Apokalypsenreiter

Also, da haben wir eine Firma, die jeden Tag 3 Millionen Euro Verlust schreibt. Sie hat kein Eigenkapital, sie hat keine markttauglichen Produkte, aber dafür Werke in vier Ländern, von denen einige ziemlich veraltet sind. Der Ruf der Produkte ist mies, und der Umstand, dass die weitere Existenz nicht gesichtert ist, trägt ein Übriges zur Verunsicherung der Konsumenten bei. Zu allem Überfluss heisst die Firma auch noch Opel. Und der Markt ist gerade übersättigt und bleibt es auch noch eine Weile: Es gibt zu viele Autos.

Nach allem, was betriebswirtschaftlich sinnvoll wäre, müsste man das Ding dichtmachen.



Hier muss ich etwas über den Wirtschaftsminister dieses Landes sagen, der dem Vernehmen nach diese Vorstellung vertreten haben soll. Diese Haltung wäre glaubwürdiger, wenn die Rettung von Opel seinem Stammland Bayern und den dortigen Herstellern nicht gar so wenig bringen würde. Und seine Vordrängelei bei der Rettung auf dem Amerikatrip hat ihn selbst in die Schusslinie gebracht. Mein Mitleid mit dem Selbstdarsteller hält sich also in Grenzen, selbst wenn er recht hat.

Schauen wir uns doch mal die Beteiligten der neuen Firma an:

Deutschland zahlt anderthalb Milliarden. Es gehört keine Weisheit dazu zu sehen, dass man mit dem Geld etwas besseres machen könnte, als Autos zu bauen, die keiner braucht. Dafür bekommt Deutschland als Sicherheit nichts ausser der Erlaubnis, Opel zu übernehmen, wenn der Laden doch pleite geht.

35% hält General Motors, eine Firma, die an noch schlimmeren Opelplänen leidet und nach Milliardenzahlungen des US-Staates, die der nie wieder sehen wird, am Montag pleite geht. Super Gesellschafter.

20% hält der Autozulieferer Magna, dessen Boss zu den Förderern von Jörg Haider zählte. "Schillernd" wäre da noch eine milde Umschreibung. Ein Teil seiner Firma gehörte erst dem russischen (Schulden-)Milliardär Derispaka, der seinen Anteil an die Sberbank übertrug, als sein Imperium am Zusammenbruch stand.

Mit 35% ist die Sberbank dann auch an Opel beteiligt. Die Sberbank ist quasi die staatliche Privatbank des russischen Staates, der gerade eine Wirtschafts- und Währungskrise durchmacht, einen grossen Teil seiner Dollarreserven letztes Jahr zur Rettung von oligarchen und der Stützung des Rubels verplempert hat und momentan sicher auch keinen Spass an den niedrigen Rohstoffpreisen hat. Die Sperbank kontrolliert auch beim Autohersteller GAZ mit, der noch kaputter als Opel ist.

10% gehören den Mitarbeitern oder was davon übrig bleibt.

Den Medien wird nun erzählt, dass der Hersteller, dessen Autos keiner will, in Ländern mit hohen Löhnen und starker Währung Autos für den russischen Markt bauen soll, wo sich gerade keiner was leisten kann, und auch niemand eine Abwrackprämie anbietet. Und jene, die sich etwas leisten können, vermutlich nicht gerade zu einer Marke greifen, die am Rande des Abgrunds steht und schon morgen vielleicht keine Ersatzteile mehr liefert.

Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass diese Lösung Erfolg hat. Und ich frage mich, wie beschissen es wirklich aussehen muss, wenn sich ansonsten eher vernünftige Leute auf sowas einlassen.

Samstag, 30. Mai 2009, 23:53, von donalphons | |comment

 
Ach das macht schon Sinn
Es geht darum, Opel über die Wahlen zu retten, und das dürfte gerade so hinhauen.

Die in den Sand gesetzten Milliarden bezahlt der Wähler mit 4 weiteren Jahren Merkel, die jetzt schon so aussieht, als hätte jemand einen Euro Abwrackprämie auf sie gesetzt.

Mit der mag sich auch Obama nicht wirklich gerne ablichten lassen. Sowas zieht runter wie Merkels Mundwinkel.

... link  

 
mit der kohle hätte man genügend arbeitsplätze in start-ups schaffen können. wir verhalten uns so, als bewegten wir uns noch im abgeschotteten wirtschaftsgebiet der 60er jahre. es ist schlicht dämlich.

es ist ganz und gar eine philosophische frage. aus historischen gründen glauben die deutschen immer noch an automotive. (es ist nicht gut - und nicht hilfreich! - wenn man, in welcher form auch immer, am autokult mitbastelt.)

... link  

 
Kaum ein Kult, an dem ich mitbastle, ist rational und sinnvoll - sonst wäre es ja auch kein Kult.

... link  

 
mist! : )

(hier siehst du den grund, warum ich auch im schachspielen miserabel bin.)

... link  

 
ja, avantgarde, und dazu nimmt man auch gern russland mit ins boot. legt noch richtig was obendrauf und feiert das dann als grossen erfolg.
zumindest bis oktober diesen jahres .

das klappt natürlich nur, wenn die medien mitmachen.

jetzt kann jeder selber herausfinden, ob unsere medien gleichgeschaltet sind und wenn ja, in welchem umfang.

besonders die qualitätspresse kann jetzt ihre qualitäten beweisen.

---
Süddeutsche Zeitung:
Wladimir Putin, der Mann hinter Opel
Steinmeiers Thema: Opel. Sein indirekter Helfer: Putin

Der Standard:
Magna übernimmt Opel: Standorte sollen erhalten bleiben.
Blog-Krisen-Frey: Magna-Opel: Schlechter gehts nicht

Frankfurter Allgemeine Zeitung;
Die seltsame Opel-Rettung.

Kölner Stadt Anzeiger
Magna steigt bei Opel ein.

... link  


... comment
 
Es heisst, jeder Arbeitsplatz, der bei Opel erhalten werden würde, solle rund 250.000 Euro kosten. Ich bin dafür, stattdessen dieses Geld jedem der Arbeiter und Ingenieure bar auszuzahlen, damit die sich eine eigene Existenz aufbauen können und endlich vom Fliessband wegkommen. Als Abwrackprämie für den Taylorismus und Fordismus. Als Investition in den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Strukturwandel der regionalen Standorte von Opel. Angenehmer Nebeneffekt: Eine unglückselige Automarke weniger.

... link  

 
Ach, das ist wieder so 'ne Rechnung wie: 4,5 Mrd. durch Anzahl der Beschäftigte? Nee, das trifft's hier nicht. Den Deal hier muss man eher mit Poker vergleichen inklusive (Wähler-)Bluffen.

Also der Staat verliert bei einer Insolvenz 1,5 Mrd. Die stellt er auch erstmal so zur Verfügung und lässt diese dann in eine Bürgschaft von 4,5 Mrd. einfließen. Das heißt er kann 1,5 Mrd. Verlust vermeiden - also "gewinnen", wenn alles gut geht. Demgegenüber kann er zusätzlich 3 Mrd. anstatt der gewissen 1,5 Mrd. bei Insolvenz verlieren, wenn es schlecht läuft. Das Chance-Risiko-Verhältnis beträgt also 0,5. Ein guter Pokerspieler würde erst bei einem Chance-Risiko-Verhältnis von 2 einsteigen. Daran kann man sehen, was für schlechte Pokerspieler da am Tisch sitzen.

Nun ist das Chance-Risiko-Profil nicht alles. Man muss natürlich noch mit der Erwartungswahrscheinlichkeit gewichten. Da gibt es dann auf der Plus-Seite ... hmmm ... was eigentlich? Ok, der zusätzliche Markt in Russland. Aber wie man in der FAZ lesen konnte, versperrt GM mit seinem Anteil dafür per Konkurrenzschutzklausel den asiatischen Markt. Schätze mal, das ist dann ein Doppel-Minus. Und dann kommen natürlich noch die Multi-Minusse hinzu, die Don A. oben aufgelistet hat. Fällt jemandem auch nur noch ein einzige Plus in der Kalkulation ein? Arbeitsplatzerhalt? Nöö, verbessert vielleicht das Chance-Risiko-Verhältnis ein bisschen, das wird aber durch die Interessen des Steuerzahlers wieder neutralisiert.

Und da sind wir wieder beim Poker. Die Regierung hat ein ganz mieses Blatt aber blufft unwahrscheinlich hoch. Das ist Zocken pur. Aber Zocken ist ja das vorherrschende Wirtschaftssystem, das wir zur Zeit haben. Insofern passt der Deal gut in die Zeit.

Jetzt würde mich noch das Chance-Risiko-Profil der Gegenspieler interessieren, also Magna und Sherbank und GM. Schätze, das beträgt ein Vielfaches von 2. Die haben wesentlich besser gepokert. Das sind halt Profis. Ich frage mich z.B., warum die Bundesregierung nicht als Sicherheit zusätzlich zu Opel noch Magna gefordert hat. Da hätte das Spiel doch gleich eine ganz andere Qualität gehabt. Die Gegenseite hätte was riskieren müssen.

... link  

 
Jeder gerettete Arbeitsplatz bei Opel
Ist einer weniger bei CE und Ford ... Das ist das Hauptproblem jeder Rettungsaktion ... Anders gesagt ist aus dieser Sicht eine Rettung von quimonda sogar Vergleichsweise sinnvoll, weil das wenigstens Arbeitsplätze im Inland halten wurde.

... link  


... comment
 
Wer hätte denn aber anderes erwartet?
Klar, was fallen will, dem sollte man noch einen Stoß geben. Aber: Politischer Selbstmord wäre es gewesen angesichts der absehbaren Fotomontage mit aufgebrachten, "ehrlichen Arbeitern" und der Schlagzeile: "Dieser Mann hat uns auf dem Gewissen". Und wie hätte man dem Bürger erklärt, dass man in marode Banken Milliarden über Milliarden pumpt (die HRE fordert (!) ja gerade nach) und für Opel die läppischen 1,5 Mrd nicht da sind? Des Wählers Stimmung kann man sich ausmalen und dieses Risiko geht niemand ein.

... link  


... comment
 
"... wenn sich ansonsten eher vernünftige Leute auf sowas einlassen."

Irgendetwas muss ich verpasst haben. Wo laufen denn in der deutschen Politik "eher vernünftige Leute" rum? Ich sehe da nur notorische Opportunisten, die ihre Fahnen in den Umfragewind hängen. Frei nach dem Motto: Wir versprechen jedem alles, Hauptsache wir bleiben an den Futtertrögen.

... link  


... comment
 
Springt so ein Corsa denn überhaupt an, wenn es im sibirischen Krasnojarsk im Winter mal wieder -30 Grad hat? Schafft der das bei Überlandfahrten eigentlich bis zur nächsten Tankstelle? Und kommt er vor allem wieder aus den großen Schlaglöchern russischer Dorfstraßen heraus?
Frag ja nur.

... link  

 
Das verbindende Elemt
http://www.flickr.com/photos/liberale/3575938148/

ohne Worte, Sonntags lieber Torte.

... link  

 
Eine Firma, die auf dem Automobilmarkt immer noch für (mindestens!) 5 Prozent Marktanteil gut ist, schließt man nicht einfach. Nicht zuletzt geht es auch darum, einen nicht ganz kleinen Teil der industriellen Basis unseres Landes zu schützen. GM war einfach keine gute Mutter.

Ich kann mir gut vorstellen (ohne ausreichende Zahlenkenntnis meinerseits), dass diese 1,5 Milliarden Euro Bürgschaft für Opel - sofern es dabei bleibt - deutlich besser investiertes Geld darstellen als zum Beispiel die über 10 Milliarden Euro, die in die "Rettung" der Privatbank IKB gesteckt wurden.

Allerdings sehe ich eine recht hohe Wahrscheinlichkeit dafür, dass Opel - trotz staatlicher Bürgschaft - in zwei Jahren endgültig pleite macht.

Ich finde, der Versuch einer Rettung ehrt - jedenfalls dann, wenn Opel nicht zum Fass ohne Boden wird. Allerdings hätte ich es vorgezogen, dass der Staat einen höhen Anteil Eigenkapital - anstelle einer dann geringer ausfallenden Bürgschaft - erworben hätte.

Sollte die Sarnierung glücken, sollten die Steuerzahler auch den Gewinn davon haben dürfen. Es macht jedenfalls nur wenig Unterschied, finanziell, wenn im Misserfolgsfall Bürgschaftsgeld oder staatliches Eigenkapital verbrannt wurde.

... link  

 
Das Problem ist eigentlich nur, dass es nicht glücken wird.

... link  

 
Mit Rationalität kommt man bei der Erklärung, warum Opel, nicht weiter. Obwohl das Unternehmen seit 80 Jahren in US-Besitz ist, wird es als urdeutsche Firma und Kulturgut wahrgenommen. Sozialpsychologisch ist es eine interessante Entwicklung. Emotionen haben in politischen Entscheidungen an Gewicht gewonnen. Bei Borgward, den Werften oder der Stahlindustrie hat damals der Untergang deutscher Industriekultur nicht die Öffentlichkeit bewegt. Das passt zu der Entwicklung in den Medien, die mittlweile alles emotional und mit persönlichen Schicksalen aufladen.

... link  

 
gute beobachtung, strappato.

im binnenland spielen werften nicht so die grosse rolle und dass der himmel über der ruhr wieder blau ist, interessiert ausserhalb nicht wirklich.

aber autoexperte ist in etwa jeder so, wie er sich auch für den besseren bundestrainer hält.

das mit der emotionalisierung der politik ist richtig und sehr bedenklich, weil es auf eine entpolitisierung hinausläuft. mal sehen, wa das ganze hinläuft. nur mal so, ich würde mir schon mal den titel: deutschland sucht den super-kanzler schützen lassen.

... link  

 
@ Strappato
(...) warum Opel, (...) Obwohl das Unternehmen seit 80 Jahren in US-Besitz ist, wird es als urdeutsche Firma und Kulturgut wahrgenommen.
Warum wird Opel als deutsche Firma wahrgenommen, während z. B. General Electric als US-Firma gilt (übrigens: ein heißer Pleitekandidat mit ca. 700 Milliarden US-Dollar Schulden)?

Weil die Firma eine deutsche Tradition hat und die Werke in Deutschland stehen?

... link  

 
Opel hat länger eine amerikanische Tradition, als eine deutsche. In Deutschland ging es um 25.000 direkt betroffene Arbeitsplätze. Nicht mal die Hälfte von GM Europe. Alleine in Saragossa sind 7000 Mitarbeiter betroffen. Von den 11 Werken von GM Europe (inkl. SAAB) stehen 4 in Deutschland. Können solche internationalen Konzerne überhaupt eine Tradition bezüglich eines Landes haben?

*Conflict of Interests
Ich habe am Anfang meines Autofahrerlebens auch zwangsweise einen Kadett B besessen (Erbstück) und war nicht begeistert.

... link  

 
Mein Beileid zum Kadett.

Nein, angesichts der Finanz- und Warenströme und der Herkunft von Bauteilen gibt es generell keine "deutschen" Hersteller. Mein Sunbeam war noch ein britischer Wagen, ausser der in Lizent gefertigten Jaeger-Uhr kommt da alles bis runter zu den Röhren im Radio aus UK. Aber heute? Der Schnitt liegt auch bei in Deutschland gebauten Autos bei 60%, wenn man Glück hat.

... link  

 
60 Prozent wäre schon viel. Sehr viel sogar.

Nachtrag zu Opel:
Opel steigerte seinen Marktanteil im Mai 2009 leicht auf 10,21 Prozent nach 10,0 Prozent im April. Das Kraftfahrt-Bundesamt weist Opel im Vergleich ein Plus von 57,1 Prozent bei den Neuzulassungen aus. Gefragt sind vor allem die Kleinwagen-Modelle Corsa und Meriva. Für die neue Mittelklasse-Limousine Insignia liegen nach Opel-Angaben 120.000 Bestellungen vor.
Man muss Opel oder die Beschäftigten der Opel-Werke nicht mögen. Aber man kann behaupten, dass die staatlich bezuschusste Rettung von Opel in der gegenwärtigen konjunkturellen Sondersituation einen Versuch wert ist.

(eher jedenfalls als die von Steinbrück bzw. Jörg Asmussen koordinierte Rettung von Hegdefonds)

Was bei der Opelrettung heraus kommt, wird man in zwei bis drei Jahren sehen. Aber Opel ist als Hersteller von eher kleineren Autos womöglich langfristig lebensfähig - und passt dann vielleicht sogar besser zum Automobilmarkt als Audi...

*kopfduck*

... link  


... comment