre vielleicht noch ein Plätzchen frei.

Berlusconis Imperium winselt auf Canale 5 schon um Gnade: "La grande incognita: la legge proporzionale" - Die grosse Unbekannte: Das Proporzwahlrecht. Das dürfte die letzte Chance für Berlusconi sein, das Parlament zu erobern - aber bei den deutlichen Zahlen wird da nichts gehen. Spassigerweise sind die Verluste für den christlich-reaktionär-faschistischen Block vor allem auf die Verluste von Berlusconis Forza Italia zurückuführen, man mutmasslt runter von 29% auf 23%.

Aktuelle (vorsichtige) Hochrechnung v0n 17.45 Uhr - Prozente der Parlamentswahl: Ulivo/Prodi/Union: 55,9%, Katholen/Reaktionäre/Faschisten 43,6% laut (linksliberalen) Corriere.

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Über das Rundmachen eines Staatspräsidenten

Na also. Geht doch. Sogar ohne Abrüben der Führungskräfte. Wobei die jetzt sicher einen schweren Kopf haben. Frankreich halt.

und heute nacht wandert silvio auf den müllhaufen der geschichte, abteilung corleone, mussolini & loge p12

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Sonntag, 9. April 2006

Neukölln

Da war ich erst letzte Woche. Schräg gegenüber von der Rütli-Schule. Dort gibt es tolle Auflöser. Ich war in meiner Zeit oft dort. Und ich kann das hier nur unterschreiben.

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Avanti Amici!

Verpasst dem Silvio heute einen Tritt, dass er bis hinter die Gitter fliegt, und seine Kumpels in Europa Staub fressen!

und ich wieder mit freuden über den brenner fahren kann, die barchetta drängelt schon in richtung süden

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Munich Area Business Dinner

mit der Freundin des Haifischs und demselbigen: Erstere hatte eine harte Woche und legt genervt die Speisekarte hin, ohne sich zu entscheiden. Dann bestellt sie nur ein Glas Wein und bescheidet mein Drängen, doch auch etwas zu nehmen, und sei es nur eine Kleinigkeit, recht negativ mit einem Satz, den man nicht erfinden kann: "Nach zwei Tagen mit einer Packung Valium, 4 Schachteln Zigaretten und 6 Flaschen Bier kann ich jetzt nicht auch noch mit Kalorien anfangen."

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Samstag, 8. April 2006

Dirt Picture Contest - Der Urgrund der Kronleuchter

In englischen Auktionskatalogen werden manche Lose mit dem einleitende Adjektiv "unusal" beschrieben, ungewöhnlich also, wenn sie aus dem Rahmen fallen. Unusual, dachte ich, als ich die Kurve am Westrand des Trödels an der Strasse des 17. Juni nahm, denn dort reckte sich, selbst vom Auto aus sichtbar, an einem Stand das Gestänge eines schmalen Kronleuchters nach oben, garniert mit einzelnen Kristallen. Selten suchte ich so intensiv nach einem Parkplatz, selten sah man mich derart ungemessenen Schrittes zum Ort der funkenden Pracht eilen. Ich kannte den Händler bereits, er meinte mich zu kennen, durfte dann aber schnell einsehen, mich gerade erst als würdigen Vertreter eines Stammes kennenzulernen, der schon mit G´tt verhandelt hat und deshalb Syrer allenfalls als leichte Sparringspartner betrachtet.

Nun pflege ich es nicht so weit zu treiben, dass man sich nicht mehr in die Augen schauen kann und der andere einem das Objekt angewidert hinwirft. Ideal ist es, wenn man danach noch ein Schwätzchen führen kann, zur Frage, wo denn die neue Preziose herkommt. In diesem Fall stammt sie nicht aus einer Wohnung, sondern aus der Durchfahrt eines Wohnhauses in Pankow, wo sie im Gegensatz zu ihren Geschwistern von den 30ern bis 2006 alles überstanden hat, Krieg, Diktaturen, Wiedervereinigung, und langes Dämmern, bis der Investor anrückte und feststellte, dass diese eine, letzte verbliebene Lampe eigentlich nur störte und alles, was sonst noch an die alte Zeit gemahnte und beweglich war, eben jenem Händler verkaufte, der ihn mir verkaufte, der ich justament für die Küche im 1. Stock so einen hohen, schmalen Kronleuchter mit wenigen Kristallen brauche.

Was dieses Glück für mich in Berlin letztlich bedeutet, kann man sich an diesem Objekt in der Danziger Strasse anschauen, das als eines der ersten nach der Wende restauriert wurde.



Da hat man also die Rosetten an der Stuckdecke nackt stehen lassen und statt dessen die üblichen, langweiligen, runden Billiglampen an die Seite gesetzt. Sofort verschwindet der üppige Raumeindruck, denn der Stuck und der gesamte Raum ist nun mal darauf berechnet, dass das Licht frei in der Mitte des Raumes schwebt und alles gleichmässig mit Licht erfüllt, wobei die Kristalle dieses Bemühen mit Brechungen unterstützen. Statt dessen entstehen helle Batzen und dunkle Areale. Die Wand unter den Leuchtmitteln ist im Dunkeln und lädt geradezu dazu ein, hier Müll, Plunder und andere Hässlichkeiten zu postieren - fällt ja keinem auf. An diese Wand wird dann auch ein Holzbrett mit Briefkästen gestellt - sieht ja keiner. Und wenn es ohnehin schon so schmuddlig aussieht, kann man auch noch die Räder drin stehen lassen. Auch wenn sie einen Platten haben. Dann braucht auch der Hausdienst nicht mehr in jeder Ecke putzen, da kommt der nicht mehr hin. Dann wischt man allenfalls noch den Boden, und lässt die Konsolen verstauben. Und wenn der Putz bröckelt, was soll´s, spielt eh keine Rolle mehr, in einem Hausgang, der so verschandelt ist.

Die Kronleuchter im Hausgang sehen tatsächlich für den heutigen Betrachter etwas protzig aus. Aber sie zu entfernen und gegen pflegeleichte Rundlampen zu ersetzen, bedeutet, das erste "Broken Window" in einem langen Prozess des Niedergangs zu produzieren. der rausschmiss des alten Luxus öffnet das Tor zum allgemeinen Niedergang, dessen Kosten nichts sind im Vergleich zum bescheidenen Aufwand, alle paar Monate die Kistalle zu putzen. Der Schmierer ist nur das Ende einer Dreckskette, die ihren Anfang beim Investor und seinen 5-Euro-Lampen nimmt. Das Dirt Pic hat seinen Ursprung nicht im Schmutz an sich, sondern im Umgang aller Berliner mit ihrer Stadt. Es tut meiner Küche im 1. Stock gut. Berlin aber...

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Freitag, 7. April 2006

Trouvaillen umtopfen

Es gibt einen neuen Raum, gewissermassen die Bibliothek und gleichzeitig das Zimmer, in das ich gehen kann, wenn Gäste kommen. Und es gibt Dinge, die der Berliner als ein solcher nicht mehr mag, die ich gerne annehme und hier, 500 Kilometer der südlichen Sonne näher, zu neuen Ehren kommen lasse.



Wobei, die kleine Tänzerin - die könnte demnächst der zweitgeborenen meiner Eltern zum Opfer fallen. Man wird sehen. Aber was kümmert einen das, wenn die Sonne in die neuen 15 m² scheint, der Thinkpad beim ersten Eintrag in diesem Raum leise summt, der Frühling anbricht und die Dielen unter den Schritten sanft knacken. Oder wenn man es mit 120 Quadratmetern zu tun hat, die von Mietnomaden runtergewirtschaftet wurden, nachdem man selbst vor 8 Jahren zwei Monate geschuftet hat, alles wieder in ordentlichen Zustand zu versetzen. Dann hilft allenfalls die Erinnerung an Berlin und der Gedanke, dass es dort sicher noch weitaus schlimmer sein würde.

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Wenn der Postmann nicht mehr klingelt

Berlin Stadterforschung - Prenzlauer Berg, nahe der Prenzlauer Allee, gegenüber vom Observatorium.



Clicken auf das Bild öffnet die Strecke.

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Legenden pieksen

Heute: An der Blogbar heisse Luft aus Technorati zapfen.

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Freitag, 7. April 2006

Wir nennen es Money Shot

Dass Johurnaille, diesmal mutmasslich von ZDF (Gebührengelder) bis zum Spiegel TV, bezahlte Randale für aussagekräftige Bilder organisiert, ist nichts Neues - vielleicht erinnert sich noch jemand an die Chaos Tage, da gab es ähnliches. Nur dass korrupte Presseschweine bei ihrem Treiben von der Handykamera gefilmt werden - das ist neu.

Und hey, es ist gar nicht so schlecht. Das hätte ich gerne bei Youtube. Am Ende werden es freie Mitarbeiter gewesen sein, die das veranlasst haben, und man selbst hatte ab-so-lut keine Ahnung. Wobei man schon mal fragen könnte, wieso Schüler zu-fäl-lig gerade dann anfangen, Zeug zu schmeissen, wenn die Kameras anrücken. Also, wenn man jetzt nicht unbedingt ein sensationsgeiles Stück Mediendreck ist. Was die presserechtlich, aber sich moralisch nicht so fühlenden Verantwortlichen aber ganz sicher nicht sind. Sondern privilegierte Gatekeeper mit dem Auftrag, das Volk zu informieren.

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Wertes Publikum,

auch in den kommenden Wochen, hört man, soll es wieder Lesungen geben. Bei denen ich auch das eine oder andere beitrage.

Wertes Publikum, mit denen, die kommen, auch weil "der Don" kommt, habe ich wirklich sehr gute Erfahrungen gemacht. Trotzdem möchte ich eine Sache hier klarstellen - wirklich nur präventiv, denn bislang ist alles wunderbar gelaufen, die meisten durften feststellen, dass die anderen Vorleser mitunter in Natura weitaus hübscher sind und/oder vorlesen, als ich. Dennoch:

Ich lese nur mit Leuten, von denen ich eine hohe Meinung habe. Wenn ich wo lese, kann man davon ausgehen, dass ich den anderen hohen Respekt entgegenbringe. Allein, weil es gar nicht so leicht ist, sich mit einem Text vor ein Publikum zu stellen. Aber auch, weil ich etwas Neues erleben will. Ein Urteil über einen Text oder einen Autor bilde ich mir erst, wenn er sein letztes Wort gesagt hat. Denn es gibt Texte, die verdienen es, allein für den letzten Satz bejubelt zu werden. Ich habe "meine" Zuhörer bislang stets als Menschen erlebt, die diese Haltung teilen und sich so verhalten haben, wie es wohl alle Vortragenden geschätzt haben. Das Cliquengehabe der Blogs hat bei einer Lesung nichts verloren.

Dafür möchte ich mich bedanken und die Hoffnung ausdrücken, dass es so bleibt. Sollte es aber mal anders werden und einer "meiner" Leute mit Quasseln, Lästern oder Danebenbenehmen während des Vortrags anderer auffallen, dann möchte ich hiermit klarstellen, dass ich keiner von denen bin, die sowas als Teil der individuellen Huldigung begreifen, sondern schlichtweg als miese Nummer und Unverschämtheit von Typen, die bitte zu Hause bleiben wollen.

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Change of Business Model

Früher hat es sich nicht gelohnt, in der Prinzenstrasse von Geschäft zu Geschäft zu fahren. Zu den guten Zeiten, vor etwa eineinhalb Jahren, gab es richtige Cluster von Wohnungsauflösern, eng gedrängt und voll mit Angeboten. Ähnliche Anhäufungen gab es auch in der Amsterdamer Strasse, oder im Afrikanerviertel. Ramsch, natürlich, viel Mist, aber darunter immer wieder ein Stück Silber, feines Porzellan oder andere Fragmente einer lange vergangenen Epoche, von der in den Hauseingängen manchmal noch geschliffene Gläser und Rosetten ohne Lampen künden, oder die kalt funkelnde Pracht eines Kronleuchters, den zu entfernen man zu faul war und der dem nächtlichen Wanderer kurze Sätze einer nie erzählten Geschichte zuwirft.

Da war der Laden, bei dem ich vorgestern vor dem hier die Lampenschirme gekauft habe. Das Geschäft mit seinen hohen Decken und langen Räumen war für Berliner Verhältnisse etwas überteuert, aber es war auch mitten im In-Bezirk des Prenzlauer Berges, etwas nördlich der Danziger Strasse. Sprich, in dieser Ecke sind die "besseren Leute" vom Helmholtzplatz in fünf Minuten zu Fuss. Und genau so ging es dort auch zu, früher, als die Mütter einem die Kinderwägen in die Kniekehlen rammten. Diesmal steht aber "Räumungsverkauf" auf den Schaufenstern. Der lange Winter sei miserabel gewesen, erzählt der Besitzer, er wird jetzt doch weitermachen, aber es war knapp.

In der Prenzlauer Allee sind dagegen die meisten Geschäfte verschwunden, eine Neugründung kann das nicht auffangen. An den Mieten dürfte es nicht liegen, die bewegen sich weiterhin seitwärts oder nach unten. Besonders im Wedding, wo es früher mal besonders viele Geschäfte gab - hier waren vor einem Jahr drei nebeneinander.



Manche gibt es noch. Als Ladenbesitzer. Ganz vorne an der Brunnenstrasse ist einer zum Technik A&V umgestiegen. Die Porzellanpracht nebenan ist jetzt durch 2nd hand Klamotten ersetzt. Der Kellerladen, aus dem zwei der prunkvollsten Kronleuchter der gesamten Berlin Season stammen - die Art, von der man denkt, man findet sie niemals, bis sie dann plötzlich gleich zweimal nebeneinander in einem staubigen Loch hängt - hat schon seit langem nicht mehr offen, die Fenster sind völlig verdreckt, der Zettel mit der Handynummer an der Tür ist vergilbt. Der Gebrauchtmöbelmarkt, dessen Besitzer sich immer so standhaft geweigert hat, den mozzarabischen Elfenbein-Ebenholztisch zu verkaufen, an dem er mit seinen Freunden, Tee trinkend, auf Kundschaft wartete, hat umgebaut - draussen werden die letzten Bücher verschleudert, und dort, wo sie früher in langen Reihen standen, sitzen jetzt Kids und machen Online-Ballerspiele auf langen Reihen von Computerkonsolen.

Er erkennt mich und erzählt, dass er den Tisch schon vor einem Monat verkauft hat, das tut ihm leid, aber es macht keinen Sinn mehr, die XXXL-Möbelhäuser sind so billig, da geht einfach nichts mehr, alles hat er versucht, sogar Sozialscheine, aber es bringt nichts. Und da hat er sich eben dazu entschlossen, es zu machen wie viele andere: Internet, Games, Konsolen. Das Buch, das ich gefunden habe, Rankes historische Charakterbilder in Halbleder, schenkt er mir. Zum Abschied. Hinten quäken Computerlautsprecher aus einer Welt der Gewalt und Brutalität.

Auf dem Rückweg sehe ich den Laden, aus dem mein roter Ledersessel stammt, meine erste echte Erwerbung in dieser Stadt, der immer noch dort ist und wohl auch bleiben wird. Ein Solarium kotzt dort heute blaues UV-Licht auf die Strasse. Es hätte auch ein Discountbäcker, ein Handyladen, ein Nagelstudio oder ein Alice-DSL-Verticker werden können. Egal. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass mit den Verwertern des Niedergangs der Niedergang selbst zum Abschluss kommt. Der Markt ist vom Guten leergefegt und von den Händlern aufgegeben, die Kunden wandern ab, es entstehen neue Märkte mit anderen Gütern, die schon nach einem Jahr gebraucht zu haben sind und nach drei Jahren so veraltet und kaputt, dass niemand sich die Mühe machen wird, sie zu bewahren. Warum auch. Die globalisierte Wirtschaft punpt unablässig das Neue in das historische Nichts, von dem nur noch die Mauern stehen, aber dahinter ist man längst auf der digitalen Wanderung in ein gelobtes Land, in dessen Versionen man nie ankommen, sondern nur als Update-Nomade stolpern wird, den Träumen der Konsolen, Netzgeräte und Fernbildempfänger hinterher.

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Donnerstag, 6. April 2006

Buahahaha

Euroweb vor Gericht: "Trotz der Ausführungen des Richters blieb die Klägerseite bei ihrem Antrag auf eine Einstweilige Verfügung und muss nun die Gerichtskosten tragen."

Es gibt Firmen, auf deren Grab würde man gerne tanzen. Ich übe schon mal die Höllenpolka.

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Dirt Picture Contest - Alles für die Kinder

Familien sind ja nicht so verkommene Egoisten wie diese Singles, die nur an sich selbst denken. Wer Kinder hat, weiss um die Verantwortung, der tut was für die Allgemeinheit, der sieht die Welt mit anderen Augen und will sie zu einem lebenswerten Ort machen, besonders rund um den Helmholtzplatz, wo die deutsche Dummpresse gern die neue Biedermeierlichkeit finden will - und offenbar zu selten auf den Boden schaut.



Offensichtlich gab es auch ein neues 1-Euro-Vertrags-Handy für zeitgemässes Verabreden zur Kindergruppe, denn sonst hätte Mama das Ledertäschchen noch eine Weile behalten, und nicht mitsamt Stuhl expediert.

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Von wegen Blogger recherchieren nicht

und Hühner legen keine Eier und Journalisten bekannter Magazine sind nie korrupte Schweine: Der andere Don hat sich mal Transparency International und das deutsch Chapter vorgenommen.

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Real Life 04.04.06 - Gemüsebratling

In diesem Teil der Prenzlauer Allee, fast schon an der Grenze zum weitaus weniger beliebten Pankow, gibt es zwar alte spanische Spiegel in grossen Mengen, aber nur wenige Restaurants. Nachdem die Einkäufe im Auto verstaut sind, gehst du die Strasse hinunter, wo dir schon vorher, beim Weg zur Bank, ein paar typische orientalische Schnellrestaurants aufgefallen sind. Im Süden der Republik ist fast alles beser als hier, nur Falafel und andere vegetarische Köstlichkeiten gibt es dort weder in der Berliner Qualität noch in dieser Auswahl.

Der Weg ist doch recht weit, und weil du keine Lust mehr hast zu laufen, gehst du gleich in den ersten Imbiss, ohne weiter auf den Polizeiwagen mit Blaulicht und den Krankenwagen zu achten, die kurz davor abgestellt sind. Der Eingang führt direkt zur Theke, wo die von einem drahtigen Koch ordentlich aufgetürmten Zutaten auf die Gäste warten. Du bestellst, ohne gross nachzudenken, einen Falafel, schaust dich dann aber noch etwas um und siehst, dass es auch Gemüsebratlinge im Brot gibt. Du änderst die Bestellung, und der Mann hinter der Theke kommt dem Wunsch sehr fahrig nach, er schaut über deine Schulter in den Gastraum des Lokals, der im Dunkeln liegt und aus dem ein Gemurmel kommt, und dann, laut, genervt und deutlich, ein "jetzt kommen se mit".

Du schaust dich um, und dort sitzen vier Penner, alle vom Schmutz so dunkel wie der Gemüsebratling, alt, bärtig, mit einigen Flaschen vor und erkennbar viel Inhalt in sich. Neben ihnen steht ein Polizist, starrt einen Penner an, der starrt mit rotunterlaufenen Augen zurück. Der Mann hinter der Theke lächelt gezwungen und wendet sich zum Fettbad, in das er den Bratling legt. Sogleich steigen zischend Blasen aus dem Metallbecken nach oben. Der Mann geht weiter zur Spülmaschine und schaltet sie ein, legt ein Fladenbrot in den heissen Toaster, und von hinten wird das Grummeln plötzlich laut, deutlicher, noch lauter, eine Stimme schält sich dunkel und vielfach gebrochen heraus, mit einigen slawisch anmutenden Kieksers dieses Dialekts, um in ein Det mach ich nich zu münden und dann ein lauten Du Arschloch zu enden.

Der Beamte sagt gar nichts, aber ein Penner bemerkt, das sei Beleidungs von Amtspersonen, und einanderer erwidert, ne, das sei Widerstand gegen die Polizeigewalt, wa. Der Beamte sagt nocheinmal, der Penner soll mitkommen, aber der ist mittlerweile in Rage und sagt

2,10 Euro sagt der Mann hinter der Theke zu dir, und du reichst ihm das Geld und das Trinkgeld, er bedankt sich, Du Arschloch det biste insistiert der Penner und Du Paule, jetzt halt aba mal die Schnauze versucht ein anderer ihn zu beruhigen, aber zu mehr reicht es nicht, er und die anderen sitzen starr vor ihren Flaschen, eigentlich schon weit weg von diesem Imbiss und der Not ihrer Tage in einem mollebraunen Traum vom nicht endenden, warmen Delirium, keiner untenimmt etwas, und so bleibt der Polizist mit dem Penner am vordersten Tisch allein. Der Man hinter der Theke ergreift mit einer Zange den Gemüsebratlting und lässt das heisse Fett abtropfen, Du Arschloch, jetzt reicht es, sagt der Polizist, aufstehen, mitkommen, Du kannst mich mal, Du Arschloch, der Mann hinter der Theke stopft den Bratling nervös in das heisse Fladenbrot, welche Sosse? Kräuter bitte. Salat komplett? Mensch Paule jetzt mach nich son Aufstand. Alles ausser Zwiebeln. Du Arschloch.

Der Mann hinter der Theke hantiert geschickt mit der Zange und dem Salat, geschickter auf jeden Fall als der Polizist, aber der hat es ja auch nicht mit Kraut und Tomaten, sondern einem betrunkenen Penner zu tun, zu besoffen um sich zu wehren, aber immer noch bei all dem billigen Fusel in seiner ruinierten Leber und seinem verseuchten Blut so bei Bewusstsein, um Widerstand zu leisten. Während sich das Fladenbrot mit dem saftigen Grün füllt, quietscht hinten ein Stuhl auf den Fliessen, gleich essen oder Mitnehmen, Du Arschloch hör auf verpiss Dich, Zum Mitnehmen bitte, und da macht es auch schon Plomp, denn der Penner ist vom Stuhl gefallen und nutzt die Gelegenheit, sich an einem Tischbein festzuhalten, während der Polizist am anderen Arm zieht. Auf dem Tisch wackeln die Flaschen "Berliner Kindl", eine fällt um, rollt langsam in Richtung Nebentisch, und der Penner dort glotzt sie an, ohne zu reagieren, sie rollt weiter in Richtung Tischkante, wird langsamer, weil am Tisch nicht mehr geruckelt wird, aber der Schwung reicht noch, sie kippt, sie fällt, ihr Sturz wird von allen Augen im Lokal begleitet, keiner tut etwas, sie zerschellt in viele Splitter, aber es bleibt trocken, denn das Bier ist längst getrunken und der Trinker brüllt jetzt noch einmal aus Leibeskräften Du Arschloch, von hinten sagt ein anderer, das sei jetzt aba wirklich Beamtenbeleidigung.

Der Koch schlägt das Brot in ein silberglänzendes Alupapier ein, reicht es über die Theke, du wünscht ihm einen schönen Tag und verlässt das Lokal, nicht ohne einem weiteren Polizisten beim Betreten des Lokals die Tür aufzuhalten, auf dein "Bitte" kein Wort des Dankes zu erhalten, und noch einmal hörst Du diese dunkle, vielschichtige, vom Alkohol und Zerstörung durchnässte Stimme, rau und ungebildet, die Ihr Arschlöcher schreit. Draussen ist es noch sonnig, aber im Westen deuten sich bereits die Hagelwolken an. Der Gemüsebratling schmeckt gut, er ist leicht scharf gewürzt, der Salat ist frisch, und der Mann hinter der Theke hat mit der Kräutersosse nicht gespart.

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Dienstag, 4. April 2006

Dirt Picture Contest - Berlin im Regen

Der eine Laden, der vor wenigen Wochen noch gut gefüllt war, hat dicht gemacht, ohne Nachfolgeadresse. Wahrscheinlich landen die Stücke in dem Viertel mangels Abnehmer jetzt wieder auf der Strasse, einfach so, nicht in Kisten und einem "Zu verschenken"-Schild, wie dort, wo ich gerade wohne. Das ist der Unterschied zwischen normal und schick, es kommt nur darauf an, es richtig zu verkaufen.

Wenig später fallen die ersten Tropfen. Eine alte Frau in beige steuert auf einen Busch am Strassenrand zu. Sie bückt sich mühsam, klaubt eine Flasche auf, noch eine, geht zwei Schritte weiter, bückt sich ganz langsam, und stochert mit dem Stock hinein. Irgendwann hat sie es geschafft. Sie hebt die Flasche auf und verstaut sie in ihrer grossen, schwarzen Tasche, die recht neu und kaum verbeult ist. Als sie sich aufgerichtet hat, prasselt der erste Regenschauer über den Asphalt. Sie geht langsam weiter.

Weiter vorne werden hektisch blaue Plastikbahnen über die auf der Strasse ausgestellten Waren gezogen. In der plötzlichen Dunkelheit den Nachmittags glimmen die roten Lichter eines Sexkinos auf. Unter der Markise haben ein paar Leute Schutz gesucht, aber aus der Tür kommt ein kleiner Dicker mit schwarz glänzender Lederjacke und scheucht sie weiter.



Im besseren Viertel ist es fast schon wieder vorbei, die Schirme werden bald zusammengeklappt. Die schweren Tropfen fallen von den Stühlen, vom Müll und dem Einkaufswagen, und sie werden noch Stunden später die Strasse feucht glänzen lassen, als hätte jemand mit einem gigantischen Mischmob durch Berlin gefegt, den kühlen Geruch einer vorgetäuschten Sauberkeit hinterlassend.

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