Sonntag, 12. Juni 2005
Aria di Passacaglia
Cosi mi disperazette?
Cosi voi, voi mi burlate?
Tempo verra, ch´Amore
Fara di vostre core
Quel, che fate del mio
Non piu parole, addio.
Arhythmisch, in schrillen Septen baut sich das Geklingel über Girolamo Frescobaldis Arie auf, viel zu schnell, viel zu laut, und bis ich dran bin, ist es schon wieder vorbei. Aber die Nummer ist noch da - da hat sie doch tatsächlich angerufen, nach gut und gern 10 selten beantworteten Mails. Dann eben andersrum - Hi.
Hi. Bist du da?
Ja.
Ich habe das Licht in deinem Fenster gesehen, und dachte, ich schau mal...
Ich habe dir geschrieben, dass ich da bin.
Ja, schon gut. Kann ich kurz hochkommen?
Gern. Der Tee ist fertig.
Aber nur kurz.
Sie muss neben der Tür gestanden haben, so schnell wie es klingelt. Sie sieht müde aus, fertig, gar nicht gut. Sie lässt sich das Mäntelchen von den Schultern nehmen, die in einen dicken, weissen Zopfpulli gut verpackt sind, zu gut vielleicht, aber es ist schon wieder Spätherbst, insofern - als ich den Mantel aufgehängt habe, sitzt sie schon auf dem nüchternen Küchenstuhl, gut, sie nimmt 1 Glas Tee, aber bitte nicht zu voll, weil sie nachher noch wohin muss, und also...
Also - gab es Ärger.
Ja.
...
Er hat es bemerkt. Und ich bin eine schlechte Lügnerin. Ich habe ihm nicht alles gesagt, aber er...
War nicht angetan.
Nein. Er wollte sich trennen.
Und jetzt?
Ich habe ihm versprochen, dass es nicht wieder passiert.
Irgendwann werde ich vielleicht ein Buch über Liebe und Sex in der New Economy schreiben, so ein schmales Ding mit Case Studies, gerade mal dick genug für die ICE-Fahrt Hamburg Frankfurt, das sie in Bahnhofsbuchhandlungen in Stapeln rumliegen lassen. Darin werde ich erklären, wie es die Neue Wirtschaft geschafft hat, eine Renaissance entsetzlich alter Pseudotugenden auf den Weg zu bringen. Früher, ganz ganz früher, war Sex mit BWLerinnen nichts, wessen man sich rühmen konnte. Solange man sich an die Regeln hielt, konnte nichts schief gehen. Die BWLer-Freunde waren sowieso nur kurzfristige Angelegenheiten, denn nach dem Studium würden beide den jeweils passenden Job nehmen und eine Weile, bis zum gehobenen Management, allein durch die Welt gondeln. Wer dabei treu bleibt, sitzt während der zweiten Hälfte der Jugend- und Sexblüte verdammt oft in unterurchschnittlichen Hotelzimmern vor der Glotze, säuft Martini D´Oro und hasst sich, weil die Pralinen von der Tanke gegenüber fett machen. Eine gewisse moralische Flexibilität passte ganz gut zur beruflichen Mobilität dieser Gruppe, solange es nicht in der Firma passierte...
Wie es dann fast üblich wurde, in den grossen Zeiten von 1997ff.. Damals ging alles ganz schnell, von Frankfurt aus verbreitete sich die After Work Party endemisch, irgrendwo zwischen Jahrmarkt der Eitelkeiten, PR-Rhetorik-Seminar und Swingerclub. Formal sortierte sich Gründer zu Gründerin, die Praktikanten fanden notwendigerweise zueinander, sobald sie von den höheren Herrschaften abgelegt wurden, und Heiraten war vor allen ein Tool zum Steuersparen. Darunter gab es unbegrenzte Möglichkeiten für alle und jeden, auch dank der Sogwirkung des Internets, die alles brauchen konnte, Sinologen als Vertriebschef East Asia, Kunstgeschichtlerinnen als Creative Consultants, abgebrochene Maschinenbauer als CEOs, und faule Luftnummern au besserem Hause für alles, was halbwegs seriös wirken sollte, idealerweise CFO. Da kam viel zusammen, auch viel Alk und wenig Freizeit, und deshalb waren Vorspiele und längeres Daten vor der ersten Nacht unangemessen, bei den 180 bpm der neuen Wirtschaft.
Heute hat man und besonders Frau wieder Zeit. In Berlin vergrössert sich jetzt jede Nacht das Sportbuggykampfgeschwader Mitte "Walküre", in den Bankentürmen Frankfurts merkt man, dass eine treue Ehe mit Kindern den Job retten kann, in München, erzählen mir alte Freunde, gibt es Einladungen, zu denen Begleitung vorrausgesetzt wird, und die Elitesse mir gegenüber -verspricht- ihrem Freund, dass -es- nicht wieder -passiert-. Und so, wie sie es sagt, so, wie sie nicht auf die Mails reagiert hat, meint sie es ernst. Und ehrlich. Nicht mit voller Überzeugung, aber mit Entschlossenheit.
Und du hast vor, dich daran zu halten
Ja.
OK. Es geht auch ohne -es-. Hast Du Hunger? Soll ich was kochen?
Du bist unmöglich.
Ja, durchaus. Gemüseravioli in Pfifferlingrahm? Sehr gesund, macht nicht dick..
...von dem Käse mit Doppelrahmstufe mal abgesehen, zum Glück stellt sie keine blöden Fragen, auf die ich mit einer 3%-Fett-Lüge reagieren müsste, sondern streift durch die Wohnung, betrachtet lange das Bild und findet auch, dass es nach Paris ausschaut, wo sie eigentlich mal mit ihrem Freund hinwollte, aber sie hat sicher keine Zeit, alles so stressig im Moment. Ich lasse die Hände bei mir und verkneife mir irgendwelche Bemerkungen über die Form meiner Tomaten, -es- passt einfach nicht. Nicht heute Nacht.

Irgendwann später steht sie auf, geht zum Fenster und fragt, wieviel Uhr es ist, denn da draussen wird es schon fast wieder hell. 4 Uhr, sage ich, und sie muss jetzt aber wirklich los, denn morgen ist sie eingeladen bei einem Studententreffen, da will sie noch etwas schlafen, vor diesem Abend, und ausserdem, tja - und weg ist sie. Ich drehe die Schallplatte mit Frescobaldi um, lege mich ins Bett und lese eine Geschichte von Fitzgerald, über einen Toten in einem Zug, der aus einer kleinen, elitären Provinzstadt seine letzte Reise ins ferne Chicago antritt, ohne die blonde Tochter aus besserem Hause zu treffen, für die er noch einmal unter die Lebenden zurückgekehrt ist.
Cosi voi, voi mi burlate?
Tempo verra, ch´Amore
Fara di vostre core
Quel, che fate del mio
Non piu parole, addio.
Arhythmisch, in schrillen Septen baut sich das Geklingel über Girolamo Frescobaldis Arie auf, viel zu schnell, viel zu laut, und bis ich dran bin, ist es schon wieder vorbei. Aber die Nummer ist noch da - da hat sie doch tatsächlich angerufen, nach gut und gern 10 selten beantworteten Mails. Dann eben andersrum - Hi.
Hi. Bist du da?
Ja.
Ich habe das Licht in deinem Fenster gesehen, und dachte, ich schau mal...
Ich habe dir geschrieben, dass ich da bin.
Ja, schon gut. Kann ich kurz hochkommen?
Gern. Der Tee ist fertig.
Aber nur kurz.
Sie muss neben der Tür gestanden haben, so schnell wie es klingelt. Sie sieht müde aus, fertig, gar nicht gut. Sie lässt sich das Mäntelchen von den Schultern nehmen, die in einen dicken, weissen Zopfpulli gut verpackt sind, zu gut vielleicht, aber es ist schon wieder Spätherbst, insofern - als ich den Mantel aufgehängt habe, sitzt sie schon auf dem nüchternen Küchenstuhl, gut, sie nimmt 1 Glas Tee, aber bitte nicht zu voll, weil sie nachher noch wohin muss, und also...
Also - gab es Ärger.
Ja.
...
Er hat es bemerkt. Und ich bin eine schlechte Lügnerin. Ich habe ihm nicht alles gesagt, aber er...
War nicht angetan.
Nein. Er wollte sich trennen.
Und jetzt?
Ich habe ihm versprochen, dass es nicht wieder passiert.
Irgendwann werde ich vielleicht ein Buch über Liebe und Sex in der New Economy schreiben, so ein schmales Ding mit Case Studies, gerade mal dick genug für die ICE-Fahrt Hamburg Frankfurt, das sie in Bahnhofsbuchhandlungen in Stapeln rumliegen lassen. Darin werde ich erklären, wie es die Neue Wirtschaft geschafft hat, eine Renaissance entsetzlich alter Pseudotugenden auf den Weg zu bringen. Früher, ganz ganz früher, war Sex mit BWLerinnen nichts, wessen man sich rühmen konnte. Solange man sich an die Regeln hielt, konnte nichts schief gehen. Die BWLer-Freunde waren sowieso nur kurzfristige Angelegenheiten, denn nach dem Studium würden beide den jeweils passenden Job nehmen und eine Weile, bis zum gehobenen Management, allein durch die Welt gondeln. Wer dabei treu bleibt, sitzt während der zweiten Hälfte der Jugend- und Sexblüte verdammt oft in unterurchschnittlichen Hotelzimmern vor der Glotze, säuft Martini D´Oro und hasst sich, weil die Pralinen von der Tanke gegenüber fett machen. Eine gewisse moralische Flexibilität passte ganz gut zur beruflichen Mobilität dieser Gruppe, solange es nicht in der Firma passierte...
Wie es dann fast üblich wurde, in den grossen Zeiten von 1997ff.. Damals ging alles ganz schnell, von Frankfurt aus verbreitete sich die After Work Party endemisch, irgrendwo zwischen Jahrmarkt der Eitelkeiten, PR-Rhetorik-Seminar und Swingerclub. Formal sortierte sich Gründer zu Gründerin, die Praktikanten fanden notwendigerweise zueinander, sobald sie von den höheren Herrschaften abgelegt wurden, und Heiraten war vor allen ein Tool zum Steuersparen. Darunter gab es unbegrenzte Möglichkeiten für alle und jeden, auch dank der Sogwirkung des Internets, die alles brauchen konnte, Sinologen als Vertriebschef East Asia, Kunstgeschichtlerinnen als Creative Consultants, abgebrochene Maschinenbauer als CEOs, und faule Luftnummern au besserem Hause für alles, was halbwegs seriös wirken sollte, idealerweise CFO. Da kam viel zusammen, auch viel Alk und wenig Freizeit, und deshalb waren Vorspiele und längeres Daten vor der ersten Nacht unangemessen, bei den 180 bpm der neuen Wirtschaft.
Heute hat man und besonders Frau wieder Zeit. In Berlin vergrössert sich jetzt jede Nacht das Sportbuggykampfgeschwader Mitte "Walküre", in den Bankentürmen Frankfurts merkt man, dass eine treue Ehe mit Kindern den Job retten kann, in München, erzählen mir alte Freunde, gibt es Einladungen, zu denen Begleitung vorrausgesetzt wird, und die Elitesse mir gegenüber -verspricht- ihrem Freund, dass -es- nicht wieder -passiert-. Und so, wie sie es sagt, so, wie sie nicht auf die Mails reagiert hat, meint sie es ernst. Und ehrlich. Nicht mit voller Überzeugung, aber mit Entschlossenheit.
Und du hast vor, dich daran zu halten
Ja.
OK. Es geht auch ohne -es-. Hast Du Hunger? Soll ich was kochen?
Du bist unmöglich.
Ja, durchaus. Gemüseravioli in Pfifferlingrahm? Sehr gesund, macht nicht dick..
...von dem Käse mit Doppelrahmstufe mal abgesehen, zum Glück stellt sie keine blöden Fragen, auf die ich mit einer 3%-Fett-Lüge reagieren müsste, sondern streift durch die Wohnung, betrachtet lange das Bild und findet auch, dass es nach Paris ausschaut, wo sie eigentlich mal mit ihrem Freund hinwollte, aber sie hat sicher keine Zeit, alles so stressig im Moment. Ich lasse die Hände bei mir und verkneife mir irgendwelche Bemerkungen über die Form meiner Tomaten, -es- passt einfach nicht. Nicht heute Nacht.

Irgendwann später steht sie auf, geht zum Fenster und fragt, wieviel Uhr es ist, denn da draussen wird es schon fast wieder hell. 4 Uhr, sage ich, und sie muss jetzt aber wirklich los, denn morgen ist sie eingeladen bei einem Studententreffen, da will sie noch etwas schlafen, vor diesem Abend, und ausserdem, tja - und weg ist sie. Ich drehe die Schallplatte mit Frescobaldi um, lege mich ins Bett und lese eine Geschichte von Fitzgerald, über einen Toten in einem Zug, der aus einer kleinen, elitären Provinzstadt seine letzte Reise ins ferne Chicago antritt, ohne die blonde Tochter aus besserem Hause zu treffen, für die er noch einmal unter die Lebenden zurückgekehrt ist.
donalphons, 01:38h
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: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :
Freitag, 10. Juni 2005
Grosses Finale
Barocke, bayerische Sonnenoper, Spielzeit 90 Minuten. Die nächsten Monate fast jeden Abend. Immer grandios, immer anders, jede Minute neu, unendliche Koloraturen, jedesmal könnte ich es mir stundenlang anschauen, bis es dann im Nachtblauen vergeht.

grössere version, 93kb
Als hätten es die Gebrüder Asam entworfen, passend zu ihrem Oratorium im Vordergrund.

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Als hätten es die Gebrüder Asam entworfen, passend zu ihrem Oratorium im Vordergrund.
donalphons, 03:51h
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: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :
Mittwoch, 8. Juni 2005
Goatln.
Liebe Berliner, Hamburger, Kölner, Frankfurter und andere preussische Wohlstandslumbewohner, es gibt hier nicht viel zu sagen und zu berichten. Die Strassen sind sauber, die Leute sind freundlich, das Leben ist angenehm und die Eierfrau auf dem Wochenmarkt hat sich jetzt nach langem Überlegen doch für den hochgelegten Chevy-Pickup entschieden, der zwar a bisserl teurer war, aber wer ko, der ko, wie man hier in der Provinz die Sache trefflich auf den Punkt oder auf den Chevy bringt.
Und weil es hier so ruhig ist, vom lauten, freudigen Neuwahl-Gekreische der ortstypischen Atomanlagenbauer bei Siemens, der Rüstungsexporteure, der durchgeknallten Hassprediger und der Lobbyhuren mal abgesehen, weil es hier also nichts zu tun gibt ausser vielleicht über die Frage nachzudenken, ab wann man sich auf das Widerstandsrecht berufen kann und man als politischer Gefangener gilt, begebe ich mich wie jeden Mittwoch morgen auf den Wochenmarkt, mit einem Lied von Georg Kreisler auf den Lippen, mit dem schönen Titel "Blumen giessen". Denn mein Dachgarten ist etwas nackt, der Winter hat so einiges hinweggerafft, und nun ist die Zeit, ihn wieder zu begrünen, oder wie man das in Bayern mit einem Terminus technicus umschreibt: Es ist Zeit zum goatln (garteln).
Der bürgerliche Bayer als ein solcher ist in der Regel mit einer Frau gesegnet, die immer so viel Pflanzen anschleppt, dass er im Sommer keinen Tag nicht ein oder zwei Stunden damit zubringt, in dem subalpinen Regenwald zumindest die 15 Quadratmeter Wiese freizuhalten, wo sie dann am Nachmittag Kaffee trinken, in den sich von den überhängenden Blättern so manches Insekt zu Tode stürzt. Genauso, wie ich an keinem Antiquariat vorbeikomme, kommt meine Frau Mama nie an einem Dehner oder ähnlichen Grünzeugdealern vorbei, und ein Plätzchen findet sich immer noch - wenn nicht, muss der Bayer als ein solcher eben noch ein Kasten an die Hauswand dübeln.
Normalerweise wird die nachfolgende Generation mit dem Überflüssigen eingedeckt, nur in meinem Fall will das nichts werden - ich habe Heuschnupfen und vertrage kaum Blumen. Weshalb ich die Kräuter anbaue, die meine Mutter mir nicht geben kann, weil sie vom Erzfeind, der gemeinen, ungeniessbaren Schnecke gefressen werden. Kräuter widerum gibt es auf dem Wochenmarkt in grosser Fülle - das hier ist mal ein Teil des Angebots an Basilikum, und während ich das knipse, drängelt sich davor das weibliche Bürgertum und will wissen, was das jeweils ist. Rechts unten zum Beispiel ist Basilikum aus Thailand - do deafas ma zwoa mitgem, mei is dea sche mit dene vahuzltn Bletta - links oben ist eine Sorte aus dem vorderen Orient, mit zarten Lila Blüten, der Renner unter den älteren Bürgerinnen, denn Lila zieht die Männer an, wer nicht mehr zieht - dea schiasst ind He, des basst, do hed i gean stuckara dreie. Einen banalen italienischen nehme ich auch, dazu die oben beschriebenen, und den mit den kleinen Blättern - nun, das nächste Mal.

Der Basilikum wird in Blätter eines rechtschauvinistischen Drecksblatts meiner Heimat eingewickelt, denn irgendeine Existenzberechtigung braucht diese altbraune Gleischschaltungs-Kamarilla ja, neben der Verkündigung der Geschwindigkeitsrekorde, mit denen sich die Dorfjugend um die hier zahlreichen Bäume am Strassenrand wickelt. Das ist eben noch echte bayerische Natur, hier wird ökolögisch gestorben, nicht an so einem laschen Betonpfeiler, an dem man auch kein Marterl anbringen kann. Die Todesanzeigen sind sowieso ein vollwertiger Blogersatz für die meisten hier... mit diesen leichten Gedanken schlendere ich durch die Altstadt, kaufe mein Brot bei einer rasend schönen Bäckereiverkäuferin von vollendeter Höflichkeit (über die ich auch mal was schreiben muss), gehe hinauf in den Stadtpalast, und goatle. Pflanze meine drei Basilikumsorten an, und probiere sie natürlich sofort aus. In einer sehr weltoffenen Mischung. Der Frischkäse vom Wochenmarkt heisst Saint Ceols und ist echter Frischkäse. Er ist zwar dreimal so teuer wie geschmacksverstärkte A&P-Chemomolkerestverwertung mit naturidentischen Aromastoffen und feuchtem Glibber (aka "Frischkäse"), schmeckt aber extrem intensiv und frisch und sollte nur in kleinen Mengen verwendet werden. Wer den noch nicht probiert hat, weiss nicht, was Frischkäse war, bevor ein paar verkommene Marketingstrategen den Begriff für minderwertigen weissen Schleim vergewaltigt haben.

Dazu dann den Schnittlauch und dreierlei Basilikum aus dem Dachgarten, das Porzellan aus der Oberpfalz, der Brotkorb und das Frühstückssilber gerafft in Berlin, der Teebecher aus dem zaristischen Russland, die Kanne aus dem England vor dem Krieg, die Tischdecke aus der Kommode, nebenbei Heines Buch der Lieder, Carl Krabbe 1887 - wertkonservativ könnte man das nennen, wäre ich nicht ziemlich links. Zumindest verweigere ich mich weitgehend der kapitalistischen Konsumwelt.
Und während ich hier sitze und geniesse, ist irgendwo ein älterer Bayer als ein solcher und dübelt in einem subalpinen Urwaldareal für den Thai-Basilikum in die Wand, an deren Innenseite ein Rosina-Wachtmeister-Bild hängt, eine gekantete Glasschrankwand mit Kirschfurnier steht und ein paar teure, pseudostylische Geschenke von Interlübke, überreicht von den anderen Frauen aus dem Kirchenvorstand, der Frauenunion oder ein paar Bierkrüge von einem Schützenverein, dessen junge Mitglieder vielleicht schon für einen Sido-mässigen Amoklauf trainieren, nachdem sie zum Frühstück eine Semmel mit Kunsthonig und eine mit Leberwurst aus dem Supermarkt gegessen haben. Irgendwo im Norden bekommt jemand wortlos ein paar Schrippen auf den Tresen geknallt, und dazu ein paar in Staniolpapier eingewickelte, fetttriefende Würste oder Buletten, und die neueste Bild-Zeitung mit Wichsbeilage, und nach dem Essen wirft er den Müll auf die Strasse. Unten, vor meinem Fenster, rennt eine Elitesse, dürr und klapprig, mit leerem Magen in die Uni, aber dafür hat sie ihren Körper auf Topform gebracht, und nachher wird sie vielleicht einen Apfel essen, auf dem Weg ins nächste Seminar, wenn es dann um Value Chains geht. Und alle werden sie mit ihrem Leben zufrieden sein, nur nicht mit der Regierung, aber die werden sie schon wegputzen, auf die eine oder andere Art.
Es ist 11 Uhr Morgen in Deutschland.
Und weil es hier so ruhig ist, vom lauten, freudigen Neuwahl-Gekreische der ortstypischen Atomanlagenbauer bei Siemens, der Rüstungsexporteure, der durchgeknallten Hassprediger und der Lobbyhuren mal abgesehen, weil es hier also nichts zu tun gibt ausser vielleicht über die Frage nachzudenken, ab wann man sich auf das Widerstandsrecht berufen kann und man als politischer Gefangener gilt, begebe ich mich wie jeden Mittwoch morgen auf den Wochenmarkt, mit einem Lied von Georg Kreisler auf den Lippen, mit dem schönen Titel "Blumen giessen". Denn mein Dachgarten ist etwas nackt, der Winter hat so einiges hinweggerafft, und nun ist die Zeit, ihn wieder zu begrünen, oder wie man das in Bayern mit einem Terminus technicus umschreibt: Es ist Zeit zum goatln (garteln).
Der bürgerliche Bayer als ein solcher ist in der Regel mit einer Frau gesegnet, die immer so viel Pflanzen anschleppt, dass er im Sommer keinen Tag nicht ein oder zwei Stunden damit zubringt, in dem subalpinen Regenwald zumindest die 15 Quadratmeter Wiese freizuhalten, wo sie dann am Nachmittag Kaffee trinken, in den sich von den überhängenden Blättern so manches Insekt zu Tode stürzt. Genauso, wie ich an keinem Antiquariat vorbeikomme, kommt meine Frau Mama nie an einem Dehner oder ähnlichen Grünzeugdealern vorbei, und ein Plätzchen findet sich immer noch - wenn nicht, muss der Bayer als ein solcher eben noch ein Kasten an die Hauswand dübeln.
Normalerweise wird die nachfolgende Generation mit dem Überflüssigen eingedeckt, nur in meinem Fall will das nichts werden - ich habe Heuschnupfen und vertrage kaum Blumen. Weshalb ich die Kräuter anbaue, die meine Mutter mir nicht geben kann, weil sie vom Erzfeind, der gemeinen, ungeniessbaren Schnecke gefressen werden. Kräuter widerum gibt es auf dem Wochenmarkt in grosser Fülle - das hier ist mal ein Teil des Angebots an Basilikum, und während ich das knipse, drängelt sich davor das weibliche Bürgertum und will wissen, was das jeweils ist. Rechts unten zum Beispiel ist Basilikum aus Thailand - do deafas ma zwoa mitgem, mei is dea sche mit dene vahuzltn Bletta - links oben ist eine Sorte aus dem vorderen Orient, mit zarten Lila Blüten, der Renner unter den älteren Bürgerinnen, denn Lila zieht die Männer an, wer nicht mehr zieht - dea schiasst ind He, des basst, do hed i gean stuckara dreie. Einen banalen italienischen nehme ich auch, dazu die oben beschriebenen, und den mit den kleinen Blättern - nun, das nächste Mal.

Der Basilikum wird in Blätter eines rechtschauvinistischen Drecksblatts meiner Heimat eingewickelt, denn irgendeine Existenzberechtigung braucht diese altbraune Gleischschaltungs-Kamarilla ja, neben der Verkündigung der Geschwindigkeitsrekorde, mit denen sich die Dorfjugend um die hier zahlreichen Bäume am Strassenrand wickelt. Das ist eben noch echte bayerische Natur, hier wird ökolögisch gestorben, nicht an so einem laschen Betonpfeiler, an dem man auch kein Marterl anbringen kann. Die Todesanzeigen sind sowieso ein vollwertiger Blogersatz für die meisten hier... mit diesen leichten Gedanken schlendere ich durch die Altstadt, kaufe mein Brot bei einer rasend schönen Bäckereiverkäuferin von vollendeter Höflichkeit (über die ich auch mal was schreiben muss), gehe hinauf in den Stadtpalast, und goatle. Pflanze meine drei Basilikumsorten an, und probiere sie natürlich sofort aus. In einer sehr weltoffenen Mischung. Der Frischkäse vom Wochenmarkt heisst Saint Ceols und ist echter Frischkäse. Er ist zwar dreimal so teuer wie geschmacksverstärkte A&P-Chemomolkerestverwertung mit naturidentischen Aromastoffen und feuchtem Glibber (aka "Frischkäse"), schmeckt aber extrem intensiv und frisch und sollte nur in kleinen Mengen verwendet werden. Wer den noch nicht probiert hat, weiss nicht, was Frischkäse war, bevor ein paar verkommene Marketingstrategen den Begriff für minderwertigen weissen Schleim vergewaltigt haben.

Dazu dann den Schnittlauch und dreierlei Basilikum aus dem Dachgarten, das Porzellan aus der Oberpfalz, der Brotkorb und das Frühstückssilber gerafft in Berlin, der Teebecher aus dem zaristischen Russland, die Kanne aus dem England vor dem Krieg, die Tischdecke aus der Kommode, nebenbei Heines Buch der Lieder, Carl Krabbe 1887 - wertkonservativ könnte man das nennen, wäre ich nicht ziemlich links. Zumindest verweigere ich mich weitgehend der kapitalistischen Konsumwelt.
Und während ich hier sitze und geniesse, ist irgendwo ein älterer Bayer als ein solcher und dübelt in einem subalpinen Urwaldareal für den Thai-Basilikum in die Wand, an deren Innenseite ein Rosina-Wachtmeister-Bild hängt, eine gekantete Glasschrankwand mit Kirschfurnier steht und ein paar teure, pseudostylische Geschenke von Interlübke, überreicht von den anderen Frauen aus dem Kirchenvorstand, der Frauenunion oder ein paar Bierkrüge von einem Schützenverein, dessen junge Mitglieder vielleicht schon für einen Sido-mässigen Amoklauf trainieren, nachdem sie zum Frühstück eine Semmel mit Kunsthonig und eine mit Leberwurst aus dem Supermarkt gegessen haben. Irgendwo im Norden bekommt jemand wortlos ein paar Schrippen auf den Tresen geknallt, und dazu ein paar in Staniolpapier eingewickelte, fetttriefende Würste oder Buletten, und die neueste Bild-Zeitung mit Wichsbeilage, und nach dem Essen wirft er den Müll auf die Strasse. Unten, vor meinem Fenster, rennt eine Elitesse, dürr und klapprig, mit leerem Magen in die Uni, aber dafür hat sie ihren Körper auf Topform gebracht, und nachher wird sie vielleicht einen Apfel essen, auf dem Weg ins nächste Seminar, wenn es dann um Value Chains geht. Und alle werden sie mit ihrem Leben zufrieden sein, nur nicht mit der Regierung, aber die werden sie schon wegputzen, auf die eine oder andere Art.
Es ist 11 Uhr Morgen in Deutschland.
donalphons, 17:40h
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: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :
Mittwoch, 8. Juni 2005
Neues Headerbild
nach einer Kopie von einem gewissen Rubens aus meiner heimatlichen Provinz - irgendwie konnte ich dieses Berliner Mitte-Consultant-Ambiente nicht mehr ertragen.
donalphons, 00:28h
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: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :
Montag, 6. Juni 2005
Kompliment an die Leser
Keiner von Euch hat geschrieben: He Don! Du bist heute im Focus! Mit Bild!
Ihr habt einen ziemlich guten Zeitschriftengeschmack, nehme ich an.
Ihr habt einen ziemlich guten Zeitschriftengeschmack, nehme ich an.
donalphons, 21:46h
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: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :
Donnerstag, 2. Juni 2005
Ich lösche gerne Kommentare
Und zwar dann, wenn mir so ein Kommentararschloch auf die Nerven geht. Dieses Blog hat leidet nicht an Kommentarmangel, ich kann es mir also durchaus leisten, besondere Sülzköppe, Nervlinge und Trolle nach einmaliger netter Mahnung entsprechend hart ranzunehmen. Das wische ich nicht dreilagig extraweich ab, das ballere ich raus, und bei dem Gedanken, wie leicht der Deleteknopf zu drücken ist, im Gegensatz des Gestammel des Arschlochs, muss ich grinsen. Ich gehöre nicht zu den Vertretern der Meinung, dass ich allem, was auf dieser Welt gesabbelt wird, in meinem Blog noch eine Plattform bieten muss.
Ich lösche solche Arschlöcher gerne. Das hier ist mein Blog, dafür bin ich verantwortlich, ich bin der Hausherr, und wer meint, mir hier meine Zeit stehlen und die Laune verderben zu müssen, wird feststellen, dass mir beides mehr wert ist als das Geschmarre eines dahergespülten Stückes Internetscheisse. Wer es nicht mag, soll sein eigenes Blog aufmachen, da kann er dann auch solche Preise

verleihen, ein Fachblog für Winselantentum führen oder einfach nur bei sich selbst Kommentararschlöchern.
Aus dieser Praxis habe ich hier noch nie einen Hehl gemacht, es freut mich wirklich, wenn gewisse Typen deshalb abkotzen, statt hier zu nölen. Wer meint, das bei sich kritisieren zu müssen, kann sogar den Link und den Traffic bekommen.
Zensur, ihr Lieben, Ihr Arschlöcher und Ihr ganz banal trafficgeilen kleinen bedeutungslosen Pinscher, (hier muss sich niemand angesprochen fühlen!) wäre es, wenn ich Eure Beiträge auf Euren Blogs irgendwie aus dem Netz ballern würde. Nicht das Löschen von Kommentaren. Vielleicht schaut ihr erst mal in die einschlägigen Verfassungskommentare - es gibt hierzulande kein Recht auf Verbreitung von Inhalten, wo immer man gerade will.
Zum Verständnis: Der dort als "Bloom" Auftretende dürfte hier als "Santos" in Erscheinung getreten sein. Und Anke ohrfeigt elegant, wo ich wie immer nur kräftig reinbetoniere.
Ich lösche solche Arschlöcher gerne. Das hier ist mein Blog, dafür bin ich verantwortlich, ich bin der Hausherr, und wer meint, mir hier meine Zeit stehlen und die Laune verderben zu müssen, wird feststellen, dass mir beides mehr wert ist als das Geschmarre eines dahergespülten Stückes Internetscheisse. Wer es nicht mag, soll sein eigenes Blog aufmachen, da kann er dann auch solche Preise
verleihen, ein Fachblog für Winselantentum führen oder einfach nur bei sich selbst Kommentararschlöchern.
Aus dieser Praxis habe ich hier noch nie einen Hehl gemacht, es freut mich wirklich, wenn gewisse Typen deshalb abkotzen, statt hier zu nölen. Wer meint, das bei sich kritisieren zu müssen, kann sogar den Link und den Traffic bekommen.
Zensur, ihr Lieben, Ihr Arschlöcher und Ihr ganz banal trafficgeilen kleinen bedeutungslosen Pinscher, (hier muss sich niemand angesprochen fühlen!) wäre es, wenn ich Eure Beiträge auf Euren Blogs irgendwie aus dem Netz ballern würde. Nicht das Löschen von Kommentaren. Vielleicht schaut ihr erst mal in die einschlägigen Verfassungskommentare - es gibt hierzulande kein Recht auf Verbreitung von Inhalten, wo immer man gerade will.
Zum Verständnis: Der dort als "Bloom" Auftretende dürfte hier als "Santos" in Erscheinung getreten sein. Und Anke ohrfeigt elegant, wo ich wie immer nur kräftig reinbetoniere.
donalphons, 03:56h
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: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :
Dienstag, 31. Mai 2005
Ich bin Wohnungseigentümer
Da, wo ich sonst lebe, bin ich der Besitzer, wie es sich gehört, das ist meins und bleibt es auch. Will sagen, es gibt für mich keinen Grund, aus- oder umzuziehen. Heute musste ich zum ersten Mal in meinem Leben beides tun. Ich habe weit mehr als 3 Dekaden diese Erfahrung nicht gemacht, und wenn es nach mir geht, werde ich sie die nächsten 6 Dekaden auch nicht mehr machen.
Weiss einer von Euch da draussen, wie verfickt schwer so ein Perserteppich mit Übergrösse ist? UInd wie verdammt zu klein so ein Ford Transit ist?
Im Ernst: Jeder Politiker, der davon schwafelt, dass die Leute doch einfach mobiler werden sollen und alle paar Jahre an einem neuen Ort umziehen, ist noch nicht umgezogen. Ich sehe hässlich aus. Ich bin schmutzig, übermüdet und abgehetzt. Meine Muskeln sind übersäuert. Kurz, ich bin in einem Zustand, der mir qua Herkunft allenfalls beim Sport zusteht. Und ich hasse es.
Weiss einer von Euch da draussen, wie verfickt schwer so ein Perserteppich mit Übergrösse ist? UInd wie verdammt zu klein so ein Ford Transit ist?
Im Ernst: Jeder Politiker, der davon schwafelt, dass die Leute doch einfach mobiler werden sollen und alle paar Jahre an einem neuen Ort umziehen, ist noch nicht umgezogen. Ich sehe hässlich aus. Ich bin schmutzig, übermüdet und abgehetzt. Meine Muskeln sind übersäuert. Kurz, ich bin in einem Zustand, der mir qua Herkunft allenfalls beim Sport zusteht. Und ich hasse es.
donalphons, 18:52h
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: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :
Montag, 30. Mai 2005
Politische-berufliche Bilanz nach 15 Monaten Berlin
Erhaltene Visitenkarten: ca. 250
Behalten davon: 65
Davon erstklassige Trödler: 16
Davon nette Bekannte: 5
Davon Lobbyhuren und Networker: 0
Davon Sex: 0 - I never fuck in the Company
Verärgerte Reaktionen bei den Chefredakteuren: 20
Davon Forderung, mich in die Wüste zu schicken: 7
Erfolgreich davon: 0 - Quellen speichern ist eines meiner Suchtverhalten.
Borderline-Stories: 0 - zum Glück war ich von Anfang an klug genug, Bluesnarfing (Fickanbahnung per Bluetooth-Handies) für eine Erfindung zu halten. Andere waren dümmer.
Kaputtredigierte Interviews: 1 - eines Ministers Pressetante (Visitenkarte nicht behalten).
Gegebene Interviews: ca. 30
Höhepunkt: Mai 04 mit 7 an einem Tag
In Erinnerung behalten: 4 - hoffentlich kommt niemand auf die Idee, das Zeug später mal auszugraben.
Netzwerk aufgebaut: Nein.
Bekannt geworden: Ja.
Feinde gefunden: Viele. Praktisch alles rechts von der Mitte, ein paar NGOs, viele Kollegen. Grösstenteils ohne Absicht. Zu viele Ratten im Käfig. Ausserdem ist das, was mein CR witzig findet, nicht immer allzu fein - wenn man es als Betroffener lesen muss. Auch Jahre der Gewöhnung an die drögen Berliner Sticheleien härten nicht gegen bayerische Axthiebe ab.
Jemanden abgeschossen: Nein - ich arbeite daran.

Warum so wenig darüber geschrieben? Das politische Berlin ist absolut langweilig. Keiner von denen lebt hier - die kommen Montag Morgen und sind Donnerstag Nacht wieder weg. Es gibt auch keine Substanz, die Ministerien sind noch immer nicht richtig da, die Thinktanks und diversen Interessensverbände sind ganz kümmerliche Hinterzimmernummern, absolut grauslig, was da an Visions developed wird. Das politische Berlin ist Journaillen-Inzest ohne Tiefgang und Nachhaltigkeit, und so relevant wie ein Bargespräch im Regierungsviertel. Wahrscheinlich kann man wirklich besser darüber schreiben, wenn man nicht da ist. Das ist so wie bei den Neanderthalern: Die wissen zwar, was gerade an ihrem Feuer los ist, aber die grossen Linien ihrer Geschichte kennt der Archäologe sicher besser.
Warum sollte man als Journalist nach Berlin gehen? Sollte man nicht ohne verdammt guten Grund. Den habe ich gehabt, jetzt ist das Thema zur Zufriedenheit aller gelöst, und ich gehe wieder zurück in den Süden. Wenn man keinen leitenden Posten bekommt, ist Berlin wirklich hässlich. Thematisch bekommt man nur den Kleinscheiss, was wichtig ist und gutes Buffet hat, machen die immer gleichen Adabeis, die sich schon als Berater der Staatssekretäre sehen. Es gibt keine Sicherheit und kaum Chancen für die, die aus dem normalen Dienst wegen Kündigung rausfallen. Dazu kommt bei denen oft der Gedanke, es trotzdem irgendwie zu schaffen, weil das Leben hier so billig ist, und ausserdem so viel los ist... Fakt ist, dass diejenigen, die hierbleiben, einfach nicht den Absprung schaffen. Und älter werden, ohne irgendwas auf die Reihe zu bekommen, von der Hand in den Mund leben, keine Reserven aufbauen, und statt einer gewissen Sicherheit die stete Existenzangst haben, die sie so hibbelig macht. Eine milde Form einer zeitlichen Klaustrophobie. Rasen im Stillstand.
Ich habe es eine Weile mitgemacht, gut abgesichert und nie hungrig. Ich war bei dem Rennen ins Nichts auf Wildcard dabei und bin ausser Konkurrenz und Reglement gelaufen, habe mich über den Dingen beteiligt. Ich kann nur jedem Kollegen raten, es bleiben zu lassen. Die Stadt hat nur viel schlechte Vergangenheit, aber keine Zukunft.
Hier endet nach 15 Monaten der offizielle Berliner Teil des Blogs von Don Alphonso Porcamadonna. Der private Teil kommt morgen.
Behalten davon: 65
Davon erstklassige Trödler: 16
Davon nette Bekannte: 5
Davon Lobbyhuren und Networker: 0
Davon Sex: 0 - I never fuck in the Company
Verärgerte Reaktionen bei den Chefredakteuren: 20
Davon Forderung, mich in die Wüste zu schicken: 7
Erfolgreich davon: 0 - Quellen speichern ist eines meiner Suchtverhalten.
Borderline-Stories: 0 - zum Glück war ich von Anfang an klug genug, Bluesnarfing (Fickanbahnung per Bluetooth-Handies) für eine Erfindung zu halten. Andere waren dümmer.
Kaputtredigierte Interviews: 1 - eines Ministers Pressetante (Visitenkarte nicht behalten).
Gegebene Interviews: ca. 30
Höhepunkt: Mai 04 mit 7 an einem Tag
In Erinnerung behalten: 4 - hoffentlich kommt niemand auf die Idee, das Zeug später mal auszugraben.
Netzwerk aufgebaut: Nein.
Bekannt geworden: Ja.
Feinde gefunden: Viele. Praktisch alles rechts von der Mitte, ein paar NGOs, viele Kollegen. Grösstenteils ohne Absicht. Zu viele Ratten im Käfig. Ausserdem ist das, was mein CR witzig findet, nicht immer allzu fein - wenn man es als Betroffener lesen muss. Auch Jahre der Gewöhnung an die drögen Berliner Sticheleien härten nicht gegen bayerische Axthiebe ab.
Jemanden abgeschossen: Nein - ich arbeite daran.

Warum so wenig darüber geschrieben? Das politische Berlin ist absolut langweilig. Keiner von denen lebt hier - die kommen Montag Morgen und sind Donnerstag Nacht wieder weg. Es gibt auch keine Substanz, die Ministerien sind noch immer nicht richtig da, die Thinktanks und diversen Interessensverbände sind ganz kümmerliche Hinterzimmernummern, absolut grauslig, was da an Visions developed wird. Das politische Berlin ist Journaillen-Inzest ohne Tiefgang und Nachhaltigkeit, und so relevant wie ein Bargespräch im Regierungsviertel. Wahrscheinlich kann man wirklich besser darüber schreiben, wenn man nicht da ist. Das ist so wie bei den Neanderthalern: Die wissen zwar, was gerade an ihrem Feuer los ist, aber die grossen Linien ihrer Geschichte kennt der Archäologe sicher besser.
Warum sollte man als Journalist nach Berlin gehen? Sollte man nicht ohne verdammt guten Grund. Den habe ich gehabt, jetzt ist das Thema zur Zufriedenheit aller gelöst, und ich gehe wieder zurück in den Süden. Wenn man keinen leitenden Posten bekommt, ist Berlin wirklich hässlich. Thematisch bekommt man nur den Kleinscheiss, was wichtig ist und gutes Buffet hat, machen die immer gleichen Adabeis, die sich schon als Berater der Staatssekretäre sehen. Es gibt keine Sicherheit und kaum Chancen für die, die aus dem normalen Dienst wegen Kündigung rausfallen. Dazu kommt bei denen oft der Gedanke, es trotzdem irgendwie zu schaffen, weil das Leben hier so billig ist, und ausserdem so viel los ist... Fakt ist, dass diejenigen, die hierbleiben, einfach nicht den Absprung schaffen. Und älter werden, ohne irgendwas auf die Reihe zu bekommen, von der Hand in den Mund leben, keine Reserven aufbauen, und statt einer gewissen Sicherheit die stete Existenzangst haben, die sie so hibbelig macht. Eine milde Form einer zeitlichen Klaustrophobie. Rasen im Stillstand.
Ich habe es eine Weile mitgemacht, gut abgesichert und nie hungrig. Ich war bei dem Rennen ins Nichts auf Wildcard dabei und bin ausser Konkurrenz und Reglement gelaufen, habe mich über den Dingen beteiligt. Ich kann nur jedem Kollegen raten, es bleiben zu lassen. Die Stadt hat nur viel schlechte Vergangenheit, aber keine Zukunft.
Hier endet nach 15 Monaten der offizielle Berliner Teil des Blogs von Don Alphonso Porcamadonna. Der private Teil kommt morgen.
donalphons, 23:16h
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Kriminelles Schleusertum
Es gibt keine Grenzkontrollen zwischen Bayern und Thüringen mehr. Der Export von Silber ist nicht mehr zollpflichtig, wie das nach vor 150 Jahren war. Und die Mitnahme von politischer Literatur und Schmutz und Schund aus dem Sündenbabel Berlin, aus denm roten Wedding mit all seinen lockeren Frauen drinnen und draussen, ist heute auch kein Verbrechen mehr.

Und Stalin kann sich auch nicht mehr ärgern, dass seine Pläne am Ende dazu genutzt werden, das kapitalistisch-bürgerliche Fischbesteck und Obstmesser einzuwickeln.

Und Stalin kann sich auch nicht mehr ärgern, dass seine Pläne am Ende dazu genutzt werden, das kapitalistisch-bürgerliche Fischbesteck und Obstmesser einzuwickeln.
donalphons, 13:59h
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: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :
Sonntag, 29. Mai 2005
Wegen Restaur.antville,
diesem grossartigen Projekt von Peter Praschl. Ich habe jetzt schon das vierte Mal eine Anfrage der Beschriebenen bekommen, ob sie das für sich in Prospekten, Katalogen etc. verwenden dürfen. Und auf der anderen Seite ziemlich viele Mails von Leuten bekommen, die das ausprobiert haben und gut fanden.
Ich denke, auf dieser Basis kann Bloggen etwas sehr Nützliches sein. Und ich sollte da noch mehr schreiben - Berlinnachbereitung für andere, die es ebenfalls hierher verschlägt und stilvoll überleben wollen. Vegetieren ist nicht so schwer, aber alles andere erfordert Willen zur selbstbehauptung und Wissen.
Ich denke, auf dieser Basis kann Bloggen etwas sehr Nützliches sein. Und ich sollte da noch mehr schreiben - Berlinnachbereitung für andere, die es ebenfalls hierher verschlägt und stilvoll überleben wollen. Vegetieren ist nicht so schwer, aber alles andere erfordert Willen zur selbstbehauptung und Wissen.
donalphons, 20:21h
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