: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Freitag, 2. Mai 2008

Empfehlung heute - Gefährliche Mission

Also, ganz ehrlich: Mich beschleicht beim Betreten von Kirchen immer ein blödes Gefühl, das später das Interesse an der Kunstgeschichte wegwäscht. Aber sowas wie Glamourdick würde ich doch nicht wagen.

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Real Life 1.1.2008 - Besser als jede Vorabendserie

Du gehst gern zu dem Konditor im Ort, wenn Hochbetrieb ist. Bei Hochbetrieb, sagen wir mal, so gegen halb vier an den Sonn- und Feiertagen, kann man immer fünf Minuten spannende sozioethnologische Beobachtungen machen. Armutsforscher gehen in Obdachlosenasyle, Reichtumsforscher, die es in einer vergleichbaren Form nicht gibt, sollten das hier besuchen: Eine etwas teurere Konditorei mit schweren, wirklich schweren Torten an der Strasse zwischen einem Casino und drei Millonärsvierteln, an einem Feiertag um halb vier.



Neben den üblichen Rentnerinnen in Gucci und Chanel, die sofort den Wunsch nach selektiver, gegenläufiger Rentenanpassung in unterschiedlichen sozialen Schichten aufkommen lassen, drücken an solchen Tagen die Nachfolger rein. Besonders herzig in diesem Kontext zwei Clans, zwischen denen eingepfercht du auf deine Torte wartest.

Da ist also die städtische Kleinfamilie, Eltern etwa in meinem Alter mit einem Sohn im niedrigen Grundschulalter. Papa in Schwarz mit dunkelgrauem Lodenjanker, Mama in Schwarz mit diesen beschnallten Stiefeln, die sowas wie Durchsetzungskraft ausdrücken sollen und immer arg bemüht wirken, beide den Eindruck erweckend, man habe gleich in der Villa einen grossen Empfang zu geben, und bräuchte neun Stück Kuchen. Es ist voll, es ist eng, von hinten schiebt die zweite Familie heran, und so wäre es angeraten, die Extremitäten dem Umfeld entsprechend zu kontrollieren. Nicht aber bei Mama. Obwohl auf der Sachertorte fett "Sacher" draufsteht, wippt sie dynamisch in die Knie, lässt die Hand dynamisch in Richtung Torte sausen, ungeachtet des Umstandes, dass du genau dorthin gedrückt wirst, und weil die Torte weiter unten ist, kommt es zu einer Kollision von Hand und einer deiner Körperregionen, das dir, würde dir es bei einer Frau passieren, so peinlich wäre, dass du dich sofort im See ertränkest. Zumindest würdest du daran denken, und dich danach, dunkelrot vor Scham wie eine Himbeertorte, entschuldigen. Sie jedoch nutzt dein instinktives Zurückweichen, um mit dem manikürten, geisterweissen Fingernagel auf das Glas vor der Torte zu tippen. Du findest konservative Leute erträglich, wenn sie sich konservativ benehmen, aber diese Vermischung, Kassieren wie ein Ausbeuter und privates Benehmen wie im antiautoritären Kindergarten, macht dich fertig. Denkst du.

Und drehst den Kopf zur Seite, denn du hast genug gesehen, und wirst jetzt bedient. Du musst nicht deuten, du kennst hier die Torten,du kenne sie alle, leicht und effektiv erbittest du das Gewünschte, einen Kontrast zu setzen gegen Herr und Frau Neokonservativ, da erblickst du den Block, der dich gegen sie drängte: Noch eine Familie, diesmal eindeutig altkonservativ, so, wie man das fette Balg in eine ladenneue Bauerndeppenuniform gezwängt hat: Ladenneue Lederhose mit Hirschhornlametta, Dorfseppelhut, Haferlschuh, Wadlsocken und ein kariertes Hemd. Von Ralph Lauren.

Dergestalt angetan, unternimmt das Balg seine erste Klettertour an den Metallstangen von der Tortenvitrine. Es werden wohl die einzigen bezwungenen Berge sein, eine Ernährung, die das Breitenwachstum im Auge hatte, dürfte selbst die Besteigung des Gasteigs oder des Osterberges bei Gmund unmöglich machen. Seine mutmasslichen Eltern sind möglicherweise gerade aus dem Musikantenstadl ausgebrochen, Kirschbombe und Tegernseetorte werden farblich gebleicht durch die Farbenexplosion von Dirndl und seiner zwischen dem Janker hervorberstenden Weste. Und sie unterhalten sich auf bestem Mitteldeutsch mit hessischem Einschlag über ihre Auswahl. Der Farbschock lässt nach, du erkennst eine üppige Moschinotasche in Glanzleder an der Seite des Dirndls, und der Mann spielt mit seinem Porscheschlüsselanhänger. Draussen steht das passende SUV. Hanauer Kennzeichen, wie du beim Verlassen des Cafes sehe. Konservativ bis in die Knochen ist auch Scheisse.

Sie wiederum werden sich gedacht haben: Äh. Noch so ein Berufssohn, mit seinem mittelbayerischen Tonfall und dem Smalltalk mit der Bedienung, die jetzt zum gefühlt zwanzigsten Mal in der Öffentlichkeit lautstark betont, wie günstig doch diese Wohnung war und wie schön es da ist, wo du wohnst, nicht wissend natürlich, wie dich derzeit die Grunderwerbssteuer schmerzt.

A saubere Bagasch, die da drin war, sagt man dazu in Bayern. Man erfährt hierzulande sehr viel über die tatsächliche Armut, und sehr viel über eine hinkonstruierte Oberschicht und ihren telegen gestalteten Reichtum. Es gibt eine Realität hinter Bunte, Gala, Managermagazin und RTL2-Dokus, sie verschliesst sich, weil sie doch nicht so schön ist, aber ab und zu muss sie raus, und sich was zum Essen beschaffen. Um halb vier, an der Strasse zwischen drei Millionärsvierteln und einem Casino, da kann man sie beobachten, in freier Wildbahn, an der Futterstelle. Danach weiss man mehr über dieses Land, das unseres ist, wenn wir oben stehen.

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Freitag, 2. Mai 2008

D.O.C. Santo Quirino Lago di Bonzo 2008 Riserva

Und zwar kein Wein, sondern Pesto. Das geht so: Ich verlasse gegen 19.30 Uhr meine Wohnung und begebe mich mit dem Rennrad zum See, der für den 1. Mai gar nicht so schlimm überlaufen ist, schliesslich wird das Wetter erst am Abend schön. Dort fahre ich von Seeglas aus in Richtung St. Quirin, ziemlich genau zu der Stelle, wo die letzten Hügel in die ersten Berge übergehen, Gfällberg, Kogelkopf, Auereck und zuletzt der gutmütige Semmelberg, der nun schon seit vielen Jahren der Versuchung wiedersteht, das zu seinen Füssen errichtete Casino von Bad Wiessee mit einer ordentlichen Gerölllawine in ganz kleine Stücke zerlegt, in den türkisgrünen See zu schieben. Ich glaube, ich muss mal mit dem Semmelberg reden. Aber dazu bin ich nicht hier, an einer Lage, die auch manchen italienischen Winzer beeindrucken konnte.



Weiter Richtung Tegernsee ist das Ufer zu steil und seit kurzem auch professionell begrünt, hier jedoch wächst der Bärlauch am Seeufer in dichten Büscheln wie Unkraut, und er ist es eigentlich auch, störend, gemein und hinterhältig, denn es ist schwer, daran vorbeizugehen, ihn zu riechen und keinen Hunger zu bekommen, ganz zu schweigen vom sattgrünen Anblick, den dieses kleine Feld am Ostufer in der abendlichen Sonne bietet.



Schnell eine kleine Tüte gefüllt, dann ab damit nach Hause, waschen, kleinschneiden und mit gemörserten Pinienkernen, weissem Pfeffer, Salz, Grana Padano und viel Olivenöl in ein Glas geben und ab in den Kühlschrank, fertig ist das Pesto Porcamadonna D.O.C. Santo Quirino Lago di Bonzo 2008 Riserva, die Reserve für die Tage, da man während der nächsten Wochen noch Hunger auf Bärlauch hat, der aber in der bald einsetzenden Blüte nicht mehr das vollmundige Aroma des Frühlings hat, sondern den Mund mit fader Bitterkeit beleidigt. Und weil man das Hantieren mit Bärlauch allein auch nicht erträgt:



Kocht man eben die Reste zusammen. Mit ein paar beiseite gelegten, in Öl gedünsteten Bärlauchblättern finden sardische Tomaten und zypriotischer Haloumi einen würdigen Abschluss.

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Österreich besser machen.

Schön ist Österreich überall, wo gerade keine Menschen, und hier besonders Österreicher sind. Ich war zu lange, zu oft und unter zu unschönen Bedingungen in Österreich, ein Land, das nie ein 68 hatte und das verkörperte, was Deutschland ohne Beschäftigung mit der NS-Zeit geworden wäre, ein Land, das aussah wie die Realversion eines Deix-Cartoons und jenseits der Dörfer und Touristenzentren schnell mal einen bulgarisch-tristen Charme vermittelt, und mittendrin ein Wasserkopf namens Wien, in dem ich mich nie auch nur ansatzweise wohl gefühlt habe, den Naschmarkt mal ausgenommen. Ich war letzten Herbst dort, bin dann über das Ennstal an einem der letzten schönen Roadstertage zurück, und blieb fassungslos ob des Gegensatzes zwischen den einsamen Bergstrassen im Sonnenlicht und den verkniffenen Gesichtern der Wiener, denen noch immer der Verlust der alten Grösse innewohnt, und die Suche nach den Schuldigen, den Deutschen, den deutschen Nazis - nicht gegen die österreichischen Faschisten natürlich - die Ostküste, die Israelis und ihre internationalen Freunde, die doch endlich mal ruhig sein sollen, die Vernaderer in den eigenen Reihen - werden Sie Journalist, beschäftigen Sie sich mit dem Thema Restitution in Wien und gewinnen Sie mehr Feinde, als wenn Sie auf dem Neonazicamp Königswusterrode Anatevka singen.

Der Fall Amstetten ist furchtbar, aber ich bin nicht überrascht, dass es sowas in Österreich gibt. Auch hier wieder: Etwas von der Obrigkeitsdenke, die in Deutschland kaum mehr vorstellbar ist. Es gibt da so eine bockige, sture, unsagbar dumme Mentalität der Realitätsverweigerung von oben herab. Sei es nun der Täter mit seinen Machtgelüsten, oder jetzt auch der Versuch der Regierung, das ganze kleinzureden und Österreich wieder als das friedliches Land der Berge und Täler zu promoten, selbst wenn hier gleich hinter der Grenze in Achensee ein hässlicher FPÖler sein Gesicht plakatieren lässt, mit dem geistig zurückgebliebenen Spruch "Tirol den Tirolern".

Allerdings, das mag Österreich beruhigen, die Nachbarn haben ein kurzes Hirn, man hat die Opposition in Österreich nach kurzem Aufschrei auch jahrelang mit den blau-braunen Regime der Haiders und Schüssels allein gelassen, statt hier mal ein Exempel zu statuieren, das noch weiter südlich anderen Verbrechern klar gemacht hätte, was in der EU absolut nicht geht. Österreich 2000, FPÖ/ÖVP, das war der innere Sündenfall der EU. Aber wie die Politiker, so auch die Bewohner der Nachbarstaaten, und gerade die Deutschen sind ganz leicht für den Alpenstaat zu erwärmen. Denn hier gibt es Dinge, die wichtiger sind als Politik, braune Sager und eine überforderte Verrwaltung, die trotzdem gern den Metternich machen würde, Dinge, die für Deutsche wirklich wichtig sind, und deshalb könnte eine Imagekampagne vielleicht so aussehen:



Unten in Hall ist es noch günstiger, 1,16, habe ich letzthin gesehen. Hall ist übrigens wirklich wunderschön, da kann man auch hinfahren, wenn man nicht tanken muss.

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Donnerstag, 1. Mai 2008

1180 Meter

Zugegeben: Der als Strasse eingezeichnete Weg zum Gassler Berg ist erheblich rennraduntauglich, und mit einem älteren Klassiker sollte man auch nicht solche Eröffnungstouren fahren. Oder schieben, denn manche Kurven sind für die grossen Übersetzungen definitiv zu steil. Aber es hat sich für die Sonnenstunden hoch über dem See gelohnt.



Auf dem Grat Richtung Norden dann der Aufmarsch der Wolkenformationen über dem flachen Land; über der Donau zieht es zu, Augsburg und München werden grau, nur im Osten über dem Chiemsee, hinter ins Salzburgische, bleibt es durchgehend sonnig. Vorerst.



Denn gegen halb sieben ist dann definitiv Schluss, und die Sonne geht hinter einer wirklich ernsten Wolkenfront unter.



Ohne Rennrad wäre ich irgendwo auf halbem Weg in einen formidablen Sturm marschiert. Mit Rennrad, auf losem Grund und grösseren Steinen im Weg, nicht zu vergessen die Weidegatter und mit praktisch profillosen Reifen ist das kein besonderer Spass, auch die Bremsen könnten besser sein, aber immer noch besser als oben eingesaut zu werden. In der Endzone dann als Bremsanlage freilaufende Hühner. Kein Federvieh musste für diesen Beitrag zur Seite gehen.

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Empfehlung heute - Aufspritzen

Frau S., die es wissen muss, schliesslich verdient ihre Schwiegertochter indirekt mit dem Verkauf neuer Kleider für die neue Haut sehr viel Geld, Frau S. also hat mir mal erklärt, wie das hier funktioniert: Da gibt es daheim in (beliebige Stadt mit einem besseren Viertel) eine Person, die natürlich alles mitnimmt, was so geboten wird, und einen ihr bekannten Arzt, der gegenüber der Allgemeinheit auch kein gutes Verhältnis hat, und der nun entdeckt an dieser armen Person ganz schreckliche Dinge, die eine Verbringung an einen möglichst mondänen Kurort zur Folge haben muss. Der Tegernsee beispielsweise steht da ziemlich weit oben auf der List, Bad Eining und Bad Abbach dagegen sind wirklich banal gerontokratisch dominiert.

Vor zwanzig Jahren, als die Medizin noch nicht so weit war, galten diese Gesundheitstouristen, nennen wir sie mal so, als die grosse Stunde der Juweliere. Im Rahmen der allgemeinen Wortverschönerung heisst die Kur inzwischen ohnehin Wellness, da passt das noch besser, und inzwischen gehören Zusatzleistungen zur Erfrischung von Körper und Haut einfach dazu, und ist dabei, auf den Einkaufslisten der Kommenden den Juwelieren den Spitzenplatz streitig zu machen. Da kommt also Frau Dr. P. aus B. hier an, sieht, dass alle, die schon zwei Wochen hier sind, bräuner und faltenfreier sind, und erfährt dann nebenbei, wer mit welchen Mitteln, keine 20 Minuten mit dem Taxi von hier entfernt, was machen kann. Ist gar nicht teuer. Daheim sehen sie dann aber sowas von erholt aus, nachdem man sie ein paar Wochen nicht sah. Und weil sich neue Haut mit alten Kleidern und Schmuck nicht verträgt, vermeldet man letztlich doch über alle Branchen hinweg steigende Umsätze. Schönheitsoperative Wellness, alles unter einem Hausdach mit einer Rechnung, der Juwelier hat auch seinen Schakasten in der Lobby, das ist die Zukunft des Sex on the beach mit Blick zum persönlichen Sonnenuntergang.



Aber nicht jede kann sich so eine Kur leisten, ausserdem gibt es da noch die Jungen, die auch gerne kleine Macken bereinigt sehen, und ich gehe mal davon aus, dass der von Strappato aufgezeigte Fall von Interessensverschränkungen tatsächlich das zum Ziel hat, was man gemeinhin als arbeitende Bevölkerung bezeichnet. Überhaupt frage ich mich, wann es eigentlich Schönheitsoperationspakete als Do-it-yourself neben der Bräunungscreme in der Drogiere gibt.

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Kulturpessimismus des Tages

Wie die Alten sungen



so pfeifen die Jungen.



Aber wenigstens hat Stefan einen dummen Feind.

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Mittwoch, 30. April 2008

Wetterwechsel II

Zweitwohnsitz, Ferienwohnung, der Garten, der zu bestellen ist: Leider gibt es am See auch noch etwas anderes als Vorruheständler, die das Sozialsystemdes Staates in den Wirtshäusern, Kliniken und Apotheken ruinieren. Am Südende des Sees ist alles mit Hotels zugepflastert, die in dieser Jahreszeit mit günstigen Angeboten für Kongressbuchung locken. Nicht ohne gute Gründe, schliesslich spricht es sich über Anlagen, sagen wir mal in weniger gut bestellten Regionen wie dem Osten, Berlin, dem Balkan und den unsicheren USA besser irgendwo, wo keine hässliche Realität hinter jeder Parkplatzmauer in Form von Platte, Investitionsruine, Aufbau Ost oder Leerstand mit den klapprigen Hüften wackelt. Hier lässt es sich fern von den Anfeindungen vorzüglich essen, reden, geniessen, und, äh, irgendwas war da noch, ach so, etwas zeichnen, zur Vermögenssicherung, nachdem die Rattenlinie von Rottach über Achensee nach Vorarlberg nicht mehr allzu weise ist. Mag sein, dass man in den mir bekannten Münchner Knochenbrecherkreisen gar nicht gut auf solche Anbieter zu sprechen ist, man könnte auch sagen, man ficht jurisistische Endkämpfe aus, aber dennoch ist es spannend zu wissen, was die jetzt so treiben, was sie erzählen, und was sie unerwähnt lassen.



Und während sie noch präsentierten und sich auf der Bühne die Hände schüttelten, und ich brav mit all den anderen Schafen applaudierte, verschwanden draussen die dichten, mehrlagigen Wolkendecken, Blau ward gesehen, Sonne gar, und als ich dann am Abend wieder Richtung Norden fuhr, in das, was unversehens zur Dienstwohnung geworden ist, war der Wetterwechsel wieder rückgängig gemacht. Das Wetter kann wandeln, viel leichter, als eine unvorsichtige Unterschrift, und fast so schnell wie die Jovalität derer, zu deren Gunsten sie geleistet wird, wenn man es endlich gewagt hat, und den grossen Sprung für das eigen Vermögen getan hat, wie es gerne von solchen Podien schallt.



Ich denke, es ist dieses latente Urlaubsszenario. So, wie man im Urlaub nicht auf den Preis schaut und die Köstlichkeiten ordert, für die man daheim acht Wochen am Knäckebrot mümmelt, verlieren sich Vernunft, scharfe Rechenkunst und Vorsicht, wenn es draussen plötzlich schön wird, und die Luft warm über dem Wasser zu flirren beginnt, ein paar Boote schaukeln im Wasser, und über die Hügel erheben sich die immer noch weissen Spitzen der Berge, als wären sie aus Zuckerguss. Hier ein Geschäft abgeschlossen zu haben, ist nochmal was ganz anderes als in einem Mietsaal draussen am Flughafen, wo die Kekse trocken und das einzig sehenswerte die scharfen Schutzmassnahmen für die Flugzeuge der El-Al sind. In der Ferne mag man vielleicht die Berge sehen, als Rand der Tiefebene, hier geht man einfach am Strand spazieren und kommt dann auch bei einem passenden Restaurant an, dessen Bedienungen ebenso schön wie die Portionen üppig sind.



Das alles hier macht milde. Es beschwert sich keiner, dass die Jugend durch den Pavillion ihre Skateboards hetzt, im Gegenteil, die Senioren auf den Bänken klatschen bei gelungenen Sprüngen. Man kann hier viel leichter glauben, dass alles gut ist und seine Ordnung hat, und wenn es morgen hell wird, werden wieder die Berge vor diesem einzigartigen Blau herüberleuchten, wenn man eben noch im Überschwang eine Nacht in einem *****plus-Hotel dranhängt. Das ist gut für einen selber, gut für das Hotel und auch nicht der Schaden des veranstaltenden Wirtschaftskriminellen, dessen Begleiter beim Portier nach dem Weg nach Österreich fragten, um dort schnell noch mal billig zu tanken, Benzin und Alk. Geht es nach denen, die mich bezahlen und mir somit die Überweisung der Grunderwerbssteuer mit meinem eigenen Geld erlauben (ein ärgerlicher, wiederkehrender Topos bis Mitte nächsten Monats, mindestens), werden sie den Alkohol schon bald zur Beruhigung und das Benzin zur Selbstverbrennung brauchen -

aber es ist schön hier. Wirklich schön. Zwei Stunden an der Strandpromenade, und solche Gedanken sind weltenfern.

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Empfehlung heute - Nach Frankfurt

mit Anke Groener zu ihr selbt ins Museum - als Historiker darf ich dazu vielleicht sagen, dass es ein eher seltsames Gefühl ist, sich musealisiert vorzufinden.

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Dienstag, 29. April 2008

Wetterwechsel

Als sich herausstellte, dass die stärker motorisierten Boote lediglich aus Plastik geformt waren, entschied ich mich doch für die schwächere Vatiante - die aber ist aus Holz und hat rote Kunstledersitze, eine gelungene Ergänzung für das Türkis des Wassers, um Bilder wie aus den 50er Jahren zu kreieren, aufgenommen über das Heck einer Riva.

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Und so fuhren wir dann entlang des Ufers, ich gab den Cicerone - dort der Paraplui, dort hinten die Blauberge und drüber Bad Wiessee und das lächerliche Casino - und jagte dazwischen die Lücken in den Wolken. Brachte dann den Gast zur Bahn nach München, wunderte mich schon etwas über die silbrige Farbe des Himmels, und am Seeufer angekommen, zeigte sich das Ende der halcyon days am Firmament.



Inzwischen peitscht ein mittelschwerer Sturm die Bäume in der Finsternis, waagrecht treibt der Regen vorbei, und dank der Höhe liegen die Wolken nun unter mir, über dem See, und gleichzeitig über mir in den Bergen. Ich bin dazwischen, wie immer, und warte auf den nächsten Wechsel.

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Gibt es nur in Berlin.

Über eine halbe Million geistig in allzu Begünstigter, die sich dafür einsetzen, einen Flughafen möglichst nah an den Wohngebieten mit Einflugschneisen und allem, was dazu gehört, Dreck, Gestank, Lärm, Stau und Risiken zu haben.

Liebe Berliner, ich gönne Euch vieles, sogar Ausgleichszahlungen zur Behebung Eurer zweitgrössten Probleme und öffentliche Lagerflächen zur Beseitigung Eurer Kühlschränke und Sofas, aber das grösste Problem, das ist in Euren Köpfen, da kann Euch keiner helfen.

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Ciao-Ciao, brüllte er.

Das Fiese an der Sache ist, dass man sich so schnell daran gewöhnt. Man könnte wirklich einen Sommer am See verleben, was spräche eigentlich dagegen, und solange Berichte über das schreiben, was für eine gewisse - noch ältere - Generation als Sonnenseite des Lebens gilt.



Wobei: Der fette Bayer der U30-Klasse gestern am See, der Geschäftsgeheimnisse über die Uferpromenade in sein Mobiltelefon brüllte, nach Powerpoints schrie und sich mit einem Ciao-Ciao verabschiedete, unter den bewundernden Blicken seiner schlanken Begleitung, die vermutlich Monopol liest und bei Laura Ashley einkauft, war in seiner trachtenjankrigen Vollzufriedenheit schwerer zu ertragen, als alle Fussballerferraris des Abends. Auch nicht schlimmer zwar als Handelsvertreter im ICE, aber hier ist die Fallhöhe für Hässliches angesichts der Landschaft grösser. Man muss das aufschreiben, man muss es erzählen, sonst glaubt es einem niemand. Auch das ist Deutschland, ganz ohne Probleme und eine grosse Koalition kleiner Geister, man ist fett, faul, zufrieden und mit sagenhaft schönem Wetter belohnt. Kein Biergarten erinnert an Hartziges, kein Yachtclub hat eine Finanzkrise, nur der CSU, der geht es sogar hinten in Kreuth dreckig.

Ich glaube, ich miete mir heute ein kleines Elektroboot.

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Montag, 28. April 2008

Von halb Sieben bis halb Acht

am Tegernsee, in Tegernsee







Kurz vor dieser Stelle ist zum Rücken des Betrachters der "Schlosspark" Tegernsee, eine kleine Grünfläche voller dichter Bärlauchbüscheln, die, mit Olivenöl und Grana Padano zu Pesto verarbeitet und einen Klacks Creme Fraiche veredelt, auf den Trüffelravioli diesen Abend bekrönten.

Ist in Ordnung, hier. Sogar den oberbayerischen Seen eher gleichgültig gegenüber stehende Zeitgenossen sind angetan.

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Vom Niedergang der Staatspartei und der eigenen Dummheit

So etwas, diesen Jägerstolz hätte es früher gar niemals auf dem Flohmarkt nicht in den Obstkistl auf dem Boden gegeben:



Fast ist man versucht, Mitleid zu haben, aber dann locken doch der Leuchter, das Imariporzellan, das Silber und die 100 kleinen, geschliffenen Spiegel mehr.

Vor ein paar Jahren, als es um die Einrichtung einer anderen Wohnung ging, sah deren Besitzerin in einer gehobenen Einrichtungszeitschrift eine Wanddekoration aus vielen kleinen, geschliffenen, facettierten Spiegeln und wollte sowas auch haben. Ich ging zum lokalen Glaser, den wir seit langem beschäftigen, und fragte nach einem Kostenvoranschlag. Damals hätte ein kleines, ovales Spiegelglas 10 und ein rindes Gegenstück 8 Euro gekostet. Damit war der Plan hinfällig.

Heute nun fand ich einen ganzen Karton voller solcher Spiegel, das Stück für 20 Cent, und nahm gleich 100 Stück davon. Drei Reihen später dachte ich mir, dass es dumm war; ich hätte einfach alles nehmen sollen. Ich ging zurück, Reihe um Reihe, aber da war nichts mehr. Irgendwann erkannte ich den Verkäufer wieder - und der hatte jemanden getroffen, der die ganze Kiste kaufte. Restlos.

Und sich wahrscheinlich scheckig über mich lachen würde, wüsste er von meiner dummen Knausrigkeit am falschen Fleck.

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Samstag, 26. April 2008

Der Fluch des Oregano

Es gibt Dinge, die sind unmöglich. Dazu gehört auch der Versuch, in der Nacht von Nürnberg in die Alpen zu fahren, wenn auf dem beifahrersitz ein Topf mit Oregano untergebracht ist, den man als Aufmerksamkeit für einen Transport bekommen hat. Nach 70 Kilometer ist man reif für ein Nachtmahl, verbleibt in der Provinz, kocht und schläft dort auch. Oregano ist tückisch.



Allerdings ist am nächsten Morgen dann endlich die neue World of Interiors da, mit exzellenten Beiträgen über einen indischen Palast, eine portugiesische Schlossküche, einen Bibliomanen und andere beneidenswerte Immobilien. Und zudem kommt endlich auch das Paket aus dem krisengeschüttelten England an, dessen Inhalt allerdings bald wieder verschenkt werden wird. Auf dem Wochenmarkt erfreut die Eierfrau mit einer anachronistischen Ansprache in 3. Person, was er, der Kunde, nachad bräuchte, das hat sich hier mancherorts über 200 Jahre gehalten, wie in der Zeit von Christoph Schaffrath, dessen Musik dank einer neuen CD das Frühstück begleitet.

So gesehen war es ein gelungener Morgen, durch den Oregano. Und ohne Blog wäre das alles so nicht passiert.

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Empfehlung heute - In die Puszta

mit der Oma geht es bei Andrea Diener.

Und mit mir morgen auf den Antikmarkt in Pfaffenhofen.

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Freitag, 25. April 2008

Ich war letztes Jahr

auf zu vielen Kongressen und Veranstaltungen, und das, obwohl ich kein einziges Mal als Besucher dort war. Das Problem ist, dass man irgendwann auch zusagt, ohne sich genauer mit dem Umfeld zu beschäftigen, und am Ende trifft man dann auf Leute, bei denen man sich wirklich wundert, wieso die nicht besser eine Schlosserlehre gemacht haben, statt andere ausbilden zu wollen, die am Ende die gleichen eingebildeten Knalltüten werden. Kann alles passieren, es gibt brilliante Organisatoren und Versager, aber irgendwann ist man soweit, dass man sich ein paar klare Regeln aufstellt, denn wenn es die Leute nichts kostet, achten sie es oft nicht besonders, und man sagt lieber dreimal ab, statt sich nochmal auf fragwürdige Typen einzulassen.



Es gibt aber auch die Fälle, da man kennt die Leute, mit denen man es zu tun hat. Den alternativen Medienpreis und seine Veranstalter kenne ich seit der ersten Runde von 1999, und da komme ich gern einfach so, denn Nürnberg ist nicht weit weg, und die Preisverleihung hat mir immer etwas gebracht, neue Ideen, Ansätze, Bekanntschaften, Spass und Parties mit Leuten, die nicht alternativ und anders tun und letztlich genau die gleiche Vermarktungsscheisse betreiben, wenn der passende Werbepleitier den nächsten Hype reiten möchte.



Ja, links. Ja, nichtkommerziell, vielleicht sogar antikommerziell und utopisch. Ganz sicher nicht marktkompatibel. Aber es ist wirklich schön, mal einen Abend nicht an jeder Ecke einen Zyniker sitzen zu haben, einen Koofmich und einen, der das nur als Karriereschritt auffasst, wie man das hier draussen nur zwei Klicks entfernt allenthalben findet. Ich bin Autodidakt, aber ich komme ursprünglich aus der Bürgerfunk-Ecke, ich mag den Ansatz, dass jeder kann und jeder darf und Hierarchien nur dann sein sollten, wenn sie unvermeidbar sind - was sich in Blogs übrigens besser umsetzen lässt, als im Radio.



Es ist viel Zeit vergangen, seit 1999, als Radio noch DAS alternative Medium schlechthin war. Der Wandel der Mediennutzung macht auch vor den Alternativen nicht Halt, egal ob sie nun strukturkonservativ auf Einschaltradio beharren, oder gleich ganz ins Netz gehen - was eigentlich, angesichts der Geschichte der Linken und ihrer normalerweise schnellen Aneignung von Technik, nur logisch wäre. Obwohl ich dort zweimal mit Radiofeatures gewonnen habe, käme es mir heute seltsam vor, einen Podcast zu produzieren, den man nur zu einer bestimmten Zeit auf einer Frequenz hören kann, mit einem immensen Aufwand, der dennoch weniger erreicht, als normaler Text. Ich will mich keinesfalls in die vulgäre Internetüberhöhung einreiehen, die alle anderen Medien im Nebensatz für obsolet erklärt, ich will auch nicht Lampedusa zitieren, aber ich bin verdammt froh, dass es das Internet und freie Software gibt, die Blogs ermöglichen. Es ist eine Chance, mehr erstmal nicht, aber eine bessere Chance, als Alternative sie je hatten.

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Empfehlung heute - Der neue Nachbar

versteht es, eine unkühle Region sehr kühl und fein abzubilden - es ist gar nicht so schlimm dort.

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