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Donnerstag, 8. Januar 2009
Real Life 07.01.09 - der grosse Bailout der Vororte
"Diesen werden wir die Trauer hinzufügen, von der wir sagen dürfen, dass sie ausschliesslich aus der Meinung und der daraus entstandenen Enttäuschung entstanden ist"
Baruch Spinoza, Kurze Abhandlung von Gott, dem Menschen und dessen Glück
Sieh es doch einfach so, sagt Iris. Es wird so oder so kommen, die unten haben 200 Euro mehr für eine neue Glotze, und Papa kann 400 Euro mehr investieren. Ausserdem war es nicht gerade höflich von Dir, das Sozialgerede gerade jetzt auf das Tapet zu bringen, da er ohnehin schon den Eindruck hat, dass der Abstand zwischen denen und uns nicht mehr allzu gross ist. So wie die unten das Geld zum Ausgeben brauchen, braucht er es, um wieder Tritt zu fassen.

In gewisser Weise hat sie recht. Papa ist wie alle, die verloren haben: Besessen davon, die Rückschläge wieder gut zu machen. Kein neuer Motor für den seit Monaten in der Garage gammelden Sportwagen. Keine drei Wochen Skifahren, und keine neue Ausrüstung bei Bogner. Zum Glück kamen die wirklich brutalen Schläge erst im Dezember mit der Post, sonst hätte er auch dem Konzertverein gekündigt, und du müsstest ohne Iris durch das Foyer streifen. Papa ist getrieben von den Verlusten und gepeinigt von der Angst, er könnte hinter andere zurückfallen. Papa ist lächerlich viel reicher als alles, was du jemals besitzen wirst, auch nach dem ganzen Unglück bist du immer noch ein Nichts, aber der Unterschied ist: Du hast zweimal ein schmales Plus gemacht, und er ein einziges, dickes Minus. Es war keine Anerkennung, dass er sich mit Dir über seine Pläne nach Steuersenkungen unterhalten hat. Eher der Wunsch, sich Bestätigung zu holen. Was bei dir nicht so arg toll ist, der du eigentlich für massive Steuererhöhungen bist. Denn es gibt immer noch zu viel Vermögen in Deutschland, das gehortet und Verbrechern zur vorgeblichen Vermehrung gegeben wird.
Aber Papa hat das alles schon durchgerechnet, wenn sich die CSU durchsetzt. Höherer Sockelfreibeitrag: Bringt ihm 400 Euro. Ende der Progression: 20.000, 25.000, wenn es der Seehofer macht. Einparungen 40.000. Da kommt was zusammen. Und jetzt kommst du ins Spiel. Wohnimmobilien. Denkmalschutz. Berlin. Welches Viertel, wo krepieren gerade die Denkmal-AfA-Fonds. Er würde, wenn die Zinsen ordentlich gefallen sind und die Inflation droht, 2010 massiv leveragen, noch ein paar Positionen auflösen und dann gleich auf zwei Stockwerke gehen. Kudamm. Savignyplatz. Mehringdamm. Was sagst du dazu. Das müsste doch, 300 m², dann alle zwei Jahre eine Wohnung restaurieren und immer schön abschreiben; in acht Jahren ist sicher wieder Boom. Dass du auf Steinbrück setzt, passt nicht in diese Träume von der schnellen Erholung durch einen Sonderweg in das Berliner Baugestrüpp. Überhaupt, was soll das: Die nehmen euch doch alles. Das ist längst überfällig, und es haben alle was davon.
Und die oben werden noch mehr horten können. Als hätte die Krise ihren Kern nicht darin, dass irgendwo zu viel gehörtet wurde, zu viele Zinsen sollte und zu leichtfertig vergeben wurde. Versuchst du zu erklären, aber das kommt nicht an. Denn der Staat hat den kleinen Leuten schon die Ersparnisse gerettet, jetzt soll er den Reichen helfen, die Verhältnisse wieder ind Lot zu bekommen. Steuern runter, das sieht er als sein Recht an.
Du bist ja nie hier, sagt Iris. Du hättest im Dezember hier sein sollen, als er die Steuer für 2007 mit dem Berater durchgegangen ist. Da war schon klar, dass er würde nachzahlen müssen. Und dann jeden Tag die Kurse, die Briefe der Banken, und dann noch so ein Ding am grauen Kapitalmarkt, das neues Kapital brauchte. Alle wollten sein Geld, überall waren Löcher im Portfolio, jeden Tag wieder ein, zweitausend Euro einfach so weg. Schmuck, Kleider, Urlaub, alles wäre besser gewesen. Kannst du das nicht verstehen? Er hat immer nur gespart. Er hat nur viel ausgegeben, wenn es erwartet wurde, für sich bräuchte er das alles nicht. Es macht ihm nichts, jetzt noch mehr zu sparen, denn er will wieder dorthin, wo er 2007 war.
Und deshalb wählt er die CSU und jeden anderen Rattenfänger, der Steuersenkungen verspricht. Und die Leute im Piusviertel sind mit den paar Kröten vom Freibetrag zufrieden und wählen sie auch. Soll doch der Staat die Schulden machen, die sie nicht zu machen brauchen. Jedem seinen Bailout, unten 2 Zoll mehr Diagonale, oben zwei Immobilien mehr - wer soll das in Berlin eigentlich für ihn machen? Die Immobilien finden, die Organisation, das kostet doch auch einen Haufen? Hat dein Vater überhaupt Erfahrung im Altbausanieren? Bei deiner Wohnung blieb das alles an mir hängen.
...
Nein.
Er meinte, mir zuliebe, schliesslich bekomme ich die ja mal, und du kennst dich doch da oben aus, also, ich finde es ja auch nicht so toll, aber
Baruch Spinoza, Kurze Abhandlung von Gott, dem Menschen und dessen Glück
Sieh es doch einfach so, sagt Iris. Es wird so oder so kommen, die unten haben 200 Euro mehr für eine neue Glotze, und Papa kann 400 Euro mehr investieren. Ausserdem war es nicht gerade höflich von Dir, das Sozialgerede gerade jetzt auf das Tapet zu bringen, da er ohnehin schon den Eindruck hat, dass der Abstand zwischen denen und uns nicht mehr allzu gross ist. So wie die unten das Geld zum Ausgeben brauchen, braucht er es, um wieder Tritt zu fassen.

In gewisser Weise hat sie recht. Papa ist wie alle, die verloren haben: Besessen davon, die Rückschläge wieder gut zu machen. Kein neuer Motor für den seit Monaten in der Garage gammelden Sportwagen. Keine drei Wochen Skifahren, und keine neue Ausrüstung bei Bogner. Zum Glück kamen die wirklich brutalen Schläge erst im Dezember mit der Post, sonst hätte er auch dem Konzertverein gekündigt, und du müsstest ohne Iris durch das Foyer streifen. Papa ist getrieben von den Verlusten und gepeinigt von der Angst, er könnte hinter andere zurückfallen. Papa ist lächerlich viel reicher als alles, was du jemals besitzen wirst, auch nach dem ganzen Unglück bist du immer noch ein Nichts, aber der Unterschied ist: Du hast zweimal ein schmales Plus gemacht, und er ein einziges, dickes Minus. Es war keine Anerkennung, dass er sich mit Dir über seine Pläne nach Steuersenkungen unterhalten hat. Eher der Wunsch, sich Bestätigung zu holen. Was bei dir nicht so arg toll ist, der du eigentlich für massive Steuererhöhungen bist. Denn es gibt immer noch zu viel Vermögen in Deutschland, das gehortet und Verbrechern zur vorgeblichen Vermehrung gegeben wird.
Aber Papa hat das alles schon durchgerechnet, wenn sich die CSU durchsetzt. Höherer Sockelfreibeitrag: Bringt ihm 400 Euro. Ende der Progression: 20.000, 25.000, wenn es der Seehofer macht. Einparungen 40.000. Da kommt was zusammen. Und jetzt kommst du ins Spiel. Wohnimmobilien. Denkmalschutz. Berlin. Welches Viertel, wo krepieren gerade die Denkmal-AfA-Fonds. Er würde, wenn die Zinsen ordentlich gefallen sind und die Inflation droht, 2010 massiv leveragen, noch ein paar Positionen auflösen und dann gleich auf zwei Stockwerke gehen. Kudamm. Savignyplatz. Mehringdamm. Was sagst du dazu. Das müsste doch, 300 m², dann alle zwei Jahre eine Wohnung restaurieren und immer schön abschreiben; in acht Jahren ist sicher wieder Boom. Dass du auf Steinbrück setzt, passt nicht in diese Träume von der schnellen Erholung durch einen Sonderweg in das Berliner Baugestrüpp. Überhaupt, was soll das: Die nehmen euch doch alles. Das ist längst überfällig, und es haben alle was davon.
Und die oben werden noch mehr horten können. Als hätte die Krise ihren Kern nicht darin, dass irgendwo zu viel gehörtet wurde, zu viele Zinsen sollte und zu leichtfertig vergeben wurde. Versuchst du zu erklären, aber das kommt nicht an. Denn der Staat hat den kleinen Leuten schon die Ersparnisse gerettet, jetzt soll er den Reichen helfen, die Verhältnisse wieder ind Lot zu bekommen. Steuern runter, das sieht er als sein Recht an.
Du bist ja nie hier, sagt Iris. Du hättest im Dezember hier sein sollen, als er die Steuer für 2007 mit dem Berater durchgegangen ist. Da war schon klar, dass er würde nachzahlen müssen. Und dann jeden Tag die Kurse, die Briefe der Banken, und dann noch so ein Ding am grauen Kapitalmarkt, das neues Kapital brauchte. Alle wollten sein Geld, überall waren Löcher im Portfolio, jeden Tag wieder ein, zweitausend Euro einfach so weg. Schmuck, Kleider, Urlaub, alles wäre besser gewesen. Kannst du das nicht verstehen? Er hat immer nur gespart. Er hat nur viel ausgegeben, wenn es erwartet wurde, für sich bräuchte er das alles nicht. Es macht ihm nichts, jetzt noch mehr zu sparen, denn er will wieder dorthin, wo er 2007 war.
Und deshalb wählt er die CSU und jeden anderen Rattenfänger, der Steuersenkungen verspricht. Und die Leute im Piusviertel sind mit den paar Kröten vom Freibetrag zufrieden und wählen sie auch. Soll doch der Staat die Schulden machen, die sie nicht zu machen brauchen. Jedem seinen Bailout, unten 2 Zoll mehr Diagonale, oben zwei Immobilien mehr - wer soll das in Berlin eigentlich für ihn machen? Die Immobilien finden, die Organisation, das kostet doch auch einen Haufen? Hat dein Vater überhaupt Erfahrung im Altbausanieren? Bei deiner Wohnung blieb das alles an mir hängen.
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Nein.
Er meinte, mir zuliebe, schliesslich bekomme ich die ja mal, und du kennst dich doch da oben aus, also, ich finde es ja auch nicht so toll, aber
donalphons, 00:41h
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Kann man sich Feinde machen,
die man sich schon mal gemacht hat? Falls ja, steht die Anleitung dazu an der Blogbar.
donalphons, 22:40h
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Empfehlung heute - Schöner Winter
Es gibt ein Licht, das man nur in schneereichen Winternächten findet, und das ist dann wirklich schön.

Er kann aber auch so sein. Hässlich. Noch hässlicher war aber vermutlich der Abend der drei Hooligans, die heute morgen von der Polizei hochgenommen wurden, weil sie unter lautem Geschrei ein Fahrrad demoliert hatten, und wenn ich sowas sehe, bin ich nach einigen Erlebnissen inzwischen wirklich absolut jenseits aller Bedenken, die Ordnungskräfte zu rufen.

Er kann aber auch so sein. Hässlich. Noch hässlicher war aber vermutlich der Abend der drei Hooligans, die heute morgen von der Polizei hochgenommen wurden, weil sie unter lautem Geschrei ein Fahrrad demoliert hatten, und wenn ich sowas sehe, bin ich nach einigen Erlebnissen inzwischen wirklich absolut jenseits aller Bedenken, die Ordnungskräfte zu rufen.
donalphons, 11:55h
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: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :
Dienstag, 6. Januar 2009
Der unfeine Tod des feinen Porzellans
Gestern war ein scheusslicher Tag. Manche werden sagen, dass die Pleite des Porzellanherstellers Wedgwood nach über 250 Jahren unvermeidlich war, war die Firma doch massiv überschuldet und litt am Konsumeinbruch auf dem amerikanischen Hauptmarkt. Und nach etwas Recherche muss ich konzidieren, dass Wedgwood, die mir seit meiner Kindheit als Inbegriff vollendeter britischer Tischkunst bekannt waren, in den letzten Jahren sicher nicht besonders gut beraten war, die meisten Linien in Indonesien von Arbeitern fertigen zu lassen, die 150 Pfund im Monat kosteten, aber daheim weiter Preise verlangten, als wären die Mitarbeiter noch immer im Hauptsitz Etruria mit Löhnen um die 2000 Pfund beschäftigt. Ich glaube, wer Wedgwood will, möchte nicht irgendetwas, das in Fernost von Billigstarbeitern gepresst und bedruckt wird, das nichts mehr zu tun hat mit der Tradition des Industriellen, Aufklärers und Künstlers Josiah Wedgwood, der seinerzeit gegen die Ausbeutung von Skalven agitierte.

Leider erwischt es neben Wedgwood - die Serie "english royal homes" in der Mitte - und Waterford, dem früher exquisiten irischen, jetzt leider osteuropäischen Hersteller der Glasschalen links, auch Hutschenreuther, die heute über die Rosenthal AG zum Konzern gehören. Auch Hutschenreuther hat eine besondere Geschichte; 1857 brannte die Weberstadt Selb nieder, und der Firmengründer setzte alles daran, die Bewohner mit seiner Porzellanfabrik wieder in Lohn und Brot zu setzen. 1917 übernahm Hutschenreuther dann die Firma Paul Müller, führte sich als Luxusabteilung weiter, und wenn ich wirklich etwas zu feiern habe, dann nehme ich das sog. Direktorengeschirr von Paul Müller, von dem die Sauciere abgebildet ist. Dieses Geschirr, weiss die Familientradition zu berichten, gehörte einem im Voralpenland tätigen Direktor, und war der grosse Stolz dieser gewiss nicht armen Seitenlinie, von der aus es mir nach drei Erbgängen - der letzte war geprägt von einem "wer will heute noch Goldrand" - zugefallen ist.
Ich will Goldrand. Und nicht nur, weil ich gerne auftrage, und ich ohnehin nur mit der Hand spüle. Ich mag edles Porzellan nicht nur, weil wir eine dicke Familientradition des Porzellanfetischismus haben, sondern auch, weil es für diesen Fetischismus einen Grund gibt, einen gutbürgerlichen Grund, der aus Porzellan mehr als nur Tischzierde macht. Denn anhand von Porzellan lässt sich die Aufklärung erzählen, anhand ihrer Verbreitung entstand das Bürgertum, die Demokratie, ein guter Teil der Industrialisierung, nur um jetzt möglicherweise, nachdem die Zwecke erfüllt sind und sich jeder alles überall kaufen kann, wieder zurückzufallen in die Hände der wenigen, die es sich leisten können und wollen, wie schon zu Beginn.
Als im 16. Jahrhundert zum ersten Mal asiatische Keramiken in grösserem Stil nach Europa importiert wurden, zögerte man nicht, sie mit Gold zu fassen: Seladonschalen zum Beispiel waren eine Weile die teuersten Handeslgüter der Erde, und selbst reiche Fürsten hatten selten mehr als ein paar Stücke asiatischen Porzellans in ihren Wunderkammern. Es dauerte bis ins 17. Jahrhundert, bis man überhaupt wagen konnte, davon zu essen, und abgesehen von den allerreichsten Schichten gab es keinen Markt. Das blieb auch noch im 18. Jahrhundert so, als Augarten, Meissen, Nymphenburg und KPM ein Monopol hatten und darüber wachten, dass die Preise hoch und die Kundschaft exklusiv blieb. Josiah Wedgwood war einer der frühen Rebellen, der das aufstrebende Bürgertum mit Serienfertigung und günstigeren Preisen im Auge hatte, andere folgten später in anderen Ländern und auf anderen Gebieten nach: Christofle wurde als Lieferant günstigen Silbers berühmt, Baccarat wurde erst nach der französischen Revolution vom fensterglashersteller zur Luxusmarke, und erst mit der Versilberung wurde Silber zum Gegenstand des täglichen Gebrauchs.
Gemeinhin denkt man ja, das Bürgertum wollte den Adel nur nachäffen; tatsächlich aber waren die Machthaber gar nicht so arg begeistert, wenn die Untertanen nach derartigen Dingen strebten. Für die Bürger bedeutete der Luxus vor allem, dass sie auch Zeit hatten, ihn zu nutzen, Tee zu trinken, nicht dauernd schuften mussten und sich über den Kuchen hinweg unterhalten zu können, über Politik etwa und Repression, oder Bücher von Heine lesen - Bürger, die Zeit haben, kommen auf die für Machthaber unerfreulichsten Ideen. Metternich wusste schon, warum er seine Spitzel in die Cafehäuser schickte, und warum er den Bürger mit Zeit fürchtete. Wer Porzellan besass, dokumentierte nicht nur seinen gesellschaftlichen, sondern auch indirekt seinen intellektuellen Aufstieg. Was für die Bürger seit dem 19. Jahrhundert von zentraler Wichtigkeit war, blieb für Arbeiter und andere aufsteigende Schichten auch im 20. Jahrhundert erst mal entscheidend: Etwas Gutes zu besitzen und die Zeit zu haben, es zu nutzen
Man mag das heute vielleicht als kindisch erachten, aber genau das war der Unterschied: Man schaue sich nur mal das Schokoladenmädchen von Jean-Étienne Liotard an: Der aussergewöhnliche Reichtum ihrer gnädigen Frau wird nicht nur durch das chinesische Lacktablett und die Silberarmierung des Porzellans verdeutlicht, sondern auch durch die Knicke in der Schürze: Sie kommt frisch aus der Truhe, sie wird also nicht immer getragen. Es ist ein Haushalt, der sogar seinen Dienstboten mehr als ein Kleid bezahlen kann. Für das 18. Jahrhundert: Ausserordentlich. Der Wunsch, sich selbst und der Familie, den Kindern mehr als nur den Alltag, das Normale, das Übliche bieten zu können, brachte die Arbeiter auf die Strasse, das Soziale in die Parlamente und die Gesellschaft voran, man wollte es schaffen und es auch zeigen, und so komisch es heute scheinen mag, wenn der Treiber dieser Entwicklung Goldrand und Spitzendecken waren:

Darf ich fragen, wohin eine Spielekonsole und ein neues Handy jedes Jahr uns gesellschaftlich so treiben werden?
Ich halte diese Frage, so komisch sie für manche scheinen mag, für hochgradig wichtig. Was lernt man davon? Benehmen? Kaum. Ausdrucksfähigkeit? Sicher nicht. Soziales Engagement? Wenn der andere mit einer anderen marke kein akzeptabler Mensch mehr ist? Das Leben als Ladevorgang, als Folge kurzfristiger Lebenszyklen vielleicht. Wenn ein feines Teeservice das Zeichen für die Zeit ist, die man sich erarbeitet hat, was sind dann die Mugs und Coffee2Gos? Die Negation, das Fehlen der Zeit, in der man eben arbeiten muss, um flexibel und einsatzbereit zu sein. Ich will nicht wissen, wieviele meiner Trouvaillen ich Leuten verdanke, die alles los werden wollen, um möglichst mit einer Kiste umziehen zu können, und für die der Starbucks überall das gleiche Internet hat.
Porzellan, gutes Porzellan zumal ist auch heute teuer, wenn man nicht gerade auf Antikmärkten jagen geht, aber mein nicht seltenes Entsetzen über 100 Euro teure Imaritellerchen ist lächerlich, wenn am Stand daneben demnächst wertlose Handys für 300 Euro verkauft werden. Es gibt einen Paradigmenwechsel, der einen iPOD mit 1000 bei iTunes runtergeladenen, kostenpflichtigen Modemusiken mehr Sozialprestige zuweist, als einem Schlosgartenservice; ich lese öfters, dass Leute in der Bahn etwas auf dem iPOD hören, als am Teetisch besprechen, und das ist es letztlich, was Wedgwood umgebracht hat: Ein partieller Wertewandel unter Thatchers Kindern und Ausgeburten von London über Berlin und Moskau bis Jakarta. Und wenn das ganze System wackelt, macht eine Firma eben ein 20 Pfund Bürobilligkleid aus Polyester und Viscose in China und zieht damit ein Modell mit Pappbecher am Bahnhof an.
Daraus resultieren zwei Fragen, eine für uns alle: Ist das Fortschritt? Und eine für uns Elite: Wie weit ist es noch bis zum Tag, da sich das Pack wieder soweit selbst verblödet, dass wir, mit Porzellan von Augarten und Nymphenburg im Grase sitzend, die Schlossgärten für uns alleine haben?

Leider erwischt es neben Wedgwood - die Serie "english royal homes" in der Mitte - und Waterford, dem früher exquisiten irischen, jetzt leider osteuropäischen Hersteller der Glasschalen links, auch Hutschenreuther, die heute über die Rosenthal AG zum Konzern gehören. Auch Hutschenreuther hat eine besondere Geschichte; 1857 brannte die Weberstadt Selb nieder, und der Firmengründer setzte alles daran, die Bewohner mit seiner Porzellanfabrik wieder in Lohn und Brot zu setzen. 1917 übernahm Hutschenreuther dann die Firma Paul Müller, führte sich als Luxusabteilung weiter, und wenn ich wirklich etwas zu feiern habe, dann nehme ich das sog. Direktorengeschirr von Paul Müller, von dem die Sauciere abgebildet ist. Dieses Geschirr, weiss die Familientradition zu berichten, gehörte einem im Voralpenland tätigen Direktor, und war der grosse Stolz dieser gewiss nicht armen Seitenlinie, von der aus es mir nach drei Erbgängen - der letzte war geprägt von einem "wer will heute noch Goldrand" - zugefallen ist.
Ich will Goldrand. Und nicht nur, weil ich gerne auftrage, und ich ohnehin nur mit der Hand spüle. Ich mag edles Porzellan nicht nur, weil wir eine dicke Familientradition des Porzellanfetischismus haben, sondern auch, weil es für diesen Fetischismus einen Grund gibt, einen gutbürgerlichen Grund, der aus Porzellan mehr als nur Tischzierde macht. Denn anhand von Porzellan lässt sich die Aufklärung erzählen, anhand ihrer Verbreitung entstand das Bürgertum, die Demokratie, ein guter Teil der Industrialisierung, nur um jetzt möglicherweise, nachdem die Zwecke erfüllt sind und sich jeder alles überall kaufen kann, wieder zurückzufallen in die Hände der wenigen, die es sich leisten können und wollen, wie schon zu Beginn.
Als im 16. Jahrhundert zum ersten Mal asiatische Keramiken in grösserem Stil nach Europa importiert wurden, zögerte man nicht, sie mit Gold zu fassen: Seladonschalen zum Beispiel waren eine Weile die teuersten Handeslgüter der Erde, und selbst reiche Fürsten hatten selten mehr als ein paar Stücke asiatischen Porzellans in ihren Wunderkammern. Es dauerte bis ins 17. Jahrhundert, bis man überhaupt wagen konnte, davon zu essen, und abgesehen von den allerreichsten Schichten gab es keinen Markt. Das blieb auch noch im 18. Jahrhundert so, als Augarten, Meissen, Nymphenburg und KPM ein Monopol hatten und darüber wachten, dass die Preise hoch und die Kundschaft exklusiv blieb. Josiah Wedgwood war einer der frühen Rebellen, der das aufstrebende Bürgertum mit Serienfertigung und günstigeren Preisen im Auge hatte, andere folgten später in anderen Ländern und auf anderen Gebieten nach: Christofle wurde als Lieferant günstigen Silbers berühmt, Baccarat wurde erst nach der französischen Revolution vom fensterglashersteller zur Luxusmarke, und erst mit der Versilberung wurde Silber zum Gegenstand des täglichen Gebrauchs.
Gemeinhin denkt man ja, das Bürgertum wollte den Adel nur nachäffen; tatsächlich aber waren die Machthaber gar nicht so arg begeistert, wenn die Untertanen nach derartigen Dingen strebten. Für die Bürger bedeutete der Luxus vor allem, dass sie auch Zeit hatten, ihn zu nutzen, Tee zu trinken, nicht dauernd schuften mussten und sich über den Kuchen hinweg unterhalten zu können, über Politik etwa und Repression, oder Bücher von Heine lesen - Bürger, die Zeit haben, kommen auf die für Machthaber unerfreulichsten Ideen. Metternich wusste schon, warum er seine Spitzel in die Cafehäuser schickte, und warum er den Bürger mit Zeit fürchtete. Wer Porzellan besass, dokumentierte nicht nur seinen gesellschaftlichen, sondern auch indirekt seinen intellektuellen Aufstieg. Was für die Bürger seit dem 19. Jahrhundert von zentraler Wichtigkeit war, blieb für Arbeiter und andere aufsteigende Schichten auch im 20. Jahrhundert erst mal entscheidend: Etwas Gutes zu besitzen und die Zeit zu haben, es zu nutzen
Man mag das heute vielleicht als kindisch erachten, aber genau das war der Unterschied: Man schaue sich nur mal das Schokoladenmädchen von Jean-Étienne Liotard an: Der aussergewöhnliche Reichtum ihrer gnädigen Frau wird nicht nur durch das chinesische Lacktablett und die Silberarmierung des Porzellans verdeutlicht, sondern auch durch die Knicke in der Schürze: Sie kommt frisch aus der Truhe, sie wird also nicht immer getragen. Es ist ein Haushalt, der sogar seinen Dienstboten mehr als ein Kleid bezahlen kann. Für das 18. Jahrhundert: Ausserordentlich. Der Wunsch, sich selbst und der Familie, den Kindern mehr als nur den Alltag, das Normale, das Übliche bieten zu können, brachte die Arbeiter auf die Strasse, das Soziale in die Parlamente und die Gesellschaft voran, man wollte es schaffen und es auch zeigen, und so komisch es heute scheinen mag, wenn der Treiber dieser Entwicklung Goldrand und Spitzendecken waren:

Darf ich fragen, wohin eine Spielekonsole und ein neues Handy jedes Jahr uns gesellschaftlich so treiben werden?
Ich halte diese Frage, so komisch sie für manche scheinen mag, für hochgradig wichtig. Was lernt man davon? Benehmen? Kaum. Ausdrucksfähigkeit? Sicher nicht. Soziales Engagement? Wenn der andere mit einer anderen marke kein akzeptabler Mensch mehr ist? Das Leben als Ladevorgang, als Folge kurzfristiger Lebenszyklen vielleicht. Wenn ein feines Teeservice das Zeichen für die Zeit ist, die man sich erarbeitet hat, was sind dann die Mugs und Coffee2Gos? Die Negation, das Fehlen der Zeit, in der man eben arbeiten muss, um flexibel und einsatzbereit zu sein. Ich will nicht wissen, wieviele meiner Trouvaillen ich Leuten verdanke, die alles los werden wollen, um möglichst mit einer Kiste umziehen zu können, und für die der Starbucks überall das gleiche Internet hat.
Porzellan, gutes Porzellan zumal ist auch heute teuer, wenn man nicht gerade auf Antikmärkten jagen geht, aber mein nicht seltenes Entsetzen über 100 Euro teure Imaritellerchen ist lächerlich, wenn am Stand daneben demnächst wertlose Handys für 300 Euro verkauft werden. Es gibt einen Paradigmenwechsel, der einen iPOD mit 1000 bei iTunes runtergeladenen, kostenpflichtigen Modemusiken mehr Sozialprestige zuweist, als einem Schlosgartenservice; ich lese öfters, dass Leute in der Bahn etwas auf dem iPOD hören, als am Teetisch besprechen, und das ist es letztlich, was Wedgwood umgebracht hat: Ein partieller Wertewandel unter Thatchers Kindern und Ausgeburten von London über Berlin und Moskau bis Jakarta. Und wenn das ganze System wackelt, macht eine Firma eben ein 20 Pfund Bürobilligkleid aus Polyester und Viscose in China und zieht damit ein Modell mit Pappbecher am Bahnhof an.
Daraus resultieren zwei Fragen, eine für uns alle: Ist das Fortschritt? Und eine für uns Elite: Wie weit ist es noch bis zum Tag, da sich das Pack wieder soweit selbst verblödet, dass wir, mit Porzellan von Augarten und Nymphenburg im Grase sitzend, die Schlossgärten für uns alleine haben?
donalphons, 23:47h
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1929
Oh. Adolf Merckle ist angeblich tot. Zum Zug überrollt. Da kommt auf die Banken sicher noch etwas zu.
Manchmal frage ich mich schon, ob es nicht an der Zeit ist, das Thema "Geld" zu demystifizieren und von "Lebensfreude" zu trennen.
Manchmal frage ich mich schon, ob es nicht an der Zeit ist, das Thema "Geld" zu demystifizieren und von "Lebensfreude" zu trennen.
donalphons, 16:56h
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: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :
Montag, 5. Januar 2009
Eine kleine Neujahrsansprache
an nervige Futuristen ohne Zukunft findet sich an der Blogbar.
donalphons, 14:24h
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Mafiakrieg 2009
Der Londoner Bankeristi-Clan wird von der italienischen Corrumbazi-Familie beschuldigt, sie bei einem milliardenschweren Geldgeschäft übers Ohr gehauen zu haben. Wenn das so stimmen sollte, kommen auf manche Bankmanager und Kommunalpolitiker unschöne Tage zu, und ausserdem wird man bei den Corrumbazis fragen, welcher Neffe da was einschob, bevor er unterschrieben hat.
1, 2, sind wir nicht alle ein bisschen Madoff?
1, 2, sind wir nicht alle ein bisschen Madoff?
donalphons, 08:26h
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: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :
Sonntag, 4. Januar 2009
Landleben & Lügen
Es kann passieren, dass ich zu krank für den Wochenmarkt bin, und zu schlapp, um mehr als einen Platzhalter für einen Tagesbeitrag ins Blog zu setzen. Aber an einem Sonntag, da ich es gesundheitsbedingt nicht zum Flohmarkt schaffe, bin ich tot oder in einer Krankenstation ans Bett gefesselt. Ich habe es mit einem frisch gebrochenen Zeh bis nach Pfaffenhofen, über den gesamten Antikmarkt und wieder heim geschafft, da hält mich so ein läppischer - und angesichts des genetisch bedingten Allesfressermagens ohnehin lächerlicher - Totalzusammenbruch des Verdauungstraktes auch nicht auf, wenn die Tapetentische in der Nachbarschaft aufgestellt werden. Gut, mir war so schlecht, dass mir die PIN-Nummer meiner Karte entfallen ist, aber wenn ich vor einer Trouvaille stehe -

So etwas, zum Beispiel. Ich bin ja mit Villeroy und Boch grossgeworden; für meine Frau Mama ist V&B in etwa das, was Hutschenruther für mich ist: Der Inbegriff von einer hochwertigen Porzellanmarke. Das erste Service, das sich meine Eltern zusammen kauften, war folgerichtig das Dekor "Burgenland" in blau, und wenn ich als Kind die zentimeterdicke Zuckerschicht unter dem Tee ausgelöffelt hatte, starrte ich begeistert auf das von Felsen und Ruinen überragte Flusstal, das sich auf dem Boden der Tasse fand. Dieses Dekor geht zurück auf das 18. Jahrhundert, als man überall auf dem Kontinent Kupferdruckplatten als geeignetes Mittel entdeckte, Bilder auf Porzellan zu übertragen, und damit die Kosten für das teure "weisse Gold" soweit zu senken, dass es sich auch Bürgerliche leisten konnten. Nicolas Villeroy hat das Verfahren neben anderen hierzulande populär gemacht - erfunden haben es aber 1756 zwei Briten, namens John Sadler and Guy Green. Reich geworden sind damit jedoch zwei andere Herren, die nicht nur die Technik, sondern auch Gespür für den Markt und Industrialisierung hatten; Genies an der Grenze zwischen perfektem Handwerk und kühlem Rechnen: Josiah Wedgwood und Enoch Wood.

Dieses Geschirr nun nimmt ein populäres Dekor des zweiten, heute unbekannteren Meisters wieder auf: "English Scenery" nennen sich die Abbildungen, die das englische Landleben mit seinen Bauern, Cottages, Dörfern, Feldern und Tieren in etwa so harmonisch darstellen, wie man seit dem 18. Jahrhundert und seiner pastoralen Idyllen diese Umgebung eben so darzustellen pflegt, wenn man sie geniessen und nicht wie die dargestelltenLeibeigenen Bauern erdulden muss. Enoch Wood war seinerzeit noch weit entfernt von den Brüchen dieses Lebens, die in "Priscilla auf Reisen" von Elizabeth von Arnim so idealtypisch zwischen ruraler Blödheit, Standesdünkeln und Bigotterie aufgezeigt werden. Oder gar den Verwicklungen zwischen Spiessertum und Fortschritt, die man aus dem Landhaus "Windy Corner" kennt, in dem E. M. Foster seine Helden weitaus weniger angenehme Dinge erleben lässt, als sie noch aus Florenz in einem Zimmer mit Aussicht kannten.

Nein, es ist eher das Idyll, das hierzulande all unsere Grosstanten aus "Der Doktor und das liebe Vieh" kannten, und die beiden dicken, alten und mit viel Gold behängten Damen, die das Geschirr mit seinen 24 Teilen feilboten und mit nicht ungewählten Ausdrücken anpriesen, dürften die Serie auch gekannt haben - vielleicht so gut, dass sie immer noch in britischen Vorkriegspreisen rechneten, anders ist der geringe Betrag, den sie forderten, nicht zu verstehen. Ein kleiner Blick in die üblichen Webseiten der Porzellanersatzteile - man mag es nicht glauben, aber tatsächlich ist der globale Vertrieb von Ersatzteilen für alte Tanten ein wirklich lukratives Onlinegeschäftsmodell - zeigt, dass die beiden das erkennbar nie genutzte Geschirr nicht ganz einzuschätzen wussten. Auch, wenn es nicht zwingend nobel aussieht, auch, wenn es bunt erscheint und etwas zu üppig dekoriert, so müsste man heute für die harmonischen Landschaften eine Schneise der Verwüstung in das eigene Budget schlagen. 500 - 600 Euro, das dürfte in etwa der Preis für alles gewesen sein, und so viel würden nicht viele nebenbei ausgeben, um zu drei anderen Servicen mit Goldrand etwas rustikal Hübsches für das kommende Frühjahr zu haben, wenn gegenüber der Terrasse wieder die Kühe mit den Glocken bimmeln.

Gezahlt habe ich, ach, irrelevant, es geht schliesslich nicht um das, was es kostet, sondern um das, was man daran findet. Ich mag dieses verklärte England, diese ruhigen Bilder, nicht, weil sie nicht verlogen wären, sondern weil ihre Verlogenheit immer noch charmanter ist, als der Betrug der Citybanker, die Gier der Hedge Fonds, die widerlichen Folgen der schlimmsten europäischen Politikerin des 20. Jahrhunderts, und dem, was dieser armen Insel in den kommenden Jahren an unschönen Folgen für die hemmungslose Hingabe an den besoffenen Zuhälter des freien Marktes droht. Eine Insel, von der aus die Industrialisierung begann, und von der nur das hier blieb:

Ein Stempel. Denn Enoch Woods Imperium brach bereits 1845 zusammen, als seine Kinder, 5 Jahre nach seinem Tod, an ihr Kapital für das Leben in Saus und Braus wollten, und es aus der Firma abzogen. Damals standen ein paar tausend Töpfer vor dem Nichts. Ein grosses, aber nicht gerade glückliches Vorbild für die späten Nachfahren von Wood & Sons, die sich nicht mit den allerbesten Gründen auf den bestenfalls entfernt verwandten, alten Enoch beriefen, aber doch von 1865 an weiter alle Welt kuntinuierlich un hochwertig mit dem klassischen Bild Englands belieferten. 140 Jahre lang, bis 2005. Dann gingen sie pleite, während die englische Landschaft zugepflastert wurde mit teuren, kreditfinanzierten Neubauten mit Krediten, die nie wieder eine Idylle hervorbringen werden.
Wie auch immer: Der bessere Teil der englischen Lügen hat einen guten Platz gefunden.

So etwas, zum Beispiel. Ich bin ja mit Villeroy und Boch grossgeworden; für meine Frau Mama ist V&B in etwa das, was Hutschenruther für mich ist: Der Inbegriff von einer hochwertigen Porzellanmarke. Das erste Service, das sich meine Eltern zusammen kauften, war folgerichtig das Dekor "Burgenland" in blau, und wenn ich als Kind die zentimeterdicke Zuckerschicht unter dem Tee ausgelöffelt hatte, starrte ich begeistert auf das von Felsen und Ruinen überragte Flusstal, das sich auf dem Boden der Tasse fand. Dieses Dekor geht zurück auf das 18. Jahrhundert, als man überall auf dem Kontinent Kupferdruckplatten als geeignetes Mittel entdeckte, Bilder auf Porzellan zu übertragen, und damit die Kosten für das teure "weisse Gold" soweit zu senken, dass es sich auch Bürgerliche leisten konnten. Nicolas Villeroy hat das Verfahren neben anderen hierzulande populär gemacht - erfunden haben es aber 1756 zwei Briten, namens John Sadler and Guy Green. Reich geworden sind damit jedoch zwei andere Herren, die nicht nur die Technik, sondern auch Gespür für den Markt und Industrialisierung hatten; Genies an der Grenze zwischen perfektem Handwerk und kühlem Rechnen: Josiah Wedgwood und Enoch Wood.

Dieses Geschirr nun nimmt ein populäres Dekor des zweiten, heute unbekannteren Meisters wieder auf: "English Scenery" nennen sich die Abbildungen, die das englische Landleben mit seinen Bauern, Cottages, Dörfern, Feldern und Tieren in etwa so harmonisch darstellen, wie man seit dem 18. Jahrhundert und seiner pastoralen Idyllen diese Umgebung eben so darzustellen pflegt, wenn man sie geniessen und nicht wie die dargestellten

Nein, es ist eher das Idyll, das hierzulande all unsere Grosstanten aus "Der Doktor und das liebe Vieh" kannten, und die beiden dicken, alten und mit viel Gold behängten Damen, die das Geschirr mit seinen 24 Teilen feilboten und mit nicht ungewählten Ausdrücken anpriesen, dürften die Serie auch gekannt haben - vielleicht so gut, dass sie immer noch in britischen Vorkriegspreisen rechneten, anders ist der geringe Betrag, den sie forderten, nicht zu verstehen. Ein kleiner Blick in die üblichen Webseiten der Porzellanersatzteile - man mag es nicht glauben, aber tatsächlich ist der globale Vertrieb von Ersatzteilen für alte Tanten ein wirklich lukratives Onlinegeschäftsmodell - zeigt, dass die beiden das erkennbar nie genutzte Geschirr nicht ganz einzuschätzen wussten. Auch, wenn es nicht zwingend nobel aussieht, auch, wenn es bunt erscheint und etwas zu üppig dekoriert, so müsste man heute für die harmonischen Landschaften eine Schneise der Verwüstung in das eigene Budget schlagen. 500 - 600 Euro, das dürfte in etwa der Preis für alles gewesen sein, und so viel würden nicht viele nebenbei ausgeben, um zu drei anderen Servicen mit Goldrand etwas rustikal Hübsches für das kommende Frühjahr zu haben, wenn gegenüber der Terrasse wieder die Kühe mit den Glocken bimmeln.

Gezahlt habe ich, ach, irrelevant, es geht schliesslich nicht um das, was es kostet, sondern um das, was man daran findet. Ich mag dieses verklärte England, diese ruhigen Bilder, nicht, weil sie nicht verlogen wären, sondern weil ihre Verlogenheit immer noch charmanter ist, als der Betrug der Citybanker, die Gier der Hedge Fonds, die widerlichen Folgen der schlimmsten europäischen Politikerin des 20. Jahrhunderts, und dem, was dieser armen Insel in den kommenden Jahren an unschönen Folgen für die hemmungslose Hingabe an den besoffenen Zuhälter des freien Marktes droht. Eine Insel, von der aus die Industrialisierung begann, und von der nur das hier blieb:

Ein Stempel. Denn Enoch Woods Imperium brach bereits 1845 zusammen, als seine Kinder, 5 Jahre nach seinem Tod, an ihr Kapital für das Leben in Saus und Braus wollten, und es aus der Firma abzogen. Damals standen ein paar tausend Töpfer vor dem Nichts. Ein grosses, aber nicht gerade glückliches Vorbild für die späten Nachfahren von Wood & Sons, die sich nicht mit den allerbesten Gründen auf den bestenfalls entfernt verwandten, alten Enoch beriefen, aber doch von 1865 an weiter alle Welt kuntinuierlich un hochwertig mit dem klassischen Bild Englands belieferten. 140 Jahre lang, bis 2005. Dann gingen sie pleite, während die englische Landschaft zugepflastert wurde mit teuren, kreditfinanzierten Neubauten mit Krediten, die nie wieder eine Idylle hervorbringen werden.
Wie auch immer: Der bessere Teil der englischen Lügen hat einen guten Platz gefunden.
donalphons, 23:18h
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: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :
Samstag, 3. Januar 2009
Amerikanische vs. deutsche Medien
Während in Deutschland Leute wie Joe Ackermann auf ihre geteuen Speichellecker und Arschkriecher bei den "führenden" deutschen Wirtschaftstiteln setzen können, und auch Personen wie der unter Insiderhandelverdacht stehende Ex-HypeRealEstate-Boss Funke auf gnädige Beurteilung ihres Schaffens hoffen dürfen, zeigen die Amerikaner, wie man spät, zu spät, aber immerhin dem Journalismus ein Stück Würde zurückgeben kann.
Da ist einmal dieser Beitrag über die Subprimeproblematik im Walstreet Journal von der runtergekommenen Baracke einer Bewohnerin mit Messie-Erkrankung über eine Hypothek und drei Banken bishin zum Lehrerpensionsfonds von Oklahoma. Da kommt zwar oft ein "didn't respond to requests for comment" von den Verantwortlichen, aber der Fall ist selbsterklärend.
Und die New York Times schaut hinter die bröckelnden Kulissen des angeblichen Wirtschaftswunderlandes Irland, in einem Beitrag, den man ausdrucken und jedem von Lobbyisten gekauften Politabschaum zu fressen geben sollte, der uns in den letzten Jahren erzählt hat, wie ungleich fortschrittlicher doch die Iren die Wirtschaft voranbringen. Der "keltische Tiger", der gute Chancen auf die Nachfolge der "Jobmaschine Internet" als Phrase ahnungsloser Knallchargen hat.
Aber statt der Recherche liegt es den deutschen Kaufstrichern der Redaktionsstuben natürlich näher, ein Konjunkturpaket zu fordern, möglichst dick, mit Steuergeschenken der Bauart "der fetten Sau den Arsch geschmiert", den man zu bekriechen gedenkt, und möglichst breit gestreut, um unkontrolliert zu sein, und wenn dazu ein Bailout für die Medien kommt, wird das ganz sicher ein Erfolg.
Da ist einmal dieser Beitrag über die Subprimeproblematik im Walstreet Journal von der runtergekommenen Baracke einer Bewohnerin mit Messie-Erkrankung über eine Hypothek und drei Banken bishin zum Lehrerpensionsfonds von Oklahoma. Da kommt zwar oft ein "didn't respond to requests for comment" von den Verantwortlichen, aber der Fall ist selbsterklärend.
Und die New York Times schaut hinter die bröckelnden Kulissen des angeblichen Wirtschaftswunderlandes Irland, in einem Beitrag, den man ausdrucken und jedem von Lobbyisten gekauften Politabschaum zu fressen geben sollte, der uns in den letzten Jahren erzählt hat, wie ungleich fortschrittlicher doch die Iren die Wirtschaft voranbringen. Der "keltische Tiger", der gute Chancen auf die Nachfolge der "Jobmaschine Internet" als Phrase ahnungsloser Knallchargen hat.
Aber statt der Recherche liegt es den deutschen Kaufstrichern der Redaktionsstuben natürlich näher, ein Konjunkturpaket zu fordern, möglichst dick, mit Steuergeschenken der Bauart "der fetten Sau den Arsch geschmiert", den man zu bekriechen gedenkt, und möglichst breit gestreut, um unkontrolliert zu sein, und wenn dazu ein Bailout für die Medien kommt, wird das ganz sicher ein Erfolg.
donalphons, 22:18h
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Ein gemeinhin ungenanntes Problem historischer Bauten
Am See, in einem ziemlich neuen gebäude aus der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts, ist es nie wirklich kalt. Die Decken sind niedrig, überall sind heizende Nachbarn, und unter dem Boden ist der Heizraum für die ganze Anlage. Am See ist es ganz einfach, man dreht die heizung etwas auf, stellt den Sessel in die passende Richtung und geniesst den Winter vor dem Fenster.

Aber wie es nun mal so ist, beenden Verpflichtungen irgendwann auch den längsten Ferienaufenthalt, und so vertauschte ich den breiten Sessel mit dem schmalen Pilotensitz des Roadsters und begab mich Richtung Autobahn. Oder besser, zum vereisten Abflussrohr für holländische Geisterfahrer, die beharrlich alle Spuren blockierten und einen der Staus produzierten, in denen eine italienische Heizung mal zeigen kann, was sie alles so nicht drauf hat. Heizen, zum Beispiel.
Nur drei Stunden später - normalerweise schaffe ich die Strecke in 5 Minuten, erreichte ich dann das Donautal, fand vor der Wohnungstür ein hübsches Paket mit einer viktorianischen Kanne und dahinter eine sagenhafte Kälte vor. Die Mieter heizen nicht, weil sie ausgeflogen sind, und die dicken Mauern hatten sehr viel Zeit, sauber auszukühlen. Jetzt, sieben Stunden, zwei Kerzen, zwei Kannen Tee und den massiven Einsatz des Föns später, ist es warm genug, um schlafen zu können. Morgen früh dann dürfte es bacherlwarm sein.

Draussen auf der Strasse grölen ein paar Besoffene, und ich frage mich, ob eine Kanne kaltes Wasser in so einer Nacht schon eine Körperveletzung wäre. Das macht die Kälte. Kälte lässt einen gemein und unerträglich werden. Weniger die Kälte draussen, als die Kälte an Orten, wo man sie nicht erwarten würde. Nicht gerad die beste zeit, den vorletzten Anzug verkaufen zu müssen. Morgen ist Wochenmarkt - dann höre ich vielleicht, wer hier von der bessern Gesellschaft inzwischen Feuerholz und Öl sparen muss.
Es wird ein harter Winter, in den grossen, alten Häusern.

Aber wie es nun mal so ist, beenden Verpflichtungen irgendwann auch den längsten Ferienaufenthalt, und so vertauschte ich den breiten Sessel mit dem schmalen Pilotensitz des Roadsters und begab mich Richtung Autobahn. Oder besser, zum vereisten Abflussrohr für holländische Geisterfahrer, die beharrlich alle Spuren blockierten und einen der Staus produzierten, in denen eine italienische Heizung mal zeigen kann, was sie alles so nicht drauf hat. Heizen, zum Beispiel.
Nur drei Stunden später - normalerweise schaffe ich die Strecke in 5 Minuten, erreichte ich dann das Donautal, fand vor der Wohnungstür ein hübsches Paket mit einer viktorianischen Kanne und dahinter eine sagenhafte Kälte vor. Die Mieter heizen nicht, weil sie ausgeflogen sind, und die dicken Mauern hatten sehr viel Zeit, sauber auszukühlen. Jetzt, sieben Stunden, zwei Kerzen, zwei Kannen Tee und den massiven Einsatz des Föns später, ist es warm genug, um schlafen zu können. Morgen früh dann dürfte es bacherlwarm sein.

Draussen auf der Strasse grölen ein paar Besoffene, und ich frage mich, ob eine Kanne kaltes Wasser in so einer Nacht schon eine Körperveletzung wäre. Das macht die Kälte. Kälte lässt einen gemein und unerträglich werden. Weniger die Kälte draussen, als die Kälte an Orten, wo man sie nicht erwarten würde. Nicht gerad die beste zeit, den vorletzten Anzug verkaufen zu müssen. Morgen ist Wochenmarkt - dann höre ich vielleicht, wer hier von der bessern Gesellschaft inzwischen Feuerholz und Öl sparen muss.
Es wird ein harter Winter, in den grossen, alten Häusern.
donalphons, 03:40h
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: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :
Donnerstag, 1. Januar 2009
Nicht spiessig.
Auch auf die Gefahr hin, in den Hipsterbrutzellen von Hoyerswerda bis Tübingen missverstanden zu werden, möchte ich nach einiger Lektüre zu den Ereignissen des neuen Jahres ein paar Dinge klarstellen:

Spiessig ist es nicht, sein Leben selbst zu bestimmen und friedlich Dinge zu tun, die einem geraten scheinen, selbst wenn dabei nicht viel passiert. Mit hunderttausend anderen auf Partymeilen grölen ist dagegen in etwa so fortschrittlich wie im Sportpalast Ja brüllen.

Es ist nicht spiessig, sich an Zweigen zu erfreuen, die vom Schnee überzuckert aus einem japanischen Holzschnitt stammen könnten. Es ist absolut nicht akzeptabel, sich zweimal im Jahr den Genuss eines Besuchs im Radladen anzutun, weil irgendwelche Cretins Räder als Allgemeingut ansehen.

Es ist nicht spiessig, im Berg den Entgegenkommenden ohne Unterschied einen guten Tag zu wünschen, denn damit zeigt man: Ich habe Dich gesehen, und wenn etwas sein sollte, helfe ich Dir. Du und ich, wir sind, wenn es darauf ankommt, eine Gemeinschaft. Es ist im Gegensatz dazu alles andere als sozial, vermeintliche Luxusautos anzuzünden und daneben auch noch andere Fahrzeuge mit zu beschädigen.

Es ist selbstverständlich und keinesfalls spiessig, oben auf der Alm jeden kleinen Rest Müll von der Brotzeit sorgfältig einzupacken und unten im Tal in den Mülleimer zu werfen. Es ist überhaupt nicht cool, sich zu besaufen und anschliessend die Flasche unter Autoreifen zu legen, oder sie auf dem Radweg zu zerdeppern, oder in geschlossenen Räumen Menschen mit Böllern zu bewerfen.

Man muss die Polizei nicht mögen, aber diese Leute sind keine Spiesser, sondern sie tun ihren Job - was viele Cretins vermutlich erst verstehen, wenn sie zu alt sind, um sich zu einem Mob zu firmieren und Wachen zwecks der Gaudi angreifen, und trotz ihrer verkorksten Existenz jemand brauchen, wenn sie von ihren Nachfolgern zwecks Ausraubung gestiefelt wurden.

In fact gibt es eigentlich nichts Langweiligeres, Dümmeres und Spiessigeres als asoziales Benehmen. Das kann jeder Depp. Der Spiesser von heute trägt nicht Loden, sondern Baseballkappe, Kapuzenshirt und ipod. Des Neuen Spiessers Eiche Rustikal heisst Billy, der Moselwein Coffee2go und der Schweinebraten Maxidöner zum auf der Strasse fressen. Der Spiesser von heute hat einen billigen Job mit beschissenen Arbeitszeiten und erwartet, dass die Läden für ihn bis Mitternacht aufhaben. Der Spiesser von heute fordert WLAN überall und beschwert sich über die deutsche Dienstnichtleistungsmentalität. Der Spiesser will alles, er gibt nichts und bescheisst bei der Fahrtkostenabrechnung. Der moderne Spiesser kann mit jeder Form asozialen Lebens prima leben, solange sein Macbook Pro keine Schramme bekommt. Dem modernen Spiesser schaut weg, wenn jemand randaliert, solange es nicht seine Lebensideale stört. Der neue Spiesser verteidigt seine Künstlersozialkasse, wie der alte Spiesser Kohl wegen der Rente wählte. Der moderne Spiesser hat seinen reinen, selbstbezogenen Egoismus an die Stelle des alten spiessigen Egoismus gesetzt, der alles kontrollieren wollte. Der moderne Spiesser hat deshalb nicht mehr mal ein Herz für einen Pudel. Man kann darüber reden, ob der neue Spiesser mit seiner Leckmich-Haltung ein widerlicheres Arschloch als der alte Kontroletti-Spiesser ist, und unter wem man besser leben würde, wenn man nicht das Glück hat, täglich a la Marinetti auf den Altar dieses Packs spucken zu können. Was fraglos die beste Art des Umgangs mit diesen Problemen ist.

Spiessig ist es nicht, sein Leben selbst zu bestimmen und friedlich Dinge zu tun, die einem geraten scheinen, selbst wenn dabei nicht viel passiert. Mit hunderttausend anderen auf Partymeilen grölen ist dagegen in etwa so fortschrittlich wie im Sportpalast Ja brüllen.

Es ist nicht spiessig, sich an Zweigen zu erfreuen, die vom Schnee überzuckert aus einem japanischen Holzschnitt stammen könnten. Es ist absolut nicht akzeptabel, sich zweimal im Jahr den Genuss eines Besuchs im Radladen anzutun, weil irgendwelche Cretins Räder als Allgemeingut ansehen.

Es ist nicht spiessig, im Berg den Entgegenkommenden ohne Unterschied einen guten Tag zu wünschen, denn damit zeigt man: Ich habe Dich gesehen, und wenn etwas sein sollte, helfe ich Dir. Du und ich, wir sind, wenn es darauf ankommt, eine Gemeinschaft. Es ist im Gegensatz dazu alles andere als sozial, vermeintliche Luxusautos anzuzünden und daneben auch noch andere Fahrzeuge mit zu beschädigen.

Es ist selbstverständlich und keinesfalls spiessig, oben auf der Alm jeden kleinen Rest Müll von der Brotzeit sorgfältig einzupacken und unten im Tal in den Mülleimer zu werfen. Es ist überhaupt nicht cool, sich zu besaufen und anschliessend die Flasche unter Autoreifen zu legen, oder sie auf dem Radweg zu zerdeppern, oder in geschlossenen Räumen Menschen mit Böllern zu bewerfen.

Man muss die Polizei nicht mögen, aber diese Leute sind keine Spiesser, sondern sie tun ihren Job - was viele Cretins vermutlich erst verstehen, wenn sie zu alt sind, um sich zu einem Mob zu firmieren und Wachen zwecks der Gaudi angreifen, und trotz ihrer verkorksten Existenz jemand brauchen, wenn sie von ihren Nachfolgern zwecks Ausraubung gestiefelt wurden.

In fact gibt es eigentlich nichts Langweiligeres, Dümmeres und Spiessigeres als asoziales Benehmen. Das kann jeder Depp. Der Spiesser von heute trägt nicht Loden, sondern Baseballkappe, Kapuzenshirt und ipod. Des Neuen Spiessers Eiche Rustikal heisst Billy, der Moselwein Coffee2go und der Schweinebraten Maxidöner zum auf der Strasse fressen. Der Spiesser von heute hat einen billigen Job mit beschissenen Arbeitszeiten und erwartet, dass die Läden für ihn bis Mitternacht aufhaben. Der Spiesser von heute fordert WLAN überall und beschwert sich über die deutsche Dienstnichtleistungsmentalität. Der Spiesser will alles, er gibt nichts und bescheisst bei der Fahrtkostenabrechnung. Der moderne Spiesser kann mit jeder Form asozialen Lebens prima leben, solange sein Macbook Pro keine Schramme bekommt. Dem modernen Spiesser schaut weg, wenn jemand randaliert, solange es nicht seine Lebensideale stört. Der neue Spiesser verteidigt seine Künstlersozialkasse, wie der alte Spiesser Kohl wegen der Rente wählte. Der moderne Spiesser hat seinen reinen, selbstbezogenen Egoismus an die Stelle des alten spiessigen Egoismus gesetzt, der alles kontrollieren wollte. Der moderne Spiesser hat deshalb nicht mehr mal ein Herz für einen Pudel. Man kann darüber reden, ob der neue Spiesser mit seiner Leckmich-Haltung ein widerlicheres Arschloch als der alte Kontroletti-Spiesser ist, und unter wem man besser leben würde, wenn man nicht das Glück hat, täglich a la Marinetti auf den Altar dieses Packs spucken zu können. Was fraglos die beste Art des Umgangs mit diesen Problemen ist.
donalphons, 22:29h
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Irrsinnig komisch
"Madame d´Halières liess ein bezauberndes Lachen hören."
Crebillon der Jüngere, Les faits et gestes du Vicomte de Nantel
Nun, es mag scheinen, als hätte uns das Jahr 2009 zuerst mal ein wenig eingeschneit, was sich am Morgen vom Platz an der Heizung aus ganz hübsch machte. Nicht viel Schnee, aber doch genug, dass sich am Hügel gegenüber die Kinder rutschend ihre Knochen brechen. Wenn schon Winter, dann so.

Ich gehöre ja zu denen, deren gute Erziehung alte Weisheiten wie "gleich abräumen heisst später weniger arbeiten" zu vermitteln wusste, und gemeinhin halte ich mich auch daran; was übrig ist von der grossen Völlerei des Vorabends, ist bereits wieder weggeräumt, und nur wenige Reste künden von den Belustigungen des Vorabends mit drei sich steigernden Gängen, deren letzter etwas zu üppig geraten ist, und schuld sind nur die Österreicher, die Ricotta gegenüber Creme Fraiche billig erscheinen lassen, der Himmel mag wissen, warum.

Ja, es mag dumm sein, den Ricotta eines beliebten Herstellers billiger anzubieten, als die Creme Fraiche des Hausanbieters. Dennoch scheint es dem österreichischen Laden blendend zu gehen, wenn man den mit deutschen Fahrzeugen überfüllten Parkplatz sieht. Anders sieht es in den UdSSA aus, wohin mein Blick in den letzten Tagen seltener streifte - dort gibt es Finanzakrobatik, die man nur als Salto Mortale bezeichnen kann. Da ist etwa der im Besitz des Hedge Fonds Cerberus befindliche Autofinanzierer GMAC, der einen 6 Milliarden schwerden Bailout bekommen hat, gegen 8% Zinsen und Anteile für den Staat. Und was macht GMAC mit all dem schönen Geld? Sie teilen eine 0%-Finanzierung für grosse Opels an Leute aus, die sich als fleischgewordenes Ausfallrisiko ganz sicher keines dieser hässlichen Autos leisten könnten.

Wenn GMAC 4% jährliche Betriebskosten hat, 8% Zinsen zahlt und 0% Zinsen bekommt, und obendrein eine mild geschätzte Ausfallrate mit 5% hat, ist das Bailoutgeld in den 6 Jahren durchgebrannt, die diese tollen neuen Angebote dauern sollen. Es ist vollkommen klar, dass so etwas nicht gut gehen kann und wird - weder für GMAC, noch für einen Autobauer, der mit dem gestrigen Tag offensichtlich so eine Art pleite war. Und weil das alles natürlich nicht so sein darf, stellt das Finanzministerium quasi unbegrenzt Mittel für alles und jeden bereit, der was mit dem Bau dieser Schrottabwerkfahrzeuge zu tun hat. Der Staat als Bank für Firmen, die Banken zu riskant wären. Der Staat als Subprimesammler. Bis er selbst Subprime ist.

Ist es nicht toll? Bevor diese Ikonen der amerikanischen Wirtschaft pleite gehen, geht einfach der Staat pleite. Zugunsten der Private Equity Branche, der Akteinbesitzer, der Banken, und wer immer sonst noch Geld braucht. So macht man nadelabhängige Junkies, so perfektioniert man die Tricks, um den Staat auszunehmen, so ist es leichter, als irgendwas zu bauen, was die Leute auch kaufen wollen. Subprime hat die Krise ausgelöst, Subprime führt sie weiter, und wenn man nur genug Lügner findet, die das alles schön darstellen - hey, FTD, ich hoffe für Euch, dass Ihr endlich mal den Marktliberalismus zu spüren bekommt, den ihr predigt - kommt man schon irgendwie durch, Hauptsache, die Kurse steigen.
Heute ist es GM, die nur noch über den Tag überleben wollen. Demnächst dann der Staat, und seine Währung. Haltet Euch gut fest.
Crebillon der Jüngere, Les faits et gestes du Vicomte de Nantel
Nun, es mag scheinen, als hätte uns das Jahr 2009 zuerst mal ein wenig eingeschneit, was sich am Morgen vom Platz an der Heizung aus ganz hübsch machte. Nicht viel Schnee, aber doch genug, dass sich am Hügel gegenüber die Kinder rutschend ihre Knochen brechen. Wenn schon Winter, dann so.

Ich gehöre ja zu denen, deren gute Erziehung alte Weisheiten wie "gleich abräumen heisst später weniger arbeiten" zu vermitteln wusste, und gemeinhin halte ich mich auch daran; was übrig ist von der grossen Völlerei des Vorabends, ist bereits wieder weggeräumt, und nur wenige Reste künden von den Belustigungen des Vorabends mit drei sich steigernden Gängen, deren letzter etwas zu üppig geraten ist, und schuld sind nur die Österreicher, die Ricotta gegenüber Creme Fraiche billig erscheinen lassen, der Himmel mag wissen, warum.

Ja, es mag dumm sein, den Ricotta eines beliebten Herstellers billiger anzubieten, als die Creme Fraiche des Hausanbieters. Dennoch scheint es dem österreichischen Laden blendend zu gehen, wenn man den mit deutschen Fahrzeugen überfüllten Parkplatz sieht. Anders sieht es in den UdSSA aus, wohin mein Blick in den letzten Tagen seltener streifte - dort gibt es Finanzakrobatik, die man nur als Salto Mortale bezeichnen kann. Da ist etwa der im Besitz des Hedge Fonds Cerberus befindliche Autofinanzierer GMAC, der einen 6 Milliarden schwerden Bailout bekommen hat, gegen 8% Zinsen und Anteile für den Staat. Und was macht GMAC mit all dem schönen Geld? Sie teilen eine 0%-Finanzierung für grosse Opels an Leute aus, die sich als fleischgewordenes Ausfallrisiko ganz sicher keines dieser hässlichen Autos leisten könnten.

Wenn GMAC 4% jährliche Betriebskosten hat, 8% Zinsen zahlt und 0% Zinsen bekommt, und obendrein eine mild geschätzte Ausfallrate mit 5% hat, ist das Bailoutgeld in den 6 Jahren durchgebrannt, die diese tollen neuen Angebote dauern sollen. Es ist vollkommen klar, dass so etwas nicht gut gehen kann und wird - weder für GMAC, noch für einen Autobauer, der mit dem gestrigen Tag offensichtlich so eine Art pleite war. Und weil das alles natürlich nicht so sein darf, stellt das Finanzministerium quasi unbegrenzt Mittel für alles und jeden bereit, der was mit dem Bau dieser Schrottabwerkfahrzeuge zu tun hat. Der Staat als Bank für Firmen, die Banken zu riskant wären. Der Staat als Subprimesammler. Bis er selbst Subprime ist.

Ist es nicht toll? Bevor diese Ikonen der amerikanischen Wirtschaft pleite gehen, geht einfach der Staat pleite. Zugunsten der Private Equity Branche, der Akteinbesitzer, der Banken, und wer immer sonst noch Geld braucht. So macht man nadelabhängige Junkies, so perfektioniert man die Tricks, um den Staat auszunehmen, so ist es leichter, als irgendwas zu bauen, was die Leute auch kaufen wollen. Subprime hat die Krise ausgelöst, Subprime führt sie weiter, und wenn man nur genug Lügner findet, die das alles schön darstellen - hey, FTD, ich hoffe für Euch, dass Ihr endlich mal den Marktliberalismus zu spüren bekommt, den ihr predigt - kommt man schon irgendwie durch, Hauptsache, die Kurse steigen.
Heute ist es GM, die nur noch über den Tag überleben wollen. Demnächst dann der Staat, und seine Währung. Haltet Euch gut fest.
donalphons, 14:47h
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: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :
Mittwoch, 31. Dezember 2008
Kontinuität im Fortgang
"Champagner, Candelight, Musik und Tanz begleiten das Grand Menü."
Aus dem Sylvesterprogramm eines feinen Rottacher Hotels
Sagen wir mal so: Wenn 2009 wird, wie mein letzter Tag 2008 war, kann es gar nicht schlecht werden, wenn man nicht gerade Banker, Werber, Berufsblogger oder PRler ist, denn die Krise ist da noch nicht eingepreist. Statt dessen wird sein:

Grandiose Aussichten für die, die über den Dingen stehen.

Beste Unterhaltung im Sonnenschein.

Bezahlbare kulinarische Freuden in unbezahlbarem Ambiente.

Einzigartige Gipfelerlebnisse fern der kleinlichen Bedenken.

Grandiose Sonnenuntergänge am See.

Und natürlich immer ein paar Zentimeter Schnee unter den Kufen beim Talwärts fahren, wenn es die anderen beim wilden 09er Ritt in die Botanik nagelt. Rutscht gut - und passt in den Kurven auf.
Aus dem Sylvesterprogramm eines feinen Rottacher Hotels
Sagen wir mal so: Wenn 2009 wird, wie mein letzter Tag 2008 war, kann es gar nicht schlecht werden, wenn man nicht gerade Banker, Werber, Berufsblogger oder PRler ist, denn die Krise ist da noch nicht eingepreist. Statt dessen wird sein:

Grandiose Aussichten für die, die über den Dingen stehen.

Beste Unterhaltung im Sonnenschein.

Bezahlbare kulinarische Freuden in unbezahlbarem Ambiente.

Einzigartige Gipfelerlebnisse fern der kleinlichen Bedenken.

Grandiose Sonnenuntergänge am See.

Und natürlich immer ein paar Zentimeter Schnee unter den Kufen beim Talwärts fahren, wenn es die anderen beim wilden 09er Ritt in die Botanik nagelt. Rutscht gut - und passt in den Kurven auf.
donalphons, 19:43h
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: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :
Mittwoch, 31. Dezember 2008
Das vielleicht letzte Picnic des Jahres
1100 Meter hoch oben über dem Tegernsee, Sonne, 11 Grad, windstill, Sicht 150 Kilometer, gute Literatur.

Das Blau des Himmels in Technicolorkitsch, kein Laut aus dem Tal, nur ein paar Fesselballone über Gmund.

Über den Berg der Felssturz hinunter zum Ödberg und weiter nach Norden, Gmund noch im feinsten Wetter, dahinter unter dem allgegenwärtigen Dunst und den Abgasen der Städte in der grauen Zone:

(Grossbild)
1 Stuttgart
2 Augsburg
3 Frankfurt
4 München
5 Hamburg
6 Berlin

Das Blau des Himmels in Technicolorkitsch, kein Laut aus dem Tal, nur ein paar Fesselballone über Gmund.

Über den Berg der Felssturz hinunter zum Ödberg und weiter nach Norden, Gmund noch im feinsten Wetter, dahinter unter dem allgegenwärtigen Dunst und den Abgasen der Städte in der grauen Zone:

(Grossbild)
1 Stuttgart
2 Augsburg
3 Frankfurt
4 München
5 Hamburg
6 Berlin
donalphons, 00:11h
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Schon eingepreist
Das schönste Fernsehprogramm ist immer noch der Ofen, sagt die Beifahrerin, und sie hat so unrecht nicht. Was nicht nur an der aufgehenden Tarte, sondern auch an der Alternative liegt.

Eine Alternative, die, wie auch das Internet, sich im Bereich Wirtschaft einer grossen Lüge hingibt, dem "ist schon eingepreist", wenn irgendwelche kroiminelle Koksfresser in Frankfurt Papiere nach oben zocken, deren Aussichten in den kommenden Jahren miserabel sind. Dabei gibt man ohnehin ur zu, was man zugeben muss. Auch, wenn ganze Geschäftsbereiche wegbrechen, die Börse klammert sich an der Blase fest und negiert, was jahrelang gepredigt wurde: Dass sie eigentlich in der Lage sein soll, das zukünftige KGV einzupreisen.

Da schaut es 2009 mehr als mau aus. Gerade Banken mit starkem Investmentgeschäft. Überhaupt sieht es gar nicht so arg nach Kreditklemme aus: Im Gegenteil, es wird weniger investiert, also braucht man auch weniger Kredite. Und Banken. Tatsächlich würde man vielleicht aus mit der Hälfte der Banken auskommen, und volkswirtschaftlich besser fahren. Kommt vielleicht 2009. Lustigerweise sind Banken trotz der Kursmanipulationen immer noch so billig, dass sie eigentlich Angreifer anziehen müssten. Aber niemand findet sich, der sich jetzt sowas ans Bein hängen will. Ab einem Kursziel von 3 Euro können wir nochmal drüber reden.

Wenn man davon ausgeht, dass diese Leute dort die Entwicklung generell zu positiv einschätzen, werden wir nach dem Platzen der Obama-Blase ein lustiges Frühjahr sehen, und all diejenigen, die jetzt - zum wievielten Mal eigentlich? - von Bodenfindung reden, dürften ein paar unschöne Überraschungen erleben. Staatsanleihen, Währungen, Rohstoffe: Alles, was nicht gerade der von den Pressemehrlochhinhaltern ohne Fachkenntnis unter Beobachtung steht, also, sagen wir mal: Alles, was nicht der DAX ist, ist ausser Kontrolle.

Und natürlich wartet man auch heute wie schon nach der New Economy von einer grossen Entschuldigung derjenigen, die sich haben kaufen und nur zu gerne haben anlügen lassen. Iich wünsche keinem was Schlechtes, aber wenn für 10 arbeitslose Banker auch ein PR-Stricher und sein Medienfreier aus Arbeitssuche geschickt werden, ist das nicht gerade ein Anlass für Trauer. Auch das, keine Sorge, wird man dann als "schon eingepreist" bezeichnen.

"Schon eingepreist" ist nur das Mantra zur Selbstvergewisserung unserer modernen Scharlatane und Zukunftsschauer, das "wir wussten das alles schon vorher", man sollte sie anspucken, wenn sie dergleichen Lügen verbreiten, und sie wissen lassen, dass die Reinigung ebenfalls eingepreist ist; nur wenn ihnen jemand, wenn die Welt die Schnauze voll hat von diesen Leuten, das Maul einschlagen würde - das müssten sie dann selber zahlen.

Eine Alternative, die, wie auch das Internet, sich im Bereich Wirtschaft einer grossen Lüge hingibt, dem "ist schon eingepreist", wenn irgendwelche kroiminelle Koksfresser in Frankfurt Papiere nach oben zocken, deren Aussichten in den kommenden Jahren miserabel sind. Dabei gibt man ohnehin ur zu, was man zugeben muss. Auch, wenn ganze Geschäftsbereiche wegbrechen, die Börse klammert sich an der Blase fest und negiert, was jahrelang gepredigt wurde: Dass sie eigentlich in der Lage sein soll, das zukünftige KGV einzupreisen.

Da schaut es 2009 mehr als mau aus. Gerade Banken mit starkem Investmentgeschäft. Überhaupt sieht es gar nicht so arg nach Kreditklemme aus: Im Gegenteil, es wird weniger investiert, also braucht man auch weniger Kredite. Und Banken. Tatsächlich würde man vielleicht aus mit der Hälfte der Banken auskommen, und volkswirtschaftlich besser fahren. Kommt vielleicht 2009. Lustigerweise sind Banken trotz der Kursmanipulationen immer noch so billig, dass sie eigentlich Angreifer anziehen müssten. Aber niemand findet sich, der sich jetzt sowas ans Bein hängen will. Ab einem Kursziel von 3 Euro können wir nochmal drüber reden.

Wenn man davon ausgeht, dass diese Leute dort die Entwicklung generell zu positiv einschätzen, werden wir nach dem Platzen der Obama-Blase ein lustiges Frühjahr sehen, und all diejenigen, die jetzt - zum wievielten Mal eigentlich? - von Bodenfindung reden, dürften ein paar unschöne Überraschungen erleben. Staatsanleihen, Währungen, Rohstoffe: Alles, was nicht gerade der von den Pressemehrlochhinhaltern ohne Fachkenntnis unter Beobachtung steht, also, sagen wir mal: Alles, was nicht der DAX ist, ist ausser Kontrolle.

Und natürlich wartet man auch heute wie schon nach der New Economy von einer grossen Entschuldigung derjenigen, die sich haben kaufen und nur zu gerne haben anlügen lassen. Iich wünsche keinem was Schlechtes, aber wenn für 10 arbeitslose Banker auch ein PR-Stricher und sein Medienfreier aus Arbeitssuche geschickt werden, ist das nicht gerade ein Anlass für Trauer. Auch das, keine Sorge, wird man dann als "schon eingepreist" bezeichnen.

"Schon eingepreist" ist nur das Mantra zur Selbstvergewisserung unserer modernen Scharlatane und Zukunftsschauer, das "wir wussten das alles schon vorher", man sollte sie anspucken, wenn sie dergleichen Lügen verbreiten, und sie wissen lassen, dass die Reinigung ebenfalls eingepreist ist; nur wenn ihnen jemand, wenn die Welt die Schnauze voll hat von diesen Leuten, das Maul einschlagen würde - das müssten sie dann selber zahlen.
donalphons, 12:55h
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