: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Donnerstag, 8. März 2007

Real Life 08.03.07 - Deutsche Elite

Er ist dir schon vor dem Hotel aufgefallen, in dem die Besprechung stattfindet. An der vorletzten Ampel war er neben Dir, und er ist dir aufgefallen, weil Leute mit der Fluppe rechts und Handy links eigentlich keine S-Klasse durch den Verkehr bewegen sollten. Die letzte Ampel vor dem Hotel schaltete dann um auf Gelb, Du hast gebremst, und er drückte seinen Blechberg seelenruhig über die Kreuzung, obwohl es längst rot war. Jetzt sitzt er vorne rechts und will mitreden. Schliesslich ist es sein Geld, das da drin steckt, und weil es sein Geld ist, meint er auch das Recht zu haben, seine Position zu vertreten. Selbst wennn hier diejenigen sind, die er noch nicht bezahlt. Bezahlt hat er eine grosse Kanzlei, die seinen Alleingang in der ersten Instanz in den Sand an der Ostsee gesetzt hat.

Diese Abzocker. Seine Einschätzung der bisherigen Rechtsberater hat er schon im Vorfeld mal kund getan, jetzt sollen es die Haifische richten. Mit Hilfe der anderen Betroffenen. Gemeinsam sind sie stark, aber er hat noch nicht mal bis zum Ende des eigentlichen Vortrags abgewartet, um zu zeigen, dass mit ihm jetzt der neue Leitwolf da ist. Frau G. hat zwar noch mehr Geld drin, aber sie ist erkennbar am Ende, denn sie hat keine Reserven mehr. Und der Herr aus dem Osten, der sein Vermögen mit Billigzähnen zu Vollpreisen gemacht hat und es gerade wieder verschwinden sieht, ist nach dem 2. Herzinfarkt auch nicht mehr der Macher, der er mal war, als er dir vor Äonen in Berlin vorgestellt wurde. Da kam er frisch aus dem Club des Fondchefs und meinte, dass er noch jedes Mal sein Geld bekommen habe. Die Gewissheit ist ihm inzwischen gründlich vergangen.

Der Typ aus der S-Klasse macht seinen dummen Einwurf, den er nicht hätte machen brauchen, wenn er die ganze Zeit da gewesen wäre. Aber hier herrscht Rauchverbot, und deshalb war er draussen, als der Punkt erklärt wurde, von dem er glaubt, man hätte ihn übersehen. Man erklärt es ihm nochmal. Man ordnet es für ihn ein, und die Haifische haben längst aufgehört, sich über den neuen Mandanten zu freuen. Das ist einer von denen, die dann plötzlich, kurz vor dem vorteilhaften Ausgang, ausscheren und eine aussergerichtliche Sondervereinbarung treffen. Einer, dem man tunlichst alle Tricks und Wendungen verschweigt. Genauso könnte man nämlich die Gegenseite anrufen und es ihr erzählen.

Er schaut dem Servicepersonal ungeniert auf den Hintern, er hat keine Tischmanieren, was sich beim Essen an den kleinen Stehtischen als Urgrund der Peinlichkeiten erweist, sein Maul hängt tief über dem Teller und du kannst nicht anders, als angewidert die kurzen Borsten anzusehen, die über den Hemdkragen scheuern. Um ihn herum herrscht angesichts der neuen Fakten Trauer und Entsetzen, aber er weigert sich, die Realität anzuerkennen. Er sieht eine Bedienung, macht mit vollem Maul laut Mmmmhhmm, so dass sie sich umdreht, winkt sie zu sich und zeigt auf das nicht ganz leere Weinglas. Als sie ihm einschenkt, hat er die Brocken verschluckt und besteht auf einem randvollen Glas. "Weil Sie so selten vorbeikommen". Du stehst schräg dahinter und wunderst dich über das Zustandekommen der Berichte über dieser Person, die du im Netz gefunden hast. Ein Ausbund an Selbstbewusstsein, inmitten der Tristesse des leicht überdurchschnittlichen Müncher Edelhotelfrasses.

Später dann, als alles vorbei ist und du zu deinem Wagen gehst, fährt er an Dir vorbei, diesmal wieder eine Fluppe in der Hand, und das Handy wird sicher auch gleich ergriffen. Über dir ist dieser wunderbare Münchner Himmel, der Italien verheisst, dazu dieser Platz, der nach italienischem Muster entworfen wurde, und zu deinem Glück italienischer Art würde es nur noch fehlen, wenn aus dem dunklen BMW, der neben ihm an der Ampel hält, ein paar junge Männer in Schwarz steigen und ihn bitten würden, sie doch für ein paar Fragen zu begleiten.

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Kapitalistische Globalisierungsgegner

Wenn man sich solche Seiten über Heiligendamm anschaut, dann geht man gleich sehr viel leidenschaftsloser in Sitzungen, wo Anleger um ihr Geld und Hilfe gegen die bösen Banken und die bösen Fondmanager betteln. Steuern sparen, Altes vernichten und, von der Globailiserung profitieren wollen, aber dann winseln, wenn es um den eigenen, hässlich zusammengerafften Schotter geht.

Wenn die HVB nach dem grossen Gipfel dann den Stecker zieht, haben sie wenigstens die Garantie, dass ihr Investment noch über Wochen und Monate Gesprächsstoff bietet. Einer der heute Anwedenden empfindet es als besonders gemein, dass er jetzt schon seit Jahren immer da hoch fährtin "sein Hotel", um sein Investment zu unterstützen - und jetzt soll er schon wieder geschröpft werden. Wer etwas über das Funktionieren der deutschen Elite - Zantechniker, Mittelständler und Rechtsanwälte - wissen will: Würde ich heute eine Videokamera mitnehmen, könnte man einiges dabei lernen.

So, I´m not in it for the mony, I´m in it for the fun. Und zum Bloggen ist es auch was.

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Mittwoch, 7. März 2007

Oben ist da, wo die Deppen sind

Besonders in der Blogosphäre. Ein Glas Veuve Ficquot für manche werten Kollegen, zudem ein paar Wahrheiten weniger über das, was manche verdienen als vielmehr das, was sie letztlich bekommen - an der Blogbar. Man gönnt ihnen ja sonst nichts.

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Krank

In zwei Stunden wird mir mein Körper das Gefühl vermitteln, dass ich krank bin. Mein Hals wird klebrig sein, als hätte ich Pattex getrunken, mein Magen wird rebellieren und mein inneres Gleichgewicht nach etwas ganz pervers Schmeckenden verlangen, würzigen Gorgonzola ohne Brot etwa, oder eingelegte Essiggurken. Ich werde Kopfschmerzen haben und eine enorme Verspannung im Kieferbereich, wie man sie empfindet, wenn man sich eine viertel Stunde übergeben musste.

Und zu all dem wird sich instinktiv der Wunsch gesellen, in eine stabile Seitenlage zu gelangen. Effiktiv betrachtet, wird mir kotzübel sein, und ich weiss auch, warum. Da ist einerseits das strenge Fasten, das ich mir gestern auferlegt habe. Und andererseits das, worauf ich hin gefastet habe und das dann radibutz verschwunden sein wird:



Aber wie es diese famose Autorin so schön ausdrückt: Gesund sein ist überbewertet. Real gefühlt wird es mir also blendend gehen.

Und dann rolle gehe ich schnell noch Essigurken kaufen.

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Die Sache mit dem Linken

Heute ein ganz nettes Blog über das grosse Dorf an der Isar gefunden. Nur den Text angeschaut und gedacht: Irgendwann, wenn es passt, mal verlinken. Dann in den Header geschaut: "Der Blog". Es heisst DAS Blog. Wieder von meiner Verlinkungsliste genommen. Sowas muss man nicht unterstützen. Sowas schon eher. Solange er "Das Blog" schreibt.

Vielleicht liet es aber auch am Thema "München" generell. März ist immer eine verdammt schlechte Zeit: Nockherbergauftreiben, Fäuletonankotzen bei der angeblich jungen Literatur der Wortspiele, wo die Eigengewächse des Staatsfunks auch bei erwiesener Schreibunfähigkeit einen Platz auf dem Podium bekommen, und zu all dem die Frage: Wieso nach München, wenn der Brenner nur 150 Kilometer weiter südlich ist?

Nur, weil sich jemand eine Investition ausgedacht hat, die Folgen hat. Kaufen Sie Kunst, werte Leser, kaufen sie Sommerhäuser am Stadtrand (übrigens der schönste Blogname ever), stiften Sie den Museen oder besuchen Sie Münchens überteuerte Rotlichtbezirke (garantiert bloggerfrei) - aber kaufen sie keine Fonds von irgendwas, in dessen Name ein Wort wie "Damm", "Karee" oder "Center" auftaucht. Sie werden keinen Spass haben, und ich muss nach München. Im März. Das müsste eigentlich wirklich nicht sein.

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Mittwoch, 7. März 2007

Real Life 04.03.07 - Privatkunden beim Hoflieferanten

"Wenn Du nicht so lang auf dem Flohmarkt getrödelt hättest, wären wir früher da gewesen, hätten eine frühere Führung machen können und wären in der Sonne gesessen, aber nein, Du musst ja unbedingt so lang verhandeln, und jetzt ist die Sonne weg."

Natürlich könntest du jetzt darauf hinweisen, dass du die morgendliche Tasse Tee ihrer Kleiderproblematik verdankst, denn du warst pünktlich und musstest bei Frau Mama im Salon warten, während sie passende Handschuhe suchte und Herr Papa vermutlich seinen Golfkollegen mitteilte, dass du noch immer keinen "anständigen Wagen" hast, obwohl doch jeder in der Stadt weiss, dass ihr euch das auch leisten könntet. Man hat es nicht leicht in einer Autostadt, wenn man keine 200 PS und eine Plakette mit RS oder Quattro auf dem Wagen hat. Dann noch die Ermahnungen - noch nicht offen fahren und vorsichtig, und schon rollt ihr mit etwas weniger als einer Stunde Verspätung zum Termin mit dem Händler, der diesmal ausgesprochen hartknäckig das Bildchen für die neue Wohnung nicht hergeben wollte. Es dauerte eben alles seine Zeit. Und deshalb verschwindet die Sonne bereits hinter den Häusern der Altstadt, als ihr die Residenz mit dem kauzigen Führer verlasst und das Cafe ansteuert. Es gibt hier viele Cafes.



Aber nur eines mit der italienischen Fruchtbombe, dem fahlgelben, marzipanbedeckten Kalorienanarchisten unter den Torten. Und zwar schon immer, Rebellentradition, seit deine Eltern dich als Bratzen netterweise hierher schleiften, wo du von der Kunst der Residenz so viel verstanden hast wie ein CSU-Politiker oder seine bloggenden Geistesverwandten von Ehrlichkeit. Die Erinnerung an die Fresken muss aufgefrischt werden, die Früchtebombe dagegen...

Eine Bombe, meint Iris, sollte man auch in die Deutsche Bank werfen.

Ach, gibst du von dir, der du derartige Einlassungen von Iris eher nicht gewohnt bist.

Wirklich, sagt Iris, und erzählt. Es war nämlich so, dass ihre Eltern im Dezember Geld anlegen wollten. 10% Zinsen bot ein betrügerischer Schiffsfond, 7% inclusive Steuerminderung ein riskanter Immobilienfond, 3,8% die Hausbank ihrer Eltern für Festgeld - und 4% die Deutsche Bank. Was zur Folge hatte, dass ein Treffen mit einem Anlageberater und einem Steuerspezialisten arrangiert wurde.

Irgendwie muss sich die Deutsche Bank von ihrem Ausflug in das Global Banking noch nicht richtig erholt haben. Ihre Eltern jedenfalls kamen frisch vom Spaziergang an der Donau und nach dem hierzulande nicht seltenen Kleidungsmotto "Wir sind reich, wir müssen nicht reich aussehen". So sassen sie dann im Foyer, wurden von einem jungen Geschäftsmann angerempelt, und warteten. Eine halbe Stunde. Ihre Mama meinte dann, dass sie dem Anlageberater noch exakt eine Minute geben würde. Die Minute verstrich, und so standen sie auf und gingen. Die Strasse hinunter, wo sie Bekannte trafen, die darüber sprachen, dass sie ihre Stadtwohnung verkauften - und so kam dann das eine zum anderen, und Iris zu ihrer Wohnung.

Wann kannst du mir eigentlich den Stuck besorgen, will sie wissen, in einem Tonfall, der davon Zeugnis ablegt, dass sie von dir ein anderes Engagement als das der Deutschen Bank erwartet.

Donnerstags, sagst du, denn dann bist du wieder in München bei den Haifischen. Und du wirst diese kleine Geschichte aus der Heimat dem Knilch der Gegenseite reindrücken, denn der ist von der Deutschen Bank, und es ist immer schön, beim Essen etwas erzählen zu können, was ihn demütigt.

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Geht gar nicht

Schleichwerbung und dann noch leicht verfälscht aufgreifen - man traue nie einem PRler. Ein netten Satansbraten an der Blogbar.

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Sehr zu empfehlen - Lichtsymmetrie

Es gibt Einrichtungsprobleme, an denen bleibt man Woche und Woche hängen. Bewohner normaler Häuser beispielsweise werden diese Probleme naturgemäss nicht nachvollziehen können. Nehmen wir nur mal die Lichtschalter. So ein Lichtschalter kann einem die halbe Wand kaputt machen, wenn die Wand mehr ist als nur eine Mauer zur Raumabgrenzung. Dieser spezielle Lichtschalter sitzt neben der Tür der Bibliothek, und damit an der Wand, an der die mühsam zusammengetragenen Büsten auf Konsolen ruhen. Darunter kommen die Reliefe. Und zwar genau auf der Höhe des Lichtschalters. Ich habe inzwischen ein halbes Dutzend Reliefe, aber keines hat die richtigen Ausmasse, um den Bereich irgendwie sinnvoll zu füllen. Und es ist heutzutage enorm schwierig geworden, Gipsabgüsse zu beschaffen. Weil es einfach nicht mehr üblich ist, das heim damit auszustatten. Also blieb an der Stelle erst mal eine Asymmetrie durch den Lichtschalter.

Dabei lag die Lösung daheim bei meinen Eltern. Vor einem Jahr hatte ich bei einer Auktion aus purer Langeweile zwischen den Asiatica und den Spiegeln mitgesteigert, als eine "Schachtel mit diversen antiken Funden" angeboten wurde. Was man halt so tut, wenn es draussen regnet und vor einem 200 Nummern pure Belanglosigkeit mit Varia wie Schokoladengussformen liegt, und nur ein anderer mitsteigert. Danach bekam ich den Spiegel, brachte alles im Auto meiner Eltern unter und vergass dort die Kiste mit den Funden. Heute bin ich dann zufällig darüber gestolpert, über den etrurischen Bronzekamm und die drei Öllämpchen. Und da wusste ich, dass das Problem gelöst war.



Lichtschalter - Licht - Licht - Licht. Jetzt brauche ich nur noch eine braune Kappe für den Schalter, und dann stimmt der optische Eindruck wieder. Und vielleicht nochmal vier weitere Öllampen rechts und links der Konsole. Oder andere Kleinigkeiten, und zwei Reliefe für die linke Seite.



Kommt alles noch. Früher oder später. Spätestens in Berlin, wo man dergleichen in der Regel billigst verkauft. So von wegen Untergang und Ausverkauf der Bürgerlichkeit, und so. Irgendwie muss man ja die Spielekonsole mit einem neuen Game füttern, und ein neues Handy kommt mit dem IPhone. Wer einen Gipskopf hat, braucht keinen mehr in Grossvaters Vitrine.

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Montag, 5. März 2007

Nominiert für den Lead Award oder

Bürgerjournalisten sind auch nur Blogger Journaille Fälscher Menschen. Was macht eigentlich so eine Medienpreisjury?

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Seriöses Bloghandwerk aus Hamburg

Buchen Sie noch heute Mattkid37, unsere wohlfeilen Spezialisten für Fliessenmontage und Unterwasserbohrarbeiten.

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3 Akkorde vs. Homeshopping Blogosphere

oder vielleicht gar das 9live des Bloggens? Ne, das ist dann doch eher Trigami. Weiteres an der Blogbar.

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Montag, 5. März 2007

Die Cabriosaison beginnt - oder auch nicht.

Sogar der Söder will so etwas nicht mehr rumfahren sehen. Schluss mit lustig, ab auf den Autofriedhof.



Man könnte meinen, dass spätere Generationen solche Bilder nur noch kopfschüttelnd zur Kenntnis nehmen.



Neben Bildern von Atompilzen, abgeholzten Regenwäldern und ähnlicher Vegehen an meinen Kindern, von denen ich mangels Existenz gar nichts geliehen haben kann.



Glaubt man der FAZ, ist es ohnehin vorbei, man macht keine Photos mehr von sich, der Karre, einer einsamen Landstrasse und dahinter dem Sonnenuntergang.



Ich habe dazu natürlich auch eine Meinung. Tempolimits auf der Autobahn finde ich grossartig. Weil ich das Rasen eine Weile beruflich betrieben habe und weiss, welcher Irrsinn von Ahnungslosen veranstaltet wird. 130 reicht völlig, die wenigsten Raser können auch nur 200 Sachen kontrollieren, und mehr als 220 ist auf öffentlichen Strassen ein Verbrechen, wenn die Leute kein Training haben.

Wenn ich kann, nehme ich die Landstrasse, so kurvig wie möglich. Und bei uns gibt es viele Kurven in reizvoller Landschaft. Kurven, bei denen man auch mit 80 den Spass an der Sache verlieren kann. Sprich, ich fahre ganz anders. Und solange nicht alle so fahren wie ich, ist das kein Problem. Schlimm wäre es natürlich, wenn alle auf die Landstrasse gehen würden.

Aber das ist nicht das eigentliche Problem. Das Problem ist der Verkehr in den Städten, das Ozon, der Dreck, der Gestank und der Benzinverbrauch im Stop and Go. Ich bin mit dem Roadster fast ausschliesslich auf Landstrassen unterwegs; da, wo die meisten von einer zersiedelten Vorstadt in den Beruf und wieder heim gurken, fahre ich mit dem Fahrrad. Genau da liegt aber auch der unüberwindbare Gegensatz: Keiner will bei der Fabrik wohnen. Und die Fabrik will sich nicht aufteilen und zu den Menschen in die Vorstädte gehen. Die Lücke dazwischen ist das Problem.

Und ausnahmsweise kann man der Industrie allein nicht mal die Schuld geben. Smart und Audi A2 waren Vollpleiten, dagegen verkaufen sich völlig irrwitzige SUVs, als wären die Autobahnen Feldwege. Und für jedes Mikrogramm CO2, das wir einsparen, blasen drei chinesische Aufsteiger das hundertfache an Dreck in die Luft. Wenn sie nicht gleich den innerchinesischen Flieger nehmen.

Wie auch immer: Baut mehr Cabrios. Mehr und vor allem leichtere Cabrios, die weniger Benzin brauchen. Wer Cabrio fährt, fährt in der Regel langsamer. Es ist kalt, zugig, man kann Musik nur bis Tempo 100 hören, Reden wird ab 70 schwierig, aber es ist so schön, dass man automatisch gern langsamer fährt. Selbst, wenn es dann auf den Bildern immer sauschnell aussieht - das ist die Belichtung und das Weitwinkelobjektiv, nicht der Bleifuss oder das CO2.

ausserdem bekommt man davon zahnschmerzen und trommelfellentzündung, und dann bleibt man ein paar tage daheim und fährt gar nicht.

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Kgl. bayr. Standgericht

"Se deafan photografiern, aber bittschee ned mit dem Blitz wenge dene Ölgemälde, de vadrogn des neda. Und mitm Stativ brauchd ma auch eine amtliche Genehmigung ned woa, aber wir san guad ausgleichtet, da grings scho schene Photos...

er beschaut mein kleines, 20 cm hohes Stativ mit seinen kleinen Gumminoppen an den Beinen, wiegt den niederbayerischen Kopf hin und her, und sagt dann:

Wobei, mia hom zwoa a amtliche Vorschrift wegen Stativen, owa des is ja nur a kloans Stativerrlll, da gibts soweid i woas koa Vorschrift ned.



Wenn man durch die Käffer fährt und die verspoilerten Karren sieht, die Schilder für die Gaggerlparties und die misstrauischen Blicke, dann ist es gut, wenn man so wieder mit dem Land versöhnt wird.

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Sonntag, 4. März 2007

Zu Besuch bei der jungen Dame

Aus einer Zeit, als man die Vergnügungsstätten noch ohne Scheu und Zurückhaltung "Lustheim" nannte. Ganz ohne rote Laternen.



Morgen vielleicht mehr davon. Dort, wo sie ist, sind noch viele andere, und bröckeln vor sich hin.

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Liebe Gäste aus den Niederlanden!

Schön, dass Ihr uns in dieser Jahreszeit in Bayern besuchen kommt. Ich weiss, Bayern ist für Euch weniger Ziel als vielmehr ein weiteres ödes Hindernis auf dem Weg in die Berge, wo Ihr Eure Knochen unter die Pistenbullies werft und somit den österreichischen Kurpfuschern Arbeit verschafft. Ich aber bin froh, dass Ihr jetzt so kommt, wie Ihr normalerweise nicht seid: Nämlich ohne Wohnmobil und Caravan. Was normalerweise bedeutet, dass Ihr an Steigungen, Gefällen und Kurven, die wir hierzulande mit 120 nehmen, mit Schleichfahrt Katastrophen anrichtet. Dergestalt, dass Ihr Flachlandbewohner erst in der Kurve oder an der Höhenveränderung begreift, dass dergleichen existiert und deshalb panisch auf die Bremse latscht. Und wir dahinter gerade wieder Gas geben.

Aber das ist im Sommer; im Winter geht auch Ihr nicht auf den Campingplatz. Und deshalb kommt Ihr mit Euren japanischen Gurken, Euren französischen Buletten mit der Kraft unterdimensionierter Froschschenkel und mancher sogar mit einem Opel Astra. Da seid Ihr dann auf einer Autobahn ohne Tempolimit und ohne Anhänger hinten dran. Und tut etwas, das ihr in den Niederlanden nie tun würdet: Ihr lasst die Sau raus. Hauptsache auf die Piste und unter den Bully. Weil, Kurven könnt ihr weder auf Schnee noch auf Asphalt. Immer nur rein ins Verderben.

Und deshalb müssen wir reden. Es ist nämlich so, dass das Rasen gelernt sein will. Ich habe es gelernt, ich kann über Stunden voll konzentriert durch Serpentinen jagen und weiss, wo der richtige Bremspunkt ist. Würde ich wollen, könnte ich in unter drei Stunden nach Berlin fahren. Ohne mich und andere zu gefährden. Käme dann zwischendrin ein schwerer Regenschauer, und die Autobahn wäre mit Niederländern verstopft, wüsste ich, dass es gefährlich wird, und ich ginge vom Gas. Ich würde vielleicht ein paar Minuten zu spät kommen, und nicht zwei Stunden.



Wie heute. Weil Ihr Volldeppen nämlich nicht fahren könnt. Fahren heisst nicht Bleifuss. Fahren heisst nicht mit gespoilertem Astra "MC Pinkels feuchter Traum" hinter Holledau im Platzregen auf der linken Spur zwei andere Volldeppen ohne Sicherheitsabstand zusammenschieben, und es heisst auch nicht bei München Nord nochmal im Stau einen Auffahrunfall hinzulegen. Autos haben Bremsen und Lenkung, sie beissen nicht, wenn man das nutzt, und wenn Ihr schon in Österreich unter den Bully wollt, fahrt lieber über Frankreich und die Schweiz, da schröpfen sie Euch nämlich bis auf die Unterhosen, wenn Ihr dort so einen Scheiss zusammenfahrt wie hier in Bayern.

Und wir bleiben beste Freunde, weil ich meine Freunde rechtzeitig erreiche. Versprochen.

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Für Buchfreunde

ein paar Worte über den Buchhandel in der Allenby Road. Ich kann es auch im Ausland nicht lassen. Sollte ich mich je ruinieren, dann für Bücher.

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Freitag, 2. März 2007

Bevor es zu Gerüchten kommt

Ich habe soeben in Frieden und Respekt meine Teilnahme beim Kongress re:publica abgesagt.

Ich habe damals zugesagt unter der Massgabe, dass ich alle meine Kosten selbst trage, denn ich bin nicht käuflich, und schon gar nicht von Menschen, die ich achte. Ich habe nicht abgesagt, weil ich ein Problem mit den Veranstaltern habe. Ich habe hohen Respekt vor Johnny und seiner Leistung, und ich denke, dass er einen tollen Job machen wird.

Aber mein Gefühl sagt mir, dass gerade etwas zu Ende geht, und dass das, was sich herausbildet und bei re:publica vertreten wird, nichts mehr mit meinem Weg zu tun hat. Vermutlich wird es ohne mich konfliktfreier, ein paar Kaufnutten, Strichbuben und ihre dreckigen Freier werden einmal weniger die Kalkscheune verlassen müssen, und ich muss nicht meine Reflexe unterdrücken, dem Pack meine Meinung in der Form mitzuteilen, die ich innerlich für angemessen halte. Ich will mich nicht verbiegen, und ich will auch nicht der Quotenrebell sein.



Alles Gute, Johnny. Die Pest für die Scharlatane. Zu den weiteren Folgen, und warum ich jetzt nach 6 Jahren hier draussen die Reformorden des Mittelalters besser verstehe als nach 6 Jahren intensiven Studiums der Originalquellen, warum ich heute über deren Bestrebungen nach Reinheit nicht mehr lachen kann, später mehr.

nein, nicht nur wegen des urheberrechtlich geschützten photos - ich sage das für die zeitgenossen, die unbedingt eine rechnung wollen. wenngleich gekaufte blogger nie so cool aussehen.

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Selbsterkklärend

Nach der Umstellung auf das Bacchelor-/Mastersystem fürchtet Michael Lxxxxx um die Bildung.
Aus dem Newsletter der Studentencommunity der Vertriebenenpostille ZEIT.

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Freitag, 2. März 2007

Lokalberichterstattung

wie ich sie gern öfters lesen würde, aber so nur in den Blogs bekomme. Von wegen Modeerscheinung.

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Grandmother´s Finest

In der Küche stehen die Beweise dafür, dass ich in meiner Saison en Enfer, meiner Zeit in der Unterwelt Berlins, die heute weitgehend im Dunkel des Vergessens verschwunden ist bis auf die lieben Menschen, die ich dort kennen dürfte; in der Küche also stehen die Beweise, dass ich dort noch etwas anderes getan habe, als auf den Schmutz zu starren und dafür die dortige verlorene Pracht zu verachten. In meiner freien Zeit habe ich viel gejagt und auch manches gefunden, und was davon heute in der neuen Wohnung ist, steht nun zumeist im Küchenschrank. Und nicht, wie die alten Stücke der Familie, in der Biedermeiervitrine neben den historischen Büchern im Wohnzimmer.

Und wenn ich jetzt alles hergeben müsste und nur eine Sache da drin behalten dürfte, unter all den in Kälte, Eis und Hitze den Händlern entrissenen Schätzen, den englichen Teekannen, den Biedermeierschalen, den amerikanischen Streuern, den weniger wertvollen, versilberten Tabletts, die zur Hochzeit verschenkt wurden und den Gläsern der Witwe Loetz -



dann würde ich das alles hergeben und lediglich die weissblaue Borte behalten. Denn mit der hat es, wie überhaupt dem Küchenschrank, eine besondere Bewandtnis.

Früher war es in dieser Stadt so, dass man innerhalb der Stadtmauern wohnte. Wer hier zu den besseren Kreisen gehörte, war meist auch Mitglied eines der Schützenvereine, oder, wenn es die rund 1000 Personen umfassenden Clans der Oberschicht betraf, Mitglied im Jagdverein. Darunter kamen dann, für die Bewohner der schlechteren Viertel, die Reservistenvereine. Aber die meisten Männer hatten zuhause irgendeinen Schiessprügel. Der verlangte nach Aufmerksamkeit und Übung. Und dafür gab es in den Donauaauen einen Schiessplatz, wo man sich am Samstag und Sonntag zum Ballern traf.

Der Schiessplatz wiederum lag in der sumpfigen, unfruchtbaren Donauniederung westlich der Altstadt, jenseits der Stadtbefestigung. Man baute eine schnurgerade Strasse hinaus, dazu noch ein Schützenhäuschen, später eine Gaststätte, und dort war dann stets geselliges Treiben: Die Männer schossen, die Kinder spielten, und die Frauen tratschten, wer mit wem im Bett war und welches Kind ein Bastard sein möge. Immer wieder unterbrochen durch den lauten Knall der Büchsen und Jagdflinten.

Damals waren die Damen auch noch etwas empfindsamer als ihre heutigen Nachfahrinnen, die von der Glotze ganz andere Ballereien beim Chipsfressen gewöhnt sind, und so ergoss sich mancher schreckhaft verschütteter Tee auf die blütenweisse Sommergarderobe, die man damals im Königreich Bayern zu tragen pflegte. Überhaupt sind schiessende Gatten gepflegten Gesprächen über Untreue nicht wirklich zuträglich, und aus diesem Missverhältnis heraus entstand eine Idee, die später die Geschicke der Oberschicht der Stadt auf Jahrhunderte bestimmen sollte.

Die Damen der Gesellschaft wollten nämlich eine Trennung von ihren schiessenden Herren. Möglicherweise wollten auch die schiessenden Herren eine Trennung von den oidn Tratschn, ich kenne leider nur die von weiblicher Seite überlieferte Tradition, die auf meine Grosstante und meine Grossmutter zurückgeht, die beide noch den Prinzregenten Luitpold gesehen haben. Um diese räumliche Trennung zu vollziehen, ohne eine gewisse familiäre Nähe ganz aufzugeben, verfiel man nun auf die Idee, sich entlang des Weges zum Schiessplatz, dem daher sogenannten Probierlweg, grössere Grundstücke zu kaufen. Die wurden dann gerodet, mit Apfel- und Zwetschgenbäumen bepflanzt, mit Beeten für Gemüse und Blumen versehen, und dann baute man noch eine Hütte, in der man die wichtigsten Dinge zum Gebrauch am Wochenende unterbrachte.

Dort, in diesen Gärten, spielte sich dann im Sommer das gesellschaftliche Leben ab. Die meisten alteingesessenen Familien hatten so einen Garten für die Sommerfrische, denn bis zur Pauschalreise dauerte es für die meisten bis in die 50er Jahre. Die Leistung meines Grossvaters, mit seinem ersten Tourenwagen 1928 nach Italien zu fahren und mit dem Zug und einer wichtigen Erfahrung zum Thema Lenkverhalten in Kurven heimzukehren, galt damals noch als grosses Abenteuer. Wenn überhaupt, kam man in die Voralpen zu der Verwandtschaft in Rosenheim, mit dem Zug zur ferneren Verwandtschaft zu den Schlawacken in Wien und Budapest, aber meistens war man hier in den Lauben vor der Stadt. Genau so kenne ich das noch aus meinen jungen Jahren, als die Stadt nur halb so viele Einwohner hatte. Die alten Familien aber überlegten damals, ob das Verbleiben in der Altstadt noch zeitgemäss war. Schliesslich wohnten alle anderen draussen in modernen Blocks und Bungalos, in denen sich die zugezogene Funktionselite nieder gelassen hatte. Die alten Häuser in der Stadt waren nicht mehr repräsentativ genug. Man wollte raus ins Grüne.

Und so kam, was naheliegend war. Die Hütten, Beete und Bäume am Probierlweg verschwanden, und statt dessen errichtete sich hier die bessere Gesellschaft ihre Villen. Man hatte das Grundstück, den Schiessplatz gab es nach 1945 nicht mehr, keiner brauchte mehr Äpfel und Zwetschgen, die man im Supermarkt weitaus schöner und ohne Wurm bekam, und auch das Grundstück meines Clans wurde von der Villa meiner Grosstante überbaut. Hier blieben die Apfelbäume jedoch stehen, die bis heute die Grundlage des heimischen Apfelstrudels sind, der alte Brunnen wurde weiter betrieben, aber die alte Laube, ein dunkelblau gestrichenes Holzhaus mit vier Fenstern und einer Tür, wurde wegen Baufällugkeit abgerissen. Erhalten hat sich davon nur eine Blumenkiste mit tanzenden Amoretti - und mein heutiger Küchenschrank.

Wäre er aus Nuss oder Mahagoni gewesen, hätte keiner "den dunklen Hund" mit seinen historistischen Schnörkeln und Säulen haben wollen. Was ihn gerettet hat, ist sein Material: Billige Kiefer mit Astlöchern. Nicht das Beste, zur Zeit seiner Entstehung eigentlich nicht dem Stand angemessen, aber es war nur ein Möbel für die Sommerlaube, also war man damit zufrieden. Kiefer natur wiederum war schlechthin das Material der ersten Ikea-Generation Ende der 60er Jahre, zu der auch meine Eltern gehörten. Kiefer von Ikea war der letzte Schrei und ihr Bekenntnis zur neuen Zeit. Die Form des Küchenschranks fanden sie grauenvoll, aber in einem Anfall von antiautoritärer Behauptung gegen die Nierentische oder die stromlinienförmigen, skandinavischen Möbelsitten der vorhergehenden Generation nahm meine Mutter den Küchenschrank und postierte ihn in der oberen Küche der Einliegerwohnung, von der man annahm, dass eines der Kinder sie später bewohnen würde.

Meine Mutter jedenfalls beschloss, den Schrank zeitgemäss zu machen. Und deshalb die grauenvoll kitschige weissblaue Borte zu entfernen. Sie löste die Nägel, und warf sie in die Aschentonne. Tags darauf kam meine Grossmutter zufällig auf den Schrank zu sprechen und erzählte die Geschichte dieser Borte: Als der Kronprinz eines Sommers für eine Militätparade die Stadt besuchte, verfielen alle in einen weissblauen patriotischen Freudentaumel, und draussen in den Lauben stickten und nähten die Frauen über Wochen hinweg weissblaue Fahnen, Wimpel, Bordüren und Borten. Wo immer man konnte, brachte man die Landesfarben an, und so eben auch die feinste Stickerei am Küchenschrank, den meine Mutter jetzt hatte, ein besonderes Relikt einer besonderen Zeit, in der alle hofften, der Kronprinz wollte seinen huldvollen Blick auf all die geschmückten Lauben werfen. Schneller ist meine Mutter danach wohl nie mit ihrem signalgrünenAudi-100- Schlachtschiff nach Hause gerast, um die Borte aus der Mülltonne zu retten und dort anzubringen, wo sie jetzt wieder ist.

Sie ist unglaublich fein gestickt, Knoten für Knoten, sie ist inzwischen fast 100 Jahre alt und immer noch wie neu, eine Qualität, die nur entsteht, wenn jemand sich wirklich alle Mühe gibt, das Ergebnis vieler Sonntag Nachmittage draussen vor der Stadt, und deshalb das Einzige in diesem Schrank, woran in wirklich hänge.

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