Wie gut, dass es England gibt

Vielleicht sollte ich nächste Woche, wenn ich in England bin, die Rücksitze vermieten. Obwohl ich dank meiner Grosstante seit frühester Jugend anglophil geprägt bin, und Serien wie "Das Haus am Eton Place", "Der Doktor und das liebe Vieh" und später "Brideshead revisited" zu den wenigen TV-Erlebnissen gehören, zu denen ich uneingeschränkt stehe, trotz der Tea Time, auf die mein Körper so geeicht ist, dass ich zu dieser Stunde ohne Tee entsetzlich müde werde, trotz all meiner Importe, und das sind mehr, viel mehr, als hier im Blog steht - trotz (was übrigens ein Wort ist, das nur die Deutschen erfunden haben könnten, wie aus einer Hitlerparodie) all meiner Verehrung würde ich gerade in England keinesfalls sein wollen. Ich würde gehen und zwei Jahre warten, bis sich dort alles wieder eingerenkt hat.



Als Deutscher, der ich trotz (schon wieder!) allem bin, und gerade als Freund unsolider Vorhersagen muss ich dagegen zugeben, dass ich nicht wirklich traurig bin, wenn sich nun in England alle Folgen einer durchgezogenen Neoliberalisierung entfalten. Einen Vorgeschmack, der hierzulande keine Erwähnung fand, erhält man in diesem Beitrag bei FT-Alphaville. Die Kurzfassung: Die Insel ist gerade dabei, weite Teile ihrer Wirtschaft, und hier gerade der für sie entscheidenden Sektoren zu verlieren, namentlich das, was man als Industrieproduktion bezeichnet. Die aktuelle Ausfallrate, die erstaunlicherweise gerade die schuldigen Banken eher nur leicht betrifft, wird in ein paar Monaten zu Zuständen führen, die übel an die Weltwirtschaftskrise anno 1929 erinnern. Vermutlich ist das auch der Grund, warum die Regierung hofft, zu jener Zeit setze bereits wieder das Wachstum ein.

Vieles von dem kriminellen Dreck, den Thatcher und ihre Nachfolger angerichtet haben, ohne dafür im Gefängnis zu schmoren, wurde auch hierzulande halbwegs eingeführt. Privatisierungen, Ausverkauf des Staates, Umschichtung der sozialen Absicherung zu den kapitalmärkten, Marktderegulierung, angenehmes Rechtsumfeld für alle Arten von Betrügern, Bilanzfälschern, Tricksern und Anlageberatern. Deutschland war hintendran, und das ist nun eher ein Vorteil: Denn das, was in England passiert, wirtschaftlich, sozial, klassenkämpferisch, das wird bei uns mit einer gewissen verzögerung und vielleicht auch abgeschwächt ebenfalls eintreten. England ist eine hervorragende Fallstudie, die einem vielleicht zwei, drei Monate Vorwarnzeit lässt, um sich zu überlegen, was zu tun ist. Dass auch hier noch sehr viel mehr auf dem Niveau von Northern Rock, Lloyds und Royal Bank of Schotland kommen wird, sollte eigentlich inzwischen jedem klar sein: Die Süddeutsche hat ein Bafin-Papier, in dem 816 Milliarden Risiko- und Problempositionen aufgeslistet sind (http://www.sueddeutsche.de/finanzen/735/466319/text/). Das ist rund das Dreifache des Bundeshaushaltes. Und dabei reden wir hier nur über einige Banken, und noch nicht über all das Übel, das auch noch bei anderen Instituten rumliegt.

Ich darf in diesem Zusammenhang dann erneut an den teilweise verschwundenen Bericht des Telegraph vom Februar dieses Jahres berichten, der sich auf ein Papier der EU bezog und knapp 18 Billionen toxische Papiere bei Europas Banken meldete. Wenn man das aktuelle Desaster auf Europa hochrechnet, und davon ausgeht, dass die Bafin auch nicht alles listet, ist man von der irren Summe des Frühjahrs gar nicht mehr so weit entfernt.

Man betrachte also weiterhin England und Irland. Das sind die Pforten zur Hölle. Hübsche Autos kann man dort natürlich weiterhin kaufen.

Freitag, 24. April 2009, 23:49, von donalphons | |comment

 
"Umschichtung der sozialen Absicherung zu den kapitalmärkten"
Das haben Sie sehr schön gesagt. Nur was tun, wenn man nicht auf höhere Töchter steht und auch keine ist? Sicher wäre es das einzig moralisch Vertretbare, gar keine private Altersvorsorge zu betreiben - es sei denn in Immobilien, was für mich leider finanziell nicht in Frage kommt. Aber so ganz von der Hand in den Mund - das trau ich mich dann doch nicht.

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Schwierig. Wo das enden kann, sieht man in den USA: Korruption, Selbstbedienung und reingelegte Kunden. Sehr unschön, besonders, wenn das klassische Rentneralter stramm Richtung 55 geht. Eine Antwort habe ich auch nicht, aber schön ist das alles nicht.

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Leichtes Fluchtgepäck angeraten
Mein lieber Don, ich gönne dir deinen Autotraum zutiefst. Aber wenn du schon einmal in England bist, solltest du dir ein paar gute Gartenwerkzeuge alter Art zulegen. Vielleicht kannst du in der Nähe des Sees ein kleines Stück Acker ergattern und viele von den Dingen die du so sehr magst, auch für dich erhalten.

Ansonsten rate ich in England, Irland und auch Spanien nur noch mit leichtem Fluchtgepäck unterwegs zu sein. Mit Dingen die man leichten Herzens aufgeben kann.

Das ist das tückische an dieser Art von Bränden. Alles sieht ruhig aus. Das Gebüsch vor dir qualmt nicht. Aber in Sekunden flackert es lichterloh vor dir auf. Dann gleichzeitig an vielen Stellen. Es sind diese unterirdischen Brände die das Löschen im Wald so gefährlich machen. Deshalb löschen wir den Wald ja meist auch nicht, sondern verhindern nur ein Übergreifen auf weitere Flächen. Wir pflügen den Boden um eine unterirdische Flamme zu unterbinden.

Bei dem was jetzt auf uns zukommt ist es aber weder möglich zu löschen, noch Brandschneisen zu schlagen und umzupflügen. Da wo einst Schneisen waren ist heute alles verfilzt. Da kann man nicht mehr schnell retten. Der Zug ist abgefahren.

Vielleicht können einige sich so tief ducken um zu überleben. Der Rest wird sich entscheiden müssen ob er loderndes Feuer oder Brandmaterial sein wird. Es ist schade. Wir hatten eigentlich viel erreicht. Nun zerstören wir auch das eigentlich Erhaltenswerte.

Es wird auch deine höheren Töchter treffen. Leider. Sie tragen nur eine geringe Schuld und die ist in ihrer Erziehung begründet.

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Nun, die stoffliche Welt bleibt natürlich erst mal bestehen, das Problem ist nur die Preisfindung. Die spannende Frage ist eigentlich, wie sorgt man dafür, dass es die brandstifter erwischt und jene zum Löschen müssen, die vorher immer sagten, dass es nie zum Brand kommen würde. Ausräuchern ist ja gar nicht so schlecht, wenn es die richtigen erwischt. Da sehe ich die Krise dann auch als Chance, wenn man sich a la Schäffler nicht gleich selbst enteignet.

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"Das Haus am Eaton Place" hat mein Bild von England erschaffen. So hatte das dort zu sein und nicht anders. Am Randen, weil neulich Wünsche geäußert wurden und ich Tee täglich literweise zu mir nehme: wäre das Thema über das es sich schreiben ließe? Tee-wieso, welcher, wann, woraus?

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So ist es schon lang nicht mehr - Tee? To be honest, da bin ich auf eine ganz bestimmte Art spezialisiert, und mit dem Rest kenne ich mich praktisch kaum aus, ausser: Nur kein Earl Grey und anderes parfümiertes Zeug.

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Bei mir gibt es zwei unabänderliche Zeiten für den Tee. Ich brauche morgens eine halbe Stunde, um wach zu werden. Da möchte ich in Ruhe meinen Tee trinken und nicht gestört werden. Am späten Nachmittag dann (das ist nicht auf die Minute festgelegt) folgt noch einmal Tee , diesmal mit Kuchen. Da bin ich dann auch kommunikativer. Dazwischen passt immer mal eine Tasse, wenn sich die Gelegenheit bietet. Aber morgens und nachmittags, das lasse sich selten aus.

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