Das stinksaure Lüngerl des Don Alphonso

Die Männer und viele Frauen meiner Familie kennen zwei Arten des körperlichen Befindens: Kerngesund und tot. Entsprechend überflüssig ist der Berufsstand der Ärzte, und ein in diesem Stammsitz oft kolportierter Spruch lautet auch: Bevor ich zum Arzt gehe, sterbe ich lieber. Tante Babl zum Beispiel starb vorzeitig an einer vollkommen banalen Grippe, weil sie auch im Winter Holz hackte und keinen Quacksalber sehen wollte. Ich mag Menschen mit Prinzipien. Und ich war infolgedessen das letzte Mal bei meinem Hausarzt, als ich ein Attest für eine Profitauchschein gebraucht habe. Wir haben einen Arzt im Clan, und der hat sich mittlerweile damit abgefunden, dass ihm alle die Bude einrennen - ausser seiner Familie. Es is wias is, pflegte meine ärztehassende und auf Hausmittel schwörende Grossmutter zu sagen, und sie hatte natürlich wie immer recht, selbst wenn ihre Tochter - meine Frau Mama - aus der Art geschlagen ist, die uns nun schon seit Jahrtausenden erfolgreich jeden Quacksalber meiden lässt. Gestern jedenfalls wurde ich aufgefordert, gefälligst meinen Job unter anderen Workaholics zu verlassen, weil sie das Pfeifen in meiner Lunge nicht mehr ertrugen. Und heute hatte ich einen von meiner Mutter erzwungenen Termin beim Arzt des familiären Misstrauens.



Ich hasse es, krank geschrieben zu werden. Meine Laune ist entsetzlich. Und weil ich miserabel drauf bin, werde ich jetzt einigen Leuten, die ich ohnehin für nicht gesellschaftsfähig halte, Web2.0-Idioten, Internetcretins, Netzunwesen, all den Arschgefickten Nullhirnern da draussen etwas sagen, was ich eigentlich schon seit Tagen loswerden wollte: Mit sowas wie Euch über Bücher zu reden, wäre wie mit der dreckigen Wildsau über Kölnisch Wasser zu parlieren. Mein Grossvater hat die Viecher einfach abgeknallt, ich bin ziviliserter und sage einfach: Wer mit 25 weniger als 1000 Bücher hat und sie nicht liebt, soll seine stinkende Fresse halten.

Es ist nämlich so mit dem Buchgeschäft: Die Buchkäufer sind in diesem Land im Gegensatz zu den Netzdeppen in der Minderheit. Ein Blick zu Rivva.de reicht um zu erkennen, dass sich struktureller Analphabetismus und das Füllen eines Blogs keinesfalls ausschliessen muss, von Foren, StudiVZ und Spiegel Online ganz zu schweigen. Selbst Berliner Prekariatsanhängern und BWL-Studenten, die sich RSS-Junkies schimpfen, sind offenkundig in der Lage, die Eingabenmaske eines Blogs mit ihren Visionen von E-Readern zu füllen. Und warum? Weil sie offenkundig nicht viel mit Büchern zu tun haben, wie viele andere, die sich mit hohem Suchtrisiko im Netz rumtreiben. Weil sie ausserhalb des Marktes stehen. Sie können die Freigabe von "Buchinhalten" propagieren, weil sie keine Kunden sind. Sie sind allenfalls Büchernutzer, sie müssen für ihre Schmalspurscheine in eine Bibliothek und hätten gern in jedem Buch eine Suchmaske, um die Sache abzukürzen. Man kann sie freundlich als erzwungenermassen bildungsangenäherte Schichten bezeichnen, wenn man nicht lieber zu Begriffen wie geistiges Subproletariat greift.

Sie verstehen nicht, dass der abendliche Pornodownload etwas anderes ist, als das Konzept Lesen. Angebote für diese Leute wären längst auf dem Markt, haben keinen Erfolg: Gestern bin ich an meiner alten Wohnung in München vorbeigekommen. Schräg gegenüber ist einer der deutschen Marktführer für E-Bücher. Er ist dort nun schon seit 9 Jahren. Immer noch die gleichen vier Zimmer. Immer noch das gleiche Programm für Leute, die man ohnehin nicht in einem Buchladen treffen würde. Immer noch Hinweise auf Kostenvorteile, die nicht angenommen werden. 1999 haben ein paar Business Angels in die Butze ein paar Millionen gesteckt, die sie längst abgeschrieben haben. Was dagegen wirklich bei denen gekauft wird, die zu faul sind, ein Buch in die Hand zu nehmen, sind Hörbücher. Und was ebenfalls gut ankommt, sind Downloads von Büchern zum Thema Software, die man in Massen bei Torrent-Netzwerken findet. Ob das aber gelesen wird, ist nochmal eine andere Frage.

Eine Frage, die vielleicht die Verlage von BWL-Literatur und für andere, selten genutzte Fachliteratur betrifft. Bei BWL arbeiten die Professoren, die das stupide Büffeln schätzen und das Buch als Vorgabe ihrer Lerninahlte betrachten. Es gibt ein paar Disziplinen, die für diese Art der Wissensaufbereitung anfällig sind; eine Art, die im Kern seit der mittelalterlichen Wissenstradition unverändert ist. Was dem Quacksalber des 18. Jahrhunderts seine Vier-Säfte-Lehre war, ist dem Staatsjuristen sein bräunlicher Carl Schmitt und Neoliberalala seine hysterische Ayn Rand. Glücklicherweise gibt es auch noch Denkschulen, die offen sind, und Fächer, die nach übergreifenden Ansätzen verlangen. Man könnte sich in meinem Fach natürlich mit Schlagworten versehene Fachbücher zum Thema Kutrolf runterladen, und Fundorte und Datierungen anzeigen. Aber ohne die Geschichte des Weins in Mitteleuropa, ohne Warenströme, ohne Darstellungen in der bildenden Kunst und Erwähnungen in der Literatur wäre das alles sinnlos. Wissen ist nie eine gerade Linie, es entsteht durch Überschneidungen, Vergleiche, Antithesen und Unschärfen. Wissen entseht nicht durch Download, sondern durch das willkürliche Greifen in das Bücherregal, und nichts regt dazu so sehr an, wie eine Bibliothek.

Es überrascht mich nicht, dass solche E-Book-Thesen gern in Blogs vertreten werden. Blogs, die für sich eine gewisse Leitbildfunktion in Anspruch nehmen, sie immer schnell dabei sind, den neuesten Hype auszurufen und nur eine Zukunft, aber absolut keine Vergangenheit, keine Geschichte kennen. Blogs, bei denen ich mir wirklich Mühe geben muss, nicht dauernd an das HJ-Lied zu denken, das ähnlich dummdreist eine beschissene neue Zeit ausruft. Blogs, deren Raushaugeschwindigkeit so hoch ist, dass ich deren Autoren jede Fähigkeit zum Erfassen längerer Texte in Abrede stellen möchten. Wer so sein Blog zuklatscht, hat einfach keine Zeit, sich freiwillig dauerhaft auf Bücher einzulassen. Und das ist auch der Grund, warum ich es ablehne, solche Leute als Diskussionspartner zu akzeptieren: Sie reden die Scheisse der Ahnungslosen über einen Markt, an dem sie nicht teilnehmen. Es sind Gruschler auf der Resterampe des Geistes, für die 20% Rabatt wichtiger sind als der Inhalt, und die von ihren 367 Gigabyte ungehörter Musik auf der Festplatte darauf schliessen, wie toll sie lesen könnten, wenn sie alle Bücher auf ihrem Reader hätten. Dabei hätten sie längst anfangen können: Gutenberg.de ist voll mit readertauglicher Literatur.

Ich bin Marktteilnehmer. Ich kaufe und lese pro Jahr zwischen 120 und 200 Bücher. Ich habe die Zeit, weil ich keine Glotze habe. Ich bin das, was man als "bibliophil" bezeichnet. Für den Buchmarkt bin ich ein Schwergewicht. 20% der Deutschen kaufen 80% der Bücher - und wenn jemand über das Wohl und Wehe der Verlage entscheidet, dann sind es diese 20%. Es sind nicht die modernsten Menschen, sie sind nicht frei von Dünkeln, aber sie sind eine Elite, die ihren Status materiell durch den Griff ins Regal und immateriell durch Wissen begründen kann. Es sind Menschen, denen es nicht reicht, die drei wichtigsten Titel bei Amazon zu kennen, oder das immer gleiche Spezialwissen aufzufrischen. Man kann diese Menschen seltsam finden, wenn sie wie ein Penner aussehen und Bücher für ein par zigtausend Euro ersteigern. Man muss nicht verstehen, warum sich manche durch das Kirchenlatein des 18. Jahrhunderts quälen. Rudimentäres Wissen, oder gar Abchecken geht auch mit einem execitive Summary. Aber nicht bei dieser Gruppe, die den Markt der Bücher trägt.

Manche werden sagen, gut, der Don ist selbst Buchschreiber, der muss das sagen. Stimmt - in gewisser Weise. Auch meine Bücher entstanden am Computer. Es ist gut, auf dem Rechner zu schreiben, weil jeder Text ergraut, wenn man ihn auf dem Bildschirm liest. Er wirkt fad, belanglos, einfältig. Der Text verliert nach einer Nacht jeden Zauber, allen Esprit, der Geist scheint verschwunden. Die Auseinandersetzung mit einem Text am Rechner zwingt mich, ihn immer und immer wieder zu überarbeiten, ich bin nie zufrieden, bis ich ihn dann gedruckt in Händen halte. Er liest sich auf Papier immer besser. Ich kenne die Abbruchraten beim Lesen der Bücher nicht, die als Faksimile online stehen, aber am Sonntag fand ich eines dieser E-Bücher, dessen abseitiges Thema mich wirklich anspricht: Ich konnte es nicht lesen.

Vielleicht auch, weil Lesen etwas anderes als sonstiges Digitalentertainment ist: Die krächzende Musik und die Pixel bei Youtube kann man nebenbei rieseln lassen, die Flickr-Accounts klickt man durch und ist gleich wieder weg. Das Lesen langer Texte jedoch verlangt nach einer anderen Aufnahmebereitschaft, und wer diese Konzentration nicht mitbringt, wird mit keinem Text, egal in welcher Form, wirklich glücklich. In meinen Augen sind E-Reader ein Gadget für Vollidioten, die schon jetzt vor lauter Netzhampelei mit Büchern nicht mehr klarkommen und ein neues Stück Technik brauchen, wie die Knipsdeppen, die sich jedes Jahr eine neue Digicam kaufen und glauben, mit 2 Megapixel und dreimal mehr Zoom würde Motivauswahl und Bildauffassung besser.

Es ist nicht die Haptik, die das Buch rettet - es ist der Idiot mit dem E-Reader und kubikmeterweise minderwertiger Gebrauchstaxte, der einen Markt verlässt, in dem auf ihn, pardon, aber das kommt von Herzen, geschissen wird. Er ist der Müllmann der Geistesgeschichte; man schenke ihm ein paar Wichsvideos für sein Gadget, damit er das Maul halte und nicht störe, wenn sich ernsthafte Menschen mit relevanten Themen beschäftigen.

Mittwoch, 22. Oktober 2008, 15:41, von donalphons | |comment

 
Es gibt nur eine Alternative zum gut gesetzten und gebundenen Buch. Ein Taschenbuch.

Wobei ich gestehe, das mit nachlassender Augenkraft auch das Hörbuch seine Reize hat. Aber hören ersetzt nicht lesen. Schont nur die Augen.

Ein Freund hat mir jetzt vorgeschlagen meinen Krimi, der ja als Fortsetzungsroman auf meinem Blog erschienen ist, als gutes Buch zu setzen und in PDF zu gießen. Ich weiß nur nicht warum. Selbstdruck will ich nicht, Verlag hab ich nicht und was nützt das schönste PDF wenn ich selber nur dann welche lese, wenn ich anders nicht an die Information komme.

E-Book sind keine Bücher, jeder versuch endet grausam. Vielleicht wenn die Dinger als Folie kommen, aber ich glaube auch dann nicht. Allerdings wenn die Augen immer schlechter werden, könnte das auch eine Lösung sein.

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Sei doch nicht so böse, mit der Buchpreisbindung killt sich die Branche doch selbst. Der Kauf des neuesten Romans von XY/des Buchs von Platz 1 der ABC-Bestellerliste als Ebook schont immerhin die Wälder und das integrierte DRM verhindert erfolgreich die Weiterverbreitung.

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Sei doch nicht so böse

hört hort! ;-)

Im Ernst, ich hätte heute aus Indiskretionen eine neue Risikoeinschätzung für die Fremdfinanzierung von Gewerbeimmobilien durch Landesbanken schreiben dürfen, und um diesen Spass wurde ich beraubt - da kann ich nicht locker bleiben.

Ich hoffe ja, dass solche leute nur den Strukturen weh tun, die es verdienen. Und wenn sich mancher sichtbar ausgrenzen, sage ich auch nicht nein.

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Wenn ich das richtig begriffen habe, ist ein e-book lediglich eine Möglichkeit, einen Text darzustellen und somit lesbar zu machen.
Ich kaufe also einmalig ein e-book und kann damit alle entsprechend aufbereiteten Texte lesen.
Damit ist zumindest das Platzproblem gelöst.
Deiner Lunge und Deiner Laune gute Besserung.

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Im Prinzip hast Du ja recht.

Aber auf Knopfdruck das aktuell zu lesende auf Grossdruck umzustellen, das -- so sagt mir meine Brille, die schon längst bifokal sein sollte -- das ist schon ganz angenehm. Und für Leseknabberzeug, also jene Bücher die man mit Vergnügen, aber nur einmal liest, dafür ist das grade gut.

Und weniger Taschenbücher in Bananenschachteln am Dachboden, weil die Regale schon lange nicht mehr reichen, auch ein Bonus...

Andrerseits, ein gscheites Buuch, das will ich natürlich auf Papier.

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Mein Held !
Meine Überzeugung - genial formuliert !

Das freut mich als bayerischer Provinzbuchhändler natürlich besonders ...

Den Don hätte ich schon besonders gern als Kunden !

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Stimmt. Aber wäre es nicht ein Vergnügen:
Roland Barthes, »Die helle Kammer, Bemerkung zur Photographie« oder Umberto Eco, »Zeichen, Einführung in einen Begriff und seine Geschichte« als E-Buch oder Wichsvorlage?

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Kann mir auch nicht vorstellen, abends am Feuer zu sitzen und auf einem Touchscreen zu scrollen (aber eigentlich sollte ich mit geschätzten 500 Büchern eh die Schnauze halten ...).

Allerdings hat die elektronische Form einen unschätzbaren Vorteil: (theoretisches) Wissen lässt sich so beliebig oft und praktisch kostenlos kopieren sowie weltweit verteilen. Ein Beispiel von vorletzter Woche: ein Bekannter in den USA möchte sich einen Grundofen bauen, hat aber nicht viel Ahnung davon. Ich elektronifiziere also einige Bücher mit Anleitungen zum Thema und schicke sie ihm als PDF. Er kommt so schnell zu seinem gesuchten Wissen.

Aber das ist natürlich nicht die anspruchsvolle Literatur, welche man im eben vor dem Feuer liest ...

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Ich würde Wissen nicht mit Bildung gleichsetzen wollen.Information darf und sollte frei sein, aber Bildung ist es ganz sicher nicht.Wissen entstammt einer Notwendigkeit, Bildung dagegen einem Wunsch. Es gibt Dinge, die man wissen sollte, aber Bildung kann nicht erzwungen werden. Wer Bildung will, geht nicht den leichten Weg des Downloads.

Und mit den weniger als 1000 Büchern sind explizit nur die gemeint, die aus einer nicht allzu grossen Erfahrung heraus extrem grosse Rückschlüsse gegen die Erfahrung ziehen.

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Äh, jaja, richtige Unterscheidung: Information ~ Wissen != Bildung. Habs auch geschnallt ... aber kann man denn generell sagen, welche Bücher bilden? Und welche bloss informieren?

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Ich würde die Regel anders fassen: Ich muss schon 1.000 Bücher gelesen haben, bevor ich beginne, die wirklich wichtigen zu verstehen. Der Vorgang nennt sich Bildung.

Da wir aber diese Erfahrungsregel erst durch das Lesen zahlloser Seiten einzusehen beginnen, deshalb ignorieren sie mit Sicherheit alle Holzallergiker - allein schon, um ihr Selbstbild zu dellenfrei zu halten. Faktisch aber sind sie nur zu geistesträge oder zu blöd, irgendwelche Bildungserfahrungen zu machen. Das kostet sie nur ihre kostbare Zeit - nüch?

Und da schlägt dann die blöde Katze sich die Zähne wieder in den eigenen Schwanz. --- Naja - wenn alle schlau wären, möchte man auf dieser Welt ja auch nicht leben ...

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Mich umgibt eine in einem langen Leben zusammen getragene erlesene und gelesene Bibliothek der Weltliteratur und des Weltwissens. Und doch liebe ich es, die Bände der Digitalen Bibliothek online zu lesen. Ich habe Stifters Witiko und Adornos Negative Dialektik mit Genuss am Bildschirm wieder gelesen. Ein nicht öffentliches Blog nimmt Exzerpte und Überlegungen auf. Kindle mag ich nicht, freue mich deswegen auf das Design des Apple Readers, das offenbar konkrete Formen annimmt. Ich bin viel in den Bergen unterwegs, zwischen Augenschein, Wanderkarte und GPS hin und her wechselnd. Kontinuität von Analogem und Digitalem ist möglich.

Im Sommer gab es im englischsprachigen Netz eine lebendige Diskussion zum Thema: Is Google Making Us Stupid?

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Ich bin grade mit goodbye to arms fertig geworden - bin ich jetzt in der in group?

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Nun, man sollte nicht gänzlich die finanzielle und logistische Seite außer acht lassen. Ich kann mir leider nicht 700 Euro für ein Buch leisten, so gerne ich es auch hätte.

Davon lebe ich 4 Monate. Und Originale aus dem asiatischen Raum kosten leicht solche Summen und mehr. Den Taschenbücher und Paperbacks sind keine Alternative. Alleine die Übersetzungen sind an Grausamkeit oft kaum zu übertreffen. ( Wenn ich dran denke was für Müllübersetzungen des Buches der 5 Ringe in D auf dem Markt sind wird mir wirklich übel )

Zudem braucht es schon sehr viel Zeit um bestimmte Literatur zu finden. Von daher würde ich es durchaus begrüssen wenn man mehr im Netz finden würde. Und die Buchpreisbindung aufheben würde, sodass mehr zu vernünftigen Preisen verfügbar wäre. Den einige Preise sind ob der Qualität der Werke nun wirklich nicht zu rechtfertigen. Was man immer erst hinterher weis, teilweise auch erst nach Jahren herausfindet.

Allerdings, ausdrucken tue ich es mir dann immer noch. Bildschirme lassen sich so schlecht liegend auf dem Futon platzieren ;-))


Have fun
Otku

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100 Bücher im Jahr lesen?
Also das schaffe ich beim besten Willen nicht. Ich behaupte sogar, niemand mit normalem Job kann das schaffen. Außerdem gibt es halt im Netz zuviele Interessante Sachen zu lesen - das ist bei mir im Zeitverbrauch die große Konkurrenz zum Bücher lesen.

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Das Problem mit den Texten im Internet ist nur das die Qualität oft wesentlich schlechter ist als die eines Buches, schlicht schon deshalb weil ein Buch mehr als einmal Korrektur gelesen wird. Desweiteren sind viele Texte so schnell veraltet oder reines Gosip das man sich diese auch schenken kann.

Zur Informationssuche halte ich das Internet durchaus für geeignet aber Bildung im Sinne wie Don sie benutzt auf gar keinen Fall.

Irgendeine Buchautorin hat mal eine sehr schöne Anekdote erzählt - Meine Besucher weisen mich immer darauf hin das ich noch Anrufe auf meinen Anrufbeantworter habe und fragen warum ich sie den noch nicht abgehört habe. Darauf antworte ich ihnen das sich die meisten Anrufe von allein erledigen wenn man sie nur einen Tag liegen lässt.

Recht hat die Frau. Es werden heutzutage einfach zu viele Nichtigkeiten hochgespielt.

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Für den Corpus Vitrearium Medii Aevi habe ich damals gehungert. Und nur, weil man sich etwas nicht leisten kann - nun, die Kreditkrise zeigt doch schön, dass es trotzdem geht.

Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass es geht, wenn man eine Glotze hat. Aber alle drei Tage ein Buch? Zwei, drei Stunden am Tag lesen? Das ist doch kein Problem. Und nicht jedes Buch heisst "Zauberberg".

Ich frage mich, ob man das im Internet nicht ändern könnte. Tatsächlich ist das Internet besser als sein Ruf, und gerade Fachbücher können auch sehr falsch sein, gerade in meiner Wissenschaft, wo vieles sehr unsicher ist. Da gäbe es durchaus ein gewisses Potenzial, Publikationsüberhänge abzuarbeiten, aber dazu bräuchte man andere Wissenschaftler. Die Unbeständigkeit des Netzes ist ein weiteres Problem. Ein Buch dagegen bietet auch noch die Möglichkeit der Refinanzerung, auf die man vielleicht auch nicht verzichten möchte. Und dann ist ein eigenes Buch auch noch besser als Sex.

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Aha Don vermittelt mir meinen privaten Suprime Kredit ? Gerne. Ich verspreche auch 60 bis 80% in gute Bücher anzulegen....

Der Rest geht dann in Setzlinge und Werkzeug. Zukunftssicher aber leider nicht Bank- und Beleihungsfähig.

Denen sind 150 Jahre Wartezeit irgendwie zu lange. Verstehe ich zwar nicht aber was solls...

:-))

Have fun
Otaku

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dem lüngerl gute und baldige genesung! wenn das zeug im teeglas da zufällig ASS heißt: scheußlich, und das nützt ja nüscht! der saft von in honig eingelegten kleingeschnittenen zwiebeln ist gut gegen husten und thymiantee (der schmeckt allerdings echt grauenhaft, leider).

zwei andere wesentliche vorteile von büchern fallen mir noch ein: erstens sind sie von sehr großem nutzen fürs umziehen (das meine ich nicht ironisch), und zweitens sind sie eine der physischen voraussetzungen für bildung, so wie wissen eine der immateriellen voraussetzung dafür ist.

und zwar einfach deshalb, weil man im gegensatz zum frei fluktuierenden laptop- oder neuerdings iphone-nomadentum, das in wirklichkeit eine heimatlosigkeit ist, mit dem einpacken, schleppen und wieder auspacken von dingen den einzug und die einrichtung eines zuhauses vollzieht. erst, wenn man alle bücher wieder in die regalen geräumt hat, hat man das gefühl, einen umzug abgeschlossen zu haben, muskelkater mit inbegriffen. mir fiel das erst kürzlich wieder auf, nach zwei wochenenden, die ich jeweils freunden beim umzug behilflich war. wo man seine tausend oder mehr bücher hinstellt, da hat man vor, eine weile zu bleiben, mit allen dazu gehörenden auch sozialen konsequenzen. wir reden also bei büchern nicht nur über das lesen, sondern auch über das zuhause oder irgendwo beheimatet sein.

und was das zweite, die bildung, angeht: erst, wenn man einen text immer wieder zur hand nehmen, ihn nochmal lesen, neu oder anders verstehen, weggeben, verschenken oder ausleihen kann, bildet sich so etwas wie eine grundlage für den austausch darüber. wissen, information usw. sind sicher auch wichtig, aber die andere wesentliche bedingung für bildung ist der diskurs oder ein fortwährendes gespräch oder von mir aus auch der streit darüber, wie etwas verstanden oder aufgefasst wird.

natürlich gibt es dieserart diskurs auch online, und es bildet sich nach einer weile in "communities" (wirklich?) auch so etwas wie ein kan0n heraus. auch bleiben dinge im netz und sind dort nach jahren noch auffindbar usw., aber das scheint eher eine folge als eine ursache des kulturprinzips von aufbewahrung und diskurs zu sein.

hörbücher sind doof. die geben rhythmus, geschwindigkeit und oftmals auch die interpretation beim "lesen" vor, ich finde sowas tot. etwas anderes sind gedichte, aber auch nur unter umständen - je höher der lyrische anteil, desto ähnlicher wie musik, desto eher noch als hörbuch verkraftbar. wenn einem das lyrische element aber nicht schon beim lesen auffällt, muss man für gedichte-cds im grunde von herzen unmusikalisch sein. dann gäbe es noch die möglichkeit, aus interesse daran, wie etwas von verschiedenen leuten unterschiedlich gut oder schlecht vorgetragen wird, hörbücher zu kaufen. aber das ist nicht das eigentliche verkaufskonzept bei hörbüchern, und es wäre im grunde auch schon ziemlich speziell, verlangte also, den text vorm anhören selbst schon einigermaßen gut zu kennen.[/academic lecture mode off]

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Es ist zum Glück nur eine heisse Zitrone. Vielen Dank, es geht schon besser, dank eines harten Mittels.

Man kann sich online nach meinen Erfahrungen nicht über Literatur so intensiv unterhalten, wie im realen Leben. Leider. Im Internet verkommt das schnell zu Wunschlisten oder zum Herzeigen der laufenden Meter, eine Pest, vor der ich auch nicht ganz geschützt bin. Cyberlesen ist wie Cybersex.

Ich muss gestehen, dass mir diese spezifische Berliner Neigung, alle sechs Monate mit einem robbenverzierten Transporter die Habe durch die Stadt zu karren, so nur aus Berlin bekannt ist. Normalerweise ist man doch froh, wenn man sowas wie ein Zuhause hat. Bei uns gibt es trotz Studenten und vergleichsweise flexiblen Leuten niemanden, der weniger als 5 Jahre bleiben würde.

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Ich kann eigentlich bei beidem gut und gerne zustimmen, andererseits greife ich für meine Arbeit gerne auf digitalisiertes Material zurück. Zwar bin ich primär am Inhalt interessiert, ich genieße es jedoch ebenso mich zurückzuziehen, fernab der elektrischen Energie, nur mit irgendeiner Schwarte bewaffnet. Bei Musik sehe ich es ebenso, ich kann mich berieseln lassen, ziehe jedoch sonst gerne eine zünftige Stereoanlage jedem Ohrstöpsel oder sonstigen musikalischen Verunstaltung vor. Ich sehe dabei auch keine Arroganz, wenn man denn den Inhalt zu schätzen weiß, wird man diesen auch in einem gefälligen Medium transportieren.

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Niemand bestreitet, dass die digitale Darreichung auch ihre Vorteile hat. Das Problim ist, dass man zu glauben beginnt, Wissen sei damit besser beherrschbar. Die aktuelle Krise der Finanzmärkte ist im Kern eine Technik- und Internetkrise, die auf dem Irrglauben fusst, die allgemeine Omnipräsenz der Information im Netz garantiere für ihre Richtigkeit, und das Sprudeln der Information erlaube die Negierung der Vergangenheit. Es geht nicht, Man muss immer wieder zurück zu den Quellen, man muss das Suchen jenseits der Eingabemaske wieder lernen, das Entdecken und das Staunen. Da müsste das Netz nich sehr, sehr viel lernen. Aber zu viele Protagonisten haben daran kein Interesse.

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1. Ja.

2. Lieber trage ich auf jeder Reise meine 3 Kilo Buchgepäck mit mir herum. Das einzige, was wirklich endlich mal jemand erfinden sollte, wäre ein Hitchhiker's Guide through the Galaxy.

3. Gute Besserung!

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Gestern noch nah der Gruft
heut schnauft er schon wieder Luft,

wie der Arzt so nett bemerkte. Danke.

Auf Reisen komme ich tendenziell eher wenig zum lesen, ich habe immer zu viele Bücher dabei. Was aber gar nicht so schlecht ist, relativ gesehen.

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Zum kofferpacken brauche ich zehn Minuten
und dann Tage, bis entschieden ist, welche Bücher mitdürfen

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Schön.

Ich auch, aber ich habe einfach gerne die Wahl - und deshalb immer eine Auswahl dabei, um dann je nach Stimmung entscheiden zu können. :-)

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Bei Flügen ist das natürlich härter

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als ich meine taschenbuch-studienausgabe "parzival" (39 tacken, etwas über 1000 seiten) kaufte, brüllte mein lieblingsprof aus der altphilologie: "scheiße!! das ist doch kein buch." er schwenkte seinen schinken, mit dem man jemanden hätte erschlagen können: "DAS ist ein buch!" sein parzival hatte geschätzte 2000 seiten, mehr fußnoten als text und trug schweren brokat-einband.
bis zum verfassen meiner zulassungsarbeit hielt ich das für eine scheiß-allüre aufgrund von überstrapaziertem intellektualismus. dann saß ich selber hinter dem schweren müffelnden schinken, den ich aus göttingen leihweise bestellen musste, weil er in der form in unserer uni-bibliothek gar nicht vorrätig war.
das war der moment, in dem ich einen funken ahnung aufschnappte, was der unterschied zwischen bildung und einfach nur lesen sein könnte.

ich tue mir schwer mit dem buchmarkt. bestsellerlistenkacke finde ich zu 99% zum gähnen. da lese ich lieber blogs. nein ehrlich.
ganze stapel toller bücher finde ich dagegen oft in antiquariaten. hardcover muss nicht teuer sein. ab 50 cent ist man dabei. die meisten leute ahnen ja gar nicht, was ihre bücher wert sind.
ich lese auch gern gebrauchte bücher. ich mag die fingerabdrücke meiner vor-leser, die kleinen notizen, der duft einer zigarre, der auf den seiten klebt. ich weiß, viele finden genau das ekelhaft.
ebooks liest man nicht, ebooks besitzt man. datenmenge für externe festplatten.

ich muss noch eine lanze für den film brechen. ich hielt film und fernsehen für das letzte (musste ich als anständig pubertierende, denn meine eltern sind vielglotzer), bis ich filmdidaktik im examen hatte und mir alles über drehbücher, schnitt- und tontechniken und effekte aneignen musste. das hat mir einen ganz neuen blickwinkel eröffnet: das man filme gucken kann wie man bücher liest. dass details entscheidende hinweise geben, dass es mehrere ebenen gibt, leitmotive, bildmetaphern usw. ich wünsche jedem kind, dass es das in der schule lernen darf und fähig wird, in sehr viel dreck hin und wieder eine perle zu entdecken.

vielleicht kann man so sagen: bildung fängt da an, wo konsum (und dazu gehört auch wissen) aufhört. die währung der bildung ist zeit - und liebe. "wir müssen lieben, was uns gegeben ist", sagte mein lieblingsprof auch hin und wieder und streichelte dabei den schinken.

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das gefällt mir sehr. schön!

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Ebenfalls
sehr angetan. Alleine das Parzifal-Beispiel steht für vieles.

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Alte Bücher
Dazu noch: Ich habe vor etwa fünfzehn Jahren begonnen, in Antiquariaten Gesamtausgaben zu kaufen (und die früher erstandenen Einzelbände zu verschenken). Die sind gebunden in der Regel preisgünstiger – es sei denn, es handelt sich um Erstausgaben – und sehr viel schöner als neu herausgegebene Taschenbuch-Versionen. Vor allem haben sie fast durchweg den gesamten Anmerkungsapparat dranhängen, der in den Taschenbüchern häufig weggelassen wird – aus welchen Gründen auch immer ...

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Nichts gegen Taschenbücher; es ist legitim, Bücher zu kaufen, die immer noch 20 mal so lange wie eine Festplatte halten. Es muss auch kein Privateinband sein, auch keine kultische Verehrung. Antiquariate sind ohnehin eine zunehmend wichtige Quelle in Zeiten, da die Backlist aufgelöst und verschleudert wird.

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Eigentlich
hat Don Alphonso im wesentlichen ja alles geagt, wenn ich's auch etwas weniger verbissen formulieren würde. Itha hat zudem anschaulich skizziert, worauf es noch ankommen könnte: das optische, das haptische Element, das Gefühl, inmitten von Büchern zuhause zu sein. Das dürfte allerdings im wesentlichen bei denjenigen der Fall sein, bei denen es im Elternhaus eben nicht hieß, das viele Lesen verderbe nur die Augen.

Wer zur Zeit vor dem Internet kein Interesse am Buch hatte, wird wohl auch mittels eBook nicht das lesen, was manch einer Zeitvertreib nennt. Davon mal abgesehen, daß ich mir die Zeit nicht vertreiben muß, sondern sie mir mit Hilfe des Buches immer wieder heranhole, und zwar aus allen erdenklichen Blickwinkeln, links einen Stapel, rechts davon noch einen, allesamt aus dem Regal genommen, da man sich auf wundersame Weise verloren, sich festgelesen hat, obwohl man möglicherweise was anderes suchte und nun mittendrin steckt in dem, was man längst zu kennen glaubte, das sich nun aber, erneut gelesen, wieder anders darstellt (schon alleine deshalb trenne ich mich äußerst schwer von Büchern). Das kann einem im Internet zwar auch passieren, aber die Regel ist doch wohl die rasche Informationssuche, etwa nach 333, Issos Keilerei. Die historischen Ursachen für die damalige Klopperei interessieren die meisten schon nicht mehr. Das (Kreuzwort-)Rätsel, die Quizfrage ist gelöst, der Kandidat hat eine Reise nach Jerusalem gewonnen.

Was wäre die Geschichte ohne Gutenberg? Und damit ist nun wahrlich nicht der mit dem mittlerweile gespiegelten .de hintendran gemeint. Schließlich gab es auch mal eine Büchergilde gleichen Namens, die früher mal angetreten war, den nicht so Betuchten zu gedrucktem Wissen zu verhelfen und heute als Schönbuchverlag mit Bildungstradition vermutlich ein Randdasein fristet. Jahrhundertelang haben sie sich die Finger wundgeschrieben, die klugen Köpfe, und die Gutenbergs haben es, manchmal unter Lebensgefahr, gedruckt, was Licht in die Finsternis des Nichtwissens bringen sollte. So gesehen ist (für mich) das als Informationsträger gerademal ein Jahrzehnt junge Internet und gerade auch das noch jüngere eBook nichts als eine Weiterführung der Aufklärung etwa im Sinne von Oswald Kolle. Was bleibt, ist geschütztes Lesen oder auch der coitus interruptus bei der Lust am Text.

Nicht zuletzt deshalb halte ich es immer wieder gerne mit Gianni Celati: «Denn wenn man Erzählungen schreibt oder liest, sieht man Landschaften, sieht man Gestalten, hört man Stimmen: Man hat ein naturgegebenes Kino im Kopf und braucht sich keine Hollywoodfilme mehr anzusehen.» (Cinema naturale, Wagenbach 2001).

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Hörbücher sind eine eigene Kunstgattung, ähnlich wie der Film und haben ihre Berechtigung. Nicht, dass ich oft darauf zurückgreife, aber manchmal passt es. Sonst dürfte man auch auf keine Autoren- oder sonstige Lesung gehen.

Es gab immer die Tradition des Vorlesens. Es soll sogar heute noch private Lesezirkel geben. Ich war einmal eingeladen, Rousseaus Emile auf diese Art zu lesen und zu erfahren.

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neineineinein!
vorlesen ist etwas ganz anderes als hörbuch!

ein geschriebener text ist erst einmal zum selbstlesen gedacht, zumindest wenn fast alle lesen können, man also weder analphabeten noch blinde im publikum hat. und das vorlesen ist etwas wunderbares, wenn man den text schon halbwegs kennt, sich der genuss also zu einem teil daraus ergibt, dass man sich durch die persönliche betonung oder interpretation des vorlesers überraschen lässt. ganz so wie im theater. da geht man ja auch nicht hin, weil man gespannt darauf ist, was eigentlich im macbeth passiert, sondern weil man sich darüber wundern möchte, wie es gespielt wird. und vorlesen ist natürlich auch etwas wunderbares für kinder, die noch nicht lesen können, für leute, die es mit den augen haben und für leser, die einen bewunderten autor einmal ansehen wollen, bzw. für autoren, die einmal live spüren möchten, dass sie tatsächlich gelesen werden und von wem, und dann natürlich noch für verlage, die diese art des tourismus zu marketingzwecken nutzen.

nichts davon ist beim hörbuch konzept! hier geht es nur um schnelles runterrasseln, eine berieselung, eine faulheit und um das missverständnis, man habe fürs eigene lesen keine zeit. aber nur wenn ich etwas selber lese, kann ich eigene betonungen und interpretationen finden, und das ist doch ein sehr wesentlicher aspekt bei einem buch. die beziehung zwischen text und leser ist doch eine intime und eine verschwiegene, weil das verstehen subjektiv ist! in diese beziehung dringt ein vorleser ein, das ist unvermeidlich, aber das hörbuch ist da noch schlimmer, weil der vortragende nicht mitbekommt, wie sich die stimmung der zuhörer verändert. das hörbuch kann keine pause machen, wenn man merkt, dass jetzt eine gebraucht würde, es kann nicht sehen, wenn das kind sich fürchtet und entsprechend darauf eingehen, und es merkt nicht, wenn über eine stelle gelacht wird und auf welche weise. man hat also kein interesse daran, wie es dem hörer mit dem text geht, aber auch der hörer weiß es nicht mehr, denn was er hört ist nicht der text, sondern ein vortrag, und das ist etwas ganz anderes. deswegen sage ich, man muss das buch selbst lesen, weil nur das die grundlage für den austausch von erfahrungen ist - wie will ich mich denn selbst zu einem buch äußern, wenn ich es gar nicht selbst gelesen habe?

für kranke und blinde sei es erlaubt, weil es nicht anders geht. aber sonst ist es eine obszönität, das hörbuch.

[edit: der aggressive tonfall des beitrags beabsichtigt nicht, loreley oder irgendjemanden hier persönlich zu treffen.]

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Also ich gehe durchaus auch ins Theater, um zu gucken, was da passiert, ohne die Geschichte vorher zu kennen - bei neuen Stücken, besonders ausländischer Autoren, hat man nicht einmal die Möglichkeit, vorher in den Schauspielführer zu schauen. Und ich gehe auch zu Lesungen, ohne den Text vorher überhaupt zu kennen. Meistens kenne ich sogar das Buch vorher nicht. Hörbücher höre ich allerdings sehr, sehr selten, eher 'mal ein Hörspiel. Trotzdem finde ich, dass auch Hörbücher ihre Berechtigung haben - nicht nur für Blinde, Kranke oder Analphabeten. Etliche Leute hören die auf langen, langweiligen Autofahrten (ich könnte mich dabei wohl nicht mehr auf den Verkehr konzentrieren oder würde nicht konzentriert zuhören können, aber bei anderen Leuten mag das anders sein).

Mein schöner Physiotherapeut hat mir vor Jahren einmal amüsiert erzählt, wie sein damals zwölfjähriger Sohn sich dank Hörbücher und Harry Potter plötzlich fürs Lesen begeisterte. Er, der Vater, sei ins Zimmer hereingekommen, der Sohn lag Potter-lesend auf dem Boden und hörte zugleich ein Potter-Hörbuch. Er habe ihn gefragt, ob das nicht störe, das Buch gleichzeitig zu lesen und zu hören. Wie sich herausstellte, las der Junge einen ganz anderen Potter-Band als er hörte. Er habe die Potter-Begeisterung der Erwachsenen ja nie so ganz nachvollziehen können und auch keines der Bücher lesen wollen, erzählte mir der schöne Physiotherapeut. Aber seit dem Tag fände er die Potter-Bücher auch gut, denn endlich habe sein Sohn begonnen, sich für Bücher zu interessieren und freiwillig zu lesen.

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Die Einwände von itha gehen schon in Ordnung. Ein Hörbuch ist nicht so interaktiv, wie eine Lesung, das ist klar. Aber man kann durchaus in eine Geschichte, die gut vorgelesen wird, hineingezogen werden und es kann nachklingen. Ähnlich wie ein Film. Hörspiele sind sowieso eine grossartige Sache.

Nur ein Beispiel: Kürzlich wurde in Bayern2 in der Reihe Das offene Buch, aus dem neuen Roman von Uwe Timm vorgelesen. Das war einfach faszinierend zu hören. Es kommt natürlich auch darauf an, wer es macht.

Ich konnte z.B. den Hyperion nie zu Ende lesen. Als Hörbuch ging es dann wunderbarerweise.

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Also meins ist das
ja auch nicht so mit den Hörbüchern. Finde ithas Kritik daran aber total überzogen. Erstens gibt es genug Menschen mit struktureller Leseschwäche, die nun mal gesprochenes Wort besser aufnehmen können als Gelesenes (ja, sowas solls geben). Und wenn zweitens der kleine Buchladen bei mir schräg gegenüber nicht auch Hörbücher verkaufen würde, könnte er gleich dichtmachen, und das fände ich schade.

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mag sein, dass es einem hörbuch gelingt, den hörer in den bann zu ziehen. meinem eindruck nach gelingt es ihm aber noch öfter, die konzentration zu überfordern. so wie beim harry potter, der als geräuschkulisse im kinderzimmer läuft oder dantes inferno, das herrn haider an die wand hat fahren lassen. (letzteres habe ich jetzt gerade erfunden, es hätte aber gut gepasst. bis zum läuterungsberg ist er einfach nicht mehr gekommen.)

interessant, wie tief sich bestimmte gewohnheiten bei der aufnahme von inhalten schon eingegraben haben. weil die meisten medialen inhalte sofort und gleich und in jeder lebenslage verfügbar sind (die leute hören sogar beim duschen radio!), denkt man es von dem rest der inhalte irgendwann auch.

ein hörspiel ist wieder etwas anderes. und ein film auch. es kann überschneidungen geben hinsichtlich der form, aber um diese zu deuten, muss man die formalen aspekte und die unterschiede zwischen den genres zunächst einmal separat kennen. abstrakt kann man ja auch nur dann malen, wenn man etwas hat, von dem man abstrahiert - es ist eben nicht einfach bloß gekleckse und sowieso alles egal.

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Vielleicht wurde das nicht so deutlich, aber jener Junge kam erst über die Hörbücher dazu, überhaupt einmal ins Buch zu gucken. Erst als er sich fürs Lesen begeisterte, wurden die Hörbücher zum Begleitgeräusch zur Lektüre.
Sein Vater erzählte mir, er habe ihn gefragt, ob das denn ginge, zu lesen und gleichzeitig einen anderen Band zu hören. Der Junge behauptete, das ginge problemlos. Vermutlich konnte er zu dem Zeitpunkt eh beides schon halb auswendig, weil er es schon so oft gehört und gelesen hatte. Wie mir der Vater erzählte, hatte er beim Kauf der Hörbücher seine Zweifel gehabt, ob das denn lohne, weil die Kinder das doch eh nur einmal hörten und dann sei es uninteressant. Sie hätten die aber immer wieder gehört.

Ich kann das in gewisser Weise nachvollziehen. Wir hatten als Kinder auch Märchenplatten. Das waren Singles, die gehörten zu einem großen, broschierten aber dünnen Buch, fast wie ein Heft. Darin stand der Text des jeweiligen Märchens, wunderschön illustriert. Wir haben die geliebt und immer wieder auf dem Plattenspieler genudelt und lasen parallel die Geschichte oder schauten die Bilder dazu an. Obwohl wir in dem Alter durchaus schon hervorragend lesen konnten und genaunso gern in unseren dicken Märchenbüchern schmökerten. Und es war auch nicht so, dass wir niemals Märchen oder Bücher vorgelesen bekommen hätten, im Gegenteil. Unsere Eltern, vor allem unsere Mutter, haben uns viel vorgelesen (sie kann heute noch lauter Lurchi-Passagen auswendig).

Von der besten Freundin hörte ich übrigens Ähnliches, die hatte diese Märchenplatten auch und erinnert sich gern daran.

Kennt eigentlich noch irgendjemand den Sängerkrieg der Heidehasen? Habe ich ebenfalls geliebt und zigmal gehört (und mich immer etwas bei der Stelle geschüttelt, wo er mit dem rohen Ei gurgelt, um seine Stimme zu ölen).

P.S. Ich höre im Badezimmer auch Deutschlandradio. Ich pflaume morgens dabei sogar diese eine Moderatorin an, wenn die mal wieder in Interviews nicht an der richtigen Stelle nachhakt, oder kommentiere sarkastisch die Äußerungen der Interviewten, während ich unter der Dusche stehe. Ich lobe aber auch genauso sehr, wenn die Moderatoren es gut machen.

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sängerkrieg der heidehasen, super titel!:)

kleine kinder lieben die wiederholung. es wird ihnen dabei nicht langweilig, sondern in der wiederholung, also der reproduzierbarkeit liegt gerade die lust. kinder können sich auch immer wieder an der selben stelle über den gleichen witz beäumeln. ich mochte aus diesem grund als kind besonders gern das märchen vom dicken fetten pfannekuchen, das meine mutter aber immer leider viel zu schnell müde wurde vorzulesen. ich wollte das nicht nur jeden abend hören, sondern immer sofort danach, also direkt nach dem vorlesen: "nochmal!" und nicht etwa, weil ich nicht ins bett wollte oder so. das märchen vom dicken fetten pfannkuchen arbeitet selbst auch stark mit wiederholungen ("klabaster, klabaster, den berg hinab!"), die man beim vorlesen gut noch etwas übertreiben kann, was für kinder immer eine mordsgaudi ist.

aber das ist eben das kindliche lesen, und es bedeutet einen entwicklungsschritt, wenn märchen plötzlich langweilig werden. die nächste stufe ist dann, wenn gefragt wird: ist das wirklich passiert? erst wenn dann diese stufe überwunden ist, kommt das literarische lesen, also eines, für das es unerheblich ist, ob es sich um eine erfindung handelt oder nicht. selbstverständlich überschneiden sich die entwicklungsstufen auch, so hart wie ich das hier formuliere, ereignet sich die entwicklung nicht, und es gibt natürlich auch jede menge erwachsene leser, die noch auf der stufe, dass etwas wirklich passiert sein muss, rumhängen, die mögen dann so dinge wie norman mailer, new journalism oder die non-fiction novel.

jaja, ich weiß, ich bin garstig:)

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"Wer mit 25 weniger als 1000 Bücher hat und sie nicht liebt, soll seine stinkende Fresse halten."

Hab grob übeschlagen: 1500 hier, nochmal so viele bei Muttern. Darf ich was sagen?

"Was dagegen wirklich bei denen gekauft wird, die zu faul sind, ein Buch in die Hand zu nehmen, sind Hörbücher. Und was ebenfalls gut ankommt, sind Downloads von Büchern zum Thema Software, die man in Massen bei Torrent-Netzwerken findet."

Du vergisst, dass inzwischen gut 50% der Fachliteratur am Bildschirm gelesen wird.

"für die 20% Rabatt wichtiger sind als der Inhalt"

Mein Standpunkt ist es, dass Kultur immer und für alle frei verfügbar sein muss. Das kann man anders sehen, aber warum das prekariatsspezifisch ist, musst Du mir erklären.

"Ich kenne die Abbruchraten beim Lesen der Bücher nicht, die als Faksimile online stehen, aber am Sonntag fand ich eines dieser E-Bücher, dessen abseitiges Thema mich wirklich anspricht: Ich konnte es nicht lesen."

Die Abbruchraten sind wahrscheinlich sehr hoch. Noch. Ich musste mir "Neid" auch ausdrucken, ausgeschlossen, das am Bildschirm zu lesen.

"Das Lesen langer Texte jedoch verlangt nach einer anderen Aufnahmebereitschaft, und wer diese Konzentration nicht mitbringt, wird mit keinem Text, egal in welcher Form, wirklich glücklich."

Wenn meine These stimmt, wird sich das Lesen verändern. Neue Medien haben schon immer Schreibstile beeinflusst. Und neue Schreibstile verlangen ein neues Lesen.

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"wird sich das Lesen verändern"

Es gibt zum Glück nicht "das Lesen". Es gibt unterschiedliche Formen des Lesens. Es gibt inzwischen sicher auch schon Bücher für diese Generation. Sie werden vielleicht auf Reader verschwinden. Aber wenn man übereinstimmt, dass Internet ein anderes Schreiben als Papier verlangt, dann sollte man den umgekehrten Weg nicht mit absolutistischer Attitüde gehen. Niemand hält Danella/Rhodan/Lobo-Zweitbuchleser davon ab, das auf einem Reader zu versuchen. Und dann gab es da noch die wenig erfolgreichen Versuche einer gewissen Spreeblick Verlag KG, einen gewissen Internetschreiber auf Papier zu bringen, was, naja, der Markt war wohl nicht da. Ich weiss, dass meine Thesen im Netz nicht immer gut ankommen, aber betrachte es einfach als angestrengte Vermittlung zwischen zwei Standpunkten, bei denen die einen alle Mittel und die anderen nur ein grosses Maul haben.

Mit %-Angaben zu "Fachliteratur" wäre ich vorsichtig. In meinem Fach gibt es das nicht. Bei uns ist so gut wie nichts online. Da bin ich mir mehr als 50% sicher.

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Gerade wieder neue Regale kaufen müssen.
Ich kenne die Abbruchraten beim Lesen der Bücher nicht, die als Faksimile online stehen, aber am Sonntag fand ich eines dieser E-Bücher, dessen abseitiges Thema mich wirklich anspricht: Ich konnte es nicht lesen.

Vielleicht auch, weil Lesen etwas anderes als sonstiges Digitalentertainment ist …
Eines der Hauptprobleme beim digitalen Lesen ist es doch derzeit, dass ein Medium und dessen spezifische Aufnahme (sitzend, liegend, konzentrierend) in einem anderem Medium, dem Desktop-Computer und dessen spezifische Aufnahme (am (Schreib)-Tisch, mit tausenden Ablenkungs-, Abweich-, Nachschlag- und Berieselungsoptionen nebenan) stattfindet. Man kann das alles umgehen*, aber es ist noch nicht perfekt.

(* Tablet-Notebooks mit hochauflösendem Bildschirm, PDF im Vollbild und Hochkant im Bett geht schon mal sehr gut. Ich habe da mehrere tausend Seiten so gut lesen können)

In meiner Idealvorstellung ähnelt ein idealer E-Reader weniger den derzeitigen Miniaturnotebooks aus Plastik mit Miniaturtastaturen und sonstigen Fuchsschwänzen sondern eher einer Idealvorstellung eines sagenwirmal im 19. Jhd. produzierten Buches, elektronisch nachgeahmt. Die eine Seite besteht aus den qualitativ in der Aufläsung derzeitig schon fast an Papier reichenden ePaper und dem Minimum an Knöpfen praktisch nur die Blätterfunktionen. Ein nahezu randloser Bildschirm wäre am besten.

Die restlichen fünf Flächen sind gebunden in einem haptisch ansprechenden Material; Leder für die Traditionalisten, Hanfgewebe für die sich selbst als alternativ Empfindenden, Stoffe für Wenauchimmer. Der Punkt ist es, das Störende, das aus dem Augenwinkel immer Sichtbare zu reduzieren, bis es wirklich nicht mehr geht. Die blanke Fläche kann dann gefüllt werden von Buchseiten, die deren Namen auch verdienen; bislang nutzt niemand wirklich die Möglichkeiten zur Nachahmung derzeitiger Bücher, sowie die weiteren Möglichkeiten digitaler Formate (Nur ein Beispiel: Zoom für extrem hochauflösende Grafiken oder Vektorgrafiken mit mehr Details auf höheren Ebenen des Zooms) aus. Die Befreiung von der Seitenzahl wäre durchaus eine Möglichkeit, manchen der Limitationen des Drucks zu entgehen.

Die Reduzierung auf das Minimum an notwendigem Nutzerinteraktion schafft meiner Meinung nach wieder eine Ebene, auf der eine Konzentration und das Erleben von Texten besser möglich ist, als gekauert an irgendeinem Tisch. Ein Text in einem Fenster auf den nicht so wirklich toll auflösenden Bildschirm eines älteren Thinkpads wäre mit so einem Text eher nicht zu vergleichen. Nebenbei habe ich auch noch die sehr private Theorie, dass sonstige Netzmedien, dargestellt mit CSS Print in einem hypothetischem Browser auf einem hypothetischen eReader mit hypothetischen hochauflösendem Farbdisplay durchaus die strukturelle Umgebung bieten, von Listen, Fragmenten und Absätzen wieder zu längeren Texten und auch strukturell reicheren Inhalten zu kommen. Vermutlich werde ich da enttäuscht, die Weblog-Szene dürfte schon zu festgefahren in ihren Habitus sein.

Tatsächlich enttäuscht die Wirklichkeit immer noch, in den 15 Jahren, in denen ich mir so ein Ding herbeiwünsche und die Entwicklung verfolge. 30+ konkurrierende Formate, die meist das gleiche tun, ein eklatantes NIH-Syndrom, wohin man auch blickt, DRM-Systeme, die einem an die Gurgel gehen wollen, eher enttäuschende Hardware, das noch viel mehr enttäuschendere Angebot auf dem Markt der Monopolisten und vor allem scheint noch nie jemand von Personalisierung oder gar von Industriedesign gehört zu haben. Vermutlich wird es wenn überhaupt, wie etwas weiter oben angemerkt, ein Apple Reader werden, mit all den kleinen Nachteilen die die Kontrollfreaks bei Apple mit sich bringen.

Ich träum dann mal weiter.

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