: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Montag, 6. August 2007

Real Life 05.08.07 - La Coquillarde

Es wird lange dauern, bis du Susi treffen kannst, ohne "Zieh den Kopf aus der Schlinge Bruder John" im Ohr zu haben. Denn den nächsten Satz, "nimm das nächste Pferd und reite schnell davon" hättest du besser beherzigen sollen. Einerseits standen nämlich auf der Wiese neben dem Hochzeitsgarten massenhaft besitzenswerte Fahruntersätze, und andererseits hätten sie dich vor "Da sprach der alte Häuptling der Indianer" gerettet. Vom "Hoch auf dem gelben Wagen" ganz zu schweigen, ganz erstaunlich, was Leute im Suff so singen können, die ansonsten auf das richtige Tempo historischer Aufführungspraxis bestehen. Es war ein verfickter, nein besser, noch nicht mal verfickter Fehler, diesmal mit Susi am Steuer dem Konvoi zu folgen. "Fiesta mexikana" wird auch auf längere Zeit mit ihr verbunden sein, so wie sie das in dein rechtes Ohr gebrüllt hat. Ausweichen hätte wenig gebracht, denn links...

Hat sie dir gefallen, ruft Susi heiser gegen den Fahrtwind und Avisons Variationen über Scarlatti an. Du schaust sie an, wie man als Abstinenzler eben verkaterte Töchter auf dem Weg zum Entzug anschaut. Mit Leuten, die auf Hochzeiten Spass haben, schlafe man nicht, ist dein neuer Wappenspruch. Nein, schreist du. Nein, und ich will sie auch nicht heiraten, wenn sie mal geschieden ist. Und drehst Avison noch etwas lauter, während sich der Wagen der Stadt der Verfluchten nähert.

Um der Exkursion zur sogenannten "Ottheinrich-Torte", einer historistischen Zuckersauerei der ersten Kategorie, einen kulturellen Anschein zu verpassen, schleifst du Susi dann durch den Palazzo und die darunter liegenden manieristischen Grotten. Auf dass sie erkennen mag, dass das Dasein auch noch andere Werte kennt als das Einrammen eines Pfahls vor dem Haus, um den Deppen des Tages Besuch in einem Jahr anzudrohen, falls bis dahin noch immer kein Nachwuchs da sein sollte. Früher machten das nur die Kaffbewohner, aber heute darf der Brauch als gestiegenes Unkulturgut gelten.



Du erklärst Susi den Kreislauf der Lust hier unten in den Grotten: Oben frass man Muscheln zur angeblichen Stärkung der Potenz, und die Essensreste wurden dann hier unten in dreisten Figuren und amourösen Szenen verbaut, damit man einen Ort hatte, wo man die erhofften überschüssigen Triebe an den Hofmann oder die Kammerfrau bringen konnte. Gewissermassen der nicht zählende Urlaub im eigenen Haus. Und sehr viel weiter entwickelt als die Abfallberge bei Hochzeiten nach dem Geseier von Treue in der Kirche.

Dann wäre sie ja doch was für dich, meint Susi und verweist auf die langen Jahre von geradezu CSU-haftem Überdiesträngeschlagen deiner Nachbarin von Gestern, die beim Kommen "von den blauen Bergen" ihren ebenso blauen Zustand nur noch mit gekreischtem Lalala zum Ausdruck bringen konnte. Hemungslos durchaus. Leider die falsche Art der Hemmungslosigkeit. Der langen blonden Gattenwurst daneben war es fast so peinlich wie dir.

Susi? unterbrichst du sie, als sie im Sumpf des Tennisvereins angekommen ist.

Ja?

Du schluckst das Angebot runter, ihre Hochzeitstorte an diesem hoffentlich nie kommenden Dies Ater mit Strychnin zu zuckern, und sagst: Ach, nichts.

Und beneidest die Nereiden und Tritone um ihre ungebundenen, unschuldigen Muschelspiele.

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Empfehlung heute - Fast glaube ich,

Madame Modeste ist in einem Traum mein Ururgrossvater erschienen. Der hatte nämlich auch keine Lust auf Arbeit, wurde "Privatier und Hausbesitzer", was damals unter Kaiser und König als sehr ehrenwerter Beruf galt, setzte sich somit in einem Cafe zur Ruhe und sorgte als Anhänger des liberalen Fortschreitts dafür, dass seine Enkelinnen alle eine ordentliche Ausbildung bekamen. Vielleicht aufgrund einer Begebenheit, die Madame Modeste hier so schön beschreibt - was nicht wirklich für meinen Ahnen sprechen würde.



Ich möchte jedoch zu seiner Ehrenrettung hinzufügen, dass auch seine Enkelinnen letztlich begüterte Hausbesitzerinnen wurden.

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