: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Freitag, 5. November 2004

Real Life 05.11.04 - Wanderung in der Mark Pankow

Gleich hinter dem Bahngleis ist der ehemalige Todesstreifen, und mitten drin stehen alte, spätstalinistische Gebäude, mit einem letzten Anflug von klassischer Moderne, wahrscheinlich Stasi oder Volksarmee.



Das Areal ist mit Stacheldraht eingezäunt, der Weg dorthin, zwischen zwei Schienensträngen und vorbeiratternden S-Bahnen, ist vom Alter zerrissen und verschwindet Brocken für Brocken im Sand. Niemand kümmert sich um den Komplex. Es gibt wahrscheinlich eine Behörde, die zuständig ist, aber das heisst nicht, dass sie sich jenseits der normierten Einzäunens mit ISO-Irgendwas-Draht in Standardhöhe zuständig fühlt. Die Mauern sind an allen erreichbaren Stellen mit Grafitti übersprüht, aber die Kasernen sind hoch genug, um noch immer ihr originales graubraungelb zu zeigen.

Weiter hinten dann, wenn der Zaun vorbei ist, kommt wieder der Müll, der unvermeidliche Begleiter jeder Wanderung in Berlin, die länger als 10 Minuten dauert. Sanitärkeramik, Autoreifen, Plastikflaschen in kaufmichbunt, Fragmente von Möbeln und immer wieder Papier und Dosen. Dazwischen ein scheinbar intaktes Fahrrad, und ein am Zaun, auf einer Matratze, wahrscheinlich die Besitzerin, ein trotz der Kälte bauchfreies Mädchen und noch eines mit Rollerblades an den Füssen, vielleicht 12 oder 13 Jahre alt, wenn überhaupt. Sie rauchen ungeschickt Joints, und als sie mich bemerken, sehen mich erschrocken an, aber ich nehme sofort die Kamera zur Seite, drehe mich um und gehe über den zerborstenen Weg hinunter zum grauen Asphalt. Falls die beiden sich was aufgeregt zuflüstern, könnte ich es nicht hören, denn in diesem Moment senkt sich der Lärm eines landenden Flugzeuges über das Niemandsland.

Die Passagiere, die dann in Tegel aussteigen, können sich der Illusion hingeben, dass sie gerade über eine Art Grünfläche angeschwebt sind. Vielleicht gehen sie heute Abend noch Essen, in eine bessere Gegend, trinken zu viele Cocktails und reden über den Flair der Hauptstadt.

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Fleischtöpfe

Zwei Aufrufe, notleidenden Menschen in Afrika zu helfen.



Rechts daneben: Eine Fleischerei, die schon seit ein paar Jahren dicht gemacht hat. Die Rolläden sind verstaubt, schmutzig, man hat den Eindruck, dass es nach Verwesung riecht.

Dahinter: Ein paar hundert Meter Trümmergrundstücke. Die Keller der ehemaligen Arbeitersiedlung, nahe dem AEG-Werk, stecken noch wie faule Zähne im Boden. Eines der bevorzugten Ziele der Bombenpiloten im 2. Weltkrieg, eine der bevorzugt vergessenen Regionen danach.

Links daneben: Weil das Grundstück so praktisch an der Strasse liegt, und 5 Meter tief ausgehoben ist, hat sich unter den Bäumen eine wilde Müllkippe breit gemacht. Die Strasse runter dann ein halbes Dutzend Läden, die zu vermieten sind.

Wahrscheinlich haben die gutmeinenden Initiatoren die Plakatflächen umsonst bekommen; kaum zu glauben, dass sich in dieser Lage viel damit verdienen lässt. So gesellt sich Elend zu Elend - auch wenn die Not auf den Plakaten weitaus ästhetischer als die Realität inszeniert wird. Keiner hat hier ein künstlich-strahlendes Lächeln wie die engagiertes Tagesschausprecherin.

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Donnerstag, 4. November 2004

Monochrom

Sie hasst es. Sie will nicht photographiert werden, schon der Gedanke ans still sitzen oder gar liegen bereitet ihr seelische Qualen. Aber jetzt muss es aus irgendeinem, dir nicht genauer mitgeteilten Grunde doch sein, ja, sie verspricht nicht zu jammern, aber sie stellt die Bedingungen. Schwarzweiss sowieso, es sollte aussehen wie ein Bild aus den 20er Jahren, ganz scharf, weil sie grosse Abzüge machen will, und trotzdem "irgendwie so weich, du weisst schon", weil sie schön sein will, und keinesfalls so ein hässliches Digitalbild.

Deine Bedingung - auch ein, zwei erotische Bilder, nur mal so zum Ausprobieren - quittiert sie mit einem marzipanweichen "Vielleicht". Du bist froh, dass du viel Geduld und eine russische Kopie der Leica II besitzt. Du brauchst jetzt eigentlich nur noch nicht allzu gutes Filmmaterial, um diese typische 20er-Jahre-Körnung hinzubekommen. Illford ist viel zu gut und scharf, die DDR-Orwo-Filme sind längst vom Markt verschwunden. Aber du hast vor kurzem bei ihr in der Nähe ein Geschäft gesehen, das Monochrom heisst und sich auf Schwarzweiss spezialisiert hat.



Wie es mit ihr ausgeht, steht bei Restaur.antville

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Strasse der Verlierer

Fanatiker, Irre und Psychopathen sind, als Einzelpersonen, nicht nur zu ertragen, sondern auch wichtiges Korrektiv jeder Gesellschaft - zumal, wenn sich später irgendwann mal erweisen sollte, dass sie doch nicht ganz Unrecht hatten, mit ihren Ideen. Schlimm wird es nur, wenn sich die Durchgeknallten zusammenrotten, sich auf einen grösstmöglichen gemeinsamen Nenner einigen - in der Regel die Übernahme der Weltherrschaft - und in ein Dorf, eine Stadt oder eine neudeutsche Area oder Cluster ziehen. Dann fällt die nötige Reibung mit der Realität, die verändert werden soll, weg. Dann fangen sie an zu glauben, dass ihre Realität schon erreicht ist.

Man muss sich doch nur umschauen. Da hinten bestellt eine ihr Essen über Internet. Da drüben redet jemand mit der neuen dependance in Shanghai, wo auch alle so denken. Shanghai rules sowieso, da sitzen vielleicht Freaks. Und ein Stockwerk drüber ist die Kommunikationsagentur, die das schon richten wird, wenn mal doch jemand da draussen glauben sollte, dass er noch mit seinem alten Scheiss etwas zu melden habe. Die Jungs vom Filmwerk werden das der Mehrheit schonend, witzig und nachhaltig beibringen.



Oder auch nicht. Besonders, wenn die Kommunikationsstrategien der Irren nur von den nächsten Durchgeknallten zu verstehen ist. Da helfen keine grossen Etats, keine Werbekampagne, nichts. Irgendwie muss man den Opas, den kleinen Angestellten und den Hausfrauen mal erklären, warum sie all das Zeug, das Credo der Cluster, die Ideologie der Areas gauben sollen. Denn nur 10 Meter davon entfernt gelten sie bestenfalls als komische Typen, die was tun, was niemand versteht.

Dann verschwinden erst mal ein paar Schilder, und dann, wenn es doch etwas heftig werden würde, bleiben auch Schilder da, wenn die Leute schon weg sind. Die Schilder exopandieren sogar manchmal, auch wenn die real bewirtschafteten Räume schwinden. Aber der Club heisst immer noch Rheingold. Das, wie man wüsste, wenn man sich ernsthaft mit alter Kultur auseinander gesetzt hätte und nicht nur zu Wagner gegangen ist, um den japansichen Geschäftspartnern vor der Bordelltour noch einen Freundschaftsdienst zu erweisen, das also bei allem Funkeln und Gleissen den Besitzern und allen, die danach strebten, zum Verderben gereichte.

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Mittwoch, 3. November 2004

Wegen Berlin Bashing

das sich hier und dort ja stets angeregter Debatten erfreut: Wollen Sie bitte im Kopf behalten, dass es sich bei dem Autor dieses Blogs um justament die Person handelt, der in Rezensentenkreisen nachgesagt wird, eine der bösesten Abrechnungen mit München verfasst zu haben?

Angesichts der verrotteten Ausgangsmaterials dieses Slums Berlin bei Marzahn hat es in Relation dazu wirklich eine liebevolle, nachgerade zärtliche Beschreibung erfahren. Nix Bashing.

So. Jetzt erfreuen Sie sich bitteschön an diesem fürsorglich in der Choriner Strasse abgestellten Kühlschrank, der so voll ist, wie das bei Berliner Studenten nun mal typisch ist, und denken Sie daran: Berlin und Rauchen kann tödlich sein.


(so sehen echte fiese Drecksphotos aus, girl. Wenn schon, denn schon)

(Beiseite: IGITT!! BÄH! Wie kann man sowas nur tun? Wieso macht da keiner was?)

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Grundsatzurteil

Ebay ist praktisch tot. Gutes dazu bei Girl.

Und Viva lebt auch nicht mehr richtig - Arbeitsplatzabbau in Köln, Massaker unter Viva-Managern, MTV-Machtergreifung auf allen Ebenen.

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Es gab eine Zeit in München,

zu der man froh sein konnte, wenn man nach den Semesterferien noch alle Studies beisammen hatte. Bis Sommer 2001 saugte die New Economy die Leute vom Studienplatz weg hinein in die Business Hölle, aus der sie dann als Studienabbrecher mit vollem Kleiderschrank und leerem Konto in die Arbeitslosigkeit ausgespuckt wurden. Dafür gab es viele Gründe; sie hiessen Business 2.0, Tomorrow Focus, Quam, falls das noch jemandem ein Begriff ist.

Dann brach die Zeit an, in der man die Haare wieder verwuschelter trug, die Perlenkettenträgerinnen das Studium wieder ruhiger angingen, und viele auf die Idee kamen, dass Internet ja doch nicht so wichtig ist und PR viel interessanter sein kann. Manche gaben die Karriereträume auch ganz auf, weil es ja egal war, ob man als Leistungsträger oder als freier Kreativer keinen Job bekam; lieber den Vormittag im Cafe sitzen als im Arbeitsamt oder bei Qualifizierungsmassnahmen in staatlich überbezahlten Software-Akademien mit Zewa-WischundWeg-Diplom.

Nachdem der Vormittag im Cafe für normale Studentinnen in München praktisch unfinanzierbar ist, setzte an dieser Bruchstelle die Entscheidung ein, München zu verlassen. Sie sagten, in Berlin wäre alles soo viel billiger, die Leute wären offener, es würde viel mehr passieren, und überhaupt sahen sie bald so aus wie Felicitas Woll, die die Figur des Landeis Lolle in "Berlin Berlin" gibt. Spätenstens, wenn sie dann Ringel-T-Shirts trugen, war klar, dass es nicht mehr lange gut gehen würde. Jeden Vorabend wurden die immer gleichen Botschaften in die Köpfe gedroschen: Berlin Berlin ist so viel besser, kreativer, jeden Tag eine neue Chance, jeder Tag ein neues Glück, ausserdem viele Freaks, Schwangerschaften, auch etwas lesbischer Sex und all das Gefühlsleben, das sie sonst nicht haben, zumal in München, wo es eigentlich nur 2 Alternativen gibt: Freund oder Freiwild, beides übrigens nicht wirklich spannend.



Fanden sie. Und zogen nach Berlin, fühlten sich wie Lolle und versuchten, das alles irgendwie nachzuspielen. In der Kastanienallee gibt es noch hunderte dieser Lolle-Darstellerinnen; die, die früher kamen, kellnern für die, die jetzt erst anreisen. Manchmal läuft auch ein Rastaman an ihnen vorbei, der leise Haschisch murmelt, und dann fühlen sie sich sehr grossstädtisch, übersehen den Hundehaufen, den es im Film natürlich nicht gibt, werden an der Kasse betrogen, kochen auf ihrem schlecht gewarteten Gasherd und essen die Nudeln aus dem Topf mit dem einzigen Löffel, den sie in der Mikrobenzucht ihres Waschbeckens finden konnten. Nein, so war das nicht im Film, und so wird es auch nie mehr sein, denn die ARD hat ein Einsehen und stellt die Propagandaausstrahlungen für die Reichshauptstadt ein.

Und die Hauptdarstellerin zieht in die Provinz, nach Stuttgart Stuttgart, wo die Bevölkerung wohlhabend und die Selbstmordrate niedrig ist. Gar nicht so dumm, die Darstellerin. Tübinger Zahnarzttöchter müssen sich jetzt neue Illusionen suchen.

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Dienstag, 2. November 2004

Drinnen/Draussen

Eine Geschichte des Danach,
des späten Abends,
der feinen Demarkation,
die ein Glas Wein für 5 Euro ausmacht,
der prokapitalistischen Schutzwälle
aus frisch geputztem Glas,
also eine Geschichte



vom Glanz unserer Städte,
von der Grösse des Konsums,
vom Goldgelb des teuren Whiskeys in den Gläsern
und der Laternen auf der kalten Strasse,
von den abgefüllten Einkaufswägen und Menschen,
von der Geselligkeit und den zerbrochenen Chancen,
von denen, die sicher auf ihren Stühlen sitzen
und den anderen, die vielleicht an Rebellion denken
und noch immer nicht mit Stuhlbeinen schwingen,
vom Müll, vom Reichtum, vom Überfluss
und denjenigen, die ihren Überfluss wegwerfen,
aber nicht abtransportieren können,



und am Ende klammern sie sich die einen
vielleicht an den Rollwägelchen der anderen,
der von ihnen so verachteten Konsumkrüppel fest
und kotzen einen gelben Strahl privates Gesöff
in den veröffentlichten Raum,
unter dem Bruchgold des
vernebelten Lichts
in unseren
Städten.

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Das grosse Einfach

2002, auf einem VC-Kongress im Süden des Landes. Unter all den aufgeregt schnatternden deutschen Bizz-Gurus, den Specialists für alle nur denkbaren Emerging Markets, war die Stimmung denkbar schlecht. Lange Debatten, endlose Podiumsgespräche, nervtötende Key Speeches auf Englisch für die drei amerikanischen Gäste. Die konnten vorzüglich Deutsch und amüsierten sich prächtig über das ihnen zu Ehren veranstaltete Gestammel.

Irgendwann hatte sich der letzte Moderator des Events während einer sehr weitschweifigen Antwort eines deutschen Jungunternehmers zu seinen Erfolgen die Gelegenheit, eine wirklich niedrigschürfende, alles umfassende und nur mit allgemeinem Geblubber zu beantwortende Frage für den US-Boy ausgedacht, der mit auf dem Podium gesessen hatte. Nachdem der SoftwarefürEntertainment-VonundZuIrgendwas sienen Vortrag beendet hatte, wandte sich der Disskussionsleiter mit devotem Grinsen an den lang und breit als einzigartige, bewunderte Koryphäe eingeführten Gast, stellte die üppige Frage und setzte nach "What do you think - where should wo go to?"

Der Amerikaner sah kurz ins Publikum und sagte: "I think we should go to Lunch." Was die Debatte auch beendete.

Und ich würde behaupten wollen, dass all das aufgeregte Geschnatter des "alten Europas" ob der Wahl in Amerika letztlich mit einer ähnlichen Lakonie beantwortet wird. Das wird schon. Und heute abend gibt es auch gutes Essen beim Empfang der Amerikanischen Botschaft in Berlin, dazu ein Internetcafe, und bei Chuzpe.Blogger wird dabei auch heftig geblogt.

Ach so, ja, der Jungunternehmer von damals schaffte es, seine Firma zu verkaufen - allerdings bekamen nur die VCs etwas Geld, und letztlich blieben sie alle auf enttäuschten Hoffnungen und verlusten sitzen.

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Wenn ich mal wieder lächeln will,

werde ich in Zukunft einfach an so manche entglittene Gesichtszüge denken, die gewissen Personen, Avataren, Doppel-, Tarif- und Halbmoralisten gehören, die das hier lesen: "wenn wir nicht jedes anonyme Kommentararschloch dreilagig extraweich abwischen", und die dann prompt hektisch den Kommentarknopf suchen und nutzen.

Oh ja, und dann werde ich lächeln.

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Dienstag, 2. November 2004

3900 qm zu viel

und auch die mickrigen 80 Quadratmeter mit Aussicht auf die Allee werden es schwer haben. Zu gross für die Ich AGs der New Media Szene, und viel zu teuer, angesichts des Home Office, wo der Küchentisch den Besprechungsraum und das Schlafzimmer die Recreation Area ersetzt.



Die Tafel wird wohl noch eine Weile dort stehen bleiben; vielleicht länger, als der für die Verwirklichung der Vision nötige Immobilienfond Bestand hat. Gut für die Bäume, die Grünanlage und das graubraune Haus dahinter, das in seiner Tristesse immer noch den Charakter hat, der dem geplanten Glasloch mit Stahlskelett fehlen wird, bis zu dem Tag, an dem sie das Ding wieder abreissen. 20 Jahre, schätze ich.

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DCT-Insider - Miese Stimmung

bei den Mietlingen in der oberen Etage von News-Frankfurt, was man so hört. Jedenfalls war mein Gesprächspartner von Springer - mit der Welt Kompakt Konkurrent um den Frankfurter Tabloid-Markt - ziemlich relaxed, und meinte, die grossen Mietlinge würden die wenig schöne Lage der News bald die kleinen Unter-Tarif-Mietlinge spüren lassen. Und vor allem die Werbungsbeschaffer, die das Geschäft "ums Verrecken" nicht auf die Reihe bekommen, sagte der Springermann und wies darauf hin, dass mitunter über 50% der "Werbung" konzerninterne Buchungen von anderen Holtzbrinck-oder Milchstrasse-Medien sind. Das sollte eigentlich viel besser laufen, laut Plan, meint er. Sicher nur böse Unterstellungen der Konkurrenz, wird man bei News-Frankfurt morgen verbreiten.

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Eine der Unannehmlichkeiten

der Auszeit von DCT ist, dass sich hier die schönen Finals ansammeln - Apovia in Martinsried, beispielsweise, ein Hoch auf die bayerische Staatsregierung und ihre weise Förderungspolitik, und jetzt wird es noch schlimmer: Ein Treffen mit einer gewissen Person steht bevor, das eigentlich in einen typischen 10.000-Zeichen-Boo gebacken werden müsste. Nein, sicher keine unanständige Apovia-Geschichte (welches Hirn erfindet eigentlich solche Namen?), aber dennoch...

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Einladung zum Alptraum

Business Plan Wettbewerb 2004/5. Aus irgendwelchen undefinierbaren Gründen bin ich immer noch im Verteiler, und ja, ich habe mich schon dreimal abgemeldet. Das Thema ist nicht tot, es ist schon in Verwesung. Früher waren die Events ganz nett, aber heute ist es nur noch lächerlich. Ein paar Studenten, und Dutzende von subalternen Angestellten von Kanzleien, Beratern und PR-Dienstleistern, die sich hier erste Kontakte, Mail-Adressen und Business-Cards aus dem Farbdrucker mit Perforierung verschaffen sollen. Restbestände der New Economy, die immer noch an ein Leben auf der Überholspur glauben. Jamba hat es doch auch geschafft, werden sie auf dem Podium sagen, und auch sonst gibt es genügend Anzeichen für die Besserung, es gibt neue emerging markets, man muss antizyklisch denken, und besser vergessen, dass das während der letzten 4 Jahre auch schon oft gesagt wurde. Von denen, die es damals hörten, ist aber längst keiner mehr da.

Nein, sie sind nicht pleite, wie fast die gesamten Alumnis von 1999 bis 2001. Sie haben einfach kein Geld bekommen, und so klug, dass sie inzwischen um die Notwendigkeit von Brennstoff für das Rasen auf der Überholspur wissen, sind die Überlebenden inzwischen geworden. Learning bei Verrecking. The early Bird gets the poisioned worm. Das Geld liegt auf der Strasse, die VCs müssen wieder investieren, und 90% Pleiten oder Walking Dead sind eingepreist. Willkommen bei der Totentanzpolonaise im Vorloft der Hölle, nur drei Finanzierungsstufen bis zum Exit, so oder so....

Vielleicht sollte ich doch hingehen.

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Sonntag, 31. Oktober 2004

Alles super

wenn man mitten im Moloch eine Tanke findet, den Wagen abfüllt und raus kommt, mit Vollgas irgendwohin, wo noch nicht alles kaputt und Zukunft noch was anderes als die verschärfte Fortsetzung des Niedergangs ist.



Weniger super, wenn man das zwar täglich lesen kann, aber hier bleiben muss, wo absolut gar nichts super ist. Gut, gegenüber ist ein kleines Bordell, bei dem die Fenster sowieso verrammelt sind, eine Autovermietung und dann, weiter hinten, eine Industriebrache. Aber das dunkle Haus dahinter ist auch im strahlenden Sonnenschain bitterfeldgrau, und über die laute Bahntrasse werden alle paar Minuten, wie zum Hohn, abgearbeitete, frustrierte, verarmte Menschen vorbeigekarrt, für die Glück schon bedeutet, nur einmal auf dem Heimweg nicht von irgendjemand angemacht zu werden, dem es noch dreckiger geht.

Alles super, lesen sie, wenn sie den Blick vor dem kommenden, vielleicht auch ihrem eigenen kommenden Elend abwenden und die Leuchtschrift lesen. Fehlt eigentlich nur noch ein Mc Donalds Plakat mit "Ich liebe es [tm]".

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Mitmachender Mietling

Wenn der Mut zur roten Klaubrigarde nicht reicht, dann muss das Geld eben woanders herkommen, ganz gleich wie jung und antikapitalistisch man ist. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass der Name eines früheren, na sagen wir mal, Bekannten, heute im Entwicklungsteam einer mässig erfolglosen Contentkonzerns zu finden ist. Weit unten, da wo Marx heute wohl das Proletariat beim Talkshow-Interview ansiedeln würde, wenn er noch leben würde - aber dann würden ihn Typen vom Schlage meines Bekannten wohl auch nicht mit Marx-Lesegruppen ehren.



Immerhin müssen die Möchtegern-Revoluzzer heute nicht mehr bei Opel ans Band, müssen sich nicht mit bildlesenden, bordellbesuchenden und sonstwie reaktionären Arbeitern rumschlagen, sondern können sich dem Glauben hingeben, dass die Stock Options ja auch eine Art Gemeinschaftsfirma aus der windigen Klitsche machen. Man hält zusammen, keiner geht früher, das Klima ist gut, die Topfpflanzen sind grün, und wenn man beim Syndizieren von Inhalten rechtlich in die Grauzonen kommt, sorgt das Kollektiv schon für ein ruhiges Gewissen. Ist ja Befehl von oben, und das Urheberrecht hat man nicht gemacht. Ist aber eine klasse Idee, billige Flatrates bei Amateuren buchen und dann durch 70% Aufschlag Profisätze nehmen.

Aber es wird noch dauern, bis sie das wirklich anwenden können. So schnell läuft das auch in der digitalen Ökonomie nicht. Bislang sind Kunden eher Mangelware, wie Trabbis im Osten. Vielleicht hat er ja noch seinen Trabant, den er damals im Winter fuhr, um seine schwarze Ente mit dem roten Stern zu schonen.

Damals, vor drei Jahren, sagte er übrigens noch, dass die New Economy Pleite der Herbst 89 für die faschistisch-kapitalistische Dikatatur des Westens sei. Aber vermutlich kam so die Mark nicht zu ihm, und deshalb geht er jetzt zum Euro. Auf den er, wenn es über normale Abrechnung läuft, wahrscheinlich lange wartet, oder er ist Freier und stellt einfach so eine Rechnung, ohne Steuernummer und Sozialabgeben, die dann irgendwie über betriebliche Mehrausgaben abgerechnet wird. Wahrscheinlich findet er es sogar gut, auf diese Weise das AsozialeSchweineStaatssystem zu schädigen. Beschleunigt die Weltrevolution. Garantiert.

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Sonntag, 31. Oktober 2004

Real Life 30.10.04 - Starting up

Allererste acht Schritte nach dem Einbringen des Gepäcks in die Räumlichkeiten.



1. Netzteil in die Steckdose.
2. Computer an das Netzteil.
3. Computer booten.
4. Netzteil an die Steckdose.
5. Aktivboxen an das Netzteil
6. Aktivboxen an den Computer.
7. MP3-Player aktivieren.
8. Daheim, evtl. küssen.

In genau dieser Reihenfolge ist das junge, künstlerisch-creative Paar die Strasse runter in den leeren Laden eingezogen.

Nur ohne küssen. Erst danach kam die Glotze, die inzwischen auch schon läuft.

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In dem Gebäude links

sollte eigentlich Politik gemacht werden. Politik im Sinne der Medien, die es mal mit internationalen Thinktanks, dann wieder mit diskreten Treffen versuchten. Man wollte mit am Tisch sitzen, networken, bei den Entscheidungen dabei sein. Und wenn man schon nicht an den Tisch des Ministers kommt, hiolt man eben den Staatssekretär an das eigene Buffet.

Die Idee war nicht dumm, aber an der Realität vorbei. Wenn man etwas zu spät von einem anderen Termin kam, stand oft schon ein Wagen mit laufendem Motor vor dem Eingang, ein wichtiger Staatsmensch stürmte raus und fuhr irgendwohin, wo er sich das Theoriegewäschirgendwelcher Wissenschaftler nicht anhören musste. Berliner Republikflucht, wenn man so will.



Inzwischen, nach der Sommerpause, sind die Termine weniger geworden. Das grosse Konzernschiff hat genügend strukturelle Probleme. Manche Sparten brechen komplett weg, man hat sich auf zu viele Felder eingelassen, man verdient noch Geld, aber es wird nicht besser, sondern schlimmer. Neue Impulse sucht man vergeblich, Zukunftsmärkte gibt es nicht. Für das Internet hat man noch immer keine Strategie, und selbst wenn man sie hätte, wäre sie aufgrund der internen Streitereien veraltet, bevor sie wirken könnte.

Und der politische Ansatz des Konzerns wird, wenn man ehrlich ist, nirgends ernst genommen, ausser bei der Spesenabrechnung der Wissenschaftler natürlich. Womit es der Firma aber auch nicht recht viel besser geht als den anderen, die südwestlich davon in einem Hochhaus versuchen, ihr halbintellektuelles Schlachtschiff irgendwie über Wasser zu halten. Berliner Republikfluch, wenn man so will.

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Freitag, 29. Oktober 2004

Shop in the Making

Die Räume, muss man sagen, die sind toll. Draussen bröckelt der opulente Putz der 1870er Gründerzeit, drinnen herrscht die Klarheit der Post-New-Economy. Seit diesem Sommer beobachte ich diesen Laden:



Eine Mischung aus Klamottenladen, Design-Agentur, Kleindisco, Eventlocation, Treffpunkt, mitunter sogar Anlaufstelle für Kunden. Die Website ist seitdem soon to come. Manchmal würde ich gerne reingehen und fragen, ob sie über die Runden kommen, wie sie es schaffen, aber das wäre sehr indiskret und auch nicht wirklich nett gegenüber Leuten, denen zum freien Unternehmertum kaum Alternativen bleiben.

Lumpenentrepreneure nennt Ingo Niermann das, im Gegensatz zu Lumpenproletariat. Ich mag beide Begriffe nicht, auch wenn im Erfolgsfall aus diesen jungen Kreativen oft, zumindest nach meinem Erleben, die schlimmsten Zyniker werden. Aber wie sollen sie grosszügig sein, wenn sie nie Grosszügigkeit erlebt haben. Schon die Bewerbung an die besondere Designerschule war Krieg, der Kampf um Praktika, schliesslich das Gerangel um möglichst grossartig klingende Professoren. Dann der tägliche Krieg mit den Ämtern, die auch für den kleinsten Kreativen Grosskonzern-Vorschriften anwenden, ohne dass sie sich jemals die entsprechenden Angestellten leisten könnten, die ihnen das abnehmen.

Mal schaun, wie weit sie heute Abend sind. Vielleicht ist dann auch wieder Vernissage oder Party, und ich komme doch mit einem von ihnen ins Gespräch.

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Real Life 29.10.04 - Mobile Marketing

Schaust Du bitte mal drüber, stand in der Mail. W., ein alter Bekannter aus der nordbayerischen Provinz, hat einen Auftrag an der Angel. Ein alteingesessenes Textilunternehmen hat eine "junge Linie" entwickelt, und dummerweise auch noch einen Artikel über Guerilla-Marketing gelesen, das bei jungen Leuten toll wirken soll, zumal, wenn es mit mobile Content durchgezogen wird. Das Budget ist üppig, also steht das auch in seiner Powerpoint. Frage: Ist die Idee technisch umsetzbar.

Gegenfrage: Ist die Idee sinnvoll?

Antwort: Ne. Aber die glauben fest daran.

Also, technische Machbarkeit vorrausgesetzt, wird bald wieder irgendeine bescheuerte Mobile Marketing Company 160 Zeichen "Ruf mich zurück und gewinn geile Preise wie die versaceähnliche Jeans von Hinzengruber Textil Technologies, Günzlingshausen"-SMS rausschicken, und ich überlege mir, was für Typen das wohl sind, die das wollen. 45-jährige Industriekaufleute, die Angst vor der Zukunft haben und deshalb leicht beeinflussbar sind. Gesellschafter, die bei der Mittelstandstagung mit neuen Begriffen brillieren wollen, ohne die Worte "location based services" aussprechen zu können. Statt dessen "Local Base Service" sagen.

Und ich denke an die Rezipienten, die Empfänger, die Kundschaft. Irgendwelche Kids, die vor drei Jahren mal ein paar Klingeltöne geladen haben und seitdem mit SMS gespamt werden. An die Mädis mit dem überzogenen Konto, die sowieso die Hälfte ihres Bedarfs in den Shopping Malls vor der Stadt zusammenklauen. An die Typen, die wegen der Klingelkiste schon im Alter von 14 Jahren ihre knapp über dem Sozialhilfesatz liegenden Eltern zum Kundenberater ihrer Sparkasse zwingen.

Ich denke an die SMS, die irgendwo im Nirwana landen, und an den grinsenden CIrgendwasO-Typen vom Nummernhändler, der als einziger was davon haben wird, wenn er dann das Geld für seine blonde Freundin im gelben, viel zu engen Puli in Cafes rausschmeisst, die gleich neben dem Prada-Shop liegen und deren Latte geschmacklich geschmacksreduziertem, geschäumtem Sperma mit braunem Spülwasser nahe kommt. Danach fährt er dann mit einem Abmahn-Anwalt zu einem krisengeschüttelten Platz Golfen, und redet über die Werbekampagne der Wirtschaftswoche, die er wegen der "Competition-Orientation" klasse findet, für so mobile, leistungsbereite Kämpfertypen wie sie.

So wäre das, wenn, ja wenn es technisch möglich wäre, was sich mein Bekannter da ausgedacht hat. Ist es aber nicht. Die Blondine im gelben Puli wird also eher weiter Mineralwasser aus der Kiste daheim trinken, der Typ vom Adresshändler muss sich Sorgen um die nächste Leasingrate machen, und ein Stickerfreak und paar Studentinnen auf Rollerblades werden sich nächstes Frühjahr was dazuverdienen. Hoffen wir mal, dass die Funkzellen schön gross bleiben.

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