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Donnerstag, 25. Dezember 2014

Pflicht

Als die Asamkirche nebenan gebaut wurde, hat man auch den Komplex, in dem ich wohne, umgestaltet. Sehr wahrscheinlich haben die Asams hier mit ihrem Bautrupp nebenbei auch ein paar Dinge gemacht, aber nichts von Beeutung: Das Geld der Gesellschaft Jesu gig vor allem für die Repräsentation in der Kirche drauf. Wir haben hier durchaus Malereien gefunden und dokumentiert, aber leider, leider nichts von kunstgeschichtlicher Bedeutung. Nicht umsonst bi ich quasi gezwungen, die ausstattung nachzukaufen, für die die Jesuiten zu geizig waren.



Gekauft haben sie vor allem Bücher, aber die wanderten nach dem Verbot des Ordens und der Säkularisation meist in den Ofen oder andere Bibliotheken, wo sie die Zeiten selten überstanden. aber ich will nicht klagen, das Haus ist famos und die Nähe zu einer solchen Rokokokirche verbindet. Wenn irgendwo Asam steht, gehe ich auch hinein, selbst wenn es nur selten die Qualität der Kirche nebenan hat, und ja, allein für das Deckenfresco hier lohnt sich die Reise. Momentan steht das Wort Asam in München an der Kunsthalle. Und das heisst, dass ich heute Gelegenheit hatte, meine alten Vorurteile gegen diese Einrichtung zu überprüfen.

Drinnen darf man übrigens auch ohne Blitz nicht knipsen. Unsere ausgebeuteten und geknechteten Vorfahren haben das alles zahlen müssen und heute darf man bei 12 euro Eintritt nicht mal eine Kamera darauf richten. Fängt schon gut an.



Um es kurz zu machen - man sollte die Sache vorher studiert haben, oder den Katalog kaufen und in die Ausstellung mitnehmen, selbst wenn es da drin zu dunkel ist. Denn die Beschriftung der Objekte ist - naja. Da hängt ein Spiegel aus München mit bayerischem Wappen und Kaiserkrone und Szepter. Ja nett. Wer nicht gerade zufällig weiss, dass der wittelsbacher Karl VII. sehr umstrittener Deutscher Kaiser war und solche Gegenstände brauchte, um sein verhunztes Amt von Frankreichs Gnaden auszuhübschen, versteht gar nicht den politischen Symbolgehalt. Ein Raum weiter steht dann eine weitgehend vergoldete Notburga - die Heilige der Mägde - und wird wegen einer angeblich höfischen Kleidung und Haltung mit den galanten Porzellanfiguren Bustellis aus Nymphenburg verglichen. Das geht nur, weil die Figuren von Bustelli daneben so schlecht beleuchtet sind, dass man die Details kaum erkennt. Jedenfalls wäre es mir neu, dass irgendeine Bustellifigur so zugeknöpft wie die Notburga daher kommt, und so derbe Latschen unter dem kurzen Dienstmagdrock trägt.



Mir ist durchaus bewusst, dass man bei den berühmten Schnitzern und Bildhauern des Rokoko in München vor allem auf kirchliche Ausstellungsstücke zurück greifen kann. Es wäre aber nicht in dieser Intensität nötig, denn es gibt auch jede Menge Möbel und andere Objekte aus en Schlössern dieser Zeit, auf die man ergänzend zurück greifen könnte. So fixiert auf Kirchenkunst bekommt die Ausstellung einen seltsamen, klerikalen Drall, und wirklich spannende Aspekte wie den Einfluiss der Aufklärung auf die Darstellung muss man sich selbst erarbeiten. Aber selbst ohne Aufklärung: Es fehlt auch die Erklärung zum lithurgischen Kontext - wer den nicht im Kopf parat hat, ist mit den einzelnen Kunstwerken in einer Art allein, die so nicht vorgesehen war und eigentlich auch keinen Sinn macht. Es ist leider wie so oft, da werden die grossen Namen gebracht, und es ist ja auch nett, sich einmal Figuren anschauen zu können, die ansonsten in ganz Bayern verstreut wären. Aber die Kirchenkunst gerade dieser Epoche ist nicht im luftleeren Raum, und da hätte ich mir einfach mehr Erklärendes gewünscht. Etwa auch: Was ist Meister. woran erkennt man die schule. Und bessere Beschreibungen wären schön gewesen. so wie es ist, ist es ganz nett für das Namedropping, oder eben ein hartes Brett für Kenner.



Ungeachtet dessen lustlinsle ich danach natürlich um so mehr bei den üblichen Häusern, was die so haben. Ein Rokokokopf eines Turbanträgers, entweder eine Studie oder Teil eines grösseren, vermutlich jesuitischen Altargemäldes, ist noch auf der Anreise, und daheim bekomme ich langsam das Museum, das mit wie ein alter Hausschuh passt. Die Kunsthalle - man sollte sich das anschauen. Wegen der Expoate. Aber eben nur mit Katalog.

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Sonntag, 23. März 2014

Peter Burke, Ludwig XIV.

Es ist, denke ich, eines der interessantesten Bücher, das man im Moment über Vladimir Putin lesen und kaufen kann. Gern wird Putin ja mit alten Sovietmachthabern verglichen, aber nach meiner Meinung liegt Ludwig XIV. da viel näher: Auch er kommt aus einer Zeit des Niedergang eines Reiches, und das hat ihn und sein Land und seine späteren Kriege um die Vormacht in Europa geprägt. Auch anderes kann man gut vergleichen: Der Fall Chodorkowski erinnert nicht umsonst an den unglückseligen Nicolas Fouquet. Ob er allerdings mit seinen Hanswursten ähnlich wie mit Pussy Riot verfuhr - das weiss ich nicht.



Peter Burke ist mir durch seine schöne Analyse des Werks von Baldassare Castiglione in Erinnerung geblieben, und das Buch über die Inszenierung von PutinLudwig XIV schliesst stilistisch mit seinem trockenen Witz direkt daran an. Für mich ist es insofern von Interesse, dass alles von Napoleon und Ludwig XIV mit voller Absicht bei mir im Sanitärbereich hängt, um das höflich zu sagen. Einen der Drucke, die den Autokraten als Liebling der Musen zeigt, habe ich auch, und

Wie soll ich sagen, ich bin nun mal überzeugter Bürger und Demokrat. Da gehören solche Abgetreteten der Geschichte nun mal in den Abtritt. Ich mag unser System und unsere Spielregeln, und die Vorstellung, dass in Russland nur das geprobt wird, was früher oder später auch in der EU anschafft und kommandiert, das gefällt mir gar nicht. Zum Beispiel haben wir die rechtsautokratische Regierung in Ungarn einfach so geschluckt. Und natürlich ist mir bei der Analyse der abgebrühte Blick auf die Geschichte sehr viel lieber als die aktuelle, die langfristigen Linien verstellende Empörung. Weil, wer ist da schon Gut oder Böse?



Burke ist einer von den Autoren, die im Studium stets mein Verhängnis waren. So einer taucht oft in Literaturlisten auf, man braucht ihn eigentlich nur wegen 2, 3 Seiten, weil er einen Randaspekt streift - und dann denkt man sich, oh, das ist aber interessant und das wusste ich noch nicht und gut geschrieben ist es auch. Und damit ist dann der Vorsatz, weiter nach frühmittelalterlichen Flügellanzen zu suchen, erst mal obsolet gewesen; damals war es ein Buch über den nicht minder widerlichen Ambrosius von Mailand.

Heute, es ist ja nur noch Gaudium und ohne Druck, kann ich mich leichter und ohne schlechtes Gewissen darauf einlassen, und doch: Es bringt Erkenntnis. Natürlich habe ich von Russland so viel Ahnung wie alle anderen auch, aber ich kann einstreuen: Nun, wenn man etwa an Ludwig XIV denkt, da war das ja ganz ähnlich, auch der wurde blockiert und tatsächlich hat ihn der spanische Erbfolgekrieg an den Rand des Ruins gebracht, egal wie pompös das alte Kadaver sich hingestellt hat, nicht wahr. Und dann kann man elegant den Fouquetvergleich machen, auf den Merkantilismus kommen und da fällt einem ein, kennen Sie schon mein neues Service aus Sevres? Nein? Ah, Sie müssen an den Tegernsee...

Man entgeht dem Elend ja doch nicht. Aber es ist schön, ausweichen zu können

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Freitag, 21. März 2014

Moacyr Scliar, der Zentaur im Garten

So um die 18 herum, als andere in dieser Zeit das Angebot von Videotheken für sich entdeckt haben, begann mein Interesse an südamerikanischen Autoren. Manchen wie Jorge Amado halte ich unverbrüchlich die Treue, andere, wie Carlos Fuentes, waren durchaus nett zu lesen, haben aber keine dauerhaften, heissblütigen Erinnerungen zur Folge. Gabriel Garcia Marquez ist, ähnlich wie Jorge Ibargüengoitia, meistens toll und nur manchmal etwas schwierig, und ich gebe zu, dass ich mich an Miguel Ángel Asturias noch einmal versuchen müsste. Aber wenn ich dann ab und zu vor den Neuerscheinungen stehe, greife ich doch recht oft aufgrund dieser guten Erfahrungen zu Autoren aus Südamerika. Und der Titel "Der Zentaur im Garten" hat mir einfach gefallen.



Das Buch erschien zuerst 1985 auf Deutsch, ging aber zusammen mit dem Autor Moacyr Scliar damals an mit vorbei - man muss das verstehen, so ein Abiturientenhirn kann sich nicht allein Büchern hingeben. Es ist ein typisches Werk des magischen Realismus, das die Leser mit der Existenz von Zentauren konfrontiert, und wie sie die wechselvolle Geschichte Brasiliens zwischen den 30er und späten 70er Jahren des vergangene Jahrhunderts durchleben. Brasilianische Autoren tun sich bei mir wegen des Vergleichs zu Jorge Amado und seiner unbändigen Fabulierkunst und Lebensnähe nie ganz leicht, und tatsächlich kommen die Zentauren meinem Gefühlsleben nie so vollkommen nah, wie, sagen wir mal, der Richtige von Donna Flors Ehemännern. Es ist ein Schritt weiter in Richtung Feuilletonbuch, es setzt vieles an Grundwissen voraus, und nimmt sich viel Zeit, die Hauptperson vielschichtig zu entwickeln. Ich werde den Eindruck nicht los, dass das Magische ein wenig der Aufhänger ist, um die Realität fett zu machen; so plätschern hier drei Hauptideen, Brasilien, Judentum und das Leben als Zentaur, man mehr und mal weniger verwoben nebeneinander her.

Das ambivalente Zentaurendasein als Bildnis des nie wirklich heimisch werdenden Judentums - dieses Bild drängt sich manchmal auf, und ich weiss nicht so recht, was ich damit anfangen soll; meines Erachtens werden damit Klischees gefüttert, gesondert herausgestellt, die ganz sicher ihr Publikum haben, aber mich persönlich nicht sonderlich ansprechen. Es gibt sicher ein gewisses Leserumfeld, das sich an solchen Aspekten mit Vorliebe lang aufhängen kann - für mich sind das mehr die Längen des Buches. Schön wird es, wenn es den Fremdheiten einfach Raum gewährt, dann erinnert es in seiner Stimmung teilweise an ein anderes Lieblingsbuch, den Husar auf dem Dach. Leider ohne die ganz grosse, unerfüllte Liebe, dafür mit der erfüllte, normale Liebe zwischen zwei Zentauren, die ganz anders als alle anderen sind, und gern wie sie sein möchten.



In seinen besten Momenten ist es auf eine unsentimentale Art rührend, ein guter Begleiter durch einen Tag, und vielleicht, wenn ich 18 wäre, hätte es mir ohne meine weitere Lebenserfahrung sogar sehr viel besser gefallen - damals war vieles, was zu durchleben war, noch eine grosse Frage und nicht das Wissen, mit dem ich heute diese Aspekte betrachte. Übergeordnete Fragen - was tut man, wenn man einfach anders als die anderen ist - erklärt einem das Leben besser als ein Buch, und liest man es mit Erfahrung und der Sicherheit, dass sich alles finden wird, ist es mit seinem Grundkonflikt vielleicht ein wenig dick und überproblematisierend aufgetragen. Ich sollte wohl noch etwas mehr lesen, von diesem Herrn - bitte, das hier ist Meckern auf ganz hohem Niveau an einem wirklich unterhaltsamen Werk, und man darf nicht übersehen, was sonst so an neudeutschem Müll heutztage in den Regalen steht.

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Donnerstag, 20. März 2014

Berni Mayer, Der grosse Mandel

Also ich hab dem Berni ja immer gesagt: Deine Protagonisten ned woahr die kummen von do und deshalb sollten sie auch mal wieder herkommen. Es ist ja eh so mit denen, dass sie zwar in Berlin sind, aber wann immer ich das lese, höre ich den bayerischen Dialekt heraus, und vielleicht sind die beiden - oder wenigstens der Erzähler - auch nur deshalb manchmal so Zwidawurzn, weil man den Bayern aus seinem Land, nicht aber das Land aus dem Bayern nehmen kann. Vielleicht sind sie einfach heimwehkrank und lügen sich im Deichgraf darüber hinweg. So generell finde ich es ja sympathisch, dass die beiden Helden immer ein wenig schlecht gelaunt und nur so mittelzufrieden sind, und ich kann diese bayerische Form der anarschischen Opposition schon unterscheiden vom Krisengekreisch in Berlin - und was soll ich sagen: Das hat er diesmal auch schön herausgearbeitet, als die Helden zurück nach Bayern kommen. Dorthin, wo sonst nie die Heimatkrimis spielen, in der Oberpfalz nämlich.



Als Mittelbayer ist man ja immer wieder schockiert, was da Richtung Osten noch alles an Bayern bis Passau kommt. Notfalls kann man sich sagen, dass wir früher einfach diesen antiösterreichischen Donausumpfstreifen gebraucht haben, aber das Verhältnis eines Normalbayern zur Oberpfalz - ich sage es einmal so, ich kenne viele Regensburger, die steif und fest behaupten, sie seien gar keine Oberpfälzer. Und tatsächlich ist Regensburg wirklich eine schöne und lebenswerte Stadt, und der Roman macht daraus auch keinen Hehl. Es ist - ich habe die beiden Vorläufer ja auch gelesen - zum ersten Mal überhaupt, dass eine Stadt als schön dargestellt wird. So schön, dass es den Helden richtig reisst und zwickt, ob das nicht doch eine Option wäre. Weil ja eigentlich alles da wäre, mehr als in Berlin. Und hämisch funkelt immer wieder durch, dass sogar einer wie der Dieter sein Auskommen im Netz findet. Der Dieter, das ist mir schon beim ersten Teil positiv aufgefallen, erzählt eigentlich, was die anderen Möglichkeiten so wären. Und zwischen denen und dem, was ihn in Berlin erwartet, da hängt der Erzähler und verwurschtelt sich drin.

Insofern sind das eigentlich zwei Bücher: Das eine geht über Unterschichten, die sich in Geldnot viel, wenn nicht gar alles antun, und das andere über Heimat und Lebenswege. Ich sage es ganz ehrlich, ich habe es nicht mit Catchen und war daher ein wenig reserviert, aber der Teil passt schon. Der andere Teil jedoch ist das genaue Gegenteil all der träge hingestöpselten "Junger Mensch kommt nach Berlin und erlebt was"-Romane, und das fand ich in allen Details sehr lebensecht und treffgenau. Weil es halt genau so war und ist, wie es beschrieben ist. Komischerweise war ich lang in Regensburg, als der Berni auch dort war, wir sind uns aber nie begegnet - und trotzdem kenne ich die ganze Stadt, so wie er sie beschreibt. Ich weiss, wie das mit falschen Freunden ist und das mit dem Zurückkommen in eine Welt, die anders gelaufen ist, und da sind groteske Einfälle wie ein Österreicher, der sich ausgerechnet an der bayerischen Kopfsammlung der Walhalla den Schädel deformiert, lustige Zugaben - aber es würde auch so tragen. Sehr gut sogar. Weil es die grossen Wahrheiten ganz langsam erzählt und die billigen Klischees meidet - und dann passt auch wieder die Unterschicht mit hinein. Die Provinz hat natürlich auch ihre hässlichen Seiten.



Mir hat das Buch Lust gemacht, mal wieder an der Donau entlang nach Regensburg zu radeln. Ein Bett wäre da für mich, man könnte das leicht an zwei Tagen machen und ein wenig auf den Spuren von Sigi Singer wandeln -was ja immer ein gutes Zeichen bei einem Buch ist. Handwerklich ist es schön durchkomponiert, und dass am Ende immer die pessimistische Note bleibt, ist ja auch schon eine Tradition in dieser schwarzen, sehr bayerischen Serie. Dass eine Modebloggerin, bei der man sofort an eine ganz bestimmte welche, in der Geschlossenen landet, dass es mit dem Volksfeststreit schon die Hoffnung für den nächsten Bayernkrimi in Niederbayern gibt, der dann richtig aufs Pedal von CSU und Vetternwirtschaft haut - das mag ich sehr.

Mehr Infos zum Buch hier.

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Freitag, 23. November 2012

Schwarze Mandeln

Der Tegernsee ist ja eigentlich auch so ein Fjord, nur ist am Ende kein Nordmeer, sondern südliches Bayern, und so versteckt das Tal seine brutale, eiszeitliche Natur recht gut hinter Possierlichkeiten. Manchmal Kitschpr0neaux, manchmal nur Kitsch, und die Berge sind allesamt possierlich. Regen hatten wir hier in den letzten Wochen nur ganz selten.







Auserdem gibt es hier keinen Death Metal, die völkischen Bestreber liegen alle auf den Friedhöfen von Rottach und Kreuth und tun nichts mehr, und so richtig brennen tun die Kirchen auch nicht. Manchmal also sieht es so aus wie in dem Buch, das ich lese, aber ziemlich oft ist es ganz anders. Und dann trifft alles wieder zusammen, wenn den Protagonisten ihre alte Heimat einfällt. Manchmal ist das Buch sehr fremd, aber der Pfarrer Gneissel und die JU Regensburg, die sind so richtig aus dem Leben.







Ich bin noch nicht ganz durch, und es ist vielleicht auch nicht ganzu richtig, einen Menschen mit Heimkehrermentalität ein Buch besprechen zu lassen, das ein Zurücckbleibender geschrieben hat, den er noch dazu auch kennt. Das komische ist ja: Man kann in Berlin mit vielen Menschen reden, aber wenn man mit Bayern redet, kommt man immer auf das Land und seine Nachteile und Vorzüge zu sprechen. Und daran laborieren halt auch die Hauptpersonen, die Persönlichkeitsbildung war hier, und man muss hier gelebt haben, um darin nicht nur die Parodie., sondern die leisen Wahrheiten zu erkennen. Der Burnster kennt einen, der betrunken über den See schwamm und ankam, ich kannte einen, der damit nicht weit gekommen ist. Das Buch geht über Rock in Norwegen, und davon vestehe ich nicht so viel. Aber dass der Sommer meint, dass die Beine von der Vilde fast so lang wie der ganze Mandel sind: Ich war in Hamburg. Ich weiss, dass man sich da so vorkommt. Damit muss man umgehen können. Und weil ich das nicht kann, lasse ich es mir erzählen.







Das ist keine Rezi, ich will eigentlich nur sagen, dass der Burnster schon schreiben kann, aber obwohl seine Todesmetaller alle ganz evil sein sollen, so ist doch der Pfarrer Gneissel das wirklich wahrhaftig böse in seinem Buch Black Mandel. Ich täte mir ja wünschen, dass der Mandel im nächsten Band wieder italienische Schuhe braucht, und deshalb an den Gardasee fahren will, aber nie dort ankommt weil

Das nie wirklich ankommen ist nach meinem Gefühl übrigens das Leitmotiv. Und das mag ich. Auch wenn ich keine Ahnung von der Musik habe. Muss vielleicht auch gar nicht sein.

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Donnerstag, 8. Oktober 2009

gute Bibliothek, die

Büchersammlung, in den letzten Jahren weitgehendst frei von den Werken von Literaturnobel-, deutscher Buch- und Bachmannpreisträgern.

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Freitag, 28. November 2008

Anders leben über der alten Stadt

Die Waffen bitte an der Garderobe aufhängen, und nicht in die Wohnung mitnehmen - ich habe ausreichend Besteck.



Allerdings habe ich keinen Fernseher. Man muss sich nach Art der Alten die Nacht vertreiben. Wer lesen kann, ist hier klar im Vorteil. Es gibt übrigens kaum einen Ort, an dem sich Shelleys Frankenstein oder der Mönch von Lewis so eindringlich lesen.



Keine Angst vor den Hausdämonen, das Haus haben totalitäre Unterdrücker gebaut und Massenmörder sind hier gestorben, dagegen sind ein paar Tongeister wirklich harmlos. Die weisse Frau bleibt im ersten Stock. Also, sagte meine Grossmutter.



Und habe ich schon erzählt, dass vor genau 100 Jahren ein Stockwerk darunter eine Familie mit vier unverheirateten Töchtern in solchen Novembernächten von der Typhusepidemie hinweggerafft wurde, und man nicht konnte hinein, weil eine Leiche die Tür verklemmte? Nein? Nun, wünsche gut zu schlafen, im Charme der Altbauten und hinter dicken Mauern, durch die kein Schrei dringt.

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Samstag, 22. November 2008

Das Kratzen am schwarzen Lack des Schwans

Winter, Schnee, ein heisser Sonnenfleck am Bett und der grosse Schwung Arbeit ist erledigt, Flohmarkt in Pfaffenhofen ist erst morgen, der Wochenmarkt kommt erst später, eine gute Kanne Tee wartet - das ist Lesezeit.



Nun könnte ich in dieser vorteilhaften Lage einfach in die Bücherwand über dem Bett greifen, wo sich unter hunderten von antiquarischen Lederbänden auch der ein oder andere unbezwungene Klassiker findet. Dostojewskis Idiot etwa ist nur ein Beispiel für die lange Reihe der Russen, die mich aus meinem Besitz anfrösteln; selbst Sacher-Masochs weiblicher Sultan, der seinen Ausgang in einer eisigen Folterszene nimmt, war allein wegen der Region unerfreulich. Man neigt in solchen Situationen entweder zu einem hübschen kirchenlateinischen Text eines von der Aufklärung angekotzten Jesuiten - Neumayrs Religium Prudentum, Augsburg und Ingolstadt 1764 in der Originalausgabe aus dem Besitz eines lange vergessenen Johannes Andreas Schreier (1766) böte sich da an - oder zu einem neuen Buch. Ab und zu meint man ja, dem 21. Jahrhundert eine Chance geben zu können, oder auch, die eigene Tätigkeit im Bereiche der Ökonomie mit Fachwissen unterlegen zu müssen. Um ehrlich zu sein, habe ich alle meine 6 Bücher zum Thema Wirtschaft nach 1945 geschenkt bekommen, und fast alle waren entsetzlich. Nummer sieben ist das hier:



Nassim Nicholas Taleb, Der schwarze Schwan, bestellt, ohne mich mit dem Äusseren befasst zu haben. Ich gehöre zu denen, die sehr wohl den Umschlag als Zeichen der Qualität anerkennen. Das englische Original sah passabel aus, die deutsche Version dagegen ist eine Beleidigung und fast so scheusslich und brüllend-pink, wie man das vom nächsten Buch von Mascha Sobo und Sario Lixtus erwarten könnte. To make matters worse, ist es auch hinter dem Schutzumschlag dem wohlgefüllten Bücherschrank genauso zuträglich wie die gesammelten Werke von - wie heisst der schwarzbraune altersgeile Sack vom Bodensee nochmal - der mit seinem Judenhassfimmel - ihr wisst schon - egal. Vorne drauf findet sich dann auch ein lobendes Zitat von Chris Anderson, der mit "The Long Tail" selbst eines der überschätztesten Wirtschaftsbücher einer Epoche geschrieben hat, die wir gerade im Klo der Wirtschaftskrise hinuntergespült sehen.

Das hätte mich warnen sollen. Warnen wie vor zwei Wochen. Da war ich auf meiner letzten Rundreise durch die Alpenländer, und musste nach dem Achenpass im Inntal an einer grossen Tankstelle meinen Roadster füttern. Ich wollte gerade wieder starten, da hielt neben mir ein italienischer Alfa, dessen Fahrer winkte mich her und begann mich mit italienischem Dialekt zu fragen: Wo es hier nach Italien gehe (das Schild Richtung Brenner stand gleich neben der Tankstelle). Wo er fahren müsse (den Kreisel, und dann die dritte rechts). Wie weit es nach Rom sei (700 Kilometer, ungefähr). Wie ich heisse (Alphonso) Ob ich Rom kenne (ja). Ob ich wisse, was es dort für tolle Mode gäbe (ja). Das hätte er sich gleich gedacht so wie ich aussehe (drei Jahre alte Lederjacke mit mehr Patina als ein geschossener Fasan, der zwei Wochen aufgehängt wurde). Er war gerade in München, das kenne ich auch, oder (ja). Er habe da an einer Messe teilgenommen, für Mode, grose Messe, kenne ich, oder (Ja). Er sei Unternehmer und mache Leder, und weil ich so nett war, will ich vielleicht seinen Katalog? Und hier, die Marke, das sei Giorgio Ammani, ich kenne doch Ammani, oder, und weil ich so nett war und ihm die Strecke sagte, vielleicht will ich auch eine Jacke, geschenkt, hier, mit Logo von Ammani, bitte, kostet nix, und... Und um nicht in die Verlegenheit zu kommen, nach diesem Sturm von Palaver eine billige chinesische Armanikopie zu nehmen und dann zu erfahren, dass er seine Kreditkarte verloren habe und ich ihm 200 Euro für Benzin heim nach Rom leihen sollte, sagte ich, dass die Barchetta leider schon überfüllt sei, und ging meines Weges. Ohne Lederjacke, ohne Verarsche.

An dieses Erlebnis musste ich denken, als ich das Buch las. Was für eine erbärmliche Blenderei. Entweder die begeisterten Rezensenten sind wirklich Deppen, die sich vollschwallen lassen, oder sie haben das nicht gelesen. Es fängt schon damit an, dass in der deutschen Übersetzung statt "Werkzeuge" oder "Mittel" das managerdeppkompatible Nichtwort "Tools" verwendet. Es geht weiter mit der anbiedernden, kumpelhaften Erzählform in Ich- und Wir-Form. Wenn ich dummes, anbiederndes Gequatsche auf Pseudoniveau lesen will, muss ich kein Buch kaufen, da reicht auch der Spreeblick-Malte. Und es ist dummes Gequatsche. Ich gebe offen zu, dass manche Kapitel zum Thema Mathematik für mich Rohrkrepierer der Wahrscheinlichkeitsrechnung und Statistik nicht allzu bekannt waren, aber auch da hätte ich gerne jemanden, der nicht jeden Absatz ein neues Bruchstück irgendwelcher angeblich superwichtiger Autoren hervorzerrt, um seine Masche zu stützen und so tut, als könnte er über all die Eierköpfe der Wissens- und Wirtschaftsgeschichte wirklich einen Paso Doble tanzen. Immer schön easy, mit Beispielen, bei denen jeder nicken kann und die allen einleuchten, mit beifallheischender "Ich findet das doch auch, was, Leute"-Geste, um dann sofort weiterzuziehen und mit einem "Primo, Secondo, Terzo" die verfestigende Wiederholung seiner Thesen in Form von hingeschmierten Powerpoint-Bulletpoints auf Pastaitalienisch zu kaschieren.

An einer Stelle nennt er dann auch sein Vorbild, das einem bei dieser Masche des niedrigen, sprunghaften und zusammengestückelten Universalgelehrtentums zwangsweise in den Sinn kommt: Michel de Montaigne. Es gibt gute Gründe, warum die Lektüre der Essays - "Versuche" - von Montaigne eine Qual ist - ständig muss man nachdenken, wo er seine Wissensspolien herausgezerrt und Unpassendes verkittet hat - , und Voltaire so viel Freude bereitet. Beide Autoren beschäftigen sich mit den Unwägbarkeiten des Schicksals und der Unvorhersehbarkeit, wie es auch Taleb tut, aber Montaigne klebt an seinen Zitaten und Bildungsbrocken, während Voltaire für sich steht und sich nicht vom Überkommenen bestimmen lässt. Der Punkt, an dem ich aufgehört habe, das Buch zu lesen, an dem ich dachte, es reicht mit der Verarschung, man suche sich bitte Fäuletonisten, die auf die Pressemappe reinfallen und sich diese gequirlte Scheisse nicht antun, findet sich auf Seite 249:

"Die Philosophen lehren uns seit Aristoteles, dass wir tiefe Denker sind und durch denken lernen können."

Was für eine erbärmliche Angeberei, was für ein peinliches Vorführen unverdauten Halbwissens. Man darf vermuten, dass Taleb Heraklits Erkenntnistheorie nicht kennt, und auch der Gegensatz zwischen der materialistischen Philosophie eines Anaxagoras und der teleologischen - und damit eher denkfeindlichen, wie die Rezeption im späten Mittelalter zeigt - Auffassungen von Aristoteles ist ihm nicht geläufig. Würde man ums Verrecken eine Bruch konstruieren wollen, dann doch bitte zwischen Sokrates und den Naturphilosophen, über 50 Jahre vor Aristoteles. Ich weigere mich einfach, ein Buch des 21. Jahrhunderts zu lesen, das wie Montaigne oder der dümmste Provinzjesuit des 18. Jahrhunderts die Geistesgeschichte in eine Zeit vor und nach Aristoteles einteilt.

So viele Reden ich gehört habe, keine kommt je so weit zu erkennen: das Weise ist von allem geschieden.

sagt Heraklit. Das wäre ein schönes Zitat für ein Buch über falsche Prognosen und Erwartungshaltungen gewesen. Es kann gut sein, dass Taleb mit seinen Erklärungen der Gaussschen Kurven und der Fraktalität recht- oder besser, die richtigen Zitate anderer Leute - hat. Es ist mir ebenso egal, wie die Qualität einer gefälschten Armani-Jacke. Ich mag es nicht, und ich mag diese kumpelhafte, anbiedernde Verkaufe nicht.

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Mittwoch, 22. Oktober 2008

Das stinksaure Lüngerl des Don Alphonso

Die Männer und viele Frauen meiner Familie kennen zwei Arten des körperlichen Befindens: Kerngesund und tot. Entsprechend überflüssig ist der Berufsstand der Ärzte, und ein in diesem Stammsitz oft kolportierter Spruch lautet auch: Bevor ich zum Arzt gehe, sterbe ich lieber. Tante Babl zum Beispiel starb vorzeitig an einer vollkommen banalen Grippe, weil sie auch im Winter Holz hackte und keinen Quacksalber sehen wollte. Ich mag Menschen mit Prinzipien. Und ich war infolgedessen das letzte Mal bei meinem Hausarzt, als ich ein Attest für eine Profitauchschein gebraucht habe. Wir haben einen Arzt im Clan, und der hat sich mittlerweile damit abgefunden, dass ihm alle die Bude einrennen - ausser seiner Familie. Es is wias is, pflegte meine ärztehassende und auf Hausmittel schwörende Grossmutter zu sagen, und sie hatte natürlich wie immer recht, selbst wenn ihre Tochter - meine Frau Mama - aus der Art geschlagen ist, die uns nun schon seit Jahrtausenden erfolgreich jeden Quacksalber meiden lässt. Gestern jedenfalls wurde ich aufgefordert, gefälligst meinen Job unter anderen Workaholics zu verlassen, weil sie das Pfeifen in meiner Lunge nicht mehr ertrugen. Und heute hatte ich einen von meiner Mutter erzwungenen Termin beim Arzt des familiären Misstrauens.



Ich hasse es, krank geschrieben zu werden. Meine Laune ist entsetzlich. Und weil ich miserabel drauf bin, werde ich jetzt einigen Leuten, die ich ohnehin für nicht gesellschaftsfähig halte, Web2.0-Idioten, Internetcretins, Netzunwesen, all den Arschgefickten Nullhirnern da draussen etwas sagen, was ich eigentlich schon seit Tagen loswerden wollte: Mit sowas wie Euch über Bücher zu reden, wäre wie mit der dreckigen Wildsau über Kölnisch Wasser zu parlieren. Mein Grossvater hat die Viecher einfach abgeknallt, ich bin ziviliserter und sage einfach: Wer mit 25 weniger als 1000 Bücher hat und sie nicht liebt, soll seine stinkende Fresse halten.

Es ist nämlich so mit dem Buchgeschäft: Die Buchkäufer sind in diesem Land im Gegensatz zu den Netzdeppen in der Minderheit. Ein Blick zu Rivva.de reicht um zu erkennen, dass sich struktureller Analphabetismus und das Füllen eines Blogs keinesfalls ausschliessen muss, von Foren, StudiVZ und Spiegel Online ganz zu schweigen. Selbst Berliner Prekariatsanhängern und BWL-Studenten, die sich RSS-Junkies schimpfen, sind offenkundig in der Lage, die Eingabenmaske eines Blogs mit ihren Visionen von E-Readern zu füllen. Und warum? Weil sie offenkundig nicht viel mit Büchern zu tun haben, wie viele andere, die sich mit hohem Suchtrisiko im Netz rumtreiben. Weil sie ausserhalb des Marktes stehen. Sie können die Freigabe von "Buchinhalten" propagieren, weil sie keine Kunden sind. Sie sind allenfalls Büchernutzer, sie müssen für ihre Schmalspurscheine in eine Bibliothek und hätten gern in jedem Buch eine Suchmaske, um die Sache abzukürzen. Man kann sie freundlich als erzwungenermassen bildungsangenäherte Schichten bezeichnen, wenn man nicht lieber zu Begriffen wie geistiges Subproletariat greift.

Sie verstehen nicht, dass der abendliche Pornodownload etwas anderes ist, als das Konzept Lesen. Angebote für diese Leute wären längst auf dem Markt, haben keinen Erfolg: Gestern bin ich an meiner alten Wohnung in München vorbeigekommen. Schräg gegenüber ist einer der deutschen Marktführer für E-Bücher. Er ist dort nun schon seit 9 Jahren. Immer noch die gleichen vier Zimmer. Immer noch das gleiche Programm für Leute, die man ohnehin nicht in einem Buchladen treffen würde. Immer noch Hinweise auf Kostenvorteile, die nicht angenommen werden. 1999 haben ein paar Business Angels in die Butze ein paar Millionen gesteckt, die sie längst abgeschrieben haben. Was dagegen wirklich bei denen gekauft wird, die zu faul sind, ein Buch in die Hand zu nehmen, sind Hörbücher. Und was ebenfalls gut ankommt, sind Downloads von Büchern zum Thema Software, die man in Massen bei Torrent-Netzwerken findet. Ob das aber gelesen wird, ist nochmal eine andere Frage.

Eine Frage, die vielleicht die Verlage von BWL-Literatur und für andere, selten genutzte Fachliteratur betrifft. Bei BWL arbeiten die Professoren, die das stupide Büffeln schätzen und das Buch als Vorgabe ihrer Lerninahlte betrachten. Es gibt ein paar Disziplinen, die für diese Art der Wissensaufbereitung anfällig sind; eine Art, die im Kern seit der mittelalterlichen Wissenstradition unverändert ist. Was dem Quacksalber des 18. Jahrhunderts seine Vier-Säfte-Lehre war, ist dem Staatsjuristen sein bräunlicher Carl Schmitt und Neoliberalala seine hysterische Ayn Rand. Glücklicherweise gibt es auch noch Denkschulen, die offen sind, und Fächer, die nach übergreifenden Ansätzen verlangen. Man könnte sich in meinem Fach natürlich mit Schlagworten versehene Fachbücher zum Thema Kutrolf runterladen, und Fundorte und Datierungen anzeigen. Aber ohne die Geschichte des Weins in Mitteleuropa, ohne Warenströme, ohne Darstellungen in der bildenden Kunst und Erwähnungen in der Literatur wäre das alles sinnlos. Wissen ist nie eine gerade Linie, es entsteht durch Überschneidungen, Vergleiche, Antithesen und Unschärfen. Wissen entseht nicht durch Download, sondern durch das willkürliche Greifen in das Bücherregal, und nichts regt dazu so sehr an, wie eine Bibliothek.

Es überrascht mich nicht, dass solche E-Book-Thesen gern in Blogs vertreten werden. Blogs, die für sich eine gewisse Leitbildfunktion in Anspruch nehmen, sie immer schnell dabei sind, den neuesten Hype auszurufen und nur eine Zukunft, aber absolut keine Vergangenheit, keine Geschichte kennen. Blogs, bei denen ich mir wirklich Mühe geben muss, nicht dauernd an das HJ-Lied zu denken, das ähnlich dummdreist eine beschissene neue Zeit ausruft. Blogs, deren Raushaugeschwindigkeit so hoch ist, dass ich deren Autoren jede Fähigkeit zum Erfassen längerer Texte in Abrede stellen möchten. Wer so sein Blog zuklatscht, hat einfach keine Zeit, sich freiwillig dauerhaft auf Bücher einzulassen. Und das ist auch der Grund, warum ich es ablehne, solche Leute als Diskussionspartner zu akzeptieren: Sie reden die Scheisse der Ahnungslosen über einen Markt, an dem sie nicht teilnehmen. Es sind Gruschler auf der Resterampe des Geistes, für die 20% Rabatt wichtiger sind als der Inhalt, und die von ihren 367 Gigabyte ungehörter Musik auf der Festplatte darauf schliessen, wie toll sie lesen könnten, wenn sie alle Bücher auf ihrem Reader hätten. Dabei hätten sie längst anfangen können: Gutenberg.de ist voll mit readertauglicher Literatur.

Ich bin Marktteilnehmer. Ich kaufe und lese pro Jahr zwischen 120 und 200 Bücher. Ich habe die Zeit, weil ich keine Glotze habe. Ich bin das, was man als "bibliophil" bezeichnet. Für den Buchmarkt bin ich ein Schwergewicht. 20% der Deutschen kaufen 80% der Bücher - und wenn jemand über das Wohl und Wehe der Verlage entscheidet, dann sind es diese 20%. Es sind nicht die modernsten Menschen, sie sind nicht frei von Dünkeln, aber sie sind eine Elite, die ihren Status materiell durch den Griff ins Regal und immateriell durch Wissen begründen kann. Es sind Menschen, denen es nicht reicht, die drei wichtigsten Titel bei Amazon zu kennen, oder das immer gleiche Spezialwissen aufzufrischen. Man kann diese Menschen seltsam finden, wenn sie wie ein Penner aussehen und Bücher für ein par zigtausend Euro ersteigern. Man muss nicht verstehen, warum sich manche durch das Kirchenlatein des 18. Jahrhunderts quälen. Rudimentäres Wissen, oder gar Abchecken geht auch mit einem execitive Summary. Aber nicht bei dieser Gruppe, die den Markt der Bücher trägt.

Manche werden sagen, gut, der Don ist selbst Buchschreiber, der muss das sagen. Stimmt - in gewisser Weise. Auch meine Bücher entstanden am Computer. Es ist gut, auf dem Rechner zu schreiben, weil jeder Text ergraut, wenn man ihn auf dem Bildschirm liest. Er wirkt fad, belanglos, einfältig. Der Text verliert nach einer Nacht jeden Zauber, allen Esprit, der Geist scheint verschwunden. Die Auseinandersetzung mit einem Text am Rechner zwingt mich, ihn immer und immer wieder zu überarbeiten, ich bin nie zufrieden, bis ich ihn dann gedruckt in Händen halte. Er liest sich auf Papier immer besser. Ich kenne die Abbruchraten beim Lesen der Bücher nicht, die als Faksimile online stehen, aber am Sonntag fand ich eines dieser E-Bücher, dessen abseitiges Thema mich wirklich anspricht: Ich konnte es nicht lesen.

Vielleicht auch, weil Lesen etwas anderes als sonstiges Digitalentertainment ist: Die krächzende Musik und die Pixel bei Youtube kann man nebenbei rieseln lassen, die Flickr-Accounts klickt man durch und ist gleich wieder weg. Das Lesen langer Texte jedoch verlangt nach einer anderen Aufnahmebereitschaft, und wer diese Konzentration nicht mitbringt, wird mit keinem Text, egal in welcher Form, wirklich glücklich. In meinen Augen sind E-Reader ein Gadget für Vollidioten, die schon jetzt vor lauter Netzhampelei mit Büchern nicht mehr klarkommen und ein neues Stück Technik brauchen, wie die Knipsdeppen, die sich jedes Jahr eine neue Digicam kaufen und glauben, mit 2 Megapixel und dreimal mehr Zoom würde Motivauswahl und Bildauffassung besser.

Es ist nicht die Haptik, die das Buch rettet - es ist der Idiot mit dem E-Reader und kubikmeterweise minderwertiger Gebrauchstaxte, der einen Markt verlässt, in dem auf ihn, pardon, aber das kommt von Herzen, geschissen wird. Er ist der Müllmann der Geistesgeschichte; man schenke ihm ein paar Wichsvideos für sein Gadget, damit er das Maul halte und nicht störe, wenn sich ernsthafte Menschen mit relevanten Themen beschäftigen.

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: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Mittwoch, 18. Juni 2008

Verrecken in der Heimat

Und als die Kundin vor mir kundgetan hatte, dass ihr diese Stadt hier gefällt und sie das gerade erst entdeckt hat, weil sie ja aus Dachau kommt, mithin eine Fremde ist, da erhob meine Rosinenfladenverkäuferin die Stimme und sagte anerkennd:
Jo varegg. Aus Dachau! (Zu hochdeutsch: Ja verrecke! Aus Dachau!

Ich sagte nichts dazu, denn sie meinte es durchaus anerkennden. So wie der Hund, der Bazi, der Hodalump auch im Kontext mit "vareggd" eine positive Bestätigung sein kann. Und dene vereggdn Rosinaflodn, will sagen, den vorzüglichen Rosinenfladen tut das natürlich keinen Abbruch.



Dann entschwinden die Regenwolken, das Wetter wird schön, so schön, wie es nur eben sein kann, wenn sich die Sonne nach langen, trüben Tagen wieder Bahn bricht. Es gilt, die Dachterrasse zu besteigen, den Damast aus dem Schubladen zu holen und etwas Alfred Kerr zu lesen, bevor die Arbeit an den Fenstern ruft. Und was lese ich da, von einem, der es wissen muss?

"die Kaltblüter-Brutalität mancher Berliner Dirne" - über die besseren Töchter der Stadt
"deutsche Zeitungsesel" - was würde Kerr erst zu Spiegel Online sagen?
"die Spreestadt - auch sie ein deutscher Irrtum" - dem habe ich aus Voritalien nur nickend beizupflichten.

Seltsam. Ich habe Kerr gelesen, als ich zum Aufbau ging, um mich in das Blatt einzufühlen, und habe mich an ihm schnell wundgelesen. Ich mochte seinen Stil nicht besonders, zu expressionistisch, zu sehr dem Jugendstil und dem Schwämen verhaftet, und all die Ausrufezeichen. Jetzt, 10 Jahre später, gefällt er mir besser, so gut sogar, dass ich ihn als leichte Lektüre auf der D achterasse haben kann. Aber

"Ins Gesicht spucken. Öffentlich. Jeder der will. Ins Gesicht spucken. Öffentlich. Jeder der will."

Das ist wirklich gross. Kerr schreibt sehr knapp, könnte sogar twittern, und es hätte die Qualität, die dem dortselbst dokumentierten Clusterfucking der Hasimausibärlies abgeht.

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