Der unfeine Tod des feinen Porzellans

Gestern war ein scheusslicher Tag. Manche werden sagen, dass die Pleite des Porzellanherstellers Wedgwood nach über 250 Jahren unvermeidlich war, war die Firma doch massiv überschuldet und litt am Konsumeinbruch auf dem amerikanischen Hauptmarkt. Und nach etwas Recherche muss ich konzidieren, dass Wedgwood, die mir seit meiner Kindheit als Inbegriff vollendeter britischer Tischkunst bekannt waren, in den letzten Jahren sicher nicht besonders gut beraten war, die meisten Linien in Indonesien von Arbeitern fertigen zu lassen, die 150 Pfund im Monat kosteten, aber daheim weiter Preise verlangten, als wären die Mitarbeiter noch immer im Hauptsitz Etruria mit Löhnen um die 2000 Pfund beschäftigt. Ich glaube, wer Wedgwood will, möchte nicht irgendetwas, das in Fernost von Billigstarbeitern gepresst und bedruckt wird, das nichts mehr zu tun hat mit der Tradition des Industriellen, Aufklärers und Künstlers Josiah Wedgwood, der seinerzeit gegen die Ausbeutung von Skalven agitierte.



Leider erwischt es neben Wedgwood - die Serie "english royal homes" in der Mitte - und Waterford, dem früher exquisiten irischen, jetzt leider osteuropäischen Hersteller der Glasschalen links, auch Hutschenreuther, die heute über die Rosenthal AG zum Konzern gehören. Auch Hutschenreuther hat eine besondere Geschichte; 1857 brannte die Weberstadt Selb nieder, und der Firmengründer setzte alles daran, die Bewohner mit seiner Porzellanfabrik wieder in Lohn und Brot zu setzen. 1917 übernahm Hutschenreuther dann die Firma Paul Müller, führte sich als Luxusabteilung weiter, und wenn ich wirklich etwas zu feiern habe, dann nehme ich das sog. Direktorengeschirr von Paul Müller, von dem die Sauciere abgebildet ist. Dieses Geschirr, weiss die Familientradition zu berichten, gehörte einem im Voralpenland tätigen Direktor, und war der grosse Stolz dieser gewiss nicht armen Seitenlinie, von der aus es mir nach drei Erbgängen - der letzte war geprägt von einem "wer will heute noch Goldrand" - zugefallen ist.

Ich will Goldrand. Und nicht nur, weil ich gerne auftrage, und ich ohnehin nur mit der Hand spüle. Ich mag edles Porzellan nicht nur, weil wir eine dicke Familientradition des Porzellanfetischismus haben, sondern auch, weil es für diesen Fetischismus einen Grund gibt, einen gutbürgerlichen Grund, der aus Porzellan mehr als nur Tischzierde macht. Denn anhand von Porzellan lässt sich die Aufklärung erzählen, anhand ihrer Verbreitung entstand das Bürgertum, die Demokratie, ein guter Teil der Industrialisierung, nur um jetzt möglicherweise, nachdem die Zwecke erfüllt sind und sich jeder alles überall kaufen kann, wieder zurückzufallen in die Hände der wenigen, die es sich leisten können und wollen, wie schon zu Beginn.

Als im 16. Jahrhundert zum ersten Mal asiatische Keramiken in grösserem Stil nach Europa importiert wurden, zögerte man nicht, sie mit Gold zu fassen: Seladonschalen zum Beispiel waren eine Weile die teuersten Handeslgüter der Erde, und selbst reiche Fürsten hatten selten mehr als ein paar Stücke asiatischen Porzellans in ihren Wunderkammern. Es dauerte bis ins 17. Jahrhundert, bis man überhaupt wagen konnte, davon zu essen, und abgesehen von den allerreichsten Schichten gab es keinen Markt. Das blieb auch noch im 18. Jahrhundert so, als Augarten, Meissen, Nymphenburg und KPM ein Monopol hatten und darüber wachten, dass die Preise hoch und die Kundschaft exklusiv blieb. Josiah Wedgwood war einer der frühen Rebellen, der das aufstrebende Bürgertum mit Serienfertigung und günstigeren Preisen im Auge hatte, andere folgten später in anderen Ländern und auf anderen Gebieten nach: Christofle wurde als Lieferant günstigen Silbers berühmt, Baccarat wurde erst nach der französischen Revolution vom fensterglashersteller zur Luxusmarke, und erst mit der Versilberung wurde Silber zum Gegenstand des täglichen Gebrauchs.

Gemeinhin denkt man ja, das Bürgertum wollte den Adel nur nachäffen; tatsächlich aber waren die Machthaber gar nicht so arg begeistert, wenn die Untertanen nach derartigen Dingen strebten. Für die Bürger bedeutete der Luxus vor allem, dass sie auch Zeit hatten, ihn zu nutzen, Tee zu trinken, nicht dauernd schuften mussten und sich über den Kuchen hinweg unterhalten zu können, über Politik etwa und Repression, oder Bücher von Heine lesen - Bürger, die Zeit haben, kommen auf die für Machthaber unerfreulichsten Ideen. Metternich wusste schon, warum er seine Spitzel in die Cafehäuser schickte, und warum er den Bürger mit Zeit fürchtete. Wer Porzellan besass, dokumentierte nicht nur seinen gesellschaftlichen, sondern auch indirekt seinen intellektuellen Aufstieg. Was für die Bürger seit dem 19. Jahrhundert von zentraler Wichtigkeit war, blieb für Arbeiter und andere aufsteigende Schichten auch im 20. Jahrhundert erst mal entscheidend: Etwas Gutes zu besitzen und die Zeit zu haben, es zu nutzen

Man mag das heute vielleicht als kindisch erachten, aber genau das war der Unterschied: Man schaue sich nur mal das Schokoladenmädchen von Jean-Étienne Liotard an: Der aussergewöhnliche Reichtum ihrer gnädigen Frau wird nicht nur durch das chinesische Lacktablett und die Silberarmierung des Porzellans verdeutlicht, sondern auch durch die Knicke in der Schürze: Sie kommt frisch aus der Truhe, sie wird also nicht immer getragen. Es ist ein Haushalt, der sogar seinen Dienstboten mehr als ein Kleid bezahlen kann. Für das 18. Jahrhundert: Ausserordentlich. Der Wunsch, sich selbst und der Familie, den Kindern mehr als nur den Alltag, das Normale, das Übliche bieten zu können, brachte die Arbeiter auf die Strasse, das Soziale in die Parlamente und die Gesellschaft voran, man wollte es schaffen und es auch zeigen, und so komisch es heute scheinen mag, wenn der Treiber dieser Entwicklung Goldrand und Spitzendecken waren:



Darf ich fragen, wohin eine Spielekonsole und ein neues Handy jedes Jahr uns gesellschaftlich so treiben werden?

Ich halte diese Frage, so komisch sie für manche scheinen mag, für hochgradig wichtig. Was lernt man davon? Benehmen? Kaum. Ausdrucksfähigkeit? Sicher nicht. Soziales Engagement? Wenn der andere mit einer anderen marke kein akzeptabler Mensch mehr ist? Das Leben als Ladevorgang, als Folge kurzfristiger Lebenszyklen vielleicht. Wenn ein feines Teeservice das Zeichen für die Zeit ist, die man sich erarbeitet hat, was sind dann die Mugs und Coffee2Gos? Die Negation, das Fehlen der Zeit, in der man eben arbeiten muss, um flexibel und einsatzbereit zu sein. Ich will nicht wissen, wieviele meiner Trouvaillen ich Leuten verdanke, die alles los werden wollen, um möglichst mit einer Kiste umziehen zu können, und für die der Starbucks überall das gleiche Internet hat.

Porzellan, gutes Porzellan zumal ist auch heute teuer, wenn man nicht gerade auf Antikmärkten jagen geht, aber mein nicht seltenes Entsetzen über 100 Euro teure Imaritellerchen ist lächerlich, wenn am Stand daneben demnächst wertlose Handys für 300 Euro verkauft werden. Es gibt einen Paradigmenwechsel, der einen iPOD mit 1000 bei iTunes runtergeladenen, kostenpflichtigen Modemusiken mehr Sozialprestige zuweist, als einem Schlosgartenservice; ich lese öfters, dass Leute in der Bahn etwas auf dem iPOD hören, als am Teetisch besprechen, und das ist es letztlich, was Wedgwood umgebracht hat: Ein partieller Wertewandel unter Thatchers Kindern und Ausgeburten von London über Berlin und Moskau bis Jakarta. Und wenn das ganze System wackelt, macht eine Firma eben ein 20 Pfund Bürobilligkleid aus Polyester und Viscose in China und zieht damit ein Modell mit Pappbecher am Bahnhof an.

Daraus resultieren zwei Fragen, eine für uns alle: Ist das Fortschritt? Und eine für uns Elite: Wie weit ist es noch bis zum Tag, da sich das Pack wieder soweit selbst verblödet, dass wir, mit Porzellan von Augarten und Nymphenburg im Grase sitzend, die Schlossgärten für uns alleine haben?

Dienstag, 6. Januar 2009, 22:47, von donalphons | |comment

 
Ein Service ist in der Regel für 6 Personen.
Das könnte ein weiterer Grund sein.

Und wer Tiefkühlpizza in den Ofen wirft, legt sie danach auch nicht auf feines Porzellan.

Porzellan bedeutet auch Zeit fürs Essen nehmen

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Feine Kulturkritik...

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Nun ja! Manche Leute wünschen sich halt die Dienstboten-Gesellschaft zurück und halten müßiggängerische nachmittägliche distinguierte Konversation über den letzten Kolonialkrieg bei einer vom Dienstmädchen auf chinesischem Tablett gereichten Teetasse mit Goldrand für den Ausweis von sozialer Kompetenz und Kultur.

Manches deutet durchaus auf einen Retro-Trend in diese Richtung hin. Z.B. unsere Steuergesetzgebung, nach der Dienstboten seit neuerem steuerlich absetzbar sind.

Bis dahin - wenn irgendwann die aktuelle Krise mit Hilfe internationaler Bailouts und Konjukturhilfen für die gehobene Gesellschaft überstanden wurde (falls diese durchhalten und sich nicht vorher vor den Zug schmeißen), fehlt noch das geeignete Outfit für den web-zwo-null-afinen Mann von heute, ideal, um Internet-Video-Konferenzen aus dem Wohnwagen heraus zu führen, ohne zugeben zu müssen, dass man bei gutem Wetter auch gerne mal auf der Parkbank pennt:

Oberteil: Sakko nicht zu klein kariert aus Polyester und Viscose gefertigt in China mit Schlips inklusive Krepp-Binder zum Anpappen. Unter der Tischkante: kurze Bermuda-Shorts und weiße Socken. Alles zusammen im Kombi-Pack für 20 Euro.-

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Na ja, man kann das auch ganz unaffektiert und unmanieriert so sehen: Altes Porzellan ist von nachhaltigem Wert. Es werden aktuell keine Rohstoffe verbraucht und keine Emissionen freigesetzt, wenn man z.B. Teller oder Teeservices aus dem Jahr 1920 erwirbt. Die Energiebilanz für solche Produkte ist sozusagen ausgeglichen. Ich habe auch vergleichbare Ware bei mir im Schrank, bunt gemischt von Wedgewood, Bavaria, Gallo, Villeroy&Boch, Fürstenberg und diversen No-Name-Herstellern aus Deutschland, England und Japan, alles mehr oder weniger alt, das Meiste davon aus Familienbeständen geerbt, vom Flohmarkt oder vom Sperrmüll. Ich habe also für schöne und wertvolle Dinge von hohem Gebrauchswert kaum etwas ausgegeben. Bei uns ist es Familientradition, dass Essgeschirr weitervererbt wird. Die normale Essbesteckgröße gilt bei uns als Kinderbesteck, weil die ERwachsenenbestecke eben noch Messerlängen von 27cm haben, Griff Silber massiv, hergestellt so um 1890. Marzipanbrote werden mit Marzipanmesser geschnitten, 8cm lang mit Hirschhorngriff. Das ist eine Familientradition, die etwas mit Gediegenheit zu tun hat, nicht mit Luxus oder Elite.


Meine Alu-Plastik-Mug habe ich auch, aber die brauche ich zum Bergsteigen. Dazu gehören dann aber auch die Alu-Espressokanne auf dem Primuskocher im Biwak und der Single Malt aus dem Edelstahl-Flachmann auf dem Gipfel. Stil ist keine Geldfrage, sondern eben eine Stilfrage, wie der Gelegenheits-Tautologe sagt.

Btw. ich hörte kürzlich ein Interview mit Holm Friebe, in dem er von einer Demokratisierung der Marken und Einebnung von Hierachien sprach, wenn in Zeiten, in denen jeder, der etwas auf sich hält ein IPod Nano besitzt gleich gute, aber viel günstigere Falsifikate auf dem Markt seien und der alte Streit Apple oder PC angesichts von Linux und Firefox an Brisanz verliere.


Hmm, wo lebt der, wo lebe ich? Ich würde mich als technikaffinen Menschen bezeichnen, ich verdiene mein Geld mit dem Computer und u.a. auch mit Mediengestaltung, aber in meinem näheren Bekanntenkreis besitzt kaum jemand einen Ipod. Andererseits, man nenne mir mal ein Linux, auf dem QuarkXPress, Indesign, Photoshop, Flash, Director und After Effects laufen.

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Hmm, das einzige Porzelan, das ich geerbt habe von meinen Großeltern (Handwerker), ist eine alte Feldflasche und da steht drauf: "Du warst mein Trost in trüben Stunden, das hab ich als Soldat empfunden - Gott mit uns - 7.Komp. 5.Garde, Regt.z.Fuß, Spandau,1907-09". Soviel zu ererbtem Familienbesitz von wegen Wedgewood, Bavaria, Gallo, Villeroy&Boch, Fürstenberg. Und immer diese lustigen kleinen Hinweise, diese tief empfundene Notwendigkeit zu rechtfertigen: Alles nachhaltig und CO2-frei und überhaupt zum großen Teil auf dem Flohmarkt erworben. Ich gönn es Euch ja! Denn selbst Kanonenfutter erbt manchmal ganz ulkige Sachen.

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Die Dienstbotengesellschaft ist ein steter Streitpunkt - ich würde das einfach nicht wollen, aber viele alleinstehende Bekannte suchen professionelle Hilfe und finden überhaupt nichts dabei. Es geht aber weniger darum, wie hoch man sich erheben kann, sondern eher darum, warum so vielen die Luft ausgeht und sie sich in ganz anderen Bereichen sammeln, um das Geld durchzuorgeln und sich dabei cool vorzukommen.

Ich kaufe, wo ich kriegen kann und was gefällt. Ich kenne da gar nichts, ich suche in den schlimmsten Kisten und in den besten Schränken.

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@Zwischenspeicher "denn selbst Kanonenfutter erbt", "Handwerker", also ich komme keineswegs aus irgend einer Oberschicht. Mein Vater ist der Sohn einer halbalphabetisierten Landarbeiterin, die seinen älteren Bruder bei der Feldarbeit entbunden hat und eines langzeitarbeitslosen Schlossers, meine Mutter Tochter eines Viehhändlers. Das Vererben von Haushaltsgegenständen über viele Generationen ist eine ländlich-bäuerliche Tradition, die Gegenstände waren Aussteuern, für die die gesamte Familie sammelte. Andererseits trug meine Mutter als Hochzeitskleid eine umgeschneiderte Tüllgardine, weil der Kauf eines Kleides zu teuer gekommen wäre.

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Was die Diskussion um die neue Dienstbotengesellschaft angeht, habe ich auch etwas Bauchschmerzen - eigentlich will ich nicht, dass wohlhabendere Leute irgendwann wieder für jede häusliche Aufgabe ihre "dienstbaren Geister" haben. Umgekehrt setzen viele Männer, die sich gegen das Dienstbotentum wehren, immer noch stillschweigend voraus, dass diese Tätigkeiten stattdessen dann weiterhin von ihren Hausfrauen (oder von doppelt-belasteten arbeitenden Gattinen) erledigt werden. Wenn keine externen Dienstleister, dann sollten Männer bitteschön auch ihren fairen Anteil am Kinderbetreuen, Kochen, Putzen, Einkaufen, Bügeln etc. erledigen und nicht verlangen, dass ihre Partnerin sich beruflich stark einschränkt, nur, um all das machen zu können.

Disclaimer: Ich mache das alles selbst (aber ohne Kind und nicht für einen Mann mit), einschließlich des Geldverdienens.

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Gut, die alte Dienstbotengesellschaft kommt ganz sicher nicht wieder, es sei denn im SM-Kleid. Und manche sind einfach nicht in der Lage, Ordnung zu halten, zu kochen oder zu bügeln, aus welchen Gründen auch immer. Ich bemühe mich, das unideologisch zu sehen, auch weil ich aus einem Clan komme, in dem eigentlich immer jemand da war, der was gemacht hat. Allein, es fällt auch mir schwer. Ich möchte das nicht. Zumal es früher ja auch so war, dass man Dienstboten hatte und selbst mit angepackt hat.

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ich finde das vollkommen ok, einen "dienstboten" zu haben. ich selbst hatte über jahre auch einen, als ich in einem sehr anspruchsvollen job steckte und mir die hausarbeit über den kopf wuchs. es schafft arbeitsplätze. aber es ist auch gut, wenn man als arbeitgeberin weiß, um welche art arbeit es sich handelt. man muss es wertschätzen können, aus eigener anschauung. das bringt mich auf die idee, etwas zu schreiben über die zeit, als ich für eine alte nazioma putzte.

wenn man mal selbst geputzt hat und das gut kann, weiß man, dass man nie ganz ohne einkommen sein wird. ich würde jederzeit selbst wieder putzen. es ist eine ehrenvolle tätigkeit, und man braucht organisationsvermögen, eine körperliche konstitution und sogar erhebliche soziale kompetenz dafür.

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Meine Wohung sieht - ehrlich gesagt - auch so aus wie die einer Person, die 50 bis 60 Stunden pro Woche arbeitet und keine Dienstboten hat. Erstens ist sie klein, zweitens ist die Tischdecke bei 60 Grad waschbar, und drittens findet man Staub sehr schnell, wenn man ihn sucht (kurz mit dem Finger übers Bücherregal gehen reicht). Es gammelt zwar nix, der Kühlschrank ist voll, es ist gut gelüftet, und frisch kochen tue ich auch. Aber repräsentativ ist da nichts, und mit Freunden treffe ich mich deswegen auch lieber in einer Kneipe oder im Restaurant als daheim. Ich finde, auch diese Variante der Lebensgestaltung muss akzeptabel sein. Aber dieser ganze "Homing"-Trend erhöht ja leider ganz extrem den Druck, dass auch die eigene Wohnung ständig tipptop und à la Mode aussehen müsste.

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Homing? Igitt! Mit ein paar Schnörkeln kann man auch Staub und Patina prima belassen. Ein Fehlen glatter, dunkler Flächen hilft ausserdem bei der optischen Staubvermeidung. Altes kann man nicht auf Blitzneu polieren, also lässt man es bleiben. Manche denken ja, es sei stressig, in einer Art Museum zu leben, aber ich finde es ganz locker.

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Seit Parmenides erforschte Europa das Sein, nach Hegel Überleben im Nichts. Wahrscheinlicher Ausgang.

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Gutes Geschirr ist vor allem eine Zeitfrage. Meine Spülmaschine rennt mindestens zwei mal am Tag. Um das von Hand zu erledigen müsste ich das Bloggen drangeben. Also steht das gute Geschirr meist in seinen Kartons gegen Staub geschützt und wird nur zu großen Feierlichkeiten zähneknirschend hervorgeholt.

Der Ipod ist vielleicht kein Fortschritt. Er ist eher so etwas wie eine Rüstung. Er trennt das Außen von den Menschen ab, schafft Privatheit in der Menge.

Das Bürobilligkleid erlaubt es mehrere dieser Kleider zu besitzen und so zu tun, als hätte Frau eine Ausstattung, die sie schon seit Generationen nicht mehr hat.

Wenn man heute Luxus beschreiben will, gibt es ein Wort das nicht fehlen darf Müßiggang. Das ist der Luxus schlechthin.

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"Um das von Hand zu erledigen müsste ich das Bloggen drangeben. "

Schon mal Kindererziehung versucht? Abwaschen lernt man am besten beim Tun. Mir hat es jedenfalls nicht geschadet, als es hiess: Jeder macht sein Zeug selber.

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Danke Don, es ist unglaublich was man aus Deinen Posts lernen kann.
Vorallem das "Beobachten". Knicke in der Schürze als Indiz für außergewöhnlichen Reichtum ...sagenhaft!

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Grossartiger Artikel.

Hast Du teures Geschirr, meinte eine Nachbarin, als sie darauf bestand, mir einen Kuchenteller von Hutschenreuther, der ihr zu Bruch gegangen war, zu ersetzen. Dabei gibt sie sicher mehr Geld aus als ich, aber eben nicht für Haushaltsgegenstände.

Warum man sich mit Musik abschotten will, verstehe ich nicht. Man bekommt doch die Geräusche um einen herum nicht mit, da kann einen schnell mal etwas unangenehm überraschen. Auch die schönen Geräusche, wie Vogelgezwitscher und vieles andere, hört man dann nicht.

Und die Trophäen für die Masters Series waren bis zuletzt von Waterford Crystal.

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Oh, gern geschehen. Was vom Zentralinstitut für Kunstgeschichte (immer Mittwochs) hängen blieb.

Als Käufer bin ich ja eigentlich ganz froh, wenn ich sehe, was man so alles bekommt, wenn der Gegenpart mit dem alten Geschirr nichts anfangen kann. Goldrand und Spüle zusammen beim Besitzer sind eigentlich meine besten Freunde. Es ist alles eine Frage der Wertschätzung - nur manchmal wird es mir etwas zu viel mit den modernen Konsumzumutungen und ihren Folgen, dann gibt es solche Beiträge.

Sonst bin ich harmlos und als der gütige Don bekannt.

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Das Hauptproblem dieser Kulturkritik (und das ist ja ein Don Alphonso'scher Trend) scheint mir zu sein, das sie ausschließlich an Dingen abgehandelt wird, also an Porzellan und iPods. Das ist aber eben typisch für die Bourgeoesie, die der Ware einen Wert über ihren Preis hinaus zumisst. Insofern ist dies eine zutiefst (groß)bürgerliche Kulturkritik. Da kann ich als aus dem Proletariat stammender und aus Überzeugung nicht-bürgerlich lebender, denkender und fühlender Mensch nicht mitgehen. Mir ist das Ansammeln von Porzellan ebenso zuwider wie das zyklische Kaufen und Wegwerfen von digitalem Kram.

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Nicht unbedingt. Gutes Geschirr gehörte auch bei Kleinbürgern lange zur Aussteuer. Bettwäsche auch. Bei Bauern sowieso. Schaue mal in deren Wäscheschränke.

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Das kann ich allerdings bestätigen. "Das gute Hutschenruther" ist auch bei uns ein Begriff, und das stand bei runden Geburtstagen natürlich auf dem großelterlichen Tisch. Ebenso wie die liebevoll mit Initialen bestickte Bettwäsche, Handtücher, handumhäkelte Taschentücher in großen Mengen. Wer es sich leisten konnte, ließ sich gute Schreinermöbel anfertigen – die stehen heute bei mir – und stellte sich Kristallkaraffen in die Vitrine. (Und jetzt erzähl mir nicht, daß ein Vorortmetzger mit sechs Kindern etwas anderes ist als Kleinbürgertum. Ansonsten finden sich in der Familie Dachdecker und sehr viele Bauern.)

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@rainersacht: Ich würde es wertkonservativ nennen. Es kritisiert zu Recht den Trend zu Billigproduktion, Nichtnachhaltigkeit und dem Gadget-Fetischismus, aber nicht den Warenfetischismus an sich. Es kritisiert die Auswirkungen der Globalisierung, aber nicht den tendenziellen Fall der Profitrate.


Und imho finde ich es tatsächlich sinnvoller, für wenig Geld erworbene Gegenstände mit Stil zu besitzen und zu benutzen (nicht zu horten), als sich in den KOnsumrausch zu stürzen.

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Es gab ein paar Jahrhunderte hindurch - vor allem wegen der technischen Begrenztheit, aber auch wegen des Willens zum Aufstieg - sowas wie einen Kanon dessen, was man gerne gehabt hätte. Ich kenne da zum Beispiel eine Kirche aus dem 18. Jahrhundert in einem armen Dorf, wo man wohl nach Stichen versucht hat, so eine Art naiven Kronleuchter zu schnitzen. Es gab nicht allzu viele alternative Lebensmodelle, weshalb man sich auch auf einen bestimmten, engen Kulturbegriff verständigen konnte. Die 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts ist da zusammen mit der Werbung und dem Diktat der Absatzkanäle und ihrer Lebensentwürfe natürlich etwas vollkommen anderes.

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es gibt ein universales bedürfnis des menschen nach selbstdefinition. ich sah gestern abend einen sehr interessanten beitrag von bednarz zum thema karelien. karelien mag dem einen oder anderen hier vollkommen unbekannt sein, es handelt sich um die gegend, die vor dem 2. weltkrieg finnisch, danach in russischer hand war. nach dem krieg gab es jede menge karelische flüchtlinge auf finnischer seite. so eine art finnisches sudetenland, südostfinnland noch heute. die leute bauten ihre orthodoxen holzkirchen in der neuen ostfinnischen exilheimat nach. originalgetreue repliken, teilweise geschmückt mit den durch undurchsichtige mittel ergatterten ikonen, die auf der finnischen seite in der jeweiligen kirche an die gleiche stelle gehängt wurden wie in der ursprünglichen karelischen kirche...

an solchen randexistenzen lassen sich universale handlungsmuster ablesen. ich glaube, dass die wahrung dessen, was "man gerne (gehabt) hätte" vollkommen solchen mustern folgt. es hat alles mit der definition des selbst zu tun. das ist das wichtigste ziel bei diesen dingen. auch die ipods gehen in diese richtung. mit altem geschirr sagt man natürlich gleichzeitig etwas anderes aus. beides ist aber in dieser hinsicht mit der einen oder anderen absicht "deliberately chosen". man kann sich also sinnvoll über diese absicht unterhalten, nicht aber über den besitz von solchen dingen an sich.

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Kleinbürgerlich ist auch bürgerlich. Bäuerlich (sacht man so?) ist eben bäuerlich. Und proletarisch ist proletarisch. Bei uns wurden keine Aussteuertruhen gepackt, und statt Hutschendingsbums kaufte mein Vater 1967 - kurz vor seinem frühen Tod mit 43 Jahren - einen Satz praktisches und strunzbilljes Gastronomiegeschirr vom Großhändler; ich benutze es noch heute.
Es gibt (gab?) also wohl doch noch eine Kulturschicht der Gesellschaft, dir ihren Status nicht an Sachen festmacht(e). Siehe auch -> Bergarbeiter im Ruhrgebiet.

Und über die püschologische Seite des Sammelns und Hortens von Gegenständen wollen wir an dieser Stelle mal höflich schweigen...

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vielleicht ist meine familie zumindest väterlicherseits aufgrund der entwurzelung durch den krieg eine ausnahme, aber von den elf brüdern meines vaters arbeitete etwa die hälfte im pütt, zwei wurden musiker und spielten bis zur pensionierung in verschiedenen sinfonieorchestern, einer wanderte nach amerika aus, und die anderen wurden lehrer. und eigentlich alle, aber vor allem die aus dem pütt, hatten dekorierte wohnzimmer, in denen an geburtstagen von gutem geschirr leckere torte gegessen wurde.

den eigenen status nicht an sachen festmachen, das ist keine gesellschaftliche praxis, nirgendwo (außer vielleicht im zen-buddhismus, aber selbst da ist es ein anspruchsvolles ziel, das man nur unter schwierigkeiten oder mit anstrengung erreichen kann). wie gesagt, ist die frage wohl eher, welche dinge es sind, an denen man den eigenen status festmacht. und da meine ich, kann man heute nicht mehr einfach sagen: der und der hat ein teures auto, der ist ein bürger -- und der andere da, der hat einen billigen ipod, der ist ein proletarier.

der eigentliche wert der dinge bemisst sich auch nicht mehr am preis. preise werden heute häufig nach ganz anderen kriterien gestaltet als nach den kosten oder dem aufwand in der produktion. eine weitere schwierigkeit ist die verzerrung, die durch den unterschiedlichen wert des geldes in produktionsland und absatzland zustande kommt. mein pc kostet 600,- euro, aber er kostet eben nicht 600,- euro, sondern das fünf- bis zehnfache, vorausgesetzt, ich bemesse den preis nach dem realen aufwand, die arbeitskraft und entsorgung eigentlich kosten. so gesehen wären alle, die einen luxusprodukt wie einen 6000,- euro teuren pc besitzen, bürger. merkwürdigerweise wird man aber erst dann bürger geschimpft, wenn man ein geschirr besitzt, das auf dem flohmarkt weniger als 200,- euro gekostet hat, aber in dem ruf steht, früher einmal luxusware gewesen zu sein.

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Ich vermute eher, dass Nanderl Baldauf ihre eigene Aussteuerschürze verwendet haben dürfte. Schließlich gelang es ihr immerhin, einen Fürsten zur Heirat zu überreden und so ihrem Stand zu entkommen...;-)

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Die Schuhe verraten da etwas :-)

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wow. verwendung rollenspezifischer indizes, schon damals. sag' ich doch, man sollte nicht glauben, dass solche dinge eine erfindung der postmoderne wären.

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Darauf gibt es jetzt zwei mögliche Antworten.

1. Wir sind nur zu sehr auf uns fixiert, um die Vielschichtigkeit der Vergangenheit zu akzeptieren.

2. Damals verstand man sich mit einer multipolaren Vielschichtigkeit zu umgeben, die sich schon damals sehr unterschiedlich erschlossen hat.

Oder beides. Das 18. jahrhundert wird in der Kunstgeschichte noch immer sträflich unterschätzt, fürchte ich.

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Goldrand hat was. Das "Direktorengeschirr" gab es ähnlich auch von anderen Porzellanfabriken. Unseres ist von KPM Krister, eine schlesische Manufaktur, die nach dem Krieg von Rosenthal in Landstuhl weitergeführt worden ist. Steht bei uns in der Palisander-Schrankwand, die Ende der fünfziger Jahre von einem Fabrikbesitzer in Auftrag gegeben worden war.

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Jetzt hab ich doch glatt gelesen, "Palisaden-Schrankwand." *gicker*

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Man halte es da mit Buffet - Warren Buffet: Billig erwerben - nie mehr verkaufen.

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Noch gibt es Hoffnung, aus Asien
In Asien gibt es nicht nur Billigschrott, hier in Thailand
gibt es die wunderbaren Benjarong Porzellane.

Allerfeinste Handarbeit und durchaus auch im Produktionsland nicht billig. Goldränder werden hier zentimeterbreit aufgelegt. Ist hier immer noch ein Statussysmbol der Mittelklasse und hat durchaus seinen einheimischen Markt.Auch als ein sehr beliebtes Geschenk.

Eine kleine Auswahl gibt es hier:
http://www.thai-kunst.de/porzellan.htm

Also wenn in Europa alles den Bach runtergeht, hier wird sich diese Kultur sicher noch eine Weile halten.

Noch ein Nachtrag :
Hier ein Thai Laden mit Benjarong,
4500 Bath sind ca 100 €

http://www.benjarong.net

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rainer hat recht. diese art der kulturkritik ist ganz und gar bürgerlich. gerade deswegen habe z.b. ich überhaupt nichts dagegen einzuwenden.

handwerker und bauern gehören in deutschland nicht zum proletariat.

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Mir hingegen stellt sich die Frage, ob proletarisch und wertkonservativ nicht sehr gut zusammen passen (die Arbeiter in Norddeutschland mit Prinz-Heinrich-Mütze, SPD-Parteibuch, Gewerkschaftsengagement und Shantychor sind das ganz sicher) und ob politisch progressiv und ein gewisser Wertkonservatismus bei gleichzeitiger popkultureller Offenheit für Neues nicht eine höchst sinnvolle Mischung ergeben.

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common sense
wird das im englischen genannt. die volksnahe seite wird darin mit der wertkonservativen kombiniert.

das ist immer noch bürgertum, auch wenn es "popkulturell offen" ist. wenn man sehen will, was jenseits des bürgertums getan und gelassen wird, muss man in die kreise von herrn merckle und co. oder in den illegalen russenpuff schauen. manchmal nur in den russenpuff.

es gibt darüber hinaus aber im bürgertum immer mehr tendenzen, von bestimmten wertvorstellungen abzuweichen. hat alles meiner meinung nach mit verdrängung zu tun, also mit dem abweichen von haltungen, bei denen man weiß, dass sie einen bestimmte schuldkomplex enthalten (auch den "spießer" lehnt man ja nicht deswegen ab, weil er werteerhaltend oder bürgerlich wäre, sondern weil er sich bestimmte dinge schuldig macht, einer gewissen sozialen oder politischen passivität z.b.) - als "ausgleich" eignet man sich haltungen oder verhaltensweisen an, die zumindest erstmal ästhetisch gesehen das gegenteil bedeuten.

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@ita "handwerker und bauern gehören in deutschland nicht zum proletariat."

Das kann man so pauschal nicht sagen. Bei den Handwerkern kann können als Anhaltspunkt die Kosten für eine Meisterprüfung dienen. Irgendwo zwischen 1500 Euro und 30000 Euro liegt da die Grenze zwischen Proletariat und Bürgertum. Bei den Bauern gibt es ebenfalls ein Spektrum zwischen Schafshirte und Industrie-Tycoon.

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@itha:
Du schriebst:

es gibt darüber hinaus aber im bürgertum immer mehr tendenzen, von bestimmten wertvorstellungen abzuweichen. hat alles meiner meinung nach mit verdrängung zu tun, also mit dem abweichen von haltungen, bei denen man weiß, dass sie einen bestimmte schuldkomplex enthalten(...)

Diese Diagnose scheint mir, mit Verlaub, ziemlich überkandidelt. Warum es so kompliziert machen, wenn man es auch einfacher erklären kann. Die sogenannten "bürgerlichen Werte" in der Erziehung zu vermitteln und weiterzugeben ist nun mal anstrengender und aufwendiger als die Kurzen machen zu lassen, was sie wollen. Es wird vielfach auch überhaupt nicht der Sinn hinter dem Korsett der Verhaltensnormen und der dahinterstehenden Werte gesehen.

Ich bin wahrlich kein Fan von Elisabeth Noelle-Neumann, aber diese Frage hat sie schon vor über 30 Jahren zu recht gestellt. Ich bin mit dem Buch (einige Auszüge hier) zehn Jahre später in Kontakt gekommen und habe noch den Kopf geschüttelt. Heute, wo das traditionelle Arbeitermilieu bald zu den bedrohten Arten zählt, ist die Diagnose kurioserweise aktueller denn je.

Und ich wage die These, dass das Privatfernsehen, um nur mal einen Faktor zu nennen, an dieser Entwicklung weitaus größeren Anteil hat als irgendwelche Schuldkomplexe.

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Da stellt sich aber die Frage, ob das nicht eher Verprollung ist, die man dem klassenbewussten, an Werte n wie Solidarität orientierten Proletariat entgegensetzen müsste.

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Ja,
ich halte die Abgrenzung von Prolltum und Proletariat in Deinem Wortsinne für durchaus sinnvoll. Auch dem Proletariat ist das Bewusstsein für bleibende Werte (etwa von gutem Geschirr und Besteck) nicht per se fremd.

Wie angedeutet, ich würde ENN weder im Wortlaut noch in allen Details und Schlussfolgerungen folgen wollen. Ich habe mit dem Verweis auf das Buch nur sagen wollen, dass die Erosion bürgerlicher Werte ein durchaus längerer Prozess ist, der auch nicht unbedingt was mit 68 und der generationsbedingten Aufarbeitung oder Nichtaufarbeitung der NS-Vergangenheit zu tun haben muss.

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Und der zum Beispiel in Adornos Minima Moralia und in Benjamins Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit ganz anders begründet wird.

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ich glaube, dass das einkommen für eine soziale bewertung gesellschaftlicher gruppen mittlerweile vollkommen unbrauchbar geworden ist.

mit schuldkomplex meinte ich nicht die "aufarbeitung" der ns-vergangenheit, sondern eher eine form von trotz, der sich einstellt, wenn man den ansprüchen der bürgerlichkeit wie bildung, erziehung, kapitalakkumulation usw. nicht mehr gerecht werden kann. ob das schon "verprollung" ist? ich glaube, es fehlt einfach an besseren angeboten, wobei die wut darüber, keine befriedigenden angebote zu erhalten, an sich auch schon wieder eine bürgerliche anspruchshaltung ist.

nach einer historischen definition gehört zum proletariat, wer in lohnabhängigen arbeitsverhältnissen steckt. ist heute ebenfalls unbrauchbar geworden.

klassenbewusstsein setzt die existenz von klassen voraus. in deutschland muss man heute wohl eher von schichten sprechen, und ob man sich zu einer bestimmten schicht zählt, scheint davon abzuhängen, wie sehr man an die einflussnahme der eigenen herkunft bzw. den erzählungen darüber glaubt. das so genannte unterschichtenfernsehen bedient ja denn wohl auch eher den voyeurismus der "anderen", die sich selbst gar nicht zur "unterschicht" zählen.

kompliziert finde ich das alles aber nicht. es gibt statt dessen eine große gleichmacherei, weil von den definitionen her alles so permeabel geworden ist.

kurz nach der wende war ich einmal mit meinem vater und dessen zwei stiefschwestern in polen auf vergangenheitssuche. als wir vier schließlich vor dem ehemaligen domizil in der zentralpolnischen pampa standen, war es in den augen meines vaters ein proletarisch-kleinbürgerliches armenhäuschen, seine schwestern klagten weh und ach ob dessen, was "die polen aus unserem schönen großbürgerlichen landgut" gemacht hatten, und ich sah bloß das durchaus nicht unaufwendig renovierte haus einer mittelständischen polnischen familie, die es sich aufgrund ihrer relativen wohlständigkeit leisten konnte, uns spontan und überaus gastfreundlich in ihr gemütlich warmes wohnzimmer zu einem fürstlichen leberwurstabendbrot mit wein und bier einzuladen. auf dem vorhof der ehemaligen volksschule des kleinen ortes hatten am nachmittag die kinder barfuß in plastiksandalen gespielt. es war ostern, es regnete und es waren ungefähr fünf oder sieben grad.

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OK,
damit sehe ich etwas klarer, was Du genau mit Schuldkomplex meintest. Sowas gibt es da und dort, ich selbst bin sicher nicht völlig frei davon. Aber ebenso wie ich es mit leichtem Bedauern konstatiere, dass ich betimmte Standards meiner Eltern nicht erfülle nehme ich mein Abschneiden anderer alter Zöpfe (Kirchenhörigkeit, Gemeindegedöns etc.) mit tiefer Befriedigung zur Kenntnis. Ebenso wie ich es inzwischen völlig entspannt sehe, dass ich in einigen Punkten nun mal ganz klar meines Vaters Sohn bin. Von daher ist der Schuldkomplex wirklich nichts, was mich wirklich prägt. Ich sehe es mehr als Riesenchance, dass wir heutzutage mehr Optionen haben, auch andere Rollenmodelle in der Partnerschaft zu leben. Und wenn das um den Verlust der Wertschätzung vom altem Geschirr mit Goldrand erkauft ist, oder um den Wegfall des sonntäglichen Kirchgang-Rituals, hey, fair enough.

Tatsächlich halte ich auch nichts davon, es mit Verprollung gleichzusetzen, wenn man sich den einen oder anderen Stock aus dem Hintern zieht, den einem die Erziehung reingesteckt hat.

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ich denke, die andere seite wird den Wegfall der Konkurrenz und die verschwindenden Scharen rund um die Stilgrenzen durchaus zu schätzen wissen; ob wir aber alle damit gut fahren, wenn solche Freiräume und Trennlinien wieder entstehen, wage ich dann doch zu bezweifeln. In einigen Bereichen ist es egal, in anderen dagegen sind es mihr als nur Haarrisse in der Gesellschaftsform, die das Soufflé Bundesrepublik zusammenhält.

Man möchte doch nicht, dass in dem Platz des erfolgreich Hinausgezogenen andere Dinge gewaltsam eingeführt werden, wenn sich die oben nur gewiss genug sind, dass es wieder geht.

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ja. und jeder zahlt den preis, den er bezahlen kann! (ich selbst halte es für einen großen luxus, sich stöcke aus dem hintern zu ziehen. und bin meinen eltern dankbar dafür, dass sie mir das stöckeziehen vom ansatz her im grunde sehr erleichterten.)

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Kann es sein, dass die hiesigen Diskutanten samt und sondern selbst Bürgerkinder sind? Wie sonst könnte ein Konsens darüber entstehen, dass "bürgerliche Werte" per se okay sind?
Da ich das Pech (Glück) hatte, dass der frühe Tod des Vaters dessen möglicherweise angestrebten gesellschaftlichen Aufsteig vom Maurerpolier über den per Abendstudium erworbenen Bau-Ing. zum Architekten abgebrochen hat, ist mir die Penetration der bürgerlichen Werte erspart geblieben. Ich habe also nichts geerbt - keine Service, Bestecke, Bettwäsche, Konten, Grundstücke, Palais, Fabriken etc pp - aber auch keine steifen Stehkragen, die das Denken in anderen als materiellen Strukturen behindern.

Bin ich nach über fuffzich Jahren Lebenszeit ganz froh drum ... inzwischen.

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Vermutlich ist es so.

Ich denke, man wird sich überlegen müssen, was bürgerliche Werte heute noch wert sind, welche etwas bedeuten und wie man sie so lebenstauglich macht, damit man sie nicht der Reaktion überlässt oder von den Asozialen zerstören lässt. So gesehen ist das auch der Kern des Beitrags; die Frage, ob Porzellan im 21. jahrhundert nicht doch auch eine tiefere Bedeutung haben kann, als nur Tischzierde. ich sehe zwar durchaus den Abgrenzungsversuch der nichtbürgerlichen Eliten, aber umgekehrt sollte man das auf der anderen seite nicht auch noch forcieren. Ich denke, dass eine reine Umverteilung der Finanzmittel wenig bringt, wenn es dann nur darum geht, den Kik auszuräumen und sich jedes Jahr eine neue Polstergarnitur zu kaufen.

Insofern: Man müsste mir erst mal erklären, was an Bürgerlich so schlecht und unpassend ist.

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Einen Konsens darüber,
dass bürgerliche Werte per se okay seien, habe ich aus der Diskussion hier so nicht herausgelesen.

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Stimmt, mark793, den Konsens sehe ich bei genauerem Nachlesen auch nicht mehr.

Was am Bürgerlichen so schlecht ist? Aus proletarischer Sicht ist es vor allem die Abwesenheit von Solidarität und in der Folge die Tendenz zum materiellen Egoismus. Kapitalismus ist nur in der bürgerlichen Gesellschaft denkbar. Ob auch andere Wirtschaftssysteme auf der Basis der bürgerlichen Werte vorstellbar sind, steht zur Debatte.

Ich merke nur, wie grundsätzlich zuwider mir die Weltbetrachtung aus Sicht der Ware ist. Natürlich ist es richtig, dass ein Umverteilung zugunsten von KiK und IKEA die Situation in jeder (ökonomisch, ökologisch, sozial, kulturell) verschlimmert - leider hat man den Resten des Proletariats Bürgerliches insofern eingepflanzt, als dass sie auch annehmen, dass Mehr besser sei. Man kann es jeden Tag im LidlPlusNorma sehen, wenn sich die Unterschichtler die Einkaufswagen mit qualitätsfreiem Kram vollschaufeln. Vielleicht ist eine Rück- bzw. Umbesinnung auf proletarische Werte der bessere Weg - gutes Benehmen gehört (wenn auch auf eine andere Art) zum Codex dieser Schicht; es basiert auf Respekt gegenüber Menschen in vergleichbarer Lage.

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Aus proletarischer Sicht ist es vor allem die Abwesenheit von Solidarität und in der Folge die Tendenz zum materiellen Egoismus.

Okay, das erklärst Du jetzt gerade jemandem, die in einer Stadt wohnt, in der alles, aber auch alles durch bürgerliches Engagement zustande gekommen ist. Universität, Zoo, Palmengarten, Museen, Forschung. Alles Bürgerstiftungen.

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Ich halte es für etwas einfach, alles Unschöne an der Unterschicht zu einer Adaption genuin bürgerlicher Mängel zu erklären. Es ist sicher nicht ohne Verbindung und Vergleichbarkeit, aber ganz so einfach sollte es dann doch nicht sein.

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@Rainer:
"Respekt für Menschen in vergleichbarer Lage" - diese angebliche Errungenschaft des Proletariats ist bei Licht betrachtet auch keine, denn Respekt gegenüber dem Gleichgearteten gibts auch in Bürgertum, Adel, Schlotbaronat wie auch bei Gangstas und anderen Hüfthüpfern. Die eigentliche zivilisatorische Errungenschaft ist der Respekt vor dem anderen, und was das angeht, ist das Proletariat auch nicht wesentlich weiter als der Rest der Gesellschaft.

Man muss (und das sage ich im weitesten Sinne als Arbeiterkind) schon extrem sozialromantisch verklärt sein, um das Schöne, Wahre, Gute nur im Proletariat zu sehen und dem Bürgertum nur den miesen Rest von Eigenschaften zuzuschieben. Die vielgerühmte Solidarität kennt der Prolet ja auch nur allenfalls mit seinesgleichen; dass der Flüchtling, der Asylant aus Asien oder Afrika das Wanderproletariat des globalisierten Kapitalismus ist, begreift er schon nicht mehr.

Und da habe ich das Fass "Kultur" noch gar nicht aufgemacht...

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Ich denke, das es schon genuin proletarische Werte gibt. Allein, das Proletariat ist nur noch in kleinen Resten da. Unterschicht ist eben nicht Proletariat. Und natürlich ist nicht alles GuteSchöneWahre im Proletariat, sage ich auch nicht. Ich gestehe, dass mir schon ein Idealbild des Proletariers vorschwebt - etwa so in Richtung Kumpel im Pütt. Davon gibt's auch nur noch knapp 40.000. Natürlich löst sich angesichts der allumfassenden Warenwelt nicht nur das Bürgertum in verschiedenfarbigen Dämpfen auf, sondern auch das, was man mal unter "Dem Arbeiter" verstanden hat. Der Kapitalismus löst die Bindungen auf und lässt keinen Stein auf dem anderen.

Ob mir das bürgerliche TheaterMuseumZooPalmengarten abgehen würden, gäb es sie nicht, ist fraglich. Gäbe es meinen Fußballverein nicht mehr, das wär schlimm. Aber ich möchte mich ganz sicher nicht als Proletarier aufspielen - ist doch bloß meine Biografie.

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Mit Idealbildern
tue ich mich generell etwas schwerer. Mein Background väterlicherseits ist eher working class, mütterlicherseits findet sich eine eigenartige Melange von Landwirtschaft und middle class. Allein schon von daher faszinieren mich eher Grenzgänger-Biographien, Einzelgänger und Außenseiter ohne festgemauerten Klassenstandpunkt. Unhinterfragte Anpassung an das Vorgegebene stößt mich tendenziell überall ab, sei es an der Teetafel mit Damast-Tischdecke oder genau so im Stadion beim Olé-olé-olé-olééé-Brüllen. Wenn es um entweder-oder ginge läge mir Kunsthalle-Konzertsaal-Palmengarten-Zoo im Zweifelsfall dann doch wesentlich näher als der Fußballverein. Aber das macht mich auch nicht unbedingt zu einem klassischen Bürgerlichen.

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Meine Mutter (zu der ich keinen Kontakt mehr habe) kommt aus einer "Aufsteigerfamilie", und ich glaube mittlerweile, das Nicht-Proletarisch-Sein-Wollen ist eines der Dinge, die ihr ganzes Leben beherrschen. Museumsbesuche sahen zum Beispiel bei uns so aus, dass man vor jedem Bild längere Zeit mit todernstem Blick stehen blieb. Meine Eltern haben mich immer gehänselt, weil ich Museumsbesuche blöd fand und nicht verstand, was daran so wichtig war. Aber wie kann man Kultur anders als blöd finden, wenn man überhaupt nicht nahegebracht bekommt, was die tiefe Bedeutung dahinter ist, sondern nur, dass man mit allertiefster Ehrfurcht vor jedem Bild stehen bleiben muss, weil es eben "Kunst" ist und weil man demonstrieren muss, wie sehr man sich vom ungebildeten Pöbel unterscheidet? Ich glaube, die tieferen Bedeutungen und Zusammenhänge von Kultur hat meine Mutter selbst nie durchschaut. So etwas finde ich oberflächlich - und wenn das "bürgerliche Werte" sind, dann finde ich das zu wenig.

Das wenige, was ich an echter Kulturbegeisterung mittlerweile habe, habe ich deswegen auch nicht im Elternhaus gelernt, sondern von Leuten, die sich wirklich inhaltlich damit befasst haben - egal, ob aus der Unter- oder Oberschicht.

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Ich schätze, mein Vater, hätte er länger gelebt, wäre auch auf den Aufsteigerzug aufgesprungen. Tendenzen dazu hatte er. Gegenüber der Kultur war er naiv wie ein Kind. Er stammte aus einer stramme kommunistischen Arbeiterfamilie in Stettin und war strikt atheistisch großgeworden (was sich durch einen sentimentalen protestantischen Glauben meiner Mutter aufgeweicht wurde9, aber im Urlaub in Bayern(!) besichtigte er mit Vorliebe Klöster und sprach dabei und danach immer von den "heiligen Männern".

Mit einer ähnlich unbefleckten Naivität bin ich dann später der bildenden Kunst anheim gefallen. Die Begegnung mit den Bildungsbürgerkindern in der Kunstakademie war allerdings ernüchternd bis abstoßend.
Von daher habe ich immer noch Probleme, in ein Museum zu gehen, weil da sind sie, die Bildungsbürger und konsumieren Kunst. Schwer erträglich. Oper kann ich gar nicht, und mit der klassischen Musik bin ich erst mit Anfang Fuffzich ernsthaft un Berührung gekommen.
Meine Liebe (ja, genau das Wort) zum Fußballverein meiner Heimat stammt dagegen aus der Zeit, als mein Vater noch lebte, und mit meinem Bruder und mir ins Stadion ging. Das hat stärker geprägt.

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Die Begegnung mit den Bildungsbürgerkindern in der Kunstakademie war allerdings ernüchternd bis abstoßend.
Von daher habe ich immer noch Probleme, in ein Museum zu gehen, weil da sind sie, die Bildungsbürger und konsumieren Kunst. Schwer erträglich.


Die schlechte Nachricht ist: Der Minderwertigkeitskomplex gegenüber den Akademikerkindern bleibt, der geht nicht weg, nie. Ich warte auch schon seit Jahren darauf.

Die gute Nachricht ist: Man kann sich aber durch hartes Studium, Aneignen von Wissen und Können Respekt verschaffen, egal wo man herkommt. Wenn man mich als Bildungsbürger beschimpft, dann denk ich: Boah, ich verstell mich echt gut, ich muß wirklich überzeugend sein.

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also, um hier mal das dicke aus der suppe zu retten (beim kollektiven ausschütten) und ganz jenseits aller persönlichen biografien (so spannend sie auch sind): es gibt natürlich schon einen historischen aspekt des proletariats, der auch heute noch vollkommen seine berechtigung hat, und das ist der gedanke der emanzipation einer gesellschaftlichen gruppe im gegensatz zur emanzipation des einzelnen individuums. das emanzipationsstreben des einzelnen wäre demnach bürgerlich zu nennen, mit allen dazu gehörenden konsequenzen: bei erfolg gebiert es den familienmythos eines "ich habe es geschafft", beim scheitern löst der bürgerliche emanzipationsgedanke schuldgefühle aus: "ich habe es verkackt." alles mit betonung auf "ich", also auf das selbst. dagegen wäre der proletarische ansatz, nicht das ICH, sondern aktuelle machtverhältnisse zwischen gruppen für ein fortkommen oder scheitern des einzelnen verantwortlich zu machen.

man muss zugeben, dass das eine ganz und gar NICHT bürgerliche idee ist, auch wenn sie natürlich auch von marx formuliert wurde (einem bürgerlichen philosophen), aber als politische manifestation oder willensäußerung ist dieser ansatz ganz und gar dem historischen proletariat zu verdanken. wenn wir bedenken, dass die bürgerlichen subjekte, die WIR sind, heute trotz unserer individualität vor problemen stehen, die alle sehr miteinander vergleichbar sind, ist aus diesem gedanken überaus viel zu gewinnen. natürlich ist das auch zum gewissen teil schon bürgerlich einkassiert, nicht zuletzt durch die spd, aber der ansatz ist nach wie vor nicht unrealistisch. eine individuelle bürgerliche emanzipation scheitert regelmäßig nämlich genau an dieser grenze.

und deswegen gehören z.b. aktiengeschäfte verboten!:)

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@andreaffm: Nein, kein Minderwertigkeitskomplex, eher Verachtung und Mitleid dafür, dass diese Sorte ständig etwas tun muss, um den individuellen Status zu halten und zur Schau zu stellen. Und ob mir persönlich irgendwelche Bürger(kinder) Respekt entgegenbringen, geht mir am Heck vorbei - wie gesagt: Mitleid und Verachtung.

@itha: Danke. So hätte ich das gerne gesagt.

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@rainersacht: ich wüßte doch gerne, wieso Du Dir überhaupt hinreichend viele Gedanken um eine Gruppe Menschen machst - die Du nicht magst - um sie bemitleiden bzw. verachten zu können / müssen. (Abgesehen davon, dass ich von diesem Schubladendenken ohnehin nichts halte.) In meinen Augen ist das verschwendete Lebenszeit.

Ich persönlich gehe in Mussen und Ausstellungen, weil ich das Handwerk und die Kunstfertigkeit der Ausgestellten zu schätzen weiß und die Kunstwerke "schön" finde. (Bei ganz moderner Kunst ist "schön" oft durch "ganz interessant" zu ersetzen ;-).
Ich sitze z.B. mit Hingabe und dämlich glücklichem Grinsen im Gesicht eine halbe Stunde vor den Seerosen des Herrn M. im MOMA oder vor seinen Nympheas in der Pariser Orangerie. Und wenn das jemand nicht nachvollziehen kann - Pech für ihn, er weiß ja nicht, was ihm entgeht. Ich würde allerdings niemals deswegen ein (negatives) Urteil über die betreffende Person fällen.

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Rainer,
ich will da jetzt nicht zuviel ferndiagnostizieren, aber diese Regung von Mitleid/Verachtung steht nicht zwingend in Widerspruch zu einem Minderwertigkeitskomplex. Man kann den so oder anders kompensieren. ;-)

Ohne irgendwelchen Peil vor irgendwelchen Schinken im Museum runzustehen und ernst zu gucken, weil sich das so gehört, das ist natürlich eine peinliche Pose. Aber ich bin froh, dass ich Menschen hatte, die mir vermitteln konnten, wie die Entwicklung von der figurativen zu abstrakten Malerei verlief, und dass eben nicht alle Abstraktion sinnloses Geschmiere ist, nur weil ich da keine rotnasigen Mönche im Weinkeller abgebildet sehe oder dergleichen. Das hat mit Literatur, klassischer Musik und Ballett funktioniert, mit der Oper hingegen nicht. Und diesen Mut zur Lücke muss man halt auch haben und sagen können: Sorry, Leute, ich weiß um den kulturhistorischen Wert dieser Kunstform, aber ganz subjetiv geht mir das Gejodel nun mal ganz arg auf die Gonaden.

Und genauso wenig wie mit der Oper kann ich mit Fußball anfangen. Ich fühle auch nicht Mitleid oder Verachtung, wenn ich dieses Treibens ansichtig werde. Ich verstehe es schlechterdings nicht, was so reizvoll daran soll, mit anderen Verblendeten gemeinsam im Stadion zu stehen und rumzugrölen in der Annahme, davon würde die eigene Mannschaft (Und wie kommt man überhaupt dazu, irgendeine Mannschaft als sein Team zu betrachten?) doller spielen.

Wenn sich die Frage Proletariat oder Bürgerlicher tatsächlich daran festmacht, ob zu irgendwelchem Kollektivismus neigt oder eher dem Kult des Individuums anhängt, dann bin ich wohl ziemlich bürgerlich, denn Massen und Kollektive sind mir per se suspekt. Warum? Ich sage nur Sportpalast: "Wollt Ihr Maoam?" - "NEIN!" - "Wollt Ihr den totalen Krieg?" - "JAAAAAAAAAA!" Und wenn ich jetzt mal überlege, welche großartigen kulturellen Leistungen irgendeine Form des Kollektivismus hervorgebracht hat, dann komme ich schon sehr ins Grübeln.

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Ithas Bemerkung finde ich dennoch interessant, weil ich nie über diesen Aspekt nachgedacht habe, aber trotzdem etwas daran sein könnte. Kleines (leider wieder anekdotisches) Beispiel: Im Gespräch mit einer Freundin habe ich mich mal über die - meiner Meinung nach - teilweise sehr schlechte Lehre an meiner staatlichen (ehemaligen) Universität beklagt. Daraufhin hat sie mit aller Gewalt versucht, daraus den Schluss zu ziehen, dass ich durch diese Kritik nur eigenes Versagen rechtfertigen wollte. Welches Versagen, bitteschön??? Ich war schneller fertig, als laut Regelstudienzeit vorgesehen, und erheblich schneller als der tatsächliche Durchschnitt, mit meiner Abschlussnote war ich unter den besten 10 Prozent meines Jahrgangs (und das, obwohl ich nebenbei viel gejobbt habe). Versagen??? Trotzdem habe ich gesehen, wie viele andere in diesem Studium hintenüber gefallen sind, und ich denke, dass daran auch die schlechte Betreuung schuld war - so viele Studenten können einfach nicht alle "faul" und "dumm" sein. Ich finde, man hat auch das Recht, solch eine "heilige Institution" - als solche betrachtete sie offenbar die Uni - mal zu kritisieren, wenn es angebracht erscheint. Aber sie wurde richtig aggressiv mir gegenüber in dieser Diskussion. Sie hat einen Hintergrund, den man wohl als "klassisch bürgerlich" bezeichnen könnte.

Ähnlich ergeht es mir unter (weiblichen) Bekannten oft, wenn ich es wage, etwas Kritisches über die Finanzbranche, über Finanzmarktregulierung etc. zu sagen oder düstere Zukunftsprognosen abzugeben. Dann heißt es immer: "Amelia, lass es sein, Du kannst doch sowieso nichts ändern!!!". Oder: "Immer diese Schwarzmalerei - man sollte doch nicht immer die Dinge schlecht reden. Wer sich anstrengt, kommt doch immer zurecht, bloß nicht die Schuld den anderen geben!!!". Ich denke, dass ich mit Recht behaupten kann, dass ich bislang durchaus gut zurechtkomme. Aber ich finde, man hat auch das Recht, sich Gedanken über Dinge zu machen, die nicht direkt nur die Gestaltung des eigenen Lebens betreffen (zumal ich einen Beruf habe, in dem es nicht ganz unerheblich ist, wie man bestimmte Strukturen und Entwicklungen einschätzt -ich finde, da ist es schon meine Pflicht, mir meine eigene Meinung zu bilden und nicht einfach wie ein braves Mädchen immer nur die Aussagen irgendwelcher CDU-Honoratioren nachzubeten).

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Auch die bürgerliche Kultur könnte, so komplett gesehen, ja durchaus als eine Kollektivleistung wahrgenommen werden. Wenn nicht dauernd der individualistische Geniekult den Blick darauf versperrte. Das ist übrigens die peinliche Pose des Bürgertums, die kollektive Komponente der Kulturproduktion gerne auszublenden.

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ja, selbstverständlich trägt jede form des kollektiven denkens die gefahr einer verrohung in sich, vollkommen richtig. andererseits hat es auch das eine oder andere mal durchaus gute ergebnisse auf einem sehr hohen sozialen niveau hervorgebracht, man denke etwa an die kranken- und sozialversicherungen, um die uns gesellschaften, die eher auf die leistungs- und anpassungsfähigkeit des einzelnen setzen, ja durchaus aktuell beneiden. oder an den sogenannten generationenvertrag, der immerhin eine ganze weile funktioniert hat. auch die steuergesetzgebung gehört, man muss sagen _noch_, hierher. und um die derzeitige krise wieder einmal zu bemühen: man sieht, dass nicht nur ein rigoroser kollektivismus, sondern auch das rigorose fehlen eines gemeinnützigen denkens zu einer verrohung führt, deren folgen zudem dann nicht mehr der einzelne (investmentbanker) trägt, sondern alle.

es ist eben nicht entweder das eine oder das andere, sondern eine klug regulierte mischung wäre gut. man muss die spitzen herausnehmen bzw. es muss grenzen geben, innerhalb derer das individuelle interesse dem kollektiven nicht dermaßen schadet. oder spitzer formuliert: man müsste dem clanverhalten der oberschicht das darin enthaltene sippensolidaritätsprinzip für eine breitere allgemeinheit abschauen. es kommt auch immer darauf an, was man gerade aktuell mehr üben muss: eigene verantwortung für sich selbst zu übernehmen (das war nach der wende ja zum bespiel so ein großes thema) oder egoismen aufzugeben (scheint jetzt gerade wieder up-to-date).

@amelia: solche reaktionen in gesprächen kenne ich auch. manchmal zeige ich auch selbst diese reaktionen, weil mir das jammern von manchen leuten auf den wecker fällt. andererseits nützt es einem auch wieder nichts, wenn sich alle gegenseitig zustimmen. ich finde, man sollte es damit halten wie in einer guten partnerschaft: man darf den ganzen tag lang streiten, aber vorm insbettgehen sollte man sich wieder vertragen;)

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@fra: Weil ich ständig mit den Vertretern dieser monadischen Gattung konfrontiert bin, immer und überall. Immer das Zusammenstoßen mit irgendwelchen selbstgewissen Eogisten/innen, die meinen, bloß weil sie meinen, wären sie schon was wert. Die "Ich und mein Magnum" für eine logische Fortsetzung von "cogito ergo sum" halten, die sich als Indviduum für einzigartig und unvergleichlich halten und sich deshalb durch fortgesetztes, radikales Konsumieren von Waren, Kunstwerken, menschlichen Beziehungen dafür meinen belohnen zu müssen. Die sich im Prinzip für ungerecht behandelt halten, weil ihnen "die Gesellschaft" nicht schenkt, was sie als sich zustehend betrachten. Die meinen, man könne mit ehrlicher Arbeit nicht reich werden, aber Reichwerden für ein lohnenswertes Ziel halten. Die sich deshalb vordrängeln, wo es was zum Vordrängeln gibt. Die bescheißen, wo es wen zu bescheißen gibt. Die lügen, weil der Zweck die Mittel heiligt. Die pragmatisch agieren, wo es ihnen ganz persönlich nützt, aber Prinzipien haben, um andere im Zaum zu halten. Die Kinderwagen vor sich herschieben und meinen, damit hätten sie nun aber ihren Beitrag zur Gesellschaft geleistet. Die überhaupt unter Leisten verstehen, sich selbst was zu leisten. Die, da Haben Angst vor Verlust umfasst, zum Angstbeißen neigen und jede Kritik an persönlichem Besitz für Neid halten. Die "chacun à son goût" Kant zuschreiben, weil sie für ihren rigorosen Egoismus eine filosofische Rechtfertigung brauchen. Die Gewalt ablehnen, weil sie ahnen, dass sie die Opfer wären, wenn es zur Gewaltanwendung käme, für staatliche Gewalt aber plädieren, weil sie hoffen, diese würde sie nie treffen.

Aber es gibt ja noch mehr bürgerliche Werte...

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Klar,
diese Sorte gibt es leider nicht zu knapp, aber ich denke nicht, dass dieses Verhalten unbedingt repräsentativ ist für die bürgerliche Mitte. Zudem sind überausgeprägte Egos auch längst kein Privileg der sogenannten besseren Kreise mehr. Ich denke da speziell an all die intellektuell tiefergelegten Spacken, die "Respekt" einfordern allein für ihre verkrachte und gesellschaftlich nutzlose Existenz, da krieg ich nicht minder zuviel als bei irgendwelchen Prada-Muttis, die ihren Prädikatsnachwuchs mit dem Cayenne vom Kindergarten zur Reitstunde und von da zum Ballett karren.

Realistischerweise wird man in jeder gesellschaftlichen Schicht von einer 80-90-prozentigen Arschlochquote ausgehen müssen. Und wer glaubt, dass bei den Proleten (oder bei welcher Subspezies auch immer) die Deppenquote signifikant niedriger wäre, ist in meinen Augen ein Sozialromantiker. ;-)

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mark793
Mit der Arschlochquote könntest du Recht haben ;--))

Und natürlich schwappt die bürgerliche Arschlöcherigkeit qua Aufstiegsversprechen auch in die darunter liegenden Schichten über; die treiben's genauso egozentrisch, sind aber nicht durch die bürgerlichen Sozialverträglichkeitsriten abgepolstert.

Dumm- und Dreistigkeit sind als Verhaltensmuster in allen Schichten und Klassen anzutreffen. Dafür hat die kapitalistische Rundumverblödung bzw. Umerziehung vom Mensch zum Konsument schon gesorgt.
Da schließt sich der Kreis: Das Glücksversprechen des Warenerwerbs ist ein Essential des Kapitalismusses, der wiederum ohne das Entstehen des Bürgertums (und der bürgerlichen Werte) nicht hätte entstehen bzw. erfolgreich werden konnte.

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@Rainer:
Korrekt. Aber das Aufkommen postmaterieller Werte jenseits von ein paar gelangweiten Adelszirkeln ist ja auch nicht zuletzt ein Verdienst des Bürgertums. Die ersten, die irgendwann mal nach dem Krieg und der Fresswellle der 50er anfingen, sich zumindest partiell aus diesem ewigen Zyklus des Warenkults auszuklinken, waren ja wohl nicht die proletarischen Rackerer, Kohlekumpels und Fussballfans, sondern saturierte Bürgerkinder, denen dämmerte, dass es ja wohl etwas jenseits der Preisschilder und der Protzerei geben müsse, oder?

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si. es gab sogar eine art rückwendung der bürgerschichtsintellektuellen zum proletariat, das wollen wir mal nicht vergessen. alles das längst historisch. ich erinnere nur an sowas wie "hurry on down" von john wain.

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@Mark und Rainer
Treffer, versenkt! ;-)

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wieso Tod des Porzellanes ?
Böttcher sei Dank essen wir nicht nur von vom englischen Geschirr, sondern von dem mit den blauen Schwertern und nicht vom Geschirr des asiatischen Originales. Es ist einfach schöner. Warum in die Ferne schweifen, denn das Gute ist so nah...

oder um provokant zu fragen: Was ist Wedgwood ???

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Ich denke, man sollte nehmen, was man kriegen kann. Bei Wedgwood mag ich die Geschichte des Mannes.

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lässt sich die sä. landesregierung nicht nehmen, ausländischen staatsgästen die manfaktur zu zeigen.

auch den chinesen.

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aber es wird den chinesen einfach...
nichts nutzen.

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