Waum ich Twitterfans in Katastrophen zum Kotzen finde

"Mann verarbeitete Frau im Fleischwolf. Bilder vom Hackfleisch bei Twitter."

Auf diese prägnante Form könnte man meine Abscheu gegen Technikfetifaschisten zusammenfassen, wenn ich wollte. Will ich aber nicht. Ich will ausfühlich und überdeutlich diesen Typen sagen, dass Leute, die bei einer Katastrophe zuallererst wissen wollen, ob sich dazu was bei Twitter findet, in meinen Augen in ihrer Technikverblendung kein Jota besser sind als Gaffer, der unterirdischste Menschenschlag jeneits gemeinen Kriminellen und Bildzeitungskampagnenmacher, den man sich vorstellen kann.

Ich mein: Da sterben Menschen. Das absolut Unwichtigste, was es in solchen Situationen gibt, sind Arschlöcher, mit Verlaub, die unbedingt spektakuläre Bilder von Toten sehen wollen. Die mit der Aufblasung ihrer Hirndärme andere anstacheln, das zu tun, damit sie in aller Munde sind und Follower bekommen. Es ist er gleiche geistige Abschaum aus den Kopfdärmen, der auch einen Bildleser zum "Reporter" werden lässt. Und ich frage mich schon, wie verfickt asozial man drauf sein muss, was das bitte für eine Erziehung war, wenn man in Momenten des Leides an nichts anderes als an die Story denkt. Nicht die Story des Leidens, sondern die Story, mit der man die Scheisse, die aus den Handies der Follower - ein fröhliches Heilszurufen aus dunkler deutscher Geschichte an dieser Stelle, Ihr Führerfolger, ihr übelriechenden Lemminge - zur Avantgarde der Information hochgeschrieben wird.

Bei jedem dieser Beiträge und speichelleckenden Verlinkungen wünsche ich mir nichts mehr, als dass diese Typen schleunigst selbst mal erleben, wie das ist: Auf die Schnauze fliegen, Hilfe brauchen, und im Internet geht nur den baugleichen Handhandywichsern einer ab, weil sie als erste sehen, wie da einer krepiert. Der Unterschied zwischen Twitter und Berichterstattung ist so gross, wie er nur irgenwie sein kann, und die Geschwindigkeitssaugerei, die manche da betreiben, hilft nur der Sensationslust, dem Herabwürdigen eines Unglücks zur blossen Show, zum Handyentertainment, zum Furzklingelton der Pausenclown der digitalen Grossmäuler, zum neuesten Hit des mobilen Arschgeigenorchesters. Twitter soll im Gefängnis geholfen haben, oder beim Unfall: Wer helfen will, geht halt zu Amnesty oder zur Freiwilligen Feuerwehr und hilft denen, deren Leid man nicht findet, statt sich an den paar Ausnahmen aufzugeilen.

Ach so, da kann man ja nicht twittern. Na dann.

Samstag, 7. März 2009, 22:57, von donalphons | |comment

 
Gaffer und Sensationswichser am eigenen Leib erlebt zu haben, ich kann Ihnen sagen! Da kocht die Galle ratzfatz und will das oben gelesene sofort unterschreiben. Gerne auch mit dem Nasenblut eines Twichsers. (Sie entschuldigen die Sprache, aber wenn die Galle kocht wird es einfach nicht all zu hübsch)

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"Twichser" ist ein Neologismus, der mir sehr zusagt.

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bittesehbittesehr. freut mich dass Sie´s freut. Gaffern ein frohes: Heute schon getwichst? zuzurufen würde aber sicher deren Horizont überschreiten, fürchte ich.

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Google kennt das Verb "twichsen" noch nicht.
Ab morgen schon

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urheberrecht urheberrecht ;-)) für jede Benutzung ein Gran feinsten Goldes. Gerne auch silberne Kannen.

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Super! Alles, was hier publiziert wird, gehört nämlich mir.

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Du verwechselst dich mit Facebook

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nur die Nutzung. ;-)

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Klar kann man da twittern:

fwnetz.de/board/topic/twitter-feuerwehren-gesucht

Demnächst: Direkt vom Brandherd/Einsatzstelle. Sozusagen der Porno für Blaulichtfetischisten.

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Schmarrn. Für Pyromanen.

Das Beschwerde- oder besser Krankheitsbild ist charakterisiert durch ausgeprägte Faszination von allem, was mit Feuer und Brand in Zusammenhang steht, einschließlich Löschmöglichkeiten (Löschgeräte, Löschfahrzeuge).

Das häufigste Motiv im Rahmen der erfaßten und forensisch (gerichts-psychiatrisch) begutachtbaren Brandstifter ist Frustration, also letztlich aggressive Beweggründe (...). An zweiter Stelle stehen Faszination, also Interesse, Neugierde oder Anziehung hinsichtlich Feuer und der damit zusammenhängenden Brand-Situation. Das entspricht in etwa der modernen Definition der Pyromanie (und hier finden sich auch die meisten Feuerwehrmitglieder bzw. -helfer und auch einige sexuelle Motivationen, jedoch deutlich seltener als in der neurosenpsychologischen Literatur angenommen). An dritter Stelle folgen die Kombination aus Frustration und Faszination, danach suizidale Motive und - am seltensten - wahninduzierte Brandlegungen.

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Die Mehrzahl der Feuerwehreinsätze, gerade bei den Freiwilligen Feuerwehren sind "technische Hilfeleistung" - sprich Unfälle & Co. Brände sind eher selten.

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Und Katze vom Baum holen.

Wenn Sie es genau wissen wollen, können Sie ja beobachten, ob die Feuerwehren mehr Brände oder mehr Katzenbilder twittern, und dann drüber promovieren ;o)

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Third Life
Die Damen und Herren Enthüllungsjournalisten sind nicht ganz unschuldig an dem Hype. Wenn SPON (der Meinungsführerschaft sonst eigentlich unverdächtig) die Twitter-Community für die ersten Hudson-Bilder lobt und gar von journalistischem Ritterschlag spricht, kommt einem doch nur eins in den Sinn: Das gefährliche Leben des unterbezahlten Schmierfinken muss die wirklich spektakulären Second-Life-Besuche entbehren, weil das nun wirklich keinen mehr interessiert. Und als Ersatz nimmt man eben Twitter zur Hand. Da kann man prima enthüllen und großmäulig daherreden, ohne dabei gewesen zu sein.

Und weil alles aus dritter Hand stammt, erkläre ich Twitter mal kurzerhand zum "Third Life".

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Das war die Richtung, in die ich dachte.

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Zu SPON fallen mir momentan nur Dinge ein, deren Äußerung eine gute Rechtsschutzversicherung voraussetzen.

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Ich hätt zur Zeit auch grad Lust der ganzem Mischpoke n paar rein zu wuchten. Los, komm Don , stell dich aufs Schild, wir tragen dich. Feinde gibt’s genug und los geht’s.

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Von wegen SPON: da ist heute ein Artikel über Nacktrodeln drin.

http://www.spiegel.de/reise/europa/0,1518,612016,00.html

Ich dachte ja nur ... und könnte man live dann vielleicht gleich dabei twittern, also während der Abfahrt - und gleichzeitig noch die Kamera mitlaufen ...

Ich bin ja schon stille.

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...trotzdem DANKE FÜR DIE [Edit: Na na. Don]. :-))

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ohne den aktuellen Kontext zu kennen...
Ganz allgemein könnte man sagen Deine Einstellung fördert und fordert geradezu die (menschliche) Weg-guck-Mentalität. Beispiele aus dem journalistischen Alltag:
Krisensituationen (das neue Wort für Kriege): jeder wird sich an das nackte, halb verbrannte Kind aus Vietnam erinnern. Das Bild wurde praktisch eine Ikone der Antikriegsbewegung der späten sechziger Jahre. War beim Schuß (des Photos) Sensationsgier bzw. Geldgier des Photographen im Spiel? Wer weis... aber das Bild hat etwas bewegt. Die Bilder, welche heute durch die Haupt-strommedien gehen sind weit weniger drastisch, dank embedded "journalism" und feigen Programmdirektoren, Redakteueren usw. Nicht dass sie nicht gemacht worden wären.
Worauf ich hinaus will: mir gefällt in diesem Zusammen-hang die Idee von Twitter zum ersten mal. Noch bevor angesprochene Medien ihr Bild der Wirklichkeit durch-setzen können hat schon jemand über diese, anscheinend, schnelle Verbreitungsmöglichkeit seine Sicht der Dinge "publiziert", wortwörtlich unter's Volk gebracht. Dass das nicht immer gut sein kann versteht sich von selbst, aber, und dass ist ja das Geniale an allen möglichen computer-basierten Anwendungen, das Monopol einiger sog. Meinungsbildner ist da am bröckeln.


Disclosure: ich habe noch nie Twitter genutzt und sehe darin bis jetzt auch noch keine Notwendigkeit

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Um Ihre Frage zu beantworten: Es ging darum, das Geschehen in My Lai zu dokumentieren. Nick Ut, der damals die neunjährige Kim Phuc fotografierte brachte sie ins Krankenhaus. Anfang der 80er holt sie ein anderer Fotograf, Perry Kretz, nach Deutschland, wo sie medinisch besser versorgt werden konnte.

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ähhm, ich meinte den aktuellen (!) Kontext des Twitter-Bashings (Köln?). Aber vielen Dank für den Geschichts-unterricht!

[EDIT: (m)eine kurze google-Suche sagt My Lai war '68, das Bild mit den Kindern aber von '72...?]

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Kim Phuc hat nichts mit My Lai zu tun

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Raucher, es gibt einen Unterschied zwischen medialer Berichterstattung, um Bewußtsein für Mißstände zu wecken und Sensationsgier, die sich ohne tieferen Sinn am Leid anderer Menschen ergötzt. Ersteres dient einem Zweck, zweiteres ist widerlich. Diese Sorte Bildgeilheit, von der auch die Berichterstattung über die Flugzeugabstürze in Schiphol oder NY geprägt war, ist nicht schön. Wozu brauche ich Bilder von verletzten Menschen als Panoramabild vor Flugzeugwrack?

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"Raucher, es gibt einen Unterschied zwischen medialer Berichterstattung, um Bewußtsein für Mißstände zu wecken und Sensationsgier, die sich ohne tieferen Sinn am Leid anderer Menschen ergötzt."

Sehe ich genauso. Allerdings kann man das nicht durch das benutzte Medium trennen!

"Wozu brauche ich Bilder von verletzten Menschen als Panoramabild vor Flugzeugwrack?"

Hmm, evtl. um Verantwortliche unter Druck zu setzen. Ich erinnere mich an einen Flugzeugcrash vor wenigen Jahren
am Fluhafen von Sao Paulo, Brasilien (ich finde den, den ich meine leider nicht auf die schnelle, zuviele Crashs, Abstürze, Fehllandungen mit vielen Toten). Wer sich die Flughäfen in Sao Paulo mal anschaut sieht, dass ca. 600m von den Landebahnen entfernt Wohnhäuser stehen. Da hätte es vielleicht schon geholfen Stadtplanern, Bürgermeistern, Innenminister und auch den Bürgern in besseren Vierteln zu Zeigen, dass es scheiße ist, NEIN, dass es Wahnsinn ist Flugzeuge da landen zu lassen. Auch mit krassen Bildern, warum nicht über die neuen Medien wie Twitter, Blogs & co.

"...Schiphol oder NY..."

Ah, jetzt weis ich wenigstens worum's geht.

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@ raucher: Ich bezog mich darauf:

jeder wird sich an das nackte, halb verbrannte Kind aus Vietnam erinnern. Das Bild wurde praktisch eine Ikone der Antikriegsbewegung der späten sechziger Jahre. War beim Schuß (des Photos) Sensationsgier bzw. Geldgier des Photographen im Spiel?

@ avantgarde: Sorry, habe ich durcheinander geworfen. Waren so viele Kriegsverbrechen.

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Dass bei einem Flugzeugabsturz Menschen nicht mehr sehr schön aussehen, muss man nicht zeigen.

Das Bild von Kim Phuc war etwas ganz anderes. Es demonstrierte, was Napalmangriffe wirklich bedeuten. Das war den Leuten vorher nicht klar.

PS: Möglicherweise hat dieses Photo wirklich Leben gerettet und den Vietnamkrieg verkürzt.

Doch letztlich geht das Gemetzel an vielen anderen Orten weiter. Gestern Lord of War gesehen?

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Auch wenn mir der Beitrag aus der Seele spricht, halte ich ihn für etwas zu kurz gefasst. Genau wie mich dieses aufmerksamkeitsheischende "ich bin der Erste"-Getwittere nervt, das an Vierzehnjährige erinnert, die zum ersten Mal vor einem Spiegel wichsen, war es schon vor Jahren extrem störend, zu lesen, welcher Depp der erste war, der in seinem Drecksblog Fotos vom Tsunami hatte. Außerdem liest sich der Beitrag hier wie ein Jagdunfall bei Cheneys: Auf den Hahn gezielt, aber den Jagdkumpel Knüwer in die Fresse getroffen.

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Ich verstehe Knüwer sowieso in vielen Dingen nicht (mehr). Ventiliert über Doping im Radsport während er alljährlich zur SuperDopingBowle fliegt.

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Jo mei, die klassischen Medien haben das News-Getwittere überhyped, vielleicht weil man im Unterschied zu den Blogs weniger Angst vor Konkurrenz hat.
Echtzeit-News sind nur ein Teil und die Gaffer hats immer schon gegeben. Genauso könnten wir das gesamte Internet niedermachen, weil irgendwelche Freaks sich weltweit präsentieren.

Freilich, nett mal eine Negation zum Hype zu lesen...

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Old man Steward shakes his fist at Twitter

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Bin mal gespannt, ob bei der Wortschöpfung "twichsen" dann demnächst ein Schokoriegelhersteller vom Mars mobil macht. ;-)

Twitter ist genauso wie SMS (nur dass da keiner was dran verdient): Überflüssig.

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Da möchte ich zustimmen. In Katastrophensituationen überschreitet Twitter das übliche "Voyeurism meets exhibitionism"-Schema bei weitem. Das beweist auch die ganze Twittereien bei Amokläufern...

Ich bin kein Feind des Twitterns, aber in solchen Fällen will man die Twitter-clients ausschalten und nie wieder berühren. Denn bei Blogs weiss man noch, worauf man sich einlässt, wenn man sie besucht. Bei Twitterern kommen manchmal die "Nachrichten" völlig unerwartet.

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