Landleben & Lügen

Es kann passieren, dass ich zu krank für den Wochenmarkt bin, und zu schlapp, um mehr als einen Platzhalter für einen Tagesbeitrag ins Blog zu setzen. Aber an einem Sonntag, da ich es gesundheitsbedingt nicht zum Flohmarkt schaffe, bin ich tot oder in einer Krankenstation ans Bett gefesselt. Ich habe es mit einem frisch gebrochenen Zeh bis nach Pfaffenhofen, über den gesamten Antikmarkt und wieder heim geschafft, da hält mich so ein läppischer - und angesichts des genetisch bedingten Allesfressermagens ohnehin lächerlicher - Totalzusammenbruch des Verdauungstraktes auch nicht auf, wenn die Tapetentische in der Nachbarschaft aufgestellt werden. Gut, mir war so schlecht, dass mir die PIN-Nummer meiner Karte entfallen ist, aber wenn ich vor einer Trouvaille stehe -



So etwas, zum Beispiel. Ich bin ja mit Villeroy und Boch grossgeworden; für meine Frau Mama ist V&B in etwa das, was Hutschenruther für mich ist: Der Inbegriff von einer hochwertigen Porzellanmarke. Das erste Service, das sich meine Eltern zusammen kauften, war folgerichtig das Dekor "Burgenland" in blau, und wenn ich als Kind die zentimeterdicke Zuckerschicht unter dem Tee ausgelöffelt hatte, starrte ich begeistert auf das von Felsen und Ruinen überragte Flusstal, das sich auf dem Boden der Tasse fand. Dieses Dekor geht zurück auf das 18. Jahrhundert, als man überall auf dem Kontinent Kupferdruckplatten als geeignetes Mittel entdeckte, Bilder auf Porzellan zu übertragen, und damit die Kosten für das teure "weisse Gold" soweit zu senken, dass es sich auch Bürgerliche leisten konnten. Nicolas Villeroy hat das Verfahren neben anderen hierzulande populär gemacht - erfunden haben es aber 1756 zwei Briten, namens John Sadler and Guy Green. Reich geworden sind damit jedoch zwei andere Herren, die nicht nur die Technik, sondern auch Gespür für den Markt und Industrialisierung hatten; Genies an der Grenze zwischen perfektem Handwerk und kühlem Rechnen: Josiah Wedgwood und Enoch Wood.



Dieses Geschirr nun nimmt ein populäres Dekor des zweiten, heute unbekannteren Meisters wieder auf: "English Scenery" nennen sich die Abbildungen, die das englische Landleben mit seinen Bauern, Cottages, Dörfern, Feldern und Tieren in etwa so harmonisch darstellen, wie man seit dem 18. Jahrhundert und seiner pastoralen Idyllen diese Umgebung eben so darzustellen pflegt, wenn man sie geniessen und nicht wie die dargestellten Leibeigenen Bauern erdulden muss. Enoch Wood war seinerzeit noch weit entfernt von den Brüchen dieses Lebens, die in "Priscilla auf Reisen" von Elizabeth von Arnim so idealtypisch zwischen ruraler Blödheit, Standesdünkeln und Bigotterie aufgezeigt werden. Oder gar den Verwicklungen zwischen Spiessertum und Fortschritt, die man aus dem Landhaus "Windy Corner" kennt, in dem E. M. Foster seine Helden weitaus weniger angenehme Dinge erleben lässt, als sie noch aus Florenz in einem Zimmer mit Aussicht kannten.



Nein, es ist eher das Idyll, das hierzulande all unsere Grosstanten aus "Der Doktor und das liebe Vieh" kannten, und die beiden dicken, alten und mit viel Gold behängten Damen, die das Geschirr mit seinen 24 Teilen feilboten und mit nicht ungewählten Ausdrücken anpriesen, dürften die Serie auch gekannt haben - vielleicht so gut, dass sie immer noch in britischen Vorkriegspreisen rechneten, anders ist der geringe Betrag, den sie forderten, nicht zu verstehen. Ein kleiner Blick in die üblichen Webseiten der Porzellanersatzteile - man mag es nicht glauben, aber tatsächlich ist der globale Vertrieb von Ersatzteilen für alte Tanten ein wirklich lukratives Onlinegeschäftsmodell - zeigt, dass die beiden das erkennbar nie genutzte Geschirr nicht ganz einzuschätzen wussten. Auch, wenn es nicht zwingend nobel aussieht, auch, wenn es bunt erscheint und etwas zu üppig dekoriert, so müsste man heute für die harmonischen Landschaften eine Schneise der Verwüstung in das eigene Budget schlagen. 500 - 600 Euro, das dürfte in etwa der Preis für alles gewesen sein, und so viel würden nicht viele nebenbei ausgeben, um zu drei anderen Servicen mit Goldrand etwas rustikal Hübsches für das kommende Frühjahr zu haben, wenn gegenüber der Terrasse wieder die Kühe mit den Glocken bimmeln.



Gezahlt habe ich, ach, irrelevant, es geht schliesslich nicht um das, was es kostet, sondern um das, was man daran findet. Ich mag dieses verklärte England, diese ruhigen Bilder, nicht, weil sie nicht verlogen wären, sondern weil ihre Verlogenheit immer noch charmanter ist, als der Betrug der Citybanker, die Gier der Hedge Fonds, die widerlichen Folgen der schlimmsten europäischen Politikerin des 20. Jahrhunderts, und dem, was dieser armen Insel in den kommenden Jahren an unschönen Folgen für die hemmungslose Hingabe an den besoffenen Zuhälter des freien Marktes droht. Eine Insel, von der aus die Industrialisierung begann, und von der nur das hier blieb:



Ein Stempel. Denn Enoch Woods Imperium brach bereits 1845 zusammen, als seine Kinder, 5 Jahre nach seinem Tod, an ihr Kapital für das Leben in Saus und Braus wollten, und es aus der Firma abzogen. Damals standen ein paar tausend Töpfer vor dem Nichts. Ein grosses, aber nicht gerade glückliches Vorbild für die späten Nachfahren von Wood & Sons, die sich nicht mit den allerbesten Gründen auf den bestenfalls entfernt verwandten, alten Enoch beriefen, aber doch von 1865 an weiter alle Welt kuntinuierlich un hochwertig mit dem klassischen Bild Englands belieferten. 140 Jahre lang, bis 2005. Dann gingen sie pleite, während die englische Landschaft zugepflastert wurde mit teuren, kreditfinanzierten Neubauten mit Krediten, die nie wieder eine Idylle hervorbringen werden.

Wie auch immer: Der bessere Teil der englischen Lügen hat einen guten Platz gefunden.

Sonntag, 4. Januar 2009, 22:18, von donalphons | |comment

 
Das
Dekor gefaellt. Sind die Tassenhenkel auch praktikabel? Ich meine, ich habe nicht die Haende eines niederbayerischen Schlachters. Dessen Finger wuerden bestimmt Probleme haben, diese Kunstwerke zu halten.

Wedgwood, ist das nicht dieses ueberteuerte, blassblaue Porzellan, das man immer noch neu bekommt?

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Wegdwood macht alles mögliche, auch solche Transferware.

Meine Finger würden jetzt auch eher das Schlachtbeil denn das Skalpell halten, und ich habe keine Probleme damit. Im Gegenteil, die henkel sind grösser als bei den meisten anderen Stücken.

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Wedgwood ist gerade eben pleite gegangen:

Waterford Wedgwood collapses over debt pile
Up to 1,900 UK jobs were under threat today after Waterford Wedgwood, the 250-year-old fine china and glassware maker, collapsed into receivership.

http://tinyurl.com/9jabr4

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Oh, das ist aber nicht schön, denn es betifft auch Hutschenreuther über Rosenthal. Really a shame. Jede blöde Bank ohne Geschäftsmodell wird gerettet, aber wenn es um Kulturgut geht, stehen die Politprolls daneben und rühren keinen Finger.

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Rosenthal wird wohl verkauft werden.
WW ist schon länger dabei, hat aber bisher keinen Käufer gefunden. Wobei ich mir sicher bin, dass es welche gab, nur die preisvorstellungen passten nicht. Jetzt hat WW keine gute Verhandlungsbasis mehr ...

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in der porzellanbranche hat es solcherlei fluktuationen aber immer schon gegeben. es muss auch nicht heißen, dass die dekore verloren gehen - im gegenteil wird manchmal gerade nach einem eigentümerwechsel etwas schon längst eingemottetes neu aufgelegt. und außerdem sind bestimmte sachen nur allein schon deswegen interessant, weil sie unterschiedlich gemarkt sind und somit eine eigene geschichte erzählen. von bankrotten fabrikbesitzern ebenso wie von arischen übernahmen und massenentlassungen im zeichen des asienhandels.

aber die passenden stücke zu dem weißen bavaria mit dem fein gewellten doppelgoldrand habe ich immer noch nicht gefunden, und dabei handelt es sich gerade bei diesem design um einen klassiker, der jahrezehntelang von den verschiedensten manufakturen immer wieder aufgelegt wurde.

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Die Keramikerin Hedwig Bollhagen gehörte bekanntlich zu jenen, die von der Arisierung profitierte. Sie kam auf diese Weise an die Hael-Werkstätten von Margarete Heymann-Lobenstein. Deren Entwürfe haben die noch bis in die 1960er Jahre verwendet.

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Da gibt es noch viel, viel anderes. Und auch bei manchem service von vor 1933 kann man sich schon mal überlegen, ob.

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Ich sah unlängst eine Kopie einer Seite aus der hiesigen Tageszeitung aus jener Zeit. Kurz nach den Deportationen gab es immer viele Versteigerungen, dass die Gegenstände aus "nicht-arischem" Besitz stammten, stand immer fein säuberlich dabei. So dürfte manches vermeintliche "Erbstück" in einheimische Familien gelangt sein.

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ich habe etwas ähnliches, nämlich das road to windsor von johnson bros, in grün. das vollständige und vollkommen unversehrte kaffeegeschirr in der klassischen form für zehn personen nebst zwei kaffee-/teekannen, zwei zuckerdosen und zwei milchkännchen kaufte ich einem älteren herrn für nicht einmal 15 euro bei ebay ab und ließ es für weitere 20 euro per kurier aus westfalen holen. kauft man heute so etwas neu, zahlt man... ich sag's lieber nicht.

besonders die kannenform gefällt bei diesen englischen geschirren. am allerschönsten aber finde ich allerdings immer noch das pink camilla von spode.

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Generell mag ich ja das Überschwengliche, das man bei Briten so nicht erwarten würde, und selbst in Grün sieht das Geschirr auf meinem Hepplewhite-Sideboard heftig überladen aus. Es ist sicher nicht überall vemittelbar, was sich auch in den Preisen wiederspiegelt, aber mei: man muss nehmen, was man kriegen kann, und dann für immer behalten.

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Schade, gerade im Darwinjahr.
War doch Charles Darwin mit eine Dame aus dem Hause Wedgwood verheiratet, die es ihm durch ihr Vermögen ermöglichte, frei zu forschen.
Sonst wäre er Landpfarrer geworden und hätte den Mund halten müssen.
So haben Schüsseln mit Landschaft doch Einfluss auf die Geistesgeschichte der Menschheit.

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Man darf auch nicht vergessen, dass mit dem Aufstellen von pseudoetrurischen Vasen auch Szenen in das spiessige England gelangten, die zu Nachforschungen und gesellschaftlichen Überlegungen führten. Wedgwood war nicht nur ein Motor der Industrialisierung, sondern auch der Ausstatter der Aufklärung.

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