Real Life 31.5.2007 - Die Handwerker im Haus

Ja. Ja, ruf mich unter meiner Privatnummer an, ich bin da. Nein, heute nicht im Büro. Nein, ich kann nicht. Ich habe gerade die Handwerker im Haus.

Haifisch 1 lässt den Kugelschreiber mit KPMG-Logo fallen. Draussen rauscht die Isar, die Sonne scheint, aber die Vorhänge im Home Office sind zu, und hier rauscht nur der Beamer vor sich hin. An der Leinwand liest man etwas über Strategien in einem Fall, der Haifische benötigt, um aus einem fernasiatischen Land Gelder zu holen, die dummerweise etwas nachlässig an Subunternehmer gegeben wurden, und die Tricks, mit denen man beweisen will, dass diese wiederum mit Deutschen zusammenhängen, die man hierzulande aus Büros pfänden könnte, die ähnlich gestaltet, aber nicht so schön gelegen sind wie das hier. Der Besitzer verlässt den Raum und schliesst die Tür. Du sagst nichts. Keiner sagt etwas. Kann durchaus sein, dass er schlecht sagen konnte, er baldowere gerade mit ein paar juristischen Knochenbrechern das Arschaufreissen aus. Aber Handwerker?

Gut. Du bist hier der Handwerker. Du könntest beispielsweise auch Stuck an die Decke machen, Regale schleppen oder den Wasserhahn in Ordnung bringen, der hier in der Gästetoilette nicht ganz dicht ist. Allerdings bist auch du hier, weil vor sieben Jahren jemand anderes nicht ganz dicht war. Und tatsächlich streitest du dich auch mitunter wie ein Kesselflicker, wenn es um das Stopfen von Geldlöchern in steuerbegünstigten Kapitalanlagen und was davon übrig ist geht. Du kannst damit leben. Aber die Haifische beschliessen nach einer halben Stunde, dass sie jetzt genug haben, packen die Notebooks ein und machen mit der Privatsekretärin einen neuen Termin aus, zu dem du gerade in Köln sitzen und einem Haufen mässig gewaschener Evangelen einen Eindruck von Höflichkeit im Internet vermitteln wirst. Aber noch bist du in München.



Und von der Bürohöhle im Lehel, vor der du die Haifische verlässt, über den englischen Garten bis zur Ludwigsstrasse entfaltet diese Stadt wieder ihre ganze sagenhafte Pracht. Selbst mit all dem Erlebten hinter dir, mit alln dieser typischen Art, mit der hier das geld gemacht, gehortet und verteilt wird, das die Grundlage für diese Welt ist - ist München immer noch die schönste Grossstadt Europas. Weil es so wenig Elend gibt, weil das Problem des Boulevards die Geschäftsmieten von 260 Euro pro m² sind, und weil das Riva, das sich in seiner erbärmlichen Kälte in den Räumen des ehemaligen La Boheme breit gemacht hat, so wunderbar leer bleibt, während alle anderen Cafes voller schöner, sauberer Menschen sind. Und nirgendwo ein eine Ansammlung von Notebooks steht, die das urbane Pennertum verkündet. Und das Licht. Und das Blau des Himmels. München eben. Die Stadt wird immer die Kraft haben, in Minuten all das wegzuwischen, was sie einem seit Jahren stets aufs neue vergällt.

Und so fährst du durch deine alte Strasse, und denkst, dass alles prima ist und man hier durchaus wieder leben könnte, vielleicht ein Zimmer mehr und ein Platz in der Tiefgarage, jeden Tag in das Antiquariat und nachher in das nächste Cafe, das nun mal das Tresznjewski ist, auf das du zurollst. An der Ecke zur Barer Strasse macht sich eine blonde Bedienung an einer Champagnerflasche zu schaffen, und rechts und links davon sitzt ein Paar, sehr blond, sehr München, wie aus einem Roman.



Wie aus deinem Roman, genau genommen. So wie du, früher. Damals in den Zeiten der einzigartigen Munich Area, und als sie anstossen, da kommt es alles wieder hoch, diese schwarze Galle wie aus einer nie verheilenden Entzündung, es wird nie vorbei sein, sie können nichts dafür, vielleicht sind sie auch gar nicht mehr so wie damals, aber am liebsten würdest du aussteigen und ihnen wie damals, aber es ist egal

und sie werden nicht wissen, was dann mit ihnen geschieht

denn sie haben die Gnade des nicht Wissens

wie alle in dieser Stadt, die am Fortbestand des Goldenen Zeitalters werkeln

und statt dessen nimmst du die Kamera, sagst dir, dass sie das gleiche Recht darauf haben so zu sein, wie du warst, und erst, als du wieder an der Donau bist, rufst du bei Haifisch 2 an und sagst, dass du heute abend doch nicht kannst, du schickst den Krempel dann morgen vormittag, schönes Wochenende auch, und sie sollen mal wieder raus zum See fahren, das tut ihnen sicher auch mal wieder gut.

Freitag, 1. Juni 2007, 16:45, von donalphons | |comment

 
Die schrecklichste und schönste Behäbigkeit der Welt ist die Selbstgefälligkeit. Und wehe man strauchelt, dann haben die Räder unter die man kommt, Spikes statt Profile. So ist sie, unsere alte Stadt.

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Und vorne dran ist der Kuhfänger am SUV, damit es einen gleich ordentlich reinfleischwolft.

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The Beautiful and Damned...

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