: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Donnerstag, 22. Juni 2006

Das gelbe Kleid

Gelb ist nicht ununstritten. Gelb war in Europa oft die Farbe des Anderen, des Stigmatisierten, Juden trugen sie und Huren. Das leitet sich ursprünglich aus einer besonderen Rechtsposition ab, die durchaus nicht negativ sein musste; Juden etwa waren reichsunmittelbar, Prostituierte hatten einen besonderen Schutz in dem von ihnen bewohnten Bereich. Wer gelb sah, wusste, woran er war - ehrliche, auf Sauberkeit achtende Leute, keine stinkenden, bigotten Moralapostel, die Wasser predigen und Wein saufen, am liebsten durch ein Pogrom oder einen Überfall auf die Fidelgasse erworben. Der Lauf der Geschichte war nicht gut zu Hebräern und Freudenmädchen und Gelb, was die Farbe in unserem Kulturkreis bis heute negativ aufgeladen hat. Gelb ist auch der Neid, gelb wird Judas dargestellt, und der Rest wurde der Farbe gegeben, als sie von den sog. Liberalen tatsächlich als Veranschaulichung ihres billig-bürgerlichen Hobbyhurentums und ihrer Gier verwendet wurde.

Dabei ist Gelb eine wirklich famose Farbe, wie jeder wissen dürfte, der eine Weile in Italien in Strassencafes gesessen hat. Dunklere Frauen werden durch Gelb nachgerade perfekt ergänzt, und wer erinnert sich nicht an die Jugendzeit, als Young MCs bei Bust a move diese Textzeile predigte:

"you spot a fine woman sittin' in your row.
She's dressed in yellow, she says hello,
come sit next to me ya fine fellow."

Und wir wären wohl auch aufgestanden und rübergerannt, denn das Mädchen, nun... es ist seltsam, da läuft beim Polstern und Beziehen die Missa solemnis C-Dur, KV 337, wir haben den festen Seidenstoff in der Hand, treiben die Nägel in das Holz, und was fällt uns in diesem Moment ein? Dieses Video. Und dieser Text.



Weil der Stuhl eben auch ein gelbes Kleid bekommt, das ganz wunderbar mit dem sattbraunen Holz eine Symbiose eingeht. Verständlich, aber dennoch etwas peinlich.

a propos young mc: es gab da auch eine textzeile, die lautete: "got no money and got no car, then you got no woman and there you are." - einem opel-pr-schreiber wurde gerade die karre abgeschleppt, und das wird teuer. ja, da geht die aufwandsentschädigung dahin...

... link (33 Kommentare)   ... comment



: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Donnerstag, 22. Juni 2006

Die Sau

Na, sagte die Wolke am Himmel zu mir, als ich auf dem Deck Chair lag und vom Buch aufblickte, was bin ich?

Blöde Frage, sagte ich, Du bist eine fiese Sau, schau Dich nur mal an - ich knipste sie und zeigte ihr das Bild



und fies bist Du, weil Du Dich vor die Sonne schiebst.

Hehe, sagte die fiese Sau, und was mache ich?

Woher soll ich das wissen? Da gibt es viele Möglichkeiten. Da muss ich mich nur mal unter den Creti - n - äh und Pleti der Blogosphäre umschauen, da gäbe es so einige Verhaltensweisen. Ein wenig anstänkern wie der Opel-PR-Schreiber Felix Schwenzel vielleicht, der nur keinen seiner Leser dazu bekommt, bei mir zu marodieren, egal wie oft er was über mich schreibt. Naja, würde ich sowieso löschen. Oder die ganzen halbrechtsnationalen Idioten, die gerade ihren Nationalabspritzer in die Blogs klatschen. Oder Typen mit 5 Lesern täglich, die mir Mails schreiben, ich möchte doch bitte auf ihre Angriffe antworten. Oder gewisse sich als solche wähnenden Nachwuchsschreiber, die von Blognetzwerk zu Blognetzwerk trampen, ihre Werbeeinnahmen von brauner Brause beziehen und zu dumm sind zu begreifen, dass ich nicht zwingend alles über mich ins Netz stelle, wenn sie rumschnüffeln. He, Sau, ist es das vielleicht?

Hihi, sagte die Sau, nein, alles falsch. Ich werde jetzt abregnen, und zwar bis in die kurze Nacht hinein, und Du wirst kein Abendbild haben.

Leck mich, Du Sau, sagte ich. Du regnest, und ich werde Dich abbilden und Dein Verhalten mit dem von ein paar billig zu habenden Gestalten der deutschen Blogosphäre vergleichen. Sprachs, packte zusammen, ignorierte das Gejammer der Sau, sie so nun wirklich nicht behandelt werden wollte, ging rein, und egal wie die Sau draussen auch wütend tobte, blitzte, regnete und krachte, zahlte ich es ihr doppelt und dreifach heim.

... link (16 Kommentare)   ... comment


Noch 6 Leben

Das photographierst du jetzt für den Burnster im fernen Berlin, dachte ich mir, das ist so Heimat und natürlich und perfekt vom Omarad über die Sonnenbrille alla italiana und den geblümten Rock bis zu diesem bayerischen Blond, allenfalls Flip-Flops könnte sie noch tragen, die auf dem Pflaster das Geräusch eines rythmisch gegen einen Frauenunterleib klatschenden Männerbeckens machen, aber gut, und drückte ab



da klingelte das Telefon, und dran war meine katzenraubende Frau Mama. Es ist nämlich so, dass meine Eltern Nachbarn haben, die sich zum neuen, grossen Garten auch einen schwarzweissen Kater gekauft haben, Schnuffi genannt. Schnuffi erwies sich schnell als wenig kinderlieb, kehrte nach wenigen Tagen der nervenden Tochter des Hauses den Rücken und ging ein Haus weiter, wo es eine spannende Katze gab, sowie Bewohner, die zu nichts anderem geschaffen schienen als auch noch Nachts um vier die Türen zu öffnen, Essen hinzustellen und es mit stoischer Ruhe akzeptierten, wenn Schnuffi in Sekundenschnelle auf den Tisch sprang und den Schinken stahl. Hier also machte er es sich gemütlich, besuchte seltenst seine eigentlichen Besitzer und hatte ein Leben, dessen Beschreibung sich sehr exakt hier findet.

Bis er vor 10 Tagen urplötzlich verschwunden war. Das kann mehrere Ursachen haben; manchmal meinen manche, auf dem Weg zum See die Tempo-30-Zone iignorieren zu müssen, wie etwa die Kollegen mancher hier mitlesender Elitestudenten. Wie auch immer, Zettel wurden geklebt, Aushänge gemacht, Briefe eingeworfen, Tierasyle besucht (wobei eine andere Katze gleich ein neues Heim fand), aber Schnuffi blieb verschwunden. Bis heute Mittag.

Heute Mittag fiel einer anderen Nachbarin auf, dass etwas im Kamin miaute. Offensichtlich hatte Schnuffi gedacht, so ein grosses Loch, da ist sicher eine grosse Maus drin. Jetzt, so meine katzenraubende Mutter, ist er wieder da, frisst gerade unserer Katze das Essen weg, und wird nachher einem Vorgehen unterzogen, das aus einem grauschwarzen Kater wieder einen scharzweissen Kater machen soll. Schnuffi ist einmal auf unseren Springbrunnen gesprungen, als mein Vater das Wasser einschaltete, und reagierte danach, hm, heftig. Daher ahne ich, was mich jetzt gleich bei der Reinigung erwartet. Vielleicht habe ich ja auch 7 Leben, dann kann ich eines an seine Krallen drangeben. Wenn nicht, hey, es war eine schöne Zeit mit Euch, ich esse jetzt nochmal Tortellini, und Ihr anderen: Wenn ich es nicht überlebe, wird jemand anderes auf Eure Gräber pinkeln, also Fickt Euch, wie die Esel Eure Mütter gefickt haben, Ihr dreckigen Neoconazis.

... link (26 Kommentare)   ... comment


München meiden, zumindest im Hochsommer

Schwabing ist immer noch spektakulär, und wird es vermutlich immer bleiben. Zumindest der Teil von Schwabing und Maxvorstadt, der allgemein als Schwabing gilt, also der Bereuch zwischen Feldherrnhalle, Antikensammlung, hoch über die Uni bis zum Siegestor und rüber zum englischen Garten. Weiter nördlich, in der Leopoldstrasse, war ich schon sicher seit 10 Jahren nicht mehr. Genauer, seit das Babalu geschlossen ist. Die Ecke ist allenfalls was zu Zugereiste, Fürstenfeldbrucker, Touristen und VCs mit zu viel Geld und zu wenig Geschmack.

Spektakulär sind die Menschen, die auch im Hochsommer nicht nach Schweiss stinken und täglich der Körperpflege huldigen, spektakulär sind die Strassencafes und der blaue Himmel, spektakulär sind immer noch die Preise, und sie werden so bleiben, weil es immer welche geben wird, die sie bezahlen. Spektakulär ist auch das Kulturangebot, das der Münchner in der Regel nicht wahrnimmt und den Touristen aus Fernost und Amerika überlässt. Wenn es um Lebensqualität mitten in der Grossstadt geht, ist dieses Schwabing, dieses saubere, teure, junge, feine Schwabing die Referenz in Deutschland, auch wenn so manches Alte Galerien und Cafes weicht, die es so auch in Tokio, Austin oder anderen Orten geben könnte, in denen man eher nicht sein will.



Nur an den Tagen, an denen die Temperaturen über 30 Grad gehen, schlägt dieses Schwabing zwischen seinem Sammelsurium von Gründerzeitfassaden und Neubauverbrechen um in einen brüllend heissen Moloch. In wenigen Minuten kippt die Wahrnehmung, es wird der Innenraum eines grellen Microwellenherdes, die Luft wird ein stickiger Brei, die Leute bewegen sich im Licht wie brennende Leichen im Feuersturm, und über Stunden gibt es nichts, was Linderung versprechen würde, die Hitze staut sich in den verbauten Strassenzügen und macht auch den Abend und die Nacht zur Qual. Besser ist es, nicht lang zu bleiben, einen Tee zu trinken mit einer schnellen Verabredung, viellicht im Puck oder im Tresznjewski, der alten Zeiten wegen, dann noch ein paar Bücher kaufen und zurück in die Provinz, hoch über die Stadt, wo immer etwas Wind ist und die Luft nicht so erbärmlich nach Ozon stinkt.

... link (45 Kommentare)   ... comment



: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Dienstag, 20. Juni 2006

Gold


... link (4 Kommentare)   ... comment


Vom Trennen der Schafe von den stinkenden Böcken

in Zeiten der Bockinvasion mit Hilfe eines Hundes und eines Antiquariats - das geht so: Im Gegensatz zu den in den Medien verbreiteten Lügen der nationalen Tretballerhebung ist dieselbige nur ein Randgruppenphänomen, für das man entweder von brauner Brause mit Karten, Unterkunft oder Werbeschaltung beim eigenen Blognetzwerk geschmiert, andersartig dumm oder einfach Fan sein sollte; zum Glück ist das aber ein begrenztes Verhalten. Fakt ist: In München Schwabing sind die Cafes auch ohne Glotze voll, es gibt den typischen Feierabendstau, und asoziaes Verhalten ist nirgends zu erleben. Dennoch ist es der ideale Moment, sich nach einer Frau für das Leben umzuschauen.

Wir betreten also ein beliebiges Antiquariat in München, am besten natürlich in der Maxvorstadt, sammeln schon draussen die ein oder andere Preziose zur Kunstgeschichte auf - Werke aus Riemenschneiders Blütezeit etwa oder Möbel den XVIII. Jahrhunderts am Ludwigsburger Hof - legen sie an der Kasse ab und schauen die feinen, kleines Bände der Bibliothek Suhrkamp durch - die, bei denen man sich nie entscheiden kann, ob man nun den Schutzumschlag entfernt oder dran lässt, beide Varianten sind beim Aufstellen sehr reizvoll.

So stehen wir und warten der Dinge, die da kommen. Draussen laufen Studentinnen vorbei, manche wirft einen Blick auf die Büchertafel, blättert mitunter - aber dann kommt eine, die anders ist, sie ignoriert die Auslagen, betritt zielstrebig den Laden, geht hinter zu den Kunstbänden, und ihr Hund, der ein Teil Mops und viele Teile anderes Getier ist, kennt sie offensichtlich so gut, dass er sich sofort hinlegt und einschläft. Es kann länger dauern.



Und es dauert länger. Sie hat viel Zeit, greift sehr konzentriert zu und weiss wohl, was hier frisch hinzugekommen ist, und was schon länger im Regal den Staubfänger gibt. Der Teilmops macht ab und zu ein schwarzes Auge auf, sieht, dass es gut ist, und schläft weiter. Wir überlegen uns, wie es wäre, sie kennenzulernen und, wenn wir nicht schon vergeben wären, mit ihr eine Beziehung einzugehen, der Hund würde am Fussende des Bettes schlafen und am Morgen würden wir vom Bäcker auch das ein oder andere Buch mitbringen, das wir auf einem Umweg in eben jenes Antiquariat erworben haben. Wir können uns sicher sein, dass sie es mögen wird, und wenn sie uns betrügt, nimmt sie einen mittellosen Künstler oder einen Jungliteraten nach der Lesung, aber kein besoffenes Trötenarschloch. Vielleicht lässt sie sich auch gegen unseren Wunsch irgendwo tätowieren, wo es im Abendkleid nicht auffällt, aber sie wird ihren feinen Teint nie mit irgendwelchen Fahnen beschmieren. Wir könnten, da in den nächsten Tagen Italien entvölkert sein wird, die Zeit nutzen und mit ihr und dem Hund, dem wir ein Hermestuch umbinden und eine Fliegerbille aufsetzen würden, nach Vincenza fahren, und dann weiter an die Riviera.

Wie es sich für moderne Prinzessinnen gehört, die die Aufgaben und Bedrängnisse der sog. Moderne mit Bravour absolvieren.

... link (19 Kommentare)   ... comment


Demut lernen

Drei Tage haben sie geschaufelt, um die Deckenverfüllung aus dem Raum zu entfernen, am Ende war es ein Container voller Schutt. Das alles mit modernen Hilfsmitteln. Es sind etwa 4 Kubikmeter, den sie mit einem Aufzug am Haus nach unten gebracht haben.



Wie das im Jahr 1600 andersrum ging, wie oft jemand laufen musste, um diese Menge 12 Meter über die Stadt zu tragen, der Aufwand, den es gekostet hat, das Material passend zu machen, das alles kann man sich heute nicht mehr vorstellen. 4 Kubikmeter allein für einen kleinen Raum. Aber auch die Bauweise, die nötig ist, um diese Lasten zu tragen. Über jeder Decke drücken buchstäblich Tonnen auf die Balken, die Last auf den grossen Räumen mag man sich gar nicht vorstellen. Trotzdem hat es 400 Jahre ohne Riss und Bruch gehalten. Man macht sich meistens keinen Gedanken darüber, was Bauen früher bedeutet hat. Man könnte so einen Bau heute kaum mehr bezahlen, selbst wenn man die Materialen noch so herstellen liesse, wie es damals üblich war. Damals, als ein Haus noch mehr war als ein Renditeobjekt. Dafür hat es aber auch 400 Jahre gehalten, und hält sicher noch mal 800 Jahre, und wenn man die Balken anfasst, deren Kernholz Ausgangs des Mittelalters, um 1500 irgendwo in den Jurahügeln wuchs, dann fühlt man sich eine Weile sehr, sehr unwichtig.

dass es auch andere, minderwertige häuser gab, ist mir durchaus bewusst

... link (25 Kommentare)   ... comment



: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Dienstag, 20. Juni 2006

Umsonst ist alles Streben

Die Elitesse, die unter dem Bildrand so ziemlich den ganzen Nachmittag und Abend brav gelernt hat, ist jetzt verschwunden und macht wahrscheinlich in ihrer kleinen Wohnung weiter. Ich weiss nicht, ob ich vor so viel Zielstrebigkeit nicht ein wenig Achtung haben sollte, aber irgendwie sind mir solche Leute suspekt. Denen bleibt natürlich nichts anderes übrig, die nächsten Prüfungen kommen bald, und ausserdem sitzt sie zu weit unten und in die falsche Richtung, um einen Moment innezuhalten vor der Schönheit des Abends.



Einer ihrer Kollegen geht die Treppe hoch und vergewaltigt dabei mit seinem Pfeifen eine unschuldige, gar nicht so üble Melodie von Haydn, der - wie der bekannte Onkel Joschi - nix dafier konnte. Vielleicht, wenn alles vorbei ist, pfeift er ja weiter - aus dem letzten Prüfungsloch. Und ich sitze hier und warte auf den Anruf von B., die immer noch da ist, weil ihr Auto erst morgen den seit neun Monaten überfälligen TÜV bekommt.

... link (1 Kommentar)   ... comment


Wir haben den Grössten und werden Welt

Es gibt, wenn man in einem nicht ganz unprominenten Haus wohnt, so ein paar Belästigungen, die man sonst nicht kennt. Die klassische Form kommt mit Reiseunternehmen und Führungen. Die kleine Stadt kann man schlecht mit dem Bus durchfahren, also kommen sie zu Fuss, bleiben vor dem Stadtpalast stehen, und dann wird erzählt und geknipst. Und das, obwohl die Geschichte des Palastes, nüchtern betrachtet, eine aussergewöhnlich miese Angelegenheit ist; im traditionell reaktionär versifften Altbayern gibt es kaum ein Gebäude, das so viel Abartiges, Verkommenes und Krankes in sich beherbergte. Irgendwann vielleicht wird man zur Kenntnis nehmen, dass die Gesellschaft Jesu und besonders die hier intellektuell den religiösen Wahn und alle seine Folgen planende Seitenlinie nichts ist, was sich idyllisch in einen netten Rundgang einbauen liesse. Ungerechtigkeit bewegte seinen Bauherrn, die Allmacht der Totalitären richtete ihn auf.

Der berühmteste Bewohner jedenfalls findet heute noch glühende Bewunderer, und manchmal, wenn ich vom Einkaufen komme und die schwere, alte Tür aufschliesse, durch die man sein Kadaver hinausgetragen hat, kommen die Mutigsten dieser Gruppen herüber und wollen, ähem, mal reinschauen, und, äh, kann man vielleicht auch das Zimmer, wo... NEIN. Manchmal wünsche ich mir so ein Schild.



Ich habe einmal eine Gruppe reingelassen - nie wieder. Touristen, zumal mit christofaschistischem Hintergrund, sind die Pest. In diesen Tagen des Sommers 2006 hätte ich gern aber auch noch ein anderes Schild, auf dem stehen sollte: Flaggendeppen verpisst Euch. Gestern nämlich kam mal wieder einer auf mich zugedackelt, fett, gelbes T-Shirt und Bermudahose, und ich dachte schon, da kommt der nächste Societasfreak - aber nein, er hatte einen anderen Wunsch. Nämlich, wo das Haus doch so eine schöne Stange hat, warum da jetzt eigentlich keine Deutschlandfahnde dranhängt.

Wer historisch etwas bewandert ist weiss, dass Fahnenstangen an Häusern erst im 19. Jahrhundert aufkamen; davor hat man die Fahnen aus dem Fenster gehängt. Fahnenstangen stammen meist aus der Zeit des deutschen Reiches und wurden gern bei Paraden benutzt, oder wenn einmal der Kronprinz kam. Den hat mein Clan sogar einmal in das besagte Zimmer gelassen. Paraden gingen bei uns oft vorbei, schliesslich lag die Kaserne gleich daneben. Und darüberhinaus hatte mein Clan einen erhöhten Anpassungsdrang, was dazu führte, dass man am entsprechend grossen Haus eine Fahnenstange anbringen liess, die damals zu den grössten der Stadt gehörte.



Es folgte Gold gab ich für Eisen und Blut für das süss zu besterbende Vaterland, dann war eine Weile Ruhe, dann, 1944, als der Clan zwischen London, Bergen-Belsen, Franken, Tel Aviv und Kanada zerstreut und kein einziger mehr hier war, die Hakenkreuzfahne der sich als solche dünkenden neuen Eigentümer, die 1945 dann auf weisse Fahnen umstiegen und ein beschleunigtes Restitutionsverfahren einleiteten - was man halt so tut, wenn der frühere Besitzer im amerikanischen Jeep kommt und eine Maschinenpistole dabei hat. Und ein gefürchteter Jäger ist.

Die letzten Soldaten, die an dieser Fahnenstange und dem daran hängenden weissen Leintuch vorbei kamen, waren in einem Fuhrwerk, von dem meine Grossmutter ab und an erzählte. In der Kaserne hatten sich ungarische Pfeilkreuzler einquartiert, die vor der Roten Armee nach der Befreiung von Budapest geflohen waren. Sie lagen in dem Fuhrwerk, und ihre Köpfe wackelten bei der Fahrt über das Kopfsteinpflaster synchron hin und her, als würden sie am Firmament ein Tennisspiel betrachten. Über die Gründe, warum man gleich ein Fuhrwerk zum Abtransport der Kadaver brauchte, gibt es verschiedene Versionen: Die einen sagen, die Pfeilkreuzler wären an einer Seuche und Entkräftung gestorben, andere reden von einem Massenselbstmord aus Angst, nach Ungarn ausgeliefert zu werden. Nun waren Pfeilkreuzler nicht der Typ Unmensch, der freiwillig gehungert hat, wenn er mit vorgehaltener Waffe stehlen konnte, und Selbstmord passt auch nicht zu ihrem Charakter. Wahrscheinlicher ist also eher die dritte Version: In der Stadt waren zwei KZ-Aussenlager, und die Pfeilkreuzler hatten das Pech, von deren befreiten Insassen mit der ähnlich gekleideten SS verwechselt zu werden.

Wie auch immer: Bei diesem letzten Soldatentransport an der Fahnenstange vorbei waren sicher nicht die Falschen beteiligt, und wenn meine Grossmutter davon erzählte, dann klang immer ein Stück Stolz mit. Es war der letzte Aufmarsch, es war die richtige Fahne, und ich werde ganz sicher nicht anfangen, da noch ein Kapitel hinzuzufügen. Es ist gut, wie es ist. Wer etwas anderes denkt - bitte, es ist noch viel Platz auf dem Fuhrwerken dieser Erde für Arschlöcher, die sich für was Besseres halten, nur weil sie dem künstlichen Konstrukt einer Nation angehören.

Übrigens: Die 3%, die hier bei uns mit aus China importierten Billigfahnen ihr Nationalgefühl durch die Gegend fahren, entsprechen zahlenmässig den 3% unverbesserlichen Nazis in Deutschland. Und ich glaube nicht an Zufälle.

... link (79 Kommentare)   ... comment



: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Montag, 19. Juni 2006

Italienische Verhältnisse

Natürlich ist es nicht optimal, noch um 10 Uhr Küchenmöbel zu streichen, aber was bleibt einem bei dem Wetter schon anderes übrig.



Die Tage wiederholen sich ohne Varianten, selbst Sonntage und Werktage sind ähnlich still, heiss ist es und eigentlich sollte man ohnehin die Aktivitäten zwischen Mittag und Abend ruhen lassen. Angenehm wird es erst, wenn die Sonne untergeht. Schlimme Vorstellung, wie es jetzt in einer verbauten Grossstadt sein muss.

... link (31 Kommentare)   ... comment


Real Life 18.06.06 - Der Pralinenstuhl

Wie konntest du, faucht sie dich an, mich mit diesen Leuten allein lassen? Es ist heiss, die Sonne knallt gnadenlos auf den Asphalt, und es war sicher eine Qual, heute in der Kirche mit ihren riesigen Fenstern, fast ein Gewächshaus, beim Konzert zu schmoren. Noch dazu, wenn man allein ist und niemanden zum lästern hat. Und deshalb eben bei diesen Leuten sitzen muss, als wäre man versetzt worden. Und tatsächlich ist nicht ganz von der Hand zu weisen, dass Du nicht, wie versprochen, erschienen bist. Also tust du das, was sich historisch immer noch am zweitbesten nach Geschenken bewährt hat und immer funktioniert: Du weichst aus.

Also bitte, Iris, ich muss schon sagen, diese Leute sind immerhin deine Eltern...

Weich nicht aus, sagt sie, wieso um alles in der Welt kommst du nicht? Du wohnst direkt gegenüber, du brauchst keine Minute hier rüber, wie kann es sein, dass du es nicht schaffst? Und nicht mal anrufst?

Nun, sagst du, ich war, ehrlich gesagt in Pfaffenhofen und habe eingekauft, mein Handy hatte ich nicht dabei, und da habe ich mich eben verspätet und konnte ja schlecht nach dem dritten Satz noch reinschlüpfen, also habe ich die Sachen schon mal in die Wohnung getan und brav, wie du siehst, hier auf dich gewartet. Entschuldige. Bitte.

Streiten macht keinen Spass, wenn der andere nicht mitstreitet, ausserdem ist es zu heiss. Was für Sachen? fragt Iris, und du nutzt die Gelegenheit, mit ihr davonzurennen vor den Verpflichtungen, die hier schlecht angezogen mit Blümchenblusen und zu langen Hosen auf euch eigentlich warten. Schnell die Tür aufgesperrt, Iris in den 2. Stock bugsiert und



Oooooooooh, sagt Iris, ist der, der ist ja, oh ja, der ist ja sowas von, und hopst sofort drauf. Oh. Sag mal, Don, der ist aber sehr niedrig. Sicher zu niedrig für einen Brocken wie dich, ich passe da eher drauf. So kurze Beine. Der ist sicher für kleine Leute. Ist der echt?

Schaut so aus. Der Machart nach zu schliessen so um 1780, die Fassung ist aber relativ neu, 19. Jahrhundert, und der Bezug ist so um 1930. Und er ist nicht so niedrig, der gehört so, das ist ein Pralinenstuhl.

Ein Pralinenstuhl? Was soll das sein?

Naja, sagst du und setzt das hochgebildete Kunsthistorikergesicht auf, im Zuge de 18. Jahrhunderts wurden die Sitten dank Diderot und Voltaire in etwa so, wie wir uns das heute wünschen. Die Aufkläung schritt voran, und man entwarf Stoffe und Möbel, die den menschlichen Bedürfnissen und Leidenschaften entgegenkamen. So auch den Pralinenstuhl. Wie du gerade merkst, ist er eher unbequem, wenn man kerzengerade drauf sitzt. Lümmelt man sich aber hinein, schiebt das Becken nach vorne und spreizt die Beine - komm, mach mal - ist er enorm bequem, weil das ganze Becken auf dem breiten Vorderteil aufliegt, und der Rücken von der Lehne umfasst wird.

Iris tut, wie ihr befohlen, und sagt: Stimmt. So ist er wirklich sehr bequem. Aber was hat das mit Pralinen zu tun?

Ach so, richtig, die Praline sagst du und näherst dich ihr, bis du fast an ihr dran bist. Nun, das mit den Pralinen ist bekanntlich so, dass sie erst gut, wenn sie gefüllt sind...

Dohooon...

jaja, gleich, und um das Füllen der Praline nun geht es bei dem Sessel. Es ist nämlich so: Wenn nun eine Dame auf dem Stuhl sass, wie du gerade sitzt, drückte es den Reifrock nach oben. Ein echter Kavalier nun konnte sich vor sie hinknien, denn der Rock war oben und deine Beine sind gespreizt, und wenn er da kniet, muss er nur noch den Hosenverschluss à la bavaroise aufmachen, der um 1780 ebenfalls modern wurde, die Dame legt dann, wenn die will, die Beine um seinen Rücken, ihre Becken sind auf gleicher Höhe und perfekt ausgerichtet,

DON!

er ergreift die massive Stuhllehne, und dann geht es ans Pralinenfüllen, und das geht da wahnsinnig gut, denn die Dame kann sich zwar fast nicht mehr mit dem Oberkörper und das Becken bewegen, sie ist zwischen Stul, Lehne und seinen Armen fast wie festgeschnürt, sie kann nur noch vor Lust bis aufs Blut kratzen und beissen, so nah ist er, er hingegen kann die Kraft der Arme und Beine zusammennehmen, sie wie ein Wiener Schnitzel durchklopfen und ist beim Pralinenfüllen so nah an ihrem Gesicht dass

DON, hör auf!

Na gut, dann gehen wir eben Torte kaufen.

Gut.

Und schon gefüllte Pralinen.

... link (24 Kommentare)   ... comment


Kauft mal für die nächsten vier Wochen keine Platten,

auch keine MP3, CDs, alles, was irgendwie mit den grossen Labels zu tun hat. Einfach nicht kaufen. Es gibt so viele schöne andere Dinge. Lasst sie einfach mal hungern, die Freunde von der sog. Musikindustrie. Wenn ihr meint, wieso, dann lest Euch mal das hier durch. Vielleicht kauft ihr dann auch gar nicht mehr. Man muss ja nicht jeden Dreck unterstützen.

... link (13 Kommentare)   ... comment



: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Samstag, 17. Juni 2006

Wörter, die man mal sagen muss

Traumhaftes Wetter scheint nicht nur die Wespenplage zu verstärken, sondern leider auch den Arschlochanteil unter den Lesern hier - die Stammgäste mögen das erhöhte Aufkommen entschuldigen. Braune Brause, Sponsor von grossen Sportereignissen in Deutschland von 1936 bis 2006 (warum machen die da eigentlich kein Jubiläum? 70 Jahre, egal welche Regierung mit dabei) macht offensichtlich mitunter nicht nur fett und pickelig, sondern eventuell auch dumm, gierig und bereit, dem Leistungsgeber mit Trollereien zu danken, um sich dadurch für weitere Treffen mit Entscheidungsträger und 2nd Vice Advisory Global Marketing Assistent Directors zu qualifizieren. Deshalb, in das letzte Licht des Tages hineingelächelt und das gesagt, was man denen schon lang bei früheren Schleimtouren mal hätte sagen sollen:



Besser hier das eigene Silber polieren, als woanders die Aluklinken der Vorzimmer mediokrer Angestellter putzen. Ansonsten ist das gestrige Gewitter wieder verschwunden und hinterlässt den üblichen blauen Abendhimmel, immer gleich und doch nie langweilig.

... link (31 Kommentare)   ... comment


Samstagslektüre für alte Europäer

Ein Teller voll frisch gepflückter Erdbeeren vielleicht, eine englische Kanne Tee, ein Stück Apfeltorte und ein Interview der Süddeutschen Zeitung mit einer französischen Schauspielerin mit einer gesunden Einstellung zu Sex, Liebe, Film und Europa, das alles auf der Dachterasse. Danach Biedermeierstühle mit Stoff von Dedar beziehen, einer Marke, deren Website jetzt schon seit Unzeiten nicht fertig ist, was aber keine Rolle spielt. Deren Kunden müssen meist nicht im Internet surfen, zu denen kommt der Raumausstatter ins Haus - durch den Dienstboteneingang. So ist das, im alten Europa.

... link (14 Kommentare)   ... comment



: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Samstag, 17. Juni 2006

Real Life 15.06.06 - Das grosse Kuchenfressen II

Im Winter ist die Gegend meist wie ausgestorben; der See zieht dann nur Eisläufer und Eisstockschützen an, aber kaum Gäste, die in dieser Gegend gesellschaftlich verkehren. Das ändert sich mit den Osterspaziergängen, und erreicht schliesslich um Sonnwend herum den Höhepunkt. Dann rufen die Bekannten nicht mehr an, um ihr Kommen anzubieten, dann veranstalten die diversen Grüppchen, Kader und Seilschaften eine lange Reihe von Gartenfesten, oftmals, wenn die Dame des Hauses in mehreren Zirkeln verkehrt, die sich natürlich allesamt spinnefeind sind, mehrmals hintereinander. Ende Juni ist es dann zu heiss für diesen Reigen der Eitelkeiten, aber bis dahin wird in den Gärten Kuchen gefressen und Kaffee gesoffen, und wer weniger als zwei Stück nimmt, wird verdächtigt, die Auswahl nicht goutiert zu haben, was das nächste Mal ein Übergehen bei der Einladung zur Folge haben kann. Was dem Berliner sein blauer Dunst über dem verbrannten Rasen des Mauer"parks" ist, ist hier der Geruch von Koffein über sattem, inzwischen oft gezielt verwildertem Grün, in dem man kaum den Schlund in die Geschmacklosigkeiten der Architektur besserer Kreise der späten 70er Jahre vermutet.



Man kann zu solchen Einladungen schlecht nein sagen, weil es als unhöflich gilt, und gerade du kannst diesmal nicht nein sagen, weil du der Sohn des Hauses bist, den Kuchen bringst und das letzte Mal schon geschwänzt hast - es muss übrigens ganz schrecklich gewesen sein, dieser Kreis requiriert sich aus Frauen, die auch nach 40 Jahren des Kinderquälens noch nicht genug davon haben und anderen Ratschläge geben, wie man die Brut am besten für ein Einserabitur abrichtet, und welche der totalitären Anstalten gerade die übelsten Leuteschinder zu bieten hat. Es war wohl wirklich gut, dass du nicht da warst und keine alten Geschichten über den H., den S. und den RR erzählt hast.

Diesmal ist das Motto Frauen mit arbeitendem Mann und missratenen Kindern, die sich vor allem für deutschsprachige Gartenzeitschriften und Kataloge - die Bibeln sind House & Garden und Unopiú - interessieren und damit nicht viel falsch machen können, denn wie das mit der Kreditkarte beim Bestellen geht, das haben sie inzwischen gelernt. Den Töchtern, die traditionell zu Fronleichnam kommen und über das Wochenende bleiben, um endlich mal die Winterreifen wechseln und Papa den kleinen Kundendienst machen zu lassen, wird eingeschärft, dass sie diese Gartenmöbel keinesfalls wegwerfen dürfen, wenn Mama dann doch endlich mal von der 500. eingebildeten Krankheit tatsächlich dahingerafft wird. Auch wenn eigentlich klar ist, dass die Tochter nie mehr als einen 5m²-Balkon ihr eigen nennen wird.

Du wählst Deine Gehässigkeiten so fein, dass Deine Gesprächspartnerinnen fast nicht irritiert sind, kaust am dritten Stück kuchen und schaust auf die Abiturienten-Rolex, wann es endlich so weit ist, dass du dich, ohne allzu höflich zu wirken, vom blumengesäumten Acker machen kannst, da kommt doch noch Rettung in Gestalt von B., die irgendwie von ihrer Mutter erfolgreich zur Teilnahme erpresst wurde. Du lässt Frau S. ziemlich schnell stehen, bringst B. ein Glas Sekt zum Betäuben und später noch eins, und überlegst, ob es

Sie ist noch bis Montag da, und der Anwalt, mit dem sie am Rhein zusammenlebt, muss eine ziemliche Schlaftablette sein, leider wohl genau die Medizin, die sie braucht und letztlich auch will. Irgendetwas ist hier im Grün dieser höllischen Gärten, oder vielleicht auch im Rosa der Torten, das sie vergiftet und ihnen, egal wo sie dann am Ende sind, die Krankheiten des Donautals, das immer und überall ist, mitgibt. Es macht ihr nichts aus, als du ihr erzählst, dass V., wegen dem sie sich beinahe mal ziemlich ernsthaft umbringen wollte, vor einem Jahr ausgerechnet die D. geheiratet hat und jetzt schon mit einem Balg, vor den Bauch geschnallt, sich auf dem Wochenmarkt zum Gespött macht, es ist ihr gleichgültig, da ist alle Hitze und Gier tot, irgendwann verkümmert, und in 20 Jahren, wenn der Wagen dann doch bei einer Vetragswerkstatt und nicht mehr bei Papi ist, wird sie auch solche Einladungen machen, ohne Abgründe und Untiefen, alles wird grün sein und in der Sommerhitze leben, nur nicht sie und ihre befreundeten Kadaver.

... link (10 Kommentare)   ... comment


Das Restaurant am Ende des universal schönen Wetters

Blogger.de hat sein hitzefrei überwunden und ist wieder da - aber jetzt muss ich weg, gesellschaftliche Verpflichtungen verlangen meine Anwesenheit, es geht um einen Stoff für einen Stuhl und um Stilberatung, und danach ein wenig Reden über Göttinnen und die kleine Welt, und am Abend nochmal, bei Steinpilzravioli.



Dennoch ist da dieses Gefühl, dass gerade etwas unwiderruflich zu Ende geht. Vielleicht ist es der Leichenwagen gewesen, der drüben im Altersheim eine Frau geholt hat, die niemals Besuch bekam, und auch jetzt war keiner dabei, aber einer kam vorbei und sagte den Sargträgern, na, wieder ein Platz frei, und was bleibt, ist der Wunsch, noch anders auffällig geworden zu sein, nicht nur was sagen, sondern ihm einfach, ohne Worte, kalt und methodisch mit einem der Stahlmülleimer das Gesicht einzuschlagen und plastisch zu verformen, das Knacken der Kiefer zu hören und das Knirschen der Zähne in ihren zu schwachen Verankerungen, nicht umbringen, aber doch so, dass sein Äusseres dem Inneren entspricht und nie mehr die glatte Oberfläche erhält, die all seine Verkommenheit versteckt.

Diese Welt hier ist perfekt, sie hat alles Unangenehme outgesourced und die Konfrontation auf ein Minimum begrenzt, ein Haufen Sperrmüll wird in den nächsten Tagen beim Altersheim stehen und von fern werden verstimmte Glocken klingen, ein paar genervte Leute werden in Schwarz schwitzen und Kinder unbedingt heim wollen, weil sie sonst den nächsten Manga versäumen. Kann sein, dass ich nachher schon gar nicht mehr daran denke, wenn ich von Samt abrate und Gelb empfehle, Mordlust lässt sich nicht lang konservieren, sie lebt von der Unmittelbarkeit und dem Moment, und eigentlich geht es mich nichts an, nur eine Frau, die ich ab und zu gesehen und gegrüsst habe, und dann gibt es auch noch das Wissen, dass nicht alle so sind.

... link (0 Kommentare)   ... comment



: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Freitag, 16. Juni 2006

Man kennt das

Wenn man hier aufgewachsen ist. Da sind diese kleinen, zerrupften Wolken, die ganz schnell kommen, dunkel, und am Horizont ist dieser schwarze Streifen über den Fliederbäumen und Oleanderstöcken, die den Garten begrenzen, und alle schauen auf und machen, dass sie schnell heimkommen, denn die Fenster sind wegen der Hitze im Tal weit geöffnet, damit man Nachts ruhig schlafen kann, befreit von der schwülen, stickigen Luft des beginnenden Hochsommers, der bald unterbrochen sein wird. Und tatsächlich, in der Stadt auf der Dachterasse ist es schon sehr nah, das drohende Unwetter.



grosse Version, ca. 80 kb

Es wird heute Nacht kommen, zuerst die Luftwalze, die die Wolken vor sich herpeitschen, dann der Regen und zum Schluss, weil es so heiss war, der Hagel, der die Felder platt macht und vielleicht auch manches Auto mit einem feinen Muster überzieht. Es wird eine Erlösung sein von der angestauten Hitze, die sich auch in der Nacht in den Dachstühlen festkrallt, und der Staub und all der Dreck der letzten Tage wird verschwunden sein, und dazu heult der Wind in den steinernen Falten der Strahlenkranzmadonna, als wollte er darunterfahren und ausprobieren, ob sie wirklich so kalt und unbeweglich unter all dem Stein ist, sie, die die Schlange zertritt, mit einem Lächeln, das auch etwas anderes sein kann als ein Gnadenbeweis, einfach die blanke Lust am Treten, Töten und Zerstören, die Lust, die sich auch in den Wolken schon gesammelt hat, die kommen wird unvermeidlich und durch nichts aufzuhalten.

... link (10 Kommentare)   ... comment


Real Life 15.06.06 - Das grosse Kuchenfressen I

Also, wir brauchen eine ganze Erdbeercreme, dann noch eine Apfeltorte, jeweils eine halbe Sacher, Havanna, Tegernsee, Capuccino, dann die Bombe, so ungefäher 15 Plunder mit Kirsch und Vanille, und was mit Marzipan.... fällt Dir noch was ein?
Nun, Frau Mama, wie wäre es mit Kirschquark?
Stimmt, das wär was für die, die auf Diät sind.
Und was mit Nuss für die Gesundheitsfanatiker.
Richtig. Und dann brauche ich noch ein paar Tortenheber. Du solltest übrigens auch kommen.
Ach nee, ich war gestern Abend schon bei Frau S..
Eben deshalb. Wie sieht denn das aus. Zumindest für eine Stunde, oder zwei, Frau H. und Frau M. bringen auch ihre Töchter mit.
Ach was, B. und G. haben heute sicher was anderes zu tun, zum Beispiel mal wieder Mamas Kühlschrank plündern und Papa den Tank zahlen lassen, ich kenn die doch.
Was?
Nichts.
Kann ich bis um vier mit Dir rechnen?



Fast. Bis auf ein unterschlagenes Stück Erdbeersahne. Übrigens, das Rokoko mit seinen Farben, Schnörkeln, Stukkaturen und Marmorierungen hat in Bayern - zumindest unter Konditoren - nie aufgehört.

... link (9 Kommentare)   ... comment


Die Nacht der marschierenden Horden

Bis heute früh um vier: Grölende, hupende, stinkende, besoffene Nationaldeppen mit Fahnen.
Ab heute früh um neun: Quäkende, trotende, alte Religionsfanatiker mit Fahnen.

Selten hat man die Landplagen so auf einem Haufen.

... link (55 Kommentare)   ... comment