: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Samstag, 22. Dezember 2007

Drei Gläser

In seinem - noch lange empfehlenswerten - Buch "Deutschland, Deutschland über alles" schreibt Kurt Tucholsky unter einem Bild von drei Gläsern einige sehr treffende Dinge über den Unterschied von arm und reich. Was die drei edlen, geschliffenen Gläser kosten, welche Gruppe sie benützt und welche andere Gruppe mit dem Wert dieser Gläser sehr viel besser leben könnte. Tatsächlich verwendet Tucholsky bei dieser Abschätzung sozialer Ungerechtigkeiten ein Bild wirklich teurer Gläser, mutmasslich aus dem Hause Baccarat. Und in einer Zeit, da das Elend in den Hinterhöfen des Prenzlauer Berges haust, in der Typhus und miserable Bildung ständige Begleiter der Arbeiter und des Subproletariats sind, ist der Unterschied zwischen der Verschwendung, die so ein Glas letztlich bedeutet, und der Besitzlosigkeit weiter Teile der Bevölkerung ein Unrecht, das Tucholsky aus gutem Grunde anprangerte. Auch wenn er selber nicht wirklich einen proletarischen Lebensstil favorisierte. Tucholskys Buch kann man hervorragend für schmales Geld kaufen und verschenken, und Baccaratgläser sind immer noch teuer, und in der Regel nicht im Haushalt ärmerer Leute anzutreffen.



Wenn ich ganz ehrlich bin, habe ich Tucholskys Ansatz früher nicht verstanden. Gläser mit Schälschliff standen bei meiner Grossmutter im Schrank, ein wenig altmodisch und "das Übliche", was man so hat. Später fand ich dann auch welche auf dem Flohmarkt, und einmal entdeckte ich eine ganze Kiste mit den dazugehörenden Sektflöten, Schnappsgläsern und Bechern, das Stück für einen Euro, so wollte es die Verkäuferin, deren Grossvater ins Heim kam. In meiner unteren Küche sind zwei Regale voll mit diesen Gläsern, deren optische Verzerrungen mir zusagen, und oben in der Gästewohnung sind noch mehr davon.

Und wenn ich ehrlich bin, wusste ich auch nicht, was das kostet. Erst, weil hinten auf der World of Interiors Werbung für Baccarat - mit einem sehenswerten Bild aus der Kamera der grossartigen Ellen von Unwerth - war, schaute ich nach, was eigentlich ein paar Gläser zur Ergänzung kosten würden. Und erfuhr, was Tucholsky wusste: Für den Preis dieser drei Gläser bekommt man auch fünf Starterboxen von I*ea, und noch ein paar Scheine Wechselgeld. Was aber wiederum Gläser enthält, die dort mehr kosten als das, was ich für meine Baccaratgläser bezahlt hatte.

Die Folgen sind beträchtlich. Obwohl mir bislang keines dieser Gläser verloren ging, bin ich seitdem sehr vorsichtig, wenn ich damit eine Tafel bereite. Und dazu kommt die erfrischte Erkenntnis, dass es heute nicht mehr nur um den Gegensatz zwischen Hinterhof und Stadtpalais geht, sondern um den Gegensatz zwischen Verständnis und Desinteresse, oder auch Wissen und Unerfahrenheit. Oder

man sehe mir das nach, ich würde es auch zitieren, wenn es nicht dort im dritten Kommentar die Einlassung eines sich ehemals für führend haltenden Blogvermarkters und Kulturermöglichers zu einer drittklassigen Promiklitsche am innerstädtischen Berliner Flusstümpel wäre:

"Für Berliner Verhältnisse ist der Laden übrigens teuer, ziemlich teuer, sehr teuer, überteuer. Teuer, teuer, teuer, aber ich zahle ab und zu sehr gern 36 Euro für ein Steak, gibt es mir doch die Möglichkeit, mich kurz wohlhabend zu fühlen."

zwischen denen, die sich cool vorkommen, 36 Euro für einen Fleischbrocken bei miserabler Behandlung durch die Berliner Personaldarsteller auszugeben, und denen, deren Repräsentationsbedürfnis sich daheim abspielt, wie es eben war in einer Zeit war, als man Qualität nicht mit dem Durchmesser eines Bildschirms, der Kapazität einer Musikabspielfestplatte oder gelogenen Besucherzahlen einer Website zum Verkauf derselben an die Helfer der chinesischen Mörder erklärte. Es wäre heute nicht mehr angemessen, Verschwendung mit Gläsern zu erklären, die durch ihr Zerbrechen die Eitelkeit des Menschen laut in Szene setzen. Verschwendung ist heute alles, unser Müllverhalten und das Rauchen, das Sozialisieren der grossen wirtschaftlichen und kleinen privaten Schweinereien, das neue Sofa nach drei Jahren und die Mitgliedschaft in drei brandneuen Communities, wo man seine Daten hinterlässt, der sinnlose Wortmüll bei Twitter und die Slappereien in den Gästebüchern. Armut ist Verschwendung. Überfluss an Zeit, Geld und Ressourcen ebnet den Luxus auf das Niveau von chinesischem Billigramsch und Lokalen ein, wo man in schlechter Gesellschaft schlecht behandelt wird, und sich deshalb auch noch gross tut. Ein Leben nach den Vorstellungen der Werber.

Die Welt ist nicht mehr so einfach wie zu Tucholskys Zeiten oder auch noch in den 80er Jahren; die Gegensätze sind tot, es lebt das Simultane. Wenn die Gläser geleert sind, muss man wieder raus und unter diesen neuen Bedingungen weitermachen, neue Definitionen und Abgrenzungen gegen das andere finden - aber wenigstens ist es gut, davor ein schönes Glas in der Hand zu halten. Es ist nicht viel, aber vielleicht auch schon alles.

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Freitag, 21. Dezember 2007

Die Schweinehälfte der Schwaben

Die Süddeutsche Zeitung gehört ab 29. Februar mehrheitlich der Südwestdeutschen Medien Holding. Bayerns Vorzeigestück in der Hand der Schwaben. Uh-Oh. Witzigerweise betonte man früher, dass die Süddeutsche im Besitz der Holding schlechte Karten haben werde. Immerhin: Damit gibt es jetzt einen noch internetuntauglicheren Besitzer als die Online-Redaktion.

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Wendepunkt

Das Schlimmste ist erreicht. Von jetzt an wird es - mit kleinen Rückschlägen am 24. und 31. Dezember - besser.



Irgendwann ist dann auch wieder Frühling, die Pässe sind offen, und der Weg nach Italien ist frei. Solange gilt es, die besten Plätze zu sichern. Die auf der Heizung beispielsweise.



Und weil gerade allerorten vom Kuscheln und folgendem Kinderkriegen die Rede ist, und sich unter Bloggern der Weihnachtswunsch nach einer FLAK empfiehlt, um die Klapperstorchhorden fern zu halten, hier ein Tipp: Präservative helfen. Auch während der Feiertage.

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una gran festa fa preparar

Die feinen Baccaratgläser sind gespült, und liegen, als wären sie rohe Eier, in einem Korb, silberne Tazzen und Teller sind noch achtlos ineinander gestapalt, eine kleine Auswahl Imariporzellan wartet auf Delikatessen, das Besteck verheisst mit Pastetenheber und Sahnelöffel Genuss und Wohlstand, und bis aufgetragen wird, kann man die Muscheln betrachten, die Violine streichen und ein Buch lesen. Es geht auf ein Fest zu, der Sektkelch deutet auf das kommende Jahr und seine ersten Minuten hin, und es ist damit das Deckblatt für den Kalender, Foodporn ganz ohne Food, nur die Utensilien - was sie präsentieren werden, gibt es dann im kommenden Jahr. Und es wird ein gutes Jahr, denn hinten verheisst ein kaukasischer Hochzeitsteppich mit seinen Paradiesgärten eine schöne Zukunft.


Grossbild Food Porno hier, XXX L Bild Food Porn hier.

Oder? Die marmorweisse Griechin passt nicht wirklich zum schwarzen Satyr, da sind zwei nicht standesgemäss, die Saiten der Violine sind nicht gespannt und fehlen mitunter, hinten liegt ein Wirbel daneben, es ist nichts mit Harmonien, das Besteck ist aus dem Silberkorb gefallen, die Kerzen sind abgebrannt, und jemand missachtet den Wert der teuersten Gläser Frankreichs, dass er sie so achtlos übereinander legt. Und ganz vorne ist ein Buch von 1785, die Erstausgabe des Gesamtwerkes von Voltaire, und aufgeschlagen ist Candide. Ausgerechnet. Was wir also sehen mit allen Widersprüchen, ist die beste aller möglichen Welten, die auf den ersten Blick alles verspricht und nach allen Enttäuschungen nicht anders sein konnte. Womit man aber leben kann, solange man seinen Paradiesgarten bestellen darf.

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Donnerstag, 20. Dezember 2007

Die gute Nachricht zuerst

Das Thema Blogger vs. Journalisten wird ein baldiges Ende haben!

Und jetzt die schlechte Nachricht:

Sobald die Journaille krepiert ist.

Alles weitere findet sich leicht resigniert an der Blogbar.

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Im Bund der Dritte

Ich habe hier geschrieben, dass bei den Boxen von Audiodata etwas der Bass fehlt. Das Urteil halte ich aufrecht; den guten Ruf verdanken sie ihrer famosen Abbildung im oberen Bereich. Und bitte, ich bin keiner, der Remmidemmi hören würde - mir fehlt allein schon Beckenklang und Bassstreichen. However - dabei war auch noch ein Soutien-Bassmodul für die Kleinigkeit von original über 3000 Euro *hust*, über 20 Kilo schwer, und das steht jetzt dabei.



Um es kurz zu machen: Mit dem aktuellen Verstärker muss ich den Bass um 10db absenken, damit es ein harmonisches Klangbild ergibt. So richtig bin ich da noch nicht angekommen, im Bereich von ca. 100-130 Hz klafft eine Lücke, oder sagen wir besser Delle, die aber auch der Verwendung eines nicht ganz passenden, weil zu leistungsschwachen Verstärkers zugeschrieben werden kann. Dadurch setzt das Bassmodul manchmal etwas unvermittelt ein, es fehlt ein harmonischer Übergang. Morgen probiere ich das mal mit einem anderen Leistungsgerät in der Signalkette.

Aber: Es ist schon erstaunlich, was so ein eigenes Bassmodul aus einer Bratsche herausholt. Gerade, wenn es um das Nachschwingen der Saiten geht. Klingt übertrieben, aber man kauft so etwas nicht, wenn man kein Interesse an solchen Erfahrungen hat.

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Mittwoch, 19. Dezember 2007

Empfehlung heute - hrgsl

OOOOOOOOOHHHHHHHHHHHHHHHH! Bloggen im wahrsten Sinne!

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Drachenfrucht im Selbstversuch

Die Drachenfrucht schmeckt nach wenig bis gar nichts. So wenig jedenfalls, dass ich beim besten Willen nicht entscheiden konnte, an was sie mich erinnert. Insofern die perfekte Frucht für die langen PR-Blonden, die im Soda in der Maxvorstadt sitzen, ihre Erfahrungen bei Bequeen und ihre Gewichtsprobleme vor dem Training besprechen und etwas essen möchten, das genauso fad ist wie sie selbst. Nebenbei bin ich auch noch leicht allergisch auf das Ding. Aber immerhin - es gibt ein schönes Bild für den gewünschten Exotenfruchtporn:


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Aber auch ein mieses Früchtchen kann der Anlass sein, endlich mal den Meissener Drachenteller herzuzeigen.

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Danke 2007

Danke dafür, dass mit Sascha Lobo und Johnny Haeusler zwei Figuren das Blogmarketing beherrscht und vergeigt haben, die weder die nötige Puste noch die richtigen Ideen hatten, das Thema grösser als ein paar peinliche Erwähnungen beim Spiegel zu machen. Ein Adical, das nicht mal in der Weihnachtszeit die Werbeplätz füllen kann, ist tot - und damit ein gutes Adical.

Danke dafür, dass Paid Blogging eine obskure Randerscheinung für fragwürdige Unternehmer, drittklassige Schreiber und eher komische Firmen geblieben ist - und noch ein evidentes Problem mit der Steuer bekommen wird.

Danke dafür, dass die meisten PRler und Marketeers weitergezogen sind zu den neuen Brennpunkten des Hypes, angefangen von Second Life bis zu den Koch- und Kötercommunities.

Danke für ein paar nach langer Zeit nötig gewordene Klarstellungen. Das alte Dotcomtod-Team hatte leider recht: Mit dem, was "Lanu" ohne nervende Dauerunterstützung ist, braucht man nicht mehr anfangen. Lanu steht für Lern- und Beratungsrestistenz auf Basis einiger auch von mir geschickt lancierter Legenden. Aber das ist nicht mehr mein Problem.

Danke für das nachlassende generell Bohei um Blogs, ohne dass sie deshalb im Mainstream angekommen oder von Verlagen und Firmen beherrscht wären.

Aber das eigentliche Danke gilt für alle Kommentare, die Aufmerksamkeit, das Lesen, das Diskutieren, den Spass, und alle Besuche, die hier vorbeigekommen sind, für die wunderbaren Texte und Geschichten, die es ohne Blogs nie geben würde.

Und Danke an Dirk Olbertz, der das hier mit Blogger.de ermöglicht.

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Dienstag, 18. Dezember 2007

Empfehlung heute - Feines aus Wien

Als wir das Blogs-Buch gemacht haben und bei Bloggern fragten, ob sie sich eine Beteiligung vorstellen könnten, gab es eine einzige, sofortige, klare Absage. Eine, die mich wirklich geschmerzt hat, weil es ein sagenhaft gutes Blog war, von einer wirklich grandiosen Köchin und Autorin. Sowas wie die Mutter aller Kochblogs, aber kein Kind wurde so gut wie die Frau Mama. Die war lange Zeit anderweitig vergeben, aber jetzt ist sie wieder sporadisch da. Die einzigartige Meisterköchin.

das verrückte an der meisterköchin ist, dass ich zwar keine ahnung habe, wie sie im realen Leben aussieht und wirkt, aber dennoch eine sehr präzise vorstellung von ihr habe. ich weiss nicht, wie sie aussieht, aber sehr genau, wie sie aussehen sollte.

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Abgepinnt

Wenn man mich fragen würde, würde ich sagen: Schliesst die Pin AG sofort, ohne ein weiteres Wort.

Aber nachdem die Gesellschafter alle Medienmacher sind und wissen, wie Firmenkrisen in der Öffentlichkeit maximalen Schaden für die Beteiligten erzielen, machen sie natürlich auch in der nachrichtenarmen Zeit weiter. Und sorgen dafür, dass sich die Bundesbürger ein klein wenig mehr Gedanken über die Leute machen, die soch sonst als vierte Gewalt im Staate ausgeben; die WAZens, die Spingers, und wie sie alle heissen. Das finde ich gut. Nur die Lüge von den "vernichteten" 520 Milllionen, die Springer rumkräht, sollte vielleicht unterbleiben - schliesslich landete das Geld bei den anderen Gesellschaftern. Und bietet hier Spielräume für neue Räuberhöhliaden unserer Medienmacher.

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Reichtum

Diese Frage ist durchaus berechtigt. Was wird aus denen, die man allgemein als "reich" bezeichnet, wenn sie es nicht mehr sind? Arm, könnte man sagen, aber so leicht ist es nicht. Und es wäre auch falsch.

Ein paar Prämissen für meine Überlegungen: Wir sprechen hier über den Begriff "Reichtum", wie er von der Mehrheit der Bevölkerung wahrgenommen wird. Also nicht gleich Thyssen und Bernheim, Albrecht und Springer. Sondern der eher alltägliche Reichtum, den es in jeder Stadt gibt, die 20% der Bevölkerung, denen über 60% des Landes gehört, und noch einiges im Ausland. Und wir sprechen hier über intakte, gewachsene Sozialgefüge. Ich würde dergleichen nicht von Berlin, dem Osten oder Abstiegsregionen wie dem Ruhrgebiet behaupten wollen. Aus eigener Ansicht kenne ich diese Phänomene ohnehin nur aus meiner Heimat, München, und begrenzt aus Starnberg, Grünwald und Zürich- mist stark fallender Wertschätzung.

Ich kenne nur sehr wenige Fälle, in denen Reichtum abrupt in Armut umschlug. Ein paar Dumme sind dabei, die sich extreme Steuersparmodelle mit Framdkapital aufschwatzen liessen, bei denen erst Nachzahlungen nötig waren und im Anschluss neben dem Bankrott auch noch Steuernachzahlungen fällig wurden. Es gab ein paar Fälle, in denen sich Reiche beim Streben nach noch mehr Geld und Ansehen überhoben haben. Und andere, die eher im Bereich Wirtschaftskriminalität anzusiedeln sind: Der bekannte Anwalt etwa, der sich bei seinen Treuhandkonten bediente.Oder der Immobilienunternehmer, der rein rechnerisch einen dreistelligen Millionenbetrag Negativvermögen bei den Banken hat, und der bald fallen wird. Oder die Betreiberin des ersten Hauses am Platze, die glaubte, man entgehe dauerhaft Steuerfahndung und Sozialabgaben, und könne so ein noch tolleres Haus in bester Lage finanzieren. Aber das sind Extremfälle.

Denn im Normalfall ist Reichtum selbststabilisierend, und seine Besitzer haben über Generationen gelernt, die Mechanismen der Stabilität zu perfektionieren. Das ist so in den Leuten drin, dass es ihnen gar nicht mehr auffällt, und das, was man als "bessere Gesellschaft" hat, ist zentral genau dafür geschaffen worden. Die Existenz dieser Gesellschaft verlangt es, sich regelkonform zu verhalten, und das wiederum bestimmt den Geldfluss innerhalb der Gesellschaft. Galerien, Konzertvereine, Musikschulen, Clubs, Restaurants, Autohändler, das alles definiert sich über das Dabeisein, oder in den meisten Fällen, das Hineingeborensein. Nehmen wir mal an, die Eltern meiner Freundin Iris würden über nacht alles verlieren: Es wäre sofort jemand da, der sie wieder in vergleichweise einfach zu erhaltenden Lohn und feinstes Brot setzen würde. Allein schon, weil sie die Grundkompetenzen mitbringt, die das System am laufen halten.


geht überhaupt nicht: Plastikentenbrust aus dem Supermarkt

Aber so weit wird es nicht kommen. Die meisten, die ich kenne, haben ihr Vermögen sehr stark zersplittert. Vielleicht mehr, als der Sache gut tut; ich persönlich halte nach wie vor Immobilien in guter Lage für das Mass aller Dinge, aber gemeinhin hat man von allem ein wenig, und überraschend grosse, versteckte Reserven. Vor ein paar Jahren starb der Vater eines Freundes, der zu Lebzeiten als einer der offensten und auskunftsfreudigsten Menschen der Stadt galt. Einer, der keinen Hehl aus seinem Besitz machte. Dachte man, bis zur Testamentseröffnung. Der gute Mann hatte weitaus mehr, als seine Kinder auch nur ahnten, und all das Geschrei um sein Vermögen war nicht mehr als der Versuch, den wahren Umfang zu verschleiern.

Das geht so weit, dass man nach Todesfällen erfährt, wohin die Erben so alte, wertlose Aktien gelegt haben, die sicher schon ungültig sind. Ich kenne einen Fall, in dem über 60 Jahre und drei Generationen ein Umschlag unangetastet weitergereicht wurde, bis das Wissen um diese eiserne Reserve verschwand, und der Umschlag nach einem weiteren Erbgang buchstäblich aus dem Papierkorb gezogen werden musste. Das war vielleicht ein wenig zu sicher, ein wenig zu eng gedacht, aber so sind diese Leute. Da ist vieles, was sie verlieren können, manch haben sich in der New Economy gründlich verspekuliert, aber die Basis ist in den meisten Fällen noch da, und wirft kontinuierlich Geld ab. Nicht viel, nicht genug, um weitere Reichtümer anzuhäufen, aber ausreichend, um den Status zu sichern und vielleicht etwas auszubauen.

Überhaupt ist das nach meinen Beobachtungen das Hauptziel: Gute Absicherung nach unten. Ältere Vermögen kennen extreme Einschnitte, Inflationen und Entwertungen, die Berichte über die schlechten Zeiten sind Teile des familiären Bewusstseins, und entsprechend misstrauisch ist man auch. Die Abhängigkeit von Banken durch Schulden gilt als problematisch, Dispokredite gelten als unfein, und im Hinterkopf läuft bei praktisch allen Kaufentscheidungen das Thema Wertverlust mit.


geht auch nicht: ikeaöse goldkonsole für 1670 euro

Das alles klingt stressiger, als es de facto ist, man kennt das nicht anders und macht es automatisch. Die wenigen Ausnahmen, die es derbröselt, werden meist irgendwo wieder aufgenommen und erhalten; sei es, dass sie in einer Kanzlei weiterbasteln dürfen, Makler werden oder in karitativ-sozialen Projekten zwischengelagert werden. Da sind sie dann gute Beispiele, von denen jeder weiss, wie es kam. Und was man vermeiden muss, um ebenso zun enden. Keine Frage, es ist keine freundliche Welt, Charme und Liebreiz und Spass sucht man besser woanders, sie ist voller Zwänge wie das spanische Hofzeremoniell. Aber eben auch so stabil und unausrottbar.

Tatsächlich gibt es nur ein mittelfristiges Mittel zum Niedergang, und auch das ist schon etwas älter: Scheiternde Ehen mit Kindern zwischen - ähem - gesellschaftlich nicht adäquaten Partnern. Mitsamt Ehekrieg kann das auch bessere Familien innerhalb von zwei Generationen ruinieren. Einen Ehektrieg überlebt ein gutes Haus meistens, aber zwei Ehekriege bei zwei Kindern bringen sie an die Grenzen - weil davon auch die Kernfamilie in aller Regel betroffen ist. Da brechen Lebenskonstrukte und Ideologien zusammen. Deshalb blebt man, wenn überhaupt, beim Einzelkind, das das gesamte Vermögen sicher weiterträgt, sei es nun zum wiederum einigen Nachfolger, oder zum Aussterben in Krankheit, Krebs und zu viel Geld.

Denn am Ende macht man es immer verkehrt.

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Montag, 17. Dezember 2007

Empfehlung heute - Odi & Amo

Ich hasse diese Zeit.
Ich verabscheue diese Stadt.
Aber ich mag diesen Text vom Lieserl.

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Real Life 16.12.2007 - In R***dorf kann man gut essen

Eana Frau is owa - setzt der Mann hinter dem Steuer an, den du um seinen verdienten Sonntag Mittag gebracht hast, und, wie sich herausstellen sollte, auch noch um das Festessen, das hier in der prosperierenden Holledau unvermeidlich ist, wenn der Pfarrer die neue Filiale des Autohauses einweiht.

Oh, unterbrichst du ihn, es ist nicht meine Frau. Eine gute Freundin.

Ah so, sagt er und schaut listig über seine rechte Schulter, wo das blutrote Haifischmaul eines Hochzeitsgeschenks für Iris durch die Rückscheibe geifert. Von schräg unten sieht der Wagen noch böser aus, als sonst, und es ist gut, dass er angekettet verharrt, während draussen die Hügel der Hopfenlandschaft ungewohnt langsam vorbei ziehen. Und es ist auch gut, dass Iris weiterhin drinnen sitzt. Wenn etwas schief geht, und niemand da ist, dem man die Schuld geben kann, weil man alle guten Ratschläge abgelehnt hat, führt das weniger zur Einsicht, als vielmehr zur fieberhaften Suche nach jemanden, der doch irgendwie schuld sein könnte. Es ist ja nicht so, dass du nicht alles versucht hättest. Da war zuerst der Gedanke, daheim zu bleiben und zu frühstücken. Ist ja nicht schlecht, hier.



Aber ausgerechnet diesmal, unter bleigrauem Himmel, wollte sie unbedingt den Antikmarkt beehren. Was selten genug vorkommt. Wegen so einer Schale. Deine Bemühungen waren grenzenlos, das zu verhindern, denn eigentlich hast du die Schale genu so platziert, dass Iris sie sehen musste, um dann Oh und Ah zu sagen, was es dir erlaubt hätte, generös auf kommende Geschenke zu verweisen. Es begann hoffnungsvoll mit einem "Ui, sowas will ich", um dann gleich von der Idee verfolgt zu werden, dass sie ja mit dir schnell zum Markt fahren könnte, vielleicht fände sich da dergleichen, und danach für ein paar Zweige in den Wald, spazierengehen, und so, also los, huschhusch, und nein, dein Auto wollte sich auch nicht nehmen. Schliesslich stand ihr Luxusgeschoss draussen vor der Tür, und Madame wollte nicht unterklassig auf dem Markt erscheinen. Da half auch kein Hinweis auf den Gepäckträger an deinem Wagen, es musste so sein.

Sieben Kilometer vor dem Ziel mischte sich dann ein rythmisches Geräusch unter C.P.E. Bachs Konzert. Das gehöre so, meinte Iris beharrlich, bis sie erkennbare Probleme hatte, den Wagen zu steuern. Wie sich dann schnell zeigte, hatte sich der Hinterreifen von der Felge gewurstelt und in den Kotflügel gefressen, während sich die Alufelge auf dem Asphalt so standhaft wie Parmesan in meiner Mouligratin präsentierte. Da standet ihr dann, mitten in der Wildnis, ohne Papiere, die sie irgendwo, aber nicht im Auto hatte, ohne Telefonnummer und ohne Hoffnung, den Markt noch zu erreichen. Denn es war Sonntag, und da findet sich keiner, der mal eben einen neuen Reifen auf eine neue Felge zieht. Normalerweise wäre in solchen Fällen ein Ersatzreifen nützlich, aber der war wohl im Widerspruch zu den Superleggera-Supersportiva-Wünschen des italienischen Karosserievirtuosen, und war deshalb einem sinnlosen Elektrokompressor und einem Flickset, das aber in einer wirklich eleganten Vertiefung unter dem kleinen Kofferraum, gewichen. Irgendwann hattest du eine sächsische Dame des ADAC am Handy, und nochmal später kam dann das grosse, gelbe Auto, um die Fuhre und den in Iris tobenden Hass zurück zu bringen. Iris überliess dir das Vergnügen, die Flunder auf die Ladefläche zu fahren, setzte sich dann hinter das Steuer und sagte nichts mehr. Den Rest ohne Papiere auszuverhandeln, blieb dir überlassen.

Der Mann war sehr nett, sehr freundlich, redseelig, und erklärte schnell, warum er unter der gelben Weste ein blaues Hemd und eine Krawatte trug. Jo mei, so geht´s zu, man macht eine Werkstatt auf, und hat noch nicht mal gegessen, schon ist die Arbeit da. Und so unterhaltet ihr euch über das Dorf, dessen Schlossherrn du kanntest und bei dessen Verwandte du in jungen Jahren, und über das Elend hinten drauf, zu dessem Namen dem Fahrer einiges einfällt. Und du bist sehr froh, dass Iris hinten ist und keine Gelegenheit hat, sich in dieser Situation noch über ihren Ex-Mann zu äussern. Nebenbei gibt er noch Ratschläge, wo man in Rohrdorf heute das beste Essen bekommt. Im Radio laufen Schlager, und nichts in diesem Frieden verrät, dass Iris hinten im Wagen im dunklen Grübeln doch noch einen Schuldigen gefunden hat, einen, der sie dazu gebracht hat, dorthin zu fahren, obwohl sie eigentlich gar nicht wollte, nur weil sie so nett war, hat sie sich breitschlagen lassen, und der Schuldige wird jetzt eine Weile leiden müssen.

Du solltest zum Fest besser noch eine Teekanne dazu packen. Mindestens.

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Sonntag, 16. Dezember 2007

Missgeschicke bei der Suche nach neuen Genüssen

Heute: Die Drachenfrucht, gekauft, weil ich dachte, damit könnte man zusammen mit einer Artischocke gut foodpornen. Die Drachenfrucht riecht, mit Verlaub, wie ein ungewaschener Felldrache nach dem Bad in Elefantenkot. Man kommt in einen Raum und denkt sich - irgendwas Lebendes war hier seit Jahren nicht mehr in der Dusche - und endet dann bei diesem skurrilen Früchtchen und seinen absonderlichen Ausdünstungen. Man kann es noch nicht mal den Mietern zumuten.

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Empfehlung heute - Rund vier Euro

kosten auch die Zutaten für das heutige Gratin - das heisst, eigentlich acht Euro, aber ich habe für zwei gekocht, nach einem ganz besonderen Erlebnis in einem sehr besonderen Wagen auf einem anderen besonderen Wagen. Vier Euro jedoch kostet auch das Essen, dem mansich bei Schreiberswein - ich möchte sagen - unterworfen hat. (via loreley)

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Samstag, 15. Dezember 2007

Sehr zu empfehlen - Vintage High End Test

Bitte mal alle, die glauben, dass jede Anlage irgendwie gleich klingt und auch ein CD-Radio von der Sonderaktion bei Tchibo reicht, woanders lesen. Auf den Webseiten chinesischer Ausbeuter etwa, oder den Blogs bekannter Koksagenturen, gern auch Hamburger Provenienz.

Das also sind sie, oder besser, ein Teil des zu erwerbenden Ensembles: Nur mal die Lautsprecher Mignon des feinen Konzertmöbelbauers Audiodata aus Aachen. Mit allem Schnickschnack, aber noch ohne Kabel und den Basslautsprecher Soutien, der ebenfalls dazu gehört. In den 90er Jahren galten die Mignon manchen als die besten Kompaktboxen auf dem Markt. Weltweit.



Sie haben ein paar technische Besonderheiten. Die mit Sand gegossene, gebogene Schallwand etwa, die sie sehr schwer und resonanzarm macht. Ein massives, geschlossenes Gehäuse. Eine damals revolutionäre Frequenzweiche, einen Tieftöner mit 75 mm Schwingspule, und Fans, die sich eher von Haus, Katze, Frau, Auto und Kindern trennen würden, als von diesen Lautsprechern. Typisch High End und so wie sie dastehen, in der massgefertigten Oberfläche, damals über 8000 Mark teuer. Obendrein von einer kleinen Macke abgesehen wie neu und kaum benutzt. Ausser für das Heimkino. Aber gut.

Bei mir treffen die Mignon nicht auf eine Glotze, sondern auf meine guten, alten Duevel Planets für rund 500 Euro, und ALR Jordan Entry Lautsprecher für 350 Euro. Und noch zwei Alternativen, die ich weglasse, weil extrem teuer und klanglich nicht im Mindesten ein Vergleich.

Als Musik: Les Grandes Eaux Musicales de Versailles von Jordi Savall mit Musik des Barock, erschienen bei Alia Vox, die brandneue Le Tournoi de Chauvency, weltliche Gesänge des 13. Jahrhunderts von Anne Azema und K617, und aus dem Hause Alpha die CDs Alla Neapolitana von Sounare e Cantare mit Volksmusik der Renaissance, sowie Avinsons Konzerte über die Weisen von Domenico Scarlatti aus der Mitte des 18. Jahrhunderts, eingespielt von Cafe Zimmermann.



In dieser Reihenfolge sind die Mignons im Vergleich zu den Duevels ein Wechselbad der Gefühle. Es beginnt mit einem Totalausfall. Während bei Lullys rythmischen Divertissement Royal mit den Duevels die Erde bebt und bei den ALRs noch die Wände vibrieren, hört man auf der Mignon jedes feine Detail. Ausser dem darunter grummelnden Bässen. Lully, mit Verlaub, muss knallen, bei Lully muss die Milch im Euter kochen, Lully war ein widerliches Stück Scheisse und muss auch so klingen, dunkel, diablolisch, fies, bei Lully ist es mir egal, ob ich höre, in welchem Monat das Ross welches Gras gefressen hat, bevor sein Haar zum Bogen umgearbeitet wurde. Das kann man bei den Audiodata fast raushören. Aber Lully wirkt ansonsten wie ein netter Onkel.

Beim Tournoi ist das sofort ganz anders. Stimmen, Frauenstimmen zumal, sind das ganz grosse Plus dieser Boxen. Crisp, zart, wunderbar in der Darstellung, brilliant, klar, dagegen fallen die Duevel und die ALR schwer ab. Wenn man nur Musik hört - und dafür sind sie gemacht - sind die Mignon traumhaft. Für das Nebenbei hören sind sie dagegen ungeeignet; es reicht ein Sprung, eine Dissonanz, eine Crescendo, und die Boxen zwingen sich damit in den Gehörgang. Das kann penetrant wirken, aber wir reden hier nicht über Küchenradios, sondern über Kunst für Kenner. Obwohl - eigentlich doch, denn die werden de facto meine Musikquelle für das Kochen.

Track 7 der neapolitanischen Weisen, eine Schiarazula von Mainero, beginnt leise, hat nur eine kleine, unschuldige Melodie, und bei jeder Wiederholung kommt ein neues Intrument dazu, bis es am Ende ein Höllentanz mit Dudelsack ist. So banal es gemacht ist, es treibt jede Box an ihre Grenzen, denn sie muss alles können: Fein wiedergben und trotzdem massiv klingen, den Raum durchknallen und dennoch dem Ohr schmeicheln, wie ein Engel singen und das Feuer der Hölle anzünden. Die ALR geht ihren Weg, lockt erst leise und reisst einen dann mit. Denkt man, bis man die Duevel hört. Die Duevels lallen zu Beginn ein wenig rum, tun sehr unengagiert, um dann einmal Luft zu holen, und der Rest ist Napalm und Brandbomben. Aber hallo. Man glaubt es schon nicht mehr ertragen zu können - und dann knallt noch der Dudelsack rein. Die Mignon dagegen erzählt aufgrund der famos wiedergegebenen Aufnahme schon zu Beginn alles, man ahnt an der Aufregung, was da kommen wird, es sirrt, flirrt und glitzert unter der Oberfläche, man sagt sich bei jeder Steigerung: ja. JA! JAAAAA! Komm, gib´s mir, Baby. Um sich dann beim entscheidenden Moment höflich zu verabschieden. Da kommt schon was, aber es ist zu wenig. Zu fein, zu gebildet, der Fluch der geschlossenen Box ohne Bassfundament.

Beim streicherlastigen Avison dagegen spielen alle drei ihre Vorteile aus. Die Duevels machen als Raumstrahler den Konzertsaal auf und erzeugen jede Menge Raum, die ALR sind präzise und dennoch mit solidem Fundament, und die Mignon zeigt, warum sie zurecht um den Faktor 8 bis 10 teurer war als die anderen. Da ist sehr viel mehr in der Musik, es klingt zwar etwas trocken, aber so, als würde man neben den Geigern stehen - und zwar bei allen gleichzeitig, so fein differenzieren die Membranen die Instrumente aus. Irre.

Was soll ich sagen? Für die Musik, die ich mag, für den Raumeindruck, den ich möchte, sind die Duevels immer noch die idealen Lautsprecher. Ich halte das Grundprinzip der Raumstrahler in jeder Hinsicht allen anderen Boxen für überlegen, es bringt die Seele und die Kraft der Musik an jeden Punkt des Raumes, während die anderen zu einer bestimmten Sitzposition zwischen den Tonquellen zwingen. Und ich kenne die grossen Geschwister der Planets - wenn ich 8000 Euro ausgeben würde, griffe ich zu den Bella Luna Diamante. Die gefallen mir besser - auch besser als die neueren, wirklich guten Audiodata mit Coaxiallautsprechern, oder die ähnlich aufgebauten Cabasse. Vielleicht auch, weil Duevel den radikalsten Ansatz verfolgt. Wenn ich auf den Bella Luna (und Röhrenanlage dahinter) Musik gehört habe, brauche ich erst mal 30 Minuten Stille, damit ich von meinen Boxen nicht enttäuscht bin. Alle Duevels haben nur den bauartbedingten Nachteil, dass sie Raum für die Aufstellung brauchen - und dort, wo ich noch Lautsprecher brauche, ist kaum Platz.

Und deshalb kaufe ich die ALR. Die sind mit 350 Euro pro Paar angesichts der Leistung und der schönen, runden Bässe wirklich günstig, sauber verarbeitet und besser als die anderen kleinen Lautsprecher, die ich daneben hatte - die aber über 1000 Euro kosten - pro Stück. Dachte ich, bis ich die Mignon sah. Die Mignon ist im gebrauchten Zustand teurer als die ALR und die Duevel, aber: Das war erst der Anfang. Montag hole ich mir noch den passenden Basslautsprecher dazu, und einen passenden Verstärker. Und dann legen wir das Programm nochmal auf.

Ich bin mir sicher, dass sie dann prima sind. Denn obenrum haben sie alles, Verstand, Intelligenz, Charisma, Seele, Witz und Charme, sie sind eine wunderbare , kunstsinnige Dame - ohne Unterleib. Der Bass fehlt einfach, und wenn der noch dabei ist, stimmt alles, wenn man an der richtigen Stelle sitzt. Denn diese Dame ist eine Zicke, sie verlangt ungeteilte Aufmerksamkeit, und dann ist sie richtig gut. Es mag eine Verschwendung sein, sie in die Bibliothek zu stellen, und nein, die überragende Qualität brauche ich in den seltensten Fällen. Aber wenn ich sie mal brauche - dann will ich sie auch haben. Will sagen; Der, der sie verkauft, war weise, als er sie eworben hat, aber die Trennung war idiotisch.

Aber jeder andere, dem man dergleichen nicht aus Lebensüberdruss und Dummheit nachschmeisst und nicht ein paar tausend Euro ausgeben will oder kann, höre beim Fachhändler mal bei Duevel und ALR Jordan rein. Wunderbare deutsche Boxen. Garantiert nicht bei Idiotenmärkten zu beziehen.

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Erben der Provinz

Man nennt es in diesen Kreisen Einsteigerklasse. Boxen für 3500 Euro plus Ständer für 400 Euro plus Bi-Wiring für 200 Euro plus Subwoofer für 3500 Euro plus Kabel für 700 Euro plus Abdeckungen für 200 Euro plus Hochpassmodul für 300 Euro macht 8800 Euro. Der eigens dafür angefertigte Marmorlack war dann auch etwas teurer. Über 1800 Euro. Nur für den Lack.

Ich weiss das, weil ich die beiden grossen Rechnungen - damals, zu Beginn der Dekade noch in Mark - gesehen habe. Gesehen habe ich sie, weil die Lautsprecher demnächst wohl mir gehören werden. Und mir gehören werden sie, weil der damalige Käufer zum Entschluss gelangt ist, etwas Besseres zu benötigen. 25.000, in etwa. Je nach Holz. Weil ihm Lack nicht mehr gefällt. Und wie es so ist, wenn man etwas nicht mehr will, man gibt es in Zahlung, räumt es schnell ins Auto, es kippt um, hat eine Schramme, na egal, weg damit, und so kostet es - wenig. Extrem wenig. So wenig, dass ich es gleich wieder bei Ebay einstellen und ein mehrfaches erlösen könnte. So sind die hier. Ich aber nicht.



Ich will mich nicht beklagen. Einerseits, weil ich dank solcher Leute und der Kontakte begünstigt bin. Andererseits, wenn ich so drauf wäre, könnte ich ähnlich holzen. Ich könnte theoretisch auch reingehen und sagen: das da, dieses, jenes, Geld spielt keine grosse Rolle. Ich könnte auch raus zum Autohändler und die Barchetta gegen etwas "Standesgemässes" eintauschen, wie ein Teil der Familie schon länger predigt. Es gibt keinen zwingenden Grund für Knausereien, ausser dem unüberwindlichen Gefühl, dass ich es einfach nicht brauche. Und die Angst, so wie die zu werden.

Schon verrückt. Diese Leute sind sorglos, es ist ihnen egal, sie haben die Sicherheit, dass es geht und immer gehen wird, ich könnte mich einfach auf diese Denke einlassen - und habe Angst. Ich kann nichts Böses und nichts Falsches daran finden, es ist aus ihrer Lebenssituation richtig, wie sie sind, es gibt keinen Grund, nicht so zu sein, und trotzdem. Sie klingen sehr fein, diese Boxen, feiner als für mich nötig wäre, aber ich fürchte, ich kaufe mit ihnen auch noch eine Menge selbstzweiflerische Obertöne, die darüber aufbauen. Aber das ist hier ja nichts neues, in dieser übersättigten Provinz.

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