: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Mittwoch, 17. April 2013

Es kommt immer darauf an, wie man es sieht

Fr Agrigent sollte man neben der kunstgeschichtlichen Ausrichtung auch Erfahrung in Bodendenkmalpflege mitbringen, dann ist das alles gar nicht so schlimm. Es steht ja alles noch. Und wird sicher auch noch stehen. Ja, es wird sogar hin und wieder etwas gemacht. Zu wenig, um den Zerfll aufzuhalten, zu viel Neubau, um das Stadbild zu retten, aber Agrigent ist nicht tot. Nur todkrank.







So todkank dann allerdings wieder, dass der potenzielle Käufer, dem das Klima zusagt und den kein Heuschnupfen plagt, aber auch keinerlei "Habenwill-Gefühl" überkommt. Sowohl der Rokokopalast als auch der gotische Wohnturm sind zu verkaufen, aber es geht nun mal um Lage, Lage, Lage - und Agrigent ist mehr ehrlich denn touristisch. Man könnte auch sagen: Das ist kein Ort, der auf Dauer zumutbar wäre. Selbst mir zu echt.







Kunstgeschichtlich fair ist das natürlich nicht, denn das, was man an Capriccios bewundert, den Zerfall, die gelangweilten Leute, die Ruinen, das Pittoreske des Niedergangs, erlebt man hier in der Version des 21. Jahrhunderts. Vielleicht muss man sich in die Exotik des Ortes eindenken, und in das Leben, das ganz anders ist als in den Hochburgen des Tourismus: Hier gibt es eben keine Cafes und keine Guccihandtaschen an Schülerinnen. Hier ist der Süden. Armut sieht halt wie Armut aus. Man hat hier andere Sorgen als perfekt gestrichene Fensterläden. Man hat noch Plumpsklo auf dem Balkon.







Nach einer gewissen Eingewöhnungszeit habe ich dann verstanden, wie ich Agrigent packen muss: Als grandiose Kulisse für einen 70er-Jahre Mafiafilm. Als Hintergrund für die Musik von Napoli Violenta. Ich bin da, ASP aus und Drehzahlmesser auf rot, durchgekurvt mit meinem Lancia, mit 70 die Rampen hoch und über Treppen gerannt: Hier passt alles. Jeder Blick eine Einstellung, eine klaustrophobische Kamerafahrt, und dafür reicht es schon, einfach zum geschlossenen Dom zu gehen. So betrachtet ist Agrigent gamz, ganz toll. Die Enge, der Schmutz, überhaupt ist Agrigent wie ein malerisches Berlin mit Sonne und Meerblick. OK, die Leute sind hübscher und freundlicher und es gibt dort keine organisierte Juntakriminaliät unter Donna Merkel. Aber gerade der Dreck könnte Berlinern helfen, sich an eine zivilisierte Gegend zu gewöhnen.







Schade ist es natürlich trotzdem. Manchmal wäre es ja nur eine Kleinigkeit, um eine Ecke wieder schön zu machen. Es gibt hier so eine ganz besondere Fähigkeit zur Verscheusslichung von Bauten; man müsste einfach nur anders damit umgehen. Aber vermutlich fehlt nicht nur das Geld, sondern auch das Verständnis. Und dann diese Allgegenwart des Billigsten: Sizilien hat es einfach mit dem Plastikstuhl, und der kann einem alles, jeden Ort und jedes Restaurant verleiden.







Also, Agrigent ist schon toll, und hinter jeder Ecke ist eine Überraschung, manchmal schön und oft schrecklich. Diese Stadt ist untot, und am Ende des Tages bin ich doch froh, zurück in meinem internationalen Komforthotel zu sein, das mit einem Normannenschloss sizilianisch tut, aber schweizerisch funktioniert. Ich bin gern mitten im normalen Leben, wenn ich in Italien bin, und vielleicht könnte ich mich auch an sizilianische Städte gewöhnen: Aber einen Tag über die Stufen springen und kein einziges Cafe finden reicht auch.

... link (8 Kommentare)   ... comment


Macht Euch um mich keine Sorgen

21 Grad am Morgen, keine Wolke, Schmalzgebäck mit Vainille zum Frühstück, der Tee ist auch gut und ich soll schön vom Meer grüssen. Sizilien ist übrigens gerade sehr grün.








... link (11 Kommentare)   ... comment