: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Montag, 18. September 2006

Der Don, der Papst, sein Zwetschgendatschi und das Rezept

Hier stand in den letzten Tagen allerhand wenig freundliches über einen Herrn aus Rom. Obwohl er und ich tief in der gleichen Provinz verwurzelt sind, obwohl Donau und Inn die gleiche, malerische Landschaft geformt haben, so sind die inhaltlichen Differenzen tiefer als der Donaudurchbruch bei Weltenburg, und nicht einfach owizwschoam wie das Bier der dort ansässigen Brauerei des Klosters Weltenburg. Der Mann ist mir fremd.

Aber es gab einen Moment, da kann ich mich in ihn hineinversetzen. Nicht der bekannte Benedikt der XVI., Beherrscher der Gläubigen, nein, der Sepp also sass letzte Woche bei Regensburg im Garten seines Bruders, nicht weiter als ich von der Donau, und genoss den sonnigen Tag ohne Verpflichtungen. In den Büschen lauerten Scharfschützen, irgendwo weit weg kreiste der Hubschrauber, aber Sepp nahm es kaum wahr. Er sprach mit seinem Bruder etwas wie: "In der Frage der Abtreibungen..." - und dann geschah es.

Die Scharfschützen zuckten zusammen, da war dieses Plopp wie von einer Pistole mit Schalldämpfer. Auch der Sepp vernahm es, aber das Wetter hatte ihn milde gemacht, und er erinnerte sich, was dieses Geräusch bedeutete: Vom alten Zwetschgenbaum, unter dem der päpstliche Liegestuhl war, hatte sich eine Zwetschge gelöst, und war direkt vor seinen Füssen in das Gras gepurzelt. Sepp hielt inne, betrachtete das blau-violette Früchtchen, das ihn mit seinen unkeuschen Formen anlachte, lächelte zurück, und dann erinnerte er sich an

früher, als es an den Strassen des Bayernlandes noch Zwetschgenbäume gab. Echte Zwetschgen, nicht diese aufgeblähten EU-Pflaumen, zweimal so gross und ein Drittel des Geschmacks. Kleine, intensiv gefärbte Früchte, die nie zur gleichen Zeit gleich reif sind, und nicht voller Wasser und Spritzgiften. Die standen da so, man konnte einfach rausfahren und einen Eimer holen. Es gehörte allen. Ob es solche Bäume noch gibt, dachte Sepp und hob die Zwetschge auf. Fahren sie noch hinaus und sammeln sie, hier im Bayernland?



Und essen sie draussen schon so viel, dass ihnen schlecht wird? So war es in seiner Jugend. 5 Kilo mitnehmen, dann bleiben drei für den Datschi. Der Datschi.... herrgottsakra, das wär jetzt was, so ein Datschi, aus kleinen Zwetschgen von der Strasse geholt.



Die waren perfekt, die musste man nur einmal rundrum schneiden, damit sie passen. In der Schüssel glänzten sie damals nass, und wenn man sie aufschnitt und die Kerne entfernte, über das feuchte Fruchtfleisch glitt, diese Vorfreude, und dann der Hefenteig



an dem man seine Lust abarbeiten kann, wie das Fleisch der Jungfrau, gebeneideit sei dein Name, so weich, so griffig, heineinfassen, durchkneten, dass es eine Freude ist, so ging das damals im Bayernland, nach der Hitze der Frucht die Kühle des gährenden Teiges, und dann stehen lassen



und auswoigeln. Wie heisst das eigentlich auf hochdeutsch? Auf Kirchlatein? Gibt es da so ein lautmalerisches Wort wie auswoigeln, das den Schub, die Kraft und das lustvolle Zucken des Teiges unter dem Nudelholz so begreifbar macht? Dünn muss er sein, der Teig, überall gleich dick, nur an den Ränders sollte er dicker sein, um später den Saft aufzufangen,



der aus den Zwetschgen kommt. Die werden in Reihen angeordnet, etwas steiler gestellt an den Rändern, etwas flacher in der Mitte. Da sind die kleinen Zwetschgen im Vorteil, denn sie müssen nicht mehrfach geschlitzt werden, um gut zu liegen. Dann bei 200 Grad für 40 Minuten in den Ofen,



von dem dann der süssliche, unverwechselbare Duft durch alle Räume zieht, der Duft des ausgekochten Saftes, süss und dick, den man kennt und der einen bitter enttäuscht, wenn man zu spät kam und die Geschwister schon alles gefressen hatte, wie man es aber selber auch getan hat, Völlerei, Diebstahl und Neid, drei Todsünden, die nach 40 Minuten in diesem lieblichen Giftgas und bei diesem Anblick



mehr als verzeihlich sind, denn Gott hätte den Zwetschgenbaum mit seinen kurzen Reifephasen nicht erschaffen, um dem Menschen dann diese Zwetschgenvernichtungsorgien zu verbieten. Schnell noch drei Esslöffel Zucker drauf, damit der Saft, diese unendliche Süsse der Zwetschge auch drinbleibt und den Geschmack zum Äussersten treibt, den Hefeteig durchdringt und das alles so weich macht wie... Die Abtreibung, heiliger Vater? fragt ein Sekretär, der glaubt, der Sepp hätte vielleicht einen Aussetzer. Die Ab, ach so, sagt Sepp, schaut sich die Zwetschge in seiner Hand an, macht sie auf, probiert sie, schliesst die Augen und meint sich einen Moment daran erinnern zu können, wie das war, mit dem ersten Stück, das noch heiss abgeschnitten und dann warm gegessen wurde...



Sogamoi, sagt der Sepp zu seinem Bruder, hobts ned an Datsche gmocht von dene Zwetschgn, und sein Bruder wird es verneint haben, denn so etwas Simples wollte man dem Sepp nicht vorsetzen.

Da seufzt der Sepp und wäre einen Moment gern ein anderer, vielleicht sogar ein mosaisches Jungerl irgendwo anders an der Donau, in einem alten Jesuitenkolleg, Hauptsache, er hätte diesen Datschi, das wär´s jetzt, dann würde er morgen in der Universität auch was über den Geschmack erzählen, der uns alle eint, statt diesem komischen Zitat von einem ewig lang toten Byzantiner, das ein Sekretär rausgekramt hat.

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Montag, 18. September 2006

Das Ende einer Volkspartei

Vor 364 Tagen erhielt eine Provinzgurke einen Grund zum Selbstzweifel: Das Merkel, das als Siegerin von den Nutten der Medien hochgebracht wurde, gewann auf eine Art die Wahl, die mehr mit Verlieren denn mit Triumphieren zu tun hatte. Schröder prügelte es mitsamt seinem bayerischen Gaudistotterer in eine grosse Koalition, wo es alles tun konnte ausser gewinnen.

Danach rumorte es in der damaligen Volkspartei CDU. Da war etwas schief gelaufen, da kam nicht jeder Schwarzgeldfreund an die Spesentöpfe, und dabei hatten viele schon die Lieferwägen nach Berlin und neue Konten geordert. Da musste was passieren, soviel war klar, die Union kann so nicht weitermachen, ihr bricht die Wählerbasis weg, langsam, stetig, unaufhaltsam, wenn man nicht schleunigst was tut. Das war vor 364 Tagen klar.

Danach versuchte sich das Merkel als Amateurschauspielerin der uckermärker Kirchspieltruppe in der Rolle der gütigen Landesmutter, was ihr aber ausser Medienarschkriechern keiner so recht abnehmen wollte. Durchwursteln, keine Experimente bitte, das weckt nur die Warlords aus dem Süden, und wenn einer mal was sagt wie der Rüttgers, wird er sofort platt gemacht. Erneuerung der CDU, neues Profil für Wählerschichten ausserhalb des Altenheims, der Reservisten und der Bankerlrutscher? Aktive Familienpolitik für nichthochwohlgeehelichte Politikertöchter? Familienförderung, Ausbildungsoffensiven, irgendwas, das grössere Teile des früheren Klientels ansprechen könnte? Moderner Konservatisismus, neue Werte, Abschied von ein paar Lebenslügen? Eine modernere Partei? Nicht mit Merkel.

FDP-Hackfressen sagen danke. Glatzen sagen danke. Die SPD sagt danke. Eine Partei, die in der grössten deutschen Stadt nur noch auf 22% kommt, hat sich dauerhaft von der Rolle als Volkspartei vertschüsst. Ein Jahr hatten sie Zeit, sich was Neues einfallen zu lassen, was Konservative, Rechtsliberale, Familien und Freiberufler, Kleinbürger und Beamte unter einen Hut bekommt. Alles, was geschehen ist, ist eine noch ein Jahr ältere Opapartei, jetzt extra podcastig, mit ein paar Proletenabsahnern in einigen Bundesländern, die den Machterhalt gegen Einfluss dealen. Die Basis erodiert weiter, wie auch bei der SPD, aber bei der Linken ist es ein volatiles Nullsummenspiel. Die reformunfähige Union verliert dagegen die sog. Elite an den FDP, der besseresVolkspartei. Das sind die Jungs mit dem Geld, you know, schwarze Koffer, Schweiz und so.

Das Merkel hält das Land für einen Sanierungsfall? Soll es mal mit der eigenen schwarzbraunen Filzhütte anfangen. Consultants hätten da einiges zu tun. Im Management aufräumen, zum Beispiel. Ein Jahr den Fehler kennen und nichts tun, da sollten Köpfe ganz oben rollen. Dummerweise sind die Kronprinzen die gleichen Pappkameraden. Ein Scheissspiel, das ganze. Zu dumm, dass man eine Partei schmieren, aber nicht formal übernehmen oder an die Börse bringen kann. So geht das eben weiter. Bis irgendwann jemand intern dem Merkel den Stecker zieht. Dauert nicht mehr lang. Aber eine moderne Volkspartei kann das auch nicht mehr werden.

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Endlich mal eine tolle Pressekonferenz

PKs sind fast immer sterbensfad. Öde. Langweilig. Aber nicht diese Pressekonferenz, wenn zwei Ösi-Neuöconomisten vom Tisch weg verhaftet wurden. Würde ich gern öfters sehen.

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Samstag, 16. September 2006

Sehr zu empfehlen - Manchmal

wacht man auf und denkt sich so, all das Silber, die Kronleuchter und antiken Teppiche, das schimmernde Edelholz und der Stuck, die Farben, die Prunkspiegel und die asiatischen Bilder, der schwere Fall der handgewebten Seidenvorhänge, all das könnte irgendwann doch zu viel sein. Zu üppig, ein Leben im Museum, zu viel und vielleicht wäre es doch besser, sich einfach eine ruhige Bauhaus-Liege in ein weisses Zimmer zu stellen, damit es einfach nicht so viel ist. Doch, manchmal hat man solche Gedanken, es ist die Sehnsucht nach dem Schwarzbrot, wenn man sich am Kuchen überfressen hat.

Da gibt es nur eines zu tun: Ab in eines der hier häufig herumstehenden Schlösser und die Inneneinrichtung anschauen.











Danach begreift man wieder, wie schlicht, einfach, ja fast ärmlich die eigenen Gemächer sind, erinnernd an einfachste Dienstbotenräume, und beim Heimfahren denkt man sich, das Bad, das so wenig ansprechend ist, das ballert man einfach gnadenlos mit Prunk zu, denn morgen ist Flohmarkt in Pfaffenhofen, und dann werden Nägel mit Goldknöpfen gemacht, und der Badkronleuchter muss noch viel prunkvoller werden, oh ja.

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Samstag, 16. September 2006

Gammelfleisch: Nur falls sich einer wundert,

dass Bayern so laxe Kontrollen hat: Wir reden hier über ein Land, das seinen ganz eigenen Zugang zu Themen wie Verwesung, Leichen und deren Aufbewahrung hat.



Das da drin ist genau das, wonach es aussieht. Prunkvoll verpackt, goldene Etiketten (wobei die Herkunft aus römischen Katakombenkühlhäusern eher keine Garantie für den Inhalt ist), sicher ein prima Stück, aber innen, im Kern, ist es, nun... danach ins Wirtshaus, zur Schweinshaxe, guten Apetit.

ich habe leserinnen, die für dergleichen schwärmen, das erklärt letztlich das bild

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0 Cent für Media Markt und Saturn

Jeder muss selbst wissen, ob er Firmen unterstützt, die solche juristisch aktiven Leute und Coverpersonen beschäftigen. Wenn der Kampf gegen die Meinungsfreiheit im angeblich geilen Preis dieses Konzerns mit drinnen ist, dann gibt es nichts, was da irgendwie billig wäre, dann ist alles definitiv zu teuer.

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Servus Sepp

Des woa goa nixn.

1 Million sollten nach München kommen, 500.000 nach Regensburg. Ein Riesenspektakel, und die Kommentare mit Sätzen wie "allein der Papst vermag die Menschen so" lagen sicher auch schon bereit. Aber selbst dem untertnigsten Staatsfunker, dem verkommensten Bewohner der Bildgosse muss irgendwann auf den halbleeren Felder und Strassen klar geworden sein, dass es nicht stimmt. Der Papst - langweilt.

Es ist der Fluch der katholischen Sekte, dass sie heute mitschwimmen muss im populären Mainstream. Sie ist nur noch eine unter vielen Attraktionen neben Fussballmannschaften, Sängern und Mediendreck. Trotz ähnlicher Funktionsweise - die anderen sind gewissermasse die modernen Kinder ihrer eigenen Strategien vom Mysterienspiel über Prunkmessen bishin zur Ketzerverbrennung - ist sie inzwischen weit hinter die anderen zurückgefallen. Das Personal geht in Rente, die Fans fallen ins Grab, der Nachwuchs wird zwar gerne zitiert und arschbekrochen von den Medienhuren, will sich dann aber doch nicht in Scharen einfinden. Die meisten jungen Leute deken gar nicht daran, sich von so einem Rentnerpopstar auf der Verlängerung von Karl Moik und Roland Kaiser irgendwas sagen zu lassen.

Es ist der Wettbewerb, der freie Markt der Freizeitgestaltung, die dem Mann aus Marktl zu schaffen macht. Würde man die Glaubensbratzen endgültig aus der Schule werfen, würde man Staat und Religionen endlich sauber trennen und icht mehr mit Konkordate, wie Hitler schon, nach Anerkennung heischen, sähe die Bavarian Experience nochmal schlechter aus.

Wenn heute und in den kommenden Wochen in der Bayerischen Staatskanzlei und anderswo Katerstimmung herrscht, wenn man versucht, die Schuldigen bei den Medien zu finden und die Missstimmung bei Muslimen und Juden zu ignorieren, wird vielleicht trotz aller gerollter Köpfe und gerüffelter Staatsfunker - sie hätten schon im Vorfeld mehr tun müssen, blabla - irgendwo das triste Gefühl bleiben, dass alle Arten der Indoktrination nicht ausreichen, um den Niedergang noch aufzuhalten. Man braucht die Kirche noch für die weisse Heirat in der Kirche, aber den Papst? Bevor Robbie Williams als Robert I den Papststuhl übernimmt, braucht sich der in Deutschland nicht mehr blicken lassen.

Dass das eine Übel des schlechten Geschmacks nur durch ein anderes, die verbesserten Konkurrenzprodukte der Gegenwart ersetzt wird - sei´s drum. Das ist es in diesem Fall wert.

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Donnerstag, 14. September 2006

Abreise

Das letzte Morgenmahl



Die kleine Bergtour zwischendrin - wir sind ja in Bayern



Dann oben, hungrig von der Luft werden, die nach Wacholder riecht



Deshalb dann Mittagessen in der Orangerie Ansbach. Bevor es weiter geht.

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Donnerstag, 14. September 2006

Ferien für fast immer

Wäre da nicht der schmale Schattenstreifen, der jeden Tag ein paar Zentimeter vom Licht auf der Dachterasse wegnimmt, könnte man glauben, die Sonne geht jeden Tag den genau gleichen Weg über den immer wolkenlosen Himmel, und es könnte immer so weitergehen.



Tut es aber nicht. Der Besuch reist heute ab, und ich reise mit, auf dem Weg sind ein paar Schlösser und Gärten, die besichtigt werden wollen, bevor sie demnächst auf Winteröffnungszeiten umgestellt werden und der Herbst die Bäume leerfegt. Und so erinnert das letzte Abendessen dann auch an ein Nachtstück der Vergänglichkeit.



Aber hey. Das da oben ist Provinz plus, es gibt immer ein paar Minuten Sonne mehr am Morgen und Abend, es ist immer etwas ruhiger als nach vorne hinaus, und die nächsten Gäste werden sicher auch noch kommen. Weshalb ich gestern noch ein Schlafsofa gekauft habe, grün wie die Hoffnung und daunenweich wie das provinzielle Verblöden zwischen Tee, Kuchen und warmer Luft, eine Droge, die man immer wieder mal absetzen muss, sonst frisst es einen auf, und wie das endet, sehe ich an den KinderwagenschubserInnen, die hier nie wieder wegkommen werden, bis sie dann im Altersheim verschimmeln.

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Wenn der Liberale mit dem Augustinus hippelt.

Seit einiger Zeit gibt es so eine Art Konfliktmanagement zwischen den von Extrempositionen abgerückten rechts-, wirtschafts-, neo- und ordoliberalen Blogs und denen des linksliberalen bis libertinen Spektrums. Trotzdem bleiben naturgemäss Unterschiede bei einigen Auffassungen, über die man diskutieren kann. Bei anderen hilft nur, sagen wir mal, Nachhilfe. Etwa hier die Meinung eines Liberalen in Bezug auf einen gewissen Herrn aus Rom, der als Chef einer christlichen Sekte auftritt:

Immerhin repräsentiert er nicht nur eine zweitausend Jahre alte Institution. Nein, er kennt ihr geistiges und kulturelles Erbe auch wie kaum jemand sonst. Und mal ehrlich: Wenn der eine sich auf Augustinus beruft, während der andere allen ernstes glaubt, Afrikas Probleme seien auf ein katholisches Kondomverbot zurückzuführen, dann ist die intellektuelle Schlacht entschieden, bevor sie überhaupt richtig losgeht.

Ich darf davon ausgehen, dass das Liberale und Freund des Westens Statler meint, via Augustinus (von Hippo, 354-430) den Sieg dem Herrn aus Rom zuschreiben zu können.

Ich möchte hierzu anmerken: Herr Statler scheint in der Konsequenz kein Problem damit zu haben, die sonst verteidigten Juden als Mörder, Mörder Christi, eine triefäugige Bande oder Abschaum zu bezeichnen - denn solche und andere Bemerkungen verdanken wir Augustinus zu einer Zeit, als das christliche römische Reich beginnt, Juden radikal zu entrechten. Ein jüdischer Staat wäre für Augustinus ein Vergehen gegen den göttlichen Heilsplan, der Juden nur als Sklaven der Kirche vorsieht - noch so eine Erfindung von Augustinus. Kein Wunder, sein Lehrer hiess Ambrosius von Mailand und hat in seinen Epistulae das Zerstören von Synagogen für gut geheissen, eine Handlungsweise, die der intellektuell schlachtende Augustinus nicht ablehnt.

Herr Statler bezeichnet sich als Liberalen - ich weiss beim besten Willen nicht, wie das mit der Prädestinationslehre von Augustinus zusammenpassen soll. Geht es nach letzterem, ist von einer Entscheidungsfreiheit des Menschen nichts zu halten. Anders gesagt: Unliberaler als Augustinus geht es nicht, die Civitas Dei und ihre weltliche Ausprägung, die Civitas Coelestis (entspricht grob Himmel und Kirche) verlangen Unterordnung, die todgeweihte Civitas Dei dagegen, mitsamt ihrem von Augustinus blumig beschriebenen Multilateralismus, ihrer Offenheit, Gleichheit und Toleranz ist nichts weiter als der sichere Weg zur Verdamnis.

Kurz, dem, was Herr Statler zu sein behauptet, steht Augustinus von Hippo mit seinen Lehren diametral gegenüber. Augustinus war die zentrale Figur des frühchristlichen Judenhasses, keiner hatte zu diesem Zeitpunkt wie er all das, für das der Westen heute steht - Demokratie, Gleichheit, Freiheit, Menschenrechte - in Wort und Tat so umfassend und ideologisch begründet bekämpft. Augustinus kennt keine Menschenrechte für alle, die nicht an seine Thesen glauben. Augustinus war zu seiner Zeit das, was Bin Laden heute für den Islam ist - dem einen sein neues Kalifat, dem anderen seine Civitas Dei. Die ihm verhassten Donatisten liess er brutalst durch - wörtlich! - "terrore perculsi", verfolgen, Terror als Heilung, und damit ausrotten.

Das ist Augustinus. "De civitate dei" entwirft einen Idealstaat, der nach unseren modernen Vorstellungen religiös-faschistisch ist und heute seine nachlässige Entsprechung allenfalls unter den Taliban fand. Entweder kennt man seine Werke nicht, dann sollte man schweigen. Oder man kennt sie - dann sollte man sich aber als Liberaler keinesfalls auf sie beziehen. Coole Bilder von Kirchen habe ich übrigens auch. Und weil ich kein Christ bin, stehe ich nicht dumm und sprachlos vor den Steinhaufen, sondern kann eine Geschichte dazu erzählen:



Das ist die Westfassade des Regensburger Domes, die man momentan zwengs dem Herrn aus Rom oft in der Glotze sehen kann. Ein Meisterwerk. Mit Misstönen, über die man heute nicht redet, man mag die Stimmung nicht versauen. Zum einem ist da eine Judensau. Und dann ist da noch die Sache mit dem letzten mittelalterlichen Baumeister dieses Bauprojekts zum grösseren Ruhme Gottes. Der hiess Wolfgang Roritzer. Und wollte das Ding fertig bekommen, und sei es um den Preis eines gewaltsamen Umsturzes in der freien Reichsstadt Regensburg, um sie dem Herzogtum Bayern anzugliedern. Der Putschversuch endete für ihn auf dem Schafott. Und für uns in der Ermahnung, alles, was mit diesem Verein zu tun hat, sehr vorsichtig anzufassen. Alles hinterfragen, nichts als gegeben akzeptieren. Die sind 2000 Jahre alt, aber es sind 2000 Jahre gegen die Freiheit, und der Kampf um eben jene Freiheit ist noch lange nicht gewonnen - da reicht ein Blick zu unseren polnischen Nachbarn und den dortigen politischen Entwicklungen.

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Dienstag, 12. September 2006

Wer wird denn?

Jetzt schon? Unkend den Sommer ausschliessen, die Vorhänge der Depressionen zuziehen und auf das kommende Kalt warten wie auf den unvermeidlichen Tod, der dann doch auf sich warten lässt? Sich heute schon abschotten vom kraftigen Grün und Blau vor dem Fenster, und dem realen oder gefühlten Personal in Schwarz und ausgebeulten Hosen eine lange Liste mit Besorgungen überreichen, als gälte es, demnächst eine mittlere Eiszeit zu überstehen?



Viel zu früh, nicht so schnell, wartet noch, es wäre Verschwendung und Sünde an der Lust, es ist nicht vorbei, bevor es zu Ende ist. Noch einmal hinausgehen, den Roadster anwerfen und durch Kurven jagen, die warme Luft fühlen und die Idioten verlachen, die an solchen Tagen alte Papisten begaffen, statt dessen die üppigen Rundungen der Hiesigen bewundern und sich am Prallen der Natur erfreuen, das an seinem Busen die Melancholie zerquetscht und dem Gejammer mit den sonnenerregten Nippeln das Schandmaul stopft. Es lockt uns, in Fleisch, Stein, Luft und Feuer.



Und wenn es doch nicht mehr geht, ist das Hotel im Süden bereits erkoren, Italien ist näher als Berlin, und all die Trauer, das Verlangen und die Sehnsucht nach den goldenen Tagen wird im Dunst hinter den Bergen zurückbleiben. Heute jedoch genügt noch das Donautal zur Freude, und die Torte, die es beschliesst, ist schon gebacken.

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Was ich noch sagen wollte.

Wenn der eigene Laden an diesem Tag quasi um die Ecke vom WTC lag und die eigenen Leute gerade erst unter den Türmen durchgefahren sind, dann kotzt einen das gestrige Bohei der medialen Geschäftemacher, und besonders der politischen Kapitalschläger von Broder bis Chomsky auch im Abstand von fünf Jahren noch kräftig an. They don´t know shit.

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Dienstag, 12. September 2006

Real Life 9.9.06 - Heritage II

Jenseits der dichten Häuserzeilen, der weiten Strassen mit ihrem Lärm, der Büroblocks mit ihren immer gleichen Menschen mit jährlich wechselnden Aufdrucken auf der Visitenkarte, ragt eine grüne Kanüle unter die Haut der Stadt. In ihrer Mitte fliesst braunes Wasser, in dem sich träge, fette Karpfen tummeln, und am Rand, in teuren Villen, hat sich die bessere Gesellschaft, Anwälte, Steuerberater und auch ein VC festgesetzt. Entlang der grünen Nadel stehen schwere Wägen, bevor sich dann der Blick weitet in den Korpus dieser Spritze, von deren Saft diese Stadt aber nicht abhängig ist. Koks ist der Stoff, auf dem sie laufen, nicht das Wasser des Grabens zwischen den Auffahrtsalleen, die nach Nymphenburg führen.

Dann kommt das Rondell mit den kleinen Schlössern, der Platz für die Hochzeitsgesellschaften, die sich vor dem prunkvoll eingerichteten Zentralbau photographieren lassen, bevor das Brautpaar in die Hölle der Mitnahmemöbel weiterzieht, und dahinter öffnet sich wieder ein weites Grün mit Bäumen, Wiesen, Schlössern und Wegen, und auf einem dieser Wege wandelt ein Herr in Braun mit einer Dame in Schwarz. Vor ihnen das genaue Gegenteil, der Herr in Schwarz und die Dame in Braun.



Und die Töchter in Rosa.

Das sind sie also, die Neocons in freier Wildbahn, raunt der Herr in Braun der Dame in Schwarz zu. Manager, Key Account leading Irgendwas, Vorstandsassi mit grossen Plänen und einer Frau, die ihn dabei unterstützt. Im Dieckmann-Look, schleimig stromliniengeformte Haartracht. Das flutscht. Er muss gar nichts sagen, es reicht, wie er ist.

Das ist einer, der Managerbücher mit simplen Wahrheiten liest und glaubt, dass Arbeiter und Leistung in China billiger sind. Bei dem es für teure Schuhe reicht, aber nicht zur Erkenntnis, dass man die Hose mindestens drei Zentimeter hätte kürzen müssen. Seine Töchter haben jedes Mal um die Digitalkamera zu bitten. Höflich. 68 war gestern, heute steht wieder Disziplin im Marschbefehl. Spazieren geht man im Schlosspark, im Odium alter, angenommener Grösse, die in Wahrheit eine erbärmliche Verwaltung war, mit einem Dekret, das Schnörkel verbot, und dem radikalliberalen Angebotsstreit zwischen Künstlern, die letztlich alle vergebens auf die versprochenen Zahlungen des Hofes warten mussten. Weiss er natürlich nicht, Kunstgeschichte ist auf so einem Lebensweg jenseits von ungelesenen Taschen-Bücher zur Regalwandfüllung nicht vorgesehen, aber es würde ihm wahrscheinlich gefallen. Dieses Top-Down-Modell. Seine Arbeiter für die Effektwandbemalung in Pastell beschafft er sich vermutlcih bei einer Dumpingplattform im Netz und schaut, dass ein Teil schwarz geht.

Von hinten fallen die schwarzen Schatten von dir und deiner Begleiterin auf den Abklatsch eines Gesellschaftsstücks minderer Güte, der Park und die Welt ist gross genug für beide Haltungen, aber du ringst mit dem Wunsch, dich vor den über Career Opportunities schwadronierenden Kerl hinzustellen und zu sagen - wenn er mal mit 55 am Herzinfarkt stirbt, werden seine blondrosa Töchter oder ihre Gatten für deine Rente aufkomnmen - und ausserdem kommt er mit der zu langen, im Staub der Schlosswege runtergetretenen Hosen nicht wirklich weit bei seinen Zielpersonen.

Aber das Wetter ist zu traumhaft, weiter vorne gabelt sich der Weg, und du wendest dich nach links, wo ein junges Paar in Nichtachtung eines Boosschen Meisterwerks hemmungslos und wenig schicklich bekleidet am Fuss eines halbnackten Marmorweibes den abendlichen Geschlechtsakt küssend vorbereitet.

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Heritage I

Nein, der ist nicht zu verkaufen! Da war ein Bild drin, aber das haben wir vorhin schon verkauft, Sie sehen ja, der ist beschädigt, den schmeisse ich nachher dann weg, den will ja keiner, so wie der ausschaut.



Sie wollen den? Ein Euro? Ja, gut, wenn Sie wirklich meinen, nehm ich. Naja, vielleicht können Sie ja noch was draus machen. Wo der her ist? Den hat schon meine Urgrossmutter zusammen mit dem Bild gehabt, der ist also schon über 100 Jahre alt. Aber sowas hat man heute ja nicht mehr. Also, viel Glück beim herrichten, danke, servus.

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