: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Dienstag, 25. April 2006

Real Life 24.04.06 - Die Amsel

Eigentlich musst du fünf Löcher bohren, in ein Brett, um die Regale seitlich abzustützen. Aber dann wartest du noch etwas, setzt dich auf den Liegestuhl und schaust zu, wie der Abendflug aus Nordwesten seine weisse Linie zieht und das Firmament langsam tief blau wird, und hörst auf das Gewirr der Vogelstimmen.



Das mit dem Regen morgen kannst du nicht glauben, die Schwalben fliegen viel zu hoch, 20 Meter über dem Stadtpalast. Auf dem Kamin singt eine männliche Amsel nach einem Weibchen, und lässt sich vom Rauschen des Staubsaugers nicht stören. Der verrichtet, von einer Elitesse geschoben, einen zweifelhaften Kampf gegen den Schmutz im zweiten Stock des Wohnheims. Ein Student kommt dazu und spricht sie an. Er trägt einen blauroten Trainingsanzug mit den drei Streifen, sie einen weissen Rock, ein rosa T-Shirt und Stränchen in den schulterlangen, blonden Haaren. Sie reden eine Weile miteinander, er draussen auf dem Gang, sie drinnen in ihrer Wohnung, und als sie nochmal rauskommt und vor ihm ihren Fussabstreifer ausschüttelt, ist klar, dass das heute nichts mehr wird mit den beiden.

Dann gehen sie in ihre Wohnungen, und überlassen der Amsel das Feld. Nach einer Weile fliegt sie auf das Hausdach neben der Dachterasse, und wenige Momente später landet die Angebetete ein paar Meter weiter. Er sagt jetzt fast gar nichts mehr, schaut sie an, und sie ignoriert ihn. Dann stürzt sie sich in steilem Flug hinunter in die Schlucht zwischen den Palästen, und er jagt sofort hinterher. Du störst jetzt niemanden mehr, also holst du das Brett und bohrst im letzten Licht des Tages fünf Löcher.

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Die räudige Mähre an den Abdecker verkaufen

Ich hatte mal mit der Financial Times direkt zu tun. Da hatte ein Spirituosen- und Muckemilliardär für einen von ihm bezahlten und - wie später bekannt wurde - am Rande des Kriminellen geführten Verein mit einem brunzblöden Editorial die transatlantischen Beziehungen in einem recht sensiblen Umfeld an den Rand der Katastrophe gebracht. Erst als sein Untergebener in Europa angekrochen kam und alles ein Missverständnis sein sollte, renkte sich das wieder so weit ein, dass am Ende zumindest das jetzige Bundeskanzler (das Sun-Seite1-Girl) sich nicht zu schade war, diese Organisation zu hofieren - angesichts der weiteren Entwicklung des Vereins mal wieder ein Griff ins Klo.

Damals schrieb ich ein grosses Feature über die Kräfte, die das transatlantische Verhältnis ruinierten, sei es mit den sinnlosen Programmen auf Kosten der Berliner Republik zum Erhalt ihrer Stellen (1,4 Mitarbeiter pro handverlesenem Gastaufenthalt der Kinder der Freundeskreise der leitenden Mitarbeiter, ein Buttler und am Abend ein Stripper oder ein Freudenmädchen wäre billiger gewesen), oder eben Brachialcholeriker wie obiges Beispiel. Nachdem sich alle Welt fragte, wie die FT so einen Dreck abdrucken konnte, hakte ich bei einem ehemaligen Mitarbeiter nach. Und bekam eine Antwort. Die mich zart lächeln lässt, wenn ich heute vernehme, es gäbe in den Topmedien noch unabhängigen Journalismus, und problematisch wären allenfalls schweissflecklöschende, freie Mitarbeiter.

Insofern freut mich heute die Meldung, dass die Mutterfirma der FT, das Verlagshaus Pearson, den Verkauf der FT nicht mehr ausschliesst. Vermutlich werden da längst Zigarren an den Kaminen der britischen Private Equity Firmen geraucht. Ein, zwei Namen mit einem hübschen Portfolio, die für anstehende Exits gute Presse bräuchten, fallen mir da ein, zumal die Kosten für so ein schlingerndes Flackschiff mit Geldlecks und Wasser bis ins erste Kanonendeck nicht mehr allzu hoch sein dürften. Und der deutsche Ableger, der bislang enorme Verluste eingefahren hat, könnte dann den Beweis antreten, dass sie Wirtschaftskompetenz und Neoliberalismus bis zum im Strassengraben verrecken nicht nur abdrucken, sondern auch praktizieren: Ab mit den Leuten zu Hartz IV und ein bodenloses Fass weniger in den Bilanzen von Pearson und G+J.

Und bitte: Bei den abartig miesen FTD-Bloggern anfangen.

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Claim 2.0 für bedohte rechte Tierarten

Freies Denken
ist bei Panik nicht so leicht.
Freie Märkte
können sich auch mal gegen Handlanger der Rechtsextremisten entscheiden.
Freie Menschen
bleiben meist frei, wenn es nur um einen Zivilprozess geht.

Nachtrag: Ein Benutzer des Claims, ein A.H. aus B. (nein nicht der A.H. aus B., ein anderer), hatte es gerade nötig, mich um Geld anzubetteln - offensichtlich geht eine Domainregistrierung über seine lausigen finanziellen Verhältnisse. Arme Sau.

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Sehr zu empfehlen - Der Wintergarten

Reichtum, sagt ein altes Familienspruch dieses Clans, der nicht immer wohlhabend war, Reichtum ist die Kunst, aus Nichts etwas zu machen. Und aus wenig viel zu machen. Meine Vorfahren also stellten sich hin, kauften neben dem Stadtpalast und dem Dienstbotenhaus schräg dahinter auch noch einen Hof und bauten - schwarz natürlich, schliesslich befinden wir uns in Bayern - einen Anbau. Aus der Luft, wie es bei uns heisst, gewannen sie 45 Quadratmeter und eine ebenso grosse Terasse für das Piano Nobile, in dem sie wohnten. Ebenso schwarz errichteten sie dann in den 50er Jahren, stilecht aus massiven Trümmersteinen, einen Wintergarten, eine Erinnerung gewissermassen an die schlimme Zeit, die manche von ihnen im Heimatland der Wintergärten, in England, verbracht hatten. Damals war es ein Verbrechen am Stadtpalast, aber: Die Denkmalbehörden trugen ihn in den 70er Jahren ohne Murren ebenfalls als Denkmal ein. Wieder 8 Quadratmeter aus der Luft gewonnen.



Deutschland hat es nicht so mit Wintergärten. Dabei sind solche - heute würde man sagen Parasitenbauten - eigentlich hochmoderne Raumideen in den dicht verbauten Ballungszentren. Und gerade in einem Winter wie dem letzten und seinem elenden Ausklang wäre ein Wintergarten, der sich nach einer Stunde Licht sommerlich aufheizt, eine schöne Sache gewesen. Draussen genug, um die Dunkelheit zu vergessen, und soweit drinnen, um warm zu sein. Man kann ihn immer brauchen, ausgenommen Hochsommer. Morgen kommt das Glasdach drauf, und nächsten Winter Herbst Spätsommer (falls es den geben sollte) ist es dann soweit.

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Montag, 24. April 2006

Missgeschick vor dem grossen Regen

Dass ich den Spiegel, den kleinen mit den klassizistischen Bordüren, dringend gebraucht hätte, begriff ich nicht, als ich ihn schon fast genommen hätte, sondern erst, als ich daheim vor dem Wandstück stand, an das er gepasst hätte. Wenn der Regen nicht gekommen wäre, häte ich sogar nochmal vorbeigeschaut. Habe ich aber nicht.

Spiegel sind wundervolle Antiquitäten. Im Prinzip passen sie fast immer, sie sind nützlich, machen Räume hell und weit, und wenn doch nicht mehr passen, findet sich immer jemand, den man damit beglücken kann. Und die Restaurierung ist meist nicht weiter problematisch. Ganz im Gegensatz zu Möbeln.



Stühle zum Beispiel sind hart. Im Originalzustand ist der Bezug und das Polster meist am Ende. So auch beim Exemplar links. Dass es dennoch seinen Weg in den Stadtpalast gefunden hat, verdankt es der Form, die nah am zweiten Stuhl ist, dessen Pimpung hier bereits Thema war. Die Zargen sind gleich geschwungen, die Lehne ist ähnlich, wenngleich qualitativ bei weitem nicht so herausragend wie beim Gegenstück. Die gedrechselten Beine muss man mögen, das Furnier ist dagegen unstrittig schön, und statisch betrachtet fehlt nichts - kein Wackeln, keine losen Verbindungen, und ein gebrochenes Bein wurde sauber wiederhergestellt. Ein paar Wurmlöcher, ein paar Macken dürfen schon sein bei einem späten Biedermeierstuhl, der mit 20 Euro nicht teuer war. Noch ein Brocken Arbeit. Als stünden in den nächsten Monaten nicht 16 weitere Räume an. So langsam verstehe ich, wieso dieses Haus vor 100 Jahren vier Dienstboten hatte.

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Das Beschissene am Familienministerium ist

dass man da so gut wie nichts tun kann, um zurücktreten zu müssen - ausser, man greift zu handelsüblichem Nepotismus. Aber Bestechung kommt da nicht vor, Kontakt zu Waffenlobbyisten, Bordellbetreibern und Farmbesitzern in Afrika ist unwahrscheinlich, und die Rechtsauffassung, dass die Kirchen verfassungsfeindliche Organisationen wären, hat sich trotz derer Druckwerke bislang noch nicht durchgesetzt - also ist auch deren Unterstützung bislang kein Anlass, die aktuelle blonde Peinlichkeit zwingend zu beenden. Noch nicht mal Mutterschaftsurlaub ist zu erwarten.

Actually, we´re fucked. Bloss gut, dass es der Geburtenrate nichts bringt.

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Dies Irae

Heute versuche ich, meiner Mutter den Computer, das Betriebssystem und das Textprogramm nahe zu bringen, Thema Seite einrichten, Vorlagen suchen, Brief schreiben und ausdrucken.

Nur falls sich jemand wundert, wenn ich die nächsten Tage keine Lust auf Rechner und Netz haben sollte.

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Sonntag, 23. April 2006

Stichwort Werbende Beiträge & Provokateure

Nachdem das jetzt ein paar Mal im Laufe der Zündfunk-Sache passiert ist, ein kleiner Hinweis: Ich habe inzwischen nicht mehr viel Verständnis für irgendwelche Selbstdarsteller, die im Rahmen derartiger Debatten meinen, für ihre eigenen Zwecke, Profilneurosen und Egotrips Werbung machen zu müssen. Sowas, ganz gleich ob es nun ein Turi oder anonymer Feigling ist, fliegt hier und an der Blogbar in Zukunft ohne weitere Debatte raus. Derartige Gestalten sollten also, wenn sie weiter mitspielen wollen, sich ihre Linkspammereien gut überlegen.

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Wie man in der Provinz nie ankommt,

auch wenn man sich alle Mühe gibt. Ein Erklärungsversuch.

Gestern Nacht war ich kurz mit Iris aus. Ich hatte mal wieder ein Konzert geschwänzt, und so den neuesten Tratsch über den Tennislehrer, die Tochter, ihre Mutter und deren Schwangerschaft verpasst. Iris wäre gestorben, wenn sie diese Geschichte über die ex-angeheiratete Verwandtschaft nicht losgeworden wäre. Also trafen wir uns in einer recht modernen Bar, derer die kleine Stadt einige besitzt. Das Ding ist normalerweise sehr leer, nur am Freitag und Samstag Abend erfüllt es so eine Art Überlauffunktion in der mit ausgehsüchtigen Landtritschn* und Elite-Studenten überfüllten Innenstadt. Am Nachbartisch sass eine Clique in Casual Business Wear, die unsereins sofort als fortgeschrittene BWL-Kids erkennt, blass, etwas eingefallen und laut; kein Wunder, in den letzten Tagen waren mal wieder Examen.

Während mir Iris also aufzählte, wen der Tennislehrer schon alles beglückt haben soll und dabei auch nicht mit pikanten Details über andere Clans der besseren Gesellschaft sparte, wechselte am Nachbartisch das Gesprächsthema zum anstehenden Golfturnier, zur eher mauen Anmeldung und dann auch zur Frage, warum das eigentlich immer so isoliert ist, in dieser Stadt, vielleicht ist es auch manchen peinlich, hierher zu kommen, andererseits gehe auch so wenig mit den Leuten und Firmen vor Ort, ausser dem Autokonzern, dem global Player, aber sonst, ach, es ist nicht leicht, hier anzukommen.

Nun interessiert mich das gestörte social Life hierher verschlagener Upper Middle Class Young Generation so gut wie gar nicht, wenn mir Iris von den panischen Vertuschungsversuchen einer Familie erzählt, die schon mein Urgrossvater nachweislich als gschtingads Gschleaf vom Glosscheamviadl** diffamiert hat. Umgekehrt behaupteten diese Leute, deren Stammhaus mit seinen lunpigen 2 Geschossen und der 3-Fenster-Front noch heute von der Schmach ihrer niedrigen Herkunft kündend an der Strasse raus zu dem Dreckskaff steht, von dem sie zugezogen sind, diese Brunzkacheln*** also sagen, wir, die Stadterer, hätten damals minderwertiges Brot an Bauarbeiter verkauft. Dennoch, das war gestern Abend, gerade heute tröpfelt es vom sagenhaft blauweissen bayerischen Himmel, und so will ich heute für alle, besonders aber für Golfturnierorganisatoren erklären, wie das geht, mit dem Nichtankommen in einer bayerischen Stadt.

Es ist nämlich so: Die kurzen Zeiträume von 4, 5 Jahren, die sich die typische Elitesse und ihr männliches Gegenstück hier aufhalten, reichen weder zur Gründung einer Tradition noch zur Erkenntnis dessen, was Tradition bedeutet. Würden sie die hiesige Tradition von dem unterscheiden können, was nur wie Tradition tut, liesse sich manches vielleicht beheben - schliesslich kommen die meisten aus einer national homogenen Schicht, und die Sprachbarrieren sind in meiner Generation praktisch weg. Wenn ich normal rede und nicht den Bayern einschalte.

Aber dazu dürfte man, wie bei diesem studentischen Golfturnier, nicht alles falsch machen, was man falsch machen kann. Es beginnt mit der Auswahl des Platzes. Der gehört nicht in diese Stadt, sondern liegt westlich davon. Und gehört zu einem Landkreis namens Neuburg. Als Autokennzeichen hat dieser Landkreis ND, was nach gängiger Auffassung für NationalDepp steht. Die Raserduelle auf den Landstrassen gegen die NationalDeppen sind der letzte Ausfluss einer jahrhundertealten politischen und religiösen Feindschaft zwischen den beiden Städten. In diesem Landkreis ein Turnier abhalten, das nach der anderen Stadt benannt ist - das ist mehr als ein Fehler. Das ist eine Sünde.

Nun steht der Golfplatz zu allem Überfluss auch noch unter der Fuchtel der Wittelsbacher. Das mag international gut ankommen bei neureichen Amerikanern und sissigeilen Japanern. Über den Ruf dieses Clans gerade in dieser Ecke Bayerns sollte man sich aber keine Illusionen machen. Die Wittelsbacher stehen seit dem Ende des hiesigen Teilherzogtums für konsequente Benachteiligung dieser Stadt. Gegen die Schweden und die Österreicher hat sich die Stadt wehren können, aber nicht gegen den Zentralismus und die Obrigkeit aus München. Beim Namen Wittelsbach tut sich hier bei uns gar nichts, die sollen wieder in ihre Boazn bei Aichach gehen - aus Aichach nämlich kommen sie, was noch schlimmer als die NationalDeppen ist.

Dergestalt das Problem erkannt habend, wenden wir uns nun dem Programm zu. Nach der ersten Runde Golf geht es zur "Bavarian Night" in ein Lokal, das als "eines der ältesten Brauhäuser" beschrieben wird. Es handelt sich dabei um das wahrscheinlich übelste Touristendisney, das die Stadt zu bieten hat. Der schlechte Ruf kommt vor allem daher, dass es eben nicht alt ist, sondern brandneu: An seiner Stelle war früher die als Suffschuppen bekannte Discothek "Why not", die bei Eltern und Kindern gleichermassen übel beleumundet war. Da ging von uns niemand hin, das war ein ganz mieser Laden, und erst, als er - vielleicht durch das alkoholische Aussterben seiner Suffköppe? - weg war, wurde dort besagten "Brauhaus" hineinkonstruiert. Echt wie ein Pappbayer auf dem Tokioter Oktoberfest, und mit einem Glockenspiel ausgestattet, das nicht nur eine Lärmbelästigung, sondern auch der Gipfel der Geschmacklosigkeit einer Stadt ist, in der man heute noch lebensgrosse Porzellantiger in die Wohnzimmer stellt.



Kurz, in diesen Laden geht keiner, der auch nur ansatzweise Ahnung von dieser Stadt hat. Die Grünen (!) machen dort ihren politischen Aschermittwoch, so lebensecht ist das dort. Übernachtet wird dann in diesem Hotel, ein schwarzoranger "Kult"-Komplex, dessen positives Merkmal in seiner Lage weit draussen an der Ausfallstrasse zu finden ist - sollte es in dem umliegenden Blockgettho, der Antwort dieser Stadt auf Berlin-Marzahn und München-Hasenbergl, zu Unruhen kommen, ist man wenigstens schnell weg. In dieser plebsbewohnten Ödnis und dem darin liegenden Sushi-Restaurant findet in der folgenden Nacht auch die - nicht mehr "bavarian" - Abschlussparty statt.

Davor, am gleichen Tag, werden die Newbies statt zum Golfen in ein Factory Outlet Center verfrachtet, nah bei den idyllischen, wohlriechenden Raffinerien der Stadt. ""Ingolstadt Village, die Chic Outlet Shopping Sensation in Deutschland" nennt sich die Retortenanlage, gegen die und die investmentgeilen Stadtväter die Staatsregierung einen langen, aussichtslosen Kampf geführt hat. Dort, in der halbfertigen Shoppingeinöde, kann man das erwerben, was es eben in den internationalen Outlets so an Geschmacklosigkeiten zu Supersonderkonditionen gibt. Das ist sicher interessanter als irgendso eine weltberühmte Rokokokirche oder eines der feinsten Beispiele für spätmittelalterliche Profanarchitektur.

Kurz, man schleift die internationalen Gäste durch ein brandneues Universum, das überall von Karatchi bis Houston, Texas stehen könnte. Zielsicher wird nur das angesteuert, was nichts, absolut nichts mit der Region zu tun hat, in der man sich befindet, abgesehen vielleicht von den Sickos in der Stadtregierung, die in globalised markets die challenge taken wollen. Man stelle sich vor, in Oxford würde man Gäste in eine Shopping Mall mit 50% off, in ein Hollywood Hotel an der Autobahn, auf einen von Saudis betriebenen Golfplatz in der Pampa und in die nagelneue Neppkopie eines Pubs mit Old-Bailey-Glockenspiel schleifen, in der sich ausschliesslich schmerbäuchige Touristen aus Liverpool herumtreiben, und sie dann nötigen, Bowlerhüte zu tragen - aber genau das ist es, was hier an dieser Stadt und ihren normalen Bewohnern vorbei veranstaltet wird. Ich habe nichts dagegen, so haben die ihre Reservate und kommen mir erst gar nicht in die Quere.

Aber hey, aus Sicht des Bewohners sieht es so aus: Wenn es mit solchem Kitsch angibt wie ein Proll, wenn es einkauft wie ein Proll, wenn es feiert wie ein Proll und wohnt wie ein Proll mit halbnackten Weibern an der Decke - dann ist es vielleicht auch ein Proll. Es ist sehr wahrscheinlich, dass es das Leben zukünftiger multinationaler Sachbearbeiter vorweg nimmt, die überall auf das immer gleiche, für sie erfundene Umfeld treffen, neu, sauber, ohne Vergangenheit und Tradition. Allein schon, weil sowas in seinem dummen Prolltum nie dauerhaft gewünscht wird, nie irgendwo eingeladen wird, daheim noch nicht mal vorzeigbar ist, selbst wenn im Wohnzimmer Porzellanleoparden stehen und Mamas Bauch sich obszön vom Return auf des Tennislehrers Spermaaufschlag wölbt.

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Freitag, 21. April 2006

Confessio

Heute vor 5 Jahren krachte just another Startup zusammen, mit meiner Beteiligung. Kein Grund, ein schlechtes Gefühl zu haben. Die hatten alles getan, was man nicht tun sollte, die VCs hatten schon vor einem halben Jahr den Stecker gezogen, und so schmierten sie ab, ohne Geld und die Chance, frischen Saft mit ihrem Shift2B2B zu bekommen. Es hatte sich mittlerweile rumgesprochen, dass die Idee, das Team, die Leute, ihre angeheuerten Freunde und was auch immer nicht taugte. Schon im Jahr davor, auf einer Tagung in einem Hotel, hatte ein Investor sie in seinem Portfolio auf 0 wertberichtigt. Ich hatte nur noch den Putzjob: Zusammenfassen, erklären, das Ding halbwegs gut aussehen lassen, Asets bewerten, einen Blöden finden, der glaubt, mit der Quintessenz von 2 Jahren Bullshit Bingo ein Geschäft zu machen. Und zur nächsten abstürzenden Firma weiterzutingeln. Those are the great times, von denen manche heute wieder schwärmen. Und das Peverse ist - obwohl klar war, dass es nicht gut gehen würde, für keinen, auch für uns nicht, feierten wir an diesem Abend, in einem Lokal, von dem die Öffentlichkeit erst jetzt erstaunt zur Kenntnis genommen hat, dass es dort Kokain gab. Nein, was für eine Überraschung. Das hätte ihnen eine Kollegin schon früher erzählen können, nehme ich an. Fragen kann ich sie nicht mehr, sie hatte später ein noch schlechteres Ende als die meisten der damaligen Startupper.

Damals hätten wir die Frage, was in fünf Jahren sein wird, komisch gefunden. Keiner wusste, was nächste Woche sein würde, welcher Konflikt, welcher neue Irrsinn uns irgendwo anspülen würde, um zu retten, was nicht mehr zu retten war. Um diese Zeit herum fing ich an, meine Auftraggeber und ihre Freunde bei Dotcomtod zu verraten, einfach um den Druck wegzubekommen. 5 Jahre? Wer weiss.



Heute weiss ich es. 5 Jahre später streiche ich Bretter für meine Bibliothek, am Nordrand der nicht mehr existenten greater Munich Area. Ich falle nicht mehr oft in den Consultant Slang zurück, es gibt hier kaum Möglichkeiten dazu. Ich habe auch nicht mehr viel mit Berlin Mitte zu tun, mit dem Kanzleramt und Ministerien, wo ich nur noch wenige kenne. Ich streiche Bretter für meine Bibliothek, ich schreibe an einem Sammelband über Weblogs des ZKM, die Sonne scheint, es geht mir gut.

Auch wenn ich weiss, dass eine andere Geschichte aus der Zeit vor fünf Jahren gerade, in anderem Gewand, gerade gar nicht gut läuft. Und wahrscheinlich mitliest. So ist das, Prinzessin. Ob ich dabei bin, ob jemand anderes die Reports schreibt, spielt keine Rolle. Die einzige Rolle, die wichtig ist, ist in meiner Hand und träufelt Nussbraun auf Kieferbretter.

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Sieh an, sieh an

Denn sie wissen, wie man den scharfen Nagel in das Herz der Bestie treibt.

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Die Skalpe meiner Feinde - Eyn Vorschlag

wie zu servieren sey der Spargel bey einer Lesung mit schwarzen Gedanken allhie auff dem Gottsacker:



Ich bin kein Christ. Trotzdem kenne ich diese Religion, zumindest was den Katholizismus angeht, besser als die meisten Christen. Ich habe ihre Kirchenväter gelesen, deren Bücher nach heutigem Verständnis klar verfassungsfeindlich sind. Ich kenne die Schriften, die mir aus Sicht der Kirche, im Prinzip bis heute, jedes Recht bishin zum Leben absprechen. Ich kenne die Debatten, ob eine Frau nun schon ein Tier oder noch eine Sache sei. Und wenn ich über die zersprungenen, abgeschliffenen Porphyrplatten laufe, die mit viel Geld an die Pfaffen und Betschwestern übergeben wurden, um das Andenken eines Menschen zu bewahren, weiss ich auch, wer der grösste Versicherungsbetrüger aller Zeiten ist.

Ich stehe dieser Schlechtigkeit mit der kühlen Betrachtung des Wissenschaftlers gegenüber. Und ich weiss, dass ich, der ich vor wenigen Jahrzehnten noch als ein Erzfeind gegolten hätte, heute Zeuge des letzten Kapitels ihres Niedergangs sein darf. 1900 verfluchte Jahre haben sie uns in Büchern gehasst, als Pöbel getreten und mit dem Segen der Oberen ermordet - wer das nicht weiss, kann den Luxus nicht empfinden, heute ungestraft, ohne mit Tritten und Steinen gejagt zu werden, die Reste des sterbenden Kolosses zu betrachten. Andere nehmen seine Stelle ein, die braunen Mordbanden, und die mittrabenden Schönbohms und Schäubles dieses Landes, in der einen Tasche den Scheck des Waffenhändlers und in der anderen das Handy, das hoffentlich irgendwann einmal die Bundeswehr dirigiert, im Inneren, gegen Missliebige; kein Wunder, dass sie sich in der Tradition des Ungetüms sehen.

Aber das ist vorbei. Ich kann es recht leidenschaftslos betrachten, in seinen letzten Zügen, im Wissen seiner Geschichte. Nur manchmal. Da überkommen mich diese Gedanken. Diese bitterbösen, fiesen Gedanken, von denen sie lange Zeit gedacht haben, unsereins könnte sie tatsächlich denken. Ja, wie wäre es denn. Heiliger Märtyrerspargel. Gedünstet, auf einem geschwungenen Teller mit Goldrand, ein klein wenig geriebenes Sauerkraut als Silber und ein Lauchblatt als Banderolen, schwimmend in goldener Bechamelsosse. Auf einer Rokokotischdecke. Wahlweise als Chrysostomos-Rippchen oder als Brustknochen der 1000 Jungfrauen zu interpretieren. Ein himmlischer Geschmack und ein höllisches Vergnügen, Satan, meines Elends Dich erbarme.

Morgen beginnt, um zum eigentlichen Thema zu kommen, die Spargelsaison. Die Zutaten bekommt man auch, wenn man am Sonntag nach Pfaffenhofen (sic!) auf den Flohmarkt fährt.

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Freitag, 21. April 2006

Bayern wie es ist

Ein Kasten, über Jahrhundert prall gefüllt mit schmerzenden Körperausscheidungen, Einschlüssen, Problemteilen.



Abnorme Gallensteine, Knochensplitter, pervers geformte, böse Zähne, Magensteine, Rippenteile, die in Lungen stachen, Bleikugeln, Gelenktrümmer, Kapseln, verkalkte Missbildungen und vieles, vieles mehr, alles was die Jahrhunderte übersteht und irgendwie in Eiter, Ausfluss und Blut den Körper verlassen hat, in lange schwarz gewordenem Silber oder Zinn gefasst und hierher gebracht, zum Altar der Nothelferin. Keine Scham, kein Verstecken, ein Zeichen der Wunder und der nicht zertrümmerten, gigantischen Geschwulstwarze mit Haaren, die die Menschen hier als grösstes Übel auf dem jodmangelnd geschwollenen Kropf tragen.

Ein Hirn, grau, weich und saftig, wird man hier übrigens vergeblich suchen. Das hat seinen guten Grund.

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Vom Aussehen der falschen Säue, die im Dorf getrieben werden

Disclaimer: Das Verhältnis zwischen dem Autor Don Alphonso und manchen der im Artikel angesprochenen Personen und Institutionen war in den letzten Jahren - m.W. durchaus auch mitunter gegenseitig - nicht immer konfliktfrei. Aus Gründen, die in diesem Beitrag jedoch keine Rolle spielen.

Im Rahmen der gerade anstehenden Blogpubertät in Deutschland, in der manche bemerken, dass sie tatsächlich sowas wie publizistische Macht und Einfluss haben, spielen die gejagten Säue im Gross-Bloggersdorf eine wichtige Rolle für das Selbstwertgefühl. Die grösseren Fälle der letzten Wochen - Euroweb, Transparency International German Chapter, von Matts Klowände, letzte Woche auch mein Vorgehen gegen eine Berliner PR-Agentur - haben stets auch Kommentatoren auf den Plan gerufen, die dem Vorgehen kritisch gegenüber standen. Häufig angesprochen wurde die Frage, wann es endlich mal den Falschen beim kollektiven Aufschrei treffen würde. Im Fall von Flyerpilot, der letztlich gut ausging, wurde es schon etwas problematisch, da wurden einige Dinge nicht ganz sauber kommuniziert bzw. verschwiegen. Ein schneller, guter Ausgang ersparte der Causa eine breitere Debatte.

Momentan rollt die nächste Welle an. Es geht um die Jugendsendung des Zündfunks auf Bayern2 Radio, die Gerüchten zufolge eingestellt und durch ein Vollprogramm auf einer kaum gehörten DAB-Frequenz ersetzt werden soll. Der Zündfunk hat wie Bayern2 Radio seit nunmehr Jahrzehnten mit Hörerschwund zu kämpfen und mit seinem anspruchsollen, anderen zufolge abgehobenen Stil der starken Dudelfunkkonkurrenz ohne Hirn und Niveau wenig entgegenzusetzen. Er hat eine recht grosse Redaktion, ist nicht unbedingt billig und ein Fremmdkörper im sonstigen, faktisch auf die Altersgruppe über 65 ausgerichteten Sender. Während die einen den Zündfunk für eine Talentschmiede und eine Insel des kritischen Journalismus des BR halten, sehen andere in ihm eine arrogante, selbstbeweihräuchernde Hirnfickveranstaltung, die ihrem Auftrag nicht nachkommt, nur noch nervt und beim Zielpublikum nicht mehr ankommt.

Vor einer Woche wurde bei telepolis über Gerüchte zum drohenden Aus berichtet. Seitdem haben ca. 30 Blogs das Thema aufgegriffen, in den letzten Tagen durchaus auch kontrovers der Spreeblick und mein Blog, womit eine grössere Blogöffentlichkeit erreicht ist. Ausserdem gibt es eine Reihe von Presseveröffentlichungen, die zumindest teilweise schon fast lehrbuchhaft von Bloggern inspiriert wurden, etwa bei jetzt.de, Süddeutsche Zeitung, Jungle World und DeBug.

Im Zentrum der Bemühungen, den Zündfunk zu erhalten, steht Patrick Gruban, bekannt unter anderem als Erster Redakteur beim Stadtblog Minga.de. Bei Minga begann auch die Welle der Empörung, die dann schnell von ihm koordiniert wurde, etwa mit der Website "Zündfunk retten", die mittlerweile auch ein Blog besitzt und eine Online-Petition betreibt. Darüber hinaus wirbt Patrick Gruban auch in den Kommentaren von Blogs für seine Initiative, auch bei mir, was man durchaus als Kommentarspam bezeichnen könnte. Das Projekt gibt sich auf Zündfunk-retten.de als Faninitiative aus:
Disclaimer: Dies ist eine Aktion von Hörern und Fans des Zündfunks, nicht von Mitarbeitern des Bayerischen Rundfunks.
Nun ist geschicktes Blog-Marketing, wie in diesem Fall mit Verve vorgetragen, erstmal kein Verbrechen. Schliesslich erscheint die Geschichte vom engagierten, qualitativ hochwertigen Format, das im bösen, schwarzen Bayern plattgemacht wird, als klassisches David-Goliath-Szenario, dem Blogger gerne auf Seiten der Schwachen mit einer Initiative beispringen. Das führt dazu, dass sich Blogs für den Erhalt des Zündfunks einsetzen, die das Programm und seine nicht unumstrittenen Sendepraxis gar nicht kennen.

Man kann natürlich trotz allem sagen, dass der Bayrische Rundfunk da einen Riesenfehler macht, dass es gemein und ungerecht ist. Nur eine Sache fällt diesmal auf: Es ist im Gegensatz zu den früheren Fällen des Sautreibens im Gross-Bloggersdorf kein Ereignis, das der Verursacher selbst hineingetragen hat. Der Bayerische Rundfunk hat keinem der Treiber was getan. Also, sollte man meinen. Und damit kommen wir zum unangenehmen Teil - wir schauen uns nämlich mal genauer an, wer und was dieses Thema in der Blogosphäre vorantreibt.

Patrick Gruban ist Marketing Spezialist. Sprich, er hat Brief und Siegel von der BAW, dass er es kann. Das beweist er in diesem Fall auch. Per se geht das in Ordnung, warum sollte man sein Können auch nicht verwenden. Unschön wird es aber, wenn man bei "Zündfunk retten" ins Impressum schaut. Da landet man nämlich bei sub bavaria, einem von Patrick Gruban betriebenen Wikiprojekt über bayerische Subkultur. Und das wiederum wird vom Zündfunk wärmstens empfohlen: Auf der Website findet sich etwa diese Empfehlungsseite und diese Beschreibung der Sub Bavaria Inhalte als Zündfunk Kolumne:
KOLUMNEN
SUB-BAVARIA
Das Projekt sub-bavaria sammelt bajuwarisches Geheimwissen im interaktiven Online-Lexikon. Ihr könnt mitmachen, neue Artikel schreiben und alte ergänzen. Der ZÜNDFUNK versendet das Lexikon der bayerischen Subkultur im Radio.
Auch die Launchparty des Projekts war eine Kooperation mit dem Zündfunk. Spätestens hier sollte man etwas misstrauisch werden. Inwieweit so eine Unterstützungsaktion unter solchen Bedingungen noch unbhängig sein kann, ist eine Frage, auf die Patrick Gruban bislang - trotz Frage - eher ausweichend reagiert hat. Nun verrät uns das Impressum von Sub Bavaria auch, dass das Projekt von drei Personen betrieben wird, nicht nur von Patrick Gruban:
sub-bavaria wird von Ania Ma*ruschat, Julian Do*pp und Patrick Gruban als unkommerzielles Projekt betrieben. (Namen leicht geändert, Google muss nicht alles wissen. Anm. Don)
Wer sich ein wenig beim Zündfunk umschaut, dürfte schnell verstehen, warum nicht eine Mitbetreiberin bei dieser Aktion in Erscheinung tritt, obwohl sie mutmasslich zu der Geschichte eine Menge erzählen könnte. Ein weiterer Mitbetreiber ist Mitarbeiter bei einer auf Bayern2 Radio aktiven Abteilung des BR - einer weiteren Abteilung, die immer mal wieder als Kürzungsposten genannt wird. Inwieweit sich dieses Team letztendlich mit dem Anspruch des sichtbaren Frontmanns Patrick Gruban verträgt, als "Zündfunk retten" "eine Aktion von Hörern und Fans des Zündfunks, nicht von Mitarbeitern des Bayerischen Rundfunks" zu sein, bleibt jedermann selbst zu beurteilen überlassen.

Wie auch immer: Ich persönlich würde wirklich raten, sich die Saujagd in Bloggersdorf gut zu überlegen, wenn die Sau nicht von selbst angerannt, sondern von Interessensgruppen zwecks Jagd ins Dorf gebracht wird. In meinen Augen ist nichts Verwerfliches dabei, den Bayerischen Rundfunk zu schelten - allein, der Versuch dieser zentralen Koordinierung, das Thema voranzutreiben und mit einem einseitigen Informationsfluss am Köcheln zu halten, hinterlässt bei mir einen wirklich schlechten Beigeschmack. Momentan steht nicht nur der Zündfunk auf der Kippe, sondern auch ein wenig Integrität der Blogosphäre. Persönliche Netzwerke, die durchaus beim Engagement für ein Sautreiben eine Rolle spielen können, sind nochmal was erheblich anderes als gezielte Kampagnen mit verdeckt agierenden Playern, die im Hintergrund der Fassaden der gerechten Empörung ihre eigene Agenda fahren.

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Mittwoch, 19. April 2006

Einen miesen Schreiberling

erkenne ich daran, dass er die Wendung "immer mehr" bringt, um sich Belege zu sparen.

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lamento della vita povera

mit der laute gesungen in richtung schlechtgenährter elitessen

Ach, gefüllt sind morsche Schränke
mit gebrauchtem, altem Gut.
Zum Sex geht´s auf marode Klavierbänke
Achtung - ich will keine Brut

Denn ich bin der arme Don Alphonso
ohne Titel, Amt und Position
Nur der arme Don Alphonso
meine Kronleuchter blitzen zum Hohn.

Ach, ich kauf für mein karg Leben
der Oma Tasse und der Tante Tisch
Kirschholzstühle kann man kleben
ich darbe wie der frühe Kisch

Denn ich bin der arme Don Alphonso
kein Vorstand oder gar PR-olet
Nur der arme Don Alphonso
ich nage an der Agenturen Grät.

Ach schaut nicht auf der Kanne Silber
oder der anderen Pretiosen Glanz
auch die alten Stiche und die Bilder
illustrieren nur meines Bettels Tanz.

Denn ich bin der arme Don Alphonso
ich komm von Federn auf das Stroh
Nur der arme Don Alphonso
in alten Mauern ist mein Tag nicht froh.

Ach seht meines Wagen tiefe Beulen
es ist die Schuld der Schwester klein.
Der miese Restwert macht mich heulen
der Achmed will kein Käufer sein.

Denn ich bin der arme Don Alphonso
das Glück hasst mich wie die Pestilenz
Nur der arme Don Alphonso
vorbei die Tage der Magnifizenz.

Ach, aber, wenn des Lenzens Wärme
zum ersten mal meine Terasse leckt
und nach Nageln der JK-Koms Gedärme
mein Herz neue, reine Gedanken heckt



Dann bin ich der reiche Don Alphonso
was will ich mit Geld, Profit und Schmu!
Ich bin der glückliche Don Alphonso
Elitessen schaun aus ihren Löchern zu.

Mozarella, Basilikum und frischer Tee
Sonne, Himmel, gleissend Licht und Blau
das gebühret nur Eurem alten Fonse
Ciao - da unten klingelt eine hübsche Frau.

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Real Life 19.04.06 - 160 Jahre

Bücher kauft man nach Empfehlung, und auch, wenn die Empfehlung per Mail und Amazonlink kam, so gehst du doch ganz klassisch den grossen Bogen durch dein Altstadtquartier zum Buchhändler deiner Wahl; einem Rebellen, der hier in diesem geistig verkommenen, rabenschwarzen Spiessermoloch einen linken Buchladen eröffnet hat, in dem du als Schüler rote Sterne gekauft hast, die dir damals im Konflikt mit der Schulleitung und all ihren Uralt-, Mittelalt- und Neocons eröffnet hätten, in welcher Welt du lebst - hätte es dir die Familiengeschichte nicht schon lange anderweitig bewusst gemacht. Hier also kehrst du ein; du weisst, es ist ein Buch, das dem Händler gefallen wird, und deshalb hat er es sicher auch da. Und tatsächlich, es ist vorrätig.



alessandro piperno, mit bösen absichten, fischer 2006, bin auf seite 70, brilliant!

Ihr unterhaltet euch ein wenig über den Betrieb; er hat es in der FAZ gelesen und fragt, wie es so läuft. Gut läuft es, keine Frage, 70 Leute sind in den grossen Städten kein Problem, aber auch in kleineren Orten scheint es zu gehen...

Es entsteht eine kleine, gedankenschwere Pause, bis er anhebt und sagt, dass diese Stadt hier mit ihren 30 Lesungen pro Jahr gar nicht gut ist und sowieso nur die alten Leute kommen. Immer die gleichen Gesichter, die man ohnehin aus dem Theaterabo kennt und aus dem Konzertverein. Du sagst, dass du hier auch auf keinen Fall lesen wolltest, hier kennt dich jeder, du hast einen Clan, der es nicht lieben würde, würde man hier vor Ort die schmutzige Wäsche des Kaffs vortragen, derer du so viele kennst, zum Beispiel die Sache mit dem neuen Haus des Sohnes der Erfolgreichen und seinen Gone-with-the-wind-Säulen in pastellorange und den drei Edelstahlringen als Kapitelle. Oder die späte Schwangerschaft von Frau H., deren bigotter Mann ganz sicher nichts vom Tennislehrer der ältesten Tochter ahnt.

Du breitest etwas Schmutz und Schund aus der letzten Konzertpause aus, hinten im Laden spitzt eine alte Schachtel die Ohren, und die Azubine, ein hübsches junges Ding, kichert hinter der Säule. Oh, Publikum, dankbares, interessiertes Publikum. Dennoch. Hier also würdest du ganz sicher nicht lesen wollen, wer weiss, ob überhaupt jemand käme, nicht wirklich, ausserdem, ohne Partner ginge das auch nicht.

Nun, sagt der Buchhändler, man könnte natürlich mal mit der Stadtbibliothek reden... Und eigentlich, sagst du, wäre das kein Risiko, denn den Raum hättest du sogar, nämlich im Juni, wenn die Wohnung im zweiten Stock halbwegs fertig ist, dann könnte man Saal und Essimmer - 55m² - eigentlich schon was machen, schliesslich gäbe es was zu feiern, 160 Jahre gehört der Stadtpalast jetzt uns, 160 Jahre in diesem Dreckskaff mit all der Korruption, da könnte man auch mal die Geschichte von der alten S. erzählen, und wie sie damals auf der Flucht vor den Amerikanern in den Schlossgraben...

Das wäre auch mal was anderes, meint der Buchhändler, und ihr vertagt das Gespräch auf später, denn gerade kommt ein Elitestudent herein, sieht ungeduldig aus und fragt gleich nach einem Fachbuch.

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: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Dienstag, 18. April 2006

Denn sie kochen auch nur mit Wasser

Warum nur habe ich gerade den Verdacht, dass die Berliner PR-Agentur Johannsen und Kretschmer, zu deren Bildlieferanten ich unfreillig geworden bin, zwar in ihrem Monatsthema April 2006 grosse Töne spuckt, was das Monitoring von Blogs in Unternehmenskrisen angeht - aber wenn es um sie und ihre hausgemachte Blogkrise geht, offensichtlich auf auf das fehlerhafte Primitivtool der Technorati-Blogsuche angewiesen ist? Aber wie sollte ich sonst diesen Zugriff vom JK-Server verstehen?

2006-04-18 15:46:30 mail.jk-kom.de http://technorati.com/search/johanssen%20kretschmer 1280x1024 Internet Explorer Windows XP

2006-04-18 16:30:56 mail.jk-kom.de http://technorati.com/search/johanssen?language=de 1280x1024 Internet Explorer Windows XP

2006-04-18 16:33:25 mail.jk-kom.de http://charivari.wordpress.com/2006/04/12/sie-lernen-nichts-
dazu/ 1280x1024 Internet Explorer Windows XP


Sollte das alles gewesen sein? Also echt...

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Platz 3

bei dieser Abfrage in dieser Sache. Ob ich es noch auf die Nummer 1 schaffe?

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Der Zündfunk wird plattgemacht? Prima!

Ach, da werden manche aber heulen, namentlich die Mitarbeiter und ihre zuhörenden Omas: Die Gerüchte verdichten sich, dass BR-Intendant Gruber dem sog. "Jugendprogramm" Zündfunk die letzte Grube gräbt. Statt der paar Wochenstunden auf dem Winzsspartensender Bayern2 Radio soll das Teil eingestellt und durch eine Jugendwelle ersetzt werden - auf DAB, dem technischen Steckenpferd der Staatsregierung, das ansonsten aber keine alte Sau interessiert. Kurz, der Zündfunk oder was daraus wird, sendet in Zukunft wohl genauso unter Ausschluss der Öffentlichkeit, wo er sich auf UKW schon hingesendet hat.

Glaubt man den Selbstdarstellungen der Macher, dann sind sie die Lordsiegelbewahrer des Antimainstreams und gleichzeitig die Talentschmiede des BR - jeder, der Bayern im Allgemeinen und den BR und seine Staatsregierungsbeziehungen im Besonderen kennt, ahnt, dass da eine Menge kognitive Dissonanz im Spiel ist. Schon bei der letzten Reform von Bayern2 Radio sprang man mit Riesenkonzepten bei den als Reformatoren eingesetzten leitenden Mitarbeitern los. Man vertraute darauf, dass manche selbst beim Zündfunk gewesen sind und man auch Konzepte zur Befriedigung der Rundfunksratmitglieder hatte - und ging letztlich als Verlierer vom Platz. Die Bemühungen nach oben hatten nichts gebracht. Die Sendung wurde gnadenlos um Stunden in den späteren Abend geprügelt, rein in die Daily Soap Zeit, was für die selbsternannten Kämpfer für eine andere Jugenkultur nicht wirklich von Vorteil war.

Zündfunk, das ist Radio, wie sich die Mitte 50 jährige, wertkonservative Gemahlin eines halbliberalen Rundfunkratsmitglied den idealen Jugendsender wünscht: Ein klein wenig kritisch, ab und zu und wenn es nicht gerade um wirklich heftige politische Themen wie Korruption, Wirtschaftsförderung und Parteiränken geht, wissensvermittelnd, bemüht menschenfreundlich, nach Gerechtigkeit für junge Leute rufend - auch wenn die freien Jobs beim Zündfunk nicht sehr viel anders als die typische Ausbeute in den Medien mitsamt Profilierungssucht mancher leitenden Köpfe sein soll. Das Suhlen im Wissen, etwas Besseres zu sein und es im gebührenfinanzierten Auftrag zu tun.

Dazu Musik, die so gut wie niemand kennt, in einer Moderation, die es einem nicht erklärt, sondern damit allein lässt, wie superwichtig die Elektropiepser gerade im Untergrund von Novosibirsk sind. Hin und wieder der arg bemühte Versuch, Kleinigkeiten beim ORF-Nachbarn FM4 abzuschauen, und die ständige Selbstvergewisserung, Kult zu sein. Das Problem, dass man im Quotensumpf von Bayern2 Radio nicht besser als die anderen ist, wird beiseite geschoben in der Gewissheit, dass man als Vollfrequenz sicher einen super Jugendsender hinbekäme.

Auf DAB werden manche von denen jetzt den Beweis antreten können. Ja, die Welt ist ungerecht, wenn man von den Padronen so verstossen wird, deren Protektion nicht mehr hat. Vielleicht geht bald die Legende in Umlauf, der Zündfunk muss sterben, weil es journalistisch zu hochwertig war, weil die Öffentlich-Rechtlichen auf Mainstream schalten, weil man die Jugend vom denken abhalten will. In diesem Fall ist es aber eher so, dass ein Format ausgeknipst wird, in dem sich ein paar ergrauende Berufsjugendliche ihrer Sache mit den Oberen zu sicher waren und nie ernsthaft versucht haben, bei den Jugendlichen anzukommen. Mit der Zielgruppe verquaster Einserabiturienten darf man sich nicht wundern, wenn die Leute dann eben die Musikgosse von Radio Galaxy konsumieren, auch wenn die den Anspruch einen toten Beutelratte haben.

Ich mochte Berlin nicht, und Wien kann ich auf den Tod nicht ausstehen. Aber der RBB (hallo Holgi)und der ORF zeigen mit Fritz und FM4, wie man mit Jugendsendern innovative Formate, gute Events und Quote macht. Ohne den Hörern mit arroganten Ansprüchen auf den Sack zu gehen, die zu erfüllen man selbst nicht in der Lage ist. So geht das, ihr Luschen. Und jetzt fangt an, DAB zu lieben, wenn Ihr auch weiterhin auf den Knien leben wollt.

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Dienstag, 18. April 2006

Dieses bestimmte Gefühl

wenn man begreift, dass man schon besser vor Wochen seinem Bauchgefühl gefolgt wäre, wenn sich dann zeigt, dass es so wird, wie man befürchtet hat, dass jeder andere meint, das wird schon gehen, hat doch woanders auch geklappt, warum nicht hier, Erfahrung überflüssig, Planung sowieso. New Economy pur, Tests keine. Outfit aber poppig und da kann man vorher prima erst mal relaxen. Wie Anno 2000. Damals glaubte ich noch. Könnte vielleicht. Risiko. Aber gut.

Heute das Wissen, dass es sinnlos ist, sich noch zum Steuerknüppel durchzuschlagen. Es ist sinnlos, auf dem Platz zu bleiben und auf den Aufschlag zu warten. Es gibt nur eine Sache, die sinnvoll ist. Die Reissleine.

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I simply buy what I like

ist der Ausspruch eines Bekannten aus England, den es wegen seiner beruflichen und religiös-ethnischen Tätigkeiten viel durch Europa treibt. Wir hatten ein Interview an einem Samstag Abend südlich von München, danach unterhielten wir uns ein wenig, unter anderem über das Interieur des Schlosses, und dann kam irgendwann die Frage von ihm, ob es hier in der Nähe denn Fairs gäbe, wo man sowas kaufen könne - ein schlichtes Demilune aus Kirschholz, das wäre was. Die "Fair" gab es, 50 Kilometer weiter westlich, in Salzburg, und so verschwanden wir am nächsten Morgen heimlich aus dem Schloss, kurvten durch das Voralpenland, und erreichten bald diese vom Katholizismus niedergerückte, paradiesisch schöne, vergiftete Stadt an der Salzach, die noch jeder grosse Bewohner angewidert verlassen hat, von Mozart über Herzl bis Zweig. Dort erwarb er zwei Portraits - die er nicht brauchen konnte - einen alpenländischen Tisch - der garantiert nicht in seine Londoner Wohnung passte - ein paar Fayencen - they don´t fit with Imari, what do you think, Don - und noch eine Monstranz - gee, I could use it as a etrog box. Jedenfalls, ein Demilune war nicht dabei.

Auf der Heimfahrt überlegte er Strategien zur Umgehung seiner Gattin und erklärte mir, dass es letztlich eben sein Schicksal sei, das zu kaufen, was ihm gefalle, und nicht das, was zusammen passe. Und als ich gestern aus Pfaffenhofen nach Hause kam, wo ich hingefahren bin, um einen kleinen Tisch zu kaufen, da dachte ich wieder an ihn. Weil ich keinen Tisch gefunden hatte.



Sondern eine wirklich "unusual, rare", weisse Cloisonnéedose. Ich bin bei diesen Objekten immer etwas skeptisch, wenn sie weiss sind, das ist nicht wirklich mein Geschmack, aber die ist ausgesprochen fein und alt. Und sie hat eine Geschichte. Desweiteren ein Stich von Daniel Deuchar nach einem Gemälde der Schule von Fountainbleu. Regelmässige Leser kennen meine Sucht nach allem, was mit Manierismus zu tun hat. Und ein Bild von der alten Heimat eines Teilclans: Ein grosser Stich von Arbois in der Franche-Comte, etwa 1780. Nachdem im anderen Raum schon vier weitere Spiegel irgendwie keinen Platz mehr haben, noch ein recht erblindeter Biedermeierspiegel. Komisch, man steht davor, erhandelt ihn und vergisst völlig, dass man ihn nicht braucht. Liegt wohl an dem fein gemaserten Mahagoni.

Gut, die Dose kann ich als Teetrinker durchaus für eine gröbere Sorte gebrauchen. Der Rest würde mich vor Probleme stellen, hätte sich da in der Familie nicht vor kurzem etwas getan. Zugrunde liegt eine lange, die Öffentlichkeit nicht betreffende Geschichte, aber im Ergebnis werde ich wohl 2 Stockwerke weiter unten eine Wohnung bekommen. 85 m², 3 Zimmer, Küche, Bad. Mit ganz viel Wand für viele Bilder. Es muss sein. Denn sonst wird das hier oben bald etwas eng.

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Pikant, pikant

Pikant am Rande ist allerdings, dass die Autoren des Artikels bereits Ende März vorab darauf aufmerksam gemacht worden waren, dass dieses Bild eine Gefahr (actually, it did. Don) darstelle und insgesamt auch nicht sehr passend sei. Bereits hier fiel dann die Aussage, man habe sich die Genehmigung des Verlages für dieses Bild eingeholt.

Aus Wolfgang Lünenbürger-Reidenbachs Blog-PR-Rundbrief. Ich wäre gar nicht überrascht, wenn der exemplarische Fall demnächst bei dem ein oder anderen Seminar oder Workshop der deutschen Blogberaterszene "weitere Verbreitung" finden würde. Es gibt da welche, die sind gerade ganz erstaunlich stille Geniesser, ich werte das mal als Zeichen. Und nachher schreibe ich mal was zur Frage, ob es überhaupt wichtig ist, dass so ein Thema den Umweg über die Medien zu denen geht, die daraus Stricke drehen, Gruben graben und beim Kunden mobben.

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