Real Life 01.10.05 - Eine Liebe Swanns

Was ist das, will die Elitesse wissen, und du schluckst gerade noch die Antwort "Das nennt man in gebildeten Kreisen ein Buch" runter. "Das, was Harry Potter vor der Verfilmung war" wäre auch gegangen. Auf dem Deckel steht es ganz deutlich, Proust, Eine Liebe Swanns. Man könnte sagen, dass die Stimmung schon mal besser war. Die Luft ist voller Zickigkeiten und einem Mangel an Gelegenheiten, das irgendwie rauszulassen. No Sex, please, just conversation. Auf neutralem Boden, im Café. Immerhin wurde es nicht die Havanna Bar.

Das ist das Wunder an solchen Abenden; irgendwann zerfällt die Spannung und das lange Grübeln, was man mit der überhaupt reden soll, löst sich in wirklich angenehmen Smalltalk auf. Die Leiden des Praktikums, die Streitereien mit den alten Säcken, die Arbeitsüberlastung nine 2 ten, all das wird zu einem munteren Plätschern durch Stunden, die so gar nicht vorgesehen waren; sie antwortet wochenlang nicht auf Mails, hält keine Zusage ein, und dann steht sie plötzlich vor der Tür in der Erwartung, dass man sie unterhält, ganz gleich wie rabenschwarz die Stimmung ist.

Sie saugt an einem roten Strohhalm, bedächtig, ganz langsam, du lächelst sie an, wie es nun mal so Sitte ist, sie konzentriert sich stillganz auf das Saugen, und deshalb kommt das Interview wieder hoch, in dem sich der alte Mann heute nachmittag verplappert hat, kein Wunder nach den Rechtstreitigkeiten mit seiner scheinbar übermächtigen Konkurrenz. Er ist zu tief in deren Strukturen eingestiegen, er kennt die Tricks und er weiss, was für diese Leute das Heer der chancenlosen jungen Mädchen aus dem Ostblock bedeutet, auf die sie dank ihrer Netzwerke durchgreifen können. Leute, die sich nicht nach unseren Vorstellungen verhalten, nennt das der oberste Sicherheitsmann in seinem Büro, 13 Stockwerke über der Spree.

Es ist nicht so, dass es unbekannt wäre, gemunkelt wird viel, und es ist nicht verboten, Clubs aufzumachen und eine Provision zu kassieren, wenn es klappt. Es ist legal, es ist sogar von der Arbeitsagentur für gut befunden. In Berlin kostet es angeblich zwei Drinks oder 20 Euro, sagen gut informierte Quellen; da, wo der Mann seine Geschäfte betreibt, ist weniger Angebot an solchen Abendgestaltungen, also könnte es teurer sein. Du kennst den Namen von früher, der Mann gilt als Wohltäter in seiner Welt, er gibt ihren Vätern kleine Jobs, die Mädchen, wie eine deiner Bekannten machen dann auch mal was, vielleicht eine Übersetzung, eine Tour nach Osten. Danach der Spass mit dem Arbeitgeber in den Discos, in denen sie sich sonst nicht mal ein Glas Wasser leisten könnten von der Sozialhilfe, und dann gleiten sie ab. Manche haben es wenigstens geschafft, sich bis zum Abi durchzuboxen. Du hörst diese Geschichte im Interview nochmal, du weisst, dass er dich nicht anlügt, und den Rest des Tages suchst du die verdammte Nummer von ihr, um zu hören, dass es ihr gut geht und sie nach den zwei Jahren Funkstille bitte bitte irgendwas studiert und nebenbei in einer Videothek jobt, aber bitte nicht das, nicht diese dreckige Seite der sogenannten Intergrationspolitik, die jeder Bildleser kennt und keine Ahnung hat, was da im Hintergrund den Bach runtergeht. Kein Drama für die Kriminalstatistik dieses Landes, alles legal, und selbst, wenn fragen könntest und es wäre so schlimm, wie es sich anfühlt - dann wäre es nur ein Stück Dreck im Kampf zweier alter Männer, ein Argument in einer Frage, die die Gerichte schon entschieden haben. Ohne dass es etwas mit der russischen Clubszene zu tun gehabt hätte.

Du hast sie natürlich nicht erreicht, und jetzt sitzt du da und denkst daran, ob sie nicht vielleicht auch gerade an so an einem Stohhalm die Lippen spitzt, nur im völlig falschen Kontext. Dann setzt der Wortschwall wieder ein, die hinterhältige Vorstandsassistentin, im Hintergrund baut sich wieder das Stimmengewirr zufriedener Jungspiesser auf, jemand ruft zu laut nach dem Kellner. Vielleicht bist du nur paranoid, vielleicht sind es die Bilder im Kopf von der polnischen Grenze, die Erinnerung an das Essen mit dem Clubbesitzer vor 4 Jahren in einem völlig leeren Restaurant, nur er, du und seine vier Freunde, seine Tips, dass ich doch was nach seinem Willen schreiben könnte, und ob ich nicht bleiben wollte, am Abend könnten wir in seine neu eröffnete Disco, das alles hast du damals abgetan, es war ein Lacher in der Redaktion, diese Westentaschenmafiosi, aber jetzt ist es präsenter denn je, das alles wird zu einem klebrigen Cocktail, den du nicht runterkriegst, obwohl es deine verdammte Pflicht als Gatekeeper ist. Down in Gaza ist es schlimmer, das hier ist noch nicht mal Busbahnhof Tel Aviv, es ist noch nicht mal so übel wie in Frankfurt, wo man dir mal die Mädchen hinter den Mülltonnen mit dem Besteck gezeigt hat, aber da ist die nagende Angst, dass es irgendwo in einem seiner Clubs vielleicht kein anonymes Leben in einem billigen Kleid ist.

Die Elitesse trägt einen hellen, dicken Zopfpulli, als käme sie frisch vom Segeln oder Strandspaziergang, unendlich weit entfernt von all den Niederungen. Ihr Clan hat die andere Seite nur Sekunden beim Zappen in RTLII gesehen, ansonsten existiert das in ihrer netten, angenehmen Welt nicht. Der Abend wird nicht sehr lang, und das leichte Schwanken, die feine Unsicherheit beim Abschied bleibt gänzlich unbeachtet. Es ist eine Nacht für Proust, bestenfalls.

Samstag, 1. Oktober 2005, 05:50, von donalphons | |comment

 
"Dire que j’ai gâché des années de ma vie, que j’ai voulu mourir, que j’ai eu mon plus grand amour, pour une femme qui ne me plaisait pas, qui n’était pas mon genre !"

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Inzwischen vermelden intensivere Suchabfragen bei Google und ein mangelnder Sinn für Datenschutz eine gewisse Entwarnung...

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Oh, Ähnliches kenne ich auch. Wobei das nicht immer russische Connections sein müssen. Ich sage nur Ben Badir....

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Das sind auch keine Russen mehr, das sind je nach Bedarf Russlanddeutsche oder Kontingentflüchtlinge oder alles zusammen. Dann übernehmen sie irgendwelche Organisationen, gründen selber welche, machen sich an Parteien ran... die CDU Berlin ist gerade dabei, eine Organisation zu unterstützen, deren Hintermänner in den 70ern als "Dissidenten" hier ankamen und inzwischen recht grosse Nummern sind. Heftig, das alles.

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Am Heftigsten sind die angeblichen jüdischen Kontingentflüchtlinge, die ethnische Russen sind, aber von echten Rabbis gegen Cash jüdische Abstammungsurkunden ausgestellt bekommen haben, übergangsweise in Flüchtlingswohnheimen logieren, aber im Schließfach 60 000 Euro in bar haben, einerseits jüdische Gemeinden unterwandern und andererseits Spielsalonketten, Bars und Feinschmeckerrestaurants übernehmen oder Sextourismusreisebüros gründen. Aber die seltsamen sizilianisch-libanesischen Schnittstellenverbindungen sind auch nicht netter. Und mittendrin: Immer gut geschmierte deutsche Beamte.

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In Köln gab es mal den Fall der Mama eines der neuzugezogenen Sofort-S-Klassefahrers, die an Pessach in die Synagoge genötigt wurde und sich beim Betreten bekreuzigte. Kein Witz. Nicht umsonst klaffen die Zahlen der Innenminister und des Zentralrats um schmucke 50-80.000 auseinander. Sprich, irgendwo sind da Leute abhanden gekommen. Bei weitem nicht alle in miesen Branchen, aber jeder von denen ist einer zu viel.

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Und für die jüdische Mutter aus Poltawa, die ihren Sohn mitnehmen wollte, und auf dessen Ticket und mit dessen Pass reiste ein wildfremder Mann aus Charkow, der heute wahrscheinlich Zuhälter in Hannover ist, dafür müsste es auch noch einen Final Strike geben, gäbe es so etwas wie Gerechtigkeit.

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... die bordkapelle spielt, der steward serviert den scotch mit eis, und meint auf das brr! der gute pure malt! - ist vom eisberg steuerbords, so nahe kam der. da war noch der schalg, der durchs ganze schiff ging und das sonderbare ratschende geräusch geräusch vorher, und irgendwie ist jetzt der boden etwas schräger als vorher und es rauscht auch so sonderbar, aber das ist nicht dein erster schnaps, weiss gott nicht. die bordkapelle spielt immer weiter, der scotch schmeckt mit eis - frisch vom eisberg, haha, auch nicht schlecht. gleich noch einen bestellen, wenn der steward vorbeikommt...

oder andersrum: was ist denn mit unserer intelligenzia, ach blödsinn, das, was da von den universitäten kommt, die ganzen gesellschaftswissenschaftler mitsamt den betriebswirten und juristen, die jobs wollen, und schnell merken: scheisse, der öffentliche dienst ist zu, beim bund nehmen sie auch nicht mehr jeden, wirtschaft, pfuiteufel, ist zu, die haben genug damit zu tun, mitarbeiterkinder und kundenkinder einzustellen, medien sind zu, wenn man nicht gratis abeitet und sich am abend pimpern lässt. ohne beziehungen geht gar nichts mehr, und ausserdem drängen da die ganzen ossis rein, dazu die aus- um und übersiedler, dazu die kontingentsflüchtlinge, und wenn es nach güntergrass ginge, könnten wir mit den erniedrigten und beleidigten der ganzen welt konkurrieren, klar, der nobelpreisdarsteller hat sein schäfchen im trockenen, seine brut ist von beruf kind, aber wir, uns arscht es an!

ja also glaubt hier einer im ernst, dass diese ganzen leute weiter bei attac mitlaufen? ein paar immer, die waren schon vorher dabei, und hoffen auch da auf etwas vitamin b, jetzt, wo ja die wasg, vielleicht ist es dort auch ganz lustig, war bei den grünen nicht anders, was wurde da nicht alles gutachter, aber all die andern?

könnten die auf einmal nicht woanders mitmachen, bei leuten, gegen die nockherberger und die taktischen fdp-mitglieder und bei-emma s.-für-angela-merkel-muss-bundekanzlerin-sein - unterschreiber harmlose bürschchen sind, ausser die kriegen noch die kurve und üben jetzt erst für kommende kampagnen.

wenn der wind rauher wird, und das, was sich heute für den neuen mittelstand hält, so die leute die früher grün gewählt haben, und jetzt eben fdp, und vor allem deren kinder, merken, dass es ans eingemachte geht, mit der perspektive hartz V - VIII und ein-euro-job bis zur mindestrente, dann wird bei denen ganz schnell schluss mit lustig und liberal und weltoffen sein. für die organisierten arbeiter und angestellten stellt sich jertzt die WASG mit der PDS auf, auch das eine gruppierung, die bislang auf die wahrung ihrer vorrechte vertraute.

wenn diese leute dann noch mitkriegen, was sonst noch so abgeht bei denen, die aus der gus kommend, nunmehr auf volksdeutsch oder auf mosaisches bekenntnis machen, dann wird auch an der ecke schluss mit du-bist-deutschland bzw. brüderlich sein. letzteres muss übrigens kein widerspruch zu einem entschiedenen pro-israel sein, niemand hat etwas gegen juden im allgemeinen und in israel im besonderen.

wie war das damals im kaiserreich? die schärfsten antisemiten was der wissenschaftliche nachwuchs, all die assistenten, die profs werden wollten, und die wussten oder mindestens ahnten, die juden sind besser, weil, wer es von denen bis an die uni geschafft hat, musste deutlich besser und zäher sein als jeder andere.

wie war das damals beim kasermandl, verzeihung, dem haiderlein? der hatte seinen markt analysiert und die alten nazis und die neuen proporzverlierer, sprich landwirte und facharbeiter bei der verstaatlichten industrie als seine klientel entdeckt und hofiert und selber ganz gut dabei gelebt; gegen postenschieberei wettern, und selber am schamlosesten von allen abzocken und schieben, kann noch zum business-modell werden, das. herr koch in hessen hat das wohl auch begriffen.

wenn also irgendwelche marketing- und kommunikationsexperten marktforschung treiben würden, könnten sie darauf kommen, dass das segment besitzstandwahrung durch abgrenzung ("arbeit für deutsche" plakatierte die npd hier in der umgegend, die plakate vermutlich in polen oder gleich in der ukraine gedruckt, da ist es billiger, das ist für die proleten neufünflands deutlich genug, für die studierten bzw. den intellektuellen erfahrungshorizont muss die aussage textlich etwas verfeinert werden; steuern runter! von der f.d.p. war doch nicht schlecht, und sonderbar, keiner hätte deren claims als populistisch bezeichnet; so soll es sein!) bislang sehr unzureichend besetzt ist. mal sehen, wenn sich die ersten dran machen, diesen markt zu durchdringen.

@ don: dran bleiben.

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Diese "Besitzstandswahrung" ist doch oft nur die Wahrung des Besitzstandes der Eltern. Man hat 25-30 Jahre auskömmlich im Elternhaus gelebt, mit Wäscheservice und Auto vor der Tür. Irgendwann, nach Eintritt in die Frührente, wollen die Eltern ihren Besitz selber verprassen und meinen nach dem Diplom sollte der Nachwuchs doch auf eigenen Füssen stehen. Oder wegen eines Jobs ist ein Umzug angesagt. Der rauhe Wind der Realität trifft dann ziemlich ungeschützt und innerhalb kurzer Zeit wird klar, dass mit Praktikantenstellen, befristeten Verträgen und freiberuflicher Ausbeutung kein Besitz in überschaubarer Zeit anzuhäufen ist.

Die frustrierte "Millenium"-Generation ist sicher eine interessante Zielgruppe, an der sich aber alle Parteien die Zähne ausbeissen. Realistisch genug, um den Versprechungen sozialer Wohltaten nicht zu glauben, zu kosmopolitisch um ein "Grenzen zu" zu akzeptieren, traditionelle Werte wurden nie erlernt oder werden als nicht-marktfähig zu den Akten gelegt, "Steuern runter" impliziert, dass man Steuern zahlt und "Vorfahrt für Arbeit" hebt auch nicht die Stimmung, da bei der "Spass-Generation" Arbeit keinen guten Klang hat. Projekte machen, was bewegen, seinen "Job" machen, Spass haben, Leben - Arbeit ist was für die Leute am Fliessband beim Daimler, von denen die Eltern immer gesagt haben: Wenn die was studierst, dann musst du nicht da arbeiten.

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@ strappato

ich kann also noch einen pure malt beim steward bestellen und der band zuhören, der eisberg steuerbord kann dem schiff nicht gefährlich werden. ist mir auch lieber so.

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Neben der paar schwarzen Schafe gibt es bei denen auch viele leute, die einen unheimlichen "Biss" haben. Msn muss nur mal die Kinder beim Schachspielen beobachten. Oder beim Medienkonsum (ich streiche jetzt mal die Erinnerung an die jungen Doom-Ukrainer, die eine gewisse Gemeinde dazu brachte, einen Spielecomputer und eine extra fette Leitung zu beschaffen , "weil das Internet sonst nicht geht"). Ich war sicher nicht unbelesen als Teenager, aber was die alles schon gelesen haben, erfüllt alle Ansprüche, die man hierzulande irgendwnn in den 50ern aufgegeben hat.

keine Verallgemeinerung. Aber es gibt welche, die werden bei allen Sprachproblemen am Ende ihres Studiums in einer Position sein, die ihre Komilitonen mit den jaguarfahrenden Daddies als aussehen lässt.

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Klar müssen auch Führungspositionen besetzt werden. Die Hürden liegen hoch, das sehe ich auch, wenn sich bei und Praktikanten bewerben. So ein Lebenslauf hätte vor 10 Jahren noch in die von den Konzernen besonders bemutterte Gruppe der Berufsanfänger mit aussergewöhnlichem Potential gelangt. Nun langt es nicht mehr, sein Studium phasenweise an renomierten Universitäten im Ausland absolviert zu haben, Fremdsprachen wirklich verhandlungssicher zu können, Praktika auf allen 5 Kontinenten gemacht oder ein paar interessante Projekte schon als Student selber zum Erfolg geführt zu haben. Dazu: Der Arbeitsmarkt ist offen, Englisch ist Konzernsprache in Unternehmen. Die Unternehmen bekommen fast ganausoviele Bewerbungen von ausländischen Absolventen, wie von deutschen.

Das sagt man den Studenten natürlich nicht, die Dozenten haben ja auch keine Ahnung. Sonst wäre es auch nicht so ruhig an den Hochschulen.

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Doch, ich sage ihnen das. Deshalb mögen die mich nicht besonders. Wer wird schon gern Sachbearbeiter, wenn er sich als Vorstand sieht. Middle Management is doomed.

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