: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Sonntag, 1. April 2007

Halcyon Days

Müsste ich meine Feindbilder beschreiben, derer ich doch einige habe, käme relativ weit oben Folgendes: Ein PR-ostituierter einer Firma wie beispielsweise SinnerSchrader in der offenen blauen Kretinblechdachkutsche des Opel Tigra Twin Top mit Weicheiwindschott und 40 Sachen die Kurven der Brenner Staatsstrasse runter kriechend, neben sich eine anämische Hungerblondine namens Anja oder Tanja, die alles mit dem Kamerahandy aufnimmt, und beide tragen Baseballkappen amerikanischer Hochschulen und dazu Sonnenbrillen von Oakley und Versace - und ich komme von hinten mit lässigen 160 entspannten 110 erlaubten 80 daher und muss wegen diesem verfluchten Gimpel meine kurvengierige Barchetta abbremsen. Das sind die Momente, in denen ich Dinge sage, die ich noch nicht mal bloggen würde. Ich bin der zivilisierteste Autofahrer der Welt und ein Kavalier am Steuer, ich bremse für alles und trage Kröten über die Strasse - aber auch für mich gibt es Grenzen.

Weil ich diese Feindbilder habe, suche ich wie jeder Mensch natürlich Distinktionsmerkmale. Und zu diesem Zweck habe ich eine lange Liste von Gegenständen, die mir helfen sollen, eine derartige Existenz zu vermeiden. Manches hat sich gefunden, anderes hingegen lässt sich äusserst schwer beschaffen. Ich bin einer derer, dem ein Gegenstand weniger bedeutet als seine Geschichte, und deshalb will ich keinesfalls bei Ebay irgendwelche fabrikneuen taiwanesischen Kopien bestellen, sondern das, was Alter und Erwerb zum Unikat werden lässt. Heute morgen, nach dem Aufstehen, dachte ich über die bevorstehenden Reisen nach, und dabei ging ich die Liste der Desiderate durch, die mir nun schon seit über einem Jahr fehlen. Da wäre eine Fliegerbrille von Halcyon. Eine englische Halcyon Mark IX, deren Ruf ironischerweise aus einer äusserst unruhigen Zeit stammt - beliebt war diese Brille mit ihrem Messinggestell und der handgenähten Ledermaske während des Battle of Britain. Ausserdem waren alle alten Lederhauben, die ich bislang fand, definitiv zu klein für meiner 59er-Schädel. Und dann bräuchte ich schon seit längerem eine funktionierende Kamera im Stil der originalen kleinen Leica. Nachdem meine russische FED leider Filme frisst, wie ein PR-olet das Fingerfood. Eine lange Liste. Besonders, wenn der einzige Flohmarkt am ersten Sonntag im Monat bekanntermassen erbärmlich ist.



Und dann ging es ganz schnell. Nach 10 Minuten hatte ich einem älteren Herren, der nun schon seit 30 Jahren nicht mehr Cabrio fährt, die Halcyon Mark IX abgekauft. Zwei Stände weiter lag in einer Kiste "vom Opa" die gesuchte Lederhaube in der passenden Grösse - bis auf den Kinnriemen, aber den macht man ohnehin nicht zu. Und dann war da noch der junge Einwanderer, der neben einem Haufen alter Minoltas, Nikons und Praktikas auch von daheim eine - nach der Seriennummer - praktisch neuwertige Eport-Zorki 1C aus der Zeit um 1952 mit Industar 22 Objektiv hatte. Zorkis und FEDs und die darauf basierenden Leica-Fälschungen sind übrigens auch ein schreiend komisches Kapitel der Globalisierung, aber dazu wann anders.

Jetzt habe ich für den Preis dessen, was ich einem Hamburger PRlers für zwei Wochen Arbeit im Steinbruch zu zahlen bereit wäre, eigentlich alles beisammen, um zu starten, goldenen Tage, die halcyon days des Frühlings.

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Topffindende Deckel

Früher war alles einfach. Damals, während des Studiums. Da konnte man munter Vorlesungen und Seminararbeiten schieben, um schnell mal hierhin zu brausen und dort zu verweilen. Mit Ausnahme der turbulenten Jahre 1999-2002 ist es auch danach bei den Möglichkeiten geblieben - allein, es fehlt an der Möglichkeit, diese Zeiten in Einklang zu bringen. Kann der eine, fehlt es dem anderen an Urlaub, hier kommt etwas dazwischen und dort stehen dringende Arbeiten an, die sich plötzlich so ergaben. Sollte es dann zeitlich doch passen, geben die Wünsche dem Urlaub dem Rest - so sucht das famose Stilhäschen partout einen Freund von Schnee und Obstler, um den Fängen der Antons aus Tirol und der Gerards aus Chamonix zu entgehen, aber keinen wie mich, der mit ihm durch Oberitalien brausen wollte - mag sich vielleicht spontan ein Leser ihrer Suche nach einem geeigneten Pistenhupfer annehmen?



So also dreht sich die Weltkugel, auf der wir kleiner Fliegendreck kleben, während uns da oben das himmlische Geschick verlacht. Die schönsten Reisen werden stets die sein, die wir verpasst haben, das beste Essen war nie auf unserem Tisch, und das satteste Röhren des Motors in den Bergschluchten haben wir erst dann vernommen, als wir daheim davon träumten. Es ist ein Fluch, es nicht zu tun, und deshalb tut man es dennoch. Denn freundlicherweise hat sich eine Begleiting gefunden, die parallel zum abgesagten Kongress nun bereit ist, alle Freuden Frankens und Bayerns auszukosten, bevor es dann endgültig nach Italien geht. Diesem April also trotzen wir seine allerbesten Seiten ab, diesen April nehmen wir mit und lachen derer, die statt dessen in dumpfigen Räumen versauern, und spenden Tröstung allein denen, die sich zumindest am matten Abglanz der Reiselust im Reiselogbuch erfreuen wollen. Keine Kurve, die nicht gefahren, keine Autobahn, die nicht vermieden wird, was sollen wir Zahnschmerz und Erkältung fürchten, ist die heisse Zitrone doch unser täglichen Begleiter, und den Kiefern wird noch lange warm sein von den Köstlichkeiten, die dieses Land herzugeben nicht umhin kann.

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