... newer stories
Mittwoch, 17. November 2004
Mittwoch After Work
Catherine Deneuve, nur hübscher. Semi Giselle Bündchen in Chanel. Claudia Schiffer sowieso, mindestens, wenn nicht besser, nur mit kreischender Stimme. Und überhaupt alles so clean, schlank, makellos. In Wahrheit kam hier keiner gleich nach der Arbeit her. Alle sind sie nochmal heim, schnell glattrasiert, Parfum, frische Bluse, weisses Hemd, Kragen offen, und ab zur Börse, hinten rein ins Lenbach, klar ist man angemeldet in dem dicken Buch, und dann ab ins Gedränge, Ellenbogen Richtung Bar.
Afterwork im Lenbach, immer Mittwochs, war der einzige nichtgeschäftliche Termin, wo mir jemand seine digitale Visitenkarte per Infrarot mit dem Handy schicken wollte. Sogar 2003 war es im Sommer noch so voll, dass die Party auch draussen, hinter einer Absperrung stattdfinden musste. Pflichttermin für die jungen Bankangestellten der bayerischen Börse, und für die Anwälte, die Werber, die PR-Leute und irgendwie alles, das sich die Drinks leisten konnte und eine halbwegs gute Story auf Lager hatte. Die neue, gute Story war wichtig, um was zu erzählen zu haben; wer keine Story hatte, bekam keine ordentlichen Gesprächspartner, wurde weggereicht, musste rumstehen wie nicht abgeholt. Hier lernte man schnell den 30 Sekunden Pitch der Zwischenmenschlichkeit, und wer nicht lernte, konnte zu Hause bleiben. Ziemlich viele OpenBCler machten hier ihre real life matches. Pflichttermin, wenn man in dem Geschäft bleiben wollte, um das es beim Afterwork eigentlich nicht gehen soll.
Das Problem ist das Fortschreiben der letzten guten Geschichte. Wer zu Beginn gleich zu hoch einsteigt, muss nach einem Jahr eigentlich Marktführer, Head of Irgendwas, oder vielleicht auch Partner sein. Grow or Go galt auch hier, wenn man längerfristig an jemandem interessiert war. Insofern ist es sehr angenehm, dort etwas gelogen als Berufssohn und/oder Schriftsteller aufzutreten, das allein ist ein Erfolg und bedarf keiner weiteren Entwicklung. Man kann etwas lässigere Geschichten erzählen, und die wirklich relevanten Geschichten fielen am Anfang sowieso noch unter die NDAs. Danach, nach dem Ausstieg aus dem Kern der Szene, war es egal, und die Broadway-Adresse auf meiner Visitenkarte zog immer noch. Ist ja nicht so, dass die anderen wirklich mal raus kamen in die neuen Dependancen, die ihre Firmen in Schanghai, SF oder zumindest London hochzogen. Meistens schafften sie es im Sommer noch nicht mal in die Alpen oder an den See. Too much to do.
Dafür war es eben Munich Area, einzigartig, Marsilia Antipolis konnte dagegen nicht anstinken.After Work ist eben so ein Asset, das es nur hier gibt, das hat niemand daheim, da, wo er herkommt, Pfaffenhofen, Rosenheim, Penzberg, Sulzbach, Bayreuth, oder auch mal Bielefeld oder Fulda.

Denken sie wohl immer noch. Aber die Provinz holt auf. Kopiert schamlos die hohe Business Kultur, zieht sie in die Gosse. Eine feine Website gibt es hier ebenso wenig wie ein Interieur eines Stararchitekten, es gibt aber auch diese Täschchen mit den kurzen Henkeln, Schweissbremse genannt, und die Anzüge; nur manchmal mit Schnauzbart drüber, und die Geschichten sind auch gut, wirklich, denn hier gibt es keine kranke, überflüssige Kleinst-Börse, sondern nur kerngesunden Mittelstand. Der will sein Geld ausgeben, und das wird im örtlichen Jugendfunk und an den Busstationen eifrig beworben.
Eine weitere Success Story aus der Provinz. Keine Sorge wegen der Kleidung und den Look; auch hier gibt es das übliche, halbverhungerte Business-Publikum, die Kanzleimädchen, den Nachwuchs und die Werber mit der roten Brille, wie Anfangs der 80er. Und die passenden Läden, auch für den grossstädtischen Geschmack. In denen inzwischen die Mütter der in München aus der Bahn geworfenen JungmanagerInnen Care-Pakete zusammenkaufen. Schliesslich ist bald Nikolaus.
Afterwork im Lenbach, immer Mittwochs, war der einzige nichtgeschäftliche Termin, wo mir jemand seine digitale Visitenkarte per Infrarot mit dem Handy schicken wollte. Sogar 2003 war es im Sommer noch so voll, dass die Party auch draussen, hinter einer Absperrung stattdfinden musste. Pflichttermin für die jungen Bankangestellten der bayerischen Börse, und für die Anwälte, die Werber, die PR-Leute und irgendwie alles, das sich die Drinks leisten konnte und eine halbwegs gute Story auf Lager hatte. Die neue, gute Story war wichtig, um was zu erzählen zu haben; wer keine Story hatte, bekam keine ordentlichen Gesprächspartner, wurde weggereicht, musste rumstehen wie nicht abgeholt. Hier lernte man schnell den 30 Sekunden Pitch der Zwischenmenschlichkeit, und wer nicht lernte, konnte zu Hause bleiben. Ziemlich viele OpenBCler machten hier ihre real life matches. Pflichttermin, wenn man in dem Geschäft bleiben wollte, um das es beim Afterwork eigentlich nicht gehen soll.
Das Problem ist das Fortschreiben der letzten guten Geschichte. Wer zu Beginn gleich zu hoch einsteigt, muss nach einem Jahr eigentlich Marktführer, Head of Irgendwas, oder vielleicht auch Partner sein. Grow or Go galt auch hier, wenn man längerfristig an jemandem interessiert war. Insofern ist es sehr angenehm, dort etwas gelogen als Berufssohn und/oder Schriftsteller aufzutreten, das allein ist ein Erfolg und bedarf keiner weiteren Entwicklung. Man kann etwas lässigere Geschichten erzählen, und die wirklich relevanten Geschichten fielen am Anfang sowieso noch unter die NDAs. Danach, nach dem Ausstieg aus dem Kern der Szene, war es egal, und die Broadway-Adresse auf meiner Visitenkarte zog immer noch. Ist ja nicht so, dass die anderen wirklich mal raus kamen in die neuen Dependancen, die ihre Firmen in Schanghai, SF oder zumindest London hochzogen. Meistens schafften sie es im Sommer noch nicht mal in die Alpen oder an den See. Too much to do.
Dafür war es eben Munich Area, einzigartig, Marsilia Antipolis konnte dagegen nicht anstinken.After Work ist eben so ein Asset, das es nur hier gibt, das hat niemand daheim, da, wo er herkommt, Pfaffenhofen, Rosenheim, Penzberg, Sulzbach, Bayreuth, oder auch mal Bielefeld oder Fulda.

Denken sie wohl immer noch. Aber die Provinz holt auf. Kopiert schamlos die hohe Business Kultur, zieht sie in die Gosse. Eine feine Website gibt es hier ebenso wenig wie ein Interieur eines Stararchitekten, es gibt aber auch diese Täschchen mit den kurzen Henkeln, Schweissbremse genannt, und die Anzüge; nur manchmal mit Schnauzbart drüber, und die Geschichten sind auch gut, wirklich, denn hier gibt es keine kranke, überflüssige Kleinst-Börse, sondern nur kerngesunden Mittelstand. Der will sein Geld ausgeben, und das wird im örtlichen Jugendfunk und an den Busstationen eifrig beworben.
Eine weitere Success Story aus der Provinz. Keine Sorge wegen der Kleidung und den Look; auch hier gibt es das übliche, halbverhungerte Business-Publikum, die Kanzleimädchen, den Nachwuchs und die Werber mit der roten Brille, wie Anfangs der 80er. Und die passenden Läden, auch für den grossstädtischen Geschmack. In denen inzwischen die Mütter der in München aus der Bahn geworfenen JungmanagerInnen Care-Pakete zusammenkaufen. Schliesslich ist bald Nikolaus.
donalphons, 19:23h
... link (15 Kommentare) ... comment
Goldgrübeln
Bei "Ritter der Kokusnuss" gibt es dieses Duell mit dem grossmäuligen schwarzen Ritter, dem erst alle Extremitäten abhackt werden, und als er dann nur noch als Rumpf im Wald steht, sagt er, dass er ein Unentschieden akzeptiert - aber sobald die Ritter weiter ziehen, schreit er ihnen nach, sie sollen zurückkommen, er würde sie mit seiner Spucke besiegen, er würde es ihnen nochmal zeigen. An diese Szene muss ich immer denken, wenn ich manche Blogs gewesener Dotcom-Unternehmer, Berater und Jubelperser lese. Da wird dann besprochen, wie man mit Blogs hoffentlich bald das Geld verdienen kann, das man früher im "Content Bizz" versenkt hat. Die meisten Beiträge sind inkompetent, vulgär und vollkommen unausgegoren, aber so sind die Autoren nun mal, sie hatten eine schwere Jugend, sie haben es keine andere Sprache als den McKinsey-Latrinen-Slang voller Success und Profit gelernt. Und die Summen, die amerikanische VCs in die Firma Sixapart (Movable Type, Typepad) investiert haben, machen auch hierzulande viele Leute heiss, die gerne nochmal eine New Economy Reloaded hätten.
Nun gab es in der letzten Woche zwei Ereignisse, die zeigen, dass sich auch ernsthaftere Leute in Deutschland mit der Frage der Wertschöpfung durch Blogs auseinandersetzen. Mehr an der Blogbar
Nun gab es in der letzten Woche zwei Ereignisse, die zeigen, dass sich auch ernsthaftere Leute in Deutschland mit der Frage der Wertschöpfung durch Blogs auseinandersetzen. Mehr an der Blogbar
donalphons, 18:44h
... link (0 Kommentare) ... comment
: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :
Mittwoch, 17. November 2004
Final: Cydome kracht in sich zusammen
Am Ende hat nur noch Baumeister Pietroforte am Mauerwerk des IT- und Business-Bloggens gespachtelt, die anderen hatten sich schon abgeseilt und den Meissel abgegeben. Der vorletzte Eintrag nennt sich "Making Money" und dreht sich um die Frage, wie das mit Blogs gehen kann. Ich bin ja nur ein Depp, der keine Ahnung hat, aber zumindest hab ich begriffen, dass, wenn eine Redaktion auseinanderfällt und nichts mehr schreibt, mit Geld ebensowenig zu machen ist wie mit Ansprüchen vom "fachlich fundierten, seriösen Journalismus". Von "Gründer" Klaus Eck kommt, was die Einstellung angeht, nur PR-Sprech nach dem Motto, dass es ein sehr erfolgreiches Projekt war und sie über das weitere Vorgehen noch dieses Jahr entscheiden werden. Vielleicht entdecken sie ja doch noch die "Goldgrube", von der Eck auch schon mal sprach, und machen doch in der Hoffnung weiter, dass Bloghandwerk goldenen Boden hat.
Final: Cydome.de
Quelle: Eigenaussage
20six-BonbonsPunkte: 120
So, und jetzt clicke ich mich zu changex.de rüber und schaue mal, wie lang die mit ihrem neuartigen Paid Content überleben - nachdem das ja alles jahrelang frei zugänglich sein sollte (bis Infineon ausstieg aus dem Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft, glaub ich).
Update: Mutmasslich aufgeschreckt durch diesen Bericht, stopft "Gründer" Klaus Eck die Leiche CyDome mit zweitverwerteten Infobrocken aus seinem Hauptblog. Dave Kay zu dessen Ideen: "(örgs)" - da kann ich mich nur anschliessen.
Final: Cydome.de
Quelle: Eigenaussage
So, und jetzt clicke ich mich zu changex.de rüber und schaue mal, wie lang die mit ihrem neuartigen Paid Content überleben - nachdem das ja alles jahrelang frei zugänglich sein sollte (bis Infineon ausstieg aus dem Wandel in Wirtschaft und Gesellschaft, glaub ich).
Update: Mutmasslich aufgeschreckt durch diesen Bericht, stopft "Gründer" Klaus Eck die Leiche CyDome mit zweitverwerteten Infobrocken aus seinem Hauptblog. Dave Kay zu dessen Ideen: "(örgs)" - da kann ich mich nur anschliessen.
donalphons, 00:44h
... link (14 Kommentare) ... comment
Eine Stunde
dauert es, wenn man auf der Autobahn von München an die Donau fährt, eingekeilt zwischen den üblichen Rasern in ihren dunkelgrauen BWM, der Landbevölkerung in den Mercedes-Limousinen und den rot/violett/mettalicblauen Kleinwägen ihres Nachwuchses, der tiefergelegt und verspoilert daran arbeitet, dass die ländliche Geburtenrate und in der Folge das Wahlvolk der CSU nicht unbegrenzt anwächst. Der Weg führt in ein paar Kilometern Entfernung vorbei an den sauber geputzten Trümmerfeldern der Hightech-Offensive, Gate Garching, Kirch, Siemens Center of E-Excellence, Martinsried, all diese Retortengeschwüre aus Glas und Beton, die die örtliche Bauwirtschaft reich und die Staatskassen arm gemacht haben. Dahinter, nach der ersten Hügelkette, wird Bayern wieder so, wie es eigentlich ist.

Schön nämlich. Besonders an einem Tag, an dem der Rest von Deutschland unter grauen Wolken liegt. Bayern hat den Föhn, und der putzt den Himmel bis an die Donau strahlend blau. Man kann blind auf der Autobahn weiterrasen, man kann aber auch runter und durch Dörfer fahren, in denen jedes Haus geputzt und bewohnt ist. Trümmerfelder wie im Osten wird man vergeblich suchen. Es gibt trotz Flurbereinigung noch viele Hecken, krumme Wege, schiefe Zäune und, hier und da, auch noch verwilderte Obstgärten im Grund von Tälern, in die nie ein Tourist kommt. Warum auch. Schweitenkirchen ist bestenfalls als Standort einer Grossraum-Disco bekannt, die das Umland mit DJs aus der Region namens Mike oder the Bull und Sekt von 10 bis 1 für die Damen gratis bedröhnt. Wer sich dort die Rübe zuknallt und am Ende doch keine Frau abkriegt, wird die Schönheit der sanft geschwungenen Landschaft kaum wahr nehmen.
Diese und andere Hügel, zwischen denen ich fast mein gesamtes Leben verbacht habe, sind das, was mir im Norden und Osten so fehlt. Nichts ist gerade, alles ist gebogen, unregelmässig, mäanernd-abschweifend, so wie die Leute, die einen mit einer doppelten Verneinung eine einfache Verneining mitteilen, etwa so: Des hob i no nie ned gheart - Das habe ich noch niemals nicht gehört. Das bekommt man zu hören, wenn man hier über so ziemlich alles spricht, über das es in diesem Blog sonst geht. Vor 5 Jahren, etwa zur gleichen Zeit, hatte eine Agentur mit Grosskunden wie Microsoft ganz hier in der Nähe auf einem Schloss eine Tagung abgehalten. Thema in etwa: Wie geht die New Economy nach dem Endsieg in drei Jahren mit den rauchenden Trümmern der nicht virtuellen Wirtschaft um. Man stand an den Fenstern auf dem Feldherrnhügel, blickte hinaus in diese Landschaft der Unwissenden, die nicht ahnten, was da im Schloss geplant wurde. Dieses Landvolk da unten mit seinen Viechern und den blumenbehängten Wagenrädern, oder den Wappen haltenden Löwen an der Einfahrt, das alles war Geschichte; kleine, zurückgebliebene Widerstandsnester, während global jetzt schon ein ganz anderer Takt vorgegeben wurde.
Die meisten im Schloss kamen aus der Stadt, und oft auch nicht aus Bayern. Ich sagte ihnen, dass es vielleicht doch nicht so einfach werden würde, dass das hier nicht die letzten Reste sind, sondern immer noch de Mehrarn, die Mehrheit, die ganz ganz grosse Mehrheit. Ich sagte, dass ich von hier komme, trotz der etwas angefremdeten Blicke, und ich erzählte ihnen vom Leben meiner Verwandten; von meinem Dad, dessen Typ eine Art Idealkunde in ihren Powerpoints war und der schlichtweg zu faul ist, sich mit einem technischen Gerät mit mehr als 3 Knöpfen auseinanderzusetzen. Worauf ein Ministeriumsvertreter sagte, der virtuelle Marktplatz Bayern werde auch das rapide ändern. Sie würden ja wollen, nur könnten sie noch nicht, aber die bayerische Staatsregierung würde auch das schaffen. Keiner von diesen schlichten, zum Aussterben oder Anpassen verdammten Gemüter war auf der Tagung, keiner im Dorf interessierte sich für den Auftrieb im Schloss, denn so Autos wie die da hat der hiesige Bauer auch; es sah auch nicht anders aus als bei einer Bauernhochzeit.

Ich habe gestern, mit den Umwegen über die Dörfer, drei Stunden gebraucht, und Bilder gemacht. Nichts hat sich verändert. Gestern Abend habe ich dann mal eine Stichprobe aus einem alten Verteiler mit Mails beschickt. Von 20 Mails kamen 16 zurück. Zwei von drei Mails, die an staatliche Stellen gingen, scheinen angekommen zu sein. Vielleicht, weil die Empfänger zwar wie die Typen in dem Schloss redeten, aber in Wirklichkeit ebenso apathisch wie die Kühe bei Schweitenkirchen sind. Was nicht das Schlechteste ist.

Schön nämlich. Besonders an einem Tag, an dem der Rest von Deutschland unter grauen Wolken liegt. Bayern hat den Föhn, und der putzt den Himmel bis an die Donau strahlend blau. Man kann blind auf der Autobahn weiterrasen, man kann aber auch runter und durch Dörfer fahren, in denen jedes Haus geputzt und bewohnt ist. Trümmerfelder wie im Osten wird man vergeblich suchen. Es gibt trotz Flurbereinigung noch viele Hecken, krumme Wege, schiefe Zäune und, hier und da, auch noch verwilderte Obstgärten im Grund von Tälern, in die nie ein Tourist kommt. Warum auch. Schweitenkirchen ist bestenfalls als Standort einer Grossraum-Disco bekannt, die das Umland mit DJs aus der Region namens Mike oder the Bull und Sekt von 10 bis 1 für die Damen gratis bedröhnt. Wer sich dort die Rübe zuknallt und am Ende doch keine Frau abkriegt, wird die Schönheit der sanft geschwungenen Landschaft kaum wahr nehmen.
Diese und andere Hügel, zwischen denen ich fast mein gesamtes Leben verbacht habe, sind das, was mir im Norden und Osten so fehlt. Nichts ist gerade, alles ist gebogen, unregelmässig, mäanernd-abschweifend, so wie die Leute, die einen mit einer doppelten Verneinung eine einfache Verneining mitteilen, etwa so: Des hob i no nie ned gheart - Das habe ich noch niemals nicht gehört. Das bekommt man zu hören, wenn man hier über so ziemlich alles spricht, über das es in diesem Blog sonst geht. Vor 5 Jahren, etwa zur gleichen Zeit, hatte eine Agentur mit Grosskunden wie Microsoft ganz hier in der Nähe auf einem Schloss eine Tagung abgehalten. Thema in etwa: Wie geht die New Economy nach dem Endsieg in drei Jahren mit den rauchenden Trümmern der nicht virtuellen Wirtschaft um. Man stand an den Fenstern auf dem Feldherrnhügel, blickte hinaus in diese Landschaft der Unwissenden, die nicht ahnten, was da im Schloss geplant wurde. Dieses Landvolk da unten mit seinen Viechern und den blumenbehängten Wagenrädern, oder den Wappen haltenden Löwen an der Einfahrt, das alles war Geschichte; kleine, zurückgebliebene Widerstandsnester, während global jetzt schon ein ganz anderer Takt vorgegeben wurde.
Die meisten im Schloss kamen aus der Stadt, und oft auch nicht aus Bayern. Ich sagte ihnen, dass es vielleicht doch nicht so einfach werden würde, dass das hier nicht die letzten Reste sind, sondern immer noch de Mehrarn, die Mehrheit, die ganz ganz grosse Mehrheit. Ich sagte, dass ich von hier komme, trotz der etwas angefremdeten Blicke, und ich erzählte ihnen vom Leben meiner Verwandten; von meinem Dad, dessen Typ eine Art Idealkunde in ihren Powerpoints war und der schlichtweg zu faul ist, sich mit einem technischen Gerät mit mehr als 3 Knöpfen auseinanderzusetzen. Worauf ein Ministeriumsvertreter sagte, der virtuelle Marktplatz Bayern werde auch das rapide ändern. Sie würden ja wollen, nur könnten sie noch nicht, aber die bayerische Staatsregierung würde auch das schaffen. Keiner von diesen schlichten, zum Aussterben oder Anpassen verdammten Gemüter war auf der Tagung, keiner im Dorf interessierte sich für den Auftrieb im Schloss, denn so Autos wie die da hat der hiesige Bauer auch; es sah auch nicht anders aus als bei einer Bauernhochzeit.

Ich habe gestern, mit den Umwegen über die Dörfer, drei Stunden gebraucht, und Bilder gemacht. Nichts hat sich verändert. Gestern Abend habe ich dann mal eine Stichprobe aus einem alten Verteiler mit Mails beschickt. Von 20 Mails kamen 16 zurück. Zwei von drei Mails, die an staatliche Stellen gingen, scheinen angekommen zu sein. Vielleicht, weil die Empfänger zwar wie die Typen in dem Schloss redeten, aber in Wirklichkeit ebenso apathisch wie die Kühe bei Schweitenkirchen sind. Was nicht das Schlechteste ist.
donalphons, 16:40h
... link (37 Kommentare) ... comment
: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :
Montag, 15. November 2004
Tod eines neuen Siemens S65
oder: Wie ich die Barchetta endgültig nicht genommen hatte
Ein Stück in einem Akt
Setting: Don Alphonso steht, Tee trinkend, an einer elterlichen Biedermeierkommode, Dons kleine Schwester blättert gelangweilt im Battenberg, Abteilung Porzellan, und versucht unterdessen, Don die Übernahme der Bachetta schmackhaft zu machen. Don ist weiterhin sehr misstrauisch. Er spielt geistesabwedend mit ihrem Handy, während sie ihm erklärt, dass unser freundliches Steuergesetz gerade für Wägen wie die Barchetta sehr nette Tarife kennt. Er schaut das Handy an und merkt, dass es zwar wie ihr altes, genauer 8 Wochen altes Siemens S65 aussieht, aber dennoch ein Samsung ist; das Ding, das allerorten so dämlich beworben wird.
Dons kleine Schwester: PS... Boxter versägen... tolle Anlage... nur ein paar kleine Reparaturen... die letzten zehn Strafzettel zahle ich noch...
Don: Äh, schon wieder ein neues Handy?
Dons kleine Schwester: Ja, das alte ist kaputt, ist mir im Auto runtergefallen.
Kurze Pause, in der Don die Teetasse abstellt.
Don: Beim Fahren, aus dem Fenster?
Dons kleine Schwester: Ne, es ist im Auto runtergefallen.
Don (technischen Sachverstand bemühend): Komm, das kann doch nur ein kleiner Fehler sein, so hoch ist das doch nicht vom Handschuhfach.
Dons kleine Schwester (zart errötend): Aber es ist in eine Pfütze gefallen...
Don: (schweigt, denkt nach. Dann:) Eine Pfütze im Auto?
Dons kleine Schwester: Äh, ja, mein Auto, also, doch, es hat schon ziemlich viele Pfützen, wenn es regnet.
Don: (stellt sich eine Pfütze vor, in der ein ausgewachsenes Siemens S 65 ersaufen kann. Das müssen mindestens drei Zentimeter sein. In einem geschlossenen Auto bei Regen.) Ich glaub, ich bleib bei meinem Punto, sorry.
Ein Stück in einem Akt
Setting: Don Alphonso steht, Tee trinkend, an einer elterlichen Biedermeierkommode, Dons kleine Schwester blättert gelangweilt im Battenberg, Abteilung Porzellan, und versucht unterdessen, Don die Übernahme der Bachetta schmackhaft zu machen. Don ist weiterhin sehr misstrauisch. Er spielt geistesabwedend mit ihrem Handy, während sie ihm erklärt, dass unser freundliches Steuergesetz gerade für Wägen wie die Barchetta sehr nette Tarife kennt. Er schaut das Handy an und merkt, dass es zwar wie ihr altes, genauer 8 Wochen altes Siemens S65 aussieht, aber dennoch ein Samsung ist; das Ding, das allerorten so dämlich beworben wird.
Dons kleine Schwester: PS... Boxter versägen... tolle Anlage... nur ein paar kleine Reparaturen... die letzten zehn Strafzettel zahle ich noch...
Don: Äh, schon wieder ein neues Handy?
Dons kleine Schwester: Ja, das alte ist kaputt, ist mir im Auto runtergefallen.
Kurze Pause, in der Don die Teetasse abstellt.
Don: Beim Fahren, aus dem Fenster?
Dons kleine Schwester: Ne, es ist im Auto runtergefallen.
Don (technischen Sachverstand bemühend): Komm, das kann doch nur ein kleiner Fehler sein, so hoch ist das doch nicht vom Handschuhfach.
Dons kleine Schwester (zart errötend): Aber es ist in eine Pfütze gefallen...
Don: (schweigt, denkt nach. Dann:) Eine Pfütze im Auto?
Dons kleine Schwester: Äh, ja, mein Auto, also, doch, es hat schon ziemlich viele Pfützen, wenn es regnet.
Don: (stellt sich eine Pfütze vor, in der ein ausgewachsenes Siemens S 65 ersaufen kann. Das müssen mindestens drei Zentimeter sein. In einem geschlossenen Auto bei Regen.) Ich glaub, ich bleib bei meinem Punto, sorry.
donalphons, 20:39h
... link (18 Kommentare) ... comment
Trembling Boom Town Season Greetings
Es ist Herbst, und die Kastanienblätter fallen sacht auf den Vintage-Sportwagen. Die Abendsonne gleisst am Fernsehturm, und die blaue Cantina hinten hat geschlossen, wohl schon etwas länger, denn eine Glasscheibe ist zerbrochen, ohne dass sich jemand darum kümmern würde.

Der leichte Abendwind weht eine Sonntags-FAZ vorbei, und ein Teil des Komplexes ist zu vermieten, denn ein neues, optimistisches IT-Unternehmen hat sich gerade verabschiedet, ohne eine Nachfolgeadresse zu hinterlassen.

Der leichte Abendwind weht eine Sonntags-FAZ vorbei, und ein Teil des Komplexes ist zu vermieten, denn ein neues, optimistisches IT-Unternehmen hat sich gerade verabschiedet, ohne eine Nachfolgeadresse zu hinterlassen.
donalphons, 10:07h
... link (21 Kommentare) ... comment
: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :
Sonntag, 14. November 2004
Warum ich keinen Mazda fahre (für Ella)
Es war so: Meine kleine Schwester wollte erst einen Mazda MX-5. Aber dann kam die Barchetta von Fiat, und die ist einfach schöner. Meine Eltern, die das ja finanzieren mussten, waren dagegen, weil sie ihr nicht die Beherrschung des Wagens zutrauten, und Angst vor dem deutschen Klima hatten. Aber sie machte dann entsprechend Druck, und so fuhr sie eines schönen Tages mit dem Audi meines Vaters und meinem Vater auf dem Beifahrersitz mit gemütlichen 220 - zum Aklimatisieren - in die Nähe von Augsburg. Dort hatte ein potenter Privatmann eine silberne Barchetta bereits rumstehen, bevor sie auch nur in Italien ausgeliefert wurde. Wie auch immer, nach 10 Kilometern wusste er, dass er das Ding nicht mochte, wie auch schon das wenige Wochen zuvor angeschaffte Fiat Coupe. Mein Vater, der immer noch auf die Vernunft meiner Schwester hoffte, sah in dem orangen Coupe die vielleicht letzte Chance, sie umzustimmen. Sie schwankte tatsächlich, und mein Vater hatte die zündende Idee. Er rief mich an und fragte, ob ich nicht vielleicht das Coupe möchte, um dann vielleicht später mit meiner Schwester zu tauschen, wenn sie sich die ersten Erfrierungen zugezogen hatte. Nur hatte er die Rechnung ohne mich gemacht.
Nachdem ich, wie viele meiner Freunde, längere Zeit beruflich vor allem mit nicht unbedingt serienmässigen Audi Quattros und Audi A8 unterwegs gewesen war, hatte ich mich dann doch zur gemütlichen 110er Fahrweise entschlossen, und nahm einen dunkelblauen Punto mit 55 PS. Reicht mir, ich bin da nicht so, und nicht nur im Stau ist der Rennwagen genauso langsam wie alle anderen, auch wenn er von der Strasse abkommt und sich in den blauen Äther bohrt, sind die Flug- und Landeeigenschaften nicht unbedingt besser als beim Punto. Also, kein Mazda, keine japsige Plastikschüssel fürdie Billigmensa, kein Coupe, nur will meine kleine Schwester jetzt doch den neuen SLK oder einen 911er, und fragt mich, ob ich nicht vielleicht ihre Barchetta in meine treusorgenden Hände nehmen will.
Warum ich das nicht will, berichte ich wann anders. Ich hatte sie ja schon mal eine Weile, und die Gurke ist schuld daran, dass ich einige Frauen nicht nach Hause fahren konnte. Nein danke, kleine Schwester.
Nachdem ich, wie viele meiner Freunde, längere Zeit beruflich vor allem mit nicht unbedingt serienmässigen Audi Quattros und Audi A8 unterwegs gewesen war, hatte ich mich dann doch zur gemütlichen 110er Fahrweise entschlossen, und nahm einen dunkelblauen Punto mit 55 PS. Reicht mir, ich bin da nicht so, und nicht nur im Stau ist der Rennwagen genauso langsam wie alle anderen, auch wenn er von der Strasse abkommt und sich in den blauen Äther bohrt, sind die Flug- und Landeeigenschaften nicht unbedingt besser als beim Punto. Also, kein Mazda, keine japsige Plastikschüssel fürdie Billigmensa, kein Coupe, nur will meine kleine Schwester jetzt doch den neuen SLK oder einen 911er, und fragt mich, ob ich nicht vielleicht ihre Barchetta in meine treusorgenden Hände nehmen will.
Warum ich das nicht will, berichte ich wann anders. Ich hatte sie ja schon mal eine Weile, und die Gurke ist schuld daran, dass ich einige Frauen nicht nach Hause fahren konnte. Nein danke, kleine Schwester.
donalphons, 21:45h
... link (1 Kommentar) ... comment
Über Überstunden
Deadlines werden meistens mit guten Gründen auf Montag gelegt. Dann kann man noch in aller Ruhe am Wochenende reinkommen, hängenbleiben, statt mit der sowieso zu kalten, offenen Karre durch die Stadt zu rasen, und später dann mit aufkommender Panik allein im Büro sitzen, sich die letzten Notizen machen und feststellen, dass zwei Seiten im Pflichtenheft irgendwie unter den Tisch gefallen sein müssen.

Und egal, was alle jetzt wieder sagen; eine Wirtschaft, die auf gestresste Typen aufbaut, sie Sonntags um sechs noch im mittelhellen, ungepflegten Industriebau unter ihren Artemide-Kopien sitzen, zu viel billigen Kaffee aus Plastikbechern trinken und ihren alten Mazda MX-5 peinlich genau sauber halten, weil es im Moment kein anderes Cabrio gibt, auch wenn sie sich in dieser Studentenschüssel inzwischen etwas peinlich fühlen; eine Wirtschaft, die 38.5 zahlt und 38,5 verlangt, plus sinnlose Meetings, sinnlose Team Sitzungen und sinnloses Afterwork mit irgendwelchem verzogenen Jungvolk, das sich zwar zahlen, aber nicht ficken lässt, während zu Hause das junge Familienglück Mangas auf RTL II guckt; eine Wirtschaft, die den Leuten einredet, dass die zerfallende Kasernenlandschaft schick und ein innovativer Mediencluster ist; so eine Wirtschaft wird sich immer nur neu erfinden, um wieder gaenau so elend mit ihren Heerscharen zu verrecken.
Und wenn es dann vorbei ist, wenn er das Licht ausmacht und man ihm den Job ausknipst, bleibt ihm trotzdem noch der MX-5, bei dem alle Leasing Raten klugerweise schon 2000, auf dem Höhepunkt des Hypes abbezahlt wurden. Zumindest kann man damit auf der Leopoldstrasse im Sommer, in 7 Monaten cruisen, und so lange wird es vielleicht noch dauern, bis der Konzernlenker im fernen Los Angeles bemerkt, dass sie hier nur Verluste machen, und er dann trotz des Geflennes der Staatsminister eben noch ein Projekt der einzigartigen Munich Area platt macht.

Und egal, was alle jetzt wieder sagen; eine Wirtschaft, die auf gestresste Typen aufbaut, sie Sonntags um sechs noch im mittelhellen, ungepflegten Industriebau unter ihren Artemide-Kopien sitzen, zu viel billigen Kaffee aus Plastikbechern trinken und ihren alten Mazda MX-5 peinlich genau sauber halten, weil es im Moment kein anderes Cabrio gibt, auch wenn sie sich in dieser Studentenschüssel inzwischen etwas peinlich fühlen; eine Wirtschaft, die 38.5 zahlt und 38,5 verlangt, plus sinnlose Meetings, sinnlose Team Sitzungen und sinnloses Afterwork mit irgendwelchem verzogenen Jungvolk, das sich zwar zahlen, aber nicht ficken lässt, während zu Hause das junge Familienglück Mangas auf RTL II guckt; eine Wirtschaft, die den Leuten einredet, dass die zerfallende Kasernenlandschaft schick und ein innovativer Mediencluster ist; so eine Wirtschaft wird sich immer nur neu erfinden, um wieder gaenau so elend mit ihren Heerscharen zu verrecken.
Und wenn es dann vorbei ist, wenn er das Licht ausmacht und man ihm den Job ausknipst, bleibt ihm trotzdem noch der MX-5, bei dem alle Leasing Raten klugerweise schon 2000, auf dem Höhepunkt des Hypes abbezahlt wurden. Zumindest kann man damit auf der Leopoldstrasse im Sommer, in 7 Monaten cruisen, und so lange wird es vielleicht noch dauern, bis der Konzernlenker im fernen Los Angeles bemerkt, dass sie hier nur Verluste machen, und er dann trotz des Geflennes der Staatsminister eben noch ein Projekt der einzigartigen Munich Area platt macht.
donalphons, 20:44h
... link (28 Kommentare) ... comment
: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :
Samstag, 13. November 2004
Galerie-Rotation
Der dritte Versuch. Seitdem die Strasse runter die Kulturvolks-Abspeisung "Pinakothek der Moderne" eröffnet hat, glauben manche an einen Markt für moderne Kunst. Nun ist es aber so, dass es in dem Museum auch sehr viel Architektur, Design und Graphik vergangener Jahrhunderte gezeigt wird, und grosse Teile des Gebäudes inzwischen eher Produktpräsentationen denn der Kunst dienen. Das wollen manche Galeristen nicht wahr haben, und drängen sich mit neuen, international eingekauften Bildern zwischen die traditionellen Antiquitätenhändler. Manchmal können sie auch mehr zahlen, und bekommen deren Räume. Das Premiumsegment hat ja immer noch Geld, heisst es, und die einschlägigen Magazine empfehlen Kunst als Wertanlage.

Inzwischen gibt es aber eine gewisse Marktsättigung. Die Anzahl der Markteintritte und Austritte, des Aufbruchs und der Auflösung, der Hoffnung und der Verzweiflung ist ungefähr gleich. Allerdings hat sich der Zeitabstand zwischen den beiden Polen enorm beschleunigt.
Vielleicht klappt es ja trotzdem. Vielleicht wollen Kunden Bilder von Menschen am Strand. Das ist sehr unaufgeregt, gefällig, und wie man sieht, braucht man nur drei Bilder, um die Wände einigermassen zu füllen. Dann noch ein paar Bildbände, und das Loft ist komplett, könnten sich manche denken. Vielleicht. Vielleicht nehmen sie aber doch lieber das Poster mit der Photographie eines BMW-Rennwagens aus den 50ern in einem sehr teuren Rahmen aus dem Museumsshop. Die meisten, die ich hier, in diesem High-Potential-Viertel kennen gelernt habe, würden wahrscheinlich das Poster nehmen, selbst wenn das Gemälde billiger wäre.

Inzwischen gibt es aber eine gewisse Marktsättigung. Die Anzahl der Markteintritte und Austritte, des Aufbruchs und der Auflösung, der Hoffnung und der Verzweiflung ist ungefähr gleich. Allerdings hat sich der Zeitabstand zwischen den beiden Polen enorm beschleunigt.
Vielleicht klappt es ja trotzdem. Vielleicht wollen Kunden Bilder von Menschen am Strand. Das ist sehr unaufgeregt, gefällig, und wie man sieht, braucht man nur drei Bilder, um die Wände einigermassen zu füllen. Dann noch ein paar Bildbände, und das Loft ist komplett, könnten sich manche denken. Vielleicht. Vielleicht nehmen sie aber doch lieber das Poster mit der Photographie eines BMW-Rennwagens aus den 50ern in einem sehr teuren Rahmen aus dem Museumsshop. Die meisten, die ich hier, in diesem High-Potential-Viertel kennen gelernt habe, würden wahrscheinlich das Poster nehmen, selbst wenn das Gemälde billiger wäre.
donalphons, 11:57h
... link (0 Kommentare) ... comment
: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :
Samstag, 13. November 2004
Eine PR-technisch-elitäre Arschlochkarte
ist als offizielle Pressemitteilung in meinem Posteingang. Schon lustig, wenn ein erklärter Elitenfeind in einer Pressemitteilung selbst mal in das Marketinggeschwätz gerät:
Hier werden Sie die Möglichkeit haben, sich mit internationalen Stars der Szene direkt auszutauschen. Mu Zimei (China), Jörg Kantel (Deutschland) und Anton Nossik (Russland) diskutieren..
Hier werden Sie die Möglichkeit haben, sich mit internationalen Stars der Szene direkt auszutauschen. Mu Zimei (China), Jörg Kantel (Deutschland) und Anton Nossik (Russland) diskutieren..
donalphons, 00:44h
... link (6 Kommentare) ... comment
Kokain
im Musikantenstadel, grölt es aus der Boulevard-Gosse, und sorgt schon nach den ersten Metern zu meiner Wohnung dafür, dass ich die Munich Area mit ihren Core Assets - Schunkeln und Rübe zuknallen bis zur Besinnungslosigkeit oder Start-Up-Gründung - so wiederfinde, wie ich sie vor sechs Wochen verlassen habe. Der gemeine Münchner nimmt natürlich kein Kokain und kann sich hübsche Illusionen machen über die, die es angeblich konsumieren. Diese Jet-Set-Leute, die in dieser Stadt tatsächlich durch die Strassen laufen, vom Büro Richtung Cafe, das Senta Bergers Mann gehört. Einer der mittleren Hauptverantwortlichen für Alando/später Ebay kam mir auch gleich danach entgegen, schnell, hektisch, abgespannt. Die Geschäfte laufen nicht mehr so gut, zumindest nicht so gut wie 99, als jemand aus dieser Szene die Rendite der Drogenmafia als lächerlich gering bezeichnete.
Im Umkehrschluss: Wer dabei war, konnte sich schnell überproportional viel Koks leisten. Brauchten manche auch. Als Ansporn bei der Powerpoint, als Prise Selbstbewusstsein und Extraladung Personality. Auch als Überzeugungkraft, wenn es um den Endkampf um die Weltmarktführerschaft ging. Und auch mal zwischendrin, einfach nur so. Es gab welche, die das wirklich unter Kontrolle hatten, aber nach einer Weile, wenn man viel mit den Typen zusammen ist, merkt man das. Es sind nur kleine Zeichen, Mentalitätsschwankungen, und wenn so ein Typ dann vor die Worker tritt und die Leute mitreisst, obwohl innen drin alles längst morsch und verfault ist, das Geschäftsmodell, die Bilanzen, sein Gehirn, dann begreift man, dass man sich schleunigst nach dem Rettungsboot umschauen sollte.
Es ist teuer, es ist illegal und das war lange Zeit scheissegal, weil sowieso alles eher ungesund war, der Alkohol wie das komische Essen auf den Events, nach 5 Tagen Fingerfood wissen die meisten sowieso nicht mehr, was sie da durch welches Körperloch in sich aufnehmen, und nein, es war keine geile Zeit, nichts Roaring 1999, es war einfach und zuviel Koks und Unerfahrenheit im Praktikantenstadl, es war schmerzhaft dumm, peinlich, und es gibt gute Gründe, warum man bei OpenBC nicht über die Zeit spricht.

Könnte ja das Selbstbewusstsein trüben, und das darf nicht passieren, wenn man in diesen Räumen da oben nochmal das ganz grosse Rad drehen will. Und das pulvrige, weisse Antidot gegen Selbstzweifel ist im Moment einfach zu teuer, sagt man. Also, hat man von dem einem gehört, der den anderen kennt, der wiederum mit der Dingsda zu tun hat, und bei der sagt man ja...
Im Umkehrschluss: Wer dabei war, konnte sich schnell überproportional viel Koks leisten. Brauchten manche auch. Als Ansporn bei der Powerpoint, als Prise Selbstbewusstsein und Extraladung Personality. Auch als Überzeugungkraft, wenn es um den Endkampf um die Weltmarktführerschaft ging. Und auch mal zwischendrin, einfach nur so. Es gab welche, die das wirklich unter Kontrolle hatten, aber nach einer Weile, wenn man viel mit den Typen zusammen ist, merkt man das. Es sind nur kleine Zeichen, Mentalitätsschwankungen, und wenn so ein Typ dann vor die Worker tritt und die Leute mitreisst, obwohl innen drin alles längst morsch und verfault ist, das Geschäftsmodell, die Bilanzen, sein Gehirn, dann begreift man, dass man sich schleunigst nach dem Rettungsboot umschauen sollte.
Es ist teuer, es ist illegal und das war lange Zeit scheissegal, weil sowieso alles eher ungesund war, der Alkohol wie das komische Essen auf den Events, nach 5 Tagen Fingerfood wissen die meisten sowieso nicht mehr, was sie da durch welches Körperloch in sich aufnehmen, und nein, es war keine geile Zeit, nichts Roaring 1999, es war einfach und zuviel Koks und Unerfahrenheit im Praktikantenstadl, es war schmerzhaft dumm, peinlich, und es gibt gute Gründe, warum man bei OpenBC nicht über die Zeit spricht.

Könnte ja das Selbstbewusstsein trüben, und das darf nicht passieren, wenn man in diesen Räumen da oben nochmal das ganz grosse Rad drehen will. Und das pulvrige, weisse Antidot gegen Selbstzweifel ist im Moment einfach zu teuer, sagt man. Also, hat man von dem einem gehört, der den anderen kennt, der wiederum mit der Dingsda zu tun hat, und bei der sagt man ja...
donalphons, 19:35h
... link (11 Kommentare) ... comment
Real Life 12.11.2004 - Locations
Hotel Adler
Hotel Bayerischer Hof
Hotel zur Post
Hotel Rappensberger
Restaurant Schwarzer Adler
Restaurant Zum Kutscher
Restaurant Nordbräu
Restaurant und Hotel zum Anker
Gaststätte Daniel
alle etwas modernisiert, etwas "urig" aufgebohrt und nicht mehr so, wie sie wirklich in der guten alten Zeit mit Thonet-Stühlen und brauner Wandvertäfelung waren, aber das Publikum schätzt es trotzdem und kommt in Massen, um an dicken weissen Tischdecken Enten, Gänse, Schweinsbraten und dazu für die Gesundheit in Tunke ersoffenen Salat zu essen. Und keine Sekunde daran zu denken, dass es woanders anders sein könnte. Selbst wenn das so wäre, wäre es egal, denn in dreissig Jahren kommen auch die Kinder hierher und sind vollauf zufrieden. Gut bürgerliche Küche eben. Geht immer, kennt keine Moden, nur alle 50 Jahre wechselndes Inventar.
Aber der Name bleibt. Dahinter steht oft "Seit 1irgendwas". Den Rekord hält, glaube ich, der Laden mit der Jahreszahl 1383.
Hotel Bayerischer Hof
Hotel zur Post
Hotel Rappensberger
Restaurant Schwarzer Adler
Restaurant Zum Kutscher
Restaurant Nordbräu
Restaurant und Hotel zum Anker
Gaststätte Daniel
alle etwas modernisiert, etwas "urig" aufgebohrt und nicht mehr so, wie sie wirklich in der guten alten Zeit mit Thonet-Stühlen und brauner Wandvertäfelung waren, aber das Publikum schätzt es trotzdem und kommt in Massen, um an dicken weissen Tischdecken Enten, Gänse, Schweinsbraten und dazu für die Gesundheit in Tunke ersoffenen Salat zu essen. Und keine Sekunde daran zu denken, dass es woanders anders sein könnte. Selbst wenn das so wäre, wäre es egal, denn in dreissig Jahren kommen auch die Kinder hierher und sind vollauf zufrieden. Gut bürgerliche Küche eben. Geht immer, kennt keine Moden, nur alle 50 Jahre wechselndes Inventar.
Aber der Name bleibt. Dahinter steht oft "Seit 1irgendwas". Den Rekord hält, glaube ich, der Laden mit der Jahreszahl 1383.
donalphons, 11:19h
... link (4 Kommentare) ... comment
: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :
Donnerstag, 11. November 2004
Es ist alles so einfach hier
Allein schon, weil man immer weiss, was einen hier erwartet. Das, was man schon kennt. Man kommt über die letzte, angedeutete Hügelkette hinunter in die Tiefebene, und rechts ist schon das Leuchtorange des Doms der Stadt. Zu seinen Füssen breitet sich das historische Häusermeer aus, mit seinen krummen Gassen, den Fussgängerzonen und den immer gleichen, kleinen, teuren Geschäften.

Das heisst, teuer ist es hier nicht, wenn man das Einkommen derer betrachtet, die hier geblieben sind. Die sich nicht um die neue Welt gekümmert haben, solange sie mit 35 ihr erstes, selbstfinanziertes Haus hatten, wenn sie aus der Mittelschicht kamen. Die Gesellschaft ist hier nicht besonders durchlässig, aber doch so potent, dass sich jeder irgendwo als Gewinner fühlen kann. Verlierer sind vielleicht in Braunschweig, Nürnberg oder Berlin, aber nicht hier. Hier kann jeder was verdienen, zumindest soviel, dass er seinen Stand halten kann. Selbst in den schlechteren Vierteln gibt es Juweliere; ein deutliches Zeichen für den Wohlstand, der sich hier in und um die 700 Jahre alte Stadtmauer angesiedelt hat. Die hier übrigens liebevoll und mit viel Geld gepflegt wird. Irgendwo muss es ja hin.
Inzwischen gibt es sogar Immobilienspekulanten aus München, die hier in der Innenstadt Geld verpulvern, das sie nie wieder sehen werden. Diese Stadt erlaubt nur Gewinne in hohen, aber engen Grenzen; Hasadeure werden gezielt ausgegrenzt, in den besseren Vierteln sowieso, aber auch früher beim Standortball, und mit deren Kindern spielt man nicht. Wenn man mit ihnen im gleichen Leistungskurs ist, nimmt einen Papa zu Seite und macht klar, mit wem man es zu tun hat, und dass man aus guten Gründen nicht mehr grüst. Nichts hat sich seitdem geändert.
Die Kinder dieser Nomenklatura, die unbedingt etwas ausserhalb der starren Regeln machen wollten, versuchten das in anderen Städten. Ungewöhnliche Brillenläden war das Business Model der frühen 90er, dann kamen die Coffee Shops, und dann die New Economy. Kluge Entscheidung, die weit entfernte Pleite fiel zu Hause dann nicht so auf, und die Forderungen waren zumindest am Anfang kaum höher als die Kosten eines neuen Cabrios.
Wer ausserhalb scheitert, muss sich eigentlich keine Gedanken machen. Es wird im festgefügten System der Stadt immer noch eine Chance für ihn geben, im Rahmen seiner Herkunft und seines Umfelds. Dieser Neuanfang fällt vielen nicht besonders schwer, wenn sie sich eingestehen, dass ihre Vision Verkennung der Lage und ihre Hoffnungen Dummheit waren, und das eigene Haus mit 45 auch ein Ziel sein kann, für das es sich mit gerade mal 38,5 Arbeitsstunden in der Woche und ohne durchgearbeitete Nächte zu leben lohnt.

Das heisst, teuer ist es hier nicht, wenn man das Einkommen derer betrachtet, die hier geblieben sind. Die sich nicht um die neue Welt gekümmert haben, solange sie mit 35 ihr erstes, selbstfinanziertes Haus hatten, wenn sie aus der Mittelschicht kamen. Die Gesellschaft ist hier nicht besonders durchlässig, aber doch so potent, dass sich jeder irgendwo als Gewinner fühlen kann. Verlierer sind vielleicht in Braunschweig, Nürnberg oder Berlin, aber nicht hier. Hier kann jeder was verdienen, zumindest soviel, dass er seinen Stand halten kann. Selbst in den schlechteren Vierteln gibt es Juweliere; ein deutliches Zeichen für den Wohlstand, der sich hier in und um die 700 Jahre alte Stadtmauer angesiedelt hat. Die hier übrigens liebevoll und mit viel Geld gepflegt wird. Irgendwo muss es ja hin.
Inzwischen gibt es sogar Immobilienspekulanten aus München, die hier in der Innenstadt Geld verpulvern, das sie nie wieder sehen werden. Diese Stadt erlaubt nur Gewinne in hohen, aber engen Grenzen; Hasadeure werden gezielt ausgegrenzt, in den besseren Vierteln sowieso, aber auch früher beim Standortball, und mit deren Kindern spielt man nicht. Wenn man mit ihnen im gleichen Leistungskurs ist, nimmt einen Papa zu Seite und macht klar, mit wem man es zu tun hat, und dass man aus guten Gründen nicht mehr grüst. Nichts hat sich seitdem geändert.
Die Kinder dieser Nomenklatura, die unbedingt etwas ausserhalb der starren Regeln machen wollten, versuchten das in anderen Städten. Ungewöhnliche Brillenläden war das Business Model der frühen 90er, dann kamen die Coffee Shops, und dann die New Economy. Kluge Entscheidung, die weit entfernte Pleite fiel zu Hause dann nicht so auf, und die Forderungen waren zumindest am Anfang kaum höher als die Kosten eines neuen Cabrios.
Wer ausserhalb scheitert, muss sich eigentlich keine Gedanken machen. Es wird im festgefügten System der Stadt immer noch eine Chance für ihn geben, im Rahmen seiner Herkunft und seines Umfelds. Dieser Neuanfang fällt vielen nicht besonders schwer, wenn sie sich eingestehen, dass ihre Vision Verkennung der Lage und ihre Hoffnungen Dummheit waren, und das eigene Haus mit 45 auch ein Ziel sein kann, für das es sich mit gerade mal 38,5 Arbeitsstunden in der Woche und ohne durchgearbeitete Nächte zu leben lohnt.
donalphons, 23:41h
... link (42 Kommentare) ... comment
Real Life 11.11.04 - Und ab in den Süden
für ein paar Tage anderes Leben in der einzigartigen Greater Munich Area.

Daselbst Treffen und telefonate mit waschechten CEOs und Entrepreneurs, alten Freunden und dem einen oder anderen Medienmacher sowie meiner kleinen Schwester.
Normalzustand, gewissermassen.

Daselbst Treffen und telefonate mit waschechten CEOs und Entrepreneurs, alten Freunden und dem einen oder anderen Medienmacher sowie meiner kleinen Schwester.
Normalzustand, gewissermassen.
donalphons, 03:16h
... link (3 Kommentare) ... comment
: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :
Mittwoch, 10. November 2004
Einer der letzten Boos
vor der Abschaltung von Dotcomtod war eine Meldung, bei der ich schon dachte: Weia... Da berichtete Tomorrow Focus zwar noch einen Verlust, aber die Gewinnschwelle werde jetzt ganz schnell erreicht. Dass da Tricks wie die Reinwurstelung der Playboy-Gewinne und die Aufträge aus dem eigenen Haus dabei sind, war klar, aber dennoch, nach so vielen Jahren als sicherer Boo-Lieferant wurde mir doch etwas bang um den Laden. So möchte man als Sentinel natürlich keinen Exit aus dem Wahrnehmungskreis erleben.
Doch es gibt gute Neuigkeiten! Entegegen der Erwartungen hat ToFo seinen Verlust erheblich ausbauen können, und das bei Umsatzwachstum. In den ersten drei Quartalen hat man im Vergleich zum Vorjahr den operativen Verlust um über 10% auf jetzt 2,9 Millionen Euro gesteigert, bei 35 Millionen Umsatz. Mal schaun, wann das nächste Mal von "Break Even" die Rede ist. Als Aktionär würde ich mir langsam etwas, hm, nicht wirklich zutreffend informiert fühlen.
Doch es gibt gute Neuigkeiten! Entegegen der Erwartungen hat ToFo seinen Verlust erheblich ausbauen können, und das bei Umsatzwachstum. In den ersten drei Quartalen hat man im Vergleich zum Vorjahr den operativen Verlust um über 10% auf jetzt 2,9 Millionen Euro gesteigert, bei 35 Millionen Umsatz. Mal schaun, wann das nächste Mal von "Break Even" die Rede ist. Als Aktionär würde ich mir langsam etwas, hm, nicht wirklich zutreffend informiert fühlen.
donalphons, 23:14h
... link (0 Kommentare) ... comment
Real Life 10.11.04 - Loft
gewissermassen die private Ergänzung zum offiziellen Tagungsraum.
Das Angebot: 6. Stock, unverbaubare Aussicht, 120 Quadratmeter, Preis sehr, sehr günstig, auch wegen, könnte man sagen, Beziehungen. Der Blick wird einen umhauen, wurde versprochen.

Tat er auch. Lieber Hinterhof ganz ganz unten mit Barracke und drei Autowracks gegenüber, als diesen Berliner Himmel den ganzen Tag vor Augen. Ja, es gibt auch noch Sommer, ja, man sieht weit, aber was man sieht, ist über 7 Monate vor allem eine Wolkenstimmung wie bei einem Chlorgas-Angriff. So für sich betrachtet, ist der Berliner Himmel weitaus schlimmerals die Architektur, und die ist schon eine Katastrophe.
Man könnte den Raum individuell aufteilen, müsste man aber nicht, denn ich mag es grosszügig, es gibt 2 Balkons, aber da, wo ich jetzt bin und bleiben werde, stehen wenigstens Bäume vorne und hinten, die Wände sind hoch und die Dielen sind alt, und wenn ich nach oben sehe, sehe ich Kronleuchter und keine Löcher in der Decke, durch die der Berliner Himmel in all seiner Abartigkeit reingekrochen kommt.

Aber es findet sich sicher ein Jungdynamiker, dem das Hoch über Allem-Gefühl gefällt und die Dramatik der Wolken schätzt, wenn er mal die nötige Zeit hat, um bei Tageslicht aus dem Fenster zu sehen. Und der Raum wäre wirklich gut - ohne diese Stadt und ihren Himmel aussenrum.
Morgen fahre ich nach München.
Das Angebot: 6. Stock, unverbaubare Aussicht, 120 Quadratmeter, Preis sehr, sehr günstig, auch wegen, könnte man sagen, Beziehungen. Der Blick wird einen umhauen, wurde versprochen.

Tat er auch. Lieber Hinterhof ganz ganz unten mit Barracke und drei Autowracks gegenüber, als diesen Berliner Himmel den ganzen Tag vor Augen. Ja, es gibt auch noch Sommer, ja, man sieht weit, aber was man sieht, ist über 7 Monate vor allem eine Wolkenstimmung wie bei einem Chlorgas-Angriff. So für sich betrachtet, ist der Berliner Himmel weitaus schlimmerals die Architektur, und die ist schon eine Katastrophe.
Man könnte den Raum individuell aufteilen, müsste man aber nicht, denn ich mag es grosszügig, es gibt 2 Balkons, aber da, wo ich jetzt bin und bleiben werde, stehen wenigstens Bäume vorne und hinten, die Wände sind hoch und die Dielen sind alt, und wenn ich nach oben sehe, sehe ich Kronleuchter und keine Löcher in der Decke, durch die der Berliner Himmel in all seiner Abartigkeit reingekrochen kommt.

Aber es findet sich sicher ein Jungdynamiker, dem das Hoch über Allem-Gefühl gefällt und die Dramatik der Wolken schätzt, wenn er mal die nötige Zeit hat, um bei Tageslicht aus dem Fenster zu sehen. Und der Raum wäre wirklich gut - ohne diese Stadt und ihren Himmel aussenrum.
Morgen fahre ich nach München.
donalphons, 13:26h
... link (8 Kommentare) ... comment
Real Life 09.11.04 - Bornholmer Strasse
Genau 15 Jahre später, zwischen 22.30 und 24 Uhr. Minolta Dimage S414, kein Blitz, kein Stativ, nur natürliche Ablagen, Blende 3,6, Belichtungszeit 2 bis 4 Sekunden, keine Filter, kein Photoshop. 12 Bilder und ein paar Worte.

Einfach klicken. Für die Rebellen, die danach vielleicht auch keinen Markt gefunden haben, aber immerhin, Markt ist ja nicht alles, was zählt.

Einfach klicken. Für die Rebellen, die danach vielleicht auch keinen Markt gefunden haben, aber immerhin, Markt ist ja nicht alles, was zählt.
donalphons, 12:01h
... link (31 Kommentare) ... comment
15 Jahre später - 9.11.2004
Wir beginnen auf den letzten paar Metern Westen:

Blick von der Behmbrücke hinüber zur Häuserzeile im Osten, links hinten die Bornholmer Strasse und die Brücke.

Direkt auf der Demarkationslinie, unter der Behmbrücke, Blick nach Süden, am Prenzlauer Berg vorbei Richtung Mitte.

Nachts, wenn es etwas neblig ist, scheinen die Lichter immer noch so funkelnd hell wie damals, als hier das System endete. Vielleicht sind es noch die originalen Lampen von damals.

Der Todesstreifen, rechts davon die Mauer, hier noch in einer sehr frühen Version. Mehr war wohl nicht nötig, weil dahinter 200 Meter Gleise kamen - offenes Schussfeld.

Die an dieser Stelle durchbrochene Mauer wurde später auf Betreiben der Bahn wieder zugemacht. Bei aller Freiheit ist das Betreten der Bahngleise natürlich verboten.

Fast niemand ist hier um 11 Uhr Nachts noch unterwegs. Kein Ton ausser den vorbeifahrenden S-Bahnen, in den Häusern das dummblaue Licht der TV-Drogen.

Exakt auf der Mauer ein Blick auf die Bösebrücke, über die die Bornholmer Strasse in den Westen läuft. Die S-Bahnstation ist neu und glänzend, und ein Fremdkörper zwischen den schlecht sanierten Teilen des Weddings und des Prenzlauer Bergs.

Unter und hinter der Brücke beginnt eine grosse Brache. Dort liegt viel Müll; was der Typ dort macht, der vor mir in diese Richtung durch die Pfützen gestapft ist, kann ich nur vermuten.

Oben, an der Brücke, ein Mahnmal, ein paar Kerzen und ein Dutzend Leute. Die Kamerateams sind längst weg. Die Brücke liegt um diese Uhrzeit sehr still und ziemlich leer da. Keine Party.

Wieder an der Demarkationslinie, genau drauf, und der Blick geht nach Westen, ins andere System. Hier wurden die ersten Trabbis mit Sekt überschüttet.

Oben, an der S-Bahnhaltestelle, ein paar junge Leute. Sie reden, lachen, verabschieden sich, und gehen in unterschiedliche Richtungen, Ost und West, einfach so. Doch, ich denke, das war´s in jedem Fall wert, ganz gleich, ob 24% im Westen die Mauer wieder wollen.

Denn auch gegenüber, im Wedding, erwacht das Leben wieder. Es ist noch ein weiter Weg, bis der Jülicher Platz wieder erstrahlt, aber als die Mauer noch stand, war hier einfach nur das Ende der Welt.

Blick von der Behmbrücke hinüber zur Häuserzeile im Osten, links hinten die Bornholmer Strasse und die Brücke.

Direkt auf der Demarkationslinie, unter der Behmbrücke, Blick nach Süden, am Prenzlauer Berg vorbei Richtung Mitte.

Nachts, wenn es etwas neblig ist, scheinen die Lichter immer noch so funkelnd hell wie damals, als hier das System endete. Vielleicht sind es noch die originalen Lampen von damals.

Der Todesstreifen, rechts davon die Mauer, hier noch in einer sehr frühen Version. Mehr war wohl nicht nötig, weil dahinter 200 Meter Gleise kamen - offenes Schussfeld.

Die an dieser Stelle durchbrochene Mauer wurde später auf Betreiben der Bahn wieder zugemacht. Bei aller Freiheit ist das Betreten der Bahngleise natürlich verboten.

Fast niemand ist hier um 11 Uhr Nachts noch unterwegs. Kein Ton ausser den vorbeifahrenden S-Bahnen, in den Häusern das dummblaue Licht der TV-Drogen.

Exakt auf der Mauer ein Blick auf die Bösebrücke, über die die Bornholmer Strasse in den Westen läuft. Die S-Bahnstation ist neu und glänzend, und ein Fremdkörper zwischen den schlecht sanierten Teilen des Weddings und des Prenzlauer Bergs.

Unter und hinter der Brücke beginnt eine grosse Brache. Dort liegt viel Müll; was der Typ dort macht, der vor mir in diese Richtung durch die Pfützen gestapft ist, kann ich nur vermuten.

Oben, an der Brücke, ein Mahnmal, ein paar Kerzen und ein Dutzend Leute. Die Kamerateams sind längst weg. Die Brücke liegt um diese Uhrzeit sehr still und ziemlich leer da. Keine Party.

Wieder an der Demarkationslinie, genau drauf, und der Blick geht nach Westen, ins andere System. Hier wurden die ersten Trabbis mit Sekt überschüttet.

Oben, an der S-Bahnhaltestelle, ein paar junge Leute. Sie reden, lachen, verabschieden sich, und gehen in unterschiedliche Richtungen, Ost und West, einfach so. Doch, ich denke, das war´s in jedem Fall wert, ganz gleich, ob 24% im Westen die Mauer wieder wollen.

Denn auch gegenüber, im Wedding, erwacht das Leben wieder. Es ist noch ein weiter Weg, bis der Jülicher Platz wieder erstrahlt, aber als die Mauer noch stand, war hier einfach nur das Ende der Welt.
donalphons, 11:57h
... link (2 Kommentare) ... comment
... older stories



