Samstag, 6. Dezember 2008
Der Davoser Nerv
Wir wissen, was das bedeutet: Winter in den grossen Städten. Manche von uns haben noch das Glück, in einer Stadt zu leben, deren sonstige Rahmenbedingungen angenehm sind; sei es die freundliche Natur der Menschen, Sauberkeit, Vermögen und eine gesunde, weise Verwaltung; manch andere bleiben allein mit Grau und Matsch in einer menschlichen Wüste, und andere mussten sogar Winter in Berlin überleben. Das einzige Positive, was uns dazu einfällt, ist die Leichtigkeit, mit der man in Berlin im Winter beischläft; einfach, weil es nichts Schlimmeres geben kann als eine einsame, kalte Februarnacht nach einem dunkelgrauen Tag in dieser schmutziggrauen Stadt unter bleigrauem Himmel, und dazu über Wochen die sibirische Kälte in den breiten Strassen, die alle Menschen alt, mürrisch und hässlich macht. Man muss irgendetwas tun, um dem zu entfliehen, und weil die Alternativen selten und teuer sind, gehen wir dort manchmal miteinander ins Bett.

Ziemlich oft jedoch sitzen wir einfach nur in der Küche, schauen dem Gegenüber beim Rauchen zu und kochen, nachdem wir dem Kühlschrank erheblich mehr als die verdorbene Zwiebel und die Medikamentendose, die wir dort vorfanden, hinzugefügt haben. Und erzählen, wie schön es wäre, jetzt nicht in Berlin zu sitzen und auch nicht auf den Bahamas, denn Kälte und Schnee braucht der Mensch, aber nicht so matschig und grau wie hier. Wir reden über die phänomenalen Frühstücksbuffets am Morgen in den Bergen, bevor es aus dem Schlosshotel hinausgeht zum Wintersport, das viele Essen und die Teesorten, aus denen wir wählen, das Dampfen des Kaffees, der in der Höhe wie ein Vulkan raucht, wenn die Sonne scheint und wir draussen sitzen können. Wir erzählen vom Phantomschmerz, nicht mehr mit unseren Eltern in die Berge fahren zu können, vom sternendurchwobenen Himmel über Chamonix, von den Auffahrten auf den Berg, während sich unten die Wolken in die Täler betten, als wären es plüschige Schafe. Und während sich das eintönige Grau von Horizont zu Horizont erstreckt, über der Wohnung der Person, für die wir nur kochen, glauben wir, dass irgendwo vielleicht die Sonne scheint, oder der Schnee die Tränen in die Augen treibt, wenn wir keine Brille im tosenden Unwetter tragen.

Wir erzählen, wie das ist, ohne den ganzen Outdoorkleidungskram aus Plastik und Hightech, so wie früher, mit dickem Leder und langen Socken, die Nässe und die Kälte direkt zu erleben und so auszusehen, als wären wir unser eigener Urgrossvater in seiner wilden Zeit, wir berichten vom derben Humor der Bergler, der direkt und ganz ohne diese verlogene Berliner Ironie ist, hier heisst die Steilkurve Geissalm-Reib´n, weil man von der Gravitationskraft in Eis, Schnee, Bretterwand und, wenn es ganz schlecht ausgeht, in die Tannen hineingerieben wird, als sei man ein Stück Appenzeller, der für die Tarte zerhobelt wird. Es gibt in unserer Erinnerung nicht nur die Weltmeisterstrecke in der Klamm, da ist der gefrorene Gebirgsee und der Gesang der Kufen auf dem Eis, es gibt schwarze Abfahrten, Buckelpisten und unberührten Neuschnee am Morgen, die letzte Abfahrt, wenn die Sonne längst verschwunden ist und der Himmel am östlichen Horizont dunkelblau wird, und unter den Stahlkanten der frierende Schnee knurrt, am Abend Überbackenes, Fettes, Schweres, die Stunden am Kachelofen, das Kerzenlicht, und der schwarze Schlaf voller Ruhe und Vergessen.

Es ist der Davoser Nerv, den wir da berühren, er schmerzt, und wir könnten ihn betäuben durch Frustkäufe der neuesten Elektronik und breiter Bildschirme, aber dazu müsste man raus in das nicht enden wollende Grau, das keine Nacht je zu erlösen scheint, oder Vergessen suchen in den bastardisierten Weihnachtsmärkten der Stadt, in denen man Eintritt verlangt und sich der Pöbel am Glühwein vorbesäuft, bevor es am Abend zur Molliparty geht. Wir könnten dort in China fabrizierte Erzgebirgskunst kaufen, oder schlechte Web2.0-Schokolade in billiger Verpackung bestellen, und es würde uns doch nur daran erinnern, welche internationalen Luxusmarken in Rottach für das gleiche Geld zu finden wären, Lexington zum Beispiel mit den besten Stoffen ihrer Weihnachtskollektion, die so grossherzig naiv sein kann, wie es Amerikaner in ihren besten Momenten nun mal sind. Die Schokolade würde uns nur an das kleine Häuschen von Eybel am Ufer des Sees vergegenwärtigen, das vollgepfropft ist mit echten Kostbarkeiten, die von Könnern gestaltet und gemischt sind, die genau wissen, was sie erschaffen, und was uns gefallen wird.
Wir reden und reden unter dem grauen Himmel und wollen eigentlich nur noch ins Bett, um am Körper des Gegenparts zu vergessen und die Wärme zu finden, die uns der Matsch und die Feuchtigkeit geraubt hat, und selbst dann schmerzt uns das Grau der Augen, das an die Welt da draussen erinnert, wir würden es lieben, wäre draussen ein Schneesturm oder das Funkeln der Brillianten am Firmament, wir könnten die Trinkschokolade im Bett löffeln, Bettwäschekataloge wälzen, vielleicht am Sonntag über den verschneiten Jaufenpass auf einen Kuchen nach Meran, und ganz ohne Hass sein auf den grauen Sarg, der noch Wochen alles Leben umfängt, so es sich nicht erlöst durch Selbstmord. Oder Wegzug.
... link (25 Kommentare) ... comment
Alteisen
Jenseits der 40... das klingt ja fast schon wie Krückstock oder Rollator... ich sage es mal so. Gestern war ich auf dem Berg, und bis ungefähr 1100 Höhenmeter kam ich mir dumm vor. Da stand ich im grünen, frühlingshaften Wald, mit einem schweren Davoser am Arm. Einen Schlitten hochziehen mag gehen, aber mit so einem schweren Trumm diretissima hochkraxeln ist eine andere Sache: Hart, schweisstreibend und angesichts der Umgebung blöd. Dummheit, denkt man sich, ist kein Privileg der Jugend.
Die Jugend traf ich dann beim letzten Aufstieg, als alles schon vereist war: Ein Waldbauer, der einen Baum zuschnitt, an seinen Traktor hängte und mir damit die Rodelstrecke ruinierte. Selten habe ich jemand so missmutig mit der Kettensäge hantieren sehen, und ich dachte mir: Junger Mann, früher wäre das anders gewesen. Früher hättest du diesen Baum mit einem grossen Hörnerschlitten ins Tal bringen müssen, und eine Fehlbremsung, ein Steinbrocken, der eine Kurve verursacht, und der Baum könnte es sich nochmal aussuchen, ob er seinen Schlächter von Hinten kommend den Schädel platzen lassen möchte, oder ihn beim Überschlag in das Eis rubbelt. Mein lieber junger Mann, du bist so missmutig, weil das hier langweilige Arbeit ist. Mit so einem Hornschlitten hättest du jetzt Angst und unten würdest du die Wirtstochter schwängern, das Leben will nachher sein Recht, weil das alles nachher raus muss, diese Gratwanderung zwischen Geschwindigkeit und Tod, die uns so viele hübsche schmiedeeiserne Kreuzerl unten in Gmund beschert hat, mit Bildern von Männern im besten Alter.

Weiter oben war dann Schnee. Und wie es so ist: Man rauscht hinab, das Panorama vor Augen, und schwupps rast man an der richtigen Kehre vorbei und muss wieder hoch. Runter kommen sie bekanntlich alle, aber nach Gasse gibt es, nachdem der andere Weg vom Waldbauer ruiniert war, nur einen Steilweg, und der ist in Zeiten wie diesen eher eisig und ungeeignet für Rodel. Ich würde da nicht mit Skiern runterfahren, und auf ein paar Meter Schlittenschleppen kam es mir auch nicht mehr an. Nur war ich zwischen einem älteren Ehepaar, er vornedran marschierend und sie ängstlich zurückbleibend. Der Weg ist sehr schmal, manchmal nur ein Meter zwischen Baum und Abgrund, und als ich an ihm vorbeikam, machten wir ein kleines Berglerschwätzchen, wie man es halt so macht.
Der alte Mann, 70plus auf alle Fälle, meinte, es sei währscheinlich trotz des Abgrunds sicherer, die Strecke zu rodeln, und wenn er einen Rodel dabei hätte, dann, ja dann, und so kam eines zum anderen, und ein mittelalter und ein sehr alter Depp probierten es aus, ob es wirklich ungefährlicher ist. Nun, ich war dabei und kann sagen: Nein, es ist nicht ungefährlicher, besonders bei der Links-Rechts-Kombination oberhalb des Wurzelfeldes, wo es hineingeht, wenn man die zweite Kurve nicht kriegt. Was man mit 180 Kilo Gesamtgewicht auf Stahlkufen und Eis gegen die Schwerkraft erst mal schaffen muss. Seine Frau jedenfalls war not amused. Ich schon. Er auch.

Ich halte absolut nichts von der Vorstellung, die restlichen 50, 60 Jahre meines Erdendaseins der Risikovorsorge zu widmen. Ich würde keine explizite Dunmheit machen, wie etwa im Bananenröckchen solche Strecken fahren. Oder mit falscher Ausrüstung auf Berge steigen. Aber ich glaube fest daran, dass ein wenig Risiko und ein paar schlecht platzierte Bäume gut sind für den Organismus, weil der Mensch bauartbedingt nicht für das gemacht ist, was viele tun: In einem Büro sitzen und irgendwas rumtippen, während 90% des Körpers nur Ballast sind, der in einem möglichst ergonomischen Stuhl vor Schäden durch Rumsitzen geschützt wird. Bis vor drei Generationen war der Bürostuhl die Ausnahme und der eisige Wald normal, und so schnell schaltet die Evolution unsere Spezies nicht auf Wellness-Workout-Ausgleichssport um.
Was für den Körper gilt, gilt auch für den Geist: Die Angst, wenn der Rodel zu schnell für die Kurve wird und hinten ausbricht, wenn die Kufen sich in das Eis knirschen und man hofft, sie scharf genug geschliffen zu haben, ist eine ganz andere Angst als, sagen wir mal, einen Betrag falsch zu buchen oder eine Deadline nicht zu packen. Es ist eine existenzielle Angst, die den ganzen Körper und das Gehirn fordert, man lernt etwas über Schwerkraft und Geschwindigkeit, das ist keine Übung, und wenn man es schafft und sich wieder in die Horizontale legt, und es wird schneller und schneller, wenn dann wieder in den Kurven die Eisbrocken fliegen, ist es...
notwendig. Ab und zu einfach notwendig, um sich zu erinnern, dass man Fleisch und Blut ist, Angst und Schmerzen, dumm und mutig, und nicht nur so ein Depp aus´m Internet, Computersklaven und Festplattenwichser, für den das grösste Drama ein Schnitt im Finger ist, weil er dann nicht mehr tippen kann, oder gar eine Risikobegrenzungsüberlegung, sondern - so lange wie irgend möglich - ein Geschoss voller Leben und Gier.
Die Reformhausbesitzerstochter schaut übrigens toll aus.
... link (38 Kommentare) ... comment
Empfehlung heute - Ich will endlich
... link (12 Kommentare) ... comment
: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :
Donnerstag, 4. Dezember 2008
Ski und Rodel gut, Medien und Obama schlecht
Falco, der Komissar
Hätte man mich gefragt: Wie willst du deinen 4. Dezember und die folgenden Wintertage, dann hätte ich in etwa an sowas gedacht:

Ich bin, schneller als ich dachte und eine Gelegenheit am Schopfe greifend, wieder am Tegernsee. Hinten auf dem Wagen ist mein Rodel drauf, ein alt-neuer Sportrodel aus Eschenholz übrigens, den ich am Wochenende auf einem Antikmarkt erstand, mit der Typbezeichnung "Davos". Ich mein, Davos, aber hallo, wir sind schliesslich alle Graubündener. Davoser haben den grossen Vorteil. dass man beim Sturz nicht mit dem männlichen Hörnchen in die Hörner des Hörnerschlittens knallt. Ausserdem hat er einen harten Brettsitz für harte Männer. Mit dem werde ich jetzt dann den Berg runterrasen, der im Hintergrund des Frühstücks zu sehen ist.

Man kann hier draussen frühstücken, denn auf der geschützten Terrasse ist es wirklich warm und angenehm. Während die Kürbistarte auskühlt, gibt es heisse Zitrone und eine Semmel mit Tete de moine und Feldsalat, danach Tee und zum Abschluss Mandarinen. Sport ist zwar bekanntlich Mord und die Rodelstrecke die Neureuth runter ganz besonders, aber wenn schon, dann mit einem vollen Magen, der ausserdem gut für die Geschwindigkeit ist. Schnell sein durch essen. Ein toller Sport.
Es gibt sie also noch, die schönen Ecken des Bayernlandes. Eine unschäne Ecke beginnen die Medien gerade erst zu entdecken - die Milliardenrisiken der Hypo Alpe Adria, einer Tochter der BayernLB. Die Medien entdecken das jetzt, weil die Bank aus Kärnten gerade das öffentlich zugibt, was man schon vor sieben Wochen hat lesen können - auf diesem Blog hier, als die Medien teils zu dumm, teils einfach zu feige waren, das Thema aufzugreifen. Man wird verstehen, warum mein Mitleid mit den sog. "Kollegen" der gerupften Wirtschaftspresse nur mässig ausgeprägt ist, wenn sie jetzt das übliche Schicksal feiger Schweine erleben - und ich hier als freier Wildeber weiter grunzend durch die Schneisen fege.
Und dabei auch eine Obama und seine Leute angrunze - denn von denen ist nicht zu erwarten, dass die Finanzkrise irgendwie gelöst wird. Gestern wurde bekannt, dass parteiübergreifend und mit dem ausdrücklichen Wunsch Obamas an billigen Krediten für Hauskäufe gearbeitet wird, mit sagenhaft niedrigen 4,5% Zinsen. Da hat man also eine Kreditkrise, weil zu viele Häuser für Leute gebaut wurden, die es sich nicht leisten können. Und nun sollen Leute diese in Probleme geratenen Häuser aufkaufen - welche Leute eigentlich? Die, die sich kein Haus leisten können? Die, die schon pleite sind? Die, die Probleme haben, ihre Kredite zu bezahlen? Und das alles nur, um die Hauspreise auf einem Niveau zu halten, auf dem sie überbewertet sind.
Auf den ersten Blick ist das die nächste Blasew, aber auf dem zweiten Blick ein Spiel mit der Hyperinflation. Es gibt genau zwei Methoden, um eine Immobilienblase abzubauen: Entweder die Preise fallen - das hatten wir bisher. Oder, wie es jetzt versucht wird, die Preise bleiben. Formal. Aber aufgrund der nachgedruckten Geldscheine für jeden, der ein Haus kaufen will, ist das Geld weniger wert. Natürlich ist das eine Option für den Verschwenderstaat UdSSA, so macht man seine Schulden klein, das Geld ist billig, die Leute werden wieder zuversichtlich, und wer ohnehin nur Schulden hat, kann gut lachen. Vorerst. Obama und Freunde verschieben das Problem auf irgendwann, wenn die Währung zusammenbricht, zum Schaden aller, die amerikanische Schulden gekauft haben, und eines ohnehin schon labilen Weltwirtschaftssystems. Während der Börsencretin und seine Medien jubeln und die Kurse nach oben schnellen, findet man die richtige Analyse mal wieder in den Blogs.
... link (13 Kommentare) ... comment
: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :
Mittwoch, 3. Dezember 2008
Ein kleines Stück Kürbis

Grossbild hier, Mittelbild hier
Erst mal als Foodporn verbloggen. Und nachher mache ich eine Kürbistarte. Zur Feier des Tages. Also, meines Tages. Wäre ich General Motors und bräuchte schlanke 4 Milliarden sofort, um das Ende des Jahres zu überleben, oder ein amerikanischer Abgeordneter und müsste den Vollversagern von Cerberus und ihrer Klitsche Chrysler 7 Milliarden hinterherwerfen - und das alles nur für den Anfang - oder generell wohnhaft in den UdSSA, würde ich anfangen, mich an billige Hotdogs zu gewöhnen.
Und zwar von der falschen Seite des Rollwägelchens aus.
... link (10 Kommentare) ... comment
Gute Nachrichten für Rebellmarkt-Hasser
5 Jahre Rebellen ohne Markt
überstanden, höchstens mit ein paar Magengeschwüren und schlechten Wünschen.
historischer, scheinheiliger rotschopf mit verdrehten augen aus einem unaufgeklärten zeitalter, dessen fossilien im sumpf der berliner kuschelkaufs überlebt haben
Mit etwas Glück und einer unschönen Einstellung höherer Mächte gegen mich müsst Ihr vielleicht nur noch 10 mal 5 Jahre mit dieser hübschen Seite leben. Na? Ist das nicht prima? Also, hoch Eure hässlichen, usauberen Kaffeemugs!
... link (56 Kommentare) ... comment
: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :
Dienstag, 2. Dezember 2008
Boomurbanistik

Als der Hauptstamm meiner Familie das Haus erwarb, in dem ich jetzt schreibe, hatte der Ort 5000 Einwohner. Als ich in diesem Haus geboren wurde, waren es 60.00. Heute sind es mehr als doppelt so viele, Tendenz weiter steigend. Und wer hier wohnt und arbeiten will, arbeitet hier auch. Es gibt keinen Arbeitsplatzmangel, und für eine Grossstadt vergleichsweise minimale soziale Vewerfungen - und die wiederum in den Ecken der Stadt, in denen man unter Kohl meinte, Russlanddeutsche vor dem Kommunismus retten zu müssen. Das Wachstum hat alle mitgenommen, aus armen Schluckern wurden Facharbeiter, deren Entlohnung für einen hippen Berliner vermutlich ein Schock wäre, aus Abiturienten werden Manager, und die alte Oberschicht hat es geschafft, oben zu bleiben. Schliesslich gehörte ihnen früher das, wo jetzt die anderen sind, und manchmal gehört es ihnen bis heute. Man könnte sich zufrieden zurücklehnen und einfach zuschauen, Generation um Generation, wie das Geld reinkommt, sich durch den Konsum und den Bedarf verteilt und einen reichen, fetten Klops im Donautal macht. Gross, geschmacklos, prall, sicher auch etwas beschränkt und ein Hohn für alle Regionen, denen es dreckig geht. Das hier ist die richtige Seite.

Trotzdem gibt es Ängste, grosse Ängste. Schliesslich ist die Autobranche zu einer tödlichen Grube geworden, aus der man sich herausbetteln muss. Die Produkte des Autoherstellers sind gut und begehrt, aber auch ziemlich teuer. Die monatlichen Zulassungs- und Absatzstatistiken sind ein Quell steter Ängste, es könnte irgendwann vorbei sein. Den Neuzuwanderern kann es vergleichsweise egal sein, die gehen dann vielleicht wirder oder werden frühpensioniert. Aber die, die hier bleiben und schon immer da waren, sind vom weiteren Erfolg der gefrässigen Firma vor der Stadt abhängig. Bisher, auch diesmal, hat die Fima kein Problem, die Ängste zu zerstreuen. man sitzt hier, liest die entsetzlichen Zahlen von Opel - minus 38% -, und fragt sich, wie das jetzt in Rüsselsheim sein muss. Anders als hier, wo ich heute an der Kasse zehn Minuten warten musste, um meine neue Springform zu bezahlen. Wer hier wohnt und, wie die meisten Eltern meiner Bekannten, kein Internet hat, kennt die Finanzkrise nur aus der zeitung als etwas weit Entferntes, das sie Depots gemeinerweise schmälert. Auf den Hinweis, dass es auch hie schwerer werden könnte, sagen sie, de Seehofer werde seine Stadt schon nicht verkommen lassen.

(es ist gar nicht so leicht, hier ein bild von vandalismus zusammen (!) mit einem länger nicht gestrichenen Zaun zu finden)
Inzwischen sickert durch, dass es auch sehr bald ein Elektroauto geben wird, das wirklich funktioniert und schick ist, Benzinsparer und noch so ein paar Dinge, die die bessere Gesellschaft beruhigen. Die Kriminalität ist niedrig, es gibt keine Sprayerpest, es ist alles nur grösser geworden, aber nicht wirklich anders. Landschaftlich ist es hier noch immer nicht reizvoll, aber wenn man erwähnt, dass man sich da und dort eine Wohnung gekauft hat, mit See, Berg, oder mehr, ist die typische Antwort, dass der eine und andere dort ja auch was hat. Alle profitieren, keiner geht leer aus, es ist zwar inzwischen ganz schön teuer, aber man kann es sich umgekehrt auch leisten. Rs bleibt bei manchen die Angst und bei mir auch das Wissen, dass es nicht immer so wid weitergehen können, nichts hält ewig, aber vielleicht wird es dann anders weitergehen, und nicht Detroit oder Wedding an der Donau. Oder Bayerisch-Rüsselsheim.
... link (13 Kommentare) ... comment
Christbaumkugeln, die mir gefallen könnten

Gerade Weihnachten 2009, das dem hoffnungsfrohen Wort "Jahresendrally" eine neue Bedeutung und vielen Menschen die Chance einer beruflichen Veränderung gibt, um es mal sozialverträglich zu sagen, böte sich für dieses Sujet am Baum wirklich an.
Übrigens hört man von mit der Thematik vertrauter Seite, dass die diesjährigen Weihnachtsauktionen üppige Angebote vorweisen - so mancher Münchner atellt gerade fest, dass, wie man hier sagt, nix gwies is, und trennt sich so von Teilen seiner künstlerischen Habe. Ein letzthin unfreiwillig bekannt gewordenes Bankhaus in der schönen Isarstadt etwa hatte ein Aktienprogramm für Mitarbeiter, das man nicht wirklich ablehnen konnte, und so legte man brav einen Teil des Lohns in den Geschäften des eigenen Hauses an. Und die haben mit die schlechtesten Ergebnisse dieses ohnehin schon schlechten Jahres. Wenn man dann noch Schulden abbezahlen muss, gobt man vielleicht doch etwas moderne Kunst in einen Kreislauf, der gerade zu verstopfen droht. Besitzer alter Meister stehen da noch relativ gut da. Noch.
... link (9 Kommentare) ... comment
: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :
Montag, 1. Dezember 2008
Ihr müsst jetzt ganz hart sein.


Das ist der eigentliche Grund, warum Medien nie verstehen werden, wie das mit dem Bloggen geht.
... link (13 Kommentare) ... comment
Manipulationsmöglichkeiten v0n Sascha Lobo
... link (1 Kommentar) ... comment
: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :
Montag, 1. Dezember 2008
BayernND
Es gibt so Beiträge, da braucht man etwas Zeit. Die Vorgänge um die bayerische Landesbank jedenfalls versetzen auch mich, der ich einige Zeit in der Landespolitik gearbeitet habe, in Erstaunen. Man hat sich ja einiges vorstellen können, 3 bis 5 Milliarden Verluste wurden schon im Frühjahr vermunkelt, aber das, was jetzt kommt, sprengt doch alles Vorstellbare: Die Sparkassen scheiden aus und müssen vermutlich 1,4 Milliarden weitgehend abschreiben, und der Freistaat - und damit wir alle - zahlt drauf. Weit mehr als das, was die Bank in den letzten Jahrzehnten als Gewinn eingefahren hat. Und dann gibt es noch mindestens einen grossen Komplex, der in der Öffentlichkeit nicht gross besprochen wird - die Süddeutsche Zeitung etwa hat aus unerfindlichen Gründen beide Augen fest zugedrückt - der noch böse ins Kontor schlagen kann.

In der CSU-Fraktion sammelt man vermutlich für Kerzen und die Rutschwahlfahrt nach Altötting, denn diese Krise ist nichts, für das diese Herren sowas wie eine Lösung hätten. Wie auch. Die BayernLB ist ein Vehikel der Grossmannssucht, mit der man im Osten und weltweit Gewinne und auch Politik machen wollte. Das Ding hat offensichtlich weder Bremse noch Rückwärtsgang, und die Lenkung funktioniert auch dann nicht, wenn man Teile der Besatzung über Bord wirft. Und das, obwohl die Lohnkosten das allerkleinste Problem der Bank sind. Der gemeine CSU-Parlamentarier versteht davon so viel wie der Halbaffe von Raumfahrt, und die besten Kräfte der Partei sind relativ dazu vor dem Neandertaler* hängengeblieben.
Die Bank werden sie schrumpfen, die Auslandstöchter für kleinstes Geld verkaufen - aber die Schulden, die Verpflichtungen und die miesen Papiere werden bleiben. Zusammen mit den politisch gewollten und verantworteten Altlasten könnte eine Lösung eine Bad Bank sein, wie das Vehikel der Schweizer für die maroden Papiere der UBS. Damit könnte man die alten Geschichten auch etwas der Kontrolle entziehen, und den schmerzhaften Prozess der Refinanzierung der Bank etwas strecken. Aber ich fresse einen Besen, wenn die Geschichte weniger als 15 Milliarden tatsächlichen Finanzbedarf jenseits von Sicherungen bis Mitte 2009 eingespielt hat. Wenn schon die Sparkassen Angst haben, in den Untergang gerissen zu werden, muss es schlimm sein, viel schlimmer als bislang zugegeben.
Andererseits wird der Sparkurs auch ein paar Projekte begrenzen, die weniger schön sind. Manches Luxushotel, viele Shoppingcenter und vielleicht auch die neue Startbahn am Münchner Flughafen werden nicht mehr so leicht realisiert werden können. Die CSU wird nicht mehr nach Gusto in Osteuropa konservative Parteien päppeln. Und vielleicht kommt es auch mal zu einer Abrechnung mit der Ära Stoiber, die die CSU anpacken sollte, bevor die Wähler sie in die Bedeutungslosigkeit treten. Es gibt in diesem Land ein paar Faktoren, die den Crash der Landesbank nicht so hart durchschlagen lassen wird, wie der Niedergang ihrer Schwestern in Sachsen oder NRW. Trotzdem ist es in höchstem Masse nervend, nach einem ganzen Leben unter diesem verkommenen Regime jetzt, da es teilweise abgewählt ist, auch noch dafür zahlen zu müssen. Ein höhnisches Lachen bleibt da nur für die karrieregeilen FDPler, die eine Beteiligung an der Macht wollten und einen Anteil am grossen Jauchekrug Urinator Financialis bekommen.
1, 2, 3, gsuffa.
*Der Neandertaler (Homo sapiens neanderthalensis) ist der erste Mensch, dem ein dauerhaftes Überleben in Bayern zumindest in den ersten Phasen der letzten Eiszeit gelang, und der vor dem Kältemaximum die Intelligenz besass, sich rechtzeitig aus dem Staub zu machen. Man sieht: Soweit ist die CSU definitiv nicht. Vielleicht Homo Heidelbergensis (Schwaben. Naja. Hätte man sich denken können. Man führe sich den Waigel vor Augen.)
... link (24 Kommentare) ... comment
Risikohunger

Noch nie habe ich so vorsichtig die Glühbirnen eingeschraubt wie heute, jede Fassung einzeln und einem Sicherungsschalter dazwischen, damit mir nicht die ganze Bude ausgeht - weiter unten schreibt gerade jemand an der Abschlussarbeit, heute ist der letzte Tag, und diese Ausrede für den Absturz des Rechners wäre dann doch zu exotisch gewesen. Alle Fassungen waren marode, alle Kabel durchgeschmort, und was an Isolierung nicht verkokelt war, war brüchig und bröselte aus den Halterungen. Ud warum? damit ich keinen Platz habe, wo ich ihn hängen kann. Aber hergeben werde ich ihn nach dem Stress und 10 Stunden nächtlicher Fieselarbeit auch nicht. Ich habe zu viel gelitten, geblutet und gezittert. Wir finden schon einen Ort.
Was tut man nach all der Arbeit? Man geht sich erholen. Ah, Sonntag, wie wäre es mit - Flohmarkt? Wie wäre es mit etwas Neuem, Schönen, von mir aus sogar: Etwas, das man tatsächlich brauchen kann? Und wie es so ist: Bei der Suche nach Ersatzteilen für den Lüster bin ich in einer Schublade auf ein nicht vollständiges Bruckmann-Besteck gestossen, das zwar 30 Teile hatte, aber neben sechs Messern, Gabeln und Löffeln nur 12 Desertlöffel. Und keine Kuchengabel. Ohne Kuchengabel bringt das alles nichts, und die Hoffnung, irgendwann die fehlenden Stücke zu finden, hatte ich längst aufgegeben. Heute nun kam ich an einem Bierkrug - Oktoberfest 1992 -vorbei, in dem einiges an losem Besteck eingefüllt war. Darunter auch sechs Kuchengabeln, von denen ich dachte, sie wären doch... sie könnten... da war doch auch so ein Schwung bei den Bruckmannlöffeln und so ein Endbürzelchen - und für 4 Euro -

Nunähalso - Nein. Nicht wirklich, nicht ganz. Gerade mal so, dass man es zusammen verwenden könnte, ohne dass es auffallen müsste. Konjunktive jedoch sind immer schlecht, also geht die Suche weiter, vielleicht kommen irgendwann die passenden Gabeln.
Oder das passende Restbesteck.
Am Tegernsee ist übrigens eines mit dem passenden Bürzel. Aber ganz anders gechwungen. Hm.
... link (37 Kommentare) ... comment
: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :
Samstag, 29. November 2008
Die Angleichung
With some decorations bought at Tiffany's,
I really do believe in you,
Let's see if you believe in me.
Eartha Kitt, Santa Baby
Ah, der Herr Porcamadonna, ah Kirweihnudl? Do, nemmas glei zwoa, bittsche.
Grias di, Oivons, a Olivntschabbada? I gib da no ans, de san heid ned ganz afganga wiara sunsd. Jo, I woass, in Italien san de olle so floch, owa I konns bessa. Nua heid hob i d´Hefn zua schpäd niedoa.
A Schtickal Opfekuacha? I gib eana glei des resdliche Viadl mid, se vadrong des scho. Ah geh. Sie miassn mea essn, Herr Porcamadonna, sunst schaugn´S aus wiara Haaring.
Jo, Orchiette homma heut a, gonz frisch. I dua dia a bissel mea nei.
Herr Porcamadonna? Herr Porcamadonna! Do, den Kranz schenk I eana, denkan´S an uns und a schens Wochnend.

So also kommt es dazu, dass es auch bei mir in gewissen jahreszeittypischen Details so aussieht, wie bei manch anderen Leuten auch. Nur falls sich jemand wundern sollte, warum ich - ausgerechnet - einen Adventskranz habe, und für die nächste Woche keine Einkäufe mehr brauche. Der Fressstress dieser Tage beginnt bei uns nicht Ende Dezember, sondern bereits Ende November, wenn man auf den Markt geht und allseits bekannt ist. Es ist hart, ich habe zu kämpfen, es ist eine Herausforderung - schliesslich muss der Apfelkuchen frisch gegessen werden - aber ich liebe es. Es gibt ja die Theorie, dass die menschliche Geschichte vor allem vom Essen und seiner Abwesenheit getrieben ist, was wir uns heute im grossen, gesamtgesellschaftlichen Rahmen nicht mehr vorstellen können, schliesslich spuckt in der Regel die Tiefkühltruhe irgendwelche Brocken aus, und Frischkäse lagert wochenlang in Plastikschachteln, aber wer weiss, ob das Thema der Nahrungsknappheit nicht bald wieder umfassend auf der Tagesordnung steht. Man spricht zwar allgemein von der Gefahr einer Deflation, aber mit etwas Pech gibt es einfach gegenläufige Entwicklungen: Der Grundbedarf wird so teuer, dass die Luxus spottbillig wird. DVD-Player, Digitalkameras, Computer, Handies und anderes Zeug, was man nicht jedes Jahr neu kaufen müsste, aber in unbegrenzten Mengen produziert wird, könnte bald billigst zu haben sein für den, der es braucht. Nahrungsmittel, wie die die Mehrheit konsumiert, sind dagegen in Deutschland künstlich extrem verbilligt, weil es einen scharfen Wettbewerb der Discounter und der TK-Abfallverwerter gibt. Sobald sich mit Billigkrusch aussenrum nichts mehr verdienen lässt, könnte sich das sehr schnell ändern. Trotzdem würde es den Anschein machen, als würde der Warenkorb, der der Inflationsberechnung zugrunde liegt, kaum teurer werden. Oder gar billiger.

Natürlich sind die Archetypen der finanziell Potenten immer noch die Leitbilder der Konsumanbieter, die Götzen, die "retreats for those invested in living" brauchen, wie es die Werbung einer nicht wirklich billigen Immobilienfirma anpreist. Nebenan werden zwei französische Blumenständer für 200,000 Dollar offeriert. Da ist noch viel Luft nach unten, die andernorts Luft nach oben lässt. Ich finde es erstaunlich, dass man diese Veränderung nicht in den Medien debattiert - vielleicht, weil die letzte derartige Krise der gegenläufigen Assetpreise die unmittelbare Zeit nach 45 war, an die man sich ungern erinnern mag. Vielleicht auch gar nicht erinnern muss, wenn man einen Retreat, einen Rückzugsort nicht braucht, sondern sowas wie eine, immer noch leicht unwillig gesagt, Heimat hat, die einen mit Speckschichten aufpolstert, als wäre man ein Plüschsofa für den Gebrauch am Kamin.
Morgen ff. werde ich dafür das Treppenhaus streichen. Für das Streichen von 50 Meter Gang kann man schon mal etwas mehr essen.
... link (25 Kommentare) ... comment
: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :
Freitag, 28. November 2008
Anders leben über der alten Stadt

Allerdings habe ich keinen Fernseher. Man muss sich nach Art der Alten die Nacht vertreiben. Wer lesen kann, ist hier klar im Vorteil. Es gibt übrigens kaum einen Ort, an dem sich Shelleys Frankenstein oder der Mönch von Lewis so eindringlich lesen.

Keine Angst vor den Hausdämonen, das Haus haben totalitäre Unterdrücker gebaut und Massenmörder sind hier gestorben, dagegen sind ein paar Tongeister wirklich harmlos. Die weisse Frau bleibt im ersten Stock. Also, sagte meine Grossmutter.

Und habe ich schon erzählt, dass vor genau 100 Jahren ein Stockwerk darunter eine Familie mit vier unverheirateten Töchtern in solchen Novembernächten von der Typhusepidemie hinweggerafft wurde, und man nicht konnte hinein, weil eine Leiche die Tür verklemmte? Nein? Nun, wünsche gut zu schlafen, im Charme der Altbauten und hinter dicken Mauern, durch die kein Schrei dringt.
... link (21 Kommentare) ... comment



