: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Sonntag, 24. Februar 2008

Das perfekte Utensil

Eine einfache Sache, eigentlich: Man hat einen schön gedeckten Tisch, Porzellan und eine natürlich heisse Kanne Tee oder Kaffee in der Hand. Noch nicht auf dem Tisch, denn die Kanne ist ja heiss, das ist nicht gut für das Holz, ausserdem könnte sie tropfen, und deshalb -

passiert in dieser Situation an deutschen Tischen immer das gleiche Unheil: Man kehrt um, geht in die Küche, und holt einen Untersetzer. Ganz schlimme Exemplare sind aus Kork, der aufweicht, wenn er beim Verschütten mit Flüssigkeiten in Berührung kommt. Ähnlich fatal und hässlich ist Holz, Porzellan ist nicht mehr ganz so schlimm, aber auch nicht perfekt, findet auf deutschen Tischen Asyl wie der Altnazi in Argentinien. Alles, was Hitze nicht leitet, ist eher scheusslich und optisch störend. Weil die Deutschen zu geradlinig denken: Kanne heiss, Tisch kalt, Isoliermaterial dazwischen. Praktisch, logisch, hässlich. Oder vielleicht sogar oranges Plastik zum Rosenthal?

Briten dagegen haben noch grössere Probleme, denn die dort üblichen Silberkannen leiten Wärme noch besser an die Umgebung ab. Und dennoch kann ich meine glühend heisse Kanne problemlos auf mein heute erworbenes Silbertablett stellen, es schadet dem Tisch nicht im geringsten:



Der Trick ist auch für deutsche Hirne zu verstehen, wenn man ihn erklärt. Das Tablett funktioniert nämlich in zwei Stufen. Zuerst einmal ist es vergleichsweise gross. Dort, wo die Kanne steht, wird es natürlich sehr heiss, aber an den Rändern bleibt es aufgrund der üppg dimensionierten Fläche und des gerippten Randes kühler. So gesehen funktioniert es ähnlich wie Kühlrippen an einem Verbrennungsmotor oder einem Prozessor. Und in dieser kälteren Zone nun werden an der Unterseite drei kleine, runde Noppen angebracht, die das Tablett kaum sichtbar ein paar Millimeter anheben:



Die Noppen bleiben vollkommen kühl, der Tisch kommt mit der Hitze nicht in Berührung, und sollte doch ein unachtsamer Mensch darüber ein wenig verschütten, schützt das Tablett auch hier den Tisch vor Überschwemmungen. Tropfen wird die Kanne allerdings nicht, denn Briten bauen nicht nur perfekte Tabletts, sondern auch perfekte, tropffreie Kannen.

Ich verschenke gern Silberwaren aus Sheffield, und nach den Teekannen sind solche Untersetzer das begehrteste Objekt der Begierden. Dieses Exemplar behalte ich jedoch selbst, denn ich habe eine neue, leere Wohnung, und ausserdem trägt es zufällig eine Gravur mit familiären Initialen. Das ist natürlich sehr fein. Was jedoch die Briten machen, die es nicht mehr haben und folglich die Kannen nicht mehr stilgerecht abstellen können, ist mir unbekannt. Vielleicht Bier aus Dosen trinken. Viel Bier. Was aktuell keine dumme Idee ist.

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Süddeutsche Lachnummern

"Kommentarfunktion am Sonntagabend geöffnet

Wegen der Bürgerschaftswahl in Hamburg öffnet sueddeutsche.de am Sonntag um 17 Uhr die Artikel-Kommentarfunktion."

entblödet sich die SZ nicht zu schreiben. Hier sind die Kommentare immer offen, und ich behaupte, dass der Hamburger SPD-Normalwähler der Schmutzkampagne von Bild und Spiegel wegen der an sich läppischen rot-roten Planspielereien nicht folgen wird. Gerade die Hamburger CDU mit ihrer reachtsradikalen Koalition - man erinnere sich an Schill - sollte ihr ungewaschenes Maul halten.

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Samstag, 23. Februar 2008

Empfehlung heute - Ottilie Oberfläche

klingt jetzt nicht so toll, aber eine Freundin, die Susan Surface heisst und sich auf der Ottomane räkelt, hätte ich auch gerne.

Und wer dergleichen auch nicht hat und in Hamburg wohnt, sollte das als Er(kaffee)satz morgen nicht verpassen.

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Liebe Union!

Ihr - und aus Eurem Podex die darin steckenden üblichen Hilfsmedien - drohen mit dem Ende der grossen Koalition, wenn sich in Hessen eine demokratische mehrheit gegen den brutalstmöglichen Koch findet.

Dreierlei: Niemand wird um die grosse Koalition weinen. Im Bundesttag gibt es eine linke Mehrheit gegen Euch. Und angesichts des Steuerskandals, den Verdächtigen aus Eurer Reihen und den Lügen rund um die BayernLB würde ich nicht auf Neuwahlen hoffen.

Vielleicht haltet Ihr einfach mal die Fresse.

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Am Ende des Tages, und später.

Nun, da der lang erwartete Tag vorbei ist, steht vor meinem Haus ein MG B GT in British Racing Green, ein Chrommodell aus den frühen 70er Jahren, perfekt restauriert und optisch ein Genuss. Einer, wie ich ihn schon immer haben wollte. Dafür habe ich in den letzten Monaten ein Dutzend Wracks angeschaut, und war jedesmal entsetzt von der anstehenden Arbeit. Aber heute, nach dem Tag, der mein Leben ein wenig neu bestimmt, steht er da, makellos, fein, elegant und begehrenswert. Der hier ist anders. Der ist richtig gut.



Er hat nur einen kleinen Schönheitsfehler. Er steht hier rein zufällig, er ist nicht meiner, und er wird es auch nicht werden. Denn ich kann mir solche Dinge nicht mehr einfach so leisten. Bis heute hätte ich gekonnt, denn ich lebe sparsam und habe ein klein wenig gespart. Aber das ist jetzt vorbei.

Ich ging hinunter an den See und machte ein breites Panoramaphoto. Die Ecke ist beliebt, und neben mir war ein Paar, das seine 15, 16-jährige Tochter auf den Steinen vor der Bergkulisse ablichtete. Dann schauten sie den Abendhimmel an, den kein Bild adäquat wiedergeben kann, während von Gmund über St. Quirin und Tegernsee bis Rottach die Lichter aufflammten. Wirklich, wirklich schön.


klicken macht gross

Also, sagte der Vater nach andächtiger Ruhe, fahren wir heim.
Ich mag nicht, sagte die Tochter. Ich will dableiben.

Dann gingen sie doch. Ich dagegen muss nicht heim, ich bin seit diesem Tag, 16.30 Uhr, hier zuhause. Auch zuhause, muss man sagen, denn leicht oberhalb des Ortes ganz links auf dem Bild, etwas über dem See, ist meine neue Wohnung. Und als das Mädchen dableiben wollte, wusste ich endlich, nach all dem Zaudern, Überlegen und Rechnen, dass es die richtige Entscheidung war. Jetzt kann die Kreditkrise kommen.

manche werden jetzt vielleicht sagen, dass man sowas besser nicht bloggen sollte, aber mei, warum soll ich es verheimlichen, wenn es eh diesen kommenden sommer lauter see- und bergbilder geben wird

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Freitag, 22. Februar 2008

Le massacre du printemps

Frühling, die Zeit des Todes.



Um mich herum kippen die Leute um und schaffen es gerade noch bis ins Krankenhaus. Sehr seltsam, dieser Frühling. Ich bin nur dabei, ein Vorübergehender. Tausende fallen an meiner Seite, aber es mag mich nicht treffen.

Dafür habe ich Heuschnupfen.

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Man sollte überlegen,

ob man nicht jeden Sendungs- und Redaktionsverantwortlichen, der den sog. "Journalisten" Henryk M. Broder mit seinen islamophoben Sprüchen und Unwahrheiten Aufmerksamkeit zukommen lässt, intensiv mit höflichen Schreiben über die Problematik dieser Person informiert. Nachdem Broder eine ausgesprochen empfindliche Mimose ist, wenn man über ihn nicht allzu positiv schreibt und dann auch - zumindest in meinem Fall - cholerisch angefallen dem Chefredakteur ein Ohr abkaut, und es nicht verstehen kann, wenn man jüdischerseits seinen fremdenfeindlichen Textschrott zurückweist, ist das vielleicht ein probates Mittel dafür zu sorgen, dass - auch mein - deutsches Judentum nicht weiter mit Sprüchen aus der Asservatenkammer der Rassisten an Ansehen in der Öffentlichkeit verliert.

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Wo man bleiben kann - Platz 5: Tegernsee Nordostufer

Der Tegernsee ist furchtbar. Vor kurzem gab es einen Beitrag einer Hamburger Zeitung zum Thema Steuerhinterziehung, in dem der Tegernsee in einem Satz mit Eppendorf (!) genannt wurde. Als ich zum ersten Mal in diesem Winter dort war, stieg ich gerade aus, als eine alte, fette Frau im Pelz sich in einen schweren Mercedes-Geländewagen zwängte. Und das war nur im vergleichsweise normalen Gmund, Rottach Egern ist viel, viel schlimmer. Freie Hotspots sucht man dort vergeblich, dafür ist es teuer, teuer, teuer. Wenn das Wetter schön ist, bekommt man auch im Januar unter der Woche in Tegernsee keinen Parkplatz. Alles voller arbeitsloser Münchner. Elend, das lernt man hier, hat viele bemalte Gesichter.

Und das war noch die gute Ecke. Bad Wiessee auf der anderen Seite ist im Winter, Frühling und Herbst unerträglich, weil es im Schatten der Berge liegt, und im Sommer unerträglich, weil einen die billigeren Halbmillionärskurgäste und Neureichen zertreten. Hier wohnen dann auch Fussballer, Trainer und Ärzte, deren Tätigkeit jede Starnberger Privatklinik wie ein lahmes Sanatorium erscheinen lässt. Bad Wiessee ist nur am Abend von der anderen Seite aus hübsch, wenn die Sonne untergeht und die Lichter im Wassen glänzen, wo ab und an eine Koksleiche treibt.

Am Südende, das von Rottach-Egern beherrscht wird, passiert sowas nicht, da hat man diskrete Leichenwägen, die auch mit dem üppigsten Bonzenkadaver umgehen können. Hier wohnt die Prominenz, nah am CSU-Hauptquartier in Kreuth, was wie Rottach ist, nur ohne See. Ein lodenös geprägter Affenfelsen ist Rottach, die Pralinen sind weder der Geldbörse noch Gästen zuzumuten, denn sie sind ebenso teuer, wie sie billig schmecken. In Rottach sind die auf einem Haufen, die man auf selbigem mit Mist wissen möchte, und das ganze am besten bei den Österreichern, und dann bauen wir eine Mauer drum rum und lassen nur den Korridor nach Italien offen.

Bleibt also nur die Ecke von Kaltenbrunn, wo der Bungalow von Ludwig Erhardt steht, über Gmund, wo Thomas Mann wohnte, über St. Quirin, wo aber die Strasse etwas laut wird, bis nach Tegernsee, wo sich Herr Beisheim über die renitenten Einwohner ärgert. Dieses Eckerl, meist nach Süden gerichtet, war im vorletzten Jahrhundert die bayerische Riviera, hier war die feinste Gesellschaft, und selbst, wenn sie heute nur noch ein Schatten ihrer selbst ist, kann doch niemand ihre Geschichte nehmen. Ausserdem ist der Ort Tegernsee die Klimagrenze; nördlich davon ist es schon Frühling, während sich die Primaten im bergumstellten Rottach noch die Knochen auf Eisplatten brechen

Es ist irrwitzig teuer im Norden, allerdings nicht ganz so teuer wie in Rottach. Mit den in dieser Serie zugrunde liegenden 150.000 bis 200.000 Euro bekommt man hier eine nette Wohnung und einen Tiefgaragenplatz, der soviel kostet wie ein 1-Zimmer-Apartment in Berlin. Oder eine Villa im tiefsten Sachsen. Diese Wohnung allerdings ist dann "ärmlich", nach den Topstandards oberhalb von Rottach oder direkt am See, wo man bis zu 6000 Euro pro Quadratmeter zahlt. Oder noch mehr. Grob gesagt beginnt der Tegernsee preislich dort, wo Berlin aufhört.

Die Vorteile des Tegernsees sollte man aber auch nicht verschweigen: Es ist kein reines Millionärsghetto wie der Starnberger See, und man kann fast überall ans Wasser. Das ist sagenhaft klar, die Luft ist wie feinste Seide, und wenn man nicht gerade zu den Touristenzeiten in die kilometerlangen Staus vor Gmund fährt, ist man in etwas mehr als 30 Minuten im Münchner Zentrum. Ich habe eine sehr liebe Bekannte am südöstlichen Teil des mittleren Rings, die ich vom Tegernsee genauso schnell erreichen würde, wie von meiner alten Wohnung in München-Maxvorstadt. Und dann ist man vom Tegernsee aus in 30 Kilometer über eine der schönsten Strecken der Alpen in Österreich.



Dann nach Innsbruck, Brenner - man kann an einem Tag mal eben zum Kuchen essen nach Meran und dabei sechs Pässe mitnehmen. Vom Potsdamer Platz in Berlin bis nach St. Quirin ist es exakt genauso weit wie von St. Quirin zum Campo in Siena. Und dann ist da noch der Tegernsee mit dem Alpenpanorama dahinter. Der See ist unfassbar schön, kein Rottach an seinem Ende kann ihm das nehmen. Dennoch: Realistisch gesehen taugt der Tegernsee vor allem als sichere Geldanlage. Reiche ältere Herrschaften, die in eine der 10 deutschen Toplagen wollen, wird es immer geben, und am See wohnen gerade mal 30.000 Menschen. Angebot, Nachfrage und Demographie, Baby.

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Donnerstag, 21. Februar 2008

Wahl der Waffe

Paene insularum, Sirmio, insularumque
ocelle, quascumque in liquentibus stagnis
marique vasto fert uterque Neptunus,
quam te libenter quamque laetus inviso.
[catull, xxxi]




Wenn meine Verwandten sowas gemacht haben, konnten sie die Nacht davor nicht schlafen - verstanden habe ich das nie, so banal ist diese Entscheidung eigentlich. Man überlegt es sich, kommt zu einer Entscheidung, prüft die Fakten, und wenn man kann, tut man es einfach. Genau genommen ist es nur eine Unterschrift.

Nachdem die Blogosphäre im Moment erheblich von einer Klapperstorchinvasion heimgesucht wird, und zudem die Standesbeamten Typen hassen gelernt haben, die noch als Trauzeugen das Ereignis twittern und qiken, möchte ich hier betonen, dass ich morgen ganz sicher keinen Ehevertrag unterschreiben oder eine Vaterschaft anerkennen werde. Ich habe nicht im Mindesten vor, mich ewig zu binden, und dennoch, es wird einiges verändern. In meinem Leben, und auch auf diesem Blog hier.

Vermutlich werde ich gnadenlos übernächtigt sein, vor Aufregung einen Unfall bauen und beim Unterschreiben tatsächlich mit Don Alphonso signieren. Aber die Tinte ist im Füller, und jetzt gibt es kein zurück mehr.

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Trau keinem PRler

Ich mochte PRler und Werber schon vor meiner Zeit als Blogger nicht besonders, aber seitdem ich hier draussen ein paar von denen näher kennenlernen musste, hat sich meine Meinung nicht verbessert. Und Leute wie Lobo und Häusler sind als PR-Blogger auch nicht dazu angetan, meine Meinung zu verändern.

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Die Typographie meines sozialen Umfeldes

Ich habe nichts gegen Golfer. Ich neide keinem, der mich bei einer Auktion deklassiert, selbst wenn ich wochenlang gehofft habe. Heute Abend bin ich bei einem Empfang einer Firma eingeladen, bei der wir seit über 100 Jahren Kunde sind, und deren Besitzer immer reicher, immens viel reicher waren, und die immer höchst freundlich und leger mit mir und meinesgleichen umgegangen sind, auch wenn ihre Produkte so gut sind, dass wir seit 30 Jahren nur noch sporadisch eingekauft haben. Ich kann es auch verstehen, wenn der Vater einer Liebsten etwas despektierlich auf meine Surfboards blickt, wenn er an seine alte Mahagoniyacht denkt, die wirklich, wirklich schön ist. Ich kann mit den diversen Dünkeln verschiedenster Wohlhabender prima umgehen, solange ich nicht meinen Hut vor lebensgrossen Porzellantigern ziehen muss, und was ich wirklich nicht mehr ertrage, verblogge ich. Selten. Höchst selten. Denn die meisten sind höchst angenehme Menschen. Aber jetzt ist es mal wieder soweit:



Und es ist nicht, weil ich dem Segelclub die Villa am See neiden würde. Sollen sie. Aber denen gehört der Platz nur bis zu ihrer hohen Hecke. Danach gehört es über die Schlösser- und Seenverwaltung dem Staat, also mir und allen Staatsbürgern, und der Freistaat Bayern garantiert mir das Recht, mich davor bei der Nutzung des Gewässers aufzuhalten. Auf gar keinen Fall muss ich irgendwelchen Seglern, die nur zweimal im Jahr ihre Boote über das Ufer transportieren, den Weg freihalten. Natürlich kann ich mein Badetuch oder mein Surfboard schnell beiseite räumen, wenn man mich darum bittet.

Aber nicht so: BOOTSZUFAHRT ZUM SEE bitte FREIHALTEN Danke. Da ist die Höflichkeitsformel angesichts des durch nichts begründbaren Anspruchs klein, viel zu klein gehalten. Es ist das Gegenteil von Höflich, es ist pure Heuchelei angesichts des nicht begründbaren Anspruches WENIGER an die allgemeinheit. Mit diesem Schild ging den Segelvereinsmeiern eine Haltung durch, die auf geradem Weg nach Liechtenstein führt, und es beleidigt jeden, der aus seinem Besitz Verantwortung ableitet. Ein paar Minuskeln sagen alles über diese Leute da.

Und das Schlimmste: Keine Manieren. Das sind die Leute, denen man nicht vorgestellt werden möchte.

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Donnerstag, 21. Februar 2008

Empfehlung heute - Gewöhnungsbedürftig

Noch zwei Tage.



Solange war Bomec schon mal in Serbien, dessen Bewohner sich ja auch umgewöhnen mussen, an dies und das.

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Ausbleibende Selbstanzeigen: Liechtenstein ist der neue Mühlstein.

Habe ich was überlesen? Mir fehlt zum neuen Schimpfwort "Du Liechtensteiner" in den einschlägigen Postillen eine Analyse der Selbstanzeigen im Zuge der Ermittlungen wegen Steuerhinterziehung. Die betrifft die vergleichweise geringe Zahl der Selbstanzeigen.

Inzwischen ist das Thema in den Medien so durch, dass kaum einer mehr behaupten kann, von den Ermittlungen und deren Datenbasis nichts zu wissen. Zusammen mit den Beihelfern dürften es rund 1000 Personen sein, für die es eng wird. 1000 Personen, die mutmasslich gegen die Daten der fahnder keine Chance haben. 1000 Personen, denen Warten in der Sache nichts hilft, die nur mit einer Selbstanzeige auf Gnade und moderate Strafzahlungen hoffen können. Rechnet man alles zusammen, was man bislang an Selbstanzeigen erfahren hat, und rechnet noch eine hohe Dunkelziffer dazu, kommt man auf nicht mehr als 200 "Liechtengesteinigte", die die Flucht nach vorne antraten. Bleiben noch 800 übrig.



Diese 800 setzen scheinbar auf das Prinzip Hoffnung. Bei genauerer Betrachtung ist das aber höchst irrational, weil aktuell das Risiko des Auffliegens und der unschönen Folgen sehr viel höher ist, als der Nutzen, den man bei rationaler Überlegung davon hat. Durch die Selbstanzeige wird man den Druck der Affaire los, man kann kalkulieren, was es kostet, man kann sich legal vom Finanzplatz Liechtenstein verabschieden, der ziemlich sicher jetzt schon ein lebender Toter ist, es herrscht wieder Ordnung in den Büchern, und man entgeht dem System des Versteckens, das auch nicht kosten- und gefahrlos ist. Schliesslich sind Leute, die beim Steuerhinterziehen helfen, auch selbst nicht immer saubere Geschäftspartner, und schon gar nicht, wenn sie selbst ins Zentrum der Ermittlungen geraten und sich mit einem Verrat an die Staatsanwälte Vorteile erkaufen. Statt dessen kann man sein Geld legal und sauber wieder nach Deutschland bringen. Es sei denn...

Und das ist der Punkt, der mich bei den Nichtselbstanzeigern so wuschig bis fies grinsend macht. Alle Vorteile des oben gezeigten Auswegs sind möglich, unter einer entscheidenden Prämisse: Dass keiner fragt, woher das in Vaduz gebunkerte Geld eigentlich stammt. Wenn man nachweisen kann, dass das Geld ordungsgemäss verdient und dann nach Liechtenstein verbracht hat, ist alles in Ordung. Aber wenn das Geld, oder Teile davon selbst auch schon unrechtmässig erworben wurde, sei es durch Korruption, Einflussnahme, politische Landschaftspflege, Unterschlagung, Untreue, all das, was im politisch-ökonomischen Komplex so selten wie grünes Gras ist, und dessen finanzielle Früchte in Deutschland aus Angst vor Strafverfolgung nicht gelagert werden können, weil sich die Schuld durch das geld nachweisen liesse - wenn also nicht nur kriminell Steuern hinterzogen wurde, sondern auch das Grundvermögen kriminellen Handlungen entstammt, dann kann man sich nicht selbstanzeigen, ohne den Fahnder weitaus schlimmere Dinge zu offenbahren.

Es werden spannende, höchst spannende Zeiten kommen. Wer glaubt, dass das Feuer der Steuerfahndung jetzt schon zu heiss ist, wird sich wundern. Das ist nur eine Kerze. Aber dass sie bislang nicht mehr Licht in der Sache erzeugt hat, deutet massiv darauf hin, dass die Kerze in einer gigantischen, stockfinsteren Pulverkammer angezündet wurde. Ich denke nicht, dass man als Informant wegen ein paar letztlich überflüssiger Spielgeldmillionen reicher Leute Angst um sein Leben haben müsste. Aber wenn diese Millionen nur die Symptome zugrunde liegender Verbrechen sind, wäre mir auch nicht wohl. Ich wäre nicht überrascht, wenn mancher Schatzmeister gerade eher an einem Abschiedsbrief denn an einer Selbstanzeige arbeiten würde - was schade wäre, denn es sollte öffentlich werden. Alles. Das brauchen wir jetzt.

[Edit: Unten hat jemand schon das K-Wort benutzt, K wie Kohl. Ts. Kein Vertrauen in Elder Statesmen.]

Don Alphonso Asset Management Media mit Material der üblichen, wohlinformierten Kreise

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Real Life 20.2.08 - Am Strand

sitzt eine junge Asiatin und tut nichts. Sie yogasitzt da, scheint die Steine nicht zu spüren, das Gesicht Richtung Westen, und meditiert. Oder auch nicht. Keine Ahnung, was aus den weissen Ohrstöpseln in ihr Hirn dringt. Ein seltsamer gegensatz zu all den hibbeligen Asiatinnen aus der Werbung, die furchtbar kreischen und mit den Gadgets wedeln, für die an den westlichen Mann zu bringen man sie angestellt und abgelichtet hat. Ich finde kleine Abspielgeräte eher sinnlos, aber als ich zum zweiten Mal an ihr vorbeikomme, kann ich einen gewissen Reiz dieser Nichtwerbung für moderne Techniknutzung nicht bestreiten.



Ich habe auch keine Eile. Das heisst, Eile hätte ich schon, aber ich lasse mich nicht hetzen, also gehe ich langsam. Ein paar Meter weiter überholt mich links ein älterer Herr mit Spazierstock. Er zieht erst wieder vor mir rein, als wäre es eine Autobahn, bleibt ein paar Schritte auf Kurs, fällt wieder nach links ab, beginnt zu schwanken, steuert abrupt auf eine Bank zu, aber bevor er sie erreicht, kippt er um und fällt mit dem Gesicht voran auf die Sitzfläche, und weil er versucht hat, sich mit den Händen abzufangen, rutscht seine Brille hoch und zerbricht an seiner Stirn. Ich helfe ihm auf, andere sind auch bald zur Stelle, er blutet, aber alle Taschentücher reichen nicht, um den roten Schwall aus seiner Stirn einzudämmen. Es hat eine Ader erwischt, sagt ein Arzt, der sich hier ebenfalls gleich einfindet, und ruft den Sanitäter.



Ich gehe weiter, erschlagen von der Luft, der Wärme, dem Gesehenen und der unerwarteten Nähe des Todes, und erst im Konferenzsaal, als sie mich anschauen, merke ich, dass meine Hände und mein Mantel voller Blut sind.

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Mittwoch, 20. Februar 2008

Empfehlung heute - Fleisch

in ziemlichen Mengen serviert die Spreepiratin. Und auch bei Chouette wurde eifrig gekocht.

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Reich sein

ist gar nicht so schlecht.


Grosses Bild hier

Man verspekuliert sich wenigstens in angenehmer Atmosphäre und mit schönem Ausblick, und kann im Sonnenschein zu spät die Entscheidung bereuen.

Was ich heute gelernt habe: Es ist klug, keine Kinder zu haben, und wenn man sie doch hat, und sie ins Bordell oder nach Malle wollen - dann fragt man besser nicht gross, und gibt ihnen ein paar Scheine. Man kauft ihnen einen Wagen, eine Wohnung und denkt sich besser nichts, wenn sie drei Semester versemmeln. Das gehört mehr oder weniger dazu, ein paar gehen dabei drauf, die meisten werden nette, angenehme Menschen und reifen an ihren Erfahrungen.

Aber wenn man die Blagen in perfekter Abgeschlossenheit erzieht und ihnen immer nur Moral und Anstand predigt, wenn der Kirchenchor die Pflicht und die Beichte die Kür ist, kann es sein, dass sie den Schmarrn verinnerlichen, bieder werden, eine möglichst züchtige Frau heiraten, selbst Kinder bekommen - und zwar mit einer lokalen CSU-Mittelgrösse an einem oberbayerischen See mit hoher Millionärsdichte, dumm, erfolgsgeil und bigott. Und die geht beim Weg nach oben über Leichen, da sind Immobilien, Güterteilungen und freiwillige Leistungen für die Ehe nur die Bausteine für einen egomanen Lebensweg, der seine Bestätigung von Kirche und Partei für Oberflächlichkeiten bekommt. Formal ist alles in Ordnung, die Verträge wurden freiwillig geschlossen, und dennoch ist das einzige schnell wirkende, was ich in solchen Fällen empfehlen könnte, eine ordentliche Dosis Rattengift als Notwehr gegen solche Schwiegertöchter.

Kann ich natürlich nicht sagen. Aber wenn jemand in so einer Umgebung erkennbar lebensüberdrüssig wird, muss man sich schon überlegen, wer hier wen überleben sollte. Es ist ein Mandat, das ich gerne behalten möchte. Aus sportlichen Gründen.

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Man nennt mich Don Gnadenlos

Zurecht. Ich verabscheue Betrüger, Abzocker, Kopisten und Fälscher. Ich mag es nicht, wenn mir was vorgegaukelt wird. Ich habe kein Problem, sowas an den Pranger zu stellen. Und ich habe auch absolut keinen Respekt vor Spiegel Online. Pfeiffen.

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Montag, 18. Februar 2008

Was saugt.

So, Herr Zumwinkel, einer der bestverdienensten Manager der Bundesrepublik hat offensichtlich Steuern mit Hilfe einer Liechtensteiner Stiftung "optimiert". Er kooperiert mit den Behörden, hinterlegt Kaution und zahlt schnell einen hohen Betrag.

Ideal wäre es jetzt, eine Pressekonferenz einzuberufen und den Deutschen gegenüber zu erklären, warum es geschehen ist, was er falsch gemacht hat und dass er sich entschuldigt. In dem Kontext wäre es nicht doof, als Zeichen des guten Willens noch ein, zwei Privatmillionen für bedürftige Kinder in Deutschland zu spenden. Das tut jemandem, der nach seinem Ausscheiden bei der Post eine Million pro jahr trotz des Skandals erhält, sicher nicht weh. Dann könnte man sagen, der hat etwas begriffen, der hat die Verantwortung auf sich genommen und kann vielleicht sogar wieder als Vorbild durchgehen - wie man zu reagieren hat, wenn man erwischt wurde. Wie man ein Stück Würde erhält.

Stattdessen lässt Herr Zumwinkel nun seine Anwälte wegen des angeblich illegalen Erwerbs der Daten jammern, die seine illegalen Machenschaften haben auffliegen lassen. Unterstützt von den windigen Kaufschreibern der deutschen Wirtschaftspresse, die genau wissen, wer ihre Werberechnungen bezahlt. Einsicht ist was anderes. Einen netten Opa, der was falsch gemacht hat und sich entschuldigt, würde man kaum in den Knast schicken wollen. Aber so... muss ich gestehen, dass ich gerne ein Schlusswort eines Angeklagten hören würde, das ihn trotzdem nicht vor der Vorstrafe rettet.



Lustige Zeiten. Ich habe für morgen was abgesagt, weil ich an den Ammersee und an den Tegernsee muss. Zum Tortenessen. Mein Gegenüber dachte sofort, dass es einen meiner beruflichen Kontakte erwischt hat. Schön wär´s. Keiner traut mehr niemandem. Es wird lange dauern, bis man sich beim Afterwork wieder offen über Geldtransfer unterhalten wird.

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Montag, 18. Februar 2008

Wo man bleiben kann - Platz 6: Ingolstadt

Ich bin heute von Au in der Holledau über die Autobahn nach Ingolstadt gefahren, konstant 120 und habe auf den Verkehr geachtet. Auf den 35 Kilometern habe ich exakt einen anderen Wagen überholt; einen altersschwachen VW Bulli. Auf einem Kilometer haben mich zwischen 15 und 25 Fahrzeuge überholt. Bei einem Benzinpreis von 1,40 Euro, und in aller Regel weit über 130 schnell. Unabhängig von Geschlecht, Alter und Herkunft. Das ist das eine, und es ist für mich unbegreiflich.

Im Internet stösst man immer wieder auf diese betrügerischen "Sie sind der 1 Millionste Besucher und gewählter Gewinner"-Anzeigen, denen es nur um das Abzocken geht. Gelockt wird mit Traumgegenständen wie iPods, Weltreisen und Autos. Namentlich Audi TT, was ich so lala verstehe, und der langweiligsten Gurke der Welt, dem A3. Was ich absolut nicht verstehe. Weil ich von da komme, wo man die Dinger baut. Letztes Jahr war ich beim Kauf so eines Wagens dabei - es war schwer, einen zu kriegen, weil sie so begehrt sind. Deutschland ist, was Autos angeht, vollkommen verrückt.

Aber gut. Hier geht es nicht um Autos, sondern um die Frage, wo man mit 120-180.000 Euro ein nettes Plätzchen kaufen kann, um die kommende Krise zu überstehen. Wenn wir nur mal die Rohdaten aller grossen Städte dieses Landes nehmen und mit der Dummheit der Menschen kombinieren, gibt es nur einen Ort, der meilenweit vor allen anderen für das Überdauern der Krise in Frage kommt: Ingolstadt.

Es gibt hier Übervollbeschäftigung, ein paar Weltmarktführer, unabdingbare Rüstungsindustrie, einen noch nicht ganz obszönen Reichtum und sozialen Wohnungsbau, der andernorts als gehobene Wohnlage durchgehen würde. Man kann hier schlecht arbeitslos sein, und das, obwohl die Altstadt durchaus zum müssigen Treiben einladen würde. Die Dynamik hier ist so stark, dass es die Russlanddeutschen in Jobs durchgesaugt hat, und mein Schraubergott seine Firma zugemacht hat, weil er in der grossen Firma im Vertrieb mehr verdient. Die einzige Zukunftsangst, die man hier kennt, ist der Fachkräftemangel, und die einzige Pleite, die der Autohersteller verzeichnen musste, war der spritsparende Stadtflitzer, während die Scheichs schon drängeln, wann sie endlich ihren 560 PS starken Kombi bekommen. Es ist vollkommen verrückt, aber es funktioniert.

Und weil der letzte Wagen erst stehen bleiben wird, wenn der letzte Tropfen Benzin verbrannt ist, wird es weitergehen. Und länger. Denn während General Motors und Ford und andere Firmen in anderen Entwicklungsländern krepieren werden, haben die hier längst einen Plan, wie es ohne Benzin weitergeht. Es gibt hier ein Gymnasium, da werden solche Ingenieure bald in vierter Generation gezüchtet, sie mögen akulturell sein und des norddeutschen Dialekts nicht mächtig, aber sie können Autos bauen. Es wird alle anderen Zentren treffen, Rüsselsheim, Köln, München und Stuttgart, aber nicht das Kaff an der Donau. BMW ist zu proll, Mercedes zu Opa, Opel zu poplig, Ford zu billig, VW zu normal, und Porsche, ach so, Porsche, kennen Sie schon den neuen R8?

Bliebe noch die Frage, ob hier nicht irgendwann eine Nokia-Situation kommt. Nein. Autobau ist nicht eine Sache der rasend schnellen Kapitalmarktstrategen, sondern der Ingenieure und Facharbeiter. Zwei Gattungen, die sich hier enorm schnell einfinden, einrichten und bleiben. Und die grenztotalitär von dem überzeugt sind, was sie tun. leute, die nicht wissen, was das sein soll, Krise. Es gibt hier keine Krise. Krise ist Nürnberg, Berlin, New York und Karatchi. Hier ist Orgelmatinee am Sonntag, Jazzfest, Klassik zwischen Altmühl und Donau, und was es nicht gibt, findet man 23 Minuten südlich in München. 23 Minuten braucht man im R8 oder RS6 bis München Nord, sagt ein Nachbar, der es weiss.

Natürlich sind die Eingeborenen nicht so ganz leicht zu nehmen. Für mich ist das anders, ich komme von hier und bin einer von denen mit der richtigen Familie. Es ist aber nicht unmöglich. Man kaufe eine alte Wohnung in der Altstadt, oder in einem der Viertel aus der Jahrhundertwende, und repariere das. Man gilt dann zwar erst mal als Depp, aber dann wollen sie doch reinschauen, und später behaupten sie, dass es ihre Stadt war, die einen dazu bringt, an ihrer Verschönerung mitzuwirken. Spätestens, wenn sie Bekannte auf dem Wochenmarkrt ausfatscheln, wo man gerade im Urlaub ist, und mit wem, hat man es geschafft, man darf in den Konzertverein und sich vielleicht sogar in den zweiten Heiratsmarkt eingliedern.

Billig ist es nicht. Wenn man sowieso hier lebt, bekommt man das kaum mit, aber die Preise sind inzwischen wirklich hart. Selbst in schlechten Lagen, wo man den Preussen das Primatenfell über die Ohren zieht, geht hier in Neubauten unter 2000 Euro/m² so gut wie nichts. Sehr gute Lagen wären noch erheblich teurer, wenn sie zu verkaufen wären. Die ungetrübte Zukunft und die Sicherheit sind hier eingepreist, aber mit ein wenig Suche und Hilfe durch einen Eingeborenen sollte man schon was finden, und dann selbst Hand anlegen. Billiger wird es eher nicht, schon gar nicht in den zentralen Lagen. Aussenrum ist enorm viel Natur, Gaststätten, Kultur, und wenn es noch immer nicht reicht, geht man halt nach Italien. Ist hier näher als Berlin.

Man kann es also jedem nur empfehlen. Ausser, man kommt von hier. Dann kennt man es eh nicht anders, dafür weiss man um die Schrecken der Provonz, und will weg. Aber da sind ja noch 5 weitere Plätze.

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Ich kenne schon Holtzbrincks Zoomer.de

obwohl es erst morgen starten soll. Ausserdem kenne ich einen Bug bei StudiVZ, der mutmasslich mal wieder als Feature verkauft wird - all das an der Blogbar.

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ma non troppo II: Fernado Sor, Seguidillas Boleras

Eine der reizvollsten Aufgaben der Kulturgeschichte könnte es sein, eine exemplarische Kulturgeschichte der kulturgeschichtlichen Missverständnisse und fehleinschätzungen zu schreiben. Das Problem ist allenfalls die Auswahl der schönsten Beispiele: Das Bild, das sich die Aufklärung von China machte, oder die Bilder, die man in Japan von europäischen Händlern herstellte? Das Mittelalter des verklärenden deutsche Historismus oder der verklärte amerikanische Futurismus der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts? Europas Sucht nach orientalischen Odalisken, deren Vorbilder aufgrund der gewünschten, üppigen Körperlichkeit dafür sicher nicht taugten, oder wiederum deren lächerliche Sucht nach europäischen Silbermünzen, weil der darauf abgebildete fette Ludwig XIV. mit seiner Perücke wiederum dem weiblichen Schönheitsideal entsprach?

Sublimierung nennt der Psychologe diesen Prozess, der in Krankheit ausartet. Seien es im Negativen die armen Würste, die wegen der Unerhörtheit ihrer Wünsche durch meine Bekannte Iris jahrelang, genauer bis zu ihrer Scheidung, die Kissen vollheulten, es dann nochmal - vergeblich - probierten und sich seitdem in unverbrüchlicher Treue und cretinöser Empörung an der Seite des gehörnten Ex-Gatten finden, oder aber im Positiven die wüste Sinnlichkeit, die man in Frankreich von Spaniern haben wollte: Legte Calderon de la Barca selbst noch ein paar verurteilenswerte Sünden in seine Theaterstücke, griffen über zwei Jahrhunderte Lesage, Voltaire, Diderot und Mérimée diese Legenden von Wollust und Leidenschaft auf und bastelten sich daraus das jeweils genehme Spanienbild, bis zum Höhepunkt unter Jan Graf Potozky, der Spaniens falschen Ruhm der Sinnlichkeit mit der schwül-erotische Handschrift von Saragossa für immer in die Geschichte der Missverständnisse eintrug.

Die Folge dieser Schriften war eine grosse musikalische Spanienmode, der wir den Barbier von Sevilla verdanken, die Carmen, den Troubadour, und, da sind wir auch schon beim Thema



den Barden Fernando Sor. Ich persönlich kann mit romantischer Liedsingerei einmal durch den Kontinent getrieben werden, und mag auch der von mir geschätzte Heine vertont worden sein: Niemals! Ich ertrage viel, aber Liederabende gehen gar nicht, Müllerin, Kindertotenlieder, Wesendonk und Forelle würde ich zusammen in den hellen Bach kippen und mit munterer Eil draufsteigen, bis das Gegurgle ein Ende hat.

Aber diesmal war es anders: Obige CD jedoch hörte ich, ohne zu wissen, was es ist, fand es aber sehr spanisch, sehr gittarös und catagnettiert, voller Schmelz und Timbre, süsseste spanische Weisen mit ganz, ganz leichten Männerchoranleihen - aber nicht der gekünstelte Männerchor der Romantik a la castrata, keinerlei Tenoreunchen, sondern eher der lauschige Gesangsverein, den Tucholski singen liess:

"Wenn die Igel in der Abendstunde
still nach ihren Mäusen gehn,
hing auch ich an Deinem Munde
und es war um mich geschehen."

Kurz, auch ich bin, wenn ich das Booklet der CD nicht lese, empfänglich für Missverständnisse. Denn Fernando Sor war durchaus Spanier, aber einer der eher ungewöhnlich aufgeklärten Sorte: 1778 in Barcelona geboren, schloss er sich während der Revolutionskriege der napoleonischen Seite an, übernahm ein Amt und musste 1813 Spanien für immer verlassen. Aber in Erinnerung an Barcelona erfand er spanisch anmutende Lieder für Solisten, Gitarre und kleine Ensembles, die mit ihrer Thematik - man ahnt es, Verehrung, Liebe, Beschlaf und wollüstigen Tod - auch dem reaktionärsten Biedemeier erlaubten, im Salon den spanischen Stier rauszulassen. So, wie heute für die Freundinnen das, was auf Malle passierte, Urlaub war und deshalb nicht zählte, konnte man sich damals mit Sors Liedern Extravaganzen erlauben, für die man anderweitig einen Tritt bis zum Brunnen vor dem Tore erhalten hätte. Deshalb klingt es auch so, wie soll ich sagen, na, ganz anders als das, was man sonst aus der Gattung Kunstlied kennt. Verfeinerte, raffinierte Volksmusik, die nur den einen Zweck kennt - nach der Gitarre das Strumpfband zu zupfen.

Fernado Sor, Seguidillas Boleras, brilliant gesungen und eingespielt von Xavier Diaz-Latorre (allein schon der Name!) und Laberintos Ingeniosos, erschienen bei Zig-Zag.

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