: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Montag, 27. Juli 2009

Der vorschnelle Koffer

Mitunter fragt man mich, was mich eigentlich abhalten könnte, den Antikmarkt in Pfaffenhofen zu besuchen, nachdem ich dort auch mit Grippe, im Schneesturm oder nach dem frischen Bruch eines Zehens anzutreffen bin. Bislang hätte ich gesagt: Nichts! Aber seit heute weiss ich es besser, denn 20 Kilometer vor dem Ziel klang der Wagen der Reisebegleiterin plötzlich sehr seltsam, wir hielten an, und dann warteten wir drei Stunden bis zu jenem Moment, da die Barchetta den Sunbeam machte:



Das ganze Drama in all seinen Einzelheiten gibt es hier nachzulesen. Nun werden wir doch mein Auto für die Reise nach Meran nehmen müssen, und derweil komplexe Autotransferrouten entwickeln, bis jedes Auto wieder an dem Ort ist, wo es sein soll: Der Sunbeam steht in Frankfurt, die Barchetta mit Motorschaden mittelgrober Bedeutung am Tegernsee. "Stehen" ist das Wort des Tages. Wie auch immer: Kein Antikmarkt, keine Käufe, statt dessen Ruhe nach all der Hitze und dem Stress.



Als echten Jäger trifft einen diese entgangene Gelegenheit; man hat zu viel Geld in der Tasche und nichts Neues, was eigentlich die Wohnung bereichern sollte. Wie ein ruheloses Tier streift man durch die Räume und überlegt, was alles hätte sein können, hier ein Bild und dort eine barocke Schnitzerei, ein paar japanische Farbholzschnitte vielleicht, oder der fehlende Beistelltisch. Dann aber fällt der Blick auf das Mitbringsel vom Samstag, das auch nicht perfekt war, denn der Rechner passte nicht wie geplant hinein. Vorschnell habe ich ihn gekauft, und mit Unbehagen, denn am Sonntag sollte es ja mehr Chancen und bessere Dinge in Pfaffenhofen geben.



Aber ich wollte ja schon immer einen Hemdenkoffer haben. Rein ideologisch erkläre ich es übrigens so, dass der Bezug aus imprägniertem Leinen, damit nicht aus Leder und deshalb tierfreundlich ist. Für die Dauerhaftigkeitz dieses Stücks nehme ich auch die Marke und deren doch etwas aufdringliche Präsentation in Kauf. Im Internet wollen manche für den Louis Vuitton President classeur geschmeidige 1500 Euro oder mehr; so viel habe ich natürlich nicht bezahlt. Aber wenn ich das nächste Mal in die Schweiz fahre, mache ich einen "CDU Hessen" Aufkleber daran, lege ihn auf den Beifahrersitz und schaue wie ein sexuell frustrierter und ängstlicher JU-Arschkrieher. Mal schaun, ob man an der Grenze dazu gelernt hat.

... link (18 Kommentare)   ... comment



: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Montag, 13. Juli 2009

Füllmaterial

Es gibt keine schlechten Flohmärkte. Es gibt nur schlechte Augen. Wenn man ohne Fund nach Hause geht, hat man nicht genau geschaut, oder kam zu spät. Heute war es reichlich spät, aber als ich den Rücken der Bilder sah, mit sauberer Rahmung und dem typischen Bapperl eines richtigen Rahmenmachers hinten drauf, da ahnte ich: Das könnte was werden. Wurde es auch:



Und ich dachte mir noch: Ds wäre jetzt wunderbar, wenn die kolorierten Pflanzenstiche das gleiche Format haben wie jene sechs, die schon im Gang vor meiner Wohnung hängen. Ein kleiner Schock, weil ich vergessen hatte, Geld abzuheben, das Zusammenkratzen der letzten Münzen, und so kan man für fünf Euro einen netten Vormittag haben.

Und was soll ich sagen: Es passte. Und unter den beiden alten Reihen mit Pflanzendrucken war auch noch genug Platz für eine dritte Reihe. Mehr geht nicht, damit ist wieder ein Fleck im Puzzle komplett. Mit den anderen beiden Stahlstichen wurde eine etwas dünne Stelle der Galerie im Treppenhaus gefüllt, die ohnehin schon etwas durcheinander gehängt ist Sieht aber auch nicht schlecht aus.

Fehlen also nur noch - vielleicht 80, 100 Stiche. Das ist machbar. Und ich habe ja noch etwas Zeit.

... link (9 Kommentare)   ... comment



: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Sonntag, 5. Juli 2009

Arzberg 2025 oder Meike Kowalskis bayerische Tante

Erinnert sich jemand an Erna Kowalski und ihre Tochter Meike aus Berlin? Nein? Nun, 2005 hat Erna die Grossmutter reichlich rüde ins Altersheim abgeschoben. Kein allzu gutes Altersheim. Die Oma ist inzwischen in der Geriatrie und schon lang vergessen, denn Erna und Meike haben andere Sorgen: Erwartungsgemäss wurde nichts aus dem gut dotierten Job bei einer Werbeagentur, eine Weile schlug sich Meike dann mit Projekten durch, und noch vor Ausbruch der Krise liess sie sich schwängern. Über den Vater gibt es Vermutungen vaginal-vager Natur, aber der Typ, mit dem sie nun zusammen ist, wird wohl eine Weile bei ihr bleiben. Wenn er nicht gerade seine zwei anderen Kinder aus anderen Beziehungen besucht. Ausserdem kommt Mutter Erna oft in Neukölln vorbei, und nachdem man Omas Wohnung in Charlottenburg gerade noch rechtzeitig verkauft hat, kommt Meike die nächsten 10 Jahre durch, wenn sie dem 1-Euro-Laden die Strasse runter die Treue hält. Das sind die wahren Stützen der deutschen Gesellschaft, robuste Kämpfer für den Nachwuchs und die Arterhaltung, kein Wunder, dass sie sich nicht mit diesem dünnen, fragilen Porzellan belasten wollten, als sie Wohnung räumten und ich das Arzbert 1382 für lumpige 20 Euro von jenem Trödler erstand, der es von ihnen bekam.

Zur Beerdigung ihrer angeheirateten Urgrosstante in einer kleinen, dummen bayerischen Stadt ist Meike übrigens auch nicht gefahren. Sie hat auch nichts geerbt, und als ihre Tante anrief, dass sie nun auch am Wohnungsräumen sei, und ob sie vielleicht eine Erinnerung haben wollte, lehnte sie nur genervt ab. Kein Platz in der Hinterhofwohnung im 4. Stock, dem Kind gehe es prima, ja, man komme mal vorbei, das mit der Beerdigung tue ihr leid, aber der Kleine sei krank gewesen, nein, wirklich nicht. Und Meike Kowalskis bayerische Tante nahm eine Tüte, räumte das Porzellan hinein und ging auf den Flohmarkt, wo auch ich war und mich in Gelassenheit übte.



Denn mit einem Sunbeam Supreme Mk III hat man entweder Gelassenheit, oder man krepiert. To cut a long story: Es gibt einen Termin, da der Wagen geschweisste Türen, einen sauberen Lack untenrum und der Besitzer ein unerwartet hohes, aber noch erträgliches Loch im Budget hat, noch ein paar hundert Euro entfernt von dem schlimmsten Szenario, das so schlimm nicht ist. Zudem gibt es aber weitere Unsicherheiten. Da ist beispielsweise das Handschuhfach, das wir als Teetassenablage zu nutzen gedenken. Innen ist es nicht grün, sondern rosa ausgekleidet. In Frankfurt hatte ich Leihgeschirr mit rosa Blüten. Daheim habe ich mindestens ein Dutzend Teeservice. Aber keines in Rosa. Bis ich Meike Kowaslkis bayerische Tante traf.



Die hatte nämlich Ess- und Teeservice von Arzberg dabei. Wenn das Berliner Arzberg-Geschirr, geschaffen von Hermann Gretsch, eine Inkunabel des Vorkriegsdesign ist, ist das, was Tantchen da aufgestapelt hatte, der Inbegriff des Nachkriegsdesigns: Form 2025 aus der Hand von Gretschs Nachfolger Heinrich Löffelhardt, der Sätze prägte wie: "Um Serien produzieren zu können, muss zunächst eine Form da sein, die so gut ist, dass sie es wert ist, vervielfacht zu werden." Ein Satz, den man in feinsten Marmor meisseln und dargestalt den Betreibern von 1-Euro-Läden und für Sozialabbau verantwortlichen Politikern um die Ohren hauen sollte, sowei den Kunden, die wirklich glauben, dass nur das Billige auch gut ist. Damals lohnte sich diese Haltung noch:



Immerhin war da ein leichtes Bedauern bei der Verkäuferin, die mir die Geschichte ohne den peinlichen Berliner Teil erzählte und es auch nicht über das Herz gebracht hätte, wenn sie das Goldrandporzellan in der Spülmaschine ruinierte. Sie sagte, ich sollte es in Ehren halten, auch wenn es billig sei, und tatsächlich, der Preis für alle 34 Teile lag nochmal unter dem, was in Berlin verlangt wurde. Natürlich habe ich nicht mehr verhandelt, natürlich werde ich es in Ehren halten. Ich habe auch schon einen Platz dafür: Im Picnickoffer des Sunbeams. Womit ich mein grünes Enoch Wood am Tegernsee lassen kann, aber das ist eine andere Geschichte.



Die Kanne war übrigens nicht mehr dabei, leider. Auch war ein Teller angestossen. Im Vergleich zum Berliner Exemplar wurde es also tatsächlich auch benützt. Und die Teekanne, die eigentlich für den Autoeinsatz gedacht war, passt auch nicht dazu. Man bräuchte nun so eine runde, schlichte Art-Deco-Kanne, ohne Zierat, mit einem geschwungenen Griff und einem abgesetzten Fuss, damit sie unten nicht so heiss wird.

So eine Kanne, wie ich sie zufällig letzte Woche in England bestellt habe. Nein, billig ist es alles nicht, und dafür, dass ich nach der Überführung gerade mal 50 Kilometer gefahren bin, 25 aus eigener Kraft und 25 auf dem Abschleppwagen gefahren bin, war es ein teures Vergnügen. Ich ziehe jetzt also den Neupreis des Arzberg 2025 von den Gesamtkosten ab. Schon lacht mir wieder die Sonne, und ich sehe es so rosa wie den Rand der Teller. Das Leben ist schön, und in vier Wochen, wenn der Schweisser aus dem Urlaub zurück ist und alles gemacht hat, wird es noch schöner. Für mich. Ich heisse ja auch nicht Meike Kowalski.

... link (20 Kommentare)   ... comment



: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Montag, 29. Juni 2009

Materialwert

Alle fragen sich ja, wann die Krise vorbei ist. Ich denke, ich kann zumindest sagen: Noch ist sie nicht vorbei. Ich habe dafür eine ziemlich gute Berechnungsmethode. Sie basiert auf englischen Teekannen aus Silber, die ich bei Ebay kaufe. Wie beispielsweise letztes Wochenende, als ich in Frankfurt festsass, keinen Flohmarkt hatte und leicht frustriert war. Da war eine Teekanne, die mir gefallen hat, viktorianisch, 1887, 52o Gramm schwer. In der beliebten Form mit den Rippen, einmal sauber gelötet, Ebenholzgriff, neckische Ballenfüsse. Eine Form, die Antiquitätensammler anspricht, weil sie typisch für eine Zeit ist, deren Formen später nicht mehr kopiert wurden. Und obendrein von einem bekannten Silberschmied jener Epoche.



Ich habe sie gekauft. Was mich selbst sehr erstaunt hat, denn in den letzten Wochen ist das Pfund gegenüber dem Euro stark angestiegen, weshalb sich der Kauf in England nicht mehr besonders lohnt. Es gab eine Zeit, da kostete der Euro 96 Pence, jetzt sind es nur noch 84. Einkäufe aus England haben sich seitdem also erheblich verteuert. Sollte man meinen. Mein Gebot war in Euro nicht hoch und in Pfund sehr, sehr niedrig. Es blieb das beste Gebot.

Der Kurs des Pfundes ist irrelevant. Ich mache das jetzt seit ein paar Monaten, genauer, seitdem ich bei der FAZ blogge und mir denke, dass dieses Geld vor allem dem Spass und dem Luxus geweiht ist - neben meinen drei Wohnungen voller Antiquitäten, die ich ohnehin schon habe. Vollkommen unabhängig vom Kurs des Pfundes entwickeln sich die Preise nach einem anderen Parameter: Es ist der Preis des Silbers. Alle von mir gekauften Kannen liegen in einem sehr schmalen Rahmen über dem Silberpreis; man muss mit rund 20% Aufschlag rechnen, und in den schlimmsten Zeiten, als die Kauflaune wirklich auf dem Boden lag, konnte man fast zum Materialpreis kaufen.

Und das ist auch weitgehend unabhängig vom eigentlichen Wert der Antiquität. Eine üppigst gravierte Biedermeierkanne von 1827 mit Silbergriff war tatsächlich etwas teurer, aber nicht im Mindesten so, dass sich der Preis signifikant vom Material wegentwickelt hätte. In normalen Zeiten wie etwa 2004/5, als ich sehr viel Besteck kaufte, war das Verhältnis von ideellem Wert zu Materialwert noch mindestens 1:1, das heisst, man bezahlte in etwa das Doppelte des Materialwertes bei einfachsten Stücken, und bei ausgefallenen Stücken vor 1900 das drei- bis sechsfache. Gestern Abend blieb eine Kanne mit Milchkännchen von 1860 liegen - 900 Gramm schwer, mit 191 Pfund blieb sie unter dem Limit.

Was ich auch erlebe: Es gibt kaum britische Käufer. Die steigen normalerweise beim Materialwert aus. Darüber sind die Deutschen (manche Kanne sehe ich in Pfaffenhofen zu verdreifachten Preisen wieder, für die dummen reichen Bayern reicht das), die Franzosen (das Leben ist schön, noch einen Froschschenkeltee?), die Spanier (Schwarzgeld ole!) und besonders die Italiener, wo solche Kannen sehr schick sind.

Wie erklärt man dieses Verhalten? In meinen Augen ist es so, dass die Menschen im Moment einfach nicht bereit sind, Dinge ideell zu bewerten. Was gilt, ist der Materialwert und obendrauf der Nutzwert. Rechnet man das Silber bei der obigen Kanne heraus, bleiben keine 20 Euro für das erworbene System Kanne. Das ist weniger, als eine moderne Blechkanne kostet. Alter, Geschichte, Patina, Design: Wertlos. Es wird einfach nicht bezahlt.

Das muss sich erst wieder ändern. Die Krise ist vorbei, wenn solche Kannen in Deutschland für minimal 3-400 Euro zu haben sind, weil die Briten wieder mitspielen und der Silberpreis gegenüber dem historischen Wert an Bedeutung verliert. Wenn sich Menschen wieder etwas Schönes leisten, Luxus, Lebenfreude, und bereit sind, dafür Geld auszugeben. Mit den Silberkannen kommen auch die grossen Tische wieder, die üppigen Lebensmittel, der Genuss und der Wunsch, mehr zu haben und es auch zu zeigen.

Gestern Abend, nachdem recht viel im Angebot war, und sich bei den Käufern des Kontinents eine gewisse Ermüdung eingestellt hatte, habe ich eine Kanne von 1930 in einer klassischen, zeitlosen Form knapp unter dem Materialpreis erstanden. Es wird noch sehr, sehr lange dauern.

... link (12 Kommentare)   ... comment



: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Dienstag, 16. Juni 2009

Nachher

fragt man sich natürlich immer, warum man die Gelegenheit nicht besser genutzt hat. Man sagt zwar, dass sich immer irgendwo neue Chancen auftun, aber das irgendwo bringt wenig, wenn es das Gewünschte nur an speziellen Orten gibt. Tp cut a long story, der britische Peso hat es geschafft, sich zur britischen Lira vorzuarbeiten, und notiert aktuell 10% besser als in jenen Tagen, da ich das billige britische Silber nur so hortete. Immerhin, ein halbes Dutzend Kannen sollten den Bedarf erst einmal decken, und zum Abschied von jenen halcyon days, da die Reste des britischen Empires für kleines Geld zu haben waren, trudelte nun auch mit der typischen britischen Postverspätung der vorläufige Abschluss dieser Phase bei mir ein. London 1827, George IV., über ein Pfund schwer und mit einem Silbergriff versehen. Gewissermassen in die steigende britische Lira hineingekauft, und dadurch trotz einiger Schäden schon wieder so teuer, dass es auch mir etwas weh tat.



Aber wie oft hat man schon die Gelegenheit, eine Silberkanne des Biedermeier zu kaufen. Wie garstig wären deutsche Händler, wie würde ich jetzt erst zahlen, wie hätte ich mich erst geärgert, wenn sie ein anderer erworben hätte. Wie man es macht, man macht es richtig und verkehrt. Langfristig sicher richtig, denn den Schmerz vergisst man, der Nutzen jedoch bleibt.

Und wer weiss schon, ob es je wieder solche Gelegenheiten geben wird. Selbst, wenn es die Insel verdient hätte. Vor dem letztlich erworbenen Sunbeam hatte ich einige andere im Auge, unter anderem einen Mk IIa. Auf einem Bild war auch ein Alvis TA 21 zu sehen, british racing green und natürlich nicht zu verkaufen. Ich mag meinen Sunbeam ungemein, aber bei einem Alvis kommt man natürlich auch ins Nachdenken. Aber er war nicht angeboten. Jetzt ist das alles ganz anders, der Besitzer sucht einen Käufer, weil es mit der Umschichtung seiner Hypotheken nicht funktioniert hat, und die Bank, im de facto Staatsbesitz, keine Gnade kennt. Schön ist das alles nicht. Wirklich nicht.

... link (20 Kommentare)   ... comment



: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Montag, 8. Juni 2009

Noch mehr Freude machen.

Manchmal finde ich es seltsam, dass jene, die hier wohnen, in Urlaub fahren. Ich mein, mitten im Urlaubsgebiet, wo alle hin wollen, und dann fahren sie weg.



Heute jedoch habe ich es ihnen gleichgetan; ich erleichterte mein Konto um eine nicht kleine Summe und fuhr gen Norden, wo das Wetter besser, noch besser und der Antikhändler beim Verkaufen war. Sonntag ist Flohmarkttag, und ich werde wepsig beim Gedanken an die Schätze, die mir entgehen könnten. Irgendwo ist immer etwas, das ich brauchen könnte. Und die Inflation kommt bestimmt. Nicht aber bei jenem jungen Mann, der ein paar unbenützte Reste des grossväterlichen Ledergeschäfts verschleuderte:



Das sind Handschuhe aus Peccaryleder; eine bestimmte südamerikanische Wildschweinsorte, die das beste aller Leder für diesen Zweck liefert. Peccary ist weich, warm, elastisch und fast so unzerstörbar wie Tropenholz. Ich habe schon Peccaryhandschuhe. Auch nach 50 Jahren sind sie noch erstklassig, weich und wunderbar gealtert. Die hier sind mir zu klein; 7 1/4, aber einerseits waren sie lachhaft günstig, viel billiger als der alte, darauf vermerkte Preis von 51 D-Mark in einer Zeit, da man nicht nur goldene Anhänger hatte, sondern auch Topmodelle von Mercedes, die keine 50.000 Mark kosteten. Andererseits habe ich oft Beifahrerinnen, und für die Heizung im Sunbeam würde ich nicht garantieren.



Heute sind Peccaryhandschuhe nicht nur furchtbar teuer und ungewöhnlich, sie haben auch keine derartig netten Anhänger mit der altmodischen Schrift mehr. Innen - und das ist eigentlich ein Grund, der gegen ihre Verwendung spricht - sind dann noch Ratschläge zur Pflege. Für jene, was man damals vielleicht als "Gute Hausfrau" bezeichnete. Sollten sie doch benutzt werden, kann ich vielleicht das Schild wieder dran machen. Ein Schild, das viel sinnvoller als die Werbung mit all den tollen Namen ist, die man heute sonst an Bekleidung findet.



Ebenfalls in der Preisklasse der Kuchenstücke war das Jahrbuch der Alpenvereine von 1914 mit spannenden Neuigkeiten der Pamir-Expedition, Wanderrouten und dem ein oder anderen Bergsteigerlied. Man kann sich nicht vorstellen, dass die Leser ein paar Wochen später in den 1. Weltkrieg zogen, so warm, freundlich und lebensfroh sind diese Texte. Und dann war da noch eine Siegerplakette der VIII. Heidelberger Mitternachtsfahrt von 1964. Mitternacht in Heidelberg. Seit vier Stunden ward niemand mehr auf der Strasse gesehen, da kann man es krachen lassen. Autoplaketten sind übrigens auch so ein verschwundenes Kulturgut, seitdem jeder Depp mit Navi überall auch wirklich ankommt. Ausserdem, wozu noch Sternfahrten von Automobilisten, wenn ohnehin jeder ein Auto hat? Warum an den Besuch von Orten wie Garmisch oder Meran erinnern, wenn die Entfernung nichts mehr bedeutet? Abgesehen davon: Richtige Kühler haben Autos heute auch nicht mehr.



Das alles kostete so viel wie die drei Stück Kuchen vor dem Gewitter und dem abschliesenden Regenbogen, an dessen Ende zu wohnen ich netterweise das Vergnügen habe, um dort Dr. Karl Blodigs Bericht aus der Silvrettagruppe zu lesen. Da will ich hin. Und die Siegerplakette von der Heidelberger Mitternachtsfahrt wird am Kühler sein. Denn ich habe noch einen Kühler. Mit Messingverschluss und 80 PS dahinter.

... link (25 Kommentare)   ... comment



: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Mittwoch, 3. Juni 2009

1 Jahr auf dem blauen Raben

Vorbei an windgefurchten Wiesen und Gräsern, entlang des Auwaldes, über enge Feldwege und durch stille Strassen führt mein Weg. Die Schafskälte, heisst es, soll kommen, der übliche Kälteeinbruch zum Juníauftakt, eine letzte Reminszenz an nicht ganz so schöne Tage, mit schweren Wolken und - hallo!



Man kennt mich hier. Die einen, weil sie mich schon immer kennen; die anderen, weil das Rabeneick eine so auffällige Erscheinung ist. Mittlerweile gehört es zum Inventar dieser Stadt; steht es irgendwo rum, und eine Bekannte kommt vorbei, finde ich später einen vergeblichen Anruf auf dem nicht mitgenommenen Mobiltelefon. Oder sie suchen. So viele Orte, an denen sich sein könnte, gibt es in der Stadt nun auch nicht: Bäcker, Schuster, das ein oder andere Cafe, ein Buchladen, das Erdbeerfeld, der Wochenmarkt. Es ist ein freundlicher Begleiter in der Stadt, und manchmal fragen sie mich, ob ich es verkaufe. Natürlich nicht! Wo kämen sie denn da hin!



Denn das könnte ich nicht verantworten. Inzwischen bin ich fest überzeugt, dass das Rabeneick verflucht ist. Gekauft habe ich es nach etlichen vergeblichen Besichtigungen rostiger Schrotthaufen und meiner massiven Entgeldung durch eine Wohnung am Tegernsee, um mich endlich auf andere Gedanken zu bringen. Wenn schon schrauben, dann an so einem freundlichen Rad, das ist auch alt und aufsehenerregend, man gibt eine gute Figur ab und hat immer wieder mal was zu tun. So ein Rabeneick ist eine gute Ablenkung vom alten Automobil, das ich nicht brauche. Dachte ich damals.

Und schraubte. Kaufte Weisswandreifen. Fand einen wunderbaren Sportsattel mit bestem Leder. Entdeckte im Keller eine passende Chrompumpe. Glitt über Wiesen und Wege, war mit der Technik des Jahres 1952 vollauf zufrieden, und bereicherte die Stadt mit dem hübschen Bild, das ich abgab: In der rechten Hand der Lenker, in der linken Hand das Baguette. Ein Bild vollster Zufriedenheit. Sollte man meinen. War aber nicht so. Ganz im Gegenteil. Wer einen Raben retten kann, schafft das auch mit anderen rostigen Blecheimern, dachte ich mir. Da ginge noch was. Das darf so allein nicht stehen bleiben. Und die Technik der 50er Jahre reicht wirklich aus. Was auf dem Rad geht, sollte auch mit Motor möglich sein. Nichts, nichts auf der Welt hat den Entschluss, mir einen Sunbeam zuzulegen, so bekräftigt wie dieses billige, schrottreife Rad vom Flohmarkt.

Und blöderweise ist mein sonstiges Leben gerade so gestaltet, dass ich nicht mal eine Mittlebenskrise als Ausrede anbringen kann. Morgen ist der Sunbeam dann beim TÜV. Man wird sehen, wo das endet. Mittelfristig, hoffe ich, an der Riviera. Gestern habe ich noch einen alten Gepäckträger gekauft. Schliesslich möchte ich in Menton mit dem Raben Baguette holen fahren.

und in exakt diesem Blau möchte ich auch einen Triumph TR2 oder einen MG A

... link (21 Kommentare)   ... comment



: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Dienstag, 26. Mai 2009

Der goldene Glanz der Gewöhnung

Manchmal geht man mit dem Vorsatz los, etwas ganz Bestimmtes zu finden. Auch diesmal brach ich mit einer klaren Vorstellung nach Pfaffenhofen auf, und nach einer halben Stunde hätte ich auch wieder packen und heimfahren können. Ein aussergewöhnlich schöner Imariteller, und dann noch das hier:



Kirchentrümmer scheinen nördlich der Alpen keine Konjunktur zu haben; in Italien sieht das ganz anders aus. Dort wird für solche Gitter der Tausender schneller verlangt, als man das Wort "Überziehungszinsen" aussprechen kann. In Italien gibt es offensichtlich Menschen, die mit den Spolien des Kirchenprunks etwas anzufangen wissen. In Deutschland dagegen, da könnte ich jetzt Geschichten erzählen.

In Deutschland geht Gold nur in der Variante Billig. Es findet sich Gold in Möbelhäusern, das nie edel wirken wird, es appelliert an niedrigste Triebe der Glotzengesellschaft, die dank Dauerbespassung die Farbe kennt und gern im Krokolederluuk auch erwirbt. Also meidet man ansonsten Gold, man möchte sich mit dem Puffigen nicht gemein machen - und das ist meines Erachtens ein Fehler.

Das geht bei mir alles an die Wände der Wohnung am Tegernsee, es ist zwar nicht gerade wenig, es trägt schon etwas auf, aber bitte: Es kann nicht jeder in Reinweiss wohnen. Ich mag das Unvollständige, die den Fehlstücken immanente Erkenntnis, dass es Spolien sind, Reste einer Religion auf dem Rückzug, die aber auch als Kunsthandwerk für sich selber stehen können. Schnitzer und Vergolder sassen an den beiden Paneelen schon ein paar Tage dran. Das könnte man heute kaum mehr bezahlen, also passt es schon mit den Preisen, die man in Italien verlangt.

Und ausserdem habe ich damit ja auch was zu feiern: 2000 Tage Rebellen ohne Markt. Es schreibt sich nicht schlecht, unter Gold und Prunk, die nächsten 2000 Tage.

... link (17 Kommentare)   ... comment



: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Dienstag, 19. Mai 2009

Maria über die Alpen tragen

Mille Miglia ist, wenn auf meinem Rechner 1500 Bilder von Autos und nur 300 Bilder von kulturellen Erlebnissen zu finden sind. Es ist eine wunderbare Landschaft, durch die man fährt, man erlebt durchaus das Land, aber man bekommt davon nicht viel mit. Und man wird photofaul, man hat alles nur durch die Windschutzscheibe und das Objektiv gesehen, man mag einfach nicht mehr in Belichtungszeiten denken. Was angesichts der Stadt Rom sehr schade ist.



Wir hatten ja noch einen Tag. Am liebsten wären wir sogar zwei Tage geblieben, aber das wäre zu teuer geworden angesichts der schon kassierten Strafzettel. Unsere Glückssträhne in Rom, die mit einer halben Stunde ohne Aufschreiben am Tibergewühl eine erste Fortsetzung fand, wurde am Samstag jäh unterbrochen, und so fuhren wir schon wieder im Auto, man kann es irgendwann nicht mehr ertragen, immer Áuto, nur Auto. Aber davor, während die Politesse uns aufschrieb, waren wir immerhin noch in San Ignacio, einer dieser barocken Glaubensfesten jesuitischer Bildermacht.



Und dort dachte ich mir, dass es nun genug sei mit den Brandopfern für das Automobil. Ich kann mich ja nicht beschweren, der Sunbeam ist in der jetzigen Form im Unterhalt bislang spottbillig, und verbraucht kein Benzin und auch kein Öl, auch kann der Mechaniker keine Rechnung stellen, aber es ist jetzt einfach genug. Anderes. Gerne stationär und unbedingt Kultur. Ich bin schliesslich Kulturhistoriker und kein Automechaniker. Ich verstehe mich auch Chiaroscuro besser denn auf Bremsschläuche. Chiaroscuro, wie es mir am Tag darauf nach zu viel Fahrerei und einer Autobahnsperrung bei Bologna auf dem Antikmarkt von Mantua begegnete.



Ich mag ja das Sujet der Maria Immaculata. Einerseits, weil es sehr jesuitisch ist. Andererseits aber, weil es ein vertraktes Motiv ist; Künstler müssen die hormonelle Verzückung der Maria bei der unbefleckten Empfängnis einfangen, und das kann manchmal entsetzlich andächtig sein, oder purer Sex. So wie auf jenem Gemälde, das in der Tradition von Caravaggio steht und sich alle Maniersmen herausnimmt, die man sich in so einem Fall noch leisten kann. Der in den Nacken geworfene Kopf, die verdrehten Augen, die feuchten und vollen Lippen, der Griff an die Brust - die menschliche Natur hat sich durch die Hand des Künstlers einen Weg ins Heilige gebahnt, und dieses Zusammentreffen von sich widersprechenden Intentionen finde ich immer ganz entzückend. Grandios an der andächtigen Aufgabe gescheitert. JesuitenPr0n. Es ist so gegen 1660 bis 1680 entstanden, wurde netterweise von den Händlern falsch auf 1750 datiert und damit, gemäss der italienischen Verachtung für das Rokoko, reichlich billig. Etwas teurer nur als die Kaffeemaschine. Die protestantische Begleiterin konnte mein barockes Entzücken nicht nachvollziehen, aber die ist ja auch nicht in einem Stadtpalast der Gesellschaft Jesu geboren worden.

Natürlich haben wir jetzt - neben dem üppigen Keramikfrüchtekorb aus Rom, der Terrine aus Mantua, den Schuhen, den vier Kleidern und der Macchina sowie dem, was sonst noch kommen wird zwischen Valeggio, Riva und Meran - ein Transportproblem. Aber so ist das nun mal, Gelegenheiten, die man verstreichen lässt, würde man länger und schmerzvoller bedauern als eine unbequeme Heimreise mit den Einkäufen im Fussraum und der Immaculata im Rücken. Die ich im Zweifelsfall auch tragen würde. Man sieht so etwas ja öfters in Auktionen und winselt ob des Limits im mittleren vierstelligen Bereich. Noch dazu, wenn es aus der Toskana stammt. Wenn sie dann an der Wand hängt, ist ihre Reise vorbei, aber mit jedem Blick auf das Bild geht die Reise für ihren Besitzer exakt an jenem heissen Maientag in Mantua weiter, da die Mille Miglia vorbei war, und das Leben wieder begann.

(Ich weiss, Barockmalerei ist nicht jedermanns Sache)

... link (12 Kommentare)   ... comment



: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Montag, 18. Mai 2009

Die grosse Espressomaschinenfrage

Ich konnte und kann dazu nichts beitragen, weil ich keinen Kaffee trinke. Allerdings habe ich nun an exakt dieser Stelle in Mantua



die Espressomaschine nun doch in Rot genommen, weil es besser zu Wasserkocher, Teedose und Kaffeemaschine passt. Was mich allerdings schockiert, sind die extren hohen Preise, die man in Deutschland für derlei Lifestylegerät verlangt. Da war meine Maschine relativ günstig, obwohl auch sie aus Edelstahl und Messing ist, und sich weitgehend des Kunststoffs enthält. Hier im originalen italienischen Küchenambiente:



Und hier - gerne - auch der Link zum entsprechenden Händler in Mantua: http://www.salomoni.net/. Ich trinke keinen Kaffee. Aber ich werde stets, wenn ich die Maschine sehe, an den glühend heissen Tag denken, da ich die eine Hälfte des während der Mille Miglia erschriebenen Geldes in dieses noch zu schleppende Schwermetall investierte, und die andere Hälfte, nun, das ist eine andere Geschichte.

Findet die Maschine Gnade vor den Augen der Leserschaft?

... link (40 Kommentare)   ... comment