: : : denn sie wissen nicht was sie tun sollen : : :

Dienstag, 18. Oktober 2005

He Du.

In genau 24 Stunden solltest Du in die Dusche verschwinden, den Körper reinigen und mit halbwegs ordentlicher Kleidung verschönern, und dann in Richtung Mitte tingeln. Genauer, in das "Lass uns Freunde bleiben", eine famose Bar in der Choriner Strasse 12, die südliche Parallelstrasse zur Kastanienallee. Denn ab 20 Uhr ist diese Bar im hinteren Raum noch famoser. Denn dann lesen Modeste, das Wort "lochimkopf" schnittchen, Beyond und Burnston, beide Dönner, also Don Dahlmann und ich werden auch in persona anwesendsein, Don wortreich einführend, ich technisch ausführend. Danach kannst Du auch noch gesellig zusammen sein, mit feinsten Bloggern aus Deiner Umgebung. Also, ab in die Dusche in 24 Stunden.

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Real Life 17.10.05 - Sie ruft an.

Für ein paar Momente verschwinden die Kronleuchter, die Kommoden und die Vitrinen voller Geschirr. All die willkürlich zusammengeraffte Pracht, die Herrlichkerit vergangener besserer Familien ist ausgelöscht durch ein paar freundliche Worte. Um dich herum wuselt der Besitzer, der schon mal langsam dicht macht, kein guter Tag heute. Du stehst im Weg, aber es ist egal, auch wenn das verhärmte Mädchen mit der Aura des jungen Merkel an der Bücherkiste von der Störung offensichtlich nicht begeistert ist. Sie holt sich ihren Trost und Zuspruch wohl nur aus Büchern, und ihre Vorstellung der Frau an der anderen Ende der Leitung dürfte angesichts deiner Wortwahl nicht wirklich positiv ausfallen. Immer nur über Klamotten reden und sich sagen lassen, dass sie alle lieben, verzogenes teures Luxusbalg wird sie sich denken, und damit liegt sie zum Glück nicht ganz falsch, aber auch voll daneben. Sie denkt auch, dass dir alle inneren Werte, die sie verkörpert, egal sind, und auch das ist so falsch nicht. Du lächelst sie kurz an, und sie schaut weg.

Dann, viel zu früh und ohne konkrete Versprechungen, klingt es im Unbestimmten aus, und langsam kommt die Berliner Realität in dein Bewusstsein zurück. Eine Realität, die diesmal nur wenig zu bieten hatte. Es ist kaum Angebot nachgewachsen, hier und da eine Petitesse, aber selbst das Mittelmass ist rar geworden. Und das, weshalb du eigentlich gekommen bist, gibt es nicht. Statt dessen blieben drei Türen zu früheren Quellen verschlossen - für immer. Die Händler jammern laut und viel über den Niedergang ihres Standes; es scheint, dass Berlin bald ausgeblutet ist.

Nochmal gehst du durch den langen Schlauch der Räume voll mit wenig ansprechenden Historismusschnörkeln und ramponierten Stilmöbeln bedauerst schon fast, dass du vorher nicht das Hutschenreuther genommen hast, um wenigstens irgendetwas erworben zu haben. Diesmal scheint dir nichts, keine Freude vergönnt zu sein, zwei von vier Tagen waren ein Totalverlust, abgesehen von dem Telefonat gerade eben, und das ist auch vorbei.



Gut, das englische Silberservice, das war passabel, aber einerseits musst du hier ja aus irgendwas trinken, und andererseits kann man nicht von dir erwarten, dass du den Tee aus einer Thermoskanne trinkst. Die Bekannte, bei der du bist, hat nun mal leider keinen Sinn für Tee und die unverzichtbaren Behältnisse. Insofern steht das Service auf einer Stufe mit einer im Urlaub gekauften Zahnbürste. Oder ein wenig drunter, denn zu Teekanne, Zucker und Milch musstest du auch noch die Kaffeekanne nehmen, und was bitte willst du mit einer Kaffeekanne? Vielleicht ab und an den Kakao im Winter, oder Wasser für die heisse Zitrone; ein Stilbruch bleibt es allemal. Stellen wir also fest: Bisherige Ausbeute ein unperfektes Gebrauchsgerät, genau betrachtet.

Und während sich deine Stimmung zunehmend verschlechtert, machst du dich daran, den Laden zu verlassen. Du gehst an der Stelle vorbei, an der gerade noch ihr Lachen in deinem Ohr erklang - und da steht er. Hast du doch glatt was übersehen, vor lauter Hobeln des Süssholzbaumes. Völlig verdreckt, sicher lange Zeit wenig sorgsam behandelt, steht da ein englischer achteckiger Teatable aus Mahagoni. Mit angehobenen Kanten, was wunderbar praktisch auch für den letzten Hoghel - bayerisch für Vollproll - ist. Denn die Kanten verhindern, dass man die Unterarme auf den Tisch knallt, sie zwingen, Hände und Arme in graziösem Spiel über dem Tisch zu führen. An dieser Sorte Teatable kann man gar keine falsche Haltung einnehmen, oder man bekommt mehr blaue Flecken an den Armen als nach einer Nacht mit Villons fetter Margot.

Der Tisch hat einen geschnizten, dreibeinigen Balusterfuss, und die Beine laufen in zoomorphen Enden aus. Du rubbelst am Dreck und den Teeflecken auf der Platte, in einem der geschnitzten Öffnungen der Kante steckt noch etwas Weisses, du piekst rein, und eine kleine, runde Pille fällt heraus. Der Händler hat dein Interesse bemerkt und erklärt dir, dass die Vorbesitzerin jetzt keine Pillen mehr braucht, ihre Erben zerschlagen gerade den Grunewalder Haushalt, da kommt auch noch mehr, wenn er es sich denn leisten kann, denn billig ist das nicht - und er nennt einen Preis, der völlig überzogen ist und an Dreistigkeit nur noch von deinem Angebot übertroffen wird. Ihr einigt euch auf eine "Alter Habibi wir kennen uns schon so lang"- Summe knapp über dem, was besserer Ikeamüll kostet, und damit erhält der Tisch einen neuen Besitzer, der ab-so-lut keine Ahnung hat, wo er den noch hinstellen soll.



Aus einer Laune heraus beendest du damit den Raubzug und gehst, weil du dort noch nie warst, auf den alten Kreuzberger Friedhof. Über den Hügel hinweg verläuft eine Mauer, an der die Repräsentationssucht der Berliner Wurst- und Bierfabrikanten ein letztes Mal fröhliche Urstände feierte. Für teures Geld gekauft, gebaut, eine Weile benutzt und dann verkommen lassen. Niemand kümmert sich um stürzende Steine oder durchgerostete Eisengitter. Betrauert und beweint, steht bei einigen Namen, aber auch die Auftraggeber dieser Zeilen sind längst irgendwo da unten, und die Nachfolgenden haben keinerlei Interesse mahr an dem alten Plunder.

Du denkst an die alte Frau, der dieser unsagbar arrogante Teatable gehört hat, und daran, dass sie vielleicht verzweifelt versucht hat, den Erben diese Trümmer ihrer Existenz ans Herz zu legen. Aber man kann nichts an eine Stelle legen, an der nichts ist, und alle Versprechen wirkten nicht so sehr wie die lausigen 20 Euro, die sie dafür bekommen haben dürften. Vielleicht war sie eine dieser nervösen alteren Personen, die tags auf 10 Thommies und nachts auf 5 Schlaftabletten laufen und genaugenommen nicht an Altersschwäche, sondern an Tablettensucht sterben, alleine und verbittert bei dem Gedanken, dass die Enkelin das Geld später auf Malle verjuxt.

Überall fallen Blätter. Du bist ganz allein auf dem riesigen Areal, mit vielen Toten, deren Geschichte keiner mehr kennt. Und du nimmst dir vor, dass du die erste Frau, die an dem Teatable Platz nehmen wird, und sei sie auch wildfremd, blond, dürr wie eine Nordlandtanne und Juristin, später auf den Seidenteppich ziehen wirst. Für dein Leben, für deine Geschichte, für die Lust und das Leben. Und in dem Zusammenhang war es doch gut, diese ideale, imposante Teekanne zu kaufen. Oder glaubt jemand ernsthaft, dass Beuteltee aus dem Keramikeimer auf Frauen anregend wirkt?

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