: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Donnerstag, 27. November 2008

Des Nichtchristen Weihnachtsbaum

Ein paar neue Steine, nur halb geputzt, etwas Wintersonne, und der Raum entflammt in tausend hellen Flecken.



Ein Jammer, dass schon alle anderen Plätze bis ins Bad und in die Küche mit noch feineren Lüstern besetzt sind. (Ein Kronleuchter in der Küche ist übrigens der ultimative "wer ko der ko" Inbegriff der verschwenderischen Epoche, die gerade zu Ende geht) Bliebe allein noch der Gang, aber das wäre dann doch etwas dekadent.

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Real Life 26.11.08 - die Mütter allen Terrors

Wer kommt dran, fragt die gemütliche Frau am Käsestand.

Ich denke, ich bin der nächste, willst du schon anheben, um die Terrormutti vor dir in Schranken zu weisen; schliesslich kam sie gerade erst an, rammte dir ihren Kinderwagen in die Kniekehle und wuselte dann um dich und Iris herum, um einen Blick auf das Angebot zu erhaschen.

Was sind denn das für Gewürze auf dem Käse, fragt sie sofort, ohne Rücksicht und Benehmen, und dann folgt eine längere Bestellungsorgie, immer wieder unterbrochen von kurzen Bekümmerungen des ungezogenen Balges; alles Tätigkeiten, die das Frieren der nachfolgenden auf dem Wochenmarkt nicht gerade verkürzen. Es ist ja nicht so, dass sie viel kaufen würde - sie will viel wissen, um dann doch etwas anderes zu wollen, oder vielleicht doch jenes, was ist denn das und was bedeutet es, wenn der Bergkäse 6 Monate alt ist?

Irgendwann zahlt sie, es könnte endlich vorbei sein, als die Verkäuferin zum Kind sagt: Magst Du den Käse hier probieren?

Entweder ist das Kind blöd, oder die Mutter, oder beide, denn letztere wendet sich an den Wurf und fragt: Magst du Käse? Magst du Käse? Hm? Magst du Käse? Zum Vergleich: Sagst du zu Minka: Miez, magst du Knuspertaschen? - versteht sie sofort, worum es geht. Die Mutter nun lässt es sich nicht nehmen, auch dieses Probierstück zu hinterfragen, um ein anderes zu verlangen, und, während das Balg mit offenem Maul jeden Anstand vergessen lässt und die Hälfte des Käses aus dem Fressloch auf den Boden fäll, noch gegenüber der Frau am Käsestand mit diesem ihres Erachtens so schönem Kind anzugeben. Dabei willst du doch nur einen Ricotta und ein Stück vom Sextener Bergkäse. Und dann mit Iris in ein Cafe, statt hier rumzustehen und auf einem Ohr mitzubekommen, dass die dumme Tussi die gleiche Masche auch nebenan am Brotstand abzieht, wo das Balg erneut gestopft wird. Jedes Balg wird hier überall gestopft. Würdest du jeden Balgstopfer boykottieren, müsstest du im Supermarkt einkaufen, oder Hühnerdieb werden.

Dabei, ist Iris etwas indiskret, als ihr endlich im Warmen angekommen seid und der heissen Zitrone neue Lebensgeister zu verdanken sind, dabei wurde letzthin über dich gesprochen, und die Frau L. meinte, du wärst ganz sicher ein grossartiger Vater für deine Kinder, bei dir müsste man keine Angst haben, dass die schlecht erzogen wären, keinen Anstand hätten, oder du die ganze Familie nach Köln oder andere Orte mitnimmst, wo es keine guten Schulen gibt und man deshalb die Kinder den Jesuiten überlassen müsste.



Natürlich, beste Iris, hebst du in dem überstelzten Ton an, der bei dir nie ein gutes Zeichen ist, würde ich niemandem Gegenden zumuten wollen, in denen sich auf dem Spielplatz Kondome finden und zwischen Schule und Jugendgang nur graduelle Unterschiede sind. Ich finde es gut, in einem Land zu leben, in dem man seine Kinder auf ein normales Gymnasium schicken und dabei überlegen kann, welches das Beste unter vielen Guten ist - und das, ohne einen Pfennig zu zahlen. Vermutlich würde ich dann sogar an den Tegernsee ziehen, denn Tegernsee hat das schönste Gymnasium Deutschlands, und in der Zeit davor ist es sicher nicht schlecht, den schönsten Spielplatz Deutschlands (Aussicht siehe oben) im Ort zu haben, oder Berge zum Rumtollen, oder frei laufende Hühner für die Ernährung und ungespritzte Äpfel die Strasse runter, und viele Annehmlichkeiten mehr. Im Prinzip sind Kinder auch kaum schlimmer als Katzen, sie brauchen nur länger, um stubenrein zu werden, sie sind öfters krank, man kann sie nicht alleine in der Nacht rauslassen, sie kosten nur knapp das tausendfache einer Katze und da sind die Probleme der Pubertät noch nicht mal eingerechnet - also, prinzipiell glaube ich sogar, dass man Kinder irgendwie managen könnte.



Aber, das ist das Problem in unserer Schicht, es gibt da jemanden, der sich jedem Managen widersetzt. Die bessere Kindermutter. Die bessere Kindermutter will einen 3er oder noch besser 5er Kombi, um das Balg zu diesem Spielplatz zu fahren, um sich vorher aufzudonnern mit einer der neuen Taschen - bessere Mütter brauchen immer neue Taschen, weil sie mehr mitnehmen müssen für alle Eventualitäten - um dann auf diesem harmlosen Spielplatz mit einem halben Dutzend ähnlich gestrickter Mütter über die neue Kollektion von Prada oder das richtige Studienfach der kleinen Genies zu reden, und über den neuen Kindermodenladen in Rottach, der zwar etwas teurer ist, aber man will ja nicht, dass das Spielzeug schlechter aussieht als bei den anderen. Sie tragen dabei Pornosonnenbrillen und tun so, als seien sie trotz allem die selbstständigsten aller Geschöpfe, und durch das Balg noch attraktiver. Nachdem dort keiner wohnt, der seinen Kindern die Demütigung einer Trennung antun würde - du kennst das ungeschriebene Gesetz ja - kommen sie nie in Verlegenheit, ihren Marktwert tatsächlich auf dem freien Markt bestätigen lassen zu müssen.



Und so gehen sie dann durch von der Gemeindeverwaltung vorzüglich geräumte Parks, versuchen dabei, wie Models auszusehen und denken, dass sie damit etwas Gutes für dieses Land tun, und man sie dafür zu achten hätte. Beispielsweise, wenn sie sich vordrängeln und den Kinderwagen als Rammbock benutzen. Oder Kinderlose diskriminieren, die da gar nicht mitreden könnten. Oder jammern, dass es in Gmund noch keinen zweisprachigen Kindergarten gibt, und sie deshalb jeden Tag nach München müssen, das sollte die Gemeinschaft hier endlich mal anbieten, damit wir nicht zurückbleiben mit unserem Nachwuchs, dieser Zukunft des Landes. So gehört in meiner Konditorei, sehr laut gesagt, damit es auch der Besitzer hört, ein bekannter CSU-Vertreter im Gemeinderat. So sind sie. Und ich würde es hassen, ich würde es nicht ertragen, wenn sowas meine Frau wäre. Wenn du das nächste Mal also Frau L. siehst, kannst du ihr von mir aus das alles gerne in allen Details erzählen.

Das, bemerkt Iris, hat meine Mutter daraufhin schon besorgt.

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Mittwoch, 26. November 2008

La Pellegrina, Intermediii 1589

es ist keine ganz schlechte Idee, sich in Zeiten wie diesen etwas zu entkoppeln vom Feindlichen da draussen, das nicht nur die geplatzten Giganten wie Lycos und vielleicht auch bald Trash wie Zoomer.de trifft, sondern - wenn ich ehrlich bin, ich kenne im Moment nur drei sorgenfreie Journalisten, und die schreiben nichts, was öffentlich zu lesen oder am Kiosk zu kaufen wäre. Was ich höre, ist wirklich kein Spass; Werbeseiten sind demzufolge nur noch mit extremen Rabatten zu verkaufen, wenn überhaupt. Das ist insofern ärgerlich, weil Verlage schon 2000 bis 2003 erlebt haben, wo die Abhängigkeit von Werbung führen kann. Aber wie der Junkie an der Nadel haben sie auch diesmal nicht in die Qualität, sondern nur in die Vermarktbarkeit investiert, und - nun, ich habe ja gesagt, dass ich meine Kinder eher auf den Bau schicken würde, und die werbekäuflichen Pfeifen, die das uncool fanden, haben sicher noch ein paar Jahreszeiten vor sich, ihre damaligen Aufschreie zu überdenken. Und nein, ich würde mein Frühstück nicht mit ihnen teilen wollen. Auch mein Silber kann ich noch selber putzen - sie sollten bitte in freudlosen Orten bleiben.



Wir Alten wissen ja noch aus der New Economy, wie schnell es jetzt in den nächsten Wochen gehen wird, und ehrlich: Diesmal hätte ich gar keine Lust, das bei Dotcomtod breitzutreten, auch wenn es einen Haufen Neoliberale und Contentverticker erwischt. Ich möchte eigentlich nur in Ruhe und Gelassenheit durchkommen, mein ganzes Streben der letzten Monate war, mich von den Krisenherden zu entfernen. Hilfreich ist dabei auch ein angenehmer Strom schöner CDs mit ruhiger Musik. Daheim höre ich gerade häufig eine sehr feine, neu erschienene Platte mit Intermedii, Zwischenspielen der Spätrenaissance und der manierismus. Intermedii begannen ihre Karriere als einfache Unterbrechungen zwischen den grossen Spektakeln des Hofzeremoniells, wurden im Verlauf des 16. jahrhunderts pompöser und umfangreicher, bis sie eine eigene Kunstgattung darstellten und zu einer Frühform der Oper wurden. Das Capriccio Stravagante Renaissance Orchester und das Collegium Vocale Gent haben unter Skip Sempe nun ,mit La Pellegrina den Höhepunkt dieser Kunstgattung aufgenommen, ein grandioses Schauspiel zwischen Theater, Madrigalgesang, Tanzmusik und Prachtentfaltung, die den Hörer entführt, in den Saal der Monate in Ferrara oder mediceischen Gärten um Florenz.



Thematisch, das gebe ich gerne zu, bringt mich diese Inszenierung griechischer Sagen wie schon die Zeitgenossen an den Rand meines mythologischen Wissens, was erklärtermassen angesichts meiner Studien peinlich ist - aber der Winter wird lange dauern, im Regal sind drei Meter klassische Archäologie, und etwas mehr Bildung schadet keinem. Aber auch ohne Verständnis des Dargebotenen ist es angenehm zu hören, Musik mit Mass und Ruhe, in der so vieles angelegt ist, was später die Musikwelt bereichert. Erste Bildungslücken behebt die zweite CD, in der Skip Sempé die Natur der Intermedii erklärt. Was ich ein wenig schade fand, ist die akademische Natur der Aufnahme; man kann davon ausgehen, dass die originalen Schauspiele Musik und Handlung dynamischer und - wir befinden uns schliesslich in einer extrem lebensfreudigen Epoche - lasziver waren. Ich würde die Intermedii gerne sehen, wie sie waren, ich würde gerne die für damalige Verhältnisse unfassbar teuren Feste feiern, die sie umgaben, und weil es so nicht kommen wird, bleibt mir diese CD, und ein Blick in die Speisepläne der Zeit, um das ein oder andere dazu zu geniessen.

und ja, ich halte sie auch für also dieses konsumfest da, das die christen feiern, tauglich. besser jedenfalls als jingle bells von youtube.

Ich würde übrigens raten, die CD entweder direkt bei Paradizo zu bestellen, oder im fähigen Plattenhandel - dort erhält man nämlich auch die Sampling-CD "Pandora´s Box", was ein wirklich hübscher Name für einen Kaufanreiz dieses neuen Labels ist.

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Dienstag, 25. November 2008

He Sie, Herr Clement!

Ich hätte beinahe etwas von "Danke" geschrieben dafür, dass ich bei Ihnen nicht mehr als "meinem Genossen" denken oder reden muss. Es ist gerade keine schöne Zeit, Sozialdemokrat zu sein, da hilft jeder Geste, jedes Stückchen Ehrlichkeit von Karrieristen und Parteibeschädigern, das Leben mit dem roten Parteibuch in Gummi leichter zu machen. Von nun an sind sie nur noch der Lobbyist eines Grosskonzerns, und wenn Sie vielleicht auch noch mitkriegen, dass Ihr Ansehen in der Partei und bei vielen anderen vollkommen aufgebraucht ist, die Sie zum dem haben werden lassen, was sie sind und ohne die Partei nie geworden wären, sind Sie vielleicht auch noch klug genug, die Partei nicht mehr mit Sprüchen wie "Sozialdemokrat ohne Parteibuch" zu beleidigen.

Wenn Sie dann soweit sind, hätte ich da einen Vorschlag für Sie und gewisse Leute, die den Verrat zur politischen Lebensmaxime gemacht haben, diese Widerlinge, die in der Partei kaputt machen, was möglich ist, um es sich draussen vergolden zu lassen: Wenn Sie wirklich so gut sind, wie Sie glauben, gehen Sie doch zu den Kreaturen der hessischen Verräter, sammeln Sie den Metzger von der CDU ein, und noch einige andere, die das Parteibuch als Ticket zum Posten und nicht als Ausdruck einer Überzeugung betrachten. Eröffnen Sie mit denen eine Partei, die gnadenlos auf die Mehrheit setzt, die nicht in der Mitte ist, sondern nur auf ihrer eigenen Seite. Die egomane Mitte, die Mitte der Selbstbediener, die Leute, die in Wirklichkeit angekotzt sind von dem Gerede, dass der Staat solidarisch sein soll. Gründen Sie die

Opportunistische Aktion - Claim: Das O und A der neuen Mitte.

Mit der OA sprechen Sie die Leute an, die sich an Reality Soaps bei von Hartz IV Betroffenen angesprochen fühlen. Sie werden sicher der Held der Bild, der die Merkel längst zu werbekundenfeindlich ist. Sie holen sich den Sarrazin an Bord, und sorgen Sie dafür, dass er noch kräftiger keilt. Sie nehmen sich die medienpolitisch hochelastische Bunz als Pressesprecherin, die keine moralischen Bedenken kennt, wenn Medienabschaum die ihr genehme Technik fördert (http://www.tagesspiegel.de/meinu ng/kommentare/Le serreporter-Kai-Die kman n;art141,2669997). Ihre OA wird bei allen Talkshows sein. Und Firmen, die sie sponsorn, kennen Sie sicher genug. Das ist Ihre Zukunft. Eine Partei für Sie und für alle, die dabei sind, ein Parteibuch mit Garantie auf Einfluss, und dann versuchen Sie mal, mit dieser ehrlichen Partei ehrlicher Leute in die Parlamente zu kommen.

Leute wie Sie sind nämlich prädestiniert dafür, so viele Idioten unter die 5%-Hürde zu führen, dass es andere Idiotenparteien schwerer haben. Das fände ich eine prima Sache, Herr Clement.

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British Spleens & Speed on a Budget

(oder auch: Dem Tod ins Auge fahren - Und nein, regardless this text wäre ich ganz sicher kein guter Vater)

Sehen wir den Fakten ins Auge - die wenigsten von uns werden so schnell wieder die Gelegenheit haben, sich vor dem Herrenhaus in einen alten, offenen britischen Zweisitzer zu setzen, in die Berge zu fahren und dabei auf eisigen Bergstrecken ihr Leben zu riskieren, wie das noch während der Grand Tour üblich war, um dann doch zu überleben und nach all der Kälte im Chalet den Tee zu nehmen. Einerseits, weil die Idioten und Psychos in den UdSSA, London, Paris und Berlin mit ihrer Verschwendungslust für alle emsigen Sparer mit ihren 20.0000 auf der hohen Kante ein Desaster anrichten werden, wenn diese die Rechnung zahlen müssen, mit Inflation und Steuern. Andererseits, weil wir dann sicher andere Sorgen haben werden, als die nicht ganz billige Erfüllung von life´s little luxuries.

Es sei denn, man passt die Marotten den Gegebenheiten an, besitzt eine schier unerschöpfliche Holzlege, und weiss, dass da oben noch irgendwo der alte, Moment, da hinten, ah ja:



der alte Tourenrodel meines Onkels sein muss. Zwei Sitze, Kufen und keine Lenkung. Seitdem lungenkranke Briten sich in davos damit die Knochen brachen, dürfte hinlänglich bekannt sein, dass dies kein Kinderspielzeug ist. Mein typischer Abendspaziergang am See führt auf einen gaachen Berg, genauer, den nächsten Berg vor der Haustür, und der Forstweg hinauf wird mit seinen Kurven und Geraden im Winter eine überregional beliebte Rodelstrecke von der Art, wie sie die Briten schätzten - mit viel Wald, um den Abflug spannend und unterhaltsam zu machen, breit genug für wilde Überholmanöver, und auch ansonsten, weiss ich noch aus der Zeit, als wir mit meinem Onkel wie die Wildschweine heizten, kann man auf so einer Strecke auf alle Regeln pfeifen, an die man sich ansonsten als Autofahrer zu halten hat. Kurven schneiden. Abkürzungen nehmen. Auf jede Traktion verzichten. Und das alles 30 Zentimeter über der vereisten Strasse, und - legal - ohne Bremse und Geschwindigkeitslimit. Bremsen tun wir nur am Baum, sagte mein Onkel immer, und er hatte natürlich, wie meine Grossmutter auch, immer recht. Ungesund vielleicht, aber keinesfalls jedoch so durchgeknallt wie der Kurs, den Bernanke, Brown und Sarkozy zu nehmen gedenken. Da ist keine Kontrolle mehr, dann beschleunigt man eben etwas und hofft, dass man sich in der nächstne Kurve bei höherer Geschwindigkeit wieder fängt.

Beim Tee dann, die Beine behaglich auf dem in den Berliner Nordkolonien erjagten Perserteppich ausgestreckt, Überlegungen, ob man in den Lauf der Weltwirtschaft für solche Deppen nicht ein paar ordentliche Weidegatter einbauen sollte. In uneinsehbaren Kurven, und dann zum Kochen übergehen, während es draussen über dem Schnee blaudunkel wird.

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Montag, 24. November 2008

Lesen, fressen, sterben

Diese Krise, sie hat einen kleinen, unwürdigen Geschmack. Man möchte es keinem wünschen. Aber die Betroffenen bewahren Ruhe. Sie machen keine 1929er bveitstänze in der Luft über der Wall Street. Es finden keine Demonstrationen statt - obwohl der heutige Bailout für die Citibank die Frage aufwirft, wann man mit dem Bankenanzünden anfangen will, wenn nicht heute in Manhatten (bitte, Verehrteste, nicht in Deutschland, da ist die Citibank längst verkauft, heben Sie sich den Knast auf für Ziele, die sich lohnen). Die Nation der Hauptverursacher leistet sich noch zwei Monate Flickschusterei und Stillstand, bis ein Grossmaul den Job mit den Alt-Verantwortlichen für die Krise beginnt. Glaubt man dem alten Machthaber, hat der Neue auch den heutigen 326 Milliarden teuren Staatshilfenirrsinn abgenickt, mit der eine Bank im Wert von 20 Milliarden aufgefangen wird. Kein Mensch würde 50.000 Euro in einen Wagen an Reparaturen stecken, dessen Reste nur 3.500 Euro wert ist, nachdem man ihn gegen die Wand geknallt hat. Aber das ist der Sinn der Zeit. Antizyklisch, es geht zu Boden, also mit dem Kopf durch die Decke.

Es ist die grosse Krise der kleinen Geister, es ist die Stunde der Plärrer und die bleierne Zeit versagender Geistesmenschen, oder was sich dafür hält. Es kann keine bessere Zeit geben, um zurück zu schauen, um die Zukunft zu sehen. Aber wenn jeder Besitzer eines Bloomberg-Terminals die Charts von 1929 mit 2008 überlegen und ins Internet setzen kann, fordert niemand, den F. Scott Fitzgerals wieder zur Hand zu nehmen. Den Steinbeck. Brechts Heilige Johanna oder Mahagonny. Feuchtwangers tönernen Gott. Verlage pumpen geistfreie Ratgeber in den Buchkosmus, eins zwei kaufen. Werde reich, gewinne mit der Krise, in zehn Schritten zum neuen Schwarzhändler, Du, immer noch Gewinner. Das Gas im Sichtglas, das Georg Kaiser der Welt gegeben hat, steigt wieder, aber man will es nicht lesen. Es stösst die Krise den Abschaum der Powerpointer aus und nicht die Trucks und Zocker von Serner, es flieht der Dreck in die Wellnessoasen, 1 Tag 18 Euro mit Gutschein, aber das Kokain von Dino Segre will keiner mehr in den Adern haben. Wer sich gegen die Krise wehrt, wer öffentlich aufschreit, tut es, um ein Produkt zu werben. Diese Krise ist hässlich, aber das Schlimmste ist die Dummheit derer, die sie betrifft. Selbst die Pest würde man allenfalls mit "Die Hundert besten Geschichten des Decamerone" begleiten. Es ist eine dumme Welt, in der es den Idioten noch nicht einmal vergönnt ist, anständig zu krepieren.


(Mittelbild hier, Grossbild hier)

Also esst mehr, nehmt Ricotta statt Quark in die Füllung Eurer Kuchen, greift zum Fett und zu den Eiern, macht die Nudeln gross und prall, wenn ihr schon überleben müsst, auch morgen geht leider wieder die Sonne auf, weil es ihr scheissegal ist, was bei uns geschieht wie den meisten, schiebt der Frau im Samtsessel die Trauben in den Mund, macht den Leuchter auf, nehmt die starken Birnen und lest ihr vor, was die geschrieben haben, die aus dem Krieg kamen, die Krise kannten und im Weltenbrand erloschen. Lest, kotzt, und betet zu dem, der sich Eures Elends erbarmt.

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Hauspflicht

Zum ersten Mal in diesem Jahr in der Nacht Schnee geräumt. Viel Schnee. 20 Zentimeter. Man sagt ja, das soll jung halten. Eigentlich ist es gar nicht so hässlich, da draussen



Ausserdem habe ich Zeit. Ich warte auf das Ergebnis in Saschen Citibank, die wegen ihrer offensichtlich wohl doch nicht so guten Lage das Wochenende über Geheimverhandlungen mit der US-regierung geführt hat. Offensichtlich plant das Regime, seine Bürger ein letztes Mal ganz gross zu verarschen und der Citigroup und deren Aktionären einen riesigen Haufen schlechter Kredite abzunehmen. Klingt für mich nach letzter Kugel im Lauf. Für Citi reicht das Geld des Rettungsfonds gerade noch. Beim nächsten Anklopfenden wird es eng.

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Sonntag, 23. November 2008

Spolien des Untergangs von Byzanz

Diese kahle Wüste, über die der Schnee von pfeifenden Winden getrieben wird; diese Senke zwischen schlechten Häusern einer schlechten Stadt, diese Nichtlandschaft mit vereinzelten, im Abbau begriffenen Ständen, dieses Nichts an Ort und Raum ist normalerweise am 4. Sonntag im Monat der grosse Pfaffenhofener Antikmarkt. Heute dagegen war er eine Katastrophe.



Der Spieltisch, an dem ich das hier schreibe, wurde dort erstanden. Stendhals Reise in Italien in rotem Leder, die vor mir auf dem Regal steht, habe ich hier aus einer Kiste gezogen. Den Biedermeiersessel neben mir habe ich dort für ein paar Mark erstanden, als er nur ein Haufen Trümmer in einer Schachtel war. Ich habe diesem Ort zu danken, aber diesmal war es ein Fehlschlag. Als wäre mit dem Niedergang der Wirtschaft auch der Kunde, der bessere Bürger aus den umliegenden Städten, mit lockerem Geld und einem Platz für was auch immer ausgestorben. Ich rannte einmal über die Ödnis, hörte mir einen lächerlichen Preis an - 180 Euro für eine Schreibtischlampe des Art Deco - und kehrte um. Ganz hinten, an der Brücke, wühlte eine dick vermummte Frau in einem Schneehaufen, der vor ein paar Stunden ihr Stand gewesen sein musste. Dann kam die Sonne heraus, und etwas in Schnee begann zu gleissen. Ein Kronleuchter. Und was für einer. Sechs Flammen, Barockform, wirklich alt und mit viel Patina.



Manche werden jetzt sagen, dass ich schon mehr als einen Kronleuchter habe, und diese Stücke bei mir auch in Schlafzimmer, Bad, Küche, Balkon und Abstellraum hängen. Das ist richtig und gleichzeitig nicht die ganze Wahrheit. Denn die Wohnung am Tegernsee hat gleich sechs Leuchter verschlungen, einer muss in ein Büro, ein anderer ist ein Geschenk, und damit ist mein Bestand auf zwei mickrige Leuchter zusammengeschmolzen - zu allem Unglück sind es 12-flammige Exemplare, die man nur begrenzt verwenden kann. Dieses Exemplar mit fünf Kerzen aussenrum und eine hängende Kerze in der Mitte. Er ist auch für kleinere Räume - Empfangszimmer, Ankleiden, Wartezimmer für die Dienerschaft, was man halt so braucht - geeignet.



Es gibt - nach 70 Jahren kein Wunder - natürlich ein paar Schäden. Dafür war er billig - gekauft habe ich ihn quasi zum Schrottpreis. Daheim ist noch ein Schubladen voller Kristalle, mit denen ich an diesen langen Winterabenden einiges basteln kann, bis der Leuchter wieder in alter Pracht erstrahlt. Dass er das tun wird, ist alles andere als selbstverständlich, denn die Zeit der Kronleuchter, der Perserteppiche und all des byzantinischen Prunks der letzten Jahre ist abgelaufen. Man macht das nicht mehr. Kronleuchter sind zu sehr auffällig, sie versprechen Luxus und Anspruch; alles Eigenschaften, die man in den kommenden Jahren zurückschrauben wird, um nicht aufzufallen. Wer gleisst und funkelt, macht sich in diesen Zeiten verdächtig, man passt sich an, und nicht umsonst sind es gerade die grossmäuligsten Werber, die in den verhautesten Klamotten auftreten. Die Ratten verlassen nicht das sinkenden Schiff, sie mischen sich unter die Plünderer. Man will wieder keiner mehr sein. Jede Rolex, ererbt oder erworben, macht verdächtig. Die Idioten gehen nach dem Offensichtlichen; Neid und Rachegelüste entzünden sich an Symbolen, und deshalb werden wir bald wieder die Rückkehr zu geraden Linien, indirekter Beleuchtung und reduziertem Mobiliar sehen. Man trägt, man ist wieder Müll. Bloss nicht auffallen, nur nicht aus der Deckung kommen, und wenn, dann als Anführer des Pöbels. Bald werden PRler wieder Maojacken unter Neonlicht tragen.



Es ist übrigens immer ein gutes Zeichen, wenn Vorbesitzer gewundene Glühbirnen eingeschraubt haben. Diese Leuchtmittel sind um den Faktor 5 teurer als Billigbirnen; wer so etwas tut, führt keinen schlechten Haushalt, sondern hat einen gewissen Anspruch und Mittel über dem Nötigsten. Es sind diese Haushalte, die sich mehr leisten konnten, und es ist nur legitim, sich deren Reste zusammenzukaufen und im Speicher zu bewahren für die Tage, da unser neues Byzanz entgültig abgebrannt ist, und man zum Schluss kommt, dass es jetzt genug ist mit Frohn und Ausgezehr, dass man genug mit allen Tieren gestorben ist, und dass man, bevor nichts nachher kommt, davor wenigstens das Gleissen und Funkeln haben möchte, das kleine Eckchen Pracht im Leben, das Sünde sein mag, aber wenigstens nicht dumm und scheusslich wie der Halogenspot, unter dem sich AnjaTanjas neue Trends für schlimme Zeiten einfallen lassen.

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Real Life 23.11.08 - eine Überraschung für Iris

Oh, sagt Iris. Schick. Und nie wieder frieren im Winter. Das hättest du schon viel früher machen sollen. War es teuer?

So um die 1800 Euro, sagst du. Es ist eine Plage, es zu montieren, man muss die Fenster neu einstellen und die Dichtungen rumschieben, es ist sehr schwer und verändert den Schwerpunkt nach oben und hinten, und ich mag die Fahrgeräusche des normalen Verdecks.

Aber so ist es viel schöner und praktischer im Winter. Wo kommt das her?



Pffffhh, ich glaube, das haben meine Eltern in Passau geholt, mit einem Firmentransporter.

Dein Vater bekommt immer noch einen Transporter? Nobel.

Nein, das war schon, als sie das Auto gekauft haben, vor 13 Jahren, mein Vater hat damals schon jedes Jahr geflucht, wenn er das Ding draufmachen musste, und ich habe es jetzt auch nur zwangsweise aus dem Keller geholt, weil meine Mutter den Platz für die Oleander brauchte.

Soll das heissen, dass du schon die letzten zwei Winter ein Hardtop hattest und mich trotzdem in diesem eiskalten Wagen mit nichts ausser einem dünnen Stoffdach durch Eis und Schnee gefahren hast? Dass ich zwei Jahre umsonst gefroren habe?

Äh - nein. Wenn das Hardtop drauf ist und die Fenster nicht justiert wurden, läuft Wasser in die Dichtungen rein, dann frieren auch immer die Türen ein, und danach steht man vor dem Wagen und kann nicht weg. Als ich mit meiner Schwester im Winter in München Auto getauscht habe, damit sie einen trockenen Wagen hat, wollte ich mal ein Mädchen nach einem tollen Abend heimbringen, und letztendlich musste ich das Taxi bezahlen. Zuerst zu ihr, und dann zu mir, und am nächsten Tag zum Auto. Ich glaube, es gibt wenig, was unsexier ist als Männer mit zugefrorenen Roadstern, in denen eiskaltes Wasser schwappt.

Das liegt nicht am Auto.

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Samstag, 22. November 2008

Das Kratzen am schwarzen Lack des Schwans

Winter, Schnee, ein heisser Sonnenfleck am Bett und der grosse Schwung Arbeit ist erledigt, Flohmarkt in Pfaffenhofen ist erst morgen, der Wochenmarkt kommt erst später, eine gute Kanne Tee wartet - das ist Lesezeit.



Nun könnte ich in dieser vorteilhaften Lage einfach in die Bücherwand über dem Bett greifen, wo sich unter hunderten von antiquarischen Lederbänden auch der ein oder andere unbezwungene Klassiker findet. Dostojewskis Idiot etwa ist nur ein Beispiel für die lange Reihe der Russen, die mich aus meinem Besitz anfrösteln; selbst Sacher-Masochs weiblicher Sultan, der seinen Ausgang in einer eisigen Folterszene nimmt, war allein wegen der Region unerfreulich. Man neigt in solchen Situationen entweder zu einem hübschen kirchenlateinischen Text eines von der Aufklärung angekotzten Jesuiten - Neumayrs Religium Prudentum, Augsburg und Ingolstadt 1764 in der Originalausgabe aus dem Besitz eines lange vergessenen Johannes Andreas Schreier (1766) böte sich da an - oder zu einem neuen Buch. Ab und zu meint man ja, dem 21. Jahrhundert eine Chance geben zu können, oder auch, die eigene Tätigkeit im Bereiche der Ökonomie mit Fachwissen unterlegen zu müssen. Um ehrlich zu sein, habe ich alle meine 6 Bücher zum Thema Wirtschaft nach 1945 geschenkt bekommen, und fast alle waren entsetzlich. Nummer sieben ist das hier:



Nassim Nicholas Taleb, Der schwarze Schwan, bestellt, ohne mich mit dem Äusseren befasst zu haben. Ich gehöre zu denen, die sehr wohl den Umschlag als Zeichen der Qualität anerkennen. Das englische Original sah passabel aus, die deutsche Version dagegen ist eine Beleidigung und fast so scheusslich und brüllend-pink, wie man das vom nächsten Buch von Mascha Sobo und Sario Lixtus erwarten könnte. To make matters worse, ist es auch hinter dem Schutzumschlag dem wohlgefüllten Bücherschrank genauso zuträglich wie die gesammelten Werke von - wie heisst der schwarzbraune altersgeile Sack vom Bodensee nochmal - der mit seinem Judenhassfimmel - ihr wisst schon - egal. Vorne drauf findet sich dann auch ein lobendes Zitat von Chris Anderson, der mit "The Long Tail" selbst eines der überschätztesten Wirtschaftsbücher einer Epoche geschrieben hat, die wir gerade im Klo der Wirtschaftskrise hinuntergespült sehen.

Das hätte mich warnen sollen. Warnen wie vor zwei Wochen. Da war ich auf meiner letzten Rundreise durch die Alpenländer, und musste nach dem Achenpass im Inntal an einer grossen Tankstelle meinen Roadster füttern. Ich wollte gerade wieder starten, da hielt neben mir ein italienischer Alfa, dessen Fahrer winkte mich her und begann mich mit italienischem Dialekt zu fragen: Wo es hier nach Italien gehe (das Schild Richtung Brenner stand gleich neben der Tankstelle). Wo er fahren müsse (den Kreisel, und dann die dritte rechts). Wie weit es nach Rom sei (700 Kilometer, ungefähr). Wie ich heisse (Alphonso) Ob ich Rom kenne (ja). Ob ich wisse, was es dort für tolle Mode gäbe (ja). Das hätte er sich gleich gedacht so wie ich aussehe (drei Jahre alte Lederjacke mit mehr Patina als ein geschossener Fasan, der zwei Wochen aufgehängt wurde). Er war gerade in München, das kenne ich auch, oder (ja). Er habe da an einer Messe teilgenommen, für Mode, grose Messe, kenne ich, oder (Ja). Er sei Unternehmer und mache Leder, und weil ich so nett war, will ich vielleicht seinen Katalog? Und hier, die Marke, das sei Giorgio Ammani, ich kenne doch Ammani, oder, und weil ich so nett war und ihm die Strecke sagte, vielleicht will ich auch eine Jacke, geschenkt, hier, mit Logo von Ammani, bitte, kostet nix, und... Und um nicht in die Verlegenheit zu kommen, nach diesem Sturm von Palaver eine billige chinesische Armanikopie zu nehmen und dann zu erfahren, dass er seine Kreditkarte verloren habe und ich ihm 200 Euro für Benzin heim nach Rom leihen sollte, sagte ich, dass die Barchetta leider schon überfüllt sei, und ging meines Weges. Ohne Lederjacke, ohne Verarsche.

An dieses Erlebnis musste ich denken, als ich das Buch las. Was für eine erbärmliche Blenderei. Entweder die begeisterten Rezensenten sind wirklich Deppen, die sich vollschwallen lassen, oder sie haben das nicht gelesen. Es fängt schon damit an, dass in der deutschen Übersetzung statt "Werkzeuge" oder "Mittel" das managerdeppkompatible Nichtwort "Tools" verwendet. Es geht weiter mit der anbiedernden, kumpelhaften Erzählform in Ich- und Wir-Form. Wenn ich dummes, anbiederndes Gequatsche auf Pseudoniveau lesen will, muss ich kein Buch kaufen, da reicht auch der Spreeblick-Malte. Und es ist dummes Gequatsche. Ich gebe offen zu, dass manche Kapitel zum Thema Mathematik für mich Rohrkrepierer der Wahrscheinlichkeitsrechnung und Statistik nicht allzu bekannt waren, aber auch da hätte ich gerne jemanden, der nicht jeden Absatz ein neues Bruchstück irgendwelcher angeblich superwichtiger Autoren hervorzerrt, um seine Masche zu stützen und so tut, als könnte er über all die Eierköpfe der Wissens- und Wirtschaftsgeschichte wirklich einen Paso Doble tanzen. Immer schön easy, mit Beispielen, bei denen jeder nicken kann und die allen einleuchten, mit beifallheischender "Ich findet das doch auch, was, Leute"-Geste, um dann sofort weiterzuziehen und mit einem "Primo, Secondo, Terzo" die verfestigende Wiederholung seiner Thesen in Form von hingeschmierten Powerpoint-Bulletpoints auf Pastaitalienisch zu kaschieren.

An einer Stelle nennt er dann auch sein Vorbild, das einem bei dieser Masche des niedrigen, sprunghaften und zusammengestückelten Universalgelehrtentums zwangsweise in den Sinn kommt: Michel de Montaigne. Es gibt gute Gründe, warum die Lektüre der Essays - "Versuche" - von Montaigne eine Qual ist - ständig muss man nachdenken, wo er seine Wissensspolien herausgezerrt und Unpassendes verkittet hat - , und Voltaire so viel Freude bereitet. Beide Autoren beschäftigen sich mit den Unwägbarkeiten des Schicksals und der Unvorhersehbarkeit, wie es auch Taleb tut, aber Montaigne klebt an seinen Zitaten und Bildungsbrocken, während Voltaire für sich steht und sich nicht vom Überkommenen bestimmen lässt. Der Punkt, an dem ich aufgehört habe, das Buch zu lesen, an dem ich dachte, es reicht mit der Verarschung, man suche sich bitte Fäuletonisten, die auf die Pressemappe reinfallen und sich diese gequirlte Scheisse nicht antun, findet sich auf Seite 249:

"Die Philosophen lehren uns seit Aristoteles, dass wir tiefe Denker sind und durch denken lernen können."

Was für eine erbärmliche Angeberei, was für ein peinliches Vorführen unverdauten Halbwissens. Man darf vermuten, dass Taleb Heraklits Erkenntnistheorie nicht kennt, und auch der Gegensatz zwischen der materialistischen Philosophie eines Anaxagoras und der teleologischen - und damit eher denkfeindlichen, wie die Rezeption im späten Mittelalter zeigt - Auffassungen von Aristoteles ist ihm nicht geläufig. Würde man ums Verrecken eine Bruch konstruieren wollen, dann doch bitte zwischen Sokrates und den Naturphilosophen, über 50 Jahre vor Aristoteles. Ich weigere mich einfach, ein Buch des 21. Jahrhunderts zu lesen, das wie Montaigne oder der dümmste Provinzjesuit des 18. Jahrhunderts die Geistesgeschichte in eine Zeit vor und nach Aristoteles einteilt.

So viele Reden ich gehört habe, keine kommt je so weit zu erkennen: das Weise ist von allem geschieden.

sagt Heraklit. Das wäre ein schönes Zitat für ein Buch über falsche Prognosen und Erwartungshaltungen gewesen. Es kann gut sein, dass Taleb mit seinen Erklärungen der Gaussschen Kurven und der Fraktalität recht- oder besser, die richtigen Zitate anderer Leute - hat. Es ist mir ebenso egal, wie die Qualität einer gefälschten Armani-Jacke. Ich mag es nicht, und ich mag diese kumpelhafte, anbiedernde Verkaufe nicht.

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Empfehlung heute - Wissenswertes

Der Ort, an dem das Citocorp Center in Manhatten steht, ist die Kreuzung von 53. und 3. Street - und damit am Schwulenstrich.

Das Gebäude selbst ist 279 Meter hoch, und darunter ist eine Kirche eingebaut. Sollte jemand springen, könnte er quasi im Fly-by-Verfahren Absolution beantragen. (Alles in den gestrigen Arbeitspausen recherchiert)

Der in meinen Augen bemerkenswerteste Satz in diesem Beitrag der NY Times lautet:

So far, these people said, most customers and clients remained committed to Citigroup.

Auf Deutsch: Jetzt ist nur noch die Frage, ob diejenigen, die nicht "most" sind, schon ausreichen, um die Citigroup zum Einsturz zu bringen. Man sagt allgemein, 5-8% Abzüge innerhalb von einer Woche reicht locker aus, um jede Bank dieser Welt über die Klippe zu bringen.

Can I haz credit?

Das fragen vermutlich auch die Kunden der Downey Savings and Loan Association und der PFF Bank & Trust in Kalifornien sowie der The Community Bank in Georgia. Kostet unsere amerikanischen Counterpart Risiken satte 2,3 Milliarden Dollar ihrer Einlagensicherung.

Hätte ich dem kommenden Präsidenten der UdSSA einen Kredit für die Wahlkämpfe auf sein "Change"-Versprechen hin gegeben, würde ich jetzt mein Geld zurückfordern. Die Aussenministerin ist eine abgewirtschaftete Politikcharge von vorgestern, der Gesundheitsminister ist ein Lobbyist der Pharmebranche, und der Finanzminister wird ein Zentralbankenmanager, der die ganze Katastrophe an leitender Stelle mit zugelassen hat.

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: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Freitag, 21. November 2008

Death to the Citi

Uh-oh, leider bin ich heute den ganzen Tag beschäftigt, und das verhindert, dass ich mir den Fortgang um die Ereignisse rund um die Citibank antun kann. Es ist Freitag, bank closing friday, und die Citibank (2,1 Billionen Dollar Assets, aber gleich 40 Billionen Derivate, von denen manche genz schnell wertlos werden könnten) verspricht, die neue Washington Mutual zu werden. Wenn eine Bank wie Citi überlegt, sich ganz schnell teilweise oder komplett zu verkaufen, muss man sich um deren Zukunft keine grossen Gedanken mehr machen. Das wird nochmal ein lustiges Wochenende für die Vollversager Bernanke und Paulson in Washington, wenn sie vor Eröffnung der asiatischen Börsen eine Lösung vorweisen wollen.



Blöderweise haben die meisten Banken schon andere Banken übernommen. Aber vielleicht können die Büttel des Bush ja Goldman Sachs überzeugen, das Ding mit ein paar Milliarden Morgengabe zu heiraten. Was an der ganzen Geschichte positiv sein soll, um deutsche Risikobanken wie die hypo Real estate nach oben zu treiben, verstehen allenfalls die Irren an der Deutschen Börse. Vielleicht sollte man einfach eine amerikanische Bank machen, die dem Staat gehört, und die Idioten in die Geschlossene einweisen.

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: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Freitag, 21. November 2008

Dümmer als die Bayern, mieser als die CSU

Ist es nicht prima? Man fährt am Tegernsee los, und als man glaubt, man wäre in München um die Ecke der BayernLB in den tiefsten Niederungen des schwarzen Filzes angekommen -


genau dann schnappt einem Stuttgart den Titel der Schande weg; es gewährt der Herr Öttinger aus Baden-Württemberg mit seiner schwäbischen Landesbank doch tatsächlich dem steuervermeidenden Milliardär Merckle einen Überbrückungskredit nach seiner gescheiterten Privatzockerei. Aber wer einen Filbinger zum Widerständler stilisiert, glaubt sicher auch an den ehrenwerten Geschäftsmann und dessen lautere Absichten.

Ganz ehrlich: Mit so einem Regime im Westen und der drohenden, von hessischen Idioten gewählten Stahlhelmunterdrückung im Nordwesten bin ich inzwischen wirklich froh, im relativ normalen Bayern zu wohnen.



(Ausserdem hatten wir hier am Alpenrand ganz phantastisches Wetter am Nachmittag - im Gegensatz zu Restdeutschland)

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Mehr tun für Reiche

Nach der Pleite des Rich Magazins wurde gestern auch der Tod von Park Avenue verkündet, diesem traurigen Versuch von Gruner+Jahr, im Markt der Besserverdienenden oder derer, die es sein wollen, mit einem man hört ostdeutschen Von-Posterboy und not eligable Pressepersonal etwas zu bewegen. Und auch bei Conde Nast wird mit der Axt geschwungen - ich bin froh, dass mein Hals nicht "Vanity Fair Deutsch" heisst. Sollte hier auch noch der Kopf rollen, war´s das schon wieder mit den Versuchen, in Deutschland ein Magazin zu machen, das reiche Leser kräftig unterfordert und sich an Deppen wendet, die mit Gratis-DVD und Softporno drittklassiger Medienfiguren zum Kauf zu bewegen sind, um damit ihren Eintritt in den Club der D.V.D.S.P.M.D.D. (DVDSoftPornoMedienDreckDeppen) (bitte aus Marmor und mit 24-Karat Echtgold Buchstaben) zu erlangen. Derweilen dort, wo die Reichen sind:



Langeweile. Ich habe schon mal für Nichtreiche - Journalisten sind in aller Regel weder reich, noch haben sie tiefergehende Bekanntschaft mit Reichen, und kennen auch deren Welt nicht - dargelegt, wie man bei uns, sei es nun am See oder im Westviertel, eingestellt ist. Für diese Leute sind besagte Magazine nichts, was man rumliegen lassen könnte. Es sagt nichts aus über das, was man sein möchte; es brächte eine Welt in eine bessere Region, zu der man dort glücklicherweise nicht gehören muss. Frau S., die hier ab und an auftaucht und etwas oberhalb dieser Szenerie mit ihrem Chauffeur und etlichen Freundinnen ähnlicher Natur lebt, hat keinen dezenten Lebensstil, aber sie lebt doch so im Verborgenen, dass es über sie im Internet nichts gibt. Nie würde es ihr einfallen, auf eine Veranstaltung zu gehen, bei der man am Ende abgelichtet und, die Falten vom Blitz grässlich ausgeleuchtet, auf den letzten Seiten irgendwelcher Friseurrumlegerlis auftauchen würde.

Gerade jetzt, in der Krise, im Winter. Man zieht sich zurück. Man ist wieder mehr daheim. Man lebt von den angehäuften Reserven und lässt den Rolls nicht mehr auf der Strasse stehen. Bitte, das ist kein Witz, neben Frau S. wohnt der Besitzer eine Privatklinik im Tegernseer Tal, der seinen Rolls bei schönem Wetter auf der Strasse stehen liess, obwohl er zwei Doppelgaragen hat. Jetzt ist der Rolls immer drinnen. Natürlich ist das nicht besonders spannend, und wenn es um die schweren Verluste geht, die die meisten hier mit ihren cleveren Schiffsfonds, den Hedgies und Immobilien in den D-Lagen Ostdeutschlands hinnehmen mussten, entsteht sogar etwas wie Unwohlsein.



Insofern wäre da ein Markt. Reiche hassen jedes Gefühl des Unwohlseins. Sie hassen es, wenn es alltäglich begründet und nicht exklusiv ist und auch in den schlechtesten Familien vorkommt, sagen wir mal, Falten, drogenschluckende Kinder, Neureiche und abgelaufenes Essen, bei dem sie sich mit der Auffassung, es ginge schon noch, verspekulieren. Was Reiche aber noch mehr hassen - und dazu haben sie momentan allen Grund - ist das Gefühl, dass sie allein wirklich schwer betroffen sind. Für einen entlassenen FTDödel geht es um 40.000 Euro Einkommen im Jahr, abgefedert durch staatliche Leistungen, aber wer am Leeberg letzten Januar glaubte, dass Mercedes so schnell nicht mehr so günstig zu haben wäre, muss selbst mit seinen Verlusten klarkommen. Verluste, für die man einen FTDödel 10 Jahre als Fussabstreifer in Privatsekretätausführung hätte mieten können. Das sind Verluste, so schnell, so brutal, so gross, wie man sie sich da unten nicht vorstellen kann, weil man da unten diese Form von Reichtum gar nicht kennt. Ich weiss, dass manchen Lesern jetzt wieder die Spucke wegbleibt - beispielsweise den pseudolinken Vollkoofmichs in Berlin mit "Testen Sie ihr beschissenes Glotzenwissen"-Bannern von T-Stasi - aber so ist es nun mal aus der Sicht der anderen. Nicht meiner, ich versuche nur, zu erklären.

All die verlorenen Vermögen der Krise gehörten bislang den Reichen. Dass es so lange - anderthalb Jahre - keinen richtig harten Crash gab, liegt daran, dass die Reichen die Knautschzone zwischen der Krise und der realen Wirtschaft waren. Natürlich geht es denen da oben am Leeberg, in Quirin oder den besseren Ecken von Rottach immer noch gut. Aber das Schlimmste an der Krise ist die Langeweile. Man hätte gerne etwas Ablenkung. Kluge Geschichten, gebildete Autoren, eine nette Unterhaltung, wenn das Feuer im Kamin brennt. Es würde im Moment keinen Sinn machen, sagen wir mal, einen Maybach zu offerieren oder eine 250.000 Euro teure Weltreise mit dem Schiff, oder ein paar Wochen Shoppen in Davos - shoppen geht übrigens gar nicht, man kauft, weil man entdeckt hat, dass man etwas unbedingt braucht. Was absolut nicht geht, sind klotzige Uhren mit Ghettoblingblingoptik und Patekpreisen, oder Neureiche ansprechende Koffer mit Plastikarmierung, deren Auswahl möglicherweise von Leuten besorgt wurde, die eine Nacht in einer viertklassigen Trinkhalle in Düsseldorf eingesperrt waren (http://www.fivetonine-shop.de/).



Ich denke, Unterhaltung für Reiche könnte beispielsweise so aussehen wie die Perrinpost. Es könnten Texte sein, die die erzwungene Reduktion als zeitgemäss betrachten und das Wegstellen des Rolls als Fortschritt aufzeigen. Man darf nicht vergessen, dass auch Reiche sich an Kleinigkeiten erfreuen, und ihre Gärten könnten nächstes Jahr vielleicht mit etwas weniger Klimbim verunstaltet werden. In harten Zeiten ist Trost und Mitleid gefragt, allgemein natürlich, und wenn doch jemand als Beispiel für Versagen aufgezeigt wird, dann bitte ein Neureicher. Oder ein russischer Oligarch. Reiche haben auch Feindbilder. Naturgemäss stehen nächstes Jahr auch viele Hochzeiten und Zweithochzeiten an, denn ich schlechten Zeiten soll man seine Kinder besser aufräumen - Vorschläge sind hochwillkommen, wie auch Ratschläge zur Taxierung von Vermögen in schweren Zeiten, denn auch Ehen beherbergen Counterparty Risks in beträchtlicher Höhe. Bei der Gelegenheit könnte natürlich auch ein Gesellschaftsteil helfen, der die Einordung anderer Reicher erleichtert und Agenturbesitzer, Startupper, Private Equity Manager und andere Blender ausschliesst.

Sollten Sie also zufällig Verleger sein, oder leitender Redakteur einer besseren Zeitung oder zentraleuropäischer Multimillionär, zögern sie nicht, etwas in diese Richtung zu versuchen. Man kauft heute keinen neuen Bentley mehr, gern aber Magazine, die einem erzählen, dass man zu der Schicht gehört, die sich das jederzeit leisten könnte. "Mir langt´s", sagte etwa meine Grossmutter immer, wenn man sie nach ihrem Vermögen befragte - und sie hatte damit natürlich wie immer recht. Wenn Sie recht haben wollen, machen Sie es anders als die Grosskotzmagazine, gehen Sie zum Geld und nicht zum Zertifikat, zum Schmied und nicht zum Schmidl, besuchen Sie den Tegernsee und schreiben Sie für Leute, die sich die 20 Euro für gute Unterhaltung und Sozialprestige gerne leisten werden.

Edit: Tot und billig jedenfalls lohnt sich nicht.

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