Leb Wohl Berlin

Gerade mit einem gewissen Kopfschütteln ein paar Dinge gelesen, teilweise halbinterne Mails zu meiner Person, teilweise Ergebnisse von Veranstaltungen, die mich angefragt haben, denen ich aber nach eher schlechten Erfahrungen bei Zahlungsmoral und Betreuung abgesagt/nicht geantwortet habe. Ich mache halt mein Ding und schaue nicht mehr nach Links oder Rechts und denke mir: Es ist, wie es ist. Sollen sie. Das ist um so leichter, wenn man aus Berlin, Hamburg, München und Düsseldorf zugetragen bekommt, wie diese Leute da leben.

Ich hoffe aber sehr, dass Dinge wie die Enquette-Komission des Bundestages, wo für die CDU eine unvorstellbare - anders kann ich das nicht beschreiben - Nicole Simon rumhängt, oder die Neuauflage des Internetbeirats der SPD mit typischen Figuren der Blogseilschaften reine Alibiveranstaltungen sind. Ich denke, dass man wenn überhaupt weder Piraten noch die Trittbrettfahrer der Etablierten braucht, sondern im Prinzip genau das, was sich auch sonst bewährt hat: Eine APO ohne die Möglichkeit, sich vereinnahmen zu lassen. Kritische Leute, die auch dann noch kritisch bleiben, wenn man ihnen einen Fressnapf hinstellt. Genau daran haben die bekannten deutschen Blogger und ihr Umfeld ziemlich übel versagt.

Ich denke, es ist wichtig, etwas zu tun, aber ich habe mir zu Recherchezwecken nochmal die Hysterie zum Thema Grundeinkommen angeschaut, die vor einiger Zeit in eine Petition mündete: Ich habe meine argen Zweifel, dass solche Konstrukte mitsamt dem Ignorieren von Kritik irgendwie besser sind. Es ist sehr bezeichnend, dass die spannenden Stimmen zum Thema Finanzkrise durch die Bank gerade nicht von jenen kamen, die im allgemeinen System derr deutschen Bloggerei drin sind. Und es ist bezeichnend, dass der typische Mainstream der webaffinenen Popkulturlutschblogger sich in all den Jahren technisch nur weiter radikalisiert hat. Nichts ist gekommen, wie man es 2003/4 dachte, man war schon damals eine Avantgarde ohne Nachrücker, aber vielleicht mit Chance auf eine Opeltestfahrt.



Die Möglichkeiten und Utopien haben sich von der gelebten Realität der RSS-Feeds und Bookmarkservices wegbewegt, man ist mitgegangen, man wurde zu einer twitternden Aufmerksamkeitsfreakshow, und die Panik, mit der um Schulterklopfen und Bestätigung gebrüllt wird, ist wirklich erstaunlich - übertroffen nur von der Suche nach Leuten, die bereit sind, einem etwas dafür zu zahlen. Dafür biegt man sich dann aber auch gerne, soweit eben nötig, zu den Parteien, zu den Öffentlich-Rechtlichen, zu den Werbern, zur den Holzmedien - selbst wenn man sie innerlich verachtet und meint, die Zukunft in Händen zu halten, während alle anderen die dummen Besitzstandswahrer sind, die vom Internet weggefegt werden. Und mit regulärer Arbeit macht man sich dort ohnehin nur lächerlich.

Es gibt so etwas wie eine natürliche Entwicklung zum Internet und den Menschen darin; man entdeckt es und sieht die Möglichkeiten, und so kommen schnell neue Bekannte dazu. Und dann gibt es eben zwei Optionen: Entweder man kennt bald nur noch Leute aus dem Netz, bis sich eine gewisse Sättigung auf sehr hohem Niveau einstellt. Oder aber es ist eine Wellenbewegung, bis man persönliche Fehlentscheidungen rückgängig gemacht hat, und sich zwischen zwei online und offline verorteten Kreisen bewegt. In meinen Augen sind die digitalen Kreise übler als ein bayerisches Kaff, weil sie nicht nur so borniert und ideologisch gleichgeschaltet sind, sondern auch Insturmente haben, um das im Reden durchzusetzen. Im Kaff konnte man wenigstens noch tuscheln, aber es gibt so gut wie keine öffentlich gemachten Erkenntnisse über die diversen Fehlleistungen der Meinungsführer, alle halten brav den Mund, weil sie wissen, dass nichts Besseres da ist, und zu viele Freunde sehen das genauso, da kann man jetzt gerade nichts sagen.

Gestern wurde ich gefragt, wann ich mal wieder nach Berlin fahre, und tatsächlich sollte ich nach 2 Jahren vielleicht mal wieder ein paar Dirt Pictures machen. Man hätte mir angeboten, dort in einer Jury mitzureden und öffentlich zu diskutieren, aber ich bin dann doch froh, es nicht getan zu haben. Vielleicht kann sich das mancher gar nicht vorstellen, wie ich das so aushalte, ohne die Anerkennung der Leute, die wichtig sind, aber als etwas, das man Abweichlern vorwerfen kann: Aber danke, mir geht es gut.

(Die erste Wortmeldung auf Google Buzz war übrigens so ein Berliner mit Link zu einer Sammlung körperlicher Modifikationen im verlängerten Rückenbereich. Als solches würde ich diese Kreise auch betrachten wollen. Aber kein Land und kein politischer Prozess braucht so etwas, und ich auch nicht.)

Dienstag, 30. März 2010, 23:39, von donalphons | |comment

 
Auf Ihren nächsten Bericht aus Schwanzlurch-City bin ich schon sehr gespannt und danke vorab für Ihre Opferbereitschaft.

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Kommen Sie in 10 Jahren nochmal vorbei, dann vielleicht.

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Gerne. Stelle mir das ganze in etwa wie eine Mission à la Snake Plissken ("Die Klapperschlange") vor.

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mit Sascha Mohawk als "Duke "

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Beruflich (nein, weder irgendwas mit Medien noch netaffin) war ich vor 5, 6 Jahren gezwungen, ein- bis zweimal monatlich mich tageweise in diesem Ort mit dickem B und dann lange nichts, aufzuhalten.
Ging es nur mir so, oder war damals schon der Verfall und der Gestank so penetrant? Ich war jedenfalls froh, wenn ich diese unangenehme, auf moorigem brackigem Etwas gebaute Ansiedlung wieder verlassen durfte.
Wenn ich die Ergüsse so mancher Alpha-, Beta- und Omegablogger aus Internethausen mal zufällig anlese, bin ich aber überzeugt, dass das gasige Kanalisationsgemülme denen auf direktem Weg zu Kopf steigt und deren geistige Diarrhoe, wenn nicht entschuldigt, aber doch einigermassen erklärlich macht.

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Das "Biegen" setzt ja voraus, überhaupt eine Haltung (gehabt) zu haben. Wenn die nur aus einem zusammengeklaubten Sammelsurium von "Modernitäten" besteht, die durch das Mantra "Netzkultur" mehr schlecht als recht zusammengehalten werden und Gadgets als Gebetsmühlen dienen, dann ist das zuwenig, um einen Anspruch auf die Mitwirkung an gesellschaftlichen Veränderungen zu begründen. Folgerichtig landen die dann in Enquette-Komissionen und Beiräten, wo sie schmückendes Beiwerk sind, nicht stören und bestenfalls die Zukunftsfähigkeit der Entscheider zeigen sollen.

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Wozu noch Haltung oder gar Rückgrat,
dafür haben wir doch jetzt eine Art Exoskelett:

Dienste wie Twitter sind nicht nur ein Triumph der Technologie, sie sind ein Triumph der Menschheit! Informationen über Leute, Orte und wichtige Ereignisse sind jetzt sofort verfügbar, und zwar wann immer wir sie brauchen. Das hilft uns auch, zu erkennen, dass wir Weltbürger sind. Wir werden damit bessere Menschen.

So bläst Ober-Twitteur Biz Stone gegenüber Zeit Online in die Posaune. Und mir kommt grad das Weihnachtsgebäck wieder hoch. Also ob man von dem pathetischen Erweckungsgetröte nicht schon zu New-Economy-Zeiten genug gehört hätte.

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NE galore: Freunde aus Europa haben mir das einmal so erklärt, dass bei uns in den USA Unternehmer als Helden gelten.

Google view ist dann wohl die Überwindung der Fremdenfeindlichkeit und Facebook der zu einer friedlichen Weltgemeinschaft. Live long and prosper.

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Popcorn
Das radio-Interviwe am Ende (klassisches Medium ...) ist meiner Meinung nach wirklich gut:

http://blog.fefe.de/?ts=b54cbe23

GvH

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Langsam wird es religiös, inkl. Heiligenschein:

undeshatxinggemacht.xing.com/mein-moment/moment/231708724babb44faf14e676018674

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Oder esoterisch, wenn man mal in die FAZ schaut und die neuesten schiziode Einlassung von Michael Seemann liest. Es ist ja nicht so, dass ich da mit allem einverstanden wäre, was da sonst steht, aber mir ist ein konservativer Kommentator imm er noch näher als Durchgeknallt2.0.

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Don, du hast ja nur Angst, dass es möglich wird, das hässliche Berlin mit allen Gebäuden und Sachen durch "Layer" in Form des Tegernsees und Meran zu ersetzen.

Für mich klingt das alles nach kindlichem Gemüt. Wäre was für die Jugendseite der FAZ, wenn es eine gäbe. FAZ-Jugendblog für Kinder und die es bleiben wollen.

Ich kann das nicht ernstnehmen.

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Naja, sollte sowas wie ein Grundeinkommen kommen, dann werden wir Heerscharen von Asozialen haben, die sich den Wanst mit Billigdöner vollfressen und sich kaputtlachen über Idioten, die für sie arbeiten, während sie den selbstgemachten Ideologiedreck zu Arbeit erklären. Ernst nehmen den Scheiss doch nur Seemann und seine verlinkten Kumpels.

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@don:
Das seh ich bisschen anders. Auf den BGE-Zug sind die gewissen Kreise nach meiner Beobachtung erst relativ spät aufgesprungen. Und für mich ist die Idee dahinter nicht unbedingt von vorn herein dadurch diskreditiert, dass sie nun auch verstärkt von ein paar Leuten propagiert wird, die zum Teil etwas andere Vorstellungen vom Leben haben als ich.

Wenn man mal genauer hinschaut wird man auch im jetzigen System genügend Transferleistungsschnorrer finden (nur sind die vielleicht im Internet nicht ganz so präsent). Ich habe dabei eher die wirklich Marginalisierten im Auge, die mit dem Amt um jedes bisschen menschenüwrdiges Leben zackern müssen. Wiegen deren Belange nicht schwerer als der Nebeneffekt, dass sich womöglich auch ein paar Heudeus und Hauptstadt-Hipster ein lockereres Leben machen?

Ich weiß es nicht, meine Meinungsbildung dazu ist noch nicht abgeschlossen.

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Es wurde schon genug in dieses Pack investiert. Ich habe kein Problem damit, wenn einer studiert und dann beschliesst, vom Geld seiner Eltern zu leben, aber wenn danach noch die Gesellschaft für leute aufkommen soll, die mit diesem Wissen andere auslachen, die arbeiten wollen, muss man sie eben konsequent daran hindern. Allein schon, damit sie kein Rollenmodell für andere abgeben.

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Irene, was weisst denn Du? Blöd behaupten über andere kann ich auch - also halt einfach mal die Klappe, statt hier nur mit Unterstellungen zu arbeiten.

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grundeinkommen ist toll für alle ausgebeuteten geringverdiener, aber auch für alle faulpelze, das stimmt schon. gerecht ist demnach was anderes. stopf den leuten das geld ins maul, dann rennen die meisten zu blödiamarkt, um sich anschließend per fernbedienung weiter abzustumpfen. oder alternativ zu ikea, um den nestbautrieb zu befriedigen.

das entscheidende in der lohnfrage ist m.e. angemessenheit. dafür müsste es verbindliche kriterien geben, deren auslegung streng kontrolliert wird. (als idealistische jugendliche habe ich für sowas immer gesetzesentwürfe aufgeschrieben, erinnere ich mich.) etwas derartiges auf die beine zu stellen wäre natürlich eine aufgabe von jahrzehnten. aber wenn wir neuerdings schon den urknall simulieren können, sollte doch auch sowas möglich sind.

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[Hysterische Irene "saugt seit 2003" jetzt endlich mal gelöscht.]

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