Tage der roten Teufel

Inzwischen ist es schon gar nicht mehr so schlimm, die 11 Kilo den Berg hinaufzuschleppen. Man gewöhnt sich daran, selbst wenn der Umstieg auf ein normales Gefährt wie ein neues Paar Flügel ist - solange man zieht. Bergab ist es eine andere Geschichte. Da zieht man gerne einen roten Teufel.



Manchmal ist es in den Bergen blau, wenn alles andere unter Wolken liegt; heute dauerte es etwas, bis das Blau aus der Tiefebene in die Berge kam und sich über dem Dunst der Niederungen vollendete. Da unten wissen sie vielleicht gar nicht, wie blau der Himmel tatsächlich ist, und wie die Sonne ungehindert hindurch scheint.



Es gibt Tage, da zieht sich der rote Teufel einfach, aber durch die Wärme über dem Dunst wird es schwerer; dazu kommt auch noch der knirschende Neuschnee auf dem Berg, der gestern und in der Nacht gefallen ist.



Dann aber flammen die unberührten Schneefelder in strahlendem Weiss auf, eine Ahnung von Unschuld und bald aufgefressen von der hoch stehenden Sonne, ohne je in braunen Matsch der Städte zu verfallen. Ich kann verstehen, dass man den Winter hasst, wenn man nicht hier lebt. Hier aber



Vermutlich habe ich einfach zu wenig getrunken, denn oben geht es nach dem Apfelsaft gleich erheblich besser. Spinatknödel gibt es nicht mehr, weil es heute zu voll war, Käsekuchen ist aus, aber was noch da ist, ist auch nicht schlecht angesichts der Welt, die da unten liegt.



Menschen sitzen auf Bänken und blicken in die Sonne; es ist nicht eben laut hier, weil man wenig sagen kann angesichts der Grösse der Berge. Es ist ja nicht so, dass sich etwas tun würde, nichts schreit einen an, nichts macht Hektik, ändert die Bilder oder schreit nach Aufmerksamkeit. Es ist einfach alles da, es bleibt, und der Mensch verharrt in Bewunderung.



Vielleicht kann ich so meine amüsierte Verachtung für das Geschmeiss der Aufmerksamkeitsheischerei im Netz am besten erklären. Das alles ist dermassen lächerlich und peinlich, ein Hirngeficke der Sozialkrüppel, die immer etwas machen, bewerten, senden, kreischen, neu erfinden müssen, weil nichts, was sie und ihr Umfeld je gemacht hätte, auch nur einen Moment länger als die Aufmerksamkeitsspanne ihres räudigen Umfelds bestehen kann. Hier ist einfach nur alles da, im Sommer grün und im Winter blendend weiss, und mehr muss nicht sein.



Natürlich stürze ich mich danach auf dem roten Teufel über Rippen und den Staub des Pulverschnees ins Tal, bis die Hände von der Kälte des Fahrtwindes schmerzen und das Geschoss sich kreischend in die letzten Meter Eis vor der Strasse krallt, weit vor allen anderen, die zurückblieben.



Natürlich mag ich es schnell, aber am liebsten mag ich die Sekunden danach, wenn ich mich zurückfallen lasse, in das unendliche Blau des Himmels starre und mein Herz schlagen höre. Meine Seele habe ich an den Berg verloren, und der rote Teufel und seine Geschwister sind so freundlich, ansonsten auf mein Leben zu verzichten.

Freitag, 12. März 2010, 23:04, von donalphons | |comment

 
Diese roten Teufel vermehren sich ja wie die Kanninchen.

Unheimlich. So was hätte früher direkt in die Inquisition geführt - wegen der Vermehrung der Teufel genauso wie wegen dieses selbstzufriedenen Lebens. ;-)

... link  

 
Wenn man mal eine Nacht nicht aufpasst...

Heute ist die heilige Berliner Web2.0Mafia sicher schneller zu Urteilen aus ähnlichen Gründen bereit und würde es auch vollstrecken, wenn sich deren Protagonisten ein Auto leisten könnten, ohne deshalb selbst an Nachschumangel von Billigdöner zu krepieren.

Berge machen einfach zufrieden. ist so. Nicht bei allen, aber bei manchen.

... link  

 
Nicht dass ich jetzt irgendwas gegeneinander stellen möchte, aber ich sage: Auch ordentliche Flüsse (wie der Rhein) machen einfach zufrieden. Ganz ohne Berge und Schnee ;--))

... link  


... comment
 
"ein Hirngeficke der Sozialkrüppel"
.
Geniale Beschreibung! Chapeau!

... link  


... comment
 
nur im Netz?
"Das Geschmeiss der Aufmerksamkeitsheischerei im Netz. Das alles ist dermassen lächerlich und peinlich, ein Hirngeficke der Sozialkrüppel, die immer etwas machen, bewerten, senden, kreischen, neu erfinden müssen, weil nichts, was sie und ihr Umfeld je gemacht hätte, auch nur einen Moment länger als die Aufmerksamkeitsspanne ihres räudigen Umfelds bestehen kann."
Auch dies ist wieder fein bemerkt & wunderschön verpackt. Danke.
Mal im Ernst: irgendwie kamen mir beim Lesen nicht nur die Gemeinten in den Sinn, es fielen mir noch andere ein: etliche Journalisten in Zeitungen, Radio, TV, die Reklamefritzen sowieso...

... link  

 
hiergeficke mag es treffen, als genial würde ich diesen ausbruch aber nicht bezeichnen, vielmehr ehrlich, wütend, dadurch irgendwie auch hilflos in seiner ernsthaftigkeit. einerseits ist es beinahe beängstigend, diese gedanken immer wieder zwischen den schönen bergbildern eingestreut zu finden, andererseits erkennt man, dass der herr alphonso kein einsiedler geworden ist sondern sich noch immer über die idioten da unten aufregen kann. und das hat dann wieder was beruhigendes.

... link  


... comment