: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Samstag, 1. Juli 2006

Werther ohne Kugel im Kopf, aber mit Nägeln.

Eigentlich bin ich nach München, um einen Vortrag zu halten und mich mit ein paar Leuten zu treffen. Ich bin nicht nach München, um Sofas zu kaufen, aber das hat man davon, wenn man sich zwangsweise in unbeflaggte Cafes rettet - da trifft man dann so gewisse Leute, die einem Angebote machen, die man nicht ablehnen kann.

Man kann das negativ sehen: Wahrscheinlich morgen kommen zwei riesige Loft Sofas von Werther Classic an, von denen ich nicht weiss, ob sie von der Grösse oder der Farbe her passen. Man kann es auch positiv sehen: Sollten irgendwann viele Gäste kommen und zwei Schlafzimmer mit Doppelbetten nicht reichen, gibt es auch noch die Sofas. Man kann auch ein poor winner sein und die kleine Schwester anrufen und ihr sagen, dass sie mit ihrem Bielefelder Werkstätten Sofa erst gar nicht ankommen muss. Gut, sie hat einen Isarblick vom Sofa aus, das ist auch nicht schlecht. Aber:



Und wenn sie morgen nicht passen, geschmacklos aussehen und sich die Farbe mit dem Parkett beisst, kann man auch ein poor loser sein und die Dinger weiterverschenken. Es ist ja nicht so, dass hier keiner prestigegeil ist.

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Servicewüste Deutschland

Gerade halb Schwabing nach einem T-Shirt mit dem Aufdruck "Deutschland verrecke" abgesucht - vergeblich. Immerhin, bei der Mentalität muss man das nicht mehr mit einem T-Shirt beschwören.

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Haifischdialoge

(Infernalischer Lärm auf der Strasse, dazu Handyklingeln)

Ich: Ja?
Haifisch 1: Ihr könnt runterkommen, ich komm grade die Strasse runter.
Haifisch 2: Gib sie mir mal. Hi. DU BRAUCHST NICHT ANRUFEN, WIR HÖREN DEN MOTOR SCHON HIER OBEN!
Haifisch 1: (grummelt Unverständliches)
Haifisch 2 (legt auf): Seitdem wir wieder ein paar Rechnungen zahlen können, brennt sie jeden Tag einen halben Tank durch....

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Munich Area Lethargie

Ich bin froh, dass ich mit der Uni und dem Betrieb nicht mehr viel zu tun habe. Ich glaube, ich würde durchdrehen. Weil es "so ist". Da sitzen welche, zwischen 20 und 25, lle Chancen, die man haben kann, haben ihren korrekten Lebenslauf im Auge, finden die Lage natürlich schon scheisse und das mit dem Bachelor auch nicht so toll, aber es "ist so". Und weil es "so ist", sitze ich, der ich keine Ahnung von gar nichts ausser Kulturgeschichte habe, vorne - und sie nicht. Das sollte ihnen zu denken geben.



Die Herrschaften in den Türmen, die davon profitieren, dass es "so ist" und auch keiner wirklich was dagegen macht, können stolz sein. Hier geht es schliesslich nicht um das Gejammer irgendwelche kindischer Bratzen, sondern um die, die in ein paar Jahren gern die öffentliche Meinung des Landes bestimmen wollen. Und wenn es "so ist" und sie nicht mal was für ihre eigene beschissene Situation tun ausser anpassen, dann kann das ein lustiges neues Medienzeitalter werden.

Morgen mehr, ich muss da erst mal drüber schlafen, dass es einfach "so ist", als wäre das, was ist, von irgendeiner Bedeutung und unveränderbar. Aber das könnt ihr schon mal sucken, Ihr Web2.0er: Keiner von einem Dutzend KWlern kannte Flickr. Das finde sogar ich hart.

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Donnerstag, 29. Juni 2006

Zurück ins brodelnde Herz des kochenden Abschaums

Gestern hat mich einer gefragt, ob ich nicht mit will auf einen Kongress zum Thema User Generated Content, nächsten Monat in, na wo wohl, München natürlich. Kein Monat mehr hin, aber sie wissen noch nicht mal, wer da spricht. Veranstalter sind zwei Web2.0-Firmen, die Morgenluft wittern. Mit dabei sind viele alte Freunde, die irgendwo überwintert haben und jetzt neue Visitenkarten haben, oder immer noch bei VCs wie Atlas sind. Auf einer der letzten derartigen Veranstaltung in München sass ich übrigens selber auf dem Poium, als Moderator. 2003 war das. Um mich herum lauter lebende Tote. Eigentlich sollte ich mal schauen, ob die jetzt noch ein wenig lebendiger geworden sind. Ein paar Ideen wie "Always on" stehen immer noch im Programm, laut gescheiterten Events wie dem Mobile Media Award, falls den noch einer kennt, sollte das aber schon seit spätestens 2004 Realität sein.

Ich weiss nicht, ob ich mir das nochmal antun soll. Warum soll ich mir von nachgewachsenen Pfeifen, die alle Erfahrungen von damals in den Wind schlagen, erzählen lassen, was die Zukunft ist. Sollen sie doch, sie werden ja sehen, wie weit sie mit Milestonefinanzierungen in einem Markt kommen, den die meisten Politiker ohnehin platt machen wollen - schliesslich ist Mobile Consumer generated Content auch das Gewaltvideo und der sexuelle Missbrauchsdreh. Wie ich München, die Munich Area vertrage, werde ich ja nachher sehen: Vortrag in einem Uniseminar vor Bachelorstudenten, Treffen mit den Haifischen, informeller Austausch mit einem Business Angel. Die volle Ladung im Schnelldurchlauf, gewissermassen, in einem München, das auch diesmal wieder nur ein paar Strassenzüge sind, die gleichen wie damals, in der einzigartigen Munich Area, beim internationalen Ranking gleichauf mit der Tel Aviv Area und noch vor Sophia Antipolis.

Es ist gerade mal drei Jahre her, aber in der Erinnerung schon wieder unendlich weit weg, und trotzdem ist es alles wieder da. Die Besseren sind weg in die normale Wirtschaft, geblieben sind die Grossmäuler, die Versager, die Nichtskönner und die Scharlatane, die jetzt wieder an neuen Legenden, Success Stories, neuen Zukunftsjobs und Konstrukten bauen. "Next Economy" war zu früh und ist 2003/4 geflopt, Web 2.0 ist besser im Saft, und mit Salm und ein paar anderen Promis wird das schon. Was auch immer. Man wird mir heute berichten. Und ich werde es weitertratschen. Denn wir haben die New Economy gefickt, wir werden auch mit Web 2.0 fertig. Aber sicher doch. Die Frage ist nur, ob ich diesmal wieder an deren Buffets fressen soll - was man so hört, sind die immer noch nicht besonders.

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Donnerstag, 29. Juni 2006

Von acht bis zehn

Sucht Euch selbst das Beste raus, das war heute zu viel, ich bin zu faul zu entscheiden.












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Unter dem Baum

Es sind gerade diejenigen, die früher am meisten unter den hiesigen Verhältnissen gelitten haben, die hier gezwungen wurden und mal eben so die Erwartungen der besseren Kreise erfüllt haben, die ihre Kinder jetzt wieder in die gleiche Situation treiben.



Nach aussen hin sieht es nett aus, fast romantisch. Und die, die aus dem 13. Stock springen, draussen, in einem schlechteren Viertel, weil sie hier fertiggemacht wurden, sind lange vergessen, wie die, die vertrieben wurden, weil sie einfach so mit einem Mann zusammengewohnt haben. Man redet da nicht mehr drüber, man will ja keinen Ärger, und es ist auch besser geworden, und das mit den Schwangerschaften wird man später auch irgendwie regeln.

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Sehr zu empfehlen - Perserteppiche im Vergleich

Franz hat da eine Frage aufgeworfen, die ich gerne beantworte - wer legt sich eigentlich Perserteppiche in die Wohnung? Ganz einfach: Ich. Es gibt dafür viele Gründe. Der wichtigste neben dem Prestige jedoch betrifft die schönsten Stunden des Lebens: Wenn man eine Frau zu Boden zieht. Ich denke, ich habe alles ausprobiert in meinem Leben, und das ist das Ergebnis:

Fliessen & Naturstein: Das Schlimmste. Kalt, knallhart, Grippe ist vorprogrammiert, in den Ritzen Staub. Einziger Vorteil: Leicht zu reinigen.

Parkett & Dielen: Immer noch übel. Luxuriös mitunter, keine Frage, aber brettlhart, und nach kurzer Zeit wird die Haut feucht und dann wird es quietschig. Achtung Schiefer!

PVC: Billig, geschmacklos, hässlich. Frau kann gar nicht so schön aussehen, dass sie auf PVC nicht billig wirken würde, Gummifetischismus für Arme. Und auch nicht gerade komfortabel, sowie schweisstreibend.

Normaler Teppichboden: Wärmer, weicher, aber synthetisch und deshalb oft pieksend, bei längerer Benutzung kann das alle Lust abtöten. Reinigung sehr schwierig, wenn nicht unmöglich, spontane Hardcorespiele sind also nicht ratsam. Ausserdem langweilig & fad anzuschauen.

Perserteppich: Warm. Weich. Angenehme Naturprodukte, belastbar, strapazierfähig, keinesfalls rutschig oder glitschig, kein Problem mit unnatürlichem Schwitzen. Das Blumendekor in satten Farben ist für nackte Frauen sehr kleidsam, Gebetsteppiche haben beim Ficken etwas rührend Gotteslästerliches. Geräuschdämmend nach unten. Man kann darin auch die Leiche des zu früh heimgekommenen Gemahls nach draussen tragen.

Deshalb also Perserteppiche. Allenfalls das Eisbärenfell kann da noch mithalten.

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Mittwoch, 28. Juni 2006

Wie der Dieb in der Nacht

werde ich kommen, leise, vorsichtig, keiner wird mich sehen oder hören, in den Schatten gedrückt werde ich durch die stillen Gassen schleichen, sobald die Sonne versunken ist



Denn nicht weit von hier ist das alte Stadthaus der Familie P., die nie zu schätzen wusste, was sie da haben. Das Haus wird jetzt verkauft, und deshalb haben sie es schon mal leergeräumt. Die wertvollen Stücke der alten Frau P. gingen schon vor Jahren an die Händler, der Rest ist solide, aber hässlich, sicher ein Fest für die anderen, die kommen werden. Aber unter all den Möbeln war noch ein Teppich, zu mühsam, den von der Last zu befreien, und als die Kirschmöbel wegkamen, waren Perser unverkäuflich, zumal in der enormen Grösse von 3,50 mal 2,70 Meter. Morgen früh kommen die Verwerter, aber heute bin ich - zufällig, vom Instinkt geleitet - daran vorbeigegangen, als der Enkel der alten Frau P. den Teppich gerade über den Asphalt zog. Schwer ist so ein grosser Teppich, fast wie eine Leiche, und er hätte diese Woche auch nicht überlebt, hätte ich das eingedrillte Gefühl, dass man so etwas nicht tut, überwunden und nachgefragt. Jetzt wartet er im Hausgang auf mich, ein erstklassiger Sarouk, und der junge Mann konnte gar nicht verstehen, wieso ich dieses alte, abgetretene Ding will, der ist von der Hochzeit seines Urgrossvater, hat die alte Frau P. immer erzählt, so 1900, 1910 muss es gewesen sein, aber bitte, wenn er mir gefällt, besser er findet einen Liebhaber, als wegschmeissen.

Man kann über diese Stadt manchmal heulen, über ihre Bewohner und ihre Blindheit, man kann aber auch einfach danke sagen und dann in der Nacht losziehen, und den Teppich, der so schwer und unförmig ist wie eine Leiche, durch die mondlose Finsternis in den Stadtpalast zerren.

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Deutsch als Deppenbegriff

Kommse, kommse, Augen auf und Digitalkamera ein, die Strasse runter, hier wurde deutsche Geschchte geschrieben. Im ersten Haus wohnte der echte Faustus von unserem Goethe, dann kamen die Stadtpaläste der Kapuziner und Jesuiten voller wichtiger deutscher Forscher, hier haben sie alle während der Aufklärung gewirkt, da hinten schaute der deutsche Galileo durch das Fernrohr, der deutsche Feldherr starb hier, die Asams haben das deutsche Rokoko zur Blüte getrieben, dann kommt der berühmte deutsche Klenze, und hinten ist das Münster, Süddeutschlands grösste Hallenkirche mit folgenden altdeutschen Meisterwerken, gleich daneben das Zentrum der deutschen Gegenreformation - mit diesem Müll werden die Touristen vollgeschüttet, die zu früher Stunde, kaum hat sich die Sonne erhoben, hier durch das Viertel gekarrt werden.



Fehlt eigentlich nur noch der deutsche Himmel, und die deutsche Kotze eines deutschen Kulturhistorikers, meine Kotze, genauer gesagt.

Es gehört zu den verlogenen Ritualen jeder Obrigkeit, sich irgendwie eine Legitimation zusammen zu schustern. Griechische Städte wurden von Halbgöttern begründet, Rom entsprang geflohenen Trojanern, durchrasste Völkerwanderungswarlords des frühen Mittelalters sahen sich in der Tradition des Römischen Reiches, das sie gründlich ruiniert haben, das Papsttum und die Orthodoxie logen gewohnheitsmässig Primate zusammen, die Pickelhaube entstand aus einem groben Missverständnis mittelalterlicher Helme, und das 1000-jährige Reich stellte sich als III. auch brav hinten an, wenn es um die Legitimation ging.

Allen gemein ist der Trick für die ahistorischen Deppen, der in etwa so geht: Du dumme, mickrige Wurst, Dein Leben umfasst 70, 80 Jahre, aber ich, der Herrscher, der Staat, das Konstrukt, ich bin schon Zilliarden Jahre da, das war schon immer so, also halt das Maul und zu, was ich Dir sage, Du bist nur ein Fliegenschiss und ich bin ewig. Ich erlaube Dir, mir zu huldigen und mich toll zu finden, Gründe kriegste genug, vom Künstler über den Ballidioten bis zum Ballermanngesöff, und jetzt schrei "Es lebe Deutschland" als zentrale politische Willensäusserung, kein Protest, dann ist es prima.

Man muss eingestehen, dass die Kulturgeschichte lange den Arsch für dergleichen Ansprüche hingehalten hat. Diese elende Pseudowissenschaft, die ursprünglich untrennbar verbunden war mit der obrigkeitsstaatlichen Legitimationssuche, war durchaus flexibel - entstammt der Urgrund noch der devoten Kriecherei für lokale Diktatoren, und wechselte das erst in der Zeit zwischen 1813 und 1871 langsam in Richtung "Deutschland". Das war dann auch die Zeit, in der der unsägliche Begriff "altdeutsch" zur Umschreibung mittelalterliche Kultur aufkam, verbunden mit unausrottbaren Fehlurteilen über das Wesen der Kultur.

Denn tatsächlich gab es zur "altdeutschen" Zeit keinen deutschen Nationenbegriff, weder bei den je nach Laune handelbaren Bauern, noch in den freien Städten, noch bei den Kirchen und Klöstern, noch beim Adel. Alle hatten nur das eigene Wohl im Auge, die formale Zentralmacht war irgendwo weit weg, der Rechtsbegriff war der einer marodierenden Horde Hooligans, und das, bitteschön, bis ins späte 18. Jahrhundert. Nicht umsonst griff das Bürgertum nach der 48er Revolution auf einen ferne, mittelalterliche Deutschlandillusion zurück, man wollte sich den schönen Wahn nicht durch die eigene Erinnerung vermiesen lassen. Und auch heute noch, bei den Stadtführungen, wird genau dieses Bild beschworen - sich mit der tatsächlichen Nation Deutschland auseinandersetzen, wäre architektonisch weitaus weniger reizvoll, von der 1870er Kanonengiesserei über einen ehemaligen Exerzierplatz und die Standorte zweier KZ-Aussenlager mitten in der Stadt bishin zur nach dem Krieg verschandelten Altstadt: Das alles ist tatsächlich Deutschland, aber eben keine Tradition, die man gerne anschaut.

Geht man statt dessen diese Strasse mit ihrer barocken Bebauung heute hinunter, müsste man es als Kulturhistoriker anders erklären: Da ist das Wohnhaus des durch die Lande vagabundierenden und allerorts vertriebenen Forschers Faustus, dann kommen, in italinischer Manier errichtet, die Stadtpaläste zweier italinischer Orden, deren Provinzen bayrisch waren, geforscht und gelehrt haben hier Italiner, Franzosen, Tschechen, Schweizer und ja, auch Deutsche, gesprochen haben sie aber Latein, gewechselt sind sie nach Pavia, Paris oder Prag, so war das damals, keine Ortsbindung der Elite, die Veröffentlichung der hiesigen astronomischen Entdeckungen wurden hier katholisch untersagt, weshalb sie im protestantischen Augsburg erschienen, der "deutsche" Feldherr kam aus Belgien, dieses "deutsche" Rokoko gibt es nur in Bayern, Klenze hat seine Architektur direkt bei Ledoux franzöischer Revolutionsarchitektur abgeschaut, auch die Hallenkirche ist in Deutschland einzigartig, weil ihr Bauherr in Frankreich gelebt hat und explizit eine französische Kirche wollte, und der Gegenreformator war ein Kläffer an kurzer römischer Leine. Wenn man nur etwas genauer hinschaut, wenn man nur ein klein wenig Ahnung hat, wird "Deutsch" zu einer Chimäre, einem Konstrukt für Idioten, die belogen werden wollen, aber es ist weder ein Kriterium noch eine Eigenschaft, und auch nicht legitimiert.

Wirklich deutsch aus kulturgeschichtlicher Sicht, wie gesagt, ist der Exerzierplatz, die Kasernen, die Kanonenfabrik, die Aussenlager, der Stahlbeton. Das können die Deutschlandgröler gern für ihre Legitimation haben, mehr ist da nicht, manche von denen finden das ja auch gar nicht so schlecht, wenn sie mit ihren langen Fahnen und kurzen Hirnen marschieren.

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Dienstag, 27. Juni 2006

Die sehr blaue Stunde

Wie lang bist du jetzt schon da?

Soll ich wieder fahren? Langweile ich dich? 9 Tage.

Ganz schön lang. Hör mal, B., zu deinem eigenen Besten: Das mit dem Fahren ist gar nicht dumm, sonst bleibst du hier noch kleben, das hier ist alles so unfassbar nett und lieblich und fett und zufrieden, die lullen dich ein und dann, zack...

Du musst reden. Wer hat denn die Torten augefahren, wer ist denn mit mir zum schwimmen gegangen, und bei wem sitzen wir jetzt?



Hm.

Ich kann auch von hier aus arbeiten, die nächsten Tage, es ist sowieso nicht viel zu wollen mit Pressearbeit, WM, Sommerloch, die Kunden sind alle in Urlaub, die zwei Dinger pro Woche kann ich per Telefon und Internet machen. Ich fahre schon wieder früh genug zurück, und ihm tut es auch gut, wenn er mal alleine ist. Bei all dem Stress. Ich kann Mama im Garten helfen, einkaufen, endlich mal wieder ordentlich essen, und es ist hier nicht so drückend heiss wie in der grossen Stadt. Jetzt will ich noch ein Stück Kuchen, und dann darfst du mich heimfahren.

Wenn es ganz dunkel ist, und alles blau verschwunden.

Genau. Ganz, ganz dunkel.

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Don Alphonsos famose Haushaltstipps

Folge 456: Alter Mörser, neu verwendet

Ein alter Mörser kann hervorragend dazu genutzt werden, nach alter Väter Sitte Pestogewürze zu vermischen, oder auch Pfeffer zu zerkleinern. Mörser und Stössel haben dabei so etwas von urwüchsiger Kraft - Pfefferstreuer sind Masturbation, Pfeffermühlen sind Petting, aber Mörser sind Ficken. Der Erwerb eines Mörsers ist also dringend zu empfehlen.



Die Reinigung des Mörsers geht übrigens enorm sauber und penibel, ja geradezu antiseptisch vor sich, wenn man neben der Metallpolitur und einem groben Schwamm auch ein Buch zur Hand nimmt, in dem akribisch beschrieben wird, welche Gifte früher in solchen Mörsern gemischt wurden, und welche Folgen sie haben.

Das erste Pesto aus so einem Mörser setze man dann trotz aller Reinlichkeit jemandem vor, dessen Gesundheit einem nicht besonders am Herzen liegt. Neoconazi-Treffen etwa bieten sich für dergleichen an, gewisse Umfelder, Kirchentage, Fanmeilen oder auch Kickoffs für Bloggerpromotion.

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Passt

Den Stoff habe ich - jetzt fehlen nur noch die passenden Möbel. Und Möbel sind momentan sehr schwer zu finden.



Man sollte immer einfach einkaufen, horten, irgendwann braucht man es. Und wenn man es nicht tut, ist es ein Fluch, der an einem klebt.

So wie die Schreibtischfrage. Bei Antik DuKanti im Prenzlauer Berg stand im Februar ein englischer Schreibtisch, so um 1850. Mit grossen Schüben, klappbaren Seitenteilen, massiv und praktisch, mit roter Lederoberfläche. Den habe ich nicht genommen, obwohl ich schon ahnte, dass ich ihn brauchen könnte. Drei Wochen später war er weg. Seitdem bin ich verflucht. Aus Regensburg kam der Anruf, dort wäre ein Marmorschreibtisch zu verkaufen. Die Anruferin, meine innigst geliebte, liebste Freundin die Frau, mit der ich wohl gerade noch gehe, machte mir den Mund wässrig, worauf ich sagte: Nimm ihn, wenn Du ihn nicht willst, ich kann ihn sicher brauchen. Sie fragte nach dem Preis, handelte etwas herunter - und ging dann nochmal schnell einkaufen, um sich das nochmal gründlich zu überlegen. Frauen. Dann war er natürlich weg. Ich bin verflucht, keine Frage. Schreibtische meiden mich, sie gleiten mir durch die Finger, ich komme immer zu spät und stets gibt es ein Problem, ich weiss, dass sie ganz nah sind, doch es mag mir nicht gelingen, sie zu erwischen.

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Montag, 26. Juni 2006

Brecht zitieren angesichts des Sturms

Schlimm ist der Hurrikan
Schlimmer ist der Taifun
Doch am schlimmsten ist der Mensch.

Brecht, Mahagonny



Andrea schreibt
über das Wettlesen neuerer Literatur,
Blitze erscheinen
plötzlich so niedlich und zart hingehaucht
in den Himmel.

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Real Life 25.06.06 - Vanitas vincit papam

oder wie du dich eines schönen Morgens mit dem dir verhassten Wien, nicht aber mit dem mindestens ebenso verhassten Ratzinger etwas versöhnt hast.

Meinst Du, sagt Iris, als ihr über den staubigen, mit kleinen, spitzen Steinen übersähten Weg der Leidenschaften entlang geht, meinst Du, die machen das absichtlich, dass sie den Ratzinger in das andere Programm reinquetschen? Man hätte doch einfach eine Matinee nur mit der Ratzingermusik machen können, für die Hardcore-Gläubigen, und eine nur mit Musik von Bach, für die anderen.

Prima, sagst du, und beide Seiten führen Buch über die jeweils anderen, die nicht kommen oder auf beide Veranstaltungen gehen. Die einen sind dann die evangelenhassenden Katholen, die anderen sind die katholenboykottierenden Evangelen, die überall kommen die willenlosen Schleimer und Neureichen, die sich bei allen andienen, und solche wie wir, die gar nicht kommen, sind entweder notorische Libertins wie ich oder ihre anderen entlaufenen Metzen wie Du, und über alle hat man etwas zu tratschen. Und wenn dann das Stadtjubiläum kommt, können wir es beim Festzug nach alter Väter Sitte mit Hellebarde, Saufeder, Dolch und Gift austragen. Was wurde nur aus den schönen Sonntagen im frühen Juni, als sie noch Vivaldi spielten und Mozart und Haydn - wozu jetzt ein Mischmasch aus Bach und den oidn Ratzn?

Du fluchst noch etwas gottes - aber nicht g`tteslästerliches - und jammerst Iris die Ohren voll, dass das alles gar nicht hätte sein müssen, hätte Deinesgleichen doch vor 1970 Jahren ordentlich gearbeitet und gleich die ganze Bande, und nicht nur den einen Spinner und so, und Iris schämt sich vielleicht ein klein wenig, weil sie, wie sie sagt, schon Wert darauf legt, rechtzeitig zur Matinee zu kommen. Trotz dem dort aufgeführten Typen, der sie, eine grundlos aus dem hl. Stand der Ehe davongelaufenen Dirne, die auch noch ihren unschuldigen Gatten zwei Drittel des gemeinsamen Hauses per Anwalt beraubte, vermutlich gleich zwischen Josephine Mutzenbacher und der masturbierenden Klimtmuse Emilie Flöge verorten und einen Platz im Jenseits reservieren würde - sicher eine spannende Umgebung, wäre sie nicht etwas heiss und schmerzvoll geraten. Dass du auf Mutzenbacher und Flöge kommst, muss wohl an dem Laster mit Wiener Kennzeichen liegen, der da in Stauben vor euch steht und -



wie weggewischt ist der oide Ratzn, vergessen ist alles, denn dort steht, weswegen du gekommen bist: Ein Spiegel, den man allerorten westlich von Deutschland hoch achtet und als Louis-Philippe-Spiegel bezeichnet: Abgerundete Ecken, aufgesetzte Schnitzereien oder Stuckaturen, das alles in Gold, und der Spiegel selbst ein Quecksilber-Original und natürlich über Kreuz geschliffen - genau das, was für die Garderobe noch fehlt.

Der ist aber - sehr, hm - golden, sagt Iris, als du geifernd davor stehst. Du verzichtest gnädig darauf, ihr die Unbildung um die bislang unangeknabberten Ohren zu hauen und singst dagegen vor dem Händler die berühmte, grösse Lügenarie des Don Alphonso:

"Ich würde ihn ja gern erwerben,
doch meine Gemahlin bringt mich um
und wer sollte ihn dann e- her-ben?
was die weitere Preisverhandlung dahingegend verlagert, dass der Händler, ein echter Wiener, die in Wirklichkeit gar nicht involvierte Iris auf eine Art bezirzt, die sie mindestens seit dem Heiratsantrag ihres Ex-Mannes nicht mehr erlebt hat, und sie gar nicht dazu kommt, die List aufzudecken, wenngleich sie, das sieht man ihr an, es nur zu gern tun würde.

Scheusslich, sagt sie dann, als ihr weiterzieht, um einige Scheine erleichtert, das Ding ist einfach nur hässlich, igitt, sowas von billig, wie aus dem Puff - Don? Don? Hör mal, Don, nein, komm, Du hast schon einen, wirklich, jetzt reicht es - aber da ward am nächsten Wiener Händler der Wortschwall schon übertönt von deiner zweiten grossen Lügenarie:

Meine Gattin, die wird mich erdrosseln
da hilft kein Necken und kein Busseln,
denn einen hab ich grade schon gekauft
nähm ich den, dann wird bös mit mir gerauft
wenn er mehr als, sagen wir mal, 80 Euro?

Don, nein, nicht, ruft Iris, wir haben keine Zeit, und ausserdem müssen wir in die Matinee... Küssdiehand Madame, sagt der Händler, ez schaugns amal, dea Schpigl is so heazig wana im Schlofzimma hengt, do issa fei hea, den hob I... er erzählt, und da Ratz dahoam muss ohne euch auskommen, denn es ist eine längere Geschichte und eine knallharte Preisverhandlung, in der Iris wieder nicht klarstellen kann, dass sie nicht deine Frau ist, die Ärmste. Viel zu spät dann, alle haben das Konzert schon lang verlassen, sitzt ihr bei dir in der neuen Wohnung, und Iris schaut über die Torte und den Venezianer die Neuerwerbungen schlecht gelaunt an.



Schau mal, erklärst du, diese Louis-Philippe-Spiegel werden bei uns mit falschen Augen betrachtet. Hierzulande wollen alle nur Biedermeierspiegel, schlicht, mit glattem Holzrahmen. Dabei war der Spiegel einer der teuersten Gegenstände im Raum, und weil man sich darin präsentierte, sollte er so prunkvoll wie möglich sein. Im Spiegel übernahm das Bürgertum das adlige Möbelstück par excellence, denn nach der französischen Revolution wollte man auch diese letzte Interieurbastion schleifen. Ein grosser Spiegel, das bedeutete Prunk und noch mehr, Selbstbewusstsein, man stellte die eigene Person in das Zentrum, das eigene Bild war einem etwas wert, und das wollte man nicht mit einem schnöden Holzrahmen dokumentieren, sondern spätestens ab 1830 mit einem dicken, aufwendigen Goldrahmen - deshalb heissen sie auch nach dem Herrscher der 1830er Revolution in Frankreich Louis-Philippe-Spiegel. Überall scheint man das zu wissen, nur in den Nörglerländern Deutschland und Österreich verneint man diesen objektgewordenen Willen zur Repräsentation. Wir wollen ja keinesfalls eitel sein, und uns im Goldrahmen anschauen.

Man müsste, meint Iris, die Dinger mal aufgehängt sehen - was dir die Gelegenheit gibt, sofort dem männlichen Spieltrieb nachzukommen. Reissen Jungen schon im Auto die Verpackung von Bausätzen auf, knallen Erwachsene sofort Dübel in die Wand, während die Frauen noch mit der Tasse auf dem Pralinenstuhl sitzen. Fertig, meldest du den Vollzug.



Iris betrachtet misstrauisch die kranken Stellen des Spiegels, die Verzierungen, den feinen Kreuzschliff, putzt etwas Wiener Dreck ab, du holst einen Lappen und polierst ein wenig am Gold rum. Nicht zu viel, es reicht, den Staub zu entfernen.

Hm, meint Iris. Du, Don, ich muss jetzt heim. Und sie ruft drei Stunden später nochmal an, um zu sagen, dass der Ratzinger ganz furchtbar gewesen sein muss, und sie den Spiegel eigentlich, hm, brauchen könnte. Oder auch beide. Den einen für das Bad, den anderen für das Schlafzimmer. Und nachdem sie dir beim Verhandeln so geholfen hat...

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Selbstbildnis

des Gecken mit gedeckter Apfeltorte, Tee, Liegestuhl, Sonnenschirm, Stadtpalästen und Firmament in englischer Teekanne auf der Dachterasse, daselbst geschnitten und geblogt.



Das Leben ist schön.

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Sonntag, 25. Juni 2006

Wieder Sommer,

und die Streifen da sind von Flugzeugen, ansonsten Blau total.



Und wenn ich mir die Schwalben anschaue, die an der Dachterasse vorbei hinauf in den Himmel schiessen, dann bleibt das auch so die nächsten Tage, hier oben.

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Sehr zu empfehlen - Dielenboden in der Küche

Will man bei einem Neubau oder einem Haus aus der zeit nach dem 2. Weltkrieg einen Dielenboden in der Küche, wird es aufwendig und teuer: Die Kücheneinrichtung muss abgebaut werden, das Linoleum muss raus, der Estrich muss mit den Dielen belegt werden, die muss man einlassen, neue Leisten müssen angebracht werden, und dann kommt die Küche wieder drauf. Wenn denn alle Anschlüsse noch passen, was bei einem Gasherd durchaus unerfreulicherweise nicht sein muss. Kurz, wer sich in ein neues Haus einen Dielenboden - und kein Laminat - legen will, braucht ganz schön viel Geld. Immerhin kann er sich hinstellen und sagen: Hey, immer noch billiger, als die Leute, die ein Vermögen in alte Häuser stecken. Das sind die Leute, für die ich nur ein mokantes Lächeln übrig habe. Dielenboden im echten Altbau geht so:

,

Linoleum rausreissen, den darunterliegenden Dielenboden putzen und an einigen Stellen neu einlassen, fertig. Kostet 15,95 Euro für das Holzwachs, 2,50 Euro für den Pinsel und 1,25 Euro für das Teppichmesser zum Rausschneiden. Und ein Kopfschütteln für die Idioten, die vor 25 Jahren diesen "praktischen" Linoleumboden haben verlegen lassen, der sich beim Rausreissen ziemlich unhygienisch anfühlt.

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Das Zeichen

Ich fuhr entlang der schönen blauen Donau, die nicht weit von hier Deutschland verachtet und froh ist, nach Österreich zu kommen, und genau vor mir war einer mit dem Auokennzeichen ND, das bekanntlich für NationalDepp steht und gemeinhin am besten zu bewundern ist, wenn es vom Heck eines Fahrzeugs aus dem Strassengraben, gern auch kopfüber zu lesen ist. Dass er sich das Nummernschild redlich verdiente, bewies er mit einer typischen Deppenfahne, ähnlich geschmacklos wie die bei Nationaldeppen nicht seltene Alkoholfahne - ein Mensch mit Erfahrung also. Aber nicht unbedingt, was die Bedienung der Fensterheber angeht, denn plötzlich ging das Fenster runter, die Fahne löste sich, drehte sich im Fahrtwind und landete Bruchteile einer Sekunde später mit einem leisen Klacken auf der Strasse. Um dann sogleich von meinem nur wenige Zentimeter entfernten Vorderreifen, jetzt mit einem lauteren Klacken, zermalmt zu werden. Der Nationaldepp tat das, was die gemeinhin in solchen Situationen öfters machen - er gab Gas Richtung München für den Fall, dass da hinten etwas passiert sein könnte. Ich hielt an und kratzte die Reste der Fahnendeppenfahne aus dem Radkasten, die Sonne schien, es war nichts weiter beschädigt. Aber vielleicht, dachte ich, ist es nicht der einzige Nationalschmarrn, der heute unter die Räder kommt. Da geht noch was.

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Samstag, 24. Juni 2006

Feuer

Es brennt. Vielleicht schmort auch irgendeine leitung durch, jedenfalls stinkt es im Gang bestialisch. Desto weiter hinten, desto widerlicher, im ersten Stock stockt fast der Atem. Die Quelle ist aber kein Kabelbrand, sondern ein Grillversuch im Hof, vielleicht haben sie vergessen, das Styropor ihres Aldifleisches zu entfernen, bevor sie es auf den Grill geworfen haben. Vielleicht sollte man aber einfach nur erst mal eine Köchin anstellen, bevor man sich zwecks ehelichem Steuersparen auf solche Kochversager einlässt.



Oben, auf der Dachterasse, weht ein gnädiger Wind den gestank in eine andere Richtung, und dazu die Wolken. Morgen, oder spätestens übermorgen ist dann wieder Hochsommer, pfeifen die Schwalben vom Himmel.

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Remember the Alamo 1999

Manchmal wüsste ich gerne, unter welchem Stein manche Leute eigentlich zwischen 1998 und 2001 gelebt haben (die Ältesten unter uns erinnern sich vielleicht noch an die "New Economy"), dass sie jetzt schon wieder solche Berufsbilder propagieren. Fehlt nur noch korrupte IPO-Journaille. Wie wäre es mal zur Abwechslung mit einem anständigen Job wie Putzen, Makler, Gelegenheitsprostitution, Politiker oder Drogendealer, die schon 1999 die eigentlichen Gewiner der Blase waren?

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Du bist immer so negativ,

sagen manche. Na und, sage ich, was soll ich denn tun, wenn die Welt negativ ist und voller Dummheit und Kadaver. Ein paar davon gibt es jetzt an der Blogbar zu bestaunen.

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