Das essentielle Meran

Die Aktion “Verschollene Häuser” wird durchgeführt, wenn der Politik folgende Punkte nicht glaubhaft gelingen:

- Anerkennung der digitalen Realität und Anwendung bürgerrechtlicher Grundlagen bei der Umsetzung von Öffentlichkeit im Digitalen.

- umgehender und umfassender Beginn der Förderung von zivilgesellschaftlicher opensource basierter Informationssammlungen und -dienste. Inspirationen gibt es genug aus der Open Data Szene. Man könnte z.B. “Code for America” in einer eingedeutschen Version als Sofortmassnahme beschliessen.

- sofortige Einberufung einer wirkungsmächtig ausgestatteten Aktionsplattform, auf der in einem kurzen Zeitraum Massnahmen zur pro-aktiven Mediennutzungs-Befähigung der breiten Bevölkerung abgestimmt und umgesetzt werden. Alle gesellschaftlich bildungsrelevanten Bereiche sind einzubeziehen (Schulen, peer groups, Familien, Weiterbildungseinrichtungen, etc.).

Sollten diese Massnahmen nicht erfolgen, werden die aktuell auf verteilten Plattformen koordinierten Mitglieder der Aktion “Verschollene Häuser” zum Start von Streetview mit dem Fotografieren beginnen und so den öffentlichen Raum digital zurückerobern.
Vorgezogene Aktionen bleiben aufgrund möglicher aktueller Entwicklungen vorbehalten.

Unsere mittlerweile mehrere hundert Personen große Gruppe ist bereit zu handeln.

Jens Best
Sprecher der Digitalen Armee Fraktion

“Des einen Terrorist ist des anderen Freiheitskämpfer” ;)




So steht das unter einem Beitrag mit dem hirnrissigen Titel "Streetview: Es gibt kein analoges Leben im Digitalen" von Michael Seemann , dem glücklicherweise gefeuerten Ex-FAZ-Blogger, bei Carta.info, betrieben von anderen nicht gerade erfolgsverwöhnten Journalisten, geschrieben von einem gewissen "Jens Best", angeblich IT-Berater in Berlin und davor irgendwas mit Yachten, aber mit Referenzen sieht es mau aus.

Ich zitiere das hier, damit sich jeder wirklich überlegen kann, ob er von sowas irgendwie repräsentiert werden möchte. Ein paar hundert Leute sind bislang dem nicht abgeneigt; das sind dann auch jene, die alle andersdenkenden schnell als Spiessbürger diffamieren, weil Twitter, da darf man das, da bekommt auch keiner Sachen mit, für die man im Blog eine Anzeige bekäme. Es zeigt meines Erachtens recht schön das Niveau der Verkommenheit, auf dem Carta, Seemann, Best, seine Knipshelfer und das erweiterte Umfeld wie Mario Sixtus und Sascha Lobo mittlerweile angerutscht kommen, nachdem alle anderen Projekte und Hoffnungen (was macht eigentlich Adnation?) nicht so arg toll gelaufen sind. Da wird von einer Bringschuld der Analogen gefaselt und von ihrer Angst, die man ihnen nicht nehmen sollte. Darunter wollen einige, die längst die Kontrolle über alles - ihre Daten, Ihren Bullshit im Web, ihre berufliche Zukunft und ihre miesen Lebensumstände - verloren haben, dass andere das jetzt auch verlieren. Es geht ihnen um ein Rennen hinab zu dem Dreck, in dem sie vegetieren, und es ist sehr schlimm, dass sie sich dafür nicht die Brückenpfeiler, sondern das Internet ausgesucht haben. Denn das Internet ist eine tolle Sache, wenn nicht gerade solche Leute ihre totalitären Ideen ausleben. PI hetzt gegen Islamanhänger, die sich dem Westen unterordnen müssen, die hetzen gegen Internetnichtsowichtigfinder, die zwangsweise Daten abgeben sollen, damit sich deren Gesellschaft ändert.



Deshalb brauche ich - unter anderem - Meran. In Meran gibt es ein Internetcafe im zweiten Stock versteckt, niemand läuft mit einem iPad rum, oder stellt seinen Rechner in einem Cafe auf. Niemand stellt sich auf die Kurpromenade und sagt, dass jetzt alles anders wird und man ihm und seinen verhauten Gestalten mit Mundgeruch nach Chickendöner gefälligst zu folgen habe. Meran ist einfach schön und perfekt, so wie es ist.Es gibt natürlich ein paar Verbrechen, die mir im Herz weh tun: Anstelle von Poetzelsberger, der Buchhandlung schlechthin, ist jetzt "Esprit", und das wunderbare, braun-rosa 70er-Jahre-Ambiente des Cafe Imperial hat man zugunsten einer Bar ermordet, die weiss und öde ist. Natürlich ist kaum jemand drin, weil es enorm ungemütlich ist. Dafür haben sie die Hotelpreise angehoben. Aber Meran ist immer noch Meran, Frasnelli ist so vollgestopft wie immer, und der Apfelstrudel ist immer noch sagenhaft. Es ist eine Welt für sich, dieses meran, und jedesmal weiss ich: So hätte ich das gerne. So ist es angenehm. Meran hat eine menschliche Geschwindigkeit und Intelligenz und Schönheit, und genau das, was ich auch gern ins Netz tragen würde. In mein Netz.

Was ich in Meran verstehen lerne, wieder verstehen lerne ist, dass es nicht "das Netz" gibt, wie es auch nicht mehr "die Blogger" gibt. Es gibt mich und das, was ich tue. Wenn andere etwas anders tun, gerne, wenn andere mich belästigen und in meine Sphäre eindringen wollen - dann muss man was tun. Ich kann nicht immer in Meran bleiben, ich muss auch wieder mal weg. Aber in Meran habe ich Zeit, wieder zu dem zu finden, der ich bin, und zu überlegen, was mir wichtig ist.



Ich nehme ein paar Ideen mit, und ich denke auch: Man wird sehen. Gewisse Teile der Blogosphäre sind wie die Palästinenser: Sie lassen nie eine Gelegenheit aus, eine Gelegenheit auszulassen. es fehlt ihnen an der Konsequenz, Dinge durchzuziehen, am Mut, sich aus dem Netz rauszutrauen, sie niggemeiern rum, aber noch nicht mal eine Plauderei bekommen sie hin, sondern nur Turibrei. Was für armseelige Gestalten. Das Internet braucht mehr Meran und weniger von denen, dann ist es auch ein netterer Ort für alle.

Freitag, 20. August 2010, 01:59, von donalphons | |comment

 
Einverstanden,
im Netz gibt es viele Schaumschläger, nicht wenige hyperaktivieren aus Geldnot herum.Aber den indirekt verlinkten Sixtus-Text finde ich gut, er faßt das Hauptargument für streetview fantastisch zusammen: es geht um die praktische Wahrnehmung der Freiheitsrechte im öffentlichen Raum

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Freiheit oder Rechte? Absolute Freiheit kann es auch im öffentlichen Raum nicht geben. Es gibt Rechte, sowohl für den einzelnen als auch für Unternehmen. Dazu gehört das Recht ungefragt zu fotografieren, aber nur für die Privatperson. Sobald das Foto kommerziell verwertet wird, gelten wieder andere Rechte und Pflichten. Die müssen auch jeweils bei neuen "Produkten" und Medien neu ausgehandelt werden. Das gehört zu einer Demokratie, alles andere ist Anarchismus. Daher ist es auch kein Widerspruch, das Recht von google zur Darstellung und Verwertung von Strassenansichten zu bestreiten, - und sein Objekt rauspixeln zu lassen - und gleichzeitig die "Panoramafreiheit" anzuerkennen.

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@strappato: Eben.
@stimmvieh: Was genau ist das denn für eine Freiheit, die mit Zwangsmaßnahmen wie dieser unsäglichen Foto-Aktion durchgesetzt werden soll? Und wem nützt sie mehr als ein paar verspielten Nerds, die die Grenzen ihres Spielplatzes erweitern wollen? Wäre mein Vater noch am Leben, würde er diesen Spinnern sagen, "dann geht doch rüber nach Second Life".

Und "Digitale Armee Fraktion" - das ist nicht halb so metaironisch-lustig, wie diese TCP/IP-Terroristen glauben. Ich glaube, ich benenne mich demnächst um in "subcomandante marco793" vom sendero oscuro. ;-)

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Digitale Armee Fraktion
Das stieß mir auch als allererstes auf.

Ich kann ja nachvollziehen , dass viele Leute mit Geschichte nicht viel anfangen können, aber die 70er sind noch nicht so lange her und wir haben noch genug Witwen und Waisen im Land, da sind solche Bezugnahmen einfach "ungehörig".

Wahrscheinlich fand der Autor es auch noch witzig, für mich ist das allerdings nur ein Ausdruck von mangelnder Bildung und Satisfaktionsfähigkeit.

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Weiter unten
führt Herr Best dazu aus:

Info: Der Kommentar Nr. 9 ist in seiner Form eine satirische Reaktion darauf, dass jemand mich mit gewalttätig handelnden Menschen verglichen hat.
Ich verteidige lediglich durch Fotografie den öffentlichen Raum. nicht mehr. nicht weniger. Auch die Betitelung “Freiheitskämpfer” ist in diesem Zusammenhang satirisch überzeichnend gemeint.


Kann man natürlich so deklarieren, aber auch abzüglich dieser satirischen Überzeichnung hat diese ganze Aktion und das zugrundeliegende Weltbild etwas unangenehm Totalitäres. Nach dem Motto: Wen interessiert schon das Gejammer und der Widerstand dieser blöden analogen Kulaken, wenn wir daran gehen wollen, unsere digitale Revolution in ein neues System zu gießen?

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@strappato

"Sobald das Foto kommerziell verwertet wird, gelten wieder andere Rechte und Pflichten. "

Da wird man wohl zuerst bei Journalisten und Fotografen ansetzen müssen oder arbeiten die umsonst?

"Die müssen auch jeweils bei neuen "Produkten" und Medien neu ausgehandelt werden. "

Da wird man demnächst aber sehr häufig nachverhandeln müssen. :-)

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Das ist doch komplex. Jeder kann ein Liebespaar auf einer Bank am Bodensee im Sonnenuntergang und im Hintergrund die Hafeneinfahrt von Konstanz fotografieren. Wenn es veröffentlicht wird, fängt es bei den Persönlichkeitsrechten der Personen an. Selbst wenn die geklärt sind, darf das Foto z.B. nicht so einfach als Postkarte verkauft werden, da an der Gestaltung des Motivs auch ein Urheberrecht besteht, wenn andere für Postkarten oder Bildbände das so ähnlich schon arangiert haben.

Die immer gerne angeführte "Panoramafreiheit" gibt es nicht. Lediglich ein sehr weitgehendes Recht von Privatpersonen und einige Rechte bezüglich der Veröffentlichung. Wenn jetzt die digitalen Terroristen kommen und fordern "ich knipse was mir gefällt und google soll das auch dürfen", dann wird unser Rechtssystem mit den Füßen getreten.

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Mal unabhängig davon, ob Panoramfreiheit (§59 UrhG) oder die allgemeine Handlungsfreiheit nach Artikel 2 GG das Recht, im öffentlichen Raum kommerziell zu fotografieren, legitimieren. Die Rechtslage ist verzwickt, die Rechtspraxis aber - durch Urteile bestätigt (z.b. BGH, Urteil vom 9. März 1989, Az.: I ZR 54/87) - relativ einfach zu handhaben:

Jedes Haus darf aus einer öffentlichen Perspektive fotografiert werden, weil es dann zum öffentlichen Raum gehört. Diese öffentliche Perspektive muss durch das Bild selbst belegt werden. So sollte der Berufs- und auch der Privatfotograf darauf achten, dass z.B. eine Straßenlaterne, ein Teil der Straße, ein Teil der Fassade von anderen Häusern, etc. auf dem Bild enthalten ist, so dass er im Zweifelsfall durch das Foto selbst belegen kann, dass das Foto von einem öffentlich zugänglichen Ort gemacht wurde.

Desweiteren sollten Personen, die abgelichtet werden (z.b. Liebespaar) auf einem Foto nicht wiedererkennbar sein, es sei denn, sie haben ausdrücklich ihr Einverständnis erklärt. Entweder fotografiert man also die Personen aus einer Entfernung, so dass Gesichtszüge nicht mehr erkennbar sind, oder man verpixelt, oder sonst was. Wurde dagegen verstoßen, kann die Person jederzeit auch weit nach irgendwelcher ominösen "EU-macht-krumme-Bananen-per-Norm-wieder-gerade"-sechswöchigen-Einspruchsfristen die Löschung des Fotos verlangen.

Ich finde die Rechtslage klar und handhabbar. Da wird nix als Postkarte einfach mal so irgendwo verkauft!

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@strappato

Man könnte sogar den Verdacht haben, dass die angestrebten EU-Regelungen das umgekehrte Ziel haben, nämlich:
"Recht am öffentlichen Foto als Ware"

Für diese Theorie spricht, dass die EU und die Hamburger Datenschützer ja das Opt-In-Verfahren zum Ziel hatten. Muss aber jeder ausdrücklich sein Einverständnis abgeben, wenn sein Haus fotografiert werden soll, kommen natürlich am Ende nur die zum Zuge, die dem Hausbesitzer was dafür zahlen, dass das Foto gemacht werden darf.

Für diese Vermutung spricht auch, dass Frau Viviane Reding, die ja verantwortlich ist für diese Kampagne, ehemalige Bertelsmänner z.B. als Kabinett-Chefs beschäftigt.

Das folgt dann alles dem gleichen Muster:
- Bildung als Ware
- öffentliche Fotos als Ware

Verschwörungstheorie? Testfrage: Passiert nicht genau das, wenn das Opt-In-Verfahren eingeführt würde? Es entstünden ganz neue Arten von Geschäftsmodellen, z.B. Agenturen, die zwischen Hausbesitzern und Medien Fotorechte vermakeln.

Bitte um Gegenargumente!

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Der da spielt mit Terrorsprech, der Posteronkel raunt von Kampfkunst. Die wollen nicht nur spielen.

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Zielt wohl auf die Netzneutralität. Da gibt es einen Ratschlag, der sich auch seit Jahrhunderten schon bei Kloppereien im Schulalltag bewährt hat: Den Gegner da treffen, wo es weh tut. Und nicht ihn dafür loben, dass er einen abschreiben lässt.

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Zielt wohl wer weiß worauf. Bestimmt steckt dahinter was Superkluges - wenn man doch bloß mehr als 140 Zeichen hätte, aber was will man machen!

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Erfahrungsgemäss lässt die Kampfeslust mit dem Eintreffen juristischer Massnahmen schnell nach. Und die werden sie fraglos bekommen, angesichts der Stimmung im Lande. ich würde als Knipser einen Bogen um Laternenpfähle machen.

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*prust*
"Darunter wollen einige, die längst die Kontrolle über alles - ihre Daten, Ihren Bullshit im Web, ihre berufliche Zukunft und ihre miesen Lebensumstände - verloren haben, dass andere das jetzt auch verlieren."

jaja, der anspruch auf digitale repräsentanz, die digitale realität.. aua!
das wäre was, wenn die in ihrer digitalität verschwänden

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ich dachte erst - bevor ich weiter gescrollt habe- Sie selbst hätten es als Persiflage geschrieben und mich schimmelig gelacht.
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Jetzt ist mir aber ganz schlecht! Die meinen das wirklich ernst !

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Wenn jetzt, sagen wir mal, zufällig das Gartentor auf ist und die Hunde sich einen Chickendönerhappen abholen, kann ich das dann bei youtube unverpixelt reinstellen? Und überhaupt, zählt das dann als Körperverletzung oder wäre das in diesem Falle nicht artgerechte Haltung des Caniden, der sich immerhin angemessen territorial verhält?

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Es wird mehr und mehr zur Belästigung, dass beim revolutionären Marsch dieser Leute zur Sonne das konspirative Element natürlich ausgeschlossen sein muss.

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