: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Sonntag, 19. Dezember 2004

Dirt Picture Contest - 2,5 - 20 - 45 Millionen

Euro in einen öffentlichen VC-Fond pumpen - nein, wir befinden uns nicht im Jahr 1999, sondern richtig, 2004. Der Senat beschloss, die Investitionsbank Berlin folgte. VC Fonds Berlin GmbH heisst das Ding, und bezahlen soll erst der Europäische Fond für Regionale Entwicklung, letztlich also wiederum der Steuerzahler. Und wofür? "Minderheitsbeteiligungen an jungen Technologieunternehmen in der Frühphase" - nein, dazugelernt hat man bei der IBB nichts, scheint es. Es riecht nach verschimmelten Papiergeld, wenn man hier vorbei fährt.



Die Namen des Chefs Roger Bendisch kennt man durch die IBB Beteiligungsgesellschaft mbH- und von ihren Kids, der insolventen Lipro AG etwa, oder der verschwundene Blue Orange Internet GmbH, zum Beispiel. Eindrucksvoller Track Record, wirklich. Neues Geld, neues Spiel, neues Glück - immerhin sollen nach der Anschubfinanzierung durch die EU auch Privatleute ihr Geld einbringen können.

Also, auf zum Gründen! Berlin zahlt mit Geld, das es von anderen bekommt - und bei Entwicklungsfonds erwartet doch keiner, dass Geld zurück kommt, oder? Anderswo heisst die Verschickung inkomeptenter junger Arbneitsloser zu sinnlosen Tätigkeiten übrigens ABM-Massnahme, oder auch 1-Euro-Job - und es braucht keine EU-Gelder.

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Pflichttermin! Heute Abend, 21 Uhr!

Lesung mit Don Dahlmann, Parka Lewis und Bov Bjerg:



Hier.Unbedingt.

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Ich habe schon mal ein paar Leuten

gezielt das Leben zur Hölle gemacht, mit dem, was ich über sie geschrieben habe. Konkret waren das Gestalten mit einer rechtsextremen politischen Agenda, die danach auf beiden Seites des Atlantiks out of business und ohne Abnehmer für ihre verlogenen Borderline-Stories aus Europa waren - und was mich betrifft, war es eine Art Selbstjustiz gegen Leute, die im Journalismus nichts verloren hatten. Solche Leute für den Rest ihrer Tage blosszustellen, kann allerdings nur die Ultima Ratio sein.

Ich persönlich fand die Vorkommnisse mit einem gewissen Journalisten während der letzten Wochen wenig erbaulich; ich lehne dessen Methoden in meiner Arbeit als Journalist vehement ab und würde mir wünschen, dass dergleichen, wenn überhaupt, auf Organe wie die Bild begrenzt bleibt. Ich hoffe, dass die hier veröffentlichten Texte zu diesem Fall einerseits die bedrohten Personen gewarnt und andererseits einen gewissen Lernprozess in Gang gesetzt haben. Damit ist ihr Ziel erfüllt, und es ist nicht weiter nötig, Namen und Organe zu nennen. Deshalb wurde Einiges anonymisiert - schliesslich will ich auch keinesfalls auch nur in der Nähe von Leuten sein, die das Ausspionieren von persönlichen Daten, Informationen, Outings und massive Rufschädigung betreiben wollen.

Und den Journalisten sei gesagt: Wer was wissen will, mailt mich an. Ich rede gern und viel, solange wir das Spiel ehrlich betreiben.

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Sonntag, 19. Dezember 2004

Das Exit-Exil-DCT-Zentralkommitte gibt bekannt

Auf einer ausserordentlichen Jahresendversammlung führender Mitglieder der führenden Dotcom-Niederschreiber-Crew wurden weitreichende Beschlüsse gefasst. So soll die Vernetzung der Post-DCT-Blogs schnell und unbürokratisch vorangebracht werden. "Geplant ist eine Seite, die alle Blog-News rund um Pleiten und Niedergang zusammenführt", erklärt CTO Appkiller bei der hastig organisierten Pressekonferenz im Bahnhof-Cafe Zoo in Berlin, während draussen im Schneegestöber ein Ex-CEO versucht, den Leuten Rattengift als Koks anzudrehen.

Allerdings lehnt das provisorischen EEDCT/ZK jegliche Verantwortung dafür ab. "Wir haben nichts damit zu tun", betont Terrormarketing-Experte Don Alphonso. "Woher sollen wir wissen, welche seltsamen Bulgaren auf einem taiwanesischen Server im Keller der nigerianischen Botschaft das Ding betreiben?" Wie so oft verlassen sich die in New Economy Kreisen anerkannten und belibten Sentinels dabei auf Gerüchte der üblichen, wohlinformierten Kreise, deren Wirksamkeit bereits bei Cassiopeia, I-D Media, dem FIWM und Paybox eindrucksvoll unter Beweis gestellt wurde. Dass dort und nur dort spezielle Neuigkeiten zu finden sein werden, will kein Mitglied des EEDCT/ZK definitiv ausschliessen.

Für Entwicklung, Design und Programmierung hat sich angeblich eine Firma aufgedrängt, die DCT seit Jahren in tiefer Dankbarkeit verbunden sein soll. "Das ist nur gerecht", erkärt Che und zieht gedankenverloren an seiner Havanna. "Jahrelang haben die angeblich vorab erfahren, wenn ihre Gegner draufgingen - jetzt kann mein Cousin diese Person auch mal was für uns tun." Interessenten für den Newsletter "38-Special" oder massgefertigte Insider gegen Gegner brauchen sich erst gar nicht an das EEDCT/ZK wenden, der Witwen- und Waisenfond verhungerter Mediaworker wird sich bei denen möglicherweise melden - und nicht vergessen: Wenn die Gesandten Igor und Boris mies drauf sind und mit den Messern fuchteln, hilft ein Kilo Tartar und zwei Flaschen Wodka.



"Ein kleiner Tritt von uns, ein grosser Schritt zum Exit" - Schuhe, unter denen ganze Heerscharen von CEOs quiekten.

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MSN vs. Google

Seitdem Microsoft das Suchen im Netz als Erwerbszweig glaubt gefunden zu haben, suche ich meine von Suchanfragen verseuchten Referrer nach MSN-Suche ab. Ergebnis: Google liegt immer noch unangefochten beiweit über 90%, Yahoo und MSN spielen nach wie vor keine Rolle. Nur mal so am Rande bemerkt. He, MSN, kriegst es wohl nicht auf die Reihe, was? (BOO! BOO! BOO! zumindest ein klitzekleiner)

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Klunkern

Nachdem wir das Geschäft abgeschlossen hatten, müssen sie gedacht haben, ich wäre reich - schliesslich waren mir 20 Euro hin oder her nicht so wichtig. Es war nicht wirklich mein Geld, ich hatte einfach keine Lust mehr auf Verhandlungen und Feilschen. Jedenfalls machten sie mir noch ein paar Angebote - am Ende dann gefälschte Luxusuhren zu erstaunlich günstigen Preisen - in Bayern zahlt man leicht das drei- oder viefache, wenn man so etwas möchte. Viele junge Männer, die nebenan rabeiten, würden diese Uhren tragen, sagten sie, der Vertrieb sei für sie so eine Art Nebenerwerb geworden.

In der Nachbarschaft, fast unnötig zu sagen, sind weniger prunksüchtige Migranten, als vielmehr einige der bekannteren Reste der New Economy.

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Samstag, 18. Dezember 2004

Warm welcome

to Florian - why didn´t anyone tell me he´s blogging? He is one of the fine reasons to love the Area and the spirit of a new economy that failed in the end and turned into a nightmare. However, someday there will be the Next Tuesday in the Munich Area.

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Dirt Picture Contest: Trash TV

Immerhin hat man die Glotze in die Nähe eines Mülleimers gebracht. Da passt sie nicht rein, aber daneben ist ziemlich viel Platz. Es ist Weihnachten. Da gibt es neue Glotzen, da muss man die alten aussetzen.



Mal schaun, wie lang der hier noch rumsteht, bis ihn die Kids aus dem Block eintreten. Vielleicht gewinnt auch ein Müllsammler den Wettlauf, der das Ding dann nochmal auf dem Flohmarkt verkloppt. Solange kann er den Ratten, die hier die Strasse runter an den Bahngleisen hausen, als Zwischenlager für ihre Raubtouren in die bewohnten Gebiete dienen.

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Ausgepoppt

Während die Telekomiker den Markt mit einer Kampagne wie seit Bücher.de-Zeiten nicht mehr zum boomen bringen wollen, zeigen andere, wie das geschäft wirklich aussieht: Universal fickt schliesst sein 2002 gestartetes Musikportal Popfile zum Jahresende, weil zu teuer und zu hohe Verluste. Ausserdem war die Vorstellung, dass die Kunden Musik nach den Labeln kaufen, etwas mangelintelligent, also, das überrascht mich jetzt nicht wirklich, das hätte ich Founder Tim Renner auch schon 2002 sagen können, aber auf DCT hört ja keiner, lieber dumm verrecken, gell? -

und hey, die alles entscheidende Frage, warum man überhaupt zu so einer Bezahllösung gehen soll, können sie einem bis heute noch nicht erklären. Egakl, Hauptsache ich kann sagen, warum ich 120 DCT Punkte bekomme.

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Löwen abknallen

oder Du stirbst nur drei? vier? fünfmal - Lion.cc, die mal ganz gross den europäischen Buchmarkt rocken wollten und in einem Skandal untergingen, für den sie den Titel "österreichisches EMTV" verdienen, stellt den Verkauf von Büchern ein. Jetzt soll es ein Unterhaltungsportal werden - also das, was es für Dotcomtod schon immer war.

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Freitag, 17. Dezember 2004

Real Life 16.12.04 - Wie ich das mit Haffa finde,

will der Anrufer wissen. Gut, natürlich. Ich war bei der Grundsteinlegung der Zentrale in Unterföhring und bei einer Party für Junior Web, der interaktiven Internet-Glotze von EMTV, die wahrscheinlich kaum jemand kennt, weil das Projekt versenkt wurde, bevor es online ging. Spassigerweise wollen die Kläger jetzt die Millionen, die in Junior Web verbrannt wurden, nein wie witzig, trotzdem hätte ich gern die Gesichter der Haffas heute gesehen, just like the bad old times.



Bei der wilden Hatz im Nebel sind sie bisher immer gut davongekommen, wenn es gekracht hat. Jetzt erst bringen sie die umherfliegenden Trümmer der Katastrophe zum Stehen. Nicht alle werden ihre Klagen gegen die Haffas gewinnen, aber die, die durchkommen, werden die Haffas im Kern treffen. Das kann richtig übel werden. Es wir noch lange dauern, aber es wird kein Vergnügen, kein Rasen auf dem Highspeed-Track, sondern das Schliddern auf eisigen Fahrbahnen, und vor dem Abgrund gibt es keine Leitplanke.

Damit es mir trotz Freisprechanlage nicht genauso auf der A100 geht, würge ich das Gespräch ab und fahre weiter nach Neuköln, Britzer Damm. Geschäfte voller Ramsch, Barockrahmen aus Kunststoff, Heiligenbilder, billiges Besteck in edel scheinenden Koffern, knallbunter Unterhaltungselektronikschrott aus Sweat Shops, Mangamonster, Plastikblumen und Fabrikteppiche, und die Leute kaufen wie blöd.

Na also, Herr Haffa. Es geht doch, Geld mit Ramsch zu machen. Nur der Vertriebsweg war falsch, und die Kosten zu hoch. Der Markt, die Kundschaft existiert, also weiter für den Fortbestand des Goldenen Zeitalters.

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Clean Picture Contest

Alles sauber aufgeräumt. Viele Lichter sind an, viele sitzen an ihren Standardtischen und arbeiten Standardaufgaben ab. Schnell, effektiv, zielstrebig, zumindest, was die Punkte und das Diplom angeht.



Es gibt Tage, da mag ich das dumme, nichtssagende Geplapper, das Abgleichen ihrer Phantasie mit den Phantasien, die ich an anderen Orten mitbekomme. Man kann ihnen aber auch erzählen, wie schlimm das da draussen ist; es stört sie nicht, denn sie begreifen es als Chance. Sie sehen nicht die 100, die auf die Fresse fliegen, sondern den einen, der sein Stolpern als Erfolg feiert.

Es gibt Nächte, in denen ich rüberschaue und The Doors laufen lasse, wie heute Nacht, wenn sogar bei denen manche anfangen, den Irrsinn zu hinterfragen, der da drinnen geschieht. Ich höre Riders on the storm. Aber bevor ich es Ernst nehme, denke ich doch eher an Hoppe Hoppe Reiter und die darin enthaltenen universellen Lebensweisheiten, und summe es ihnen durch das Dunkel zu.

Morgen wieder Dreck aus Berlin.

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Mittwoch, 15. Dezember 2004

Lest das! Krisen-PR von Jamba

zum totlachen:

http://spreeblick.de/wp/index.php?p=324#more-324

dazu die 102 Kommentare, die teilweise mutmasslich aus dem Hause Jamba kommen:

http://spreeblick.de/wp/index.php?p=325#more-325

und dann das:

http://spreeblick.de/wp/index.php?p=325#more-326

Es wird Euch gefallen, denn diesmal reichte es eben mal nicht aus, der Journaille grosszügige Gratis-Abos zu spendieren, nicht wahr? 20, 40, 60 DCT-Punkte für Spreeblick! Jamba töten kann man hier: http://votenow.cell5.com/index.php

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Mint

Ende der 80er Jahre gab man sich in der Provinz jede erdenkliche Mühe, die Stadt das zu machen, was man in Unkenntnis der Kunstgeschichte und in Ermangelung jeglichen Geschmacks als "modern" bezeichnete. Modern war zum Beispiel das Entkernen historischer Gebäudekomplexe und der Durchbruch von überdachten Passagen. Tatsächlich ist das eine der Ideen, die Personen wie Le Courbisier durchaus befürwortet hätten - nur vielleicht nicht in gewachsenen Strukturen, die er selbst durchaus zu schätzen wusste. Aber was versteht davon schon ein junger Architekt in der Provinz, dessen Stilerziehung durch Ikea und Hin&Mit geprägt war? Soviel, dass eine fette Passage mit einem dynamischen Schwung versehen wird, und um das noch zu betonen, wird der Boden zweifarbig gestaltet:



Rechts in Mint, links in Lachsrosa, dazwischen eine gewellte Metallschiene. Das macht jedes Ensemble des 17. Jahrhunderts modern, keine Frage. Zur Rettung der fraglos wichtigen Gemütlichkeit erhielt das Lokal rechts rustikale Rundbogenfenterchen und eine historisch durchaus korrekte gelbe Türumrahmung. Die neubarocke Laterne wird, wie der Rest, von oben neon- und halogenbestrahlt.

Immerhin überlebte in dieser Ecke ein Laden, der über Jahre hinweg die männliche Jeunesse Doree der Provinz mit Kleidung versorgte, bis er schliesslich, angekotzt von der miesen Lage, vor drei Jahren in eine andere Ecke zog. Die Kneipe links davon wird, trotz Innenhof, nur alle paar Jahre mal kurzzeitig an irgendwelche Cafes vermietet, die dann schnell wieder pleite gehen. Nur selten hallen Schritte von Passanten durch die Gänge. Das hat man sich anders vorgestellt, Ende der 80er Jahre, denn schon damals baute man nicht für Menschen, wie sie sind, sondern für Menschenentwürfe, die man gern so konsumgeil, geschichtslos und immer den neuesten Einfällen hinterher jagend gehabt hätte.

Es gibt in Jerusalem das Goldene Tor, von dem Hesekiel sagt, dass eines Tages der Messias bei seiner Wiederkehr durch dieses Tor schreiten wird. Das hier ist das Goldene Tor der New Economy. An dem Tag, an dem hier alle Geschäfte voll sind, und hunderte von Shoppern die neuesten Waren aus den Stapeln reissen, und Freudentänze über das neueste Gigabit-Handy mit 5G und Millionen von Location Based Services aufführen, auf dem ihnen wunderschön erscheinenden Fussboden in Mint und Lachsrosa, und über die überdachte Passage und ihre Schönheit jubeln - an diesem Tag wird eine neue New Economy auch in die zahlungskräftige Provinz kommen und siegen.

Bis dahin allerdings, vermute ich, könnte es noch etwas dauern. Mindestens, bis der Messias kommt.

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Dienstag, 14. Dezember 2004

Realität killt Phantasie

Wenn ich behaupten würde, eine BWL-Elitesse würde ein Blog führen und darin schreiben:

"Wir haben Ethik und da die meisten sich ziemlich langweilen wird eben gesurft, was das Zeug hält. Was will man sonst schon machen ;) Hoch lebe das WLan im Hörsaal ;)"

würde jeder sagen, ach, der Don, der übertreibt mal wieder mit seinen Schwarz-Weiss-Klischees. Oder so.

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Stau ab München Süd,

eine Oberklasselimousine nach der anderen, volle Parkplätze bei Kloster Reutberg bei Sachsenkam, mit perfektem Blick auf die Alpenkette, der Biergarten voll und die Luft warm - das Leben kann auch in den Krisentagen des Dezembers 2004 schön sein, wenn man ordentlich Rente bezieht. Auch Berchtesgaden, Bad Tölz und Bad Reichenhall waren heute sehr gut besucht, wenn man erst mal durch den Stau durch war. Die Kinder, die daheim in ihren freien Beschäftigungsverhältnissen 12 Stunden an den Rechner runterreissen, bekommen Mozartkugeln, direkt bei Reber gekauft, oder halt nein, die Rentner kommen ja noch in Rottach beim Criollo vorbei, genau, das bringen sie den Kindern mit.

Die gönnen sich ja sonst nichts.

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Real Life 13.12.04 - Warum ich nicht gekommen bin,

will er wissen, als wir uns eher unzufällig im Odeon treffen. Das Odeon war früher eine Filiale der Vereinsbank, die dem Merger mit der Hypo zum Opfer fiel. Der Umbau war gerade so pünktlich zur einsetzenden Krise fertig, dass es dem scheiternden Jungvolk als ziemlich exklusives Vergnügen erschien, auch wenn die Preise hier nur unwesentlich über dem ohnehin schon hohen Niveau der Theresienstrasse liegen. Der Macher des Lokals muß gemerkt haben, dass das Tresznjewnsky und das Puck zwei Blocks weiter auch nach einem Jahrzehnt mit BWLern und Kreativpublikum überfüllt waren, und wollte auch seinen Teil von den umliegenden Siemansianern, Startups und VC-Gesellschaften abbekommen. Es hat nicht wirklich geklappt; das Publikum ist zu glattrasiert-seriös, so semmelblond und pickelig, hektisch wie Streber-Azubis und Grossmaul-Trainees, es quatscht zu sehr von Assets und To dos, und trotz der Gestaltung in Braun und Gold wirkt der Laden irgendwie – bemüht exklusiv, ungemütlich, möchtegern-schick.

Was das Lokal, im Umkehrschluß, zum idealen Rahmen für Treffen mit ehemaligen Celebrities der Munich Area, geldsuchenden VCs und den wenigen anständigen Business Angels der Stadt macht. Ich gehe langsam daran vorbei, schaue rein, und fast immer ist dort einer meiner früheren Bekannten an der Theke beim Smalltalk. Vielleicht kenne ich zu viele Leute, vielleicht sollte ich sie einfach ignorieren und aus meinem Gedächtnis streichen, aber das ist nicht leicht, denn an der Oberfläche sind sie nicht nur smart, sondern auch nett, und die Jahre der Krise haben zudem ihre Umgangsformen verbessert. Man ist nicht mehr Buddy wie 99, man herrt und fraut sich wieder an. Es fällt mir schwer, ihre Einladungen abzulehnen, ich kann Grüße nicht ignorieren, und es wäre sehr unhöflich zu betonen, dass ich mit ihrer Szene direkt nicht mehr viel zu tun haben möchte. Ich habe das Buch geschrieben, um mich mit den Gemeinheiten und Indiskretionen über den Kern des Business nachhaltig aus dieser Szene herauszubomben, und was tun sie? Sie rufen mich an, winken mich herein, fangen mich ab, sagen, ich soll nachher schnell mitkommen, sie wollen das Buch zu Weihnachten verschenken, es ist schon im Büro, ich möchte es doch bitte signieren.

Und da stehe ich dann wieder, gut angezogen unter Wölfen, falle wieder in den typischen Slang; es ist wie Fahrrad fahren, wenn man mal den Bogen raus hat, kann man es. Es ist mir unangenehm, denn eigentlich wissen wir alle, dass ich nicht an die Bedeutung ihrer Claims und Buzzwords glaube, dass wir hier nur Phrasen und Selbstverständlichkeiten a la Mode austauschen. Aber mit mir im Odeon stehen bedeutet, dass man lesson learnt hat, dass man das Frühere kritisch sieht und deshalb für das Kommende gut aufgestellt ist - auch wenn es nicht gut wird, wie mir mein Bekannter erzählt. Ich hätte dabei sein sollen, beim 8. Münchner Venture Summit, traurig sei es gewesen. Ich weiß. Kein stotternder Staatsminister diesmal, kein Dinner im Nymphenburger Palmengarten, noch mal die alte SuseLinux-Geschichte als erfolgreichen Trade Sale gepowerpointed.

Und dazwischen, erzählt er, die große Angst, dass es wirklich bald vorbei sein könnte. Die alten Fonds sind noch lange nicht ausgegeben, aber die Laufzeiten gehen zu Ende, eigentlich müsste man jetzt wieder Geld einsammeln. Oder sich überlegen, ob man nicht doch besser Mittelstandsfonds auflegt. Die Google-Euphorie ist hier nie richtig angekommen, statt dessen füttert man zwangsweise die Überlebenden weiter, mit 4. Runden und Bridge Loans und, wenn man Glück hat, über Projekte mit dem Staat. Exits über IPO in nennenswerter Zahl erst wieder 2006, da waren sich alle einig. Allerdings, als ich 2002 dort war, hiess es, 2004 würde das Bizz wieder anspringen. Irgendwie logisch, dass man unter sich blieb - die Banken, die Journaille, das alles blieb diesmal weitehend aus, mal wieder, wie immer. Es hätte dir gefallen, besonders das Panel zum Thema Neustart aus der Insolvenz oder wie wird man seine Schulden los, sagt mein Bekannter, und gibt zu, dass er selbst eigenlich schon auf dem Absprung wäre, wenn er was Gutes finden würde. Wir gehen in sein Büro, und ich unterschreibe die Bücher, und mache mich auf den Weg in die Provinz.



Unterwegs kann ich es rauslassen, das Grinsen darüber, dass es einer der Beschenkten hassen wird, weil er sich in einer miesen Figur selbst erkennen kann. Aber wahrscheinlich verschimmelt es bei ihm zwischen anderen Geschenken wie Investor Relations für Startups und den ungelesenen Exemplaren des Manager-Magazins. Ich vermute ohnehin, dass der durchschnittliche deutsche VC allenfalls Executive Summaries kognitiv durchdringt. Nur der Umstand, dass sie diesmal in einer nur gut bürgerlichen Wirtschaft ihr Abendessen zu sich nehmen mußten, und nicht mehr ins Schloß rausgekarrt wurden, um dort mit Spitzenpolitiker - oder was sich im bayerischen Wirtschaftsministerium dafür hält - zu networken – dieser Umstand wird sie wirklich geschmerzt haben. Das ist Niedergang, Baby.

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Montag, 13. Dezember 2004

Hyper Vereinsbank

Nicht New Economy. Immobilien waren das ganz grosse Ding, schon für die Hypo, dann auch für den gemergeden Koloss aus München, der jetzt wegen mancher fauler Facilities als käuflich gilt.

Den VC ad_astra haben sie mit etwas Spielgeld erst recht spät aufgemacht, ein VC de la derniere minute im Juli 2000, ausserdem gehört er ihnen nicht allein. Ich habe einen Regenschirm von ad_astra. An Tagen wie heute, wenn keine Wolke am Himmel ist und die Strassen voller Einkäufer, die sich am Automaten mit Geld vollspritzen lassen, wenn ich mit meiner kleinen Schwester alte Uhren und Mercedes SLK gucken gehe und man schon wieder draussen sitzen könnte, dann frage ich mich, warum um alles in der Welt ausgerechnet Regenschirme in München verschenkt werden.



Wenn ich aber an den traurigen Event zurückdenke, zu dem ich ihn bekommen habe, im selben tristen Saal des hauses der bayerischen Wirtschaft, in dem auch die Kirch-Pleite verlesen wurde, dann weiss ich es wieder. Der Schirm war besser, hat länger gehalten als die meisten Startups, viele Anwesende und einige VCs. Aber wenn es denen "nass neigeht", wie man das in Bayern so schön umschreibt, hilft auch kein Schirm mehr.

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Rammstein

sind die Milli Vanilli der sterbenden New Economy. Grad eben, auf dem Weg zum Bäcker, fuhr ein idealtypisches TT Cabrio vorbei, mit "zu verkaufen"-Schild am Seitenfenster, und entsprechendem Gitarrengeschrammel.

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Real Life 13.12.04 - Spin in again

Es gibt hier in München einen speziellen Munich Area Account, auf dem alle Botschaften aus der Region auflaufen. Früher kamen da täglich 20, 30 Pressemitteilungen rein; inzwischen sind es in der Regel nur noch ein paar Adressänderungen, nach dem Motto: "ab jetzt im Home Office zu erreichen", "stehe als selbstständiger Berater", "bleibe meiner alten Firma aber weiterhin beratend verbunden".

Was es überhaupt nicht gibt, ist das, wovon immer mal wieder in den einschlägigen Gazetten zu lesen ist: Die erwachsen gewordenen New Economisten, die plötzlich mitsamt ihrer alten Outlook-Datenbank als Jungmanager in der Old Economy auftauchen und dort den Laden rocken. Die einzige Ausnahme aus den letzten Monaten ist jetzt bei einer Telco. Sie verkauft die Erwartungen des Business Developments, das fest an Glotze auf dem Handy glaubt, und die junge Frau mit ihrer innovativen Startup-Vita als adrette Fassade vorblendet.

Von ihr stammt der - damals auf dem Höhepunkt der UMTS-Euphorie enorm mutige - Spruch: Video auf dem Handy ist ein Exponat for the Museum of the Future that never happened. Sie hatte dafür sehr rationale Argumente, und ich frage mich, wie sie jetzt den gegenteiligen Irrsinn verkauft. Mit ihrer Schönheit, vielleicht. Sehr schade.

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Sonntag, 12. Dezember 2004

Der Spiegel und sein Nazi-Faszinosum

Vor ein paar Jahren schrieb der Spiegel über einen alten Kerl, der behauptete, im zweiten Weltkrieg mit einer Me 262 die Schallmauer durchbrochen zu haben. Und obwohl alle Experten über die Faktenhinbiegerei des Spiegels, der das für möglich hielt, nur müde lächelten, wurde der alte Kerl bei seinem Tod als "Luftfahrt-Pionier" gefeiert - nur, weil er als stinknormaler Kampfflieger später lustige, spiegeltaugliche Behauptungen aufstellte.

Jetzt schlagen die Herren Qualitätsjournalisten erneut zu und mokieren sich darüber, dass vor 73 Jahren fogende alles schon mindestens genauso gut war: "mit bis zu 230 Stundenkilometern - wie vor 73 Jahren" zockle der ICE durch die deutschen Lande auf der Strecke Berlin-Hamburg. Ach ja? Lustigerweise war der "Schienenzeppelin", der vor 73 Jahren im testbetrieb ein einziges mal ebenso schnell war, weniger "legendär" als ein propellergetriebenes Stück Irrsinn, das nie auch nur einen Passagier im Regelbetrieb beförderte. Toller Vergleich, echt. Da könnte man auch einen Airbus dissen, weil er langsamer als eine V2 fliegt.

Und was die Behauptung angeht, der "Fliegende Hamburger" habe ab Anno 33 die gleiche Strecke genauso schnell geschafft wie der ICE bisher - Irrtum, die Fahrtdauer war 2 Stunden und 22 Minuten, nicht, wie behauptet, 2 h 18 min. Wie auch immer, Herr Göbbels würde sich sicher freuen, diesen Vergleich im Spiegel zu lesen - war doch sein Haus gierig darauf, mit dem Ding die Überlegenheit der Nazi-Technik zu demonstrieren, was der Spiegel jetzt auch bereitwillig in das 21 Jahrhundert trägt.

Ein Lehrstück einer blockierten Republik, wie der Spiegel sagt? Eher eine Hirnverstopfung bei SpON wegen zu viel grüner Spiegel-Bananen.

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Warum sie es tun?

Weil sie sich gut dabei fühlen. Hey, sie sind nicht so faule Säcke vor der Glotze, sie sind produktiv und sitzen auch Sonntags um 7 noch an der Arbeit, weil ja für morgen noch viel vorzubereiten ist. Sie sind nicht einsam, denn das ganze Team ist da und klotzt ran, Stunde für Stunde, nebenbei Fast Food vom mobilen Smart-Japaner von der Sushi Factory. Das Stockwerk glüht in den Dunst der frühen Nacht, es ist die Stunde der Sieger.



Sie tun es für sich, und für den Fortbestand des goldenen Zeitalters, für ein Leben, wie es früher mal im Manager Magazin beschrieben wurde. Und nicht dafür, dass 20% von ihnen, wie im Manager Magazin gerade eben auch steht, demnächst überflüssig sind. Arbeit hilft gegen die Krankheit Denken, besonders Sonntag Abend, wenn das Gift der Erkenntnis im Hirn sticht. Und billiger als Koks ist es auch.

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8 Frauen, 3 Männer

Ende Oktober 2001, Elmau, Founders Forum. Die Schnorrer kamen nicht, weil es nicht mehr umsonst war. Ich kam aus Sentimentalität. Es war ziemlich genau 2 Monate nach meinem abrupten Ausstieg aus dem Kern der Szene, und ich fühlte noch den Rauch und die Glut der Vernichtung, der ich damals knapp, ganz knapp entgangen war. Wir fuhren unter dem sagenhaft blauen Himmel des Oberlandes in die Alpen, und ich empfand wie ein Jagdflieger, der aus dem Inferno hinaus in eben jenes unendliche Blau rast, und nichts mehr sieht als dieses Blau und den Glanz der Sonne, während da hinten, unter ihm...

Am Empfang kümmerten sich neben den drei obligatorischen Männern die üblichen acht Frauen um uns. Das waren keine Hostessen, keine mal eben angeleierten Studentinnen, sondern Mitglieder der damals schon nicht mehr ganz so grossen Familie. Es gibt ein Photo von ihnen, alle zusammen in Schwarz und Blau. Alle sehr freundlich, und die kommenden drei Tage gab ich mir alle Mühe, nichts von dem zu erzählen, was ich hinter mir hatte, oder dem, was sie in den nächsten Monaten erwarten würde. Wir sprachen also nur über ihre Träume, Erwartungen, über die Talsohle, über all die Lügen dieses verdammten Jahres 2001. So Zeug wie "Er betonte, dass momentan eine sehr gute Zeit sei, um ein Unternehmen zu gründen." Er betonte aber nicht, dass er seinen eigenen Laden liebend gern los geworden wäre, was aber die VCs dann beim Essen rumtratschten.

Es waren, wie gesagt, acht Frauen, zwischen 22 und 28 Jahren alt. Heute spuckt Google nur noch über zwei von ihnen Informationen aus, und die sind nicht wirklich gut. Dabei sind wir hier noch in der boomenden, einzigartigen Munich Area. Bei den anderen kann man hoffen, dass sie die Kurve gekriegt haben, aber natürlich kann man sich nie sicher sein, ob man sich vielleicht nicht doch irgendwann wieder sieht, und dann die Stories hört, von denen man an diesem Oktobertag am Empfang gehofft hat, dass sie ihnen erspart bleiben würden. Die Männer sind noch im Geschäft.

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