the media will not blog the revolution

Sie sind jung. Sie haben das Studium begonnen, als wir Top Dogs der New Economy die Zukunft vernichtet haben, mit Worten über das grenzenlose Internet, falschen Zahlen und dem Glauben an die Richtigkeit und die glatte Rechtfertigung unserer Ideale. Es klang so gut, und auch, wenn wir selbst nicht mehr daran geglaubt haben - sie glauben noch irgendwo dran, sonst sässen sie hier nicht auf den Holzstuhlen dieses Kommunikationswissenschafts-Seminars und würden sich anhören, was ich zu sagen habe.

Sie sehen es nicht. Blogs sind ziemlich neu für sie, selber eines schreiben ist nicht auf ihrem Radar. Tamagotchi im Internet, sagt eine, das ist es, wenn man sich täglich das Leben einer 28-jährigen Bürokauffrau antut, wenn es witzig ist. Ich sage ihr, dass es ein ziemlich klasse Begriff ist, ganz anders als die akademische Journalismus-Auffassung, die hier voherrscht, die ich selbst als Lehrer vertrete. Das soll sie so schreiben im Netz, dann ist es bloggen, dann ist es griffig, nicht dieses

kranke, verstaubte, hirnfickrige Old-Media-Zeug.

Sie sollen es tun, weil sie und all die anderen da drinnen jung sind. Weil man sich, wenn man schon in ihrer privilegierten Situation ist, nie damit zufrieden geben darf, dass etwas so ist und deshalb so geschrieben werden muss, wie es in den Lehrbüchern steht. Die Lehrbücher vertreten die Medien, wie sie in den 60er Jahren waren, but this is 2004, fuck it, also weg mit dem Unsinn, schon die Fernbedienung ist die Krankheit der Medienmonopole gewesen, und im Internet wird mit dem Maus getötet, da scheren sich die User einen Dreck um unsere Theorien, die wissen nicht mal, dass sie Rezipienten sind und wenn doch, dann klicken sie einfach weiter.

Wer nicht geklickt wird, stirbt. Wer seine Audience verliert, wird arbeitslos. Wer nicht genug Werbung bekommt, weil er zu wenige User hat, ist kein Journalist mehr, sondern nur noch eine Zahl in der Nürnberger Statistik. Das ist schlimm für sie, das wird darüber entscheiden, ob sie mal das tun, was sie sich erträumen, oder ob sie eben nochmal eine weitere abgelehnte Initiativbewerbung in meinem Account werden.

Ich erkläre es. Blogs sind bei Google auf der ersten Seite, und Google ist das Internet. Blogs kopieren Inhalte und stellen sie kostenfrei ins Netz, wenn andere schon längst Firstgates davor gesetzt haben. Jeder Click im Blog ist einer weniger bei ihnen. Sie leben später mal nicht von der Theorie oder den Lehrbüchern, sie leben von der Wirtschaft, die ihre Inhalte verwertet, und wenn die Käufer lieber bei den Blogs sind, dann haben sie keinen

Markt

mehr, der Markt, dieses alles aufsaugende und verzehrende Irrsinnsgebilde, das unser Leben dominiert, der Kern, der unsere Welt im Innersten zusammenhält, aber sie kennen den Markt nicht, und schon gar nicht seine Mechanismen.

Denn sie sagen, dass kopierte Inhalte ja wohl geklaut ist. Na und? Information ist nicht einsperrbar, sie will raus, sie muss es auch, denn Information ist der Grundbaustein jeder Kultur, und der Gedanke, dass man sie besitzen kann, ist Vor-Internet, Vor-Napster und damit so tot und so prähistorisch wie der Dinosaurier. Vergesst es einfach.



Und sie sagen: Es sagt mir nichts. Sie sind Journalisten. Sie müssen sich reindenken können in den anderen. Sie müssen wissen: Was will mein Leser? Was will der Politiker wirklich sagen? Was ist der Kern der Botschaft? Das ist ihre Kernkompetenz, die Fähigkeit, sich 24 Stunden am Tag anpassen und verstehen zu können, was Information ist - und dann sagen sie: Blogs sagen mir nichts. Ihre Kunden sehen das aber ganz anders. Jeden Tag mehr.

Ist da keine Neugier? Keine Lust an Informationen, die sie sonst nicht bekommen?

Und ist da keine Lust an der Carte Blanche, an der weissen Fläche, das das Internet ihnen gibt? Ihr Publikum, ihr Markt liegt nur drei Clicks von ihnen entfernt, wenn sie Träume haben, müssen sie sie nach draussen tragen. Sind sie nicht angekotzt von den Regeln, die man ihnen eintrichtert? Haben sie nicht Lust auf den Tabubruch, es mal ganz anders zu machen, neu, alles Bekannte hinter sich zu lassen, den quälenden, trockenen Stil, die erlogene Objektivität, und mal das zu erzählen, was sie sind und was sie wollen? Oder wollen die wirklich nur einem alten Politikersack das Mikro unter die Fresse halten und das dann rauspusten?

Ist das das Leben?

Ich rede eineinhalb Stunden an Wände hin. The revolution will not be blogged. Klar. Aber der Niedergang der Medien wird dortselbst schön analysiert, und die wissen am Ende theoretisch und laut Lehrbuch genau, warum sie draufgegangen sind. Weil die Information den Markt nicht mehr durch sie erreicht, sondern durch jeden, der kann und will.

Weil wir es dürfen. Wir dürfen alles. Wir dürfen über das schreiben, was wir in ihnen sehen, was wir ihnen unterstellen, wo wir ihr Versagen sehen.

Sie sind Monopolisten ohne Monopol. Sie haben keinen Markt, und sie wissen auch nicht, wie man rebelliert.

Und in ihnen ist etwas, steinalt, unbeweglich, agnostisch, tot,
wahrscheinlich bringt man ihnen das hier bei,
ich kann es nicht beschreiben,
aber hey, es ist auch egal,
hier draussen im
Internet.

Freitag, 16. Juli 2004, 17:51, von donalphons | |comment

 
Kein Wunder: Sie wissen gar nicht was sie tun swollen:

Es ist schon erstaunlich, wie unselbständig viele Studierende hier auftreten", sagt Referatsleiter Schoeler. "Manche sind mit dem Ausfüllen des [Imma-]Antrags schlicht überfordert." Gut jeder fünfte Bogen enthalte formale Fehler, die Bewerber unterschreiben nicht oder vergessen, ein Studienfach auszuwählen. "Einige bringen auch ihre Eltern mit", sagt Schoeler. "Wenn ich frage, was sie studieren wollen, dann antworten Mama oder Papa.
SPON-Artikel über den Nachzügler-Service der Uni-Hamburg

Die Rebellion wird nur auf Ansage der Eltern gemacht.

Und sie findet nur Dienstags bis Donnerstags statt, siehe den Artikel in der ZEIT.

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Die Höhe
Dieser Artikel ist in der Tat die Höhe. Da verliert man den guten Glauben an die Menschheit.

"Hast du denn auch das sechswöchige journalistische Pflichtpraktikum absolviert?" fragt Stamer, als sie den ausgefüllten Antrag zuklappt. "Hmm, nee", sagt Torsten. "Dann mach ich eben Italienisch."

Ist das die Zukunft?

Und bitte, etwas Emanzipation von Mami und Papi darf schon sein. Ich habe mich auch ganz alleine eingeschrieben. Und die haben nicht mal gebissen. Aber das ist auch schon ein Weilchen her.

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Bei schlechtem Wetter findet die Revolution im Saale statt
Massenmedien, aus: Erwin Chargaff, Ernste Fragen.
Die Wendung "die Massenmedien" ist mir besonders lieb und wert, denn sie hat mir gezeigt, welche Macht ein Wort an einer Stelle hat, wo sonst gar nichts existiert. Ich denke hier natürlich an "Wort" in einem ganz unerhabenen Sinne, nicht an den Logos, der im ersten Vers des Johannesevangeliums beschworen wird. Von dem Begriff "die Massenmedien" würde ich sagen, daß er (wenn auch die Sprachgeschichte anders urteilen mag) die Massenhaftigkeit eher selbst geschaffen hat, als daß er von den Massen geschaffen worden wäre. In den alten Zeiten gab es Menschen, Männer und Frauen, Leute, jetzt gibt es Massen. Die Leute produzieren, die Massen konsumieren. Die Leute bauen, die Massen zerstören. Während nur ein einzelner Geist etwas erschaffen kann, wird das Produkt von vielen Leuten genossen; den Massen aber muß man nur sagen, sie sollen es unbesehen beklatschen. Worte, Slogans, Werbesprüche besitzen eine dämonische, demiurgische Macht, die nur selten wirklich wahrgenommen wird.
Keine der anderen mir bekannten Sprachen besitzt eine so üppige Informationsquelle zu Wachstum und Verfall von Wörtern und Begriffen wie das Englische. Ich spreche hier von dem großen Oxford English Dictionary mit seinem unerschöpflichen Vorrat an Beispielen und Anwendungen. Die Bezeichnung "die Massen", die in dem hier zugrundegelegten Sinne im ersten Drittel des letzten Jahrhunderts im Englischen heimisch wurde, hat eine sehr elitäre Ahnenreihe und geht zurück auf die lateinischen plebs und vulgus. Dieser amorphe Haufen einer ungezählten Menschheit, katzbuckelnd und knurrend, hat immer Nase und Ohr der Gebildeten beleidigt. "Odi profanum vulgus et arceo" (Ich hasse die gemeine Menge und halte sie mir fern), schrieb Horaz. Der bekannte antike Slogan "Panem et circenses" (Man gebe ihnen Brot und Zirkusspiele) steht als direkter Vorläufer der Rockkonzerte im Central Park da (bei denen allerdings, nehme ich an, die Bagel nicht gratis verteilt werden). Unsere Adjektive "plebejisch" und "vulgär" bezeugen die Langlebigkeit dieser Tradition der Verachtung. Für die Reichen haben die Armen immer gestunken, und insofern führt mein Synonymwörterbuch als Analogon zu "plebejisch" auch "ungewaschen" auf.
Ehe die Massen in die Arena der Geschichte traten, wohl als Folge der Französischen Revolution – doch ebenso der industriellen Revolution – , gab es andere Bezeichnungen im Englischen, zum Beispiel multitude und mob, letzteres wohl noch abschätziger gemeint. Als einmal die Redewweise von "der Masse" oder "den Massen" aufgekommen war, ließ sich bald feststellen, daß dieses Wort sich sozusagen zu zwei Verwendungsweisen gabelte: In Ausdrücken wie "Arbeitermassen" oder "Massenproduktion" schwingt etwas anderes mit als beispielsweise in "Massengeschmack", "Massenpsychologie", "Massenmedium". Das eine betont Macht, die mit dem großen Quantum einhergeht, das andere die Vulgarität. Oder anders: Wenn die eine Nuance sagt: "Hier können wir eine Menge Doughnuts verkaufen", erwidert die andere: "Aber Doughnuts sind eben nicht so fein wie Croissants."
Wenn ich meinem Wörterbuch vertrauen darf, wurde mass medium zuerst 1923 im Kontext des Werbejargons (wie zu erwarten war) verwendet. Der Ausdruck bezeichnete Zeitungen und Magazine, Rundfunk und Fernsehen. Seltsamerweise können die Produkte dieser Industrien normalerweise von den Massen als Massen nicht genossen oder konsumiert werden – die Massen treten hier viel eher in Gestalt von Individuen oder sehr kleinen Gruppen auf, die dann aber durch die Einheitlichkeit und die leichte Zugänglichkeit des Medienangebots wieder zusammengeschmolzen werden. Deshalb kann man in den Massenmedien nicht nur Meßgeräte zur Ermittlung des kleinsten gemeinsamen Nenners an Geschmack, Moral und Einsicht sehen, sondern auch Apparaturen zu seiner Erzeugung. Es sind Maschinen, die eine ständige Absenkung des Durchschnitts hervorbringen. Das Eigenartige am menschlichen Leben ist es, daß manche Höhepunkte vielleicht nicht überbietbar sind, aber ein noch tieferes Absinken jederzeit möglich bleibt. Wir beginnen am äußeren Rand des Fegefeuers und enden in der Hölle.
Ich kenne viele Leute, die – abgesehen davon, daß sie Radio hören – mindestens drei Stunden täglich vor dem Fernseher verbringen. Das bedeutet, daß sie in einem Jahr fast anderthalb Monate auf diese Form von Unterhaltung verwenden. Wenn sie das fünfzig Jahre lang betreiben, haben sie sechseinviertel Jahre ihres Lebens damit zugebracht, vor dem Fernseher zu hocken und mehr oder minder kompletten Quatsch in sich aufzunehmen. Das Argument, die meisten dieser Leute wüßten sonst nicht, was sie tun sollten, ist nicht stichhaltig, weil wir eben nicht wissen, was sie ansonsten hätten tun können. Manche hätten vielleicht Morde begangen (das tun sie ohnehin, außerhalb der Spitzensendezeiten), andere hätten Meisterwerke geschaffen, alle wären mit größerer Würde gealtert. Unsere Zeit hat uns alle zu Zuschauern gemacht: Wir sehen uns selbst zu, wie wir unsere Stimme für die abgeben, denen wir häufig zugesehen haben; wir sehen zu, wie wir von einer gutgelaunten gedankenlosen Autorität regiert werden, als wäre das Leben aller Menschen eine grob zusammengeflickte Vorabendserie. Der schmierige, grinsende Hoppla-jetzt-komm-ich-Pöbel, der die Bildschirme füllt und behauptet, gewählt zu sein, um das Land zu regieren – er besteht aus Leuten, die offenbar alle in ihrer Jugend Statisten in einem Film waren, der am Hofe Ludwig XIV. spielte.
Für eine ganze, zahlreiche Bevölkerungsschicht ist das Leben zu einem nicht endenwollenden schlechten Film geworden, der keinen anderen Inhalt hat als die ständige Aufforderung, mehr zu besitzen, zu kaufen, zu konsumieren, sich nach dem zu sehnen, was man sich nicht leisten kann, sich anzuschaffen, wofür man keinen Platz hat. Wollte man sagen, daß die Massenmedien das endgültige Werkzeug zur Entmenschlichung der Massen sind, würde man allerdings wohl zur Antwort bekommen, daß man eine falsche Vorstellung vom menschlichen Wesen hätte, daß das, was einem als Galle erscheint, für andere ja Honig sein könnte.
Jedenfalls bin ich – auch wenn ich keinen Fernseher habe und mit Horaz wetteifern kann in überlegener Arroganz – selbst ein widerwilliges Opfer der Massenmedien. Ich habe ein kleines Radio, und jeden Morgen höre ich mir beim Rasieren die Nachrichten an, um dann für den ganzen Tag genug davon zu haben. Ich nehme meine Ration an Verbrechen, Katastrophen und Lügen von einem Sender in Empfang, der einer großen Zeitung gehört – ein Massenmedium im Besitze eines anderen. Ich lausche den Nachrichten, die gelegentlich die nimmer endende Flut der Werbung unterbrechen. Als Mann pünktlicher Gewohnheiten höre ich jeden Tag dieselben faden Verführungsversuche, insbesondere eine Aufforderung, die mich in die Schlinge des Abonnements auf ein Magazin locken möchte, das monatlich Neuigkeiten aus den Naturwissenschaften feilhält. "Nennen Sie eine Zeitschrift, die wichtiger wäre", bettelt die salbungsvolle Stimme, triefend vor Unaufrichtigkeit. Meist funktioniert die Schutzmechanik, und ich höre nicht hin, aber wenn ich es doch tue – ich bin sehr leicht stark zu beeindrucken -, dann ist mein Tag ruiniert. Wenn ich durch die trostlosen Straßen von New York gehe, sehe ich dann die Obdachlosen an den wärmenden Luftschächten liegen, sehe ich die toten Ratten, höre ich die verrückten Monologe der Passanten? Nein, mein Hirn ist ausschließlich damit beschäftigt, wichtigere Zeitschriften zu nennen. Es ist verwirrt, weil es an kein Ende kommt. Wo sollte es überhaupt anfangen? Mit den Acta eruditorum oder dem Spectator von Addison und Steele? Mit Schillers Horen, der Revue des deux mondes, dem Mercure de France, der Neuen Rundschau? Wo sollte es enden? Mit Criterion, Horizon, Menckens American Mercury oder der Partisan Review? Natürlich fallen einem viel mehr Namen ein, als der Raum hier zu nennen erlaubt. Ich kehre erschöpft nach Hause zurück, ich habe nichts erledigt, nur eine nutzlose Widerlegung dessen geliefert, was nie ernst gemeint war. Und ich komme zu dem Schluß, daß der Hauptzug der modernen Werbung ihre vollkommene Schamlosigkeit ist. Die gehobene Variante mag sich mit einem gewissen Maß von volkstümlichem Humor durchschlagen, wie man ihn in Journalismuskursen lernt. Aber ich hätte gedacht, daß auch dieses schwerfällige Augenzwinkern noch auf den zutraulichsten Kretin unter den Hörern abstoßend wirken müßte. Daß das nicht der Fall ist, ist das größte Wunder, das die Massenmedien bewirkt haben.
Die Anzeigen in den Zeitungen und Zeitschriften kann man überblättern, davon werden nur die Hände schmutzig. Aber die Ankündigungen im Radio und im Fernsehen dringen in das Bewußtsein ein, wenn man nicht die Kraft findet, den Apparat ganz abzuschalten. Zwischen den Goldbergvariationen und den chromatischen Schauern der Ouvertüre zu Don Giovanni kommt ein fröhlicher Blödmann daher und ermahnt uns, das Haus nicht ohne eine bestimmte Kreditkarte zu verlassen, oder teilt uns mit, daß wir ganz nach oben gehören und sogar der höchste Gipfel noch zu niedrig ist für uns. Es gibt kein Entrinnen: Will man Bach hören, muß man die Lüge des Tages ausschlürfen. Was geschieht wohl mit Menschen, welche diese akustische, visuelle und moralische Tortur ihr ganzes Leben lang ertragen? Die Antwort ist: Sie haben schon lange aufgehört, dieses unentrinnbare Schaumbad aus Unwahrheit, Heuchelei und Übertreibung als Folter zu empfinden; sie könnten ohne es nicht mehr leben. Für sehr viele Menschen sind die Werbespots des Fernsehens der einzige Blick in ein besseres Leben, der ihnen je zuteil werden wird. Daß dieses bessere Leben eine Chimäre ist, daß es weder wirklich werden kann noch wünschenswert wäre, ist ihnen gleich. Die Fata Morgana (zweifellos benannt nach J.P. Morgan), welche die Meinungsindustrie für die konstruiert hat, ist das einzige, was von den Märchen übriggeblieben ist, denen ihre Großeltern als Kinder noch zugehört haben mögen.
Hätte es in Frankreich zu Zeiten Ludwigs XVI. schon vergleichbare Massenmedien gegeben, wäre es wahrscheinlich nicht zur Französischen Revolution gekommen. Der König hätte dem Volk jeden Samstag eine fünfminütige Rede gehalten, und es wäre eine bessere Rede gewesen, als wir sie heute zu hören bekommen, weil man im achtzehnten Jahrhundert begabtere Lohnschreiber hatte. Die hauptsächliche Wirkung der Massenmedien ist es, die menschlichen Grundtriebe abzustumpfen. Die Leser, Hörer, Zuschauer werden desensibilisiert; es ist ihnen gleich, was für ein Slogan ihnen angeboten wird, solange es nur ein Slogan ist. "Ein Huhn in jedem Topf", "Ein Fernseher in jeder Hütte": Sie gehen zurück zu ihren Kochtöpfen, aber dort findet sich kein Huhn; sie gehen zurück in ihre Hütten, und da steht der Fernseher mit seinem bunten Geplapper. Wenn ihre Söhne in sinnlosen Kriegen getötet werden, dann kommen sie vielleicht sogar selber ins Fernsehen und dürfen dort stolz weinen. In unserer Zeit kann man nicht länger von "leeren Phrasen" reden, sie sind nicht leer; wenn man hineinsticht, fließt echtes Menschenblut heraus.
Es wäre falsch zu schließen, daß ich die Massenmedien als Ursache unseres Elends sehe. Wir leben in zirkulären Zeiten, jede Ursache ist ein Symptom, jedes Symptom eine Ursache. Am Ende können wir den Teufel für alles verantwortlich machen. Es gibt jedoch bestimmte Kategorien, einige davon ewiger als andere: die Reichen und die Armen, die Mächtigen und die Unterdrückten, die Jungen und die Alten, Männer und Frauen. Ist es angesichts der Dialektik einer endgültigen Katastrophe noch sinnvoll, sie alle an die ihnen gemeinsame Menschlichkeit zu erinnern und davon zu sprechen, daß ihrem letzten Herbst vielleicht kein Frühling folgt?

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Tamagotchi
Danke Dir für die Möglichkeit Dich einmal live zu erleben. Dein Vortrag war ein Genuss, obwohl ich nach Lesen deines Blogs befürchten muss, dass es für das Dich nicht war. Aber was erwartet Du an Rebellion und Hinterfragen von einer Generation für die Zivilcourage und einen Standpunkt gegen alle Konventionen zu behaupten, schlichtweg Fremdworte zu sein scheinen. Von einer Generation in der um die Konformität getanzt wird, wie um ein goldenes Kalb, nur um durch ihr wömöglich doch noch vorhandenes Profil nicht doch noch aufzufallen? Gegen den Strom zu schwimmen verlangt Mut. Mut, der in der heutigen Gesellschaft nicht belohnt wird, sondern gemäß der Noelle-Neumannschen Spirale einfach zum Schweigen führt. Ernten da nicht die Gatekeeper, die Entscheidungsträger von heute die Saat, die sie durch ihre Erziehungs- und sonstige Politik gesät haben?? Nämlich Schweigen und Resignation als Ergebnis?? Jemand sagte einmal: Eine jede Tugend kann duch die tote Gleichgültigkeit der Umgebung zunichte gemacht werden. Welch wahres Wort und ich frage mich wieviele womöglich ähnlich fühlen. Und Schweigen.....

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@t-punkt
Heilige Scheisse! So ein gebildeter, wohlformulierter Catch22! Larmoyant bis brilliant. Just do it, verdammt noch mal. Ich bin ein alter Sack von 50 Runden und schaffs auch. Rücksichtsnahme auf die vermutliche Karriere? Schminks dir ab. Wenn diese Institute hinten raus Journallienzombies pupsen, was glaubst du wer da noch auffällt? Just do it.
Meiner Treu... grummel und ab...
(getz hätt ich mich doch fast aufgerecht)

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Gegen den Strom zu schwimmen verlangt keinen Mut, wenn man schimmen kann (ansonsten verlangt schon das mit dem Strom schwimmen Mut). Es verlangt Kraft und Ausdauer. Das ist natürlich für manche, die ihre Power für das hinterher Hecheln von Trends verbrauchen, deren Frustrationstoleranz hoch ist und deren Sekunden-Aufmerksamkeit durch MTV trainiert wurde, möglicherweise zuviel verlangt. Im übrigen wurde deviantes Verhalten noch nie belohnt im materiellen Sinne. Aber erhobenen Hauptes mit Selbstachtung durch die Welt gehen ist Lohn genug (nebenbei: man glaubt ja gar nicht, wieviel trotzdem im Säckel hängen bleibt, weil es überall Leute gibt, die gerade nicht den Mainstream haben wollen und für das besondere gerne ne Mark ausgeben).


Ich gebe siggi recht: A.... hoch und just do it. Vielleicht wird einem die Rebellion nicht gedankt, aber das Duckmäusertum erst recht nicht. Welchen Dank erwartest du, wenn man 10 Jahre für irgendeinen Konzern die 60-Stundenwoche geschoben hat und dann mit 40 den Job für einen jüngeren frei machen muss, oder für einen der in Indien noch weniger verdient. Auch davor sind Jounalisten nicht gefeit. In Budapest werden von einem deutschen Nachrichtendienst für Deutschland von Ungarn Meldungen produziert und verkauft. Wieviel Muttersprache braucht man für 90-Sekunden-Aufmerksamkeit?

Oder: Nicht nur dass Reporter ihre Beiträge selber filmen und schneiden, bald dürfen sie auch zusätzlich noch online-web-Dienste mit real-time content füllen. Was noch? Na wie gefällt dir die Aussicht, beim Ausseneinsatz noch Abonenten für den hauseigenen Pay-TV-Kanal zu keulen? Der Fantasie sind kaum Grenzen gesetzt. Wacht auf und bewegt Euch!

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Für welche Medien lohnt es sich?
A) eine Person zu sein?
B) darf man mehr sein als ein Kanal für Suggestionen von Oben, bzw. Erregungen von Unten?

Bei dem vielen frohen »Macht doch nur« zwickdeufit es mich zu zitieren:
»JUST DO IT. – Do what?, fragte ich einen Passanten, aber der Rülpel zeigte mir den Vogel.« (aus dem bösen Kunkelbuch, Seite 9).

Okey, ich bin schlecht drauf, aber vielleicht darf ich das, weils der gute don alphonso nach seiner Lehrerei auch war.

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Jo. Aufrechter Gang und so. Was bleibt.
Blogs und son Krams sind ja erst der Anfang. Müder Abglanz des Schlamassels voraus. Obs Dys- oder U-topia wird, kann jedenfalls nicht mit der Haltung eines Studis entschieden werden der sich artiglich beim Referenten bedanket. Döde dem Meister, sach ich da nur! ;-)
und @molo
so gefragt hätten w´r noch nicht mal ne molochronik geschweige denn Schmerzmittel.

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Oh - ich fands klasse
@t-punkt

Es wäre ja grässlich gewesen, wenn sie alle sofort zugesagt hätten! Es geht um die Saat des Zweifels, um die Chance, sowas mal zu formulieren, rauszukitzeln, ob und wann da was kommt, ob sie vielleicht doch mal den Hintern hochbekommen, und wenn nicht: Egal. Dann kommt die Zukunft ohne sie.

Ausserdem ist es ein gegenseitiges Lernen. Ich fand es hochinteressant.

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Gibt es Alternativen zum aufrechten Gang??
Nein, die kann und wird es nicht geben und der Grund meines Kommentars war weniger die Frage, ob A....kriechen eine Alternative ist (Nein, die ist es nicht!), sondern vielmehr aus meiner subjektiven Erfahrungsecke zu beleuchten, warum es einer Generation (zu der ich nicht mehr gehöre) so schwer fällt - authentisch zu sein, es zu äußern, Ecken und Kanten zu zeigen, unbequem zu sein, eben nicht stromlinienförmig im Strom des Lebens mitzuschwimmen.
Und es kann dabei immer nur das Indivduum gewinnen (und zwar erst recht nicht im materiellen Sinne - siehe Hellas Kommentar), aber auch nur dann, wenn es gelernt hat, die Scheine auf der Universität Lebens genauso wichtig zu erachten (im Sinne einer Weiterentwicklung der emotionalen Kompetenzen), wie materielle Scheine (Moneten) oder das wohlwollende Schulterklopfen seiner Umgebung.
Aber diese Unabhängigkeit wird niemandem in die Wiege gelegt, sondern ist Teil eines Entwicklungsprozesses, der erst in der Konfrontation beignnt, wenn das Ego und das Über-Ich auf das Wir-Tun-es-so der Gesellschaft treffen.
Liebe Hella, ich gebe Dir also recht, wenn du sagst, das Duckmäusertum keine Lösung ist, das Mut nur eine Teilkompetenz des Schwimmens an sich ist und das die eigene Selbstachtung der größte Lohn ist. Und Siggi - I do it!! ;-))

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Hoffnungslos
Die Unis produzieren einfach die nächste Generation von Arbeitslosen. Da waren Studis, die wollten mich befragen, wieso das Dotcom, für das ich früher gearbeitet habe, insolvent gegangen ist. Ich antwortete, ich stünde für ein Interview zur Verfügung. Sie erwiderten, ich müsste einen Fragebogen zur statistischen Erfassung ausfüllen. Ich erwiderte, ich hätte einen Krimi zu erzählen, das passe in keinen Fragebogen. Sie bestanden darauf, es ginge nicht ohne. Als ich den Fragebogen sah mit seinen naiven, Lehrbuch-BWl-mäßig formulierten FRagen, musste ich lachen. Ich füllte ihn sehr sorgfältig aus und schrieb u.a., das Motto naheu der ganzen Branche lautete Ende der 90er "Bring it up, sell it and run away". Das war wortwörtlich so gemeint, meine damaligen Chefs hatten das selbst so formuliert. Ich schrieb auch, dass diese Firmen gar nicht darauf angelegt waren, länger als ein paar Jahre zu existieren, da es nur darum ging, mit VC-Geldern reich zu werden, nicht aber um ein nachhhaltiges Geschäftsmodell. In der fertigen Arbeit, in der die Studis noch zwei andere Firmen untersucht wurden, wurde mein oben genanntes Zitat dann als Beleg für bitteren Sarkasmus und große persönliche Enttäuschung angeführt (ich bin von gar nichts ent-täuscht, sondern wir haben Investoren und Öffentlichkeit ge-täuscht), es war davon die Rede, dass keiner der Befragten zum Interview bereit gewesen wäre, und dass alle betroffenen Firmen sich durch gutes Controlling hätten retten lassen. Am Controlling hats wirklich nicht gelegen; unser Controller hatte schon im Februar gesagt, dass wir im ganzen Jahr keine schwarzen Zahlen mehr schreiben würden. Diese Studies haben absolut nichts kapiert, weil sie nichts kapieren wollten, obwohl ich ihnen die Wahrheit ins Gesicht geschrien habe. Die gleichen Fehler werden wieder begangen werden. Das Problem ist: Einige der durch den Hype Getäuschten haben dem Hype Lehrstühle zu verdanken. Sie werden niemals einräumen, dass die New Economy nichts Anderes war, als der größte organisierte Betrug der Wirtschaftsgeschichte, eine Art weltweiter Stavisky-Skandal. Würden sie diese schlichte Wahrheit zugeben, müssten sie ihren Jobs die GRundlage entziehen. Also wird weiter gelogen.

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@che
Eins meiner Lieblingsthemen. Wäre auch mal eine sozialwissenschaftliche Studie wert: Die Auswirkungen der NE auf die Unis+FHs.

Da sind reihenweise Dampfplauderer ohne wissenschaftliche Leistung zu Professoren ernannt worden, weil die Hochschulen den Hype nicht verpassen wollten und ja echte Praktiker gefragt waren. Mir kam es so von aussen vor, als wenn das Sammeln von Prof.-Titeln (auch als Honorar-Dozent) das liebste Hobby der NE-Gründer und Berater war.

- und nebenbei konnte man an der Uni noch Sklaven für lau abgreifen.

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...schön. mal wieder ienfach nur schön gebloggt.

Danke.

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@hella
Na, der Peter Glotz hilft ja jetzt der Nachgeburt der Henleindeutschen heim ins Reich.

An einer Uni könnte dieser Schwätzer wenigsten keinen Schaden anrichten.

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Richtig. Dazu sind die Unis in Deutschland verkommen: Zu Aufbewahrungsanstalten für Eierköpfe und Dummschwätzer, denen man das Gefühl gibt, sie würden gebraucht, aber die eigentlich zu nichts nutze sind. Es trifft ja nur die Studenten.

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Bewahranstalt
Wieso, auch für die Studierenden sind die Unis doch nur Bewahranstalten, um die jungen Menschen nicht ins kalte, nackte Leben abgleiten zu lassen :-).

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fuck it? just do it? yes. fuck it.

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Uni und Praxis
> Ich rede eineinhalb Stunden an Wände hin ...
> Aber der Niedergang der Medien wird dortselbst schön
> analysiert, und die wissen am Ende theoretisch und laut
> Lehrbuch genau, warum sie draufgegangen sind.

Wirklich neu ist dieses Problem nicht. Zum einen soll die Uni zum die verkopften Eierköpfe produzieren. Denn wir brauchen ja Nachwuchs für (Grundlagen-)Forschung. Zum anderen soll die Uni aber für die Berufspraxis ausbilden. Zumindest seitdem die Lehre als angesehene Berufsausbildung (also für Jobs mit ordentlichem Gehalt) ausgedient hat.

Aber vielleicht wäre ja ein bisschen verkopftes Nachdenken ja mal wieder eine gute Idee? Weniger reden, mehr denken - Denken ist geil!

Man stelle sich vor, was das für eine Revolution wäre, wenn sie Denken (registered Trademark) in der Politik durchsetzt? Oder gar unter der Bevölkerung...

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