: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Sonntag, 30. Dezember 2007

Zwischen vier und fünf

Jeden Sommer - ausser den Berliner Sommervortäuschungen zu Beginn - gibt es hier Bilder von den Sonnenuntergängen von meiner Dachterasse. So, oder so, und nach ein paar Monaten denke ich, dass es vielleicht langweilig wird. Dann, im Oktober, verschwindet die Sonne hinter dem Giebel, und die Entscheidung über weitere Photos wird mir von der Natur abgenommen. Für über 5 Monate, im Idealfall, bis Mitte März. Und in der Zeit würde ich was für solche Bilder geben. Heute nun war es ausnahmsweise wieder schön, und deshalb der sehr frühe Sonnenuntergang am See. Mit ein paar Menschen, und wer ein kinderfeindliches Bild findet, gewinnt ein schiefes Lächeln.



















Nicht schlecht. Wenn man nicht gerade die Bilder von der letzten Österreich-Tour sortiert. Das hier ist auch um die gleiche Tageszeit - vor zweieinhalb Monaten.



Wird Zeit, dass ich wieder nach Italien komme. Recht schnell sogar. Ich mag keine Geburtstage, und ich hasse Fasching. Dieses Jahr kommt es auch noch halbwegs zusammen. Kennt jemand eine gute, unspektakuläre Pension in Rom oder Neapel?

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Empfehlung heute - Das Undenkbare

Neben meinem Bett, im Bücherschrank, befindet sich der Roman "Hic & Hec" von Mirabeau. Ein eher banales Werk der Aufklärung, schnell hingeschrieben und galant. Allerdings: Würde man das heute schreiben, wäre es Kinderpornographie. Es ist legal erhältlich, kein Gesetz verbietet seine Verbreitung, es ist wohl historisch genug. Aber nach diesen abstrusen Geschichten zu den "Himmel"-Ermittlungen im Lawblog frage ich mich schon, wo eigentlich die Grenze ist, und wo ich stehe, wenn ich sage, dass Hic & Hec trotz der kirchenfeindlichen Beschreibung von Priestersex mit Minderjährigen und der späteren Neigung des Erzählers zu "der Jugend erster Blüte" in meinen Augen einer der Höhepunkte der Aufklärung ist.

Dass ich für eine Analyse der Problematik, eine wirklich tiefgreifende Analyse nach England gehen muss, wo es ähnliche Erscheinungen gibt, zeigt den Unterschied zwischen einer Zeitschrift wie Intelligent Life und dem Depperlgeschreibe der deutschen Medien.

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Freitag, 28. Dezember 2007

Real Life 27.12.2007 - Violinsolo

Weisst du, warum ich geheiratet habe?

Weil du nicht auf mich gehört hast, als ich dir gradraus sagte, dass du eine grossartige Frau bist, die statt so einem Waschlappen viele Liebhaber braucht, um glücklich zu werden.

Nein. Du hast etwas anderes gesagt, weshalb er mit dir auf die Strasse wollte, aber das war es nicht. Eigentlich habe ich geheiratet, damit ich meine Ruhe von all den Tanten und Verwandten an Weihnachten hatte, vor denen ich auch noch nach dem 30 Geburtstag die Violinvirtuosin markieren musste, die ich nie war. Und weisst du, warum ich mich habe scheiden lassen?

Weil du eingesehen hast, dass er ein Würstchen ist, und es bei mir bessere Gespräche, besseren Kuchen und auch keinen Sex gibt.

Nein. Weil ich Weihnachten sein repräsentables Püppchen war, das er mit Geschenken überhäufte, damit es jeder sieht, und dann die Bilder von mir und dem Christbaum ins Internet stellte und erzählte, was für eine wunderbare Beziehung wir haben. Weihnachten hat dem Projekt Ehe den Rest gegeben. Und was mache ich heute?

Noch ein Stück Tarte nehmen?

Es ist kurz nach Weihnachten, ich renne nach all den Jahren mit meinem alten Geigenkasten durch die Gegend bekomme noch ein Stück Silber, du machst Bilder von mir, und zwar so, damit ich wie eine Violinvirtuosin aussehe, und dann muss ich Deine Fidel einspielen. Fällt dir was auf?



Ich stelle wenigstens keine Bilder von Dir ins Netz, und wenn ich mit jemandem über dich rede, erzähle ich, dass ich an deinem demolierten Kotflügel schuld bin. Und ich rede dir auch nicht wie Tante Antonia ein, dass du endlich schwanger werden sollst. Die Bilder waren deine Idee und sind für deine Tante Ida, und nicht für seltsame koreanische Geschäftspartner eines Mittelstands-Würtchens. Es gibt Unterschiede. Noch ein Stück Tarte?

Ich kann nicht mehr. Nein, wirklich. Don, nein, Dohhon, schau mich an...

mit grösstem Vergnügen.

im Ernst, ich bin zu... ach ne... pfff. gut, danke, aber dann ist wirklich schluss, ich will ja nicht aussehen wie...

Bist du gehässig. Ausserdem mag dein Spiel begrenzt virtuos klingen, aber auf den Bildern sieht es ganz anders aus. Tante Ida wird es lieben, und allen unverheirateten Männern im mittleren Alter zeigen, wenn sie wieder am Tegernsee in Kur ist.

Kannst du mir mal erklären, was Männer an so blassblau getünchten Pseudomädchen finden? Ich mein, schau dir doch mal D. an, mit ihrem halbkriminellen Typen. Was findet so einer an so einer lädscherten Kuh?

Keine Ahnung. Ich bin dafür nur begrenzt empfänglich, seit der unvermeidlichen Apothekerstochter, die bei uns dazu gehört wie die noch schlimmere Medizinstudentin/Krankenschwester, bevor mit der Schauspielerin alles grossartig wird. Ist es nicht immer so? Man fällt bei den Blassblauen auf die Schnauze, will sich bei den Medizinerinnen kurieren, bekommt da einen Einlauf, bis man weise genug ist, nur noch nach Fassade und guten Vorstellungen zu gehen. Manche haben einfach einen Sprung und kehren immer wieder zu den geigenden Jungfrauen zurück, und auf die setzt Tante Ida, es sind die Verdammten, oder auch nur die verdammten Idioten, die brauchen und wollen den Schmerz, und du willst vielleicht noch ein Stück Tarte?

Nein, Don, wirklich, ich hab schon so viel, echt, danke, nein.

Gut. Dann kommen wir zu den Pralinen.

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Die reichen Tische des Don Alphonso 2008

Nun sind sie fertig, die Bilder für den selbst zu fertigenden Jahreskalender: Feinster Food Porn aus dem Herzen Bayerns, Gemüse, Torten, Brot, Käse, Silber, Porzellan, Früchte, Exotica, Reichtümer, Kerzenglanz auf Messing und Gläsern - 18 Bilder mit einem Vorschlag zur Verteilung über die Monate, darunter auch vier Alternativen, falls manche Bilder nicht so gefallen, sowie ein Deckblatt und eines für ganz hinten, zum Jahresende. Herunterzuladen als fast 28 MB grosse zip-Datei ist es hier während der nächsten drei Wochen:

http://www.ravella.de/food/foodporn.htm

Und noch was zum Urheberrecht: Nichtkommerzielle Nutzung ist als Kalender selbstverständlich erlaubt, falls weitergehendes Interesse besteht, fragt einfach, und wenn ich einen erwische, der es kommerziell verwendet, sorge ich dafür, dass ich mir von seiner Knechtung durch Gerichte einen Nautiluspokal leisten kann.

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Fuego

Ich war vorgestern in Niederbayern, genauer, in Landshut. Wer Bayern kennt, kennt auch die Rivalitäten zwischen den vier altbayerischen Residenzstädten, als da neben meiner Heimat noch sind Regensburg, Landhut und München - in dieser chronologischen Reihenfolge. Es gibt die bekannten Vorurteile: Regensburg ist Oberpfalz und damit die Urhaferschleimsuppe der Lowbrows, München ist arrogant und oberflächlich, und Landshut ist noch langweiliger als ein Montag Abend im Hauslwirt in Abensberg. Über meine Heimat findet es sicher auch etwas Negatives, doch was Landshut angeht, gibt es dort inzwischen etwas, das man unbedingt gesehen haben sollte: Die Wunderkammer auf der Burg Trausnitz. Hier wurde wieder zusammengetragen, was in der Renaissance der Ursprung unserer Museen und Ausstellungen war. Für einen Amateur der Foodpornographie ist die Konfrontation mit Nautiluspokalen, Korallenschalen, Bergkristallkelchen und feinstem Augsburger Silber, und das alles üppigen Mengen, eine eher ernüchternde Angelegenheit. Auf ein "sowas habe ich auch" kommen zehn "das hätte ich gerne, und zudem hundert resignierende "das werde ich nie besitzen". Allein schon wegen des surrealistischen Effekts würde ich mir ein ausgestopftes Krokodil unter die Küchendecke hängen, und gewöhnlichere Dinge um so mehr ein neues Zuhause bieten.

Zuhause jedenfalls bastelte ich die letzten Tage am letzten Bild für den Foodpornkalender herum, und alle Versuche waren nicht spektakulär genug. Ein würdiger Abschluss der Arbeit, eine zündende Idee, ein feuriger Abschluss, das war das Ziel, und nach der Zurechtstutzung meiner Utensilien durch die Wunderkammer war es allein dem Wettrennen mit einem ICE zu verdanken, dass ich auf der Heimfahrt etwas anderes zu tun hatte, als mir Gedanken über die ungerechte Verteilung der Güter des 17. Jahrhunderts auf dieser Welt zu machen. Bis dann daheim langsam die Ideen kamen: Diese Muscheln etwa, die habe ich auch. Und zumindest eine kleine Kristallschale. Eine kleine Silbertazza findet sich neben etlichen formatfüllenden Schwestern seit letztem Wochenende im Inventar, die ererbten Korallen müssten nur mal auf Sockel gestellt werden, Elfenbeinportraits hängen über dem Bett und Imari in der Küche, und ein Tischerl mit Intarsien steht oben in der Gästewöhnung - und schon brennt die Luft:


grosser Food Porno Hardcore hier, gigantischer Food Porn Sex hier.

Jetzt könnte ich nach dem Feuer auch noch die anderen Elemente Luft, Erde und Wasser nachschieben, aber ich bin froh, einen guten Abschluss gefunden zu haben. Und nächstes Jahr ist immer noch Zeit für anderes. Jetzt muss ich nur noch die anderen Bilder zusammenstellen und verpacken.

Und so einen Nautilusportal Nautiluspokal und ein Kardinalsportrait bekomme ich irgendwann auch noch.

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Donnerstag, 27. Dezember 2007

Empfehlung heute - Familiengeschichten

Ich habe hier drei extrem saftige, schlechte Geschichten aus dem, was man früher bessere Gesellschaft nannte, deren Bewältigung und Begleiterscheinungen mich auf Trab halten, mit allem, was zu Krisen ebenjener Gesellschaft gehört: Enterbung, eine (mutmassliche) Ausreisserin, inadäquate Verhältnisse, schockierte geistliche Beistände, durchdrehende Tanten, Besuchsverbote und freibleibende Sessel beim Fest. Ein Flut schlimmer und schlimmster Geschichten wurde zum Jahresende angeschwemmt, als sei dies hier Sodom a.d. Donau, und das wirklich Schlimmste:

Ich habe geschworen, nicht darüber zu bloggen. Und ich werde mich daran halten. Für ein paar Monate oder gar Woche

Wie gut also, dass sich Modeste und Julie bei ihren Familiengeschichten nicht solchen bleihaltigen Argumenten bekannt schiesswütiger Clans Zwängen unterordnen. Und ich muss jetzt dann Iris treffen, und später eine 88er Flak kaufen. Die Sache mit den Störchen geht mir zu weit.

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Mittwoch, 26. Dezember 2007

Nobody expects the Spanish Inquisition!

Amongst our weaponry



are such diverse elements as fear,



surprise,



ruthless efficiency,



an almost fanatical devotion to the Pope,



and nice red uniforms!


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Asozialneid

Im bunkerartigen Konsumschlauch vor der Stadt mit den chinesischen Klamotten und den billigen Technikgeräten, den Ballerspielen und dem Tiefkühlfrass war so viel von einem "gewissen Publikum", wie meine Frau Mama das nennt, los, dass manche keinen Parkplatz fanden und gezwungenermassen in die Altstadt ausweichen mussten.

Wenn ich so etwas höre, und daraus schliesse, dass mehr Geld lediglich mehr Konsumdreck bedeutet, tendiere ich dazu, die momentane Sozialdebatte mit einem flauen Gefühl im Magen zu verfolgen. Was bringt es volkswirtschaftlich, wenn man denen oben nimmt, auf dass sie nicht mehr den globalen Finanzverkehr mit all seinen unschönen Folgen anheizen - wenn dann unten so konsumiert wird, dass Zwangsarbeit in Fernasien noch mehr Profit abwirft, und bei uns Müllprobleme und Krankheiten durch falsche Ernährung das einzige messbare Wachstum aufweisen können.

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Dienstag, 25. Dezember 2007

Übergewicht

Klassisch: Zu viel ausgeben - zu viel einkaufen - zu wenig Platz im Kühlschrank - zu viel in zu kurzer Zeit essen - Ergebnis ist ein teuer erkauftes Übergewicht.

Bavarese: 500 Gramm sardische Tomaten kaufen gehen. Dort erfährt man, dass sie zwar noch welche haben, aber die schon sehr reif sind. Eigentlich ist das eine gute Sache, denn sardische Tomaten sind ganz kurz vor dem Umkippen am besten, der säuerlich-fruchtige Geschmack ist perfekt entwickelt. Und dann sagt der Herr an der Waage, dass er nochmal 500 Gramm drauftut, weil ja Weihnachten ist. Die Folge: Ein Pfund mehr Tomaten, und alle müssen sie schnell weg. Die Lösung besteht aus mit Knoblauch geriebenem Baguette, Butter, Pesto und einer Schicht dicker, feuchter Tomatenscheiben, und das für 20 Minuten bei 130 Grad in den Ofen, damit es schön langsam durchzieht und nicht verbrennt.



Das Ergebnis ist das gleiche, nur ist der bayerische Weg erheblich günstiger.

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Andere wollen Lametta.

Oder Glaskugeln. Es geht mich ja nichts an, aber wenn es meine beste Party wäre, würde ich auf Ausrüstung bestehen, die nicht gerade aus Wegwerfartikeln besteht. Wenn Silberglanz und Lichtreflexion, dann richtig.


XX L Food Porno Hardcore Bild hier.

Das kann man sorglos reinigen und wiederverwenden. 365 Tage im Jahr, wenn man will. Und man muss auch keinen Baum als Unterlage umbringen lassen, den man zwei Wochen wegschmeisst.

Komisch, diese Leute.

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Montag, 24. Dezember 2007

Inversionswetterlage

Es sind Tage des Schreckens für gewisse Clans der Provinzstadt. Von manch süsser Hoffnung wird Abschied genommen, die Stimmung ist do grau wie der Himmel, und obendrein treffen heute mancherorts auch Leute aufeinander, deren Verhältnis sich im letzten Jahr grundlegend geändert hat.



Ja, das Schicksal schlägt schwere Breschen in die Mauern und Zäune rund um das frühere Familienglück, die schwarzen Reiter der Realitäten plündern in den Rosengärten der Moral und des Anstands, und Spiesser fragt Spiesserin, was sie eigentlich verbrochen haben, dass es ausgerechnet sie trifft. Nun, die Antwort ist leicht: Nichts. Aber das Leben ist schöner, wenn man auf global als Unglückszeitpunkte bekannte Festttage wie die kommenden einfach verzichtet. Menschen, die sich nicht treffen, schlagen sich nicht. Menschen, die sich nicht treffen, bieten keinem anwesenden Dritten die Gelegenheit, darüber auch noch zu bloggen, und wir alle kennen die Süsse der Versuchung.



Darf ich bescheidene Reformvorschläge anbringen? Was ich als sehr entspannend kenne, ist ein System aus Festflüchtenden und deren Zufluchtbietern. Die eine Hälfte sollte vor dem normalen, schreckengebierenden Anlass flüchten und den anderen den Anlass bieten, sich ebenso den Verpflichtungen zu entziehen. Man trifft sich dann zu zweit, redet über andere Dinge, hört anständige Musik statt des üblichen Gedüdels, isst gut und hat einen netten Abend. Und alles ist gut.

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Sonntag, 23. Dezember 2007

Gute Antworten auf dumme Fragen

Ws gibt schon manchmal komische Anfragen. Zum Beispiel, ob ich über irgendwelche neuen Produkte und Dienstleistungen schreiben will, am besten positiv. Die Antwort ist Nein, ich will nicht so bescheuert dastehen wie Flickr-Yahoo-Werber oder Apple-Fans. Das ist die Antwort an guten Tagen. An schlechten Tagen drohe ich mit einer Abmahnung wegen Spam, an noch schlechteren nagle ich das Pack mit vollem Namen an den Tresen der Blogbar.

Fragen kommen auch zu den alten Dingen, über die ich schreibe. Etwa, wozu ich mehrere Service für 12 Personen habe. Gegenfrage: Wozu sollte man sie nicht haben? Eben. Oder: Warum hast du Spielunkundiger eine Laute? Ist doch kar: Weil ich bislang nur eine gefunden habe.

Bis heute morgen. Heute morgen war es irrwitzig kalt, extfrem unangenehm und nicht wirklich weise, sich allzu lange im Freien aufzuhalten. es sei denn, man ist mein Silberhändler und kann am Ende des Vormittags angeben, dass man 2000 Euro verdient hat. Für andere ist es eine Härteprüfung, heute kamen nur die Extremisten, die echten Jäger, die Süchtigen. Und obwohl sie meinen Silberhändler reich gemacht haben, war er nicht glücklich. Denn als er mir das Geld für die Silberschale abnahm, wollte er auch wissen, was ich für die Laute bezahlt hatte. 30 Euro bei einem Schwaben (sic!), sagte ich.



Äh, grunzte mein Silberhändler, und sagte, dass er sie vorher schon gesehen hatte, aber er hatte befürchtet, sie sein wegen der Schnitzereien und Perlmutteinlagen recht teuer, also habe er nicht gefragt. Was für ihn schlecht ist, denn er verkauft derartige Dinge in den USA für ein Christengeld und besorgt damit das Silber, das er hier für ein Heidengeld an Leute wie mich verkauft.

Manchmal ist es wie verhext. Meine erste Laute fand ich zufällig auf der Suche nach einem Spiegel, und wollte sie sofort haben. Das ist schon ein paar Jahre her, und seitdem sah ich genug Geigen, um ein Schock Musiklehrer in den Selbstmord zu treiben, und ausreichend Gitarren, um alle Sinticombos Berlins beim Ausführen der einzigen ehrlichen Arbeit Berlins auszurüsten. Mit den Trompeten und Hörnern der letzten Jahre hätte man das Wild im Wald über Klippen jagen können. Alles ist da, man muss nicht gross suchen, es ist oft nicht in besonderer Qualität, aber in Mengen vorhanden. Die kleine Cousinen der Mandolinen sind häufig, aber Lauten? Seitdem kreuzte kein intaktes, bezahlbares Exemplar mehr meinen Weg. Bis zu jenem Schwaben, der sein Exemplar nicht mehr einpacken wollte, und es für 30 Euro an mich abtrat. Wegen eines kleinen Stückes, das am Schallloch fehlte - und sich später im Korpus wiederfand.



In Zukunft wird man mich also fragen müssen, warum ich zwei Lauten brauche, wenn ich nicht spielen kann. Und die Antwort wird sein:

Weil ich kann.

So einfach. Und so schön. Warum frägt eigentlich keiner all die A-Blogger, die jedes Jahr öffentlich ihr Mobiltelephonspielzeug austauschen und das Alte wegschmeissen, warum sie das mit ein paar hundert Euro teuren Plastikklumpen tun?

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Empfehlung heute - Das Traumpaar

der Wünsche für das kommende Jahr geben 2007 Modeste und Kid37. Und wir feiern keine solchen Feste, wir verlinken sie nur. Das Internet meint es gut mit uns Hebräern.

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Samstag, 22. Dezember 2007

Drei Gläser

In seinem - noch lange empfehlenswerten - Buch "Deutschland, Deutschland über alles" schreibt Kurt Tucholsky unter einem Bild von drei Gläsern einige sehr treffende Dinge über den Unterschied von arm und reich. Was die drei edlen, geschliffenen Gläser kosten, welche Gruppe sie benützt und welche andere Gruppe mit dem Wert dieser Gläser sehr viel besser leben könnte. Tatsächlich verwendet Tucholsky bei dieser Abschätzung sozialer Ungerechtigkeiten ein Bild wirklich teurer Gläser, mutmasslich aus dem Hause Baccarat. Und in einer Zeit, da das Elend in den Hinterhöfen des Prenzlauer Berges haust, in der Typhus und miserable Bildung ständige Begleiter der Arbeiter und des Subproletariats sind, ist der Unterschied zwischen der Verschwendung, die so ein Glas letztlich bedeutet, und der Besitzlosigkeit weiter Teile der Bevölkerung ein Unrecht, das Tucholsky aus gutem Grunde anprangerte. Auch wenn er selber nicht wirklich einen proletarischen Lebensstil favorisierte. Tucholskys Buch kann man hervorragend für schmales Geld kaufen und verschenken, und Baccaratgläser sind immer noch teuer, und in der Regel nicht im Haushalt ärmerer Leute anzutreffen.



Wenn ich ganz ehrlich bin, habe ich Tucholskys Ansatz früher nicht verstanden. Gläser mit Schälschliff standen bei meiner Grossmutter im Schrank, ein wenig altmodisch und "das Übliche", was man so hat. Später fand ich dann auch welche auf dem Flohmarkt, und einmal entdeckte ich eine ganze Kiste mit den dazugehörenden Sektflöten, Schnappsgläsern und Bechern, das Stück für einen Euro, so wollte es die Verkäuferin, deren Grossvater ins Heim kam. In meiner unteren Küche sind zwei Regale voll mit diesen Gläsern, deren optische Verzerrungen mir zusagen, und oben in der Gästewohnung sind noch mehr davon.

Und wenn ich ehrlich bin, wusste ich auch nicht, was das kostet. Erst, weil hinten auf der World of Interiors Werbung für Baccarat - mit einem sehenswerten Bild aus der Kamera der grossartigen Ellen von Unwerth - war, schaute ich nach, was eigentlich ein paar Gläser zur Ergänzung kosten würden. Und erfuhr, was Tucholsky wusste: Für den Preis dieser drei Gläser bekommt man auch fünf Starterboxen von I*ea, und noch ein paar Scheine Wechselgeld. Was aber wiederum Gläser enthält, die dort mehr kosten als das, was ich für meine Baccaratgläser bezahlt hatte.

Die Folgen sind beträchtlich. Obwohl mir bislang keines dieser Gläser verloren ging, bin ich seitdem sehr vorsichtig, wenn ich damit eine Tafel bereite. Und dazu kommt die erfrischte Erkenntnis, dass es heute nicht mehr nur um den Gegensatz zwischen Hinterhof und Stadtpalais geht, sondern um den Gegensatz zwischen Verständnis und Desinteresse, oder auch Wissen und Unerfahrenheit. Oder

man sehe mir das nach, ich würde es auch zitieren, wenn es nicht dort im dritten Kommentar die Einlassung eines sich ehemals für führend haltenden Blogvermarkters und Kulturermöglichers zu einer drittklassigen Promiklitsche am innerstädtischen Berliner Flusstümpel wäre:

"Für Berliner Verhältnisse ist der Laden übrigens teuer, ziemlich teuer, sehr teuer, überteuer. Teuer, teuer, teuer, aber ich zahle ab und zu sehr gern 36 Euro für ein Steak, gibt es mir doch die Möglichkeit, mich kurz wohlhabend zu fühlen."

zwischen denen, die sich cool vorkommen, 36 Euro für einen Fleischbrocken bei miserabler Behandlung durch die Berliner Personaldarsteller auszugeben, und denen, deren Repräsentationsbedürfnis sich daheim abspielt, wie es eben war in einer Zeit war, als man Qualität nicht mit dem Durchmesser eines Bildschirms, der Kapazität einer Musikabspielfestplatte oder gelogenen Besucherzahlen einer Website zum Verkauf derselben an die Helfer der chinesischen Mörder erklärte. Es wäre heute nicht mehr angemessen, Verschwendung mit Gläsern zu erklären, die durch ihr Zerbrechen die Eitelkeit des Menschen laut in Szene setzen. Verschwendung ist heute alles, unser Müllverhalten und das Rauchen, das Sozialisieren der grossen wirtschaftlichen und kleinen privaten Schweinereien, das neue Sofa nach drei Jahren und die Mitgliedschaft in drei brandneuen Communities, wo man seine Daten hinterlässt, der sinnlose Wortmüll bei Twitter und die Slappereien in den Gästebüchern. Armut ist Verschwendung. Überfluss an Zeit, Geld und Ressourcen ebnet den Luxus auf das Niveau von chinesischem Billigramsch und Lokalen ein, wo man in schlechter Gesellschaft schlecht behandelt wird, und sich deshalb auch noch gross tut. Ein Leben nach den Vorstellungen der Werber.

Die Welt ist nicht mehr so einfach wie zu Tucholskys Zeiten oder auch noch in den 80er Jahren; die Gegensätze sind tot, es lebt das Simultane. Wenn die Gläser geleert sind, muss man wieder raus und unter diesen neuen Bedingungen weitermachen, neue Definitionen und Abgrenzungen gegen das andere finden - aber wenigstens ist es gut, davor ein schönes Glas in der Hand zu halten. Es ist nicht viel, aber vielleicht auch schon alles.

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