Dienstag, 11. April 2006
La Primavera é arrivata!

Und der Berlusconi versucht schnell noch, die Stimmen der Auslandsitaliener für ungültig erklären zu lassen, und Nachzählungen durchzusetzen. Allein, es ist zu spät.
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Und nun zur Berliner Republik
Das wäre eine schlimme Sache und vielleicht auch eine Krise, hätten wir ansonsten andere Parteien im Parlament. Haben wir aber nicht. Die Union, die bei der letzten Wahl das Debakel schlechthin eingefahren hat, die nur noch die Altersheime und ein paar Lobbyisten bedient, wollte eigentlich nach der Wahl mit einer Erneuerung beginnen: Ran an junge Familien, an Leistungseliten, aber auch an Arbeiter und Angestellte, die Sicherheit wollen. Statt dessen macht sie in Uropas Blubo-Theorien, Bundeswehr im Inneren, Kernkraft und hofft auf die Fussball-WM. Der Laden ist schlichtweg zu feige, sich mit den hausgemachten Problemen zu beschäftigen, und von einer alten Tante wie der Vorsitzenden kann man diese Impulse auch nicht erwarten. Der zweiten Reihe von Koch bis Ede ist das Kochen schwarzbrauner Ideologiesuppen wichtiger als Politik für die Menschen. Ist einfacher, als sich gedanken um das Land zu machen.
Und dann gibt es angeblich ja noch sowas wie eine Opposition. Bestehend aus einer liberalen Partei, die jetzt irgendwie nochmal vier Jahre bis zur Regierungsbildung und den neuen Fleischtöpfen rumbringen will. Wo die Melange aus Hoppe-Antidemokraten, halbfaschistischen Marktwirtschaftsverehrern und Reste der FPÖ-Kopisten die traditionellen Zahnärzte verschrecken und sich Grabenkriege liefern (übrigens auch in den Blogs, wo es vor kurzem in diesem Klientel zwischen einem Assi, einem börsenspekulierenden Lokalpolitiker gekracht hat). In der FDP war alles auf die Regierungspolitik ausgerichtet, für das Versauern in der Opposition hat man keine Konzepte, und der Anwalt Westerwelle lässt sich vom Anwalt Schröder auch noch gerichtlich unterbuttern - so macht das denen sicher keinen Spass, und diese demotivierte Grundhaltung der an der Bar versauernden, hässlichen Pickelfressen merkt man auch als Wähler. Konzepte? Neue Perspektiven als Liberale Partei zwischen Schwarz und Grün? Nix.
Dabei wäre der Zustand der Grünen mit ihrem zu Apparatschiks verkommenen System eigentlich reif für einen Frontalangriff. Die verlogene Bande, die inzwischen zur Rentnerpartei geworden ist und jungen Leuten die Chancen eines abgeschlossenen Jesuitenkollegs bietet, hat es sich bequem gemacht. Dergestalt als Funktionselite fett und faul haben sie noch immer nicht begriffen, dass Öko allein heute auch nicht mehr die 5% der Stimmen garantiert, die sie brauchen, um keine FDP-Zitternummer zu werden. Die Sorgen braucht die PDS nicht zu haben, dank der nützlichen Idioten der WASG und einer Verwurzelung im Osten, die allen politischen Analysen von vor 17 Jahren Hohn spricht. Da will man keine neuen Impulse, es soll so bleiben wie es war, nur etwas anders und mehr Jobs, bitteschön.

Wenn eine Partei dann in ein paar Monaten zwei Vorsitzende zerschleisst, ist das fast schon ein Lebenssignal aus der Pathologie von Berlin Mitte. Da zuckt noch was. Aber nicht genug, als dass ich nicht froh wäre, dort raus zu sein und nicht mehr als Korrespondent das Geschnarche vermitteln zu müssen.
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Prodi hat gewonnen
Eine Opera Buffa, wenn man so will.
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: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :
Montag, 10. April 2006
Der österreichische Standard, [UPDATED]
Es darf schon mal gefeiert werden: Während bei der RAI und beim Corriere die Server schmoren, sind die Exit Polls da: Prodi 50-54% im Parlament und Senat, die braune Dreckschleuder 45-49%. Ciao Cretino!
Der Senat ist schon eine gmahte Wiesn, wie man in Bayern sagt: 159-170 Sitze für Prodi/Ulivo, 139-150 für die Rechte. Da geht nix mehr für den Glotzengossen-Möchtegernnapoleon. Auf St. Helena wäre vielleicht noch ein Plätzchen frei.
Berlusconis Imperium winselt auf Canale 5 schon um Gnade: "La grande incognita: la legge proporzionale" - Die grosse Unbekannte: Das Proporzwahlrecht. Das dürfte die letzte Chance für Berlusconi sein, das Parlament zu erobern - aber bei den deutlichen Zahlen wird da nichts gehen. Spassigerweise sind die Verluste für den christlich-reaktionär-faschistischen Block vor allem auf die Verluste von Berlusconis Forza Italia zurückuführen, man mutmasslt runter von 29% auf 23%.
Aktuelle (vorsichtige) Hochrechnung v0n 17.45 Uhr - Prozente der Parlamentswahl: Ulivo/Prodi/Union: 55,9%, Katholen/Reaktionäre/Faschisten 43,6% laut (linksliberalen) Corriere.
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Über das Rundmachen eines Staatspräsidenten
und heute nacht wandert silvio auf den müllhaufen der geschichte, abteilung corleone, mussolini & loge p
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Sonntag, 9. April 2006
Neukölln
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Avanti Amici!
und ich wieder mit freuden über den brenner fahren kann, die barchetta drängelt schon in richtung süden
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Munich Area Business Dinner
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Samstag, 8. April 2006
Dirt Picture Contest - Der Urgrund der Kronleuchter
Nun pflege ich es nicht so weit zu treiben, dass man sich nicht mehr in die Augen schauen kann und der andere einem das Objekt angewidert hinwirft. Ideal ist es, wenn man danach noch ein Schwätzchen führen kann, zur Frage, wo denn die neue Preziose herkommt. In diesem Fall stammt sie nicht aus einer Wohnung, sondern aus der Durchfahrt eines Wohnhauses in Pankow, wo sie im Gegensatz zu ihren Geschwistern von den 30ern bis 2006 alles überstanden hat, Krieg, Diktaturen, Wiedervereinigung, und langes Dämmern, bis der Investor anrückte und feststellte, dass diese eine, letzte verbliebene Lampe eigentlich nur störte und alles, was sonst noch an die alte Zeit gemahnte und beweglich war, eben jenem Händler verkaufte, der ihn mir verkaufte, der ich justament für die Küche im 1. Stock so einen hohen, schmalen Kronleuchter mit wenigen Kristallen brauche.
Was dieses Glück für mich in Berlin letztlich bedeutet, kann man sich an diesem Objekt in der Danziger Strasse anschauen, das als eines der ersten nach der Wende restauriert wurde.

Da hat man also die Rosetten an der Stuckdecke nackt stehen lassen und statt dessen die üblichen, langweiligen, runden Billiglampen an die Seite gesetzt. Sofort verschwindet der üppige Raumeindruck, denn der Stuck und der gesamte Raum ist nun mal darauf berechnet, dass das Licht frei in der Mitte des Raumes schwebt und alles gleichmässig mit Licht erfüllt, wobei die Kristalle dieses Bemühen mit Brechungen unterstützen. Statt dessen entstehen helle Batzen und dunkle Areale. Die Wand unter den Leuchtmitteln ist im Dunkeln und lädt geradezu dazu ein, hier Müll, Plunder und andere Hässlichkeiten zu postieren - fällt ja keinem auf. An diese Wand wird dann auch ein Holzbrett mit Briefkästen gestellt - sieht ja keiner. Und wenn es ohnehin schon so schmuddlig aussieht, kann man auch noch die Räder drin stehen lassen. Auch wenn sie einen Platten haben. Dann braucht auch der Hausdienst nicht mehr in jeder Ecke putzen, da kommt der nicht mehr hin. Dann wischt man allenfalls noch den Boden, und lässt die Konsolen verstauben. Und wenn der Putz bröckelt, was soll´s, spielt eh keine Rolle mehr, in einem Hausgang, der so verschandelt ist.
Die Kronleuchter im Hausgang sehen tatsächlich für den heutigen Betrachter etwas protzig aus. Aber sie zu entfernen und gegen pflegeleichte Rundlampen zu ersetzen, bedeutet, das erste "Broken Window" in einem langen Prozess des Niedergangs zu produzieren. der rausschmiss des alten Luxus öffnet das Tor zum allgemeinen Niedergang, dessen Kosten nichts sind im Vergleich zum bescheidenen Aufwand, alle paar Monate die Kistalle zu putzen. Der Schmierer ist nur das Ende einer Dreckskette, die ihren Anfang beim Investor und seinen 5-Euro-Lampen nimmt. Das Dirt Pic hat seinen Ursprung nicht im Schmutz an sich, sondern im Umgang aller Berliner mit ihrer Stadt. Es tut meiner Küche im 1. Stock gut. Berlin aber...
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Freitag, 7. April 2006
Trouvaillen umtopfen

Wobei, die kleine Tänzerin - die könnte demnächst der zweitgeborenen meiner Eltern zum Opfer fallen. Man wird sehen. Aber was kümmert einen das, wenn die Sonne in die neuen 15 m² scheint, der Thinkpad beim ersten Eintrag in diesem Raum leise summt, der Frühling anbricht und die Dielen unter den Schritten sanft knacken. Oder wenn man es mit 120 Quadratmetern zu tun hat, die von Mietnomaden runtergewirtschaftet wurden, nachdem man selbst vor 8 Jahren zwei Monate geschuftet hat, alles wieder in ordentlichen Zustand zu versetzen. Dann hilft allenfalls die Erinnerung an Berlin und der Gedanke, dass es dort sicher noch weitaus schlimmer sein würde.
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Wenn der Postmann nicht mehr klingelt

Clicken auf das Bild öffnet die Strecke.
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Legenden pieksen
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Freitag, 7. April 2006
Wir nennen es Money Shot
Und hey, es ist gar nicht so schlecht. Das hätte ich gerne bei Youtube. Am Ende werden es freie Mitarbeiter gewesen sein, die das veranlasst haben, und man selbst hatte ab-so-lut keine Ahnung. Wobei man schon mal fragen könnte, wieso Schüler zu-fäl-lig gerade dann anfangen, Zeug zu schmeissen, wenn die Kameras anrücken. Also, wenn man jetzt nicht unbedingt ein sensationsgeiles Stück Mediendreck ist. Was die presserechtlich, aber sich moralisch nicht so fühlenden Verantwortlichen aber ganz sicher nicht sind. Sondern privilegierte Gatekeeper mit dem Auftrag, das Volk zu informieren.
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Wertes Publikum,
Wertes Publikum, mit denen, die kommen, auch weil "der Don" kommt, habe ich wirklich sehr gute Erfahrungen gemacht. Trotzdem möchte ich eine Sache hier klarstellen - wirklich nur präventiv, denn bislang ist alles wunderbar gelaufen, die meisten durften feststellen, dass die anderen Vorleser mitunter in Natura weitaus hübscher sind und/oder vorlesen, als ich. Dennoch:
Ich lese nur mit Leuten, von denen ich eine hohe Meinung habe. Wenn ich wo lese, kann man davon ausgehen, dass ich den anderen hohen Respekt entgegenbringe. Allein, weil es gar nicht so leicht ist, sich mit einem Text vor ein Publikum zu stellen. Aber auch, weil ich etwas Neues erleben will. Ein Urteil über einen Text oder einen Autor bilde ich mir erst, wenn er sein letztes Wort gesagt hat. Denn es gibt Texte, die verdienen es, allein für den letzten Satz bejubelt zu werden. Ich habe "meine" Zuhörer bislang stets als Menschen erlebt, die diese Haltung teilen und sich so verhalten haben, wie es wohl alle Vortragenden geschätzt haben. Das Cliquengehabe der Blogs hat bei einer Lesung nichts verloren.
Dafür möchte ich mich bedanken und die Hoffnung ausdrücken, dass es so bleibt. Sollte es aber mal anders werden und einer "meiner" Leute mit Quasseln, Lästern oder Danebenbenehmen während des Vortrags anderer auffallen, dann möchte ich hiermit klarstellen, dass ich keiner von denen bin, die sowas als Teil der individuellen Huldigung begreifen, sondern schlichtweg als miese Nummer und Unverschämtheit von Typen, die bitte zu Hause bleiben wollen.
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Change of Business Model
Da war der Laden, bei dem ich vorgestern vor dem hier die Lampenschirme gekauft habe. Das Geschäft mit seinen hohen Decken und langen Räumen war für Berliner Verhältnisse etwas überteuert, aber es war auch mitten im In-Bezirk des Prenzlauer Berges, etwas nördlich der Danziger Strasse. Sprich, in dieser Ecke sind die "besseren Leute" vom Helmholtzplatz in fünf Minuten zu Fuss. Und genau so ging es dort auch zu, früher, als die Mütter einem die Kinderwägen in die Kniekehlen rammten. Diesmal steht aber "Räumungsverkauf" auf den Schaufenstern. Der lange Winter sei miserabel gewesen, erzählt der Besitzer, er wird jetzt doch weitermachen, aber es war knapp.
In der Prenzlauer Allee sind dagegen die meisten Geschäfte verschwunden, eine Neugründung kann das nicht auffangen. An den Mieten dürfte es nicht liegen, die bewegen sich weiterhin seitwärts oder nach unten. Besonders im Wedding, wo es früher mal besonders viele Geschäfte gab - hier waren vor einem Jahr drei nebeneinander.

Manche gibt es noch. Als Ladenbesitzer. Ganz vorne an der Brunnenstrasse ist einer zum Technik A&V umgestiegen. Die Porzellanpracht nebenan ist jetzt durch 2nd hand Klamotten ersetzt. Der Kellerladen, aus dem zwei der prunkvollsten Kronleuchter der gesamten Berlin Season stammen - die Art, von der man denkt, man findet sie niemals, bis sie dann plötzlich gleich zweimal nebeneinander in einem staubigen Loch hängt - hat schon seit langem nicht mehr offen, die Fenster sind völlig verdreckt, der Zettel mit der Handynummer an der Tür ist vergilbt. Der Gebrauchtmöbelmarkt, dessen Besitzer sich immer so standhaft geweigert hat, den mozzarabischen Elfenbein-Ebenholztisch zu verkaufen, an dem er mit seinen Freunden, Tee trinkend, auf Kundschaft wartete, hat umgebaut - draussen werden die letzten Bücher verschleudert, und dort, wo sie früher in langen Reihen standen, sitzen jetzt Kids und machen Online-Ballerspiele auf langen Reihen von Computerkonsolen.
Er erkennt mich und erzählt, dass er den Tisch schon vor einem Monat verkauft hat, das tut ihm leid, aber es macht keinen Sinn mehr, die XXXL-Möbelhäuser sind so billig, da geht einfach nichts mehr, alles hat er versucht, sogar Sozialscheine, aber es bringt nichts. Und da hat er sich eben dazu entschlossen, es zu machen wie viele andere: Internet, Games, Konsolen. Das Buch, das ich gefunden habe, Rankes historische Charakterbilder in Halbleder, schenkt er mir. Zum Abschied. Hinten quäken Computerlautsprecher aus einer Welt der Gewalt und Brutalität.
Auf dem Rückweg sehe ich den Laden, aus dem mein roter Ledersessel stammt, meine erste echte Erwerbung in dieser Stadt, der immer noch dort ist und wohl auch bleiben wird. Ein Solarium kotzt dort heute blaues UV-Licht auf die Strasse. Es hätte auch ein Discountbäcker, ein Handyladen, ein Nagelstudio oder ein Alice-DSL-Verticker werden können. Egal. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass mit den Verwertern des Niedergangs der Niedergang selbst zum Abschluss kommt. Der Markt ist vom Guten leergefegt und von den Händlern aufgegeben, die Kunden wandern ab, es entstehen neue Märkte mit anderen Gütern, die schon nach einem Jahr gebraucht zu haben sind und nach drei Jahren so veraltet und kaputt, dass niemand sich die Mühe machen wird, sie zu bewahren. Warum auch. Die globalisierte Wirtschaft punpt unablässig das Neue in das historische Nichts, von dem nur noch die Mauern stehen, aber dahinter ist man längst auf der digitalen Wanderung in ein gelobtes Land, in dessen Versionen man nie ankommen, sondern nur als Update-Nomade stolpern wird, den Träumen der Konsolen, Netzgeräte und Fernbildempfänger hinterher.
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Donnerstag, 6. April 2006
Buahahaha
Es gibt Firmen, auf deren Grab würde man gerne tanzen. Ich übe schon mal die Höllenpolka.
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Dirt Picture Contest - Alles für die Kinder

Offensichtlich gab es auch ein neues 1-Euro-Vertrags-Handy für zeitgemässes Verabreden zur Kindergruppe, denn sonst hätte Mama das Ledertäschchen noch eine Weile behalten, und nicht mitsamt Stuhl expediert.
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Von wegen Blogger recherchieren nicht
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Real Life 04.04.06 - Gemüsebratling
Der Weg ist doch recht weit, und weil du keine Lust mehr hast zu laufen, gehst du gleich in den ersten Imbiss, ohne weiter auf den Polizeiwagen mit Blaulicht und den Krankenwagen zu achten, die kurz davor abgestellt sind. Der Eingang führt direkt zur Theke, wo die von einem drahtigen Koch ordentlich aufgetürmten Zutaten auf die Gäste warten. Du bestellst, ohne gross nachzudenken, einen Falafel, schaust dich dann aber noch etwas um und siehst, dass es auch Gemüsebratlinge im Brot gibt. Du änderst die Bestellung, und der Mann hinter der Theke kommt dem Wunsch sehr fahrig nach, er schaut über deine Schulter in den Gastraum des Lokals, der im Dunkeln liegt und aus dem ein Gemurmel kommt, und dann, laut, genervt und deutlich, ein "jetzt kommen se mit".
Du schaust dich um, und dort sitzen vier Penner, alle vom Schmutz so dunkel wie der Gemüsebratling, alt, bärtig, mit einigen Flaschen vor und erkennbar viel Inhalt in sich. Neben ihnen steht ein Polizist, starrt einen Penner an, der starrt mit rotunterlaufenen Augen zurück. Der Mann hinter der Theke lächelt gezwungen und wendet sich zum Fettbad, in das er den Bratling legt. Sogleich steigen zischend Blasen aus dem Metallbecken nach oben. Der Mann geht weiter zur Spülmaschine und schaltet sie ein, legt ein Fladenbrot in den heissen Toaster, und von hinten wird das Grummeln plötzlich laut, deutlicher, noch lauter, eine Stimme schält sich dunkel und vielfach gebrochen heraus, mit einigen slawisch anmutenden Kieksers dieses Dialekts, um in ein Det mach ich nich zu münden und dann ein lauten Du Arschloch zu enden.
Der Beamte sagt gar nichts, aber ein Penner bemerkt, das sei Beleidungs von Amtspersonen, und einanderer erwidert, ne, das sei Widerstand gegen die Polizeigewalt, wa. Der Beamte sagt nocheinmal, der Penner soll mitkommen, aber der ist mittlerweile in Rage und sagt
2,10 Euro sagt der Mann hinter der Theke zu dir, und du reichst ihm das Geld und das Trinkgeld, er bedankt sich, Du Arschloch det biste insistiert der Penner und Du Paule, jetzt halt aba mal die Schnauze versucht ein anderer ihn zu beruhigen, aber zu mehr reicht es nicht, er und die anderen sitzen starr vor ihren Flaschen, eigentlich schon weit weg von diesem Imbiss und der Not ihrer Tage in einem mollebraunen Traum vom nicht endenden, warmen Delirium, keiner untenimmt etwas, und so bleibt der Polizist mit dem Penner am vordersten Tisch allein. Der Man hinter der Theke ergreift mit einer Zange den Gemüsebratlting und lässt das heisse Fett abtropfen, Du Arschloch, jetzt reicht es, sagt der Polizist, aufstehen, mitkommen, Du kannst mich mal, Du Arschloch, der Mann hinter der Theke stopft den Bratling nervös in das heisse Fladenbrot, welche Sosse? Kräuter bitte. Salat komplett? Mensch Paule jetzt mach nich son Aufstand. Alles ausser Zwiebeln. Du Arschloch.
Der Mann hinter der Theke hantiert geschickt mit der Zange und dem Salat, geschickter auf jeden Fall als der Polizist, aber der hat es ja auch nicht mit Kraut und Tomaten, sondern einem betrunkenen Penner zu tun, zu besoffen um sich zu wehren, aber immer noch bei all dem billigen Fusel in seiner ruinierten Leber und seinem verseuchten Blut so bei Bewusstsein, um Widerstand zu leisten. Während sich das Fladenbrot mit dem saftigen Grün füllt, quietscht hinten ein Stuhl auf den Fliessen, gleich essen oder Mitnehmen, Du Arschloch hör auf verpiss Dich, Zum Mitnehmen bitte, und da macht es auch schon Plomp, denn der Penner ist vom Stuhl gefallen und nutzt die Gelegenheit, sich an einem Tischbein festzuhalten, während der Polizist am anderen Arm zieht. Auf dem Tisch wackeln die Flaschen "Berliner Kindl", eine fällt um, rollt langsam in Richtung Nebentisch, und der Penner dort glotzt sie an, ohne zu reagieren, sie rollt weiter in Richtung Tischkante, wird langsamer, weil am Tisch nicht mehr geruckelt wird, aber der Schwung reicht noch, sie kippt, sie fällt, ihr Sturz wird von allen Augen im Lokal begleitet, keiner tut etwas, sie zerschellt in viele Splitter, aber es bleibt trocken, denn das Bier ist längst getrunken und der Trinker brüllt jetzt noch einmal aus Leibeskräften Du Arschloch, von hinten sagt ein anderer, das sei jetzt aba wirklich Beamtenbeleidigung.
Der Koch schlägt das Brot in ein silberglänzendes Alupapier ein, reicht es über die Theke, du wünscht ihm einen schönen Tag und verlässt das Lokal, nicht ohne einem weiteren Polizisten beim Betreten des Lokals die Tür aufzuhalten, auf dein "Bitte" kein Wort des Dankes zu erhalten, und noch einmal hörst Du diese dunkle, vielschichtige, vom Alkohol und Zerstörung durchnässte Stimme, rau und ungebildet, die Ihr Arschlöcher schreit. Draussen ist es noch sonnig, aber im Westen deuten sich bereits die Hagelwolken an. Der Gemüsebratling schmeckt gut, er ist leicht scharf gewürzt, der Salat ist frisch, und der Mann hinter der Theke hat mit der Kräutersosse nicht gespart.
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Dienstag, 4. April 2006
Dirt Picture Contest - Berlin im Regen
Wenig später fallen die ersten Tropfen. Eine alte Frau in beige steuert auf einen Busch am Strassenrand zu. Sie bückt sich mühsam, klaubt eine Flasche auf, noch eine, geht zwei Schritte weiter, bückt sich ganz langsam, und stochert mit dem Stock hinein. Irgendwann hat sie es geschafft. Sie hebt die Flasche auf und verstaut sie in ihrer grossen, schwarzen Tasche, die recht neu und kaum verbeult ist. Als sie sich aufgerichtet hat, prasselt der erste Regenschauer über den Asphalt. Sie geht langsam weiter.
Weiter vorne werden hektisch blaue Plastikbahnen über die auf der Strasse ausgestellten Waren gezogen. In der plötzlichen Dunkelheit den Nachmittags glimmen die roten Lichter eines Sexkinos auf. Unter der Markise haben ein paar Leute Schutz gesucht, aber aus der Tür kommt ein kleiner Dicker mit schwarz glänzender Lederjacke und scheucht sie weiter.

Im besseren Viertel ist es fast schon wieder vorbei, die Schirme werden bald zusammengeklappt. Die schweren Tropfen fallen von den Stühlen, vom Müll und dem Einkaufswagen, und sie werden noch Stunden später die Strasse feucht glänzen lassen, als hätte jemand mit einem gigantischen Mischmob durch Berlin gefegt, den kühlen Geruch einer vorgetäuschten Sauberkeit hinterlassend.
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