: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Sonntag, 15. Juli 2007

Empfehlung heute: Finger weg

vom Internet! Es ist viel zu schön da draussen.



Und wenn Ihr arbeiten müsst, dann arbeitet, husch husch, und macht, dass Ihr rauskommt.

Nur, falls Ihr auf der Dachterasse seid und ohnehin ein klassisches Automobil mit wenig PS und ohne Klimaanlage sucht, wie etwa einen Volvo Amazon, dann ist hier vielleicht was für Euch. Und wenn Ihr schon einen Amazon habt, dürft Ihr hier auch kommentieren und mir erklären, wieso ich das Ding wirklich nicht brauche und mich damit unglücklich mache, denn unter einer rostigen Karre liegend, bringt das Wetter auch nichts.

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Lebende Fossilien.

Nachdem man hier in fast schon rufschädigender Manier - Diät? ICH??? Wozu, meine Damen, wollen Sie verdörrte Pleitenheringe vom Fischmarkt? - erwähnt werde, darf ich anmerken: Nein. Natürlich gibt es hier zum Tee immer Kuchen. Manchmal, aus wissenschaftlichem Interesse heraus, aber auch schon früher. So wie heute:



Das hier ist ein Kirsch-Mandel-Kuchen vom Wochenmarkt. Und zwar so, wie man ihn aus dem späten Mittelalter, der Renaissance und überhaupt aus der Zeit vor dem industriell erzeugten Zucker kannte: Flach, breit, dünn, was früher angesichts der noch nicht bekannten Kuchengabel beim Zerkleinern auch sinnvoll war. Direkt von der Tapisserie also auf meinen Tisch. Wenn man so will, ein lebendes Fossil aus dem Tortenjura. Ein Fossil, das hier seine perfekte Lebensumgebung gefunden und ausser ein paar gefrässigen Bayern keinerlei natürliche Feinde hat.



Die Spezies des gefrässigen Bayern jedoch, die unter solchen Torten trefflich gedeiht, hat es auf die interessante Kombination der Mandelschuppen und dem süssen Kirschfleisch im Inneren agbesehen, weshalb es wirklich auch für ausgewachsene Exemplare des Kirsch-Mandel-Kuchen gefährlich wird, sich auf dem Wochenmarkt herumzutreiben. Er ist zudem leicht von Aussen zu erkennen, denn am Rand sind immer einige dunkelrote Kirschstücke, die dem äusserlich eher unscheinbar-braunen Kuchen dem Kenner schnell verraten.

Das war schon so in der Renaissance, und wird wohl noch lange so bleiben.

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40 Minuten







Wenn heute nicht das sog. "Bürgerfest" in der Altstadt wäre, könnte es wirklich ein schöner Abend sein.

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Freitag, 13. Juli 2007

Dein Vater ist reich und Deine Mutter sieht gut aus

Es ist ganz seltsam. Ich kann das selbst nicht niederschreiben, ohne dass es nicht eine leichte negative Aufladung hätte. Nochmal: Dein Vater ist reich und Deine Mutter sieht gut aus. Dein Vater ist reich und Deine Mutter sieht gut aus. Dein Vater ist reich und Deine Mutter sieht gut aus. Irgendwann, nach ein paar mal, verflüchtigt sich das Negative.

Dein Vater ist reich. Ist das ein Problem? Und was ist reich? Welche Bedeutung hat das Wort im Kontext? Genug zum Leben und noch etwas mehr? Reich ist immer der, der mehr hat als man selber. Ist das ein Problem? Nein. Und so zerfranst sich langsam dieser negative Unterton. Ist halt so. Ich würde das niemandem so sagen, ich würde das Wort "wohlhabend" oder "begütert" verwenden, zwei Worte übrigens, die auf dem Rückzug sind und vom umfassenden reich verdrängt werden. Früher war man reich, wenn man jeden Tag Fleisch essen konnte, heute kann sich jeder Billighack im Kilo leisten, ohne an die leute zu denken, die wegen des Sojaanbaus in der Dritten Welt vor die Hunde gehen, und für die auch die Gropiusstadt eine Oase des Rechtums wäre. Reich. Warum nicht.

Und Deine Mutter sieht gut aus. Das ist bei vielen Müttern so. Frauen bemühen sich eigentlich sehr oft, jenseits der 40 gut auszusehen, fast so, als sei Alter eine Schande. Es ist ok, gut auszusehen, es macht aber niemandem zu einem schlechteren Menschen, wenn er es - immer nach unseren aktuellen Kulturdefinitionen - nicht tut. Auch hier wieder, die Frage der Grenze. Wer definiert das, muss es wirklich schön sein, reicht nicht hübsch und Lebenserfahren auch aus, geht es nicht ohne liften, zählt Ausstrahlung eigentlich nicht mehr als die Fassade, sei es nun Aussehen oder das Geld, oder besser, die Rücklagen auf der Bank? Aber wenn es so ist: Gut. Schön ist erst mal nur schön, weder dumm, arrogant, eingebildet, was auch immer.

Dein Vater ist reich und Deine Mutter sieht gut aus.

Es ist Sommer, das Leben ist einfach, im See nebenan springen die Fische, und das Getreide auf den Feldern steht hoch. Dein Vater ist reich und Deine Mutter sieht gut aus.
Es gibt also keinen Grund, Dir Sorgen zu machen.

Besonders der Nachsatz. Da kommt sicher manchen die Galle hoch bei der Vorstellung. Muss sich nicht strecken, kein Risiko, Kind reicher Eltern, bäh Grünwald Westend Kö Maxstrasse Elbvorort und was da noch alles mitschwingt. Und irgendwo unten der Wunsch, dass es den betreffenden mal richtig auf die Schnauze haut, und man dann vorüber geht und nochmal drufspuckt, die kleinen Träume des grossen Sozialneides. Und die Ahnung, dass es nie so weit kommen wird. Denn der wird einfach irgendwann loslegen, ab in den Himmel, nichts hält ihn auf, und bis dahin ist alles gesichert, denn Vater und Mutter passen ja auf. Sommer, gestern, heute, es wird immer Sommer sein, und das Leben im Sommer, draussen am See, das ist wirklich fein.

Das alles packen manche nicht. Auf Deutsch. Dabei ist es einfach nur Summertime von Renee Olstead.

summertime...
and the living is easy
fish are jumping and the cotton is high
your daddy´s rich and your ma´ is good looking
so hush little baby, don´t you cry

one of these mornings
Summertime you gonna rise up singing, then you spread your little wings and then take to the sky...take to the sky
but till that morning, there´s nothing that can harm you
with daddy and mommy, standin´ by

summertime, yestertime, I´m talking ´bout summertime
and the living, summerliving, and the living is so fine.

Hier. Jetzt. Weit entfernt.

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Gosse hat einen neuen Namen

Kann mir mal einer erklären, wie man eigentlich zwischen BILD-Lesern und bei Stefan Niggemeier aufschlagenden Bildbloglesern unterscheidet? Antworten werden an der Blogbar entgegengenommen.

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Donnerstag, 12. Juli 2007

Segler, Golfer, Lobo

Während drüben bei Yahoos früherem Werbepartner Spreeblick ein wenig biologistische Hetze gegen die Kinder von Besserverdienenden betrieben wird, kann man im Werbenetzwerk Adical auch noch ganz anders. Ich persönlich meide solche Wäb tuh oh Iwänts wie die Cholera, ich war da zu oft und ertrage diesen Unsinn da nicht mehr, aber es begab sich, dass der grosse Schweiger und Adical-Geschäftsführer Sascha Lobo plötzlich doch den Mund auftat, und zwar bei einem Ontröprönör-Treffen im schönen - oder so - Bremen. Und wie es der Zufall so wollte, ist unter den High Potentials der altehrwürdigen Wrackplünderermetropole auch ein alter Bekannter das Dotcomtodzeiten, der freundlich genug war, mir einen kleinen Bericht über Lobos Auftritt bei den Seglern und Golfern mit dem longen Tail zu schicken. Und bevor einer nörgelt: Ich arbeite nicht wie Stefan Niggemeier, ich habe natürlich vorher eine weitere, unabhängige Quelle befragt:

Bei der adical-yahoo-Geschichte war Sascha Lobo abgetaucht. Wieder aufgetaucht ist er in der Bremer Provinz. Dort gibt es noch Leute, denen Lobo die digitale Bohème als Panazee verkaufen kann und die begeistert jedem zuhören, der ihnen hilft, ihr Pleite-Bundesland schön zu fabulieren. Da sieht man routiniert über die verrosteten Eisenträgern im heruntergekommenen Hangar am Airport Bremen hinweg.

Willkommen in der deutschen Realität abseits der schicken DLDs, Barcamps und web2.0-Tagungen. War (fast) alles so wie früher. Bunte Punkte auf dem Namensschild (gelb=Dienstleister, rot=Investor, grün=Gründer, usw. - die Älteren werden sich erinnern), die Subventionshaie aus der Wirtschaftsförderszene, Start-up-Gründer, Verwaltung, Politik und sogar zwei Landesminister (Senatoren) - nur die Location und das Catering waren Web2.0 und nicht NE.

Warm-Upper Dirk Beckmann gab den Massstab vor: Milliarden werden investiert, Web2.0 ist eine "Kulturrevolution", eine "Haltung". Und wie auf Bestellung wird "Yahoo Clever" gelobt. Er nutzt es regelmässig. Er also.

Alles bereit zur Lobo-Selbstvermarktungsshow. Irgendjemand hatte Lobo wohl eingeredet, dass er vor honorigen hanseatischen Kaufleuten auftritt. Sein Iro blieb im Schrank, und er wandte sich in sonorem Ton an die "Golfer und Segler" im Publikum. Zwei eigene NE-Pleiten sollten als Ausweis der Erfahrung herhalten und natürlich sein Netzwerk. Wie die Freundin in New York, die als Beispiel für die beeindruckende Macht des Longtails herhalten musste. "Jamie", so ihr Name, beklebt Lichtschalter mit Renaissance-Motiven und vertickt diese im Internet. Ein Business-Konzept, das uns ohne Web2.0 erspart geblieben wäre.

Natürlich spielen blogs eine Rolle in Lobos Social Media Welt, obwohl er eigentlich gekommen war, "um Sie vor Blogs zu warnen". Sieht aus, als hätte aus der adical-Diskussion gelernt. Blogs sind eine gefährliche Sache: "ab heute wird zurückkommuniziert". In der Provinz galt es für den Propheten bahnbrechende Entwicklungen zu verkünden. Vor 10 Jahren musste ein Experte ein Buch schreiben, um von den Medien wahrgenommen und zu Talkshows eingeladen zu werden. Heute reiche ein Blog aus - ohne zu darauf einzugehen, dass er selbst doch ein Buch brauchte. Der Vorteil von Web2.0 ist die Ansprache ohne Streuverluste. Da gäbe es einen Blogger, der Monoblock-Stühle [ja, der Garten-Sondermüll] als Thema auserkoren hätte. Ein echtes Expertenblog. Verlustfreie Werbeplattform für Plastikfetisch-Artikel?

Lobo sah in Zukunft "für jeden Markt eine Community". Second Life wird es jedoch nicht sein, "da brauchen Sie nicht zu investieren" - "geben Sie kein Geld aus". Selbstkritisch vermerkte er, dass dies sich in seinem Buch noch anders angehört hatte. Nicht jeder Trendzug fährt halt zum Erfolg. Wenn es Richtung Kinderpornos und Cybersex geht, springt auch Lobo besser ab.

Das urbane Pennertum, die Experten für beklebte Lichtschalter und Billigstühle, wurde in der Veranstaltung als neue "creative class" gefeiert, das von den Städten anlockt werden müsste, damit die Unternehmen dann von selbst kommen. Da stellt man sich unwillkürlich das von Lobos ZIA geplante Schlafsacklager "9to5" vor. Nachdem in Bremen die übliche Wirtschaftsförderung das Land an die Wand gefahren hat, muss man befürchten, dass die Senatoren Lobo ernst nehmen und Campingplätze freiräumen.

Gott sei Dank wurde die abschliessende Diskussion ganz schnell abgesagt. Ein Blick nach draussen hätte genügt, um das reale Business zu sehen und nicht die Gaga-web2.0-Geschäftsideen. Die Boombranche der letzten Jahre: Die Jets der Billigflieger für Ausflüge in die Realität statt ins virtuelle Netz. Leider werden nie Digitalnomaden in den Fliegern sitzen, auf dem Weg zum Strand, wo sie mit dem Notebook arbeiten und Aufträge nur zwischen 20:00 und 24:00 Uhr entgegennehmen.

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Vielen Dank, A.! Und um das an der Stelle auch noch gleich loszuwerden: Aufgrund einer massiven Uneinsichtigkeit eines wenig seriösen Autors und trotz mehrerer Warnungen musste ich jetzt auch noch eine Strafanzeige gegen ein kommerzielles Medienangebot stellen lassen. Nur damit sich demnächst keiner wundert, wenn es wieder etwas härter zugeht - sage bitte keiner, ich würde das heimlich tun.

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Der beste Kauf des Sommers

Ich so, vor drei Wochen: Oh, ein hübscher Kerzenhalter!

Iris so: Oh Gott nicht schon wieder, es ist Sommer, da braucht das kein Mensch, und es steht dann nur wieder rum.

Ich so (vollkommen ungerührt): Was kostet der?

Händler so (mit Blick auf die zeternde Iris): 10 Euro

Ich so: Gekauft!

Iris so: ichfassesnichtschonwiedereintrummderhatnenhau (oder so ähnlich)



Ich so: Jetzt bitte. es wird sicher irgendwann wieder Winter. Da kann man den gut brauchen. Ausserdem hat sie eine hübsche Nase.

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Empfehlung heute: Eine gute Idee für Schäuble

hat Sven Scholz, denn vielleicht kennt der Innenkriegsminister einfach nicht das Grundgesetzt - und das kann man ja leicht ändern.

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Ma non troppo I: Bolivian Baroque Vol.2

Es ist, denke ich, allgemein bekannt, was der "Stadtpalast" war, bevor er von meinem Clan erworben wurde: Eines der Zentren der Gesellschaft Jesu, eine ihrer wichtigsten Bildungseinrichtungen nördlich der Alpen, und nur der historische Abstand mildert eine harte Beurteilung nach unseren heutigen Standards. Wer hier wohnte und arbeitete, war führend beteiligt an der Bekämpfung von Vernunft, Aufklärung und der Freiheit des Menschen. Ich bin in diesem Haus geboren worden, ich bin sein Hüter, und es ist ein Stück historischer Gerechtigkeit, hier heute ganz andere Dinge zu tun und schreiben zu dürfen, unfassbar weit entfernt von dem, was sich die Erbauer und Bewohner je hätten vorstellen können. Und dennoch beginnt diese Serie nun mit dem Wirken und der Musik eben jener Herrschaften, die in mir eine Ausgeburt der Hölle sehen würden, deren Vernichtung ihnen einst mit netten Zuwendungen vergütet werden sollte - man kennt das mit den Jungfrauen von 1 bis 70 ja auch aus anderen terroristischen Kulturkreisen.



Voltaire nimmt in seinem Candide so gut wie alles an Zeitgeschichte mit. In einem Parforcereritt durch vier Kontinente lässt er seinen Helden die Schattenseiten der Welt des 18. Jahrhunderts erfahren, und überall lauert Betrug, Gier, Dummheit und religiös motiviertes Verbrechen auf die Helden. Eine Ausnahme aber macht er, und die betrifft ausgerechnet die ihm ansonsten höchst verhasste Gesellschaft Jesu. Denn bevor Candide den sog. Jesuitenstaat in Paraguay erreicht und dort den Bruder seiner Angebeteten ersticht, erzählt ihm sein derber Diener Cacombo von den Sitten im Herrschaftsgebiet der Gesellschaft. Und es ist gar nicht so arg negativ: Es geht dort "nur" um die Ausbeutung von den Eingeborenen, Durchsetzung der jesuitischen Staatsdoktrin und um Machtspiele gegen die spanischen Siedler und die spanische Krone. Das ist für Voltaire, relativ betrachtet, ein sehr mildes Urteil, zumal es erkennbar die schlechte Nachrede einer Buffofugur ist.

Der Jesuitenstaat bringt die Aufklärer in Argumentationsnöte. Viel ist darüber in Europa nicht bekannt, denn die rund 30 Mustersiedlungen für einen Indiostamm, die von der Gesellschaft im heutigen Bolivien, Paraguay und Argentinien in abgelegenen Regionen gebaut werden, legen keinen Wert auf Einmischung von aussen. Die Jesuiten hatten die Erlaubnis direkt von der spanischen Krone, sich nach ihren eigenen Vorstellungen um die Indios zu kümmern. Im Gegensatz zu den weltlichen Siedlern, die Indios gnadenlos bis zur - man kann es nicht anders sagen - Vernichtung durch Arbeit treiben durften, solange sie nur einen Geistlichen zu ihrer Bekehrung unterhielten, versuchten die Jesuiten, die eingeborene Bevölkerung behutsam für ihre Werte zu begeistern und ihre Existenz zu sichern. Die heute als Weltkulturerbe geschätzten Jesuitenreduktionen waren tatsächlich eine Art gelebte Sozialutopie, die sich zumindest von der umgebenden Ideologie der Ausrottung fundamental unterschied.

Man könnte jetzt lange darüber diskutieren, ob das Angebot "sanfte Bekehrung gegen Schutz vor der Vernichtung und Sklaverei" fair war. Jedenfalls waren die Reduktionen durch ihre straffe Organisation wirtschaftlich so erfolgreich, dass man in Europa vermutete, die Siedlungen würden durch Gold- und Silberbergwerke und Ausbeutung der Indios das Vermögen der Nachfolger des Ignatius mehren. Genaues wusste keiner, denn der Zutritt zu den Siedlungen war Europäern nicht gestattet, und auch die Priester hielten sich weitgehend fern von den zumindest teilweise autonomen Gemeinschaften. Bis auf die Messen, die man zusammen zelebrierte, und die den Schäfchen alle Herrlichkeit des Ordens vorführen sollten.



Womit wir bei der CD "Bolivian Baroque volume 2" des auf alte Musik spezialisierten Ensembles Florilegium aus England und seiner Entdeckungsreise zu den musikalischen Schätzen der Gesellschaft in Bolivien sind. Florilegium hat früher schon eine Reihe aussergewöhnlicher Tonträger produziert, wie etwa feinste Aufnahmen der Kammerkonzerte von Telemann, die sich fundamental und wohltuend von den Kurorchesterfassungen unterscheiden, die man für 2,99 Euro in Massenmärkten in MP3-Krachwürfelabmischung bekommt.

Im Gegensatz dazu ist die vorliegende CD keine "sichere Bank". Die Komponisten, deren Musik in bolivianischen Archiven schlummerte, sind teilweise trotz der Recherchen des Ensebles anonym geblieben, und selbst Locatelli, Balbi, Bassani und Brentner gehören nicht zwingend zum Kreis derer, die man im Konzertverein Hinterbüschelhausen aufführen würde. Aber was für ein Verlust! Schon das Allegro Assai von Balbis Sonate No. 9, mit dem die CD eröffnet, lässt dem Ensemble freien Raum zur Entfaltung seiner ganzen Könnerschaft, die Aufnahme ist nicht weniger als brilliant, und wunderbar saftig im Hall der originalen Jesuitenkirche. Wenn man dem Ensemble glauben darf, ging es dem Tontechniker nicht allzu gut - aber davon hört man auf der CD absolut nichts.

Der Punkt, an dem ich wusste, dass ich die CD haben muss, und für den allein sich die 25 Euro für die Super Audio CD gelohnt haben, sind die knapp vier Minuten des "Glória et honóre" aus der Feder des tschechischen Komponisten Jan Josef Brentner, das voller Stolz und Selbstbewusstsein kongenial alles zusammenfasst, was so ein Jesuitenmissionar empfunden haben muss, wenn er sich im bolivianischen Dschungel zum Herrscher in seinem eigenen kleinen Reich aufgeschwungen hatte. Hybris, Arroganz, in dieser geistlichen Chormusik ist so viel von der schwärzesten Form der Weltzugewandtheit, ein völliges Fehlen jeder Demut, es ist ein fast schon totalitärer Lecktmich-Track, den man sich wirklich mitten im tiefsten bolivianischen Urwald vorstellen muss, tausende von Kilometer und ein Ozean entfernt von der nächsten Kontrollinstanz, zum Ruhme des Ordens aufgeführt und der Verherrlichung seiner Ziele. Dann entfaltetet das Stück seine volle Wucht. Sollte man vorhaben, sich jemals mit 30o Sachen auf Koks in einem Ferrari in den Brückenpfeiler zu knallen, den man voller Überheblichkeit noch mit "Verpiss Dich" anbrüllt - dann ist das der passende Soundtrack dafür.

Mit dem Arakaendar Bolivia Choir stehen dafür Stimmen zur Verfügung, die zudem nicht im Mindesten so gezügelt, kontrolliert und gefällig glatt sind, wie europäische Chöre. Es ist eben nicht mehr europäisches Barock, das in Bolivien aufgeführt wird, es ist Lateinamerika über europäischen Vorbildern, und es bemächtigt sich der strengen liturgischen Kompositionen wie der Urwald einer Kirchenruine. Wer allerdings Latino-Remmidemmi erwartet, wird enttäuscht - Arien wie "Quis me a te sponse separábit" stellen höchste Ansprüche an die Sänger. Wer etwas über die Aufnahmequalität wissen will, spiele Track 8 an - 8 Glockenschläge mit allen Nebengeräuschen in 31 Sekunden, danach kann man sich jede Debatte sparen, selbst wenn man im Booklet nicht nachgelesen hat, was da verwendet wurde.

Was ich persönlich ein wenig schade finde, ist die unvollständige Darstellung der Jesuitenreduktion und ihrer historischen Hintergründe. Die Grundlagen stehen zwar im ersten Teil der Serie, werden aber nicht tief genug diskutiert, um den kompletten geistesgeschichtlichen Hintergrund der Musik darzustellen. Die Musik steht zwar für sich selbst, aber es ist noch erheblich mehr als europäischer Barock in Südamerika. Es ist sicher nicht das übelste Kapitel in der Geschichte des Ordens, nicht im Mindesten, aber man sollte bei all der Gewalt und Kraft, die der Musik innewohnen, nie vergessen, dass es mit ein wenig Pech und Indoktrination an den Höfen des 18. Jahrhunderts ganz schnell zur Begleitmusik der Vernichtung der Aufklärung in Europa hätte werden können. Denn wer sich so masslos im Urwald feiern lässt, kennt keine Zurückhaltung und würde auch die Welt in Brand setzen, um seine Ziele zu erreichen.

Das ist es, was mir diese Musik sagt. Sie ist grandios, gewaltig und nicht weit entfernt von der Gewalttätigkeit. Es ist die Musik von Ausbeutern, Gehirnwäschern und Unterdrückern, sie ist es wert, gehasst zu werden, und zu allem Überfluss höre ich sie in diesem Moment genau an dem Ort, von wo aus sich der Orden über die Welt verbreitete. Wo ich sitze, war ihre Bibliothek, nebenan starb ihr brutalster Verfechter, und nur diese Musik und der Raum, allein in der Nacht mit drei Kerzen, während im Giftschrank neben mir Neumayrs Religio Prudentum von 1764 in ihrem weissen Pergamenteinband schimmert - das wäre zu viel. Diese CD von Channel Classics schafft etwas, das noch keiner vor ihr gelungen ist.

Sie macht mir Angst.

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Mittwoch, 11. Juli 2007

Werbefrei

Disclosure: Manche meiner besten Freunde sind Werber.

Soziale Distinktion und Grenzen zwischen Schichten können sehr unterschiedlich aussehen. Dort allerdings, wo sich Schichten räumlich zusammenballen, gibt es Merkmale, die sich durch Jahrzehnte und Herrschaftsformen bewahrt haben. Dort, wo sich Reiche, Besserverdienende, die Elite, die Bonzen, man nenne sie, wie man will, niederlassen, gibt es gewisse Dinge einfach nicht. Und es ist besonders das Ausgrenzen einer Sache, die global in das Auge sticht: Werbung.

An der Zufahrt zum guten Viertel der Provinzstadt liegt eine Kunstmühle, die im Laufe der Jahrzehnte von den Repräsentationsbauren von Ärzten, Managern und Mittelständlern eingeschlossen wurde. Sie war ein Fremdkörper in einer Gegend, die sie früher beherrschte, und der Müller hatte wenig Verständnis für seine neuen Nachbarn. Desgleichen nicht für seine Mühle, und so liess er an der Hofmauer zwei Reklametafeln anbringen. Seit nicht allzulanger Zeit jedoch ist die Mühle im Besitz seines Sohnes, der ihn zu einer Wohnanlage umbaut, und nach dem Auslaufen der Verträge mit dem Aussenwerber sieht die Wand jetzt so aus:



denn Werbung macht jetzt die Preise kaputt. Das, was das Ensemble durch die Wirkung optisch im Wert verliert, ist durch die paar Euro des Plakatklebers nicht mehr herein zu holen. In der Ecke der Stadt leben nur 2% der Bevölkerung, es ist der Teil, der diese Stadt zum grössten Teil gehört, und auf diese Menschen kommt jetzt exakt 0 % der gesamten Aussenwerbung. An den Briefkästen wird überall Werbung untersagt. Man muss hier gar nicht darüber reden: Werbung ist unfein. Dass die Werbetafeln verschwinden, war jedoch durchaus Thema: Sie störten. Und man ist froh, dass sie verschwunden sind.

Man kommt ohne Werbung aus. Man muss es laut aussprechen: Man kommt ohne Werbung aus. Und jetzt das Ganze mal inhaltlich umdrehen: Man kommt nicht ohne Werbung aus. Man vergleiche

A muss nicht darüber reden: Werbung ist unfein.
B kommt ohne Werbung aus.
C kommt nicht ohne Werbung aus. Oder noch schlimmer, C kommt nur mit Werbung aus.

So wie das Fehlen von Werbung ein Kennzeichen einer Klassengrenze ist, wird ihre Anwesenheit zum Stigma derer, die sie benötigen und betreiben. Wenn man noch bedenkt, dass Werbung nicht vom Himmel fällt und durch den Preis wieder von den Kunden bezahlt wird, wenn man sich die gesamte asoziale Dimension von kommerzieller Werbung vor Augen hält, sollte verständlich sein, warum man sich, so man kann, davon entkoppelt.

Natürlich sucht sich Werbung Lücken im System. Werbekataloge von Sotheby´s schaffen es, gekauft zu werden, weil sie die Werbung mit Gegenwert verbinden. Es ist nicht unmöglich für Werbung, sich aus dem stinkenden Pfuhl der Verarsche zu erheben, die ihr Urgrund ist. Es gibt faire Geschäfte, und faire Information. Wenn hinten in einem Buch erwähnt wird, dass es von gleichen Autor noch weitere Bände gibt - wieso nicht? Wenn Labels CDs verschenken, in denen ein Querschnitt des neuen Programms zu hören ist - feine Sache!

Aber das Reindrängeln, das Rumschreien, das Anschleimen, und besonders der Versuch, auf der sozialen Schiene anzukommen, das Kaufen von Leuten, die Beziehungen monetarisieren wollen, das geht gar nicht. Und da darf man sich dann auch nicht wundern, wenn man Werbung nötig Habender schneller aus der Freundesgalerie fliegt, als die Plakatwände bei der Kunstmühle verschwinden.

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Empfehlung heute - Die Abrechnung kommt

rektal, und sie kommt mit Wut - Sven K. nimmt sich die Bundesterrorregierung und ihre geschäubelten Auswüchse zur Brust.

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Mittwoch, 11. Juli 2007

Ma non troppo

Es geht noch. Bitterkalt, aber wenigstens stimmt die Optik wieder.



Optik jedoch ist nicht alles. Nachdem wir wieder alle drin sitzen und die Katze schon auf das Befeuern des Kachelofens wartet, und ausserdem das Dasein zu kurz ist, um sich immer nur mit Abschaum und Kommerzdreck im Netz auseinanderzusetzen, wird es hier eine weitere, neue Kategorie geben, die sich mit dem Schönen und Angenehmen auseinandersetzt. Wie allgemein bekannt ist, schreibe ich gern über Themen, die meine Leser hoffnungslos überfordern, um herauszufinden, was man eigentlich tun muss, um sie zu vergraulen. Nachdem mein Wegzug aus Berlin aber ebenso wenig geholfen hat wie Erzählungen aus der langweiligen Provinzgesellschaft oder 300 Jahre alte Bücher oder die immer gleichen Flohmarktbesuche und das Herzeigen meiner Silberbestände, kommt nun nochmal schwerere Kost.

Ich habe zu allem Sonderlichen nämlich auch noch einen höchst eigenen Musikgeschmack. Selbst aus Sicht der Liebhaber klassischer Musik höre ich immer noch mit Vorliebe Aufnahmen, die dem üblichen Konzertvereinsmitglied verschlossen bleiben. Meine Lieblingslabels führen auf, welches Kabel sie an welche B&K-Mikrophone angeschlossen haben, und welche Monitore sie zum Abmischen verwendeten. Um überhaupt die nötige Menge an Käufern zu erreichen, werden die CDs global gehandelt; in kleinen High-End-Geschäften, deren Besitzer genau diese exzellenten Tonträger brauchen, um den Verkauf von Spezialkabeln zu rechtfertigen. Von so einem Herrn beziehe ich auch meine Musik, was die ganze Sache zusätzlich auf sehr ungerechte Weise auf wenige Labels beschränkt.

Will sagen: Ich werde wöchentlich eine CD in höchsten Tönen loben, die die meisten Leser vermutlich nicht mal erwerben könnten, verstünden sie überhaupt, was ich da von mir gebe. Aus diesem Grunde der beabsichtigten Überlastung nenne ich die Kategorie auch "ma non troppo". Dazu kommt noch ein wenig hochspezalisierter, kulturgeschichtlicher Hintergrund, und so bin ich also guter Dinge, dass in baldiger Zukunft die grosse Mehrheit meiner Leser Entspannung bei Subplebs sucht, der auch in einem Alter jenseits des Kindergartens der Kombination von Hundekot und Zahnbürsten amüsante Seiten abgewinnen kann. Vielleicht geligt es mir sogar, damit einen feindlichen Kommerzmitleser einzuschläfern. Das würde mich jedenfalls sehr freuen.

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SC

HEISE: http://www.he ise.de/newsticker/meldung/92464

Aber volle Kanne. Holt die Mistgabeln, die Fackeln, die Äxte, die silbernen Kugeln und die Eichenpflöcke, sie sind wieder da, und Heise heult wieder mit ihnen.

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Empfehlung heute: Kurz und lakonisch

schneidet das Wortschnittchen. Eine ganze Welt, Versagen und Untergang in ein paar Worten. Mehr ist nicht zu sagen. Und ich werde jetzt sehr vorsichtig hämmern gehen.

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Alternativbilder

ergänzend zu diesem Text. So ein verregneter Sommer hat den Vorteil, dass man an der Wohnung weitermachen kann.



Bücher einsortieren und dazu endlich einen kleinen, passenden Lesesessel finden. Das bedeutet zwar, sich mit der misslungenen Farbe im Eingang abzufinden, aber so ist es eben.



Man findet zudem nach etwas Suchen und Probieren passende Orte für Trouvaillen und Familienstücke.



Und man kann es sich leisten, die Uhr eine Weile nicht aufzuziehen. Für die Muse, auf dass sie sich das mit dem Weiss nochmal überlegt.

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Dienstag, 10. Juli 2007

Empfehlung heute - Wenn ich als Autor dank Yahoo

10 Jahre in einem chinesischen Gefängnis sitzen müsste, dann würde ich mich sicher freuen, wenn ein paar Kollegen im Westen noch etwas anderes getan haben, als den Mund zu halten und dazu die Kohle von denen einzuschieben, die mich verpfiffen haben. Zum Beispiel, bei Amnesty eine Petition für mich unterzeichnen.

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Liebe Mitblogger!

Wusstet Ihr schon? Bei Steuerhinterziehung und illegalem Geldtransfer kann eine Selbstanzeige bei den Behörden helfen; solltet Ihr aber wissentlich falsche Tatsachenbehauptungen aufstellen, verdeckt Werbung für illegale Geschäftspraktiken machen oder auch noch Eure Verletzung ander Leute Urheberrechte öffentlich dokumentieren, bleibt nur, auf die Abmahnung zu warten. Oder die Einstweilige Verfügung. Und das nächste Mal, wenn Ihr sowas macht, rede ich nicht mehr lang rum und warne auch nicht, sondern lasse den Dingen einfach ihren Lauf. Und Ihr heult dann bitte nicht mehr rum. Danke für die Aufmerksamkeit.

könnte ein spannender tag werden, morgen an der blogbar.

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Jahrestag

Vor etwas mehr als 2 Jahren habe ich Berlin verlassen. Und vor etwas weniger als einem Jahr habe ich meine Wohnung in München geräumt. Insgesamt also runter von 140 m² in drei Städten auf 130 m² in der Provinz. Da, wo ich herkomme, und in gleichen Haus, in dem ich geboren und gezeugt wurde. Ohne Aussicht, jemals wieder ganz hier wegzukommen. Klingt übel?

Dachte ich erst auch. Aber mein Aufenthalt in Berlin endete mit der Ansage meiner Eltern, dass ich zwei Alternativen hatte: Einerseits mich um den ganzen Krempel daheim und die Familie zu kümmern, oder irgendwo in der Weltgeschichte zu bleiben, dazu noch eine Stadt in der Schweiz - und dafür würden sie den Stadtpalast und noch ein paar andere Sachen verkaufen, die ihnen über den Kopf wuchsen. Ich dachte, dass die Betreuung der sog. "Überlebendengeneration" und die Restaurierung eines Stadtpalastes nebenbei geht, denn schliesslich gibt es auch noch Pflegekräfte und Handwerker. Es ging, aber so, wie ich in Berlin lernte, Bayern zu lieben, lernte ich in den zwei Jahren, was es heisst, die Verantwortung zu übernehmen. Nicht das Bröckchen, das man als Journalist für sich selber und das Medium hat, sondern so richtig.



Geht nicht anders, sonst ist keiner da, der es machen könnte. Ausserdem hat man nicht gerade ein Recht, die Klappe aufzureissen, denn es ist immer noch ein läppisches Luxusproblemchen im Vergleich zu dem, was die anderen mit 30 Jahren erlebten. Heim in die Provinz zu kommen ist nichts gegen das, was ein junges Mädchen mitmacht, wenn es aus der bürgerlichen Atmosphäre herausgerissen wird und pötzlich im Blitzkrieg in London steht, von den anderen Dingen ganz zu schweigen. Also tut man das, was zu tun ist. Nur ist dann eben nicht mehr viel Zeit, die man dauernd in München verbringen könnte, und bevor das Ding an 350 Tagen leer steht - gibt man es halt auf. Eine Sorge weniger, dafür eine Wohnung in der Stadt meht.

Das ist übrigens auch der Grund, warum ich es hier aushalte. Weil ich genau genommen nicht in der Provinz bin. Drei bis vier Monate im Jahr bin ich unterwegs, und den Rest der Zeit bin ich in meiner Wohnung in meinem Haus in der Altstadt, und erst die ist in der Provinz. Der Schrecken beginnt draussen vor dem alten Stadttor und weiter im Westen, wo sich die ehrenwerte Dame vom Tennislehrer knallen lässt und der Gemahl in der CSU mitzureden hat, bei den Edelstahlkapitellen der Discountergründerneffen und der generellen Unfähigkeit, all das Schöne und Reiche zu erkennen und zu nutzen.



Denn man muss es der Provinz lassen: Sie ist zum Heulen schön und zum Erbrechen reich. Im Umkreis von 80 Kilometern gibt es ausser Meer und Gebirge nichts, was man vermissen würde. Städte, Weltkulturerbe, Landschaften, Seen, es gibt nichts, was man nicht in einer Stunde erreichen könnte. Es gibt hier keinen Ruinengürtel, durch den man fahren muss, und abgesehen vom regionalen Journalismus auch keine Hungerleiderbranche. Man kann sich hier wirklich wundern, dass diese Welt und der Osten oder der Norden ernsthaft zu ein und demselben Land gehören, und genauso sehen das die Bewohner. Es ist eine Welt für sich, in der ich meine eigene Welt habe.

Was zur Folge hat, dass hier kaum einer weg will. Weniger, weil sie begreifen würden, dass sie draussen bestenfalls nur eine grössere Provinz mit schlechteren Chancen bekommen, sondern einfach aus Faulheit und Selbstzufriedenheit. Diese gnadenlose Ignoranz kann einem tierisch auf die Nüsse gehen, aber dann wechselt man eben das Thema und redet über das Essen und das Wetter, und ich erzähle, dass meine Freunde in Hamburg und Berlin mal wieder eingesaut sind; und während über uns dieser sagenhaft blaue bayerische Himmel glänzt, einigen wir uns schon irgendwie darauf, dass es ganz gut ist, hier unten.



Das ist allerdings nur die halbe Wahrheit. Ohne Internet und Freunde in Restdeutschland würde ich hier schnellstens eingehen. Es gibt zwar mittlerweile eine rege Geschiedenenszene in meinem Umfeld, aber das alles ist zu sehr verhaftet, bishin zur vollverdrahteten Sozialkontrolle. Auch das gibt es überall, da unterscheidet sich das Kaff nicht vom maulhaltenden Koofmichnetzwerk Berliner Provinienz, nur bleibt mir das Netz als das Fenster, aus dem ich hüpfen kann, wenn der Provinzüberdruss durch die Schlafzimmertürpoltert, wo ich mich gerade noch mit seiner drallen Frau, der wochenmarktgefüllten Schönheit des Landes, vergnügte.

Es geht. Es geht so gut, dass ich es nicht merke, wenn es nicht gerade einen Sommertag verregnet, und mir auffällt, dass schon wieder ein Jahr vergangen ist. In Berlin oder beim Nomadenleben zwischen den Städten würde es mir mutmasslich nicht so gut gehen. Das hier ist mein Istanbul, und nun ist es an der Zeit, den Dachgarten zu bestellen.

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: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Montag, 9. Juli 2007

Die Quelle des Reichtums oder Messer wetzen gegen die Globalisierung

Immer wieder fragen sich die neidischen Koofmichs der Blogosphäre: Wieso wohnt der einfach so immer im Stadtpalast, während ich mich für eine lumpige Woche in der hinteren Hundehütte eines zum pseudoantiken Lifestylehotel degradierten Herrenhauses in der Pampa zum Werbegockel machen muss? Ist das gerecht?

Und ich antworte: Nein. Es ist natürlich ungerecht, wie immer, wenn Besitz im Vergleich auf posende Unterschichtenvertreter trifft. Die Ungerechtigkeit hat natürlich historische Ursachen, denn wer von früh auf vermittelt bekommt, worauf sich Besitz im Gegensatz zu Schein gründet, hat später alle Möglichkeiten, dieses Wissen zu nutzen. Ich glaube nicht an genetisch bedingte Veranlagung, sondern an die schlichte Erkenntnis: Man ist nie so reich, dass man es sich leisten kann, etwas Minderwertiges zu kaufen.

Und das fängt schon bei den Kleinigkeiten an. Nehmen wir nur mal: Messer. Manche werden sagen: Naja, ein Verschleissgegenstand. Zuerst hat man im Starterpaket von 1kea ein paar Küchenmesser, die werden stumpf, dann schmeisst man sie weg - sie haben ja nichts gekostet, war ja ein Paket - und benutzt die normalen Besteckmesser, bis die stumpf werden, dann schmeisst man die auch weg. Das Prinzip erkennt man auf dem Flohmarkt, wenn man Bestecke durchwühlt: Es sind meistens die Messer, die fehlen. Flohmarkt jedenfalls ist das Stichwort, denn da war ich heute. Ich brauchte Rahmen, und es gibt da einen Markt, dessen Qualität zwar durchschnittlich mies ist, aber dennoch ein paar spezalisierte Profis für Bäuerliches anzieht. Manche von denen haben restaurierte Werkzeuge, und einer von denen, ein rundlicher, aber rüstiger Rentner aus der Nachbarstadt, hatte das hier für 8 Euro dabei:



Dazu muss ich jetzt was erklären: Dort, wo ich wohne, habe ich zwei Wohnungen; meine alte Wohnung unter dem Dach, wo ich mich im Sommer auf der Dachterasse aufhalte, und die grosse, neue Wohnung ein paar Stockwerke weiter unten. Ich habe desweiteren schon seit Ewigkeiten einen Wetzstahl, aber auch nur einen. Mit dem Ergebnis, dass ich im Sommer oben koche, und dann jede Woche runter muss, um die Messer zu wetzen. Das kann mitunter ganz schön nerven, wenn man die fehlende Schärfe beim Schneiden des harten Grana Padano bemerkt, und im Herd der (preussisch auch "die") Butter im Hofa im Topf bruzzed schmilzt, (holt genervt Luft:) jo Saxndihundsvareggtebreissn vo de Kiela schleichts eich ia Hodalumbn des vaschteds eh ned ia malaadn Fieschkepf. Äh ja.

Das hier ist, wirtschaftlich gesprochen, ein langfristiges Investment. Ich besitze einige gute Küchenmesser deutscher Produktion, die ich damit viele Jahrzehnte scharf halten kann. Danach sterbe ich, und der Wetzstahl wird anderen Freude bereiten. Er hat jetzt schon über 100 Jahre auf dem Buckel, und macht es sicher nochmal - wie lange wohl? Messing ist so gut wie unzerstörbar, der Griff ist aus völlig glattem Kernholz, das bei guter Lagerung mehr als 1000 Jahre schafft, und der Stahl muss alle 100 Jahre mal mit neuen Riefen versehen werden. Wenn das Stück dauernd benutzt wird, wird es nicht viel anders aussehen, wenn man es in ein paar Jahrhunderten das Museum hängt. Für, wie erwähnt, 8 Euro.

Es geht natürlich auch anders. Nicht zum Flohmarkt radeln, aber alle zwei Jahre feststellen, dass die heimischen Messer der Schrott sind, die sie schon immer waren. In die Stadt - am besten mit dem Auto - fahren, und dort im Sonderangebot Messer made in Germany kaufen, 2,99 Euro das Stück. Made in Germany ist allerdings nur die Verpackung, der Inhalt kommt aus China und sieht täuschend echt aus. Das kleine Problem bei der Sache: In China werden diese Messer aus Schrottstahl hergestellt; also aus dem Wertstoffmüll des Westens, und der Hunger Fernasiens ist inzwischen so gross, dass Schrottautos und abgewirtschaftete Industrieanlagen dorthin exportiert werden. Was ich daran so irrsinnig finde: Das Zeug würde hier kein Stahlbauer, der was auf sich hält, verwenden, noch nicht mal für Abflussrohre - aber als Küchenmesser tut es der Deutsche an sein Essen.

Ein hoher Schrottstahlanteil sorgt leider dafür, dass man mit dem Wetzen fürwahr nicht anzufangen braucht. Damit sich die Schneide eines Messers bei diesem Arbeitsvorgang wirklich wieder ausrichtet, muss es aus einem wirklich guten Stahl sein. Die besten Stahle für das Zerlegen von Speisen sind übrigens nicht rostfrei, aber mein entsprechend narbiges Besteck des späten Rokoko kann ich wirklich nur Kennern zumuten. Der Chinadreck dagegen ist generell unzumutbar und nach zwei Jahren erkennbar schrottreif. So fährt man wieder in die Stadt, und kauft das nächste Messer für 2,99 Euro.

Man kann das alles von der Umweltbilanz her betrachten, von der Nachhaltigkeit, von der Frage, wo das Geld hingeht, und ob es mein Rentner besser verwendet, wenn er dafür eine Brotzeit kauft, oder der Megakonzern, der irgendwo in Südchina die Umwelt mit der Verwertung von verseuchtem Schrottstahl ebenso ruiniert wie die Gesundheit seiner Mitarbeiter, die bestochene Funktionäre unterdrücken; man kann überlegen, wer seine Zeit sinnvoller einsetzt, und am Ende ausrechnen, wer in 40 Jahren mehr Geld ausgegeben hat: Der eine, der immer noch wetzt, oder der andere, der inzwischen wegen der gestiegenen Rohstoff- und Transportpreise nach dem Spaziergang in die Stadt mit 2,99 Euro nicht mehr mal die Zinken einer Kuchengabel bekommt. Womit wir beim natürlichen Opfer des Wetzstahls wären: Dem Messer.



WosgostndösBschtegg? - fragte ich den Herrn. Ois? Ois. 12 Eiro.

Für 12 Euro bekommt man nicht mal das Silbertuch, auf dem es liegt. Es ist ein Silbertuch, weil das Besteck versilbert ist. Schliesslich ist es grossenteils von WMF. Enthält 6 grosse Gabeln, 6 kleine Vorspreisengabeln, 6 Kuchengabeln, 6 Löffel, leider nur 4 Messer, siehe oben, 6 Kaffeelöffel, und einen Vorlegelöffel, und dann noch ein Haufen anderer Stücke. Da hat sich jemand wirklich mal was geleistet. Das alles würde von WMF heute weit über 2000 Euro kosten. Eine einzige versilberte Kuchengabel kostet nämlich schon 42 Euro. Und sie ist es wert.

Sie ist es wert, im Gegensatz zum Dreck der Globalisierung und seinen Mechanismen: Der Wohlstandsverwahllosung hier und der Menschenverachtung dort, und der daraus folgenden bangen Frage, ob wir unseren Vorsprung noch werden halten können, bis die Explosion der Transportpreise die Schotten dicht macht, oder ob wir den Dreck für die paar Cent Preisunterschied weiter kaufen, bis wir alle global auf dem gleichen verkommenen, asozialen Müllhaufen sitzen, den wir uns gerade billigimportieren.

Ich weiss es nicht. Alles, was ich weiss ist, dass ich auch dann noch in meinem Stadtpalast sitzen werde, die Messer wetze und es nicht nötig haben werde, mich für Sponsoren zum käuflichen Deppen zu machen, oder mein Blog an die Helfer der chinesischen Mörder zu verticken.

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Empfehlung heute: Was ich gelernt habe,

bei dieser neuen Kategorie liebenswerter Blogtexte, ist, dass man vielleicht besser nicht auf Blogs linkt, die keine Kommentare zulassen. Sonst entlädt sich nämlich die Debatte auf dem eigenen Blog. Aber ich habe bekanntlich nichts gegen Debatten, gegen Störer hilft ein herzlicher Fusstritt, und ausserdem ist Anke Gröner gerade in Paris, und das finde ich sehr fein.

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Der passende Rahmen

Sonntags könnte man sich einfach auf die Dachterasse legen, und fertig. Irgendwann die eingelegten Egerlinge holen, dann frisches Brot, später dann den Kuchen, den Concerti Grossi von Avison über Scarlattis Klaviersonaten lauschen. Es ist ansonsten sehr still in der Stadt, da kann man ruhig aufdrehen und den auf der anderen Seite schuftenden Elitessen ein paar Takte Gutes auf den Lebensweg mitgeben.



Doch leider kennt die Arbeit am Haus keinen Aufschub, und wenn man sich während der Woche mit den Haien der Münchner Immobranche prügelt, die samt und sonders keine "niederen" Tätigkeiten in ihren Häusern kennen, dafür aber die Aussichten, den nächsten Urlaub ist Stadelheim zu verbringen - dann fragt man sich schon, ob so ein verarbeiteter Nachmittag nicht die bessere Alternative ist. Ganz abgesehen davon, dass es nicht sein müsste; spontan fällt mir unter denen jedenfalls keiner ein, der in den aktuellen Treppenhäusern der Investmentangebote dekorative Powerpoints aus der Erbauungszeit anbringen lässt. Genau das tue ich, bei genauer Betrachtung - endlich habe ich genug alte, identische Rahmen, um ein paar Blätter eines Missale aus der Zeit um 1600 aufzuhängen. Aber wer weiss schon, auf was für Ideen man im Jahr 2400 kommt, sollte man sich dann in Besitz eines maroden Dreckhaufens unserer Tage befinden, und die naheliegende Idee des präventiven Selbstmordes von sich weisen: So eine nette Powerpoint zum Thema "Risikoloses Investieren an der Börse in Shanghai" lenken sicher von dem ein oder anderen Riss* im Beton ab.

*Riss, der: Ungewollter Spalt im Mauerwerk, eine der Folgen des nachbarocken Niederganges der Baukunst in Repräsentationsbauten.

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: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Sonntag, 8. Juli 2007

Wie CDs aussehen müssen

Mein allererstes Schreiben im Netz, das man rückblickend als Blog bezeichnen kann, war eine frei kommentierbare Kolumne auf PHP-Basis mit einem festgelegten Layout, die täglich aktualisiert wurde - und sie beschäftigte sich mit dem Thema "MP3 War News". Das war Anno 2000, die New Economy war noch nicht untergegangen, und eine Bekannte, deren Freund gerade in Kalifornien studierte, erzählte mir von dieser Website namens Napster, wo die MP3 sind, die man ansonsten mühsam mit Altavista suchen musste. Also lud ich das Programm auf meinen 350mhz-Rechner, installierte es, und mir war klar, dass es ein fundamentaler Angriff auf den Vertrieb, die Hauptschlagader der Musikindustrie war. Urheberrechtsverletzung vielleicht auch, aber hey!

Und so schrieb ich jeden Tag was über die aktuellen Entwicklungen. Als da war: Der Krieg der Industrie gegen MP3.com, Alternativen zu Napster, die lachhaften Versuche der Labels, mit Projekten wie musicdownload24.de etwas auszurichten, über den klugen und deshalb wenig erfolgreichen Zwischenweg von Epitonic, und was sonst noch so passierte. Und bis heute bin ich der Meinung, dass ein Verstoss gegen das Urheberrecht ein kleineres moralisches Dilemma ist, als die finanzielle Unterstützung dieser Firmen durch den Kauf ihrer CDs.

Dennoch habe ich weitgehend aufgehört, zu Recherchezwecken Downloadprojekte und Ähnliches zu besuchen. Ich kaufe CDs. Denn einerseits findet man die Musik, die ich höre, nicht im Internet. Andererseits ist es vollkommen legitim, meine Musik und ihre Labels gerecht zu entlohnen. Zumal es sich um Tonträger handelt, die man ohne Schamesröte in das Buchregal stellen kann.



Natürlich braucht ein Plastikpopnudler keine eingelegten Hefte mit 32 Seiten, um sich über seine Musik und deren jenseits von Kommerz nicht vorhandenen Inhalt auszulassen. Und für ein gewisses Klientel mag Plastik hochwertiger erscheinen als Karton. Aber wer schon mal versucht hat, ein etwas dickeres Heft zwischen die Schienen einer CD-Hülle zu schieben, wird die obige Art bevorzugen. Karton bricht nicht, wenn er mal fallen sollte. Und durch die doppelte Faltung sollten die Tonträger auch gegen alle anderen mechanischen beanspruchungen geschützt sein. So ist denn auch genug Platz für ein wenig passende Kunst aus der Zeit, die den optischen Rahmen zum Klangerlebnis stellt. Und ohne das Plastik ist auf den Rücken auch genug Platz, um den Titel und die Interpreten lesbar aufzudrucken. Übrigens, zwei Dinge wird man vergeblich suchen: Kopierschutz und kranke Lizenzvereinbarungen.

Es ist eigentlich ganz einfach. Und die Käufer von Kommerzplastikdreck bekommen auf ihre Art eben auch die perfekte optische Ergänzung zum Lebensstil. Wenn sie schon zu dumm sind, sich das Zeug dort zu beschaffen, wo es ausser für die Industrie keinen Schaden anrichtet.

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Empfehlung heute: Über den Zusammenhang

von Armutsverfolgung auf der einen und Durchpeitschen von Grundrechtzerstörung schreibt Wolfgang Lieb auf den Nachdenkeseiten. Heute lesen, was rechtreaktionäre Verfassungsfeinde, Ausbeuter und Berliner Umschlagentgegennehmer morgen fordern.

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Ich platz gleich vor Gift

Hochzeiten sind schlimmer als Adical-Ironie und Trigami-Galle auf der gleichen Podiumsdiskussion.

Edit: Schnauze voll. Bericht folgt.

Edit 2:



Es nahm ein gutes Ende. Zumindest für mich.

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